„Die Schöne und das Biest“ in Leipzig: Körperlust und Sexualisierung – von der Weiblichkeit als Blick-Ideal

Richard_Mueller_8266_korr Es gibt Ausstellungen, die sind in ihrer Anordnung durchaus gelungen, trotzdem ihre Exponate – nun ja, wie soll ich es sagen? – teils schwülstig, teils mißraten, teils verdinglicht sexualisierend sind. Die Ausstellung mit dem ein wenig reißerischen Titel  „Die Schöne und das Biest“ im architektonisch ausgesprochen reizvollen Museum der bildenden Künste in Leipzig zeigt uns Bilder von Richard Müller, Mel Ramos und Wolfgang Joop und bringt deren Sujets in eine Reihung, die zwischen Kitsch, Erotik, Pathos und Lust sich bewegt. Ob dieses Konzept damit näher am Tränenkitsch vom Disney-Film oder am regressiven Pathos der Cocteau-Verfilmung von 1946 liegt, mag jeder für sich entscheiden.

Daß gegen diese Ausstellung sich Protest regte, scheint mir einerseits angesichts der sexualisierten Bilder von Mel Ramos und der Biographe von Richard Müller, insbesondere in jenen 12 Jahren in Deutschland, wo alle im inneren Widerstand sich aufhielten und keiner dabei gewesen sein wollte, verständlich. Aber eine Sache läßt sich nicht durch Verbot kritisieren, sondern nur immanent. Gezeigt werden müssen diese Bilder trotzdem. Wer mit Zensur und Verbot fuchtelt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er oder sie irgendwann selber verboten oder zensiert werden. Denn es findet sich in jeder Äußerung und Regung etwas Verbietenswertes. Daß eine Sache nicht die richtige ist, oder, auf gut Hegeliansich gesprochen, daß Wahrheit und Begriff nicht übereinstimmen, sollte sich an deren immanenter Verfaßtheit sowie am Verhältnis beider ganz von allein herauslesen lassen. Freilich erfordert dieser kritische Blick eine gewisse Lesefähigkeit sowie eine hinreichende Dekonstruktionskompetenz.

Zum Vorwurf wurde der Ausstellung gemacht, daß sie mit dem Werk von Richard Müller nicht hinreichend kritisch umging und es historisch nicht einordnete. Nun sind aber Museen weder Volkshochschulen noch moralische Besserungsanstalten, sondern geneigte Besucherin, geneigter Besucher könnten sich durchaus qua Werk ein eigenes Bild von Mel Ramos‘ sowie Richard Müllers Exponaten machen. Wer sich mit der Biographie und den historischen Umständen befaßte, der wird auch ohne Warntafeln, die neben den Bildern angebracht werden, sehen, was zu sehen ist.

Joops Bilder lassen sich sehr schnell auf einen Nenner bringen: sie sind Kitsch im schlecht-affirmativen Sinne – so wie auch viele (aber nicht alle) Werke von Jeff Koons: am Kunstmarkt und von manchem Kunsthistoriker oder Kurator überschätzt, börsenmäßig hochnotiert, geldwert gehypte von diesen Historikern, um nicht nur intellektuellen Mehrwert zu produzieren. Kunst bei Koons ist Ware und Wertanlage in einem. Das, was sich bei Joop als augenzwinkernde Ironie oder auch als Überborden des Schwulst aus dem Gardinenstoff oder der Bordüre heraus ausgeben mag, bleibt nichtssagend, kunstgewerblich fabriziert, abgelebte Ironie im post-ironischen Zeitalter, eher erinnern diese Bilder an Ado mit der Goldkante denn an ein Bild. Und zeichnerisch gelangt Joop in seinen Skizzen nicht über eine Fachoberschulklasse der 70er Jahre hinaus. Sujet bei Joop sind die Affen, und diese tauchen vielfach auch in den Bildern von Richard Müller auf. Diese Korrespondenz zwischen Joop, Müller und Ramos verdeutlicht einerseits die Linie des Kitsches in der Kunst: den Punkt, wo ein Bild – entweder ironisch gebrochen wie bei Ramos, changierend-affirmativ wie bei Joop oder mit pathetischem Schwulst wie bei Müller – in den Kitsch umkippt und nicht mehr als autonomes Kunstwerk, sondern als ein Für-anderes fungiert.

Unfreiwillig zumindest und avant la lettre huldigt Richard Müller in manchem Gemälde der Camp-Ästhetik, indem er, wie bei seinem Kreuzigungsgemälde oder in jenem Bild mit dem Titel „Circe“ (siehe oben), auf längst abgelebte Form zurückgreift, eine Szene übersymbolisiert, malerisch überspitzt und in den Bezüge erstickt. Eklektizistisch an die Kreuzigungsbilder der alten Meister erinnernd, gleichzeitig aber im Geist der Zeit gemalt. Nun gab es den Camp zu Müllers Zeit aber noch gar nicht, und seine Bilder zwinkern nicht ironisch mit den Augen, sondern sie verklären und winden sich im Schwulst: Weiblichkeit im Blickwinkel des Mannes. Die Frau zwischen Tier und Begehren, staffiert mit dem formschönen Körper. Müller greift auf die abgelebten alten Formen zurück, malt im Realismus der Verklärung und der Symbolisierungen. Einige der Gemälde könnten bei einem ersten Blick zunächst als solche durchgehen, die der sogenannten Neuen Sachlichkeit angehören. Doch sind sie dafür andererseits viel zu grell, zu schrill, zu symbolüberladen und schwülstig konzipiert. Die klare, reduzierte Form, wie sie teils Dix oder Schad pflegten, existiert bei Müllers Gemälden nicht.

