9. November 1938: Opa, Oma, Hans und Peter: Keine Opfer, sondern Täter!

Der böse Kamerad. Eigentlich müßte ich den Faschismus aus der Erinnerung meiner Kindheit ableiten können. Wie ein Eroberer in fernste Provinzen, hatte er dorthin seine Sendboten vorausgeschickt, längst ehe er einzog: meine Schulkameraden. Wenn die Bürgerklasse seit undenklichen Zeiten den Traum der wüsten Volksgemeinschaft, der Unterdrückung aller durch alle hegt, dann haben Kinder, die schon mit Vornamen Horst und Jürgen und mit Nachnamen Bergenroth, Bojunga und Eckhardt hießen, den Traum tragiert, ehe die Erwachsenen historisch reif dazu waren, ihn zu verwirklichen. Ich fühlte die Gewalt des Schreckbilds, dem sie zustrebten, so überdeutlich, daß alles Glück danach mir wie widerruflich und erborgt schien. Der Ausbruch des Dritten Reiches überraschte mein politisches Urteil zwar, doch nicht meine unbewußte Angstbereitschaft. So nah hatten alle Motive der permanenten Katastrophe mich gestreift, so unverlöschlich waren die Mahnmale des deutschen Erwachens mir eingebrannt, daß ich ein jegliches dann in Zügen der Hitlerdiktatur wiedererkannte: und oft kam es meinem törichten Entsetzen vor, als wäre der totale Staat eigens gegen mich erfunden worden, um mir doch noch das anzutun, wovon ich in meiner Kindheit, seiner Vorwelt, bis auf weiteres dispensiert geblieben war. Die fünf Patrioten, die über einen einzelnen Kameraden herfielen, ihn verprügelten und ihn, als er beim Lehrer sich beklagte, als Klassenverräter diffamierten – sind es nicht die gleichen, die Gefangene folterten, um die Ausländer Lügen zu strafen, die sagten, daß jene gefoltert würden? Deren Hallo kein Ende nahm, wenn der Primus versagte – haben sie nicht grinsend und verlegen den jüdischen Schutzhäftling umstanden und sich mokiert, wenn er allzu ungeschickt sich aufzuhängen versuchte? Die keinen richtigen Satz zustande brachten, aber jeden von mir zu lang fanden – schafften sie nicht die deutsche Literatur ab und ersetzten sie durch ihr Schrifttum? Manche bedeckten die Brust mit rätselhaften Abzeichen und wollten im Binnenland Marineoffiziere werden, als es längst keine Marine mehr gab: sie haben sich zu Sturmbann- und Standartenführern erklärt, Legitimisten der Illegitimität. Die verkniffen Intelligenten, die so wenig Erfolg in der Klasse hatten wie unterm Liberalismus der begabte Bastler ohne Konnexionen; die darum den Eltern zu Gefallen sich mit Laubsägearbeiten beschäftigten oder gar zur eigenen Freude an langen Nachmittagen verwickelte Reißbrettzeichnungen mit bunten Tinten auszogen, verhalfen dem Dritten Reich zur grausamen Tüchtigkeit und werden nochmals betrogen. Jene aber, die immerzu trotzig gegen die Lehrer aufmuckten und, wie man es wohl nannte, den Unterricht störten, vom Tag, ja der Stunde des Abiturs an jedoch mit den gleichen Lehrern am gleichen Tisch beim gleichen Bier zum Männerbund sich zusammensetzten, waren zur Gefolgschaft berufen, Rebellen, in deren ungeduldigem Faustschlag auf den Tisch die Anbetung der Herren schon dröhnte. Sie brauchten nur sitzenzubleiben, um die zu überholen, die ihre Klasse verlassen hatten, und an ihnen sich zu rächen. Seitdem sie, Amtswalter und Todeskandidaten, sichtbar aus dem Traum hervorgetreten sind und mich meines vergangenen Lebens und meiner Sprache enteignet haben, brauche ich nicht mehr von ihnen zu träumen. Im Faschismus ist der Alp der Kindheit zu sich selber gekommen.

Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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13 Antworten zu 9. November 1938: Opa, Oma, Hans und Peter: Keine Opfer, sondern Täter!

