Im Lauf der Zeit – Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“: Vorschau

Ein Roman, in dem eine Nebenfigur, die zudem Italiener ist, über Adorno promoviert, kann nicht ganz verkehrt sein – „naturgemäß“ wie Thomas Bernhard sagen und schreiben würde. Bella figura machen kann man schließlich mit Adorno gut, und auf der intellektuellen Höhe der Zeit befindet man sich mit seinen Texten noch heute und allemal. Aber es soll in diesem Falle nun und ausgerechnet einmal nicht um Adorno, sondern um jenen Roman gehen, darin – freilich als Nebenschauplatz – der Italiener aus Neapel über Adorno promovierte. Monika Zeiner erzählt in „Die Ordnung der Sterne über Como“ eine jener klassischen Liebesgeschichten, eine Ménage-à-trois, und sie spielt in ihrem Debüt zahlreiche Themen an, die zur Liebesintensität dazugehören: Zeit, Erinnerung, Melancholie, Begehren, Kunst, Strukturen und Muster, denen der willig Mensch folgt. Insbesondere was die Themen Liebe, Zeit, Erinnerung und Melancholie betrifft, kann Zeiner aus einem reichen Fundus an Wissen schöpfen, denn sie promovierte über „Der Blick der Liebenden und das Auge des Geistes: Die Bedeutung der Melancholie für den Diskurswandel in der Scuola Siciliana und im Dolce Stil Nouvo“. Und auch die Photographie – als Medium der Zeit, als Gefäß, ihr Statthalter und Bewahrer sowie als ihr großer Vernichter – kommt in diesem Buch vor.

Ein Reigen und ein Strom an Themen, gebündelt, verschachtelt und ineinandergeschoben, tut sich in Zeiners erstem Roman auf, und zwar über eine lange Strecke von 600 Seiten. Der Roman gelangte sogleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zu recht. Und zu recht gewann er diesen Preis nicht, obwohl es darin Passagen gibt, die gespannt darauf machen, was Zeiner als nächstes schreiben wird. Ich werde im Laufe der Woche eine ausführliche Besprechung dieses Buches hier in den Blog stellen. Es sei aber vorab schon einmal eine kurze Ankündigung gegeben.

Sogleich nach den ersten Seiten bin ich in den Sog dieses Textes geraten. Der Besuch der schnicken Noch-Ehefrau Hedda beim Protagonisten Thomas Holler schildert Zeiner gar zu köstlich. Zeiner besitzt die herrliche Gabe, Szenen mit Witz und in die Groteske gebracht auszumalen und zu schildern. Ja, so geht es, wenn Liebe auseinandergeht und ein verzweifelter Mann zurückbleibt, der zunehmend der Verwahrlosung anheimfällt. Zeiner erzählt gekonnt und bilderreich, sie vermag es – freilich im Sinne eines Konzepts realistischer Literatur, das keine besondere abstrahierende Leseleistung erfordert – Leserinnen und Leser zu fesseln. Gerne möchten wir erfahren, was mit dem Protagonisten des Romans, Thomas Holler, im Laufe der Zeit geschieht, und so lesen wir weiter. Und da fängt dann bereits das große Aber an. Schwierig ist es, eine lange Textdistanz durchzuhalten. 600 Seiten als Debüt sind eine weite Strecke. Den Atem dazu hat Zeiner. Aber … Philosophischer Essay und Exkurs sowie schwungvolles Erzählen verzahnen sich in Zeiners Prosa. Das trägt im Fluß des Lesens, Zeiner erzeugt diese Intensitätspunkte, wenn der Blick selig oder in der Melancholie des Es-war-einmal zurück schweift und das Hätte-und-was-wäre-wenn sowie jener Möglichkeitssinn die Vergangenheit in Beschlag nehmen.

Aber es kommt diese Prosa teils zu gefällig daher, und es scheint mir, bei allem Wohlwollen gegenüber dem Roman, daß der Sound der Lakonie, der Ton der Melancholie an manchen Stellen sich leerläuft, sich verselbständigt oder aber zum Selbstzweck gerät. Das Spiel von Reflexion und Roman, Erzählen und Essayisieren pendelt sich nicht aus, und da, wo es ausgependelt ausschaut, täte das Buch besser, das Pendel zu überschleudern. Sätze wie „Er fühlte sich komplett neu in dieser Stadt, als wäre er hier zufällig von einem Reisebus vergessen worden, zurückgelassen ohne Gepäck in einem interessanten Abenteuer, …“ und zwei Seiten weiter durchfährt den Protagonisten Holler der Gegenblick: „Jetzt fühlte er sich kalt und verlassen, so als wäre er von einem Reisebus in einer fremden Stadt vergessen worden, aber es war kein angenehmes Gefühl mehr.“ zeigen zwar den Wechsel von Empfindungen in der Zeit und wie schnell, wie sprunghaft in den Weisen bloßer Subjektivierung und Pseudoauthentizität das Wahrnehmen von einem Moment auf den anderen kippen kann: was als Abenteuer beginnt, gerät zur Fremdheit.

Der Fluß des Erzählens wird stellenweise von zu vielen solcher Bilder, Metaphern und Wie-Vergleiche durchwebt. Das stört die Lektüre – insbesondere beim zweiten Lesen fällt es auf – und so scheint mir der Text an manchen Stellen zu fein gesponnen. Zu viel wurde gewollt, zu ambitioniert manchmal der Ton. Doch es existieren dann wieder Textstellen, die das Wesen dieses Romans – das von Liebe und Verlust, von Zeit und Erzählung – auf den Punkt bringen. Und darum und auch weil es ein Debüt ist, das Großes über eine lange Strecke wagt, bin ich am Ende im Urteil milde, selbst dort, wo sprachlich in diesem Buch nicht jede Wendung und jeder Satz immer gut und gelungen funktionieren. Diesem Buch hätte man einen klugen Lektor gewünscht. Andererseits sind eben in der Welt der Verlage – und der Aufbau Verlag ist (mittlerweile) ein kleiner, der sich kaum eine Lektorenschar wird leisten können – solche Lektoren rar gesät.

Demnächst mehr von diesem Buch; hier in ihrem Lieblingsblog, in ihrer Lieblingsliteraturkolumne von ihrem Lieblingsblogger, in einer ausführlichen Buchbesprechung zu Monika Zeiners „Die Ordnung der Sterne über Como“. Es sei vorab gesagt: der Titel des Buches ist gut und gekonnt gewählt. Rätselhaft genug, um neugierig auf ein Buch zu machen, aber nicht so verschroben, daß einem so rein gar nichts zu diesem Titel einfällt. Daß die Vielzahl der solitären Sterne am Himmel, die nichts voneinander wissen, eine Ordnung haben können und einem menschengemachten System folgen, läßt sich zumindest beim ersten Blick assoziieren.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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