richard-muller-3 Müller borgt Eros und Symbol von der Kunst des 19. Jahrhunderts, versucht eine Tradition zu instrumentalisieren, die weit hinter ihrer Zeit zurückgefallen ist. Diesen malerischen Gestus kann man, wenn man sich gerne auf Biographien bezieht, durchaus mit Müllers Engagement für die Ausstellung der Entarteten Kunst in Verbindung bringen. Aber das ließe sich genauso mit den Gemälden von Emil Nolde betreiben. Die Vorstellungen, wie die sogenannte Deutsche Kunst im Sinne des Rassegedankens auszusehen hatte, gingen weit auseinander und wären ein Thema für sich. Von den entsprechenden NS-Stellen abgelehnt wurden sowohl Nolde als auch Müller.

Müllers Skizzen und Gemälde gehören nicht der Kunst des 20. Jahrhundert an. In ihrer Anordnung bedienen sich insbesondere Müllers Zeichnungen bei Klingers oder Füsslis Radierungen. Aber es ist die Frau in seinen Bildern nicht nur die Hingestreckte, sondern vielfach kommt ihr ein dominanter Gestus zu. Formschön und streng ins Bild gebaut.

Diesen finden wir insbesondere auch bei den Gemälden von Mel Ramos. Seine Frauen posieren offensiv, sie zeigen deutlich und stolz ihre weibliche Attribute und stellen sie übersexualisiert zur Schau. Teils geschieht das in der gängigen Pin-up-Ästhetik, teils malt Ramos Gemälde der Kunstgeschichte in Pin-up-Pose nach, so etwa Goyas „La maja desnuda“ bzw. Manets „Olympia“ oder aber die Geburt der Venus. Nur daß es nicht mehr Schaum und Muschel sind, aus der die Frau hervorsteigt, sondern das sinnlich-übersinnliche Ding Ware – so z. B. ein Schokoriegel, eine Zigarre, eine Cola-Flasche – umgibt sich mit der verkaufsfördernden Weiblichkeit und weist zugleich darauf, daß der weibliche Körper auch im klassischen Gemälde der kunstgeschichtlichen Diskurse verdeckt immer auch ein Objekt der Begierde und der Lust ist. Was sich in hehrer Malerei darbietet, ist die sublimierte Erotik: eine nackte Frau oder Brüste ließen sich einstmals nur als Göttin, als Venus, als antike Figur oder allenfalls als Maria lactans darstellen.

Ramos Aber der weibliche Körper bei Ramos ist derart überproportioniert und als Ideal überzeichnet, daß es den Betrachter im Grunde nur erschrecken kann. Ramos reproduziert und spiegelt die allgegenwärtig – von der Werbung bis hin zu den Schönheitsdiskursen – herrschende Inszenierung der makellosen Weiblichkeit wider. Fast angeekelt angesichts des bloßen leeren Fleisches verläßt man diese Bilder. Darin sind sie – in ihrer Wirkung zumindest – durchaus aufklärerisch konzipiert und lassen sich nicht bloß affirmativ oder als sexistische Kunst deuten – wenngleich diese Gemälde trotzdem zugleich sexistisch gedacht sein mögen. Wer die Verkettung von Frau und Warencharakter bloß affirmativ oder gar nicht wahrnimmt oder an diesen überspitzen Bildern nur Erotisches sieht, sollte seinen Blick auf die eigene Erotik reflektieren. Die Frau ist einerseits zwar als Sexobjekt gemalt, und zwar ganz und gar mit Absicht und bewußt. Zugleich aber geht sie in der Warenförmigkeit unter und stellt diese zur Schau. Pop art ist bei  sich selber angekommen und wird nun pop-artig. Vordergründig brav wie der Pop eben in seinen Ausprägungen sich zeigt. Ob das nun von Ramos kritisch intendiert ist oder nicht, spielt kaum eine Rolle, denn jeder Text, auch der Bildtext, führt, nachdem er in die Welt kam, ein Eigenleben. Die Hermeneutiker:innen des Ich-Pathos und der Authentizitätsversicherung haben bei einer komplexeren Lektüre zuweilen (subjektive) Schwierigkeiten dieser im Denken zu folgen.

Ja, es entscheidet über den Gehalt dieser Bilder in solchen Fällen von sexualisierter Darstellung durchaus der Ort, an dem Bilder gezeigt werden. Solche Malereien, wie man sie auch auf der Reeperbahn in Hamburg zuweilen findet, bedeuten in einem Umfeld von Sexshops oder Werbung anderes als in der pop-artigen Zurschaustellung im musealen Raum, in dem sicherlich ein anderer Reflexionsumgang herrscht als vor einer Fick-Bude. Aber vielleicht gab es auch in Leipzig den einen oder den anderen Herren, der sich nach Mel Ramos und Richard Müller auf der Museumstoilette Erleichterung verschaffte.

