Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk? Zum Tode von Arthur C. Danto

Ich komme, wie manche Leserin, mancher Leser sicherlich ahnen, nicht gerade aus dem Herzen der Analytischen Philosophie. Aber das hindert mich nicht daran, eine kleine Würdigung auf Arthur C. Danto zu schreiben, der, wie ich soeben gelesen habe, am 25.10.  verstorben ist. Danto wurde 89 Jahre alt. Sein Denken galt der Kunst, aber in eine ganz andere Richtung sich bewegend als die Ästhetik Adorno. Der Poststrukturalismus samt seiner skeptischen Unschärfenrelationen sowie der Vexierspiele war ihm ein Greuel, die Dekonstruktion in ihrer US-amerikanischen als auch in ihrer französischen Variante war seine Sache nicht. Im Gegenteil.

Bereits die Titel seiner Bücher brachten die Überlegungen Dantos zur Kunst programmatisch auf den Punkt: ob er, wie in „Die philosophische Entmündigung der Kunst“, den Eigenwert der Kunst gegenüber ihrer philosophischen Lektüre stärkte, die Kunst in eine Art von Deutungsgeiselhaft nahm, oder aber in „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ der Frage nachging, was den ontologischen Status eines Kunstwerkes ausmachte. Weshalb sind die Brillo-Boxen Warhols oder das Urinoir von Duchamp Kunst, während jene Boxen in einem Supermarkt plaziert oder das Urinoir in irgendeiner Anstalt für öffentliche Bedürfnisse bloß eine Brillo-Box und eben ein Urinoir sind? Was ist die ontologische Differenz zwischen Kunstwerken und rein realen Dingen bzw. ihren nicht-künstlerischen Gegenstücken? Jene Erklärung, die es über die Institutionalisierung versuchen möchte, daß der eine Gegenstand in einem Museum bzw. in einer Galerie und der andere in einem Supermarkt seinen Ort hat, reichten Danto nicht aus. Und es sind ästhetische Unterschiede ebenfalls keine bloßen Wahrnehmungsunterschiede, wie Nelson Goodman dies vermeint. Die Brillo-Boxen von Warhol weisen keinerlei Unterschiede in ihrer Beschaffenheit zu denen im Supermarkt auf, dennoch sind die Boxen von Warhol Kunst und die im Supermarkt sind es (zunächst einmal und ihrer Alltagspragmatik) nicht. Kunst, wie wir sie bisher im Kanon der ästhetischen Moderne als Abbildlichkeit sowie als Repräsentationsform kennen, ist an ihr Ende gekommen, und diese These vom Ende der Kunst vertrat Danto vehement, ohne aber in die Kunstfeindschaft abzugleiten. Im Gegenteil. Er wollte der Kunst zu einer eigenständigen Gestalt verhelfen und sie in ihr Recht einsetzen, frei von Philosophie und ihrer subsumierenden Begrifflichkeit, so daß Kunst zu einem Ausdrucksmedium eigener Art würde, ohne des erklärenden Gestus der Philosophie bzw. philosophischer Ästhetik zu bedürfen.

Wenn Kunst allerdings frei von jeglicher Philosophie zu halten sei bzw. die Philosophie die Kunst nicht mit ihren Interpretationsleistungen zu ersticken habe, weil ansonsten jene „philosophische Entmündigung der Kunst“ stattfände, gerät auch die emphatische Verteidigung der Kunst, wie sie Danto vornimmt, in den Malstrom der Ästhetikvertilgung. Was Danto zudem zu übersehen scheint, ist der Umstand, daß auch die Kunstkritik selber eine Form der Kunst sein kann. Kritik und Kommentar von Kunst in ihrer besten Form erdrücken ein Werk nicht im Strom hermeneutischer Deutung und des oberlehrerhaften Verstehens, sondern sie schreiben ein Werk fort. In dieser unendlichen Umschrift des Werkes, das sich nie stillstellt, gehört auch die ästhetische Kritik, während Danto am Ende immer noch jenem klassischen Kunstwerk als Original nachzujagen scheint. Dennoch ist dieser Weg, den Danto in seinen ästhetischen Exkursen und Texten beschreitet, reizvoll und es lohnt sich, diesen Weg in kritischer Distanz mitzugehen, weil sich über seine Texte ein Begriff von ästhetischer Erfahrung gewinnen läßt, der über das bloße Lustmoment des Geschmacksurteils, aber auch über die philosophische Hypertrophie hinausreicht.

