In den Digitalgewittern (2): Mit Heidegger ins Internet. Die Banalität des Analen

„So ist denn auch das Wesen der Technik ganz und gar nichts Technisches. Wir erfahren darum niemals unsere Beziehung zum Wesen der Technik, solange wir nur das Technische vorstellen und betreiben, uns damit abfinden oder ihm ausweichen. Überall bleiben wir unfrei an die Technik gekettet, ob wir sie leidenschaftlich bejahen oder verneinen.“ (M. Heidegger, Die Frage nach der Technik)

Texte zum Ende des Novembers hin (Zwischenraum 19.11. bis 24.11. Die Zeit war knapp, denn es kam Besuch ins Grandhotel Abgrund.) Die Weinflasche wurde geöffnet. Geheimnisvoll. Was mag es sein? Die Technik ist ein Mittel zum Zweck und zugleich ist die Technik ein Tun des Menschen.

Macht Wein betrunken? Oder drehe ich nur durch?: Ich gehe an der Packung Marzipan vorbei, lese als Schriftzug „Heidegger“. Dabei steht dort doch bloß „Niederegger“

Scheiße für alle, nein, Abfall für alle, so nannte sich das Internettagebuch von Rainald Goetz. Goetz experimentierte früh mit dieser Form, sich öffentlich zu machen und sich als Person zu inszenieren. Bereits in einem Roman wie „Rave“ stellte er sein Leben bzw. eine bestimmte Lebensform als Literatur- und Lebensexistenzweise aus, Ästhetik der und Ästhetik als Existenz. Die Banalisierung von Ich und Welt in Romanform, so könnte man es ebenfalls nennen. Oder auch die Suche nach dem einzigen Augenblick. Inmitten der Musik, inmitten von Tanz und Ekstase. Distanzlos. Kaum auszumachen, ob Literatur oder authentisches Protokoll. Diese extreme Subjektivierungsweise nun ist seit der literarischen Romantik nichts wirklich Neues. Allerdings wandeln sich unter geänderten technischen Vorzeichen durchaus ihre Inhalte und damit auch die Form selbst.

Internettagebücher sind nur dann von Reiz, wenn mit den Fakten sparsam umgegangen und das übrige der Fakten literarisiert wird. Die Fakten verschwimmen dann zur Inszenierung – ganz gleich ob sie nun ausgedacht oder wahr sind. Andererseits: auch der sich auf die Wahrheit verpflichtende Text simuliert nur diese Wahrheit: Achtuhrfünfzehn: aufgestanden, achtuhrdreißig: Joggen gegangen, neunuhrfünfzehn: Frühstück mit Tiffany. Neunuhrhfünfundvierzig: Hegel lesen, Neunuhrachtundvierzig: von Seite 51 auf Seite 52 geblättert, Dreizehnuhrachtzehn: Küche aufräumen: Werden solche Tätigkeiten aneinandergereiht, scheint mir dieser Exzeß der Aufrichtigkeit kaum spannend, geschweige daß ich gewillt bin, ihn anregend oder irgendwie bedeutsam zu nennen, doch kann er in bestimmten Konstellationen eine unerwartete Wendung nehmen. Ebenso die Aufschichtung von Ereignis und Politik sowie der unendliche Verweis auf Zeitungs- oder Textlinks. Ich beschränke mich mittlerweile wieder auf die Lektüre von gedruckten Zeitungen sowie einer Wochenzeitung. Wenn ich – was selten vorkommt – daraus etwas für erwähnenswert halte, schreibe ich darüber, zitiere, mache einen Text. Das übrige bleibt weißes Rauschen.

Allerdings können sich in solchen Zeit- und Datumsabfolgen eines Blogs oder eines Internet-Tagebuchs, die teils wie eine unfreiwillige Parodie auf On Kawaras Date Paintings oder von Roman Opałkas Zahlenbildern wirken, wo Kunst und Existenz verschmelzen, lustige oder eigenwillige Fügungen finden. Zum Beispiel, wenn einer im Internettagebuch die Konsistenz seines morgendlichen Kloganges beschreibt und diesen in der Bristol-Stuhlformen-Skala auf Stufe 1 einordnet. Hier kommen Kunst, Existenz und Schreiben zu sich selbst. Packte Piero Manzoni Ende der 50er Jahre Künstlerkot in Dosen und stellte ihn als Kunst-Werk-Ware aus, so zerbröselt nun der Text des Alltäglichen in den Klogang. Wie so häufig, wenn die Phänomene des Hier und Jetzt sich thematisiere, trifft es dieser Satz:  „Was ihr den Geist der Zeiten heißt,//Das ist im Grund der Herren eigner Geist,//In dem die Zeiten sich bespiegeln.“

