Strandleben – die Verabschiedung des Sommers

51ZP++-HT8L._SX385_ Bekanntlich werden die Tage nun kürzer, und wer keine Freunde hat, sitzt häufig jetzt zu Haus, schreibt lange E-Mails oder Lyrik, und wer ein Reihenhaus in der Vorstadt von irgend einer Vorstadt der Stadt sein eigen nennt, denkt über weiteren Immobilienkauf oder den Hausausbau nach oder bringt einfach nur die gemachte Wäsche ins Trockene. Nicht soll die Sonne jene letzte Süße in den schweren Wein jagen, sondern das Mineralische und Klare mögen siegen. Schieferlage. Der Wind harkt die welken Blätter. Die Zeit – sie wandelt sich. Dieser Satz vom Wandel der Zeit klingt so schön poetisch in den Ohren des Blogbetreibert, daß ich mir dachte: Schreib es auf! Verabschiedung des Sommers: Aber nicht mit Blumenbildern, die Abglanz und Ableben simulieren, mit niedlichen Tierphotos, sondern wir verabschieden den Sommer angemessen und erinnern uns voll Heiterkeit an ihn zurück, und zwar mit einem ziemlich amüsanten Bildband des Photographen Martin Parr aus dem Verlag Schirmer/Mosel. „Lifeʼs a beach“ heißt der Titel. Gerne nimmt geneigte Leserin, geneigter Leser das Buch zur Hand, blättert darin ein wenig, erfreut sich der Photographien. Erinnert sich an den Sommer und an die zahlreichen in die Jahre ragenden Urlaube am Strand.

Japan. Miyazaki. The Ocean Dome. 1996. from Life's A Beach (Aperture, 2013) Was gibt es in diesem Photobuch zu sehen? Menschen, viele Menschen bzw. deren Haut, häufig im Zustand knapper Bekleidung, am Strand liegend oder auf den Promenaden flanierend, manchmal ist der Strand einer aus Steinen, oder es handelt sich um eine künstliche Strandwelt wie beim Ocean Dome im japanischen Miyazaki. Menschengewimmel unter dem Glasdach inmitten einer Strandsimulation. Strände mit Menschen an zahlreichen Orten dieser Welt, von der Copacabana bis hin nach Magaluf auf Mallorca, vornehmlich natürlich Strände in Großbritannien, das aufgrund seiner Insellage prädestiniert erscheint, um dort ausgiebig den Badefreuden nachzugehen.

Zeigte uns Parr in vielen seiner Photobände die britische Alltagskultur, das Freizeitleben der unteren Mittelschicht (häufig auch am Strand, denn für diese Bilder ist Parr bekannt), so sehen wir in „Lifeʼs a beach“ eine Welt des Strandlebens in den unterschiedlichsten Ausprägungen, die sich in ihrer Eigentümlichkeit zugleich doch alle gleichen: Mögen da auch Chinesinnen und Chinesen mit Baderingen im Ozean schwimmen oder ungehindert läuft über einen Strand im indischen Goa ein Rind. Und wir finden in den Bildern Parrs teils jenes bekannte kalte, blaustichige Licht wieder, mit dem er häufig die Szenerie ausleuchtet, so daß die Menschen in ihrer Umgebung wie Fremdkörper erscheinen: kalt, entrückt und unwirklich – fast entstellt. Aber ebenfalls zeigt sich in manchen Photographien dieses Bandes ein ungewohnt grelles Licht, das die rote verbrannte Haut und den Geruch von Sonnencreme ahnen läßt. Viele der Szenen wirken teils ins Groteske gesteigert und der Blick des Betrachters wird – wie so häufig in Parrs Bildern – aufs Häßliche, aufs Beschädigte oder Absurde einer Situation gelenkt. Die Reaktion, die sich bei vielen Photos einstellt, changiert zwischen Lachen und Grauen, manche Szene ist derart entsetzlich oder schräg, daß sie bereits wieder komisch wirkt. Wie so oft bleibt bei den Photographien Parrs die Frage zurück, ob diese Bilder die Menschen bloßstellen oder ob sie das zeigen, was der Fall ist. Und genau darin liegt die Stärke seiner Bilder. Die Photographie als Spiegel der Welt – freilich mit den Mitteln der Verfremdung. Martin Parrs Photographien sind Dokumente. Außerirdische freilich, die irgendwann einmal diese Photographien als einzige Zeugnisse auf einer inzwischen zerstörten und von Menschen entvölkerten Erde entdeckten, sollten sie denn hier auf der Erde zwischenlanden, dürften angesichts des Freizeitverhaltens der menschlichen Spezies in Verzweiflung geraten.