Gegen diese Tendenz der Sexualisierung nun stechen die Kitsch-Bilder Joops, der sich der Affen sowie schwarzgefärbter Ado-Gardine ohne Goldkante bedient, durchaus heraus. Im Ganzen bleibt diese Ausstellung einerseits zwiespältig, aber zugleich regt sie die Reflexion über die Inszenierung des Körpers und über das heimliche oder offene Begehren im (männlichen) Blick durchaus an.

Das Problem bei einer Kunst sowie einem Ausstellungskonzept, die sich ins Gebiet der Erotik begeben, besteht darin, daß sie zwar einerseits die erotischen Phantasien, Wünsche und das Begehren freisetzen oder auch: freilegen, andererseits aber einem bestimmten Körperdiskus unterliegen, der zudem (häufig) ein männlicher ist. Gegen die Erotisierung und die Sexualisierung im Medium von Bild und Schrift ist per se erst einmal nichts einzuwenden, die Formen und Weisen von Sexualität sowie ihrer Entäußerungen gestalten sich vielfältig und bunt. Allerdings kommt es in dieser künstlerischen Materialisierung auf ihre Form und damit dann auch auf ihren Inhalt an. Es hängt an der Frage, wie, in welcher Weise, in welchem Kontext etwas dargeboten wird.

Die auf Plakaten der Werbewelt ostentativ und als Standardware zur Schau gestellten hyper-schönen Körper von Frauen und von (wenigen) Männern dienen weniger der Erotisierung oder dem Begehren nach dem Körper, so wie er ist, sondern sie erzeugen und konditionieren vielmehr ein bestimmtes Konzept von Körperlichkeit: den perfekten Körper aus der Retorte und – ohne Makel und Dellen – durch Photoshop als wirklichkeitsübersteigendes Ideal generiert, dem es nachzukommen gilt. Die Welt wandelt sich zum ubiquitären Cross-Fit-Boot-Camp-Fitnesstudio und zum Trainingslager, in dem Lovely Lindas und Big-Jim-Action-Figuren ihren Körper auf Drill bringen und sich beständig neu erfinden. Auch der Körper unterliegt der Warenform und in der Branche der Neuen Kreativen ebenso die Denkleistung des Subjekts: es steht beides im Dienst der Firma.

Die Frage bei einer solchen Ausstellung wie in Leipzig bleibt, weshalb nicht ebenso ein Gegenkonzept integriert wurde: „Der Jüngling und die Grausame“ samt einer Ästhetik des körperlichen Verfalls? Wenn nicht in derselben Ausstellung, dann doch in einer zweiten, darauf folgenden. Kuratorisch dürfe es sich dabei nicht um eine Unmöglichkeit handeln. Vorbildlich in diesem Sinne war sicherlich die Ausstellung „Lust und Last. Leipziger Kunst seit 1945“, die im Jahre 1997 in Nürnberg und Leipzig gezeigt wurde.

Es bleibt ein spannungsreiches Feld: das Begehren des oder der anderen, der weibliche Körper und der männliche Körper, die sich in die erotischen Konnotationen betten und sich: Zeigen. Die Ausstellung in Leipzig zumindest changiert zwischen Schwulst und Lachen.

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20 Antworten zu „Die Schöne und das Biest“ in Leipzig: Körperlust und Sexualisierung – von der Weiblichkeit als Blick-Ideal

  1. ziggev schreibt:

    bersarin, ich muss mich natürlich entschuldigen. also schon wieder ein Kommentar von mir.
    aber der Text zu dieser Ausstellung, jedenfalls der Text, ich habe ja sonst nur die Bilder in deinem blog gesehen, scheint mir doch recht gelungen.

    nie wird zuviel gesagt, und so bleibt der Eindruck eines sachbezogenen Kommentars. ohne zweifel habe ich diesen Text auch deshalb mit vermehrter Aufmerksamkeit gelesen, weil es um diese sexualisierten Bilder geht.

    zeichnerisch, also als anatomische Studien, sehe ich nicht immer und überall die klassische Richtigkeit. auf die es schließlich bei solchen angekommen wäre.

    und das ist die Frauenfeindichkeik, die ich auch H. Newton anlaste: gegen die Regeln der Kunst zu verstoßen, nur um die eigentlich absolut herrlichen und verehrungdwürdigen Frauenkörper ein kleines Stück hässlicher darzustellen.

    diese Respektlosigkeit ist mir einfach ein Stück weit zu ostentativ. da es sich offensichtlich um weibliche Körper handelt, kann es sich nur um eine Einstellung handeln, die die Herabminderung der Würde des weiblichen Körpers beinhaltet, weil sie die klassischen Regeln der Kunstfertigkeit absichtlich missachtet, um nichtsdetotroz diese Körper so darzustellen.

    anatomische Unrichtigkeit ist einfach respeklos und unhöflich gegenüber dem weiblichen Geschlecht. stattdessen wird die Darstellung der Hinfälligkeit zelebriert, wie gesagt, noch durch die anatomisch unrichtige Darstellung verstärkt, die Sex-Signale, ein prächtiger Po, hängen seltsam nutzlos an diesen verdrehen Gerippen.

    für diesen Kick gucke ich mir lieber einen mittelalterlichen Totentanz an, oder, wenn´s hoch kommt, was von Cranach.