  1. neumondschein schreibt:

    Die verkniffen Intelligenten, die so wenig Erfolg in der Klasse hatten wie unterm Liberalismus der begabte Bastler ohne Konnexionen; die darum den Eltern zu Gefallen sich mit Laubsägearbeiten beschäftigten oder gar zur eigenen Freude an langen Nachmittagen verwickelte Reißbrettzeichnungen mit bunten Tinten auszogen, verhalfen dem Dritten Reich zur grausamen Tüchtigkeit und werden nochmals betrogen.

    Die Schuld trifft halt irgendwie alle, unabhängig davon, was sie getan oder unterlassen haben. Die Deutschen benehmen sich halt alle wie Zivilisten, d.h. sie haben Angst, stellen sich nicht vor den Schläger, der viel stärker ist als man selber, so als ob man auf diese Art den Faschismus stoppen könnte. Mit dieser unausweichlichen Schuld eines jeden zufällig reinrassigen Germanen den Nazismus zu begründen, finde ich tautologisch. Darüber hinaus führt eine solche Beweisführung zu einer völkischen Sicht auf die Geschichte. Menschen aller von den Nazis besetzten Nationen, die den Nazis freiwillig ihre Juden zum Schlachten übergaben, holländische, norwegische, polnische, französische Kollaborateure werden von aller Schuld freigesprochen oder zumindest wird die Schuld individuell beigemessen und nicht jeder x-beliege Franzose für das Petain-Regime verantwortlich gemacht. Angehörige von Nationen mit seinerzeit zweifelhaften Regimen wie Kroaten, Rumänen, Slowaken und Ungarn wird eine geringere Schuld beigemessen, und Italiener und Spanier haben noch einmal Glück gehabt, daß ihre Faschismen nicht so dolle wüteten. Wenn man schon so ausschließlich moralisch Geschichte beurteilt, dann sollte man doch wenigstens die persönliche Verantwortung zur Grundlage der Bewertung erheben und nicht die Schuld von Kollektivsubjekten. Heute gründet sich schon wieder und ausgerechnet auf den Holocaust der Nationalstolz, der deutsche Patriotismus, der sich in aggressiver Weise nach außen wendet, wie Joschka Fischer das belegt, um Jugoslawien zu zerschlagen.

  2. Bersarin schreibt:

    Neumondschein: Wenn man alles, was einem gerade durch den Kopf geht, in einen Küchenrührer steckt und wirr durcheinanderwirbelt, dann kommt nicht immer Gutes dabei heraus.

    Daß viele Menschen in vielen Länder fröhlich mittaten und ihre Juden pflichtschuldig dem Führer überließen, spricht sie kaum von der Schuld frei, und diese Schuldfrage ist sicherlich keine völkische oder eine der Rasse, weil dies eben unsinnige Kategorien sind, die auf einem Biologismus gründen, der in „höher“ und „nieder“ unterscheidet und aus diesem Unterschied zudem Handlungen ableitet. Fakt bleibt aber, und das wirst sicherlich auch Du nicht abstreiten wollen, Neumondschein, daß dieser eliminatorische Antisemitismus von Deutschland her seinen Anfang nahm.

    Antisemitismus existiert seit über tausend Jahren. Seine Ausprägungen sind sehr unterschiedlich. In Berlin ist es in manchen Gegenden nicht sonders ratsam mit Kippa und Davidstern durch die Straßen zu gehen. (Obwohl: es liegt nicht an der Gegend. Deshalb zusammengeschlagen werden kann man auch woanders.) Gab es in Rußland teils eruptive Progrome, so waren diese doch nie so gezielt, daß da mit System und kühlem Rechnen ein millionenfacher Mord geplant wurde. Die Pläne zur Deportation und zur industriellen Vernichtung der Juden schufen nicht Franzosen oder Esten, Letten oder Litauer, sondern Deutsche. Und Hitler kam meines Wissens nicht 1933 in Paris an die Macht, sondern in Berlin. Von dort, von Deutschland aus nahm die Shoah ihren Ausgang.

    Daß sich der deutsche Nationalstolz auf dem Holocaust gründet stimmt: Die NPD und andere Faschisten sind immer noch Stolz auf den millionenfachen Mord an den Juden. (Von dem an Roma und Sinti ganz zu schweigen. Umgebracht wird eben alles, was anders ist und sich nicht der Volksgemeinschaft fügt. Diesen Umstand beschreibt Adorno sehr gelungen) Und zuweilen grölen diese Faschisten in den Fußballstadien: Wir bauen eine U-Bahn von Berlin bis nach Auschwitz.

