„Finsterworld“ – Deutschland zero zero

„Wohl sind die Menschen ausnahmslos unterm Bann, keiner zur Liebe schon fähig, und darum meint ein jeder sich zu wenig geliebt.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik)

Die vorweihnachtlichen Tage des November sind eine besinnliche Zeit, die Menschen können viele feine Dinge unternehmen. Sie gestalten und basteln, werkeln und wichteln, sie schaffen zu Hause dies und jenes. Auch glaubt man nicht, was für leckere, wohlschmeckende Kekse ein geübter Bäcker aus seinem Ofen hervorzaubert. Wer sich von jenen Novembertagen samt der Tristesse des fahlen Himmels gerne ablenken läßt, um nicht dem Trübsinn oder der Acedia zu verfallen, der verbringt womöglich manche Stunde gerne im Kino. Und wer leidenschaftlich ins Kino geht und Lust am Schrecken und am Schönen gleichermaßen mitbringt – denn Erschaudern, Schrecken und Reinigung von den Affekten: das will jedes Kunstwerk, so auch der Film –, der schaue sich das Spielfilmdebüt „Finsterworld“ der Regisseurin Frauke Finsterwalder an. Lauter Geschichten aus Intensität heraus gedreht. Eine Reise durch das Herz der Finsternis, Zustände in der ganz gewöhnlichen Ausnahmezone Deutschland.

Der Film geht an die Schmerzgrenze, er liefert grandiose Dialoge, es mischen sich darin Tragödie und Komödie. Es ist eine Fahrt mit der Kamera durch Deutschland und in die Abgründe hinein. Allemagne neuf zero verschwimmt in  Vergangenheit. Beziehungsweise: Faserland ist abgebrannt, von nun an sei Finsterworld. Es ist – ganz klar – ein Film über Deutschland. Unsrer Heimat: das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsre Heimat sind auch all die Bäume im Wald. Und diese Bäume rauschen und biegen sich zum Schluß des Films mächtig im Wind. Es sind in diesem Film die Bilder der Natur, die so etwas wie eine heile Welt simulieren. (Es erinnert mich um ein geringes an Twin Peaks von Lynch.) Aber die Naturbilder verweisen ebenso darauf, daß die Gesellschaft in gewissem Sinne durchaus noch dem Naturzusammenhang entstammt und diesen Trieb nicht loswurde. Der Film beobachtet die Menschen wie Käfer und darin liegt seine Stärke. Aus der Distanz heraus betrachtet und inszeniert er das zumeist lieblose Geschehen. Und zeigt dabei doch Szenen von anrührender Intensität in der Liebe, so zum Beispiel wenn der in einer Waldhütte lebende Einsiedler einen Raben aufnimmt und aufpäppelt oder wenn ein Fußpfleger in einem Altenheim eine rund vierzig Jahre ältere Frau: ja: auf seine Art liebt. Short cuts. Es ist auch ein Film über die Liebe und den Mangel derselben in der Welt, über Zynismus und Verlogenheit der Gesten und der Worte.

„Finsterworld“ verfolgt verschiedene Handlungsstränge, die alle auf eine bestimmte Weise miteinander zusammenhängen. Zwölf Hauptpersonen (und spaßigerweise in einer Nebenrolle als Pelzhändler Dieter Meier von Yellow) treten in diesem eigenwilligen Reigen auf, der in seiner Boshaftigkeit, in seiner Brutalität und Trostlosigkeit manchmal an den Struwwelpeter oder an die bösen Streiche von Max und Moritz erinnert, ohne aber dabei irgend eine Moral zu liefern. Der Film zeigt, wie es ist, er ist ein Stück weit ein – freilich inszeniertes – Protokoll des menschlichen Makels, der Sehnsüchte, Leidenschaften und Abneigungen. Allerdings überspitz dieses Protokoll die Situation auf gekonnte Weise, treibt sie auf den Punkt zur Groteske, zur Komödie, zur kleinen und großen Tragödie. Frauke Finsterwalder, die vom Dokumentarfilm herkommt, hat im Grunde keinen Spielfilm, sondern einen weiteren Dokumentarfilm geschaffen. Insofern dürfte es kein Zufall sein, daß in ihrem Film ebenfalls eine Dokumentarfilmerin namens Franziska Feldenhoven vorkommt, die eine Doku über einen arbeitslosen, perspektivlosen Mann in einer Wohnung dreht. Sie interviewt ihn, und der Mann – Klischee seiner selbst – sitzt vor dem Fernseher, sieht eine Sendung, in der putzige Eichhörnchen in den Bäumen klettern, er antwortet einsilbig, löffelt dazu einen Teller Spaghetti-Bolognese, das aus der Tüte von Maggi oder aus der Dose von Erasco stammt.