    Cranch ist zwar Porno pur; aber Cranach hat wenigstens seine Models geliebt. Die späten Aquarelle von Rodin. Sie alle haben ihre Modelle oder wenigstens die weibliche Schönheit verehrt und die Kunst als Mittel zum Zewck eingesetzt, um dieselbe zu Verherrlichen.

    Die Sache aber umzukehren, den Anatomie- oder Aktzeichenkurs extra zu schwänzen, um sich an unrichtigen Körperstudien zu ergötzen, finde ich einfach zu billig und unanständig.

    Alles auf Kosten dieser Leiber? So geht das nicht, für mich jedenfalls.

    Anatomisch unrichtige Darstellungen, o.k., kein Problem, sehen wir seit dem Kubismus etwas lockerer, aber die Kubisten waren alle in ihrem Aktzeichenkurs, jede Wette, das aber nur, um Hässlichkleit zu produzieren ? Mit dem weiblichen Körper kann man es ja machen – aber nicht mit mir.

    Dann aber, nachdem der weibliche körper verdreht, verhässlicht gezeigt wurde, noch die Abbildung eines Arsches (es ist einfach das schönste deutsche Wort, ich kann nicht anders, als es bei jeder Gelegenheit auszusprechen), also einen Arsch hineinzumontieren, draufzukleben, wie aus einem Porno herauskopiert, zeugt nicht unbedingt von Originalität.

  2. FrauWunder schreibt:

    schwulst und lachen oder das lachen über den schwulst männlich schwüler erotik. gut getroffen der text über eine sehr spezielle ausstellung und einen sehr speziellen männer- blick. ich fühlte mich in dieser ausstellung, im blick der schwülen männer so gar nicht getroffen oder erkannt, als weib. da irgendwo zwischen tattooerotik und truckeridylle, so gar nicht meinen platz findend. trotzallem aber interessant, der blick der m(änn)chen affen auf den weibliche körper.

  3. Bersarin schreibt:

    @ ziggev und Frau Wunder
    Ich antworte auf die ausführlichen Kommentar heute abend.

  4. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Ich sehe in Helmut Newtons Photographien nichts Frauenverachtendes: Es sind starke Frauen, es sind selbstbewußte Frauen, es sind erotische Frauen, es sind dominante Frauen. Daß nicht jede Frau sich in dieser Optik sieht, mag sein. Aber da es mittlerweile und in den öffentlichen Diskursen insbesondere im Feld von Gender-Theorie vielfach nur noch darum geht, daß jede und jeder seine Subjektivität loswird, so wollen wir auch Herrn Newton seine Sicht nicht absprechen. Oder drehen wir es doch einfach mal um, und labeln Alice Schwarzer, die Newton kritisierte, als deutsche Antisemitin. Klar: Kind der Nachkriegsgeneration, 68er, versteckter Judenhaß. Wer in diesen Photographien die Frau als verachtenswertes Objekt sieht, mag seine oder ihre Gründe haben. Leider ist es aber so, daß diese ganz und gar subjektiv sind. Wer will und es darauf anlegt, wird auch die Les Demoiselles d’Avignon oder Raffaels Madonna als frauenverachtend sehen. Mich langweilen solche Diskurse, weil sie mehr von der Inkompetenz des Blickes erzählen als von der Sache. Eine Frau, die auf einem Werbeplakat sich auf einem Audi oder einem BMW räkelt, ist frauenverachtend. Ein Bild von Ramos, der mit genau dieser Show spielt, ist es nicht. Es geht, da hast Du recht, Ramos nicht um den richtig gezeichneten, gemalten Körper, sondern um den stilisierten, den gehypten, idealisierten (Fast-Porno-)Körper.

    „anatomische Unrichtigkeit ist einfach respeklos und unhöflich gegenüber dem weiblichen Geschlecht.“ Nun malen und zeichnen wir unter den Bedingungen der Moderne und der Postmoderne aber nicht mehr nach dem Ideal der Alten. (Gut freilich, wenn eine Künstlerin, ein Künstler diese Fähigkeit dennoch beherrschen. Sie aber unreflektiert auszuüben und im Bild zu materialisieren, bedeutet Eklektizismus – sofern nicht ein gewisser künstlerischer Pfiff sich im Bild manifestiert.)

    Sowieso existieren in der bildenden Kunst kaum richtige oder falsche Körperstudien. Es gibt Blicke auf den Körper und in Kunst materialisierte Körper, die an bestimmte Bedingungen oder auch an eine Blickweise gebunden sind. Daß der Körper der Griechen so und nicht anders aussah, entsprach einer bestimmten Gesellschaftsform, ebenso der Jesus des Matthias Grünewald am Isenheimer Altar.