    Wer wie Fischer und andere Auschwitz in dieser Weise als Argument in Anspruch nimmt, der tut dies gezielt und manipulative. Solches ist an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten.

  3. neumondschein schreibt:

    Wer wie Fischer und andere Auschwitz in dieser Weise als Argument in Anspruch nimmt, der tut dies gezielt und manipulative. Solches ist an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten.

    …zumal die ja auch Adornos kategorischen Imperativ gebrauchen („…ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe…“). Aus diesem Imperativ brauen die sich einen aggressiven patriotischen Bellizismus zusammen. Also: Zuviel Moral ist nie gut, zumal, ob ein Verbrechen „Auschwitz ähnlich“ ist, Interpretationssache ist, bei der man entweder den Holocaust relativiert oder sich der Kumpanei mit Nazis schuldig macht, je nachdem, ob man diese Manipulation mitmacht oder nicht. Mit dieser Chose wird man mit notorischen Pazifisten fertig, die z.B. Joschka Fischer bedrängen.

    Daß z.B. ungarische,kroatische und rumänische Schläger in geringerem Umfange antisemitisch wären, möchte ich bestreiten. Viele Ungarn freuten sich aufrichtig über das Verschwinden der Juden. Daß Pfeilkreuzler den Judenmord nicht gleich selbst übernahmen, war ja nur historischer Zufall. Und die rumänische „Eiserne Garde des Erzengel Michael“ war auch nicht besser. Im Prinzip ist es ja vollkommen wurscht, ob man Juden nun mit Hilfe staatlicher Organisation oder mit Hilfe von Todesschwadronen systematisch ermordet.

  4. Bersarin schreibt:

    Neumondschein, Du produzierst schlichtes Geschwätz. Du erkennst nicht, daß der Satz Adornos eben keine Moralphilosophie im klassischen Sinne ist. Du erkennst nicht einmal den Unterschied zwischen Adornos Satz und den Idiotien Fischers.

    Niemand hat behauptet, daß Ungarn, Russen, Franzosen und andere weniger antisemitisch oder allgemeiner: rassistisch sind als die Deutschen. Und auch heute ist der Haß auf Juden in Ungarn wieder schwer im Kommen. Auch brauchten die Deutschen 1944 bei den Judendeportationen in Ungarn nicht sehr viel auszuhelfen. Das meiste besorgte das Horthy-Regime selber. Aber wer lieferte wohl die Logistik, wer konstruierte und stellte die Verbrennungsöfen her, wer fabrizierte das Gas und wer baute die Lager? (Und antworte bitte nicht, polnische Fremdarbeiter bauten die Lager.)

  5. neumondschein schreibt:

    Du erkennst nicht, daß der Satz Adornos eben keine Moralphilosophie im klassischen Sinne ist. Du erkennst nicht einmal den Unterschied zwischen Adornos Satz und den Idiotien Fischers.

    Was ist denn der Unterschied? Bin ich durch jahrelange Manipulation in antideutschen Blogs verbildet? Ist die Tatsache, daß Deutschland sich industrieller kriegswirtschaftlicher Techniken bediente, irgendwie von Belang? Systematischer staatlich organisierter Massenmord ist systematischer staatlich organisierter Massenmord. Die SS orderte weit über den gewöhnlichen Bedarf hinaus Läusepulver von der IG Farben. Betriebswirtschaftlich gesehen, hat sich deren Gebrauch als die kostengünstigste Variante herausgestellt, Juden loszuwerden. Sehr betriebswirtschaftlich gedacht hat man auch deshalb, weil man Juden für kleines Geld an die Rüstungsindustrie vermietet hat, bevor man sie vernichtete. Davon hatten bis auf die betroffenen Juden alle etwas. Der Staat sparte Löhne, also Kosten und die SS hatte zusätzliche Einnahmen. Die IG Farben verbuchte mit ihrem Läusepulver große Erfolge. Und nachdem man die Juden vernichtet hat, hat man denen die Goldzähne herausgebrochen so wie man sich am Eigentum der Juden bereicherte. Obszön! Wenn die SS die Juden stattdessen in Felsspalten geworfen hätte wie die Ustascha. Wäre das etwas anderes oder gar besseres gewesen?