„Finsterworld“ zeigt Charaktere sehr dezidiert, schonungslos, aber er führt diese Menschen nicht vor, sondern zeichnet ihre Schwächen, ihre Vorlieben und teils ihre Skurrilität sowie ihre Sehnsüchte sehr genau auf. Häufig lachte ich und wußte doch, daß das alles eigentlich so gar nicht zum Lachen ist. Humor ist eine besondere Gabe, und wer wie worüber lacht und Witze macht, zeigt viel über das Denken eines Menschen.

Die Geschichte splittert sich in verschiedene Sequenzen: Da ist der Polizist Tom, Lebensgefährte der Dokumentarfilmerin Franziska, der den Fußpfleger Claude im Auto anhält, weil dieser während der Fahrt mit einem Kunden telefoniert. Claude – großartig gespielt von Michael Maertens – besticht in einer absurden Dialogführung den Polizisten mit einer Kollektion Fußpflegemittel und Geld, weil er ansonsten aufgrund seines Punktestandes den Führerschein verlöre. Claude braucht sein Auto. Er ist auf dem Weg zum Altenheim, wo er liebevoll, mit Hingabe und Einfühlungsvermögen die Füße der einsamen Frau Sandberg pedikürt. Claude spricht mit ihr, erzählt, hört zu, er fährt die Frau mit dem Rollstuhl durch den Garten des Altenentsorgungsheim. Und dann kommt diese großartige Szene mit „Werthers Echtem Kaubonbon“ und dem von Claude als widerlichen anekelnd empfundenen „Fiderallala, Fiderallala, Fiderallalalala“-Gesang aus der „Vogelhochzeit“ samt dem „Simsalabim, bamba, saladu, saladim“: wer hat sich als Kind nicht gefragt, was dieser fremde Worttand bedeutet: Klang und unbekannte Worte als Idiosynkrasie; Natur in Liedform, lautmalerisch und fremd zugleich.

Claude feilt und pflegt die Füße der Frau Sandmann, dann schubbert er die Hornhaut mit einem Schleifgerät ab. Er sammelt das Hornhautpuder in einem Tuch, legt das schwarze Tuch sorgsam in ein Kästchen aus Metall und nimmt es mit nach Hause. Er bietet Frau Sandberg Kekse an, die er bei sich zu Hause bäckt. Frau Sandberg mag diese Kekse, Frau Sandberg ist einsam.

In gewissem Sinne handelt es sich bei diesem Film – auch – um eine Familienstory. Denn der Film erzählt ebenfalls von Frau Sandbergs Sohn Georg sowie seiner Frau Inga Sandberg (genial gespielt von Bernhard Schütz und Corinna Harfouch). Beide sind reich, sehr reich, sie leben in ihrer Blasenwelt, sie verachten jenes miefige kleinbürgerliche Deutschland, sie sind unkonventionell links, weil es schick ist. Der Spott und die zynische Verachtung dieses Paares, insbesondere diese Dialoge zwischen Georg und Inga, sind das begeisternde des Filmes. Es wirkt derart übersteigert und inszeniert, daß es nicht mehr wahr und dabei zugleich gerade deshalb ganz und gar wirklich ist. Sie liegen in einem edlen Hotelzimmer, in weißen Bademänteln, Inga bestellt am Telefon einen Mietwagen, um nach Paris zu kommen, weil die Plätze in der First Class der Fluglinie ausgebucht sind. Nein, keinen deutschen Wagen möchte sie, keinen Nazi-Wagen, also keinen BMW, keinen Mercedes, keinen Porsche, aber es sind die Wagen der Oberklasse nun einmal alles deutsche Modelle, und so bietet man ihnen am Ende einen riesigen amerikanischen SUV an. Ob Frau Sandberg ihn sich abholen wolle, fragt die Stimme am Telefon. „Nein, auf gar keinen Fall fahre ich in Ihr Büro, da bekomme ich ja Depressionen!“, antwortet Inga Sandberg. Beide lieben ihren Weltekel gegen das Gewöhnliche und ihren intellektuellen Ennui.