    @Frau Wunder
    Ja, es ist ein Männerblick, der die Bilder malte. Einerseits. Andererseits ist es einer von vielen Blicken, die möglich sind. Es gibt auch andere Männerblicke. Es ist eine Form von Körperlichkeit, eine Weise des Blicks. Was mich im Zusammenhang der Blickachsen des Subjekts interessiert, ist, wie ein Frauenblick, der Frauen begehrt, malen würde. Doch am Ende kommt man mit den Differenzierungen männlich/weiblich nicht weiter, weil ein jeder anders auf den Körper schaut. Es gälte insofern, eine andere Ebene zu finden, wie sich Blickachsen organisieren. Der erotische Körper des Mannes, der der Frau stehen, wenn sie im Zusammenhang mit dem erotischen Begehren betrachtet werden, unter einem ganz besonderen Blick: dem des Sexualisierens. Dieses ist wild, ungebändig, durch Vorgaben ebenso strukturiert, verdinglichend manchmal. Manchmal in einer guten Weise, manchmal in einer schlechten.

    Die Frage bleibt, weshalb uns so häufig die makellosen Körper gezeigt werden. Andererseits existieren, wenn man sie denn sehen will, auch die Gegenbilder: von Francis Bacon bis Lucian Freud.

  5. ziggev schreibt:

    vielen Dank für Deine ausführlichen Einlassungen auf meinen Kommentar. Und das möchte ich noch nachholen : ein sehr schöner Eingangstext zur Ausstellung, gelehrsam und lehrreich – ich lerne, dass man ohne Blah über Kunst schreiben kann.

    Mir ist natürlich klar, dass es etwas albern ist, im Lichte der Postmoderne oder post-postmoderner Sichtweisen nach herbeiphantasierter Idealität des klassischen Körpers zu verlangen. Nur weil ich alles andere als ein Theoretiker postmoderner Provinienz bin, bin ich noch lange dazu nicht berechtigt, zu verlangen, dass diese Diskurse von nun an vollkommen ausgeklammert werden sollten.

    Sowenig Ahnung ich ja von jenen beweussten postmodernen Theoriebildungen habe, so fasziniert mich dennoch das Bild mit dem Pin-Up auf dem Nilpferd aber nicht weniger.

    Schauen wir uns bloß die hochgereckte Fußspitze der blonden Frau an: Es wird sofort klar, dass es nicht um anatomische Richtigkeit gehen kann. Ich will mich nicht in postmoderner Kunstkritik üben, weil ichs einfach nicht leisten kann. Aber das sehe selbst ich, dass hier nicht der (anatomisch unrichtig dargestellte) weibliche Körper thematisiert wird, sondern dass hier auf die Darstellung jenes Körpers auf Werbeplakaten etc. bezuggenommen wird. (Übrigens aus einer Zeit, als die Fotografie noch nur selten in der Werbebranche Verwendung gefunden hatte.)

    Um ganz ehrlich zu sein, ich muss sagen, dass ich von diesem Bild einigermaßen fasziniert bin. Gerade die der abziehbildhaften Zitation von Abbildungen des weiblichen Körpers – wie wir sie von Werbeplakaten kennen – verdankten anatomische Unrichtigkeit spricht hier Bände. In meinen Augen ist das Zitat hier gelungen. Also: normalerweise würde die auf Kaüfergeilheit ausgerichtete Darstellung des weiblichen Körpers – nocheinmal zitiert, nocheinmal hervorgekramt – unanständig werden, eklig, abscheulich, hier aber ohne überflüssige Ästhetisierung nach den Regeln der Kunst – nach welcher Kunst, das wäre eben die Frage – erneut hingestellt.

    Irgendwie ist dieses Bild Anti-Postmoderne. Es geht um den Diskurs des Abbildhaften. Aber jetzt: Nochmal aufgelegt, nochmal, ästhetisiert, auch wenn es ein Rückschritt ist, ist es dennoch schön. Hast Du den linken Arm gesehen, der sich falsch links abstützt? Anatomisch ist es falsch. Die Studie des aufgerissenen Mauls des Nilpferdes – ist wunderbar gelungen, kommt aber über die gelungene Studie eines aufgerissenjen Nilpferdmauls nicht hinaus.

    Genau das soll offenbar dieses Bild besagen: Ich kann eine Studie eines aufgerissenen Nilpferdmauls anfertigen – nun schau her: ich kann´s.

    Die fast polemische Rehabilitierung der Schönheit des Scheins. Wobei diese Polemik sich durch die scheinbare Schönheit rechtfertigt. Soweit, sogut, kann ich mit leben. Ist aber seit der Pop-Art bekannt, ich weiß, dass Du diese Formulierung nicht magst, das ist aber ‚old school‘.

