„Eine sizilische Reise“ und ein Satz, bei dem ich in die Spaltung der Cephalopodin blickte: Das machte meinen Tag

So übersetze ich diese englische Wendung „You just made my day“ recht freizügig. Ich liebe die Freizügigkeiten an jenen Tagen wie diesen, die man die zwischen den Jahren nennt. Das klingt ruhig und nach Frieden. „Zwischen den Jahren“ erweckt den Eindruck von Besinnlichkeit – als sei die Zeit stillgestellt. Wenn etwas stillsteht, dann ist es der reinen, der kontemplativen Betrachtung geöffnet und dann schlägt das Herz des Melancholikers, dessen, der in der Stille die Confessiones des Herzens ablegt und in die Dinge lauscht sowie die Confessiones als Text zu lesen versteht, höher. Ich liege im Bett. Ich lese, zuweilen schweifen die Gedanken ab. Es dann schweigt der Text, die Gedanken gehen dahin, daß ich dieses Zimmer vielleicht mit Styropor oder mit Kork verschalen müßte, damit die Geräusche der Welt um einiges gedämpfter an mich dringen. Ich lese Alban Nikolai Herbsts „Eine sizilische Reise“, und wie es bei dieser Lektüre hinein auch in die Welt des Krimis, des Mythos, der Fiktionen und der Realitäten, des Spiels zwischen einem Traum und einer realen Welt geht, so geschieht im Kopf des Lesers ein eigentümliches Umswitchen: Es wechselt der Blick durch den Text hindurch die Richtung, läßt sich von ihm affizieren, womöglich gar infizieren, so daß die Aspekte verschwimmen – eine sanfte Schwäche, die sich breitmacht in den Beinen oder kündigt sich hier bereits der Virus an? – und es steckt dieses Flirren der südlichen Sonne Siziliens durchaus auch den Kopf des Lesers an, wenngleich es draußen in Berlin deutlich kälter sein mag als unter der Sonne des Mittelmeers: „Heimkehr nach Tipasa“ oder die „Hochzeit des Lichts“ erwarte ich an diesem Bett-Ort, inmitten dieser grauen Stadt nun gerade nicht. So trägt mich der Text fort, und dann lese ich jenen Satz in jener Szene, als der Protagonist mit dem Holländer zusammen in einer Speisewirtschaft in Syrakus (Siracusa, sizilianisch, und darin schwingt der Begriff der Causa mit) einkehrt. Der Satz, der meinen Tag versüßte, ging so: „daß die weißen Unterseitenflossen von Polypen wie auseinandergefältete Schamlippen aussehen.“ Mein Blick gleitet ins Buch hinein und will sehen, was da ist.

Und während ich diese Sätze in den Computer schreibe, eilt sie unten auf dem gegenüberliegenden Gehweg vorbei: jene junge Frau mit den blonden langen Haaren, sie schaut auf das Display ihres Smartphones. Magischer Realismus und die geniale Koinzidenz. Da ist sie: die coincidentia oppositorum aufs weltliche Niveau bugsiert – Nikolaus Kardinal von Kues hätte es sich nicht träumen lassen: während ich liege und dann sitze und der Gedanke sich in der Erotik windet. Unbekleidetes Fleisch. Und im Blick nach innen, dem, was wir manchmal (und wenn es sich bloß anschauend verhält) Theorie oder auch die philosophische Introspektion nennen, entsteht – fast phänomenologisch gefaßt – das Strömen der Bilder, die Bilder, die wir dann wiederum in der Reflexion nehmen und einer Analyse zugänglich machen: „Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse!“ Sie ist eine Textwissenschaft, die sich den Assoziationen öffnet und sie liest. Phänomenologische Wesensschau und Nachmittag des Melancholikers im Grandhotel Abgrund. Schon lange ist die schöne blonde Frau meinem Blick entschwunden. Lange Haare, lange Beine. Ein wenig schaute sie aus wie die hübsche Alice Ahlers.

Die Frau, die ich liebe, ist weit weg. In einem anderen Land. Na ja, ich übertreibe: es ist nur ein anderes Bundesland. Es wären drei Stunden Autofahrt, um einander zu sehen. Ich nehme mir vom Teller ein Stück Marzipan aus der Manufaktur Cemilzade. Abends werde ich einen Weißen Cuveé aus dem Kloster Pforta trinken. Das besiegt die Viren. So sagt man.

Ach, wie sich aus einem einzigen Satz heraus die Funken der Phantasie entzünden können.

[Aufgeschrieben habe ich das in Berlin im Dezember 2013, 16:15 Uhr]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu „Eine sizilische Reise“ und ein Satz, bei dem ich in die Spaltung der Cephalopodin blickte: Das machte meinen Tag

  1. Aléa Torik schreibt:

    Syrakus = S-ira-cusa = scusa = Entschuldigung. Man entschuldigt sich, wirft also die Schuld über Bord, jedenfalls, wenn man auf dem fliegenden Holländer einschifft.

  2. FrauWunder schreibt:

    zwischenzeiten, zwischenräume, zwischennetze. die besten dinge im leben ereignen sich immer im zwischendrin, zwischendurch und zwischeneinander…

  3. Bersarin schreibt:

    Nein, man kann (sich) nicht entschuldigen, und die Schuld läßt sich nicht tilgen. Auch der Holländer scheitert am Ende seiner unendlichen Fahrt. Es bleibt aber die Theorie: Causa, die Frage nach den Ursachen und den Gründen, und das ist die Metaphysik, jene Wissenschaft, die nach den ersten Ursachen forscht(e). [Selbst dann noch, wenn nach den Gründen gar nicht mehr gefragt werden kann und die Wahrheit durchaus Gründe hat, ihre Gründe nicht mehr unter den Röcken, den Schleiern, den Verhüllungen sehen zu lassen , wie bereits Nietzsche in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ wußte. Nahe sind wir dann bei Freud und der Frage nach dem Fetisch, der jenen Spalt der Frau verdeckt.]

    Ja, das ist wohl wahr: es bleibt der Zwischenraum, die Faltung, die Spalte, der kleine Rest. Es gibt keine Schuld.

    Die Assoziationen machen die Lektüre dieser „Sizilischen Reise“ derartig spannend: es ist eine Jagd, bei der keiner weiß, ob Diana nun ihre Beute oder aber ob das Wild die Göttin reißt. „Entschuldigung“, sagt der Wolf, „ich wollte doch nur die Bisse in Ihre Kehle setzen! Oder waren es die Küsse?“

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