Dies haben sie mit ihrem Sohn Maximilian gemeinsam, den die Eltern ins Internat verfrachtet haben. Nur daß dieser Maximilian – Kind seiner Zeit – einen jener neu-rechten oder einfach nur boshaft-provokanten, verzogenen perfekt mit Markenkleidung angezogenen, Burschen abgeben, die den Lehrer und die Mitschüler mit ihrem halb-intellektuellen Potential provozieren und aus der Reserve locken wollen. Die blonden Haare mit einer schwungvollen Welle zur Seite gescheitelt, Einstecktuch am Revers. Max ist eines jener teuflischen Kinder, wie wir sie von Juli Zehs „Spieltrieb“ kennen, denen die Moral des Durchschnitts eine Spielwiese für ihren Zynismus ist. Mit boshaft-unschuldiger Miene fragt Max seinen Lehrer beim KZ-Besuch, ob es denn nicht die Briten im Burenkrieg waren, die zuerst solche Konzentrationslager errichteten, mit gelangweiltem Gestus durchschreiten er und sein Freund Jonas das Lager. Der Besuch in einem nicht näher benannten KZ mündet in einer Katastrophe. Eine der Mitschülerinnen, Natalie, wird krude und heimlich in einen der Verbrennungsöfen gestoßen, die schwarze Stahltür wird verschlossen und darin in diesem Ofen schreit das Mädchen, wälz sich in Angst und Entsetzen in Staub und Restasche oder was auch immer noch in diesem Verbrennungsofen sich als Erinnerungsfragment sedimentierte. Es ist dies eine der eindringlichsten Szenen. Immer wieder springen den Betrachter in diesem Film die Bilder schockhaft an, selbst da, wo sie nicht in dieser Brutalität daherkommen.

Der Film läuft über mehrere Ebenen: eine davon handelt von den Beziehungen und vom Politischen: er fragt danach, wie im Zeitalter ungebremster Egozentrik die Liebe zwischen Menschen funktioniert. Die Liebe zwischen der engagierten umtriebigen, robusten Filmemacherin Franziska und dem feinfühligen Tom geht aus dem Ruder, die zwischen Inga und Georg läuft in einem eigenwilligen Einklang des ironisiert-abgeklärten Modus und der bösartigen Witzeleien gegen alles Spießige. Beide ergänzen sich in ihrem bösen Humor, in ihrer Skepsis, sie sind hochsinnlich und erotisch, ihre Liebe wird vermutlich lange halten. Insbesondere vermag diesen Liebesreiz Corinna Hafouch so überzeugend zu spielen, daß selbst ein zehn Jahre jüngerer Rezensent wie ich schwach werden könnte. Da schieben sich im Politischen Schuld und Gleichgültigkeit angesichts der Verbrechen der NS-Zeit ineinander: die einen üben sich in zynischem Abgesang aufs häßliche Deutsche, die anderen wie der Sohn Maximilian präsentieren sich beim Ausflug ins KZ in der provokanten Pose. Die Internatsklasse begrüßt ihren Lehrer mit „Heil Hitler, Herr Nickel“, wie sich eben Schüler beim ritualisierten Erinnern unter Zwang verhalten; die Schülerin Natalie liest im Comic, ihr Freund Dominik bastelt aus seinen Brötchenzutaten mit Ketchup, Gürkchen und Senf ein Gesicht auf dem Mortadella-Belag.  Absurd auch der Handyklingelton von Inga Sandberg: es ist eine nicht ganz so bekannt, aber sehr dramatische Melodie aus dem „Rheingold“. Ausgerechnet Wagner. Ein feiner, kleiner Nebenscherz.