    Aber mit dem schlichten Verweis auf postmoderne Sichtweisen lasse ich mich nicht sofort abspeisen. Durch die anatomisch unrichtige Darstellung des Frauenkörpers als Pin-Up wird doch gerade erst der Charakter des Abbildhaften hervorgehoben. Das sah ich zuerst gar nicht: diese anatomisch falsche Darstellung: weil ich, das ist meine Vermutung, darauf dressiert bin, das Bild, und nicht die Wirklichkeit, für wahr zu nehmen. Man will mir einreden, wie ein Frauenkörper auszusehen hat. Anderes bin ich daraufhin nicht mehr bereit wahrzunehmen. Aber das weiß ich auch so und brauche keine „postmoderne“ Kunst, die mir das nocheinmal vor Augen hält.

    Wie gesagt, mein Bestehen auf anatomisch richtige Aktstudien muss nicht nur muffig- altmodisch und albern erscheinen. Ich weiß. Sondern auch von Vorgestern. Aber die Fehler, die unumgänglich sind, wenn ein Pin-Up eben als Pin-Up auf einem Nilpferd dargestellt werden soll, und die in der Zeichensprache der Moderne oder Postmoderne dadurch eine bestimmte Funktion erfüllen, können dann, wenn dieser postmoderne Diskurs hohl und leer geworden ist, die Funktion haben, den weiblichen Körper durch unrichtige Darstellung zu beleidigen.

    Und nun scheint es mir so zu sein, dass der postmoderne Diskurs ironisch und selbstbezüglich immerzu die Selbstbezüglichkeit der Moderne ad absurdum zu führen trachtet und damit, auf diese Leere verweisend, selber leer geworden ist.

    Der weibliche Körper, dessen Darstellung in der abendländischen Kunstgeschichte gewissermaßen „überzitiert“ ist, ist also ein willkommenes Sujet, um das Leergelaufe, die Selbstbezüglichkeit der modernen Kunst zu thematisieren. Das kennen wir aber bereits!

    Ich nehme einfach unrichtig dargestellte weibliche Körper als Lehrstunde in postmoderner Kunstkritik nicht hin.

    In Teilen jedenfalls sind m.E. diese Diskurse tod. Das Unrichtige, das vielleicht einmal einen Zeichencharakter besaß, ist und bleibt aber zunächst unrichtig. Instinktiv fasse ich es als Gewalt gegenüber dem dargestellten Objekt auf. Theoretische Ansätze, die solches Darstellen und Vorgehen rechtfertigen, sind in meinen Augen verblasst.

    Wenn es um etwas geht in diesen Darstellungen, dann ist es das Thema „Tod“. Die Hinfälligkeit der menschlichen Gesundheit, die Hinfälligkeit der menschlichen ephemeren Schönheit in all ihrer Pracht (z.B. Angesichts eines prächtigen Pos), – dies wird nun en detail am weiblichen Körper gezeigt. (Und deshalb meine Verweise auf mittelalterliche Kunst, oder gehen wir meinetwegen zurück zum Barock, eben das Thema der Hinfälligkeit nach der Erfahrung des 30-jährigen Krieges.)

    Das empfinde ich als nicht ganz in Ordnung und als eigentlich unanständig.

  6. Bersarin schreibt:

    Über die korrekte oder auch die richtig gemzeichnete, gemalte Anatomie des menschlichen Körpers wird man sich sehr lange streiten können – was daran liegt, daß es die korrekte, die richtige Anatomie nicht gibt. Der sogenannte Realismus in der Kunst ist eine der großen Illusionen. Dies mußte bereits Zeuxis von Herakleia erfahren. Realismus ist Resultat des Scheins.

    Ein Objekt oder auch: etwas Lebendiges in die Kunst zu bringen, bedeutet immer eine Gewalttat, dies ist das Wesen der Kunst – und gelungene Kunst muß grausam sein. So grausam es geht.

    Ja, jeder Schönheit ist ihr Tod eingeschrieben. Das eben erzeugt den Effekt der Melancholie, wenn ein kluger Mensch die vollendete Schönheit einer Sterblichen betrachtet. Wir Bewohner des Grandhotel Abgrund sind ausgesprochene Melancholiker.

  7. ziggev schreibt:

    nun gut, Kunst ist immer eine Gewalttat – vielleicht bin ich nicht für dieselbe geschaffen. Vielleicht bin ich gegen Kunst als solche. Jedenfalls bin ich gegen Gewalt, mit der Rechtfertigung, ist ja „Kunst“. Eher bin ich positiv beschaffen. Das Ressentiment gegen das Schöne widerspricht meinem Naturell.

  8. Bersarin schreibt:

    Das Grausame kann durchaus Züge des Schönen besitzen. Das Schöne darf nicht bloß schön sein; das Schöne als bloß Schönes ist insofern eine abgelebte Kategorie als es in der Kunstrezeption im Spätkapitalismus lediglich noch der Beruhigung des Kunstsinnigen dient. Kunst ist nicht schön, sondern sie ist Ausdruck und Wahrheit in einem. Wer sie lediglich aufs Schönsein reduziert, bringt sie ums Beste.

