Denn sie wissen, was wir tun: Der krypto-industrielle Komplex

Und nicht nur das: sie wissen auch, was wir schreiben, vom Handy telefonieren oder per SMS in die Tastatur tippen: jene Posten, die unsere Post abfangen – sei es die elektronische aus dem Digitalen und den Glasfaserkabeln unter der Tiefsee gefischt oder wie früher, ganz analog fixiert. Das Private ist politisch oder kann es zumindest werden. Von dieser Einsicht zehren ebenso die Geheimdienste. Nicht erst, seit sich die Kommunikationsmedien wandelten: von der mündlichen Botschaft über das ins schriftlich Fixierte auf Papier bis hin zur digitalen Schrift, die sich auf Bildschirmen und Lesegeräten materialisiert, gab es immer jemanden, der begierig darauf war. Informationen abzuschöpfen. Tele-Kommunikation kann immer durch einen unsichtbaren Dritten, durch einen verborgenen „Gast“ eingesehen werden. Zwischen Sender und Empfänger steckt die zwischengeschaltete Ebene.

Für die Technikfreundinnen und -freunde, die dies hier lesen und an all den technizistischen Spielereinen und Programmierungen großes Gefallen finden, sei nur soviel preisgegeben: Ich selber habe mir inzwischen eines dieser modernen und abhörsicheren Handys angeschafft, auf dem man seine Mitteilungen und SMSe mittels einer kryptotechnischen Drehscheibenfunktion einspeist.

 
13_12_01
Daß es die NSA gibt, ist für die, die es hätten wissen sollen und auch die, die es hätten wissen wollen, nicht ganz neu – insofern scheint manches an der Empörung und Entrüstung naiv. Ja, in der Tat: die USA haben mittels NSA abgehört! Was sollten sie auch sonst machen? Die Aufgabe eines Geheimdienstes ist es, geheim zu sein, sich Informationen zu beschaffen, und zwar so viele wie es geht und sich dabei nicht erwischen zu lassen. So hielten es die alten Römer, so funktionieren James Bond-Filme oder Romane von Eric Ambler. Dagegen helfen keine Gesetze und keine Lippenbekenntnisse. Das, was man schon lange hätte wissen können, ist nicht erst seit heute bekannt. Aber das Bekannte ist nach Hegels Satz eben noch lange nicht das Erkannte. Und so schaufelten viele ihre Daten und ihre Kommunikation freigiebig auf die Server, die in den USA stehen.

Der Philosoph bzw. Literatur- und Medienwissenschaftler Friedrich Kittler schrieb zum NSA (ich mache es mir heute mal bequem: anstatt, wie ich es ansonsten in meiner gewohnt eloquenten und analytisch-sezierenden Art betreibe, selber – sozusagen eigenhändig und -köpfisch – zu analysieren und in zusammenhängenden Sätzen zu schreiben, die als Text mehr als 140 Zeichen umfassen, zitiere ich Kittler.):

„Der amerikanische Geheimdienst CIA ist eine der bestgehaßten Institutionen der westlichen Welt. Mit seinen 4000 Beamten erscheint er aber nur als zarter Ableger, der so gut wie unbekannten 70 000-Mann-Behörde NSA, die jede tausendste Fernmeldeverbindung auf dieser Erde abhören soll. Wer bisher kein Paranoiker war, kann es nach der Lektüre des Buches NSA vom ehemaligen Mitarbeiter der Company James Bamford werden.“

So schrieb Kittler bereits im Jahre 1988 in der taz in seinem Artikel „Jeder kennt den CIA, was aber ist NSA?“ Und weiter heißt es dort:

„Eine von Trumans letzten Amtshandlungen aber war die Gründung der NSA, die in gewohnter Bescheidenheit erklärte, ‚das Heraufkommen des Computerzeitalters mit Sicherheit beschleunigt‘ zu haben. Wenn ihre Cheftechniker nicht von IBM; TRW, Cray Research, Harris oder Bell Labs kommen, dann gehen sie eben in diese Zulieferfirmen. Und wenn Computer (nach Turing) Fragen von Geheimdiensten an den Feind ‚leichter‘ beantworten als Fragen von Physikern an die Natur, ist das auch kein Zufall.

Der krypto-industrielle Komplex (Bamfords Entdeckung) baut jedenfalls gleichzeitig Satelliten und Computer, die unsere Telephonate oder Telegramme vom Kabel befreien, und fünf Jahre fortgeschrittene Satelliten und Computer, die sie der NSA wieder zugänglich machen.“

An die Macht von Gesetzen und Beschlüssen, die Macht von Geheimdiensten zu brechen, glaubte Kittler nicht. Zu Recht:

„Denn was automatische Datenverarbeitung stoppt oder doch limitiert, sind nicht Gesetze, sondern Technologien.“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Denn sie wissen, was wir tun: Der krypto-industrielle Komplex

  1. Modest schreibt:

    Wo lässt sich denn der genannten Artikel von Kittler finden, außer auf amerikanischen Servern? ist die NSA übrigens eine Messi-Gemeinschaft, die den Überblick für das Wesentliche verloren hat, das Wesentliche der NSA, die NSAhaftigkeit der NSA liegt doch in ihrem geheimnisvollen Datensammeln; die Aufforderung an Obama das Thema aus den Medien zu nehmen von Seiten der NSA wirkt medialisiert doch reichlich hilflos.

    Der Vergleich eines bekannten deutschen Philosophen mit einem berühmten deutschen Marzipanhersteller ist übrigens köstlich.
    Über die Distanz schaue ich zurück nach Berlin, oder auf den virtuellen Raum hier und dort und überall, das ist interessant.
    Herzlich, Modest

  2. Bersarin schreibt:

    Beste Grüße an Madame oder Monsieur Modest zurück.

    Der Kittler-Text findet sich in dem Band Short Cuts.

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