PAM1985002Z00040-06 Einziger Kritikpunkt ist der Einband des Buches. Ich halte ihn nicht für gelungen, weil das Cover diesen Photographien so etwas wie einen witzigen oder gar kultigen Kitschfaktor als Wohlfühlambiente bei gleichzeitiger ironischer Distanz unterschiebt. Diesen Effekt haben die Photographien Parrs jedoch nicht nötig. Gleiches gilt für die Innengestaltung, wenn auf einigen der linken Seiten verspielte Blumentapeten- oder Streifenmuster eingeschoben wurden.

Trotzdem: Wer den Sommer in seinen eigentümlichen Ausprägungen noch einmal mit dem Genuß des distanzierten, spöttischen Betrachters Revue passieren lassen möchte, dem sei zu diesem kleinen feinen Bildband geraten. Der Bewohner des Grandhotel Abgrund zumindest amüsierte sich köstlich und wie Bolle. Nach wie vor bleibt es dabei: der einzige erlaubte Blick ist der gnadenlose kalte Blick des distanzierten Flaneurs.

 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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23 Antworten zu Strandleben – die Verabschiedung des Sommers

  1. silberfink schreibt:

    Solange Menschen meinen eine Fotografie und nicht ihr Verhalten könnte sie entwürdigen, solange verdienen sie nicht geschont zu werden. Andererseits sind mir die Fotos zu nah am Zeitgeist. Die Übertreibung (durch Verfremdung) wird von der Wirklichkeit eingeholt.

  2. silberfink schreibt:

    ^^ Der zweite Satz ist überflüssig…

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, Parr ist nahe am Zeitgeist. Aber das macht er im Sinne einer Dokumentation. Insofern ist es kein bloßes Heranschmeißen an selbigen. Dieses neue Bändchen ist sicherlich nicht das beste seiner Bücher, aber es faßt seine zahlreichen Strandbilder gut zusammen. Zumal er dieses Sujet bereits sehr lange bearbeitete. Parr macht sich nicht bloß einen Trend zunutze, sondern er war einer derer, die diesen Blick erst forcierte und salonfähig machte: eine Photographie, die sich nicht mehr nur – wie etwa viele der Bilder Cartier-Bressons – mit den Menschen in interessanten Posen und den feinen Augenblicken beschäftigte, sondern der auch das Abseitige, das Skurrile der Menschen für würdig hielt, photographiert zu werden.

  4. silberfink schreibt:

    Abseitig und skurril sind Wertungen die aus der sogenannten Mitte einer Gesellschaft kommen (oder aus den jeweiligen Schichten) und der Ausgrenzung dienen. Es gab noch keine Gesellschaft, die sich nicht so verhielt, die nicht Anpassung und Mittelmäßigkeit zum zu erfüllenden Soll, zum geltenden Standard machte, Abweichungen gnadenlos verfolgte und mit sozialer Ausgrenzung bestrafte. Ich sehe hier nicht ganz, wo die Fotos menschliche Vielfalt würdigen. Allerdings habe ich nur diese paar Fotos und nur wenige weitere dieser Serie gesehen.

  5. Bersarin schreibt:

    Abseitig und skurril sind Adjektive, die bestimmte Situationen, Verhaltensweisen oder Begebenheiten bezeichnen. Sie können von überall her kommen. Sie sind nicht per se dazu da, im Sinne eines sogenannten Klassismus Ausgrenzungen zu produzieren. Zumal es Menschen gibt, die sich qua Verhalten und Posing selber ausgrenzen – und zwar aus allen Schichten. Dazu bedarf es keines Martin Parr oder anderer. Parr führt niemanden vor. Aber er zeigt etwas, das absurd, skurril, aberwitzig anmutet: Menschen, die sich am Strand in eigenwilligen Posen freiwillig in der Öffentlichkeit darbieten. Im Gegensatz zum sogenannten Unterschichtenfersehen, inszeniert und produziert Parr nicht den Skandal, über den das Medium dann wieder genüßlich berichten kann. Aber ich denke auch nicht, daß es Parr darum geht, diese Menschen bloßzustellen: sie sind wie sie sind. Dies eben zeigt Parr.

    Daß Parrs Fotos die menschliche Vielfalt würdigen oder zur Darstellung bringen, habe ich nirgends geschrieben, und ich halte es auch nicht für die Aufgabe von Photographie so etwas zu leisten. Die Photographie dient weder dem Wahren, noch dem Guten, noch dem Schönen. Je nach Sujet entwickelt sie ihre Form und entfaltet ihre Wirkung.

    Parrs Photographen dokumentieren eine durch und durch absurde Welt. Welche Schlüsse Betrachterinnen und Betrachter daraus ziehen, bleibt ihnen selber überlassen.