  9. ziggev schreibt:

    „das Schöne als bloß Schönes ist insofern eine abgelebte Kategorie als es in der Kunstrezeption im Spätkapitalismus lediglich noch der Beruhigung des Kunstsinnigen dient“

    weil ich insgesamt die Kunst missachte, kann ich wohl kaum als „Kunstsinniger“ gelten. dennoch will ich Schönheit, mit oder ohne Kunst, mit oder ohne Deine Definitionen von „Kunst“.

    ich halte es für eine Lüge, dass es keine Schönheit mehr gebe. Kunst geht mir am Arsch vorbei. Aber ich trinke täglich Schönheit, sowohl männliche wie auch weibliche, ich trinke – und werde nimmer satt …

  10. Bersarin schreibt:

    Es sind diese von mir genannten Bestimmungen der Kunst keine Definition derselben, sondern es handelt sich um Wesenszüge der Kunst. Kunst ist nicht um der Subjekte willen da. Schon gar nicht läßt sie sich aufs Schöne herunterbrechen. Das Schöne mag einer ihrer Wesenszüge sein. Aber kaum so, wie im Alltagsbewußtsein das Schöne als Schönheit vorgestellt wird.

  11. Noergler schreibt:

    Ziggev beschwert sich, weil er durch die verdrehte Hüfte-Arsch-Anatomie das Bild nicht als Wichsvorlage benutzen kann.

  12. ziggev schreibt:

    okay – danke für Deine vehemente Verteidigung der Kunst. Kunst ist nicht für die Subjekte da, schon klar, eher eignet sie sich zur Destruktion von Subjekten, wie etwa der meinigen, der ich weiterhin an die Kunstschönheit glaube.

    Meine Subjektivität, ja, ich selbst, sind ohnehin bereits zerstört. Auf die softe Art haben Kandinsky und dessen alberne Geschmacklosigkeiten auf ihre Weise dazu beigetragen.

    Mein alltagsbewusster Ruf nach Schönheit mag vielleicht etwa albern erschienen, aber ich rufe ihn dennoch aus, aus Trotz, gegen eine Moderne, die – aus theoretischen Grünten – sie dennoch leugnet.

    Die Banalitäten und die Verhohnepilelung des Kunstschönen der Schönheit überhaupt und des darstellbaren Schönen durch solche Gesellen und Anfänger wie Kandinsky gehen mir einfach auf den Sack.

    Einfach mal zurück zur Kunst, meinetwegen zur Klassik, irgendwohin, jedenfalls weg, so geht es nicht weiter, woanders hin!

  13. ziggev schreibt:

    @ noergler – es so auf die Kürze auszudrücken habe ich bisher nicht vermocht.

  14. Noergler schreibt:

    Die ‚falsche‘ Anatomie wahrt die Würde des weiblichen Körpers, indem sie ihn dem männlichen Blick unverfügbar macht. Nicht die Anatomie – der männliche Blick ist falsch.

  15. Noergler schreibt:

    So ist das eben, wenn einem die Kunst am Arsch vorbeigeht: Man erkennt nicht die ästhetische Pointe jenes Weiberarschs.

  16. ziggev schreibt:

    „Die ‘falsche’ Anatomie wahrt die Würde des weiblichen Körpers, indem sie ihn dem männlichen Blick unverfügbar macht. Nicht die Anatomie – der männliche Blick ist falsch.“

    … – aber, verehrter Noergler, irgendetwas stimmt hier nicht. Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass der weibliche Körper – solange wir uns in der Kunstgeschichte befinden, und darüber hinaus, wenn wir versuchen, uns der Tatsache des Terrors der Darstellungen des weiblichen Warenkörpers bewusst zu werden – so gesehen ein männliches Blickkontrukt ist?

    Die postmodernen Darstellungen, oder meinetwegen die perversen aus der Nazizeit, scheinen doch gerade die von Dir angesprochene Unverfügbarmachung umzudrehen. Verfügbarmachung durch die Wende ins Falsche, und so schamlos ins Porno. Bersarin hat´s ja oben für meine Begriffe schlüssig dargelegt. Kunst muss gegenüber einem lebendigen Objekt ein Gewaltakt sein. Um den Frosch zu verstehen, muss ich ihn – am besten lebendig – sezieren.

    Das übriggebliebene organische Material, erst recht, wenn ein Anfänger am Werke war, stellt den Frosch ‚anatomisch nicht richtig‘ dar.

    Okay, Günter Grass angelte zuerst den Fisch, zerlegte ihn dann und zeichnete akribisch jedes Stadium dieses Zerlegungsprozesses. Tolle Radierungen, bewundere ich, keine Frage. Dann schrieb er einen Text über diesen Fisch. Respekt! Denn er versuchte wenigstens, dem Fisch den Respekt zu zollen, der ihm gebührte. Dann aß er ihn. Wohl bekomm´s Herr Grass.

    – So kann man es machen. Sich aber an dem Gewaltakt der Kunst, daran, wie ich sie dem Frosch antue, den ich ja lediglich aus anatomischen Interesse seziere, zu ergötzen, ist für meine Begriffe nicht mehr anständig.