Schnittmarke für Dantos Betrachtungen ist die Kunst der 6oer Jahre, die Kunst der Pop Art, nachdem der Abstrakte Expressionismus zuvor und ein letztes Mal ein autonomes Werk hervorbrachte, das einer eigenen Dingstruktur unterliegt, die kein Pendant zur Gegenstandswelt besitzt. Insbesondere innerhalb einer Kunst der Spät-Moderne, die nicht mehr mit dem Pinsel und mit Farbe einen dinglichen Apfel in einen solchen auf der Leinwand verwandelte, geraten nun Objekte ins Visier der Kunst, die früher niemals in den Bereich von Kunst gefallen wären. „Cézanne, so beunruhigend originell er innerhalb der Grenzen der Malerei auch war, hatte nur die Wahlmöglichkeit, das Territorium innerhalb dieser Grenzen zu erforschen, ohne diese Grenzen selbst zu verändern, und er hatte nur die Wahl, aus Malfarben Äpfel und Berge zu machen.“ (Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen) Was Danto aufgrund seines Mangels an geschichtlicher und gesellschaftlicher Analyse zugunsten analytisch-philosophischer Sichtung freilich nicht in den Blick bekommt, ist die der Kunst immanente Bewegung: daß die ästhetische Form und die gesellschaftliche Entwicklung der Produktivkräfte korrespondieren. Wie eine solche materiale Ästhetik jenseits einer naiven Widerspiegelungstheorie abgefaßt sein kann, zeigt die „Ästhetische Theorie“ Adornos. Obgleich man Danto und Adorno eher als Gegenspieler wird auffassen können, so decken ihre Theorien doch zwei Bereiche ab, die sich durchaus ergänzen. Und wenn sie sich nicht ergänzen, so besteht zumindest die Möglichkeit, daß sie einander befruchten können. Insofern mag eine Lektüre, die die kritische Ästhetik Adornos und die analytische eines Danto zusammenbringt, einen anderen Blick auf Kunst samt ihrer Theorie freilegen, weil die unfreiwillige Korrespondenz so unterschiedlicher Lesarten von Kunst ein Spektrum ausbreitet, welches Gegensätze tangiert, und dasjenige dialektisch zusammenliest und zugleich analysierend scheidet, was sich im Widerspruch befindet. Dieser Aspekt des Gegensätzlichen und Unverbunden faszinierte mich, und die präzisen Analysen Dantos, die sich sowohl am Poststrukturalismus als auch an einer dialektisch konzipierten Ästhetik rieben, lieferten einen Anlaß zur Kritik seiner Theorie.

Viele seiner Positionen teile ich nicht. Insbesondere nicht die starre Grenze, die Danto in seinem Buch „Die philosophische Entmündigung der Kunst“ zwischen Literatur und Philosophie zieht. Bei Autoren wie Nietzsche ist diese Grenze nicht mehr ohne weiteres auszumachen, weil die rhetorischen und stilistischen Elemente seines Textes die Philosophie konstituieren und umgekehrt die Philosophie, so wie sie bei Nietzsche auftritt, nur durch diese literarische Form sich entfalten und entwickeln kann. Doch zugleich wäre eine umfassende Literarisierung der Philosophie, indem diese in Stil und Rhetorik sich auflöste, ebenso eine Entschärfung der Philosophie samt ihrer begrifflichen, analysierenden, kritisierenden Arbeit. Darin ist Danto rechtzugeben.

Daß Kunst in ihrem Wesen und mit jedem Werk singulär ist, gibt eine Platitüde ab. Dennoch bringt dieses Thesen-Gedicht des Malers Ad Reinhardt einiges der Ästhetik von Arthur C. Danto auf den Punkt.  Auch im Hinblick an seine an Hegel anknüpfende These vom Ende der Kunst. Auch darin, in dieser These vom Verschwinden der Kunst im Kommerz, wäre Danto im Gang der Zeit und im Zeichen des Warenwerttriumphs von Kunst noch einmal materialistisch gepolt gegenzulesen.