Der Descartesche Gegen-Beweisschritt von einem Gott (oder bösen Geist), der womöglich ein Betrüger ist oder von einer Welt im Traume, um sich darüber hinaus und aus dem Reich der Täuschungen hinweg seiner selbst und seiner Erkenntnisfähigkeit zu vergewissern, scheint mir auch für die Welt des Digitalen nicht ganz uninteressant. Wie es das Leben vor dem Bildschirm so mit sich bringt, finden wir unendlich viele Einfälle und Ideen, assoziieren Projekte und Lektüren, verbinden Altes mit den Erscheinungen der Moderne: „Platon im Stripteaselokal“ so lautete ein Buchtitel von Umberto Eco. Zum Schluß aber bleiben in diesem Treiben die Denk- und Assoziations-Fragmente, die Tendenz zum Unvollständigen. Wir können alles. Aber nur halb. Das ist manchmal gut und gelungen, aber nicht immer. Also nehme ich mir die Descartesschen „Meditationen über die Grundlagen der Philosophie“:

„Indessen – mögen uns auch die Sinne zuweilen über kleine und ferner liegende Gegenstände täuschen, so gibt es doch am Ende sehr vieles andere, woran man gar nicht zweifeln kann, wiewohl es auch aus den Sinnen herrührt, so z. B. die Wahrnehmung, daß ich hier bin, am Ofen sitze, meinen Winterrock anhabe, dies Papier hier mit den Händen berühre u. dgl. Wie könnte ich leugnen, daß diese Hände, dieser ganze Körper mein sind? – ich müßte mich denn mit ich weiß nicht welchen Wahnsinnige vergleichen, deren ohnehin kleines Gehirn durch widerliche Dünste aus ihrer schwarzen Galle so geschwächt ist, daß sie hartnäckig behaupten, sie seien Könige, während sie bettelarm sind, oder sie tragen Purpur, während sie nackt sind, oder sie hätten einen Kopf von Thon oder seien ganz Kürbisse oder seien aus Glas geblasen. Allein das sind Wahnsinnige, und ich würde ebenso verrückt erscheinen, wenn ich auf mich anwenden wollte, was von ihnen gilt.“

Interessanter aber als die Nudelweichkocher des Netzes sind die, welche das Internet im Sinne einer Art Schreib/Lese/Lebenskunst nutzen und sich selbst, die Leserinnen und Leser und auch den Raum der Präsenz als neue Form der Literatur fiktionalisieren. Erst an diesem Punkt kommt die Postmoderne zu sich selber. Aber das ist zugleich ohne große Hoffnung geschrieben und mitnichten nur in einem positiven Sinne utopisch gedacht, als ließen sich nun die neuen Möglichkeiten des Digitalen über die Ästhetik umstandslos ins Positive wuchten. Poststrukturalistisch – im Unterschied zum Postmodernen – ist diese Bewegung von Präsenz und Fiktion nur dort, wo sie den Modus durchstreicht, in dem die im Internet Kommunizierenden habhaft gemacht werden können, und ebenso zerstört diese Bewegung von Präsenz, Fiktion, Poetisierung und Literarisierung den Betrug derer, die sich narzißtisch als das inszenieren, was sie nie sind und nie sein werden. Wie sehr die Nutzer von Internetblogs ihrer eigenen Sucht nach Subjekt und Präsenz auf den Leim gingen und etwas projizierten, was so nie da war, sondern nur in der Phantasie der Leserinnen und Leser bestand, zeigte der geniale Blog von Aléa Torik, der nach Abschluß seines Literaturprojektes leider nur auf Sparflamme köchelt. Männer, die auf Frauen stehen und die plötzlich mit der Literatur in Berührung kommen. Oder wie es in Kleists „Die Marquise von O….“ heißt: „Durch diese schöne Anstrengung mit sich selbst bekannt gemacht, …“ Was für eine Sentenz! Immer noch. Man möchte diese Anstrengung und diese Arbeit vielen wünschen.