  6. Bersarin schreibt:

    Wenn Du diesen Unterschied zwischen beiden Sätzen nicht von selber bemerkst, wird Dir nicht weiter zu helfen sein. Das hat nichts mit antideutschen Blogs zutun, sondern setzt einfach nur die Fähigkeit voraus, den Satz richtig zu lesen.

    Genau: Du hast es erkannt, es ist exakt diese Tatsache, daß man die Juden nicht einfach massenhaft auf der Straße totschlug (sondern in Deutschland „nur“ vereinzelt), daß sie nicht in Felsspalten im Harz oder in den Alpen geworfen wurden. Zudem ist es die schlichte Anzahl an Juden, die dieses (gesteuerte) Eruptive unmöglich macht. Diese lassen sich nicht mal eben erschlagen. Aber bereits solche Denkweise ist widerlich. Daß der deutsche Antisemitismus rein eliminatorische Züge hatte, zeigt sich auch an diesem Verhalten: aus den Juden wäre noch viel mehr Arbeitskraft herauszuholen gewesen. Im Sinne der Verwertungslogik gedacht. Aber das tat man nicht, man vernichtete sie. Durch Arbeit und durch Gas. Dieser Umstand machte die Shoah aus. Für den einzelnen Juden ist es freilich egal, ob er von einem Ungarn erschlagen, von einem Polen in Brand gesteckt, von einem Deutschen ins Gas getrieben oder von einem Russen zu Tode gequält wird. Dennoch gibt es einen Sprung in der Quantität, der eine neue Qualität erzeugt.

    Aber im Grunde ist das (neutrale und irgendwie wissenschaftlicher) Schreiben und Reden über diese Umstände der Menschen- und Massentötung bereits obszön. Und insofern, aus dieser Situation heraus, ist es sicherlich verständlich, daß sehr viele Juden, sehr viele Israelis ein großes Vertrauen in die Armee Israels setzen.

  7. neumondschein schreibt:

    …aha, das Systematische, Planvolle, der unbedingte Vernichtungswille und die industrielle Potenz Deutschlands unterscheidet die Nazis von der Ustascha. Dabei sind auch die Ustascha planvoll, systematisch vorgegangen und auch der unbedingte Vernichtungswille war vorhanden. Pavelic‘ Regime hat nur nicht lange genug angedauert. Nur deshalb haben einige Serben, Zigeuner und Juden überlebt.

    Das angeführte Zitat Adorno bezieht sich doch aber auf den gewöhnlichen Klassenschläger, der den Klassenstreber malträtiert. Das bezieht sich doch auf das „eruptive Element“, das den gewöhnlichen Pogrom wie denjenigen von Kischinjow auszeichnet. Weder können Hans und Peter etwas für die Wannseekonferenz noch für die industriellen und die bureaukratischen Methoden, die man anwendete, um den Vernichtungswillen umzusetzen. Hans und Peter unterscheiden sich überhaupt nicht grundsätzlich vom wodka-benebelten Iwan, der von den Schwarzen Hundert zum Morden angestiftet wird. Worin unterscheidet sich denn der deutsche vom rumänischen Patrioten? Über Rumänien hätte Adorno noch viel Entsetzlicheres berichten können, wo Todesschwadronen das Volk tyrannisierten.

  8. Bersarin schreibt:

    Ja, ich erinnere mich: das von Rumänen errichtete Vernichtungslager Treblinka, die Donau-Konferenz in Budapest damals, auf der Horthy die Endlösung organisierte. Und Eichmanovic in Kroatien, der sie durchführte und die Juden in das von Polen in Bulgarien erbaute Vernichtungslager Auschwitz brachte. Und dann erst der wodkabenebelte Iwan, dieser Bau-auf-bau-auf-Fleißbolzen mit seinem Todeslagern Majdanek, Sobibor und Belzek. Wenn Hitler das alles gewußt hätte: er machte dem Iwan sofort den Garaus.

    Diese armen Deutschen, denen man das alles in die Schuhe schob und die so unendlich viel Beschuldigungsleid zu erdulden hatten und die doch nicht anders als Iwan und Rebroff waren. Und dann haben wir am Ende den Juden auch noch verziehen, daß sie umgebracht wurden. Mehr Großmut geht nicht.

  9. neumondschein schreibt:

    Aha! Deutsche Klassenschläger sind anders, irgendwie besonders. Ihr Antisemitismus ist nicht so aufdringlich wie der rumänische aber sehr effektiv…

    Was lernen wir aus Auschwitz? Das deutsche Volk ist schuld! Und das obwohl und gerade deshalb, weil es sich stets pflichtbewußt an das Gesetz hält. Hitler hat die deutsche Republik ausmanövriert. Der abstrakte Souverän, das deutsche Volk, trägt hierfür die Verantwortung. Es hat nämlich Hitler gewählt! Na ja, eigentlich hat es nicht Hitler gewählt sondern alle möglichen anderen Parteien, die ihr Mandat benutzt haben, um die Republik zu zerschlagen. Dennoch tragen nicht diese Hochverräter die Verantwortung sondern der Volkssouverän. Denn der hat diese Hochverräter ja gewählt! Keiner hat das gewollt. Andere Länder wie Bulgarien brauchen ja immerhin noch Anarchisten und Unruhestifter, damit der Staat seine grundlegenden Spielregeln ändert. In Deutschland reicht es, sich einfach strikt an das Gesetz zu halten, und schon stürzt die Republik. So etwas kennen wir ja auch aus der Gegenwart. Niemand will, daß sich Deutschland an internationalen Konflikten beteiligt. Gerhard Schröder hat HaSS-IV installiert und die Verfassung dabei ausgetrickst. Dennoch kann man nicht sagen, daß die SPD die Schuld an HaSS-IV trägt, denn schließlich hat das deutsche Volk die SPD dazu ermächtigt. „Ihr habt es so gewollt, denn ihr habt die SPD gewählt.“ Also gilt HaSS-IV als des Volkes rechtmäßiger Wille. Und dieser Wille wird auch von nachfolgenden Regierungen nicht angetastet, auch wenn niemand HaSS-IV wollte. Was lernen wir daraus? Der Volkssouverän ist ohnmächtig, aber trotzdem für alles, was in seinem Namen geschieht, moralisch verantwortlich. So kann es schon mal passieren, daß von einem Tag auf den anderen die Republik stürzt und irgendwelche Schläger das Ruder übernehmen. Hätte der deutsche Volkssouverän jedoch im entscheidenden Moment gehandelt, dann wäre uns zwar Auschwitz erspart geblieben, das deutsche Volk aber erst recht schuldig geworden. Es hätte das Gesetz übertreten müssen, einen Generalstreik ausrufen müssen, Fensterscheiben wären gar zu Bruch gegangen, rechtmäßig legitimierte, also vollkommen unschuldige Parlamentarier wären bedroht worden. …und dann? …und dann? Eben! Und es hätte sich nicht damit herausreden können, Auschwitz verhindert zu haben, denn das deutsche Volk hätte dann beweisen müssen, daß es ein Verbrechen verhindert hat, das aber gar nicht stattgefunden hat, weil sie ja rechtzeitig gehandelt haben. Da richtet sich der Volkssouverän dann doch lieber in seiner Ohnmacht ein, und erträgt Hitler, die SPD, HaSS-IV, den Afghanistan-Einsatz und die Schuld an all dem, was er zwar nicht gewollt, aber hingenommen hat, und für das er damit moralisch verantwortlich ist.

  10. Bersarin schreibt:

    Tja, Adorno lebte nun einmal in Deutschland, nicht in Rumänien – zufälligerweise auch noch als Sohn jüdischer Eltern. Insofern schrieb er über deutsche Zustände und nicht über die in Rumänien, Ungarn oder anderswo.

    Richtig, die deutsche Bevölkerung trägt eine Mitschuld. Dies ist allerdings keine Schuld im juristischen Sinne. So wie wir heute eine Mitschuld daran tragen, was sich im Mittelmeer und in bezug auf Flüchtlinge, die in die EU wollen, abspielt.

    Tja, Neumondschein, und so sind eben nur die Fensterscheiben von Juden zu Bruch gegangen. Ist ja auch nicht so schlimm. Waren ja im Grunde auch keine Deutschen.

    Ob es wohl einen Unterschied zwischen Hartz IV und Auschwitz gibt?

  11. summacumlaudeblog schreibt:

    Diese Diskussion – besser mondbeschienener Dialog – entwickelt sich in eine Richtung hinein, die fast typisch für unsere Zeit zu nennen ist. Es ist das Relativieren des deutschen zwölfjährigen Wahns gemeint, jenes Einordnen dieses Wahns in ein allgemeines Unzulänglichsein des Mänschen (mit Ä), das wir nun einmal leider zu gewärtigen haben und das nicht zu endern ist (mit E). Wer so wie neumondschein argumentiert, geht dann achselzuckend an Gaskammern vorbei: Die Ausbeutung der Hühner in Legebatterien sind eben das neue KZ! Sogar noch viel schlimmer, weil der Hühnerprotest ohne Sprache auskommen muß! Man glaubt es kaum Bersarin, aber solche „Argumente“ hörte ich einst…

    Gleichzeitig projeziert neumondschein alle möglichen und unmöglichen Ungerächtigkeiten und Unmänschlichkeiten (wir sind wieder beim Ä) dieser Welt auf den Braunauer und seine zahlreiche Anhängerschaft: Ungerechte Sozialgestze, erhöhte Wasserpreise, Bodenspekulationen! So wird suggeriert, dass die Gesetze des Peter Hartz offenbar in Nürnberg verabschiedet worden sind. Hat die Bundesanstalt für Arbeit nicht ihren Sitz in Nürnberg? Aha, wußte ichs doch! Ob „Halbjude“ oder Hartz-4, ist alles dasselbe! Auschwitz is everywhere… der deutsche Wahn geht in eine neue Runde.

    Dass der deutsche Wahn der Jahre 1933-1945 eben nicht als eine Ungerechtigkeit mehr in einer langen Liste zu verstehen ist, sondern als ein die gesamte Gesellschaft umfassender Zivilisationsbruch, genau das versteht Neumondschein nicht. Dieses Nichtverstehen und das gleichzeitige wortreiche Urteilen ist Ausdruck des Fortlebens dieses Wahns, den zu ergründen einem so schwer fällt.

  12. Noergler schreibt:

    Wie bestellt: „Shoa“, heute 20:15 Uhr auf Arte.

    Im Sammelband „Ausverkauf“ von Wolfgang Pohrt (Berlin 1980) finden sich fünf luzide Texte zum deutschen Faschismus. Im Sachbezug zur Kommentardebatte hier führt Pohrt aus, dass das äußerste und nochmals gesteigerte Grauen von Auschwitz nicht darin bestand, dass die Juden dort sterben sondern dass sie dort leben mußten.
    Noch das schlimmste Massaker hat ein Ende; das Vernichtungslager aber steht unterm Prospekt der Ewigkeit. Die Zwangsdepravation der Insassen verändert entsprechend ihre Zeitwahrnehmung. Dafür bringt Pohrt Belege; „Shoa“ liefert weitere. Benjamins Begriff der leeren und homogenen Zeit ist aufs Furchtbarste zu sich selbst gekommen.
    Das ist der Grund, warum der Vergleich mit Juden in Felsspalten werfende Rumänen auf so gräßliche Art alles verfehlt, worum es zu gehen hätte.

    Der Film und das Buch sind dringlich anempfohlen, da sie geeignet sind, auch jenes tiefdunkle Gebiet zu erhellen, wo der Neumond nie hinscheint.

  13. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Wenn sich in allen möglichen Zusammenhängen, die auf den ersten, den zweiten, den dritten Blick nichts mit Auschwitz zu tun haben, dennoch darauf berufen wird und dieses als Begriff, Metapher oder als Schlagstock ins Feld geführt wird, da gibt es nichts, das nicht in einem noch so absurden Dreh angeführt wird. Bis hin zum Hühner-Auschwitz. Oder demnächst irgendwo Barbie-Dream-House-Auschwitz. Entsetzlicher Gestus, entsetzliches und entstelltes Denken.

    @ Nörgler
    Danke für diesen Hinweis auf Pohrt. Das Buch ist leider vergriffen. Aber ich habe es sogleich antiquarisch bestellt.

    Da kann „Shoa“ noch so sehr im Fernsehen oder auf DVD laufen, es trabt und trottet der alte Gaul dieses Immergleichen, des Ranz-Zusammenhangs beständig. Und ohne oder mit Hafer immer wieder. Schlechte Unendlichkeit.

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