  17. Noergler schreibt:

    Die falsch erscheinende Darstellung des weiblichen Körpers gibt dem männlichen Blick dessen Unwahres als Unwahres unmittelbar zurück.
    Dabei ist das unmittelbare Zurückgeben gerade keine Spiegelung. Die Spiegelung des männlichen Blicks wäre die „Wichsvorlage“.
    Im Felde des Diskursiven ist ein unmittelbares Zurückgeben nicht anders denn als Spiegelung vorstellbar. Anders aber ist die Kunst. Somit sehen wir hier auch ein Modell der Differenz des Ästhetischen und des Diskursiven.
    __________________________

    Der Unterschied des männlichen und des weiblichen Blick aufs Weibliche läßt an den Werken der Maler und der Malerinnen des Impressionismus sich drastisch ablesen. Darauf, dass Malerinnen nicht zur Kunstgeschichte gehören, hatten wir uns keineswegs geeinigt.
    Deine Argumentation läuft weiterhin leider darauf hinaus, die weibliche Anatomie selbst wäre falsch. Dafür wird Dir die Mädchenmannschaft die Klöten abreißen. Dieses Sezieren wäre zwar nicht anständig, aber was will man machen.

  18. silberfink schreibt:

    Ich bin begeistert. :-)

  19. Bersarin schreibt:

    Ja, unsere Freund:innen vom TugendwächterInnenrat für sprachpietistische Angelegenheiten. Wie weihnachtlich, aber doch wenig versöhnlich wird mir angesichts solcher Blasen ums Herz!

  20. ziggev schreibt:

    @ noegler, ich widerspreche aber immernoch.

    gerade solche Reflexionen, wie die von Dir eben, gilt es auszuschalten, wenn es um die (Reflexion der) Darstellung der unendlichen Schöbheit des menschlichen (männlich wie weiblich) geht.

    ich spreche nicht von Idealisierungen. das haben die Nazis gemacht : aber nicht die klassischen Griechen. – meine kleine unbeholfene Polemik gegen die „postmodernen“ zwischendurch: wir zitieren, machen – meinetwegen wie Picasso und die Kubisten – Kollagen, gerade durch die Verfälschung wird nicht nur die sonst durch die veridealisierten Darstellungen veroffenbarte Unwahrheit sichtbar, sondern wir können auch lernen, die wahre Schönheit des weiblichen oder männlichen Körpers erst wiederzuentdecken. die Verfälschung hat also ihren berechtigten Platz in der Kunstgeschichte. und darüber hinaus.

    – aber ist das eine Rechtfertigung des Verfälschten an sich? ich wage, das zu bezweifeln. ich sehe die Schönheit des weiblichen Körpers auch ohne das Zwischenmedium der Verfälschung. hätte ich, glaube ich, auch so gesehen, aber nach einem Genie wie Picasso, ich fange meinen Verhältnissen entsprechend „klein“ an, und was dann mit und nach dem Expressionismus usw. noch so kam, scheint mir ebendiese „Verfälschung“ sich zu einem Prinhzip verselbstständigt zu haben: nur durch die Verfälschung in der Kunst kann ich die Wahheit erblicken, also verfälsche ich einfach mal so drauf los.

    zunächst geht es mir hier nicht um „die Wahrheit“ – sondern um die Zweitrangigkeit der (bewussten oder unbewussten) Befolgung eines solchen Prinzips.

    sowas eignet sich gut für postmoderne Philosophen/Interpreten. und, wie gesagt, bersarin verliert hier kein Wort zuviel.

    aber Postmoderne, mit ihren Zitationen, Verfälschungen als Kunstandwerk? Zeigen, wie gut ich verfälschen kann? egal, was herauskommt – das kann es nicht sein!

    Egon Schiele und all diese Expressionisten mit all ihren Ver- und Überdrehtheiten ernten meine volle Sympathie. Das hat natürlich auch politische (oder kunsthistorische, ich will aber nicht so tun, als könnte ich über dieselbe viel oder überhaupt etwas sagen) Gründe.

    aber angesichts des Gottes allein können wir verstehen, wo das Mittelmaß – im posisiven Sinne – liegt. damit meine ich eine klassische Auffassung im besten Sinne. denn der Gott kennt nicht die Wahrheit. mal liebt er sie, mal zerstört, mal verhöhnt er sie. kennst Du ja bereits von Zeus. wir Sterbliche haben die Aufgabe, ein menschliches Zwischenmaß zu finden. das ist nicht immer Wahrheit, aber manchmal Schönheit. und gerade darin liegt das Menschliche der Kalssik: dass uns nur – oder nur uns – diese eine Aufgabe bleibt.

    es geht nicht, zu leben, ohne Kunst weiterzumachen. um also für sich den Anspruch zu erheben, sich noch weiterhin in der Tradition – zumindest aber seit der griechischen Klassik – zu bewegen, scheint es manchmal notwendig, destruktiv vorgzugehen. es gibt davon Beispiele genug. Picasso, Kubismus, Bacon, Freud, …. endlos …

    aber das Selbstzerstörungsprinzip als selbstbezügliches zum Prinzip zu erhöhen – bitte, aber ohne mich !!!

    Plakatmalerei oder „postmoderner Diskurs“ als Kunsthandwerk – in der Tat, da gucke ich mir lieber einen deftigen Porno an!

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