Die Kosmologie der Kunst ist nicht Kosmologie.
Die Psychologie der Kunst ist nicht Psychologie.
Die Philosophie der Kunst ist nicht Philosophie.
Die Geschichte der Kunst ist nicht Geschichte.
Kunst in der Geschichte ist nicht Geschichte.
Die Bedeutung der Kunst ist nicht Bedeutung.
Die Moralität der Kunst ist nicht Moralität.
(…)
Dionysische Plumpheit in der Kunst ist dionysische Plumpheit.
(…)
Kunst in der Kunst ist Kunst.
Das Ende der Kunst ist Kunst als Kunst.
Das Ende der Kunst ist nicht das Ende.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Was macht ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk? Zum Tode von Arthur C. Danto

  1. JimKnopf13 schreibt:

    Vielen Dank! Sehr aufschlussreich. Was ich mich jedoch frage: Ergeben die Überlegungen zum ontischen Status des Kunswerks Sinn? Freilich: Zum Todestag soll man würdigen, nicht kritisieren. Aber das würde mich sehr interessieren: Kommt Danto bei der Frage der Differenz des Alltagsgegenstands zum Kunstgegenstand weiter? Vom Gegenstand aus gesehen? Die Ausweichversuche – Wahrnehmung, Institution – liegen ja nah und leuchten unmittelbar ein. Ebenso bleibt ein Unbehagen zurück, weil es das doch nicht gewesen sein darf… Da kommt die Kunst unter die Räder, will man meinen.
    Aber dennoch einen Wesens-Unterschied zu konstatieren, scheint mir unmöglich. Oder kommt das Genie ins Spiel, das dem Gegenstand eine heilige Aura verleiht? Oder ist es von der ‚Ware‘ aus gedacht, die eben dann den ‚Warenkreislauf‘ verlassen habe. Ein Urinal, das ein mal im Museum hing, wird nie wieder jemand benutzen.
    Wenn Sie eine kurze Anmerkung dazu machen könnten, würde ich mich freuen!

  2. Bersarin schreibt:

    Die Ausführungen Dantos dazu sind in seinem Buch „Die Verklärung des Gewöhnlichen“ und in „Die philosophische Entmündigung der Kunst“ zu finden. Da ich im Moment leider mit anderen Angelegenheiten der Theorie, nämlich mit Adornos Ästhetik, beschäftigt bin, komme ich wohl demnächst nicht dazu, diese Fragen zur ontologischen Differenz Kunstwerk/normaler Gegenstand bei Danto genauer darzustellen. Es ist leider auch zu lange her, daß ich mich mit Danto beschäftigt habe. Wie gesagt: ich müßte blättern und suchen, weil sich der Gang der Argumente, die Danto bringt, nicht in zwei, drei Sätzen erschöpft. Zudem handelt es sich bei diesen Fragen um generelle Probleme der modernen Kunst: Wie ein Alltagsgegenstand zum Kunstwerk wird. Ich müßte dazu ein wenig ausholen.

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    Ertlauben Sie mir auf eine Schrift Dantos hinzuweisen, die „Das Fortleben der Kunst“ heißt, und in der sich vielleicht eine Antwort finden lässt- Sie ist 2000 im Wilhelm Fink Verlag erschienen und basiert auf einer Reihe von Vorträgen (Mellon Lectures). Ich glaube, Danto nähert sich einer Lösung der oben gestellten Frage in Einzelbetrachtungen.

  4. JimKnopf13 schreibt:

    Vielen Dank für die Antworten. Es scheint sich also doch zu lohnen, dort ein mal einzusteigen. Äußerst schwierige Probleme, wie ich finde.

  5. Bersarin schreibt:

    Danke für den Hinweis. Es ist eines der Bücher, die ich mir seinerzeit nicht kaufte. Und wie es dann so geschieht: Nun ist es vergriffen.

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