Ebenfalls nicht im Sound der blinden Affirmation oder der Plattitüde schreibt Alban Nikolai Herbst in seiner „Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens“, die als Buch und als Internetprojekt präsent ist. Ich will darauf aber irgendwann gesondert eingehen.

Flasche Grüner Silvaner vom Weingut Kloster Schulpforta, nach zwei Stunden war der Inhalt der Flasche ausgetrunken. Zustandsbericht gefunkt: Einundzwanzig Uhr fünfzehn: Sendungen in die Vereinigten Staaten. „Du“, sagt der eine Twin Tower zum anderen, „ich bin verliebt!“ „Wieso?“ „Ich habe Flugzeuge im Bauch!“ Nach dem 11. September 2001 ist alles möglich, auch der gespielte Witz, selbst der schlecht gespielte Witz. Und es besteht sogar die Möglichkeit, daß diese Flugzeuge eine feine, von der US-Regierung inszenierte Werbe-Kampagne für umfassendes Post Privacy sind. Cui bono? ist eine Frage, die sich immer wieder gut stellen läßt. [Daß eine Spiegelfläche des Romans Alèas Ich am 11. September 2011 seinen Anfang nimmt, ist in dem Spiel von Inszenierungen, Konstruktion und Dekonstruktion nicht weiter erstaunlich. 9/11 hat einiges auch mit dem Internet und den Formen des Überwachens zu tun. An die Heiligkeit der Ereignisse von 9/11 glaube ich mittlerweile immer weniger. Ohne nun ins Fahrwasser der Verschwörungstheorien geraten zu wollen: Die USA inszenierten ihren Gründungsmythos für eine neue Form von Überwachung und eine ganz neue Weise des Krieges.]

Wir müßten das Internet und diese Winkel und Ecken des Netzes so lesen, wie Karl Kraus das Wien zu seiner Zeit sichtete:

„Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!“
(Karl Kraus, Die Welt der Plakate)

Ja, den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit und sich nicht vom „weißen Rauschen“ zu benebeln. Die, die schreiben, beim Wort zu nehmen, und das Wort auf Schreiberin oder Schreiber wieder zurückzubiegen, um zu schauen, wie sehr Begriff und Wirklichkeit in Übereinstimmung sind.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu In den Digitalgewittern (2): Mit Heidegger ins Internet. Die Banalität des Analen

  1. JimKnopf13 schreibt:

    Ein beeindruckender Text, den man nicht so lesen kann, wie man Blogs sonst zumeist liest… Das wäre auch noch etwas: die Rezeptionserwartung. Längst ist der Blog-Leser auf das Rauschen eingestellt. Im Internet liest kaum einer so, wie er abends seinen Houllebecq liest. Das ist nicht das Kraus-Programm, sondern eher: ja, da wird das große Blabla produziert, das hab ich längst einkalkuliert. Insofern wäre ein Blog doch etwas anderes als eine Zeitung. Der Leser mag den Autor eben nicht auf die Wahrheit nageln. Er nimmt das so mit, nicht in sich auf. „Die, die schreiben, beim Wort nehmen“ Das wäre schon etwas. Aber ich befürchte, mit Krausscher Sprachkritik ist dem gar nicht mehr beizukommen. Das ist die Arbeit für einen Soziologen geworden, der die Strukturen des Rauschens und des Blablas beschreibt.

    PS. Ich habe nun eine kleine Blogroll, in die ich Ihren Blog aufgenommen habe, wenn Sie nichts dagegen haben.

  2. Bersarin schreibt:

    Der Begriff der Kommunikation bei Adorno ist mehrschichtig. Es existiert bei ihm einerseits eine skeptische Haltung, wenn sich das Einerlei des Immergleichen im Reden und Schreiben als Besonderes und Herausragendes verkaufen will. Andererseits setzt er einen Kommunikationsbegriff an, der den doch sehr technischen von Watzlawick und über haupt dem Konstruktivismus doch weit übersteigt. Kommunikation ist nicht, sondern wäre erst herzustellen, könnte man mit Adorno schreiben.

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