Vor allem aber ist es ein Film, der von den Idiosynkrasien handelt: jene Dinge und Handlungen, die uns zunächst befremdet, mit Wiederwillen erfüllen oder uns anekelt, stellt dieser Film ostentativ zur Schau. Ob das nun ein Verbrennungsofen sein mag, in dem die Schülerin Natalie ausharren muß, zynische Dialoge oder Menschen, die sich, wie Tom, in Tierkostüme kleiden, zur Furry-Convention fahren, um sich dort von anderen Menschen, die ebenfalls in Tierkostümen stecken, streicheln und umarmen zu lassen – einander das flauschige Fell zu fühlen. (Verwundern sollte uns so etwas jedoch nicht, in einer Zeit, in der erwachsene Frauen mit stilloser Selbstgewißheit Mützen tragen, die Tierköpfe mit Tierohren imitieren. Konsequent erscheint es dann, gleich ganz in Pelz und Plüsch herumzulaufen.)

Ist es appetitlich und sinnlich, eine ekelhafte Sphaghetti-Pampe aus einem Teller zu löffeln, und darf man eine solche Szene in einer Doku filmen und einen Menschen in seinem Tun vorführen? Das ist der neue Neorealismus, so sagt es Franziska in ihren unendlichen Ego-Monologen zu ihrem Freund Tom beim Essen von lecker-leichter Thai-Küche. Harmlos mögen die Aversionen sein, die das „Fiderallala“ hervorruft. Aber ist es statthaft, wenn ein Fußpfleger die Brüste und den Körper einer vierzig Jahre älteren Frau berührt und wenn diese alte Frau jenen einzigen Mann, der ihr noch zuhört ebenfalls begehrt? Weshalb rufen diese sehr sinnlichen  und zärtlichen Szenen bei manchen Unwohlsein hervor? Gibt es Menschen, die gerne Kekse verspeisen, in die ein gekonnter Bäcker die Schuppen und Hornhäutungen pulverisiert mit eingebacken hat? Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen, und man begehrt einander mit Haut und Haar.

Aus den teils brillanten Dialogen hört man sehr genau die Handschrift des wunderbaren Drehbuchautoren Christian Kracht heraus. Kracht schreibt und skizziert wie immer großartig. Ihn in die recht Ecke zu schieben, zeigte – damals schon – die Idiotie des eindimensionalen Menschen, der es gerne in den vorgefertigten Schemata mag, um ein Kunstwerk auf gar keinen Fall selberdenkend in die Betrachtung zu nehmen.

Aber der Film zeigt auch, wie sehr es im Leben an jenem einen Augenblick hängt, der dann alles weitere Geschehen bestimmt und strukturiert – negatives Kairos dieses einen Moments. Wenn der Schüler Dominik auf der Raststätte nicht beobachtet hätte, wie Max Natalie küßt, dann wäre Natalie womöglich nicht im Verbrennungsofen gelandet, der Lehrer Nickel säße nicht ungerechtfertigt im Gefängnis. Und es fiele nicht plötzlich dieser Schuß, die Kugel dränge nicht durch die Autoscheibe des gemieteten SUVs und einer der Beteiligten wäre noch am Leben. Manches Geschehen des Films fällt einen wie einen Schock an.

Ich mochte Cat Stevens aka Yusuf Islams Musik nie sonderlich. Zu diesem Film paßt sie zum Beginn und ebenso im Abspann in ihrer scheinbaren Harmlosigkeit sehr gut. Daß Frauke Finsterwalder beim Theater hospitierte, merkt man diesem Film in seiner Dramaturgie und insbesondere bei den Dialogen an. Und zwar auf eine gekonnte Weise. Ein großartiges Debüt, das ich jeder und jedem empfehlen möchte, sich anzusehen. Endlich einmal wieder ein Film, der die vielfach gepflegte Harmlosigkeit des deutschen Kinos hinter sich läßt. Es gibt keinen Ausweg. Doch, sagt die Katze zur Maus, du mußt nur die Laufrichtung ändern.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu „Finsterworld“ – Deutschland zero zero

  1. JB schreibt:

    Ein wirklich sehr guter Beitrag!
    VG, JB

    http://behindthedramaturgy.wordpress.com/

  2. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank, ich habe mir meinen Text noch einmal durchgelesen und bin ebenfalls zu diesem Schluß gekommen. Um es mit Special Agent Dale Cooper aus „Twin Peaks“ zu sagen: Ein verdammt guter Beitrag.

  3. eric bauer schreibt:

    Auch 2017 ungebrochen. Danke für den Hinweis auf Wagners Rheingold im Film.

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