Hinter dem Fenster: Zum Tode des Malers und Photographen Saul Leiter

leiterT Er war einer jener Flaneure, der die Straße liebte, ein aufmerksamer Spaziergänger, der sein New York durchstreifte. Aber er war zugleich sehr viel mehr als einer der Flaneure, die bloß zeitvertreibend spazieren, hier und da die Kamera benutzend, um Szenen und Begebenheiten festzuhalten. Aufmerksam beobachtete er, seinem scharfen Blick für Formen, Farben, Kontraste entgingen die Details und die Szenen nicht und eine besondere Anordnung von Farbe, Licht und Bildlichkeit, die sich in diesem einen Augenblick zeigt, hielt er mit seiner Kamera fest. Zuweilen und in seinen besten Bildern nicht auszumachen war es, ob es sich um ein Gemälde oder eine Photographie handelte. Nun gilt es, das Kaddisch für einen großen Maler und einen noch größeren Photographen zu sprechen.

1923 in Pittsburgh, Pennsylvania als Sohn eines Talmudgelehrten geboren. Bereits 1935, im zarten Alter von 12 Jahren, nicht anders als der Betreiber dieses Blogs seine erste Kodak-Ritsch-ratsch-klick auf dem Gabentisch vorfand, schenkte ihm seine Mutter eine Detrola Kamera. 1936 kam der erste Kodak-Kleinbildfilm für 35 mm Kameras auf den Markt. Erst die sich entwickelnde Technik machte es möglich, daß Kameras kleiner, unscheinbarer und unsichtbarer wurden, so daß nun über das Medium Photographie an die schnelle Reportage und an Straßenphotographie überhaupt zu denken war. Erst mit der Kleinbildkamera ließ sich halbwegs unauffällig photographieren und es konnten Szenen festgehalten werden, in denen sich die Menschen so gaben wie sie gerade waren. (Sieht man einmal von den gestellten Küssen vor dem Pariser Rathaus ab, die Robert Doisneau genial inszenierend festhielt und ebenfalls manche der von Brassaï bei Nacht in Paris geschossenen Photographien, wo Bekannte und Freunde als Protagonisten und Figuren mitwirkten, um eine bestimmte Szene oder eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Denn in der Unterwelt von Paris photographiert es sich nicht immer ungestraft, wenn man womöglich die Falschen ablichtete. Aber diese Arten von Inszenierung in der Photographie sind ein anderes Thema, und es muß wohl für ein andermal aufgehoben werden: wieweit darf Photographie inszenieren und sich als Bannung des Moments ausgeben, wo sie doch in Wahrheit diesen Moment nur simulierte. Die Linie von Brassaï über Doisneau bis hin zu Hiroshi Sugimoto und Jeff Wall wäre da zu ziehen.)

Zunächst studierte Leiter jüdische Theologie, wie der Vater sollte er Rabbi und Schriftgelehrter werden. Doch viel hielt er nicht von der Religion und zu den Farben drängte und zog es ihn. Früh schon begann Leiter mit der Malerei, hatte einige Ausstellungen. Er kommt mit den Malern des Abstrakten Expressionismus in Kontakt, die seine Sicht und auch seinen Blick auf die Farben und insbesondere auf die Ordnung und die Struktur der Farben bestimmten, was dann ebenso seinen Blick für die Photographie prägen sollte. Leitner entdeckte in den 40er Jahren die Farbphotographie für sich: zu einer Zeit, als die Farbphotographie künstlerisch als nicht sonders schicklich galt, weil sie entweder etwas für Touristen und Amateure war, die die Welt so abbilden wollten, wie sie war, anstatt sie in Struktur und Form des entfärbten Lichts zu bringen, oder aber Farbe in der Photographie wurde mit Werbung sowie der glatten bunten Warenwelt assoziiert. Bereits 1948 begann Leiter, mit Farbdiafilmen zu photographieren – weit vor Stephen Shore oder William Eggleston und anderen Vertretern der „New Color Photography“: Spät erst wurden Leiters genialen Farbbilder entdeckt.

Daß Leiter Photographie als Kunstform sah und sie nicht bloß in der dienenden Rolle des Dokumentierens lokalisierte, verdankte er wohl dem New Yorker Maler Richard Pousette-Dart, der ihn mit der künstlerischen Photographie in Berührung brachte, und 1947 besuchte Leiter im Museum of Modern Art eine Ausstellung von Henri Cartier-Bresson. Die Photographie galt Leiter fortan als ein Medium, das der Bildenden Kunst gleichwertig war. Seine Photographien bewiesen dies. Der Walker Evans zugeschriebenen Behauptung, daß die Farbphotographie vulgär und banal sei, widersprechen die Photographien Leiters.

Häufig schoß Leiter seine Photos durch ein Fenster hindurch oder er photographierte Spiegelungen: sei es direkt in den Spiegel hinein oder aber er lichtete die Bilder und Szenen ab, die sich in einem Fenster reflektierten. Und manchmal bricht sich das Licht in einigen Wassertropfen, die auf einer Scheibe haften. Indirekte Photographie, Bild von einem Bild. Die Photographie ist ein Reflexionsmedium. Regenschirme und Regen, beschlagene Fensterscheiben tun ein übriges, um den Blick des unmittelbaren Großstadtvoyeurs oder -flaneurs zu distanzieren und zu tranquillisieren.

tumblr_m6uyt2ngC81qcglluo1_400 Teils zeichnen seine Bilder eine wunderbare Unschärfe aus. So die Street Scene von 1958: im Vordergrund eine Frau, die die Straße der Großstadt entlang schreitet, in matten dunklen Farben gehalten, von ihrem Gesicht ist nur ein heller Farbton zu ahnen, ihren Kopf bedeckt ein Hut, die Unbekannte ist exakt in der Mitte des Bildes positioniert, in der Senkrechte das Bild bestimmend, und im Hintergrund – grell, rot unscharf – die Autos, man ahnt und spürt das Blech, Metall und Lack geradezu. Eine Photographie, sinnlich, wie gemalt. Eine Photographie, die der Flüchtigkeit der Momente und der Zeit in einer Stadt einen Raum reserviert. Im Feld der Photographie, in die Abstraktion gleitend, und so inszeniert sich die Stadt als verschwommenes, unscharfes Objekt des Alltags ins Bild. Ohne Kontur und doch ungeheuer prägnant. Leiter setzt in der Photographie Farbe ein, wie man es bisher nur aus der Malerei kannte – aber ohne dabei in irgendeiner Weise die Malerei nachzuahmen oder von ihr zu borgen. Seine Photographen bilden ab, dokumentieren und sie machen zugleich sehr viel mehr, schärfen den Sinn, den Blick für die Farbe und die Großstadtstimmung, die sich im Zusammenspiel, in der Anordnung der Elemente zeigt. Diese Photographie einer Frau inmitten der Stadt, auf ihrem Weg irgendwo hin, abgelichtet in Unschärfe ist ein Dokument dafür, wie ungeahnt modern und zugleich in die Abstraktion hinübergleitend eine Photographie arbeiten kann und auf welch eindringliche Weise sie das Wesen der modernen Stadt in ein Bild bringt. Der Text der Stadt ist ein Rausch aus gedeckten Farben, unterbrochen von einem grellen Farbakzent, der das Auge ins Bild führt. Stille inmitten des Straßenlärms und der Bewegungen von Menschen.

Leiters Photographien werden von einer eigentümlichen Ruhe getragen, ihnen ist ein kontemplierendes Moment zu eigen. Dennoch zeigen sie gerade inmitten dieses fast Meditativen die quirlige Seite dieser Stadt New York. Anders aber als William Kleins jazzgeprägten New-York-Fotos Mitte der 50er Jahre, die den Sound, die Bewegung, jenes Birth of the cool, die Hektik sowie die Schnelligkeit dieser Metropole grandios einfangen, indem die Kamera den Menschen auf Leib und Körper, ins Gesicht und auf den Anzug rückt, distanziert die Kamera Leiters die Szene: durch das Fenster, hinter dem Fenster liegt eine eigentümlich gebrochene, stille Welt. Und so dämpfen diese Bilder durch das Glas hindurch, sie schweben und verdichten.
 
Saul Leiter: Taxi, ca. 1957.
 
Die Details entscheiden bei Leitner über das Bild: die Hand in der Schlaufe des Haltegriffes, oder in einer anderen Photographie das Gesicht, das sich im Autospiegel zeigt. Flüchtig sind die Momente, die Leiter einfängt. Aber nicht etwa deshalb weil die Szene im Gang der Zeit zergeht und sogleich eine andere sein kann, so wie Cartier-Bresson den Augenblick, den Moment in der Photographie festfror, wo ein Mensch sich anschickte zu blicken oder irgend einer Tätigkeit nachzugehen, sondern es entsteht bei Leiter ein fast schon abstraktes Spiel, das den Moment über sich selber hinausweist. Farbkontraste, verschlierende, verlaufende Farben oder inmitten des Schneegestöbers aus weiß und grau sticht das Grün einer Ampel hervor. Bewegung und Hektik der Stadt werden aus Leiters Photographien nicht etwa ausgeschieden oder außerhalb des Bildes gehalten, sondern sie frieren in Farbe und Form ein. Insofern ist Leiter der stille, der meditative Photograph der modernen Großstadt des 20 Jahrhundert: der Photograph von New York, jenes New York, das inmitten der Hektik seine sanften Seiten besitzt. Es sind – wenn man so etwas auf diese Weise schreiben kann – sehr amerikanische Photographien, die Leiter fertigte. Photographierte Leiter Berlin, Paris, Tokyo, arbeitete er sicherlich anders, legte er vermutlich Fokus und Akzent auf andere Aspekte in der Komposition. Was wäre in Berlin in den Augenblick der 1/125 Sekunde zu bringen?

Melancholischer Monat November. Sieben Tage vor seinem 90. Geburtstag, am 26.11., verstarb Saul Leiter in New York – der Stadt der Bilder, der Farben, der tristen Farbspiel-Akkorde, der Stadt, die wir mit all unseren Kopf-Mythen assoziieren, mit unseren Wunsch-Bildern besetzt halten. Jene Stadt, die selber einige dieser Mythen in Film und Bild fabriziert. Bilder sind Bestandteil des Mythos New York. New-York-Bilder, Paris-Bilder, Berlin-Bilder produzieren die Stadtträume und sie erzeugen immer weitere und immer wieder neue Photographien. Über den Rand hinaus. Wenn der Regen fällt, in dieser Stadt, die niemals schläft, so sagt man, und deren Facetten und deren Treiben Leiter ins Bild brachte. Hinter dem Fenster und im Regen, hinter den beschlagenen Scheiben eines Cafés und im Schnee warte ich mit meiner Kamera auf diesen einen Moment, diese eine Sekunde, in der Farbe, Form und Mensch zu einem Bild gerinnen.

Saul Leiter hat uns das Farbsehen eröffnet, als die Farbphotographie noch lange kein Thema der Kunst-Photographie war. In Leiters Photographien transformierte die Stadt sich zu einem Ort der Abstraktion, ohne sich dabei aber in Form und Farbe aufzulösen. Saul Leiter schoß einige der spannendsten, eigenwilligsten und betörendsten Photographien des 20. Jahrhunderts. Ich hoffe, daß sich in seinen Archiven noch viele unentdeckte Schätze finden.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Hinter dem Fenster: Zum Tode des Malers und Photographen Saul Leiter

  1. Uwe schreibt:

    Danke für diesen schönen Text. Es ist eine Würdigung im wahrsten Sinne: klar und kompetent in der Beschreibung und zugleich mit einer in der Wortwahl spürbaren Begeisterung für die Eigentümlichkeit von Person und Werk geschrieben. Gerne verlinke ich ihn auf meinem Blog, wenn es Dir recht ist.

    Gruß, Uwe

  2. Bersarin schreibt:

    Wie es so ist mit dem Dank wandert er hin und wieder her, wie jener Taler: insofern bedanke auch ich mich für Deinen freundlichen Kommentar. Sehr gerne kannst Du diesen Text verlinken.

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