  6. silberfink schreibt:

    Ich glaube nicht, dass es Sinn macht Termini zu leugnen oder einen evtl. Versuch der Neubesetzung unerklärt zu lassen. Das funktioniert meiner Meinung nach nicht gut. Abseitig und skurril haben schon von der Wortbedeutung her ausgrenzenden Charakter, sind wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke hervorgebracht und können gar nicht anders verwendet werden/worden sein. Daher eignen sie sich meiner Meinung nach nicht z.B. für Gesellschaftskritik. Das wäre wie Krieg, wie Feuer und Gegenfeuer…

    Der Begriff der Würde hat in der Kunst überhaupt nichts zu suchen, bzw. wird er von der Kunst niemals in Frage gestellt. Ich verweise mal auf meinen ersten Satz im ersten Kommentar. Insofern möchte ich zwar Deine/die Interpretationsfreiheit nicht beschneiden oder in Frage stellen, es ist aber möglich zu interpretieren was niemals Inhalt oder Intention war/ist. Und was oder ob Parr für würdig hielt, kann keiner sagen. Das bedeutet, das Parr durchaus die Absicht gehabt haben könnte Menschen zu entwürdigen, bloßzustellen, was aber nicht gelingen kann, weil Würde unantastbar ist.
    Deine Einschätzung der Absurdität teile ich dagegen und halte auch den Begriff für treffend bzw. geeignet. Insofern lässt sich wiederum nicht verstecken oder leugnen was wirklich ist.

    Man sagt Parr jag(t)e Clichès. Mir scheinen die Fotografien in ihrer Absicht genau so banal und mittelmäßig weil reißerisch (schließlich kommt er aus der Medienbranche) und es spricht in dem Fall eher für Dich als für ihn in welchen Bezug Du diese Fotos setzt.
    Ich betone aber nochmals, dass ich mich nur auf diese speziellen Beach-Fotos beziehe, seine anderen Arbeiten nicht beurteilen kann. Es ist also möglich, dass ich ihm zumindest in Teilen unrecht tue. Allerdings habe ich auch Interpretationsfreiheit… :-)

    Ist es eigentlich erlaubt wissentlich falsch zu interpretieren (öffentlich) um seine eigene (Welt)Sicht zu publizieren?

  7. Bersarin schreibt:

    Nein, „abseitig“ und „skurril“ haben und von ihrer Bedeutung her und per se keinen ausgrenzenden Charakter: das ist schlicht falsch. Wenn ich schreibe: „Er geht in der Literatur abseitige Wege.“ dann grenze ich nicht aus, sondern beschreibe in diesem Satz jemanden, der Wege geht, die sonst niemand ging, Wege, die nicht Mainstream sind. Wie in Frost Gedicht „The road not taken“. Skurril kann in bestimmten Zusammenhängen eine Verhaltensweise bezeichnen, die einen schmunzeln läßt, ohne abzuwerten: im Sinne einer Verschrobenheit oder einer Schrulle: ein wenig neben der Spur: so wie Menschen in einem Marthaler-Stück oder Briefmarkensammler Und so lassen sich viele Beispiele dafür finden, wie die Semantik sich nicht festschreiben läßt. Wörter entwickeln ihre Bedeutung in Kontexten, Bedeutungen sind nicht am ewigen Ideenhimmel der Begriffe festgeschrieben. Und es kommt insofern sehr darauf an, in welcher Weise ich Wörter benutze. Wörter sind in einen Bedeutungshof, in ein Bedeutungsfeld eingeschrieben. Dieses changiert. Selbst bei relativ eindeutigen Begriffen wie „böse“ oder „häßich“ gibt es die Zwischentöne. Nicht Wörter grenzen aus, sondern die Verwendung bestimmter Wörter in bestimmten Kontexten von bestimmten Menschen.

    Die Intentionen von Parr sind in der Tat nicht benennbar und für eine Deutung auch unerheblich. Und selbst wenn er den Betrachterinnen und Betrachtern seine Absicht mitteilte, dann stehen die Photographien dennoch für sich. Noch viel mehr als bei Dokumentarphotos gilt dieser Umstand für Kunstwerke: Kunstwerke sind in der Regel klüger als ihre Schöpfer. Würde, Moral, Engagement und ähnliche ethisch oder politisch aufgeladene Begriffe haben nichts in der Kunst verloren. Denn ansonsten produziert man Pamphlete oder schlichten Kitsch. Ich schrieb aber nirgends, daß es in der Kunst oder in (dokumentarischen) Photographien um Würde ginge. Was zählt, ist das Werk.

    Was Photos betrifft – und das gilt auch für die von Parr –, so sehe ich eine Grenze zwischen Kunst und Dokumentation. Parrs Bilder dokumentieren. Die Schlüsse aus solchen Bildern muß jeder selber ziehen. Der Beach-Band ist eher witziger Natur: skurril ist es, wenn sich Menschen im Schatten eines Baggers an einen Strand setzen. Wer das wie sieht und bewertet, hängt sehr vom Betrachter ab. Jemand der seine Zeit in Schlössern und auf Golfplätzen verbringt, mag sich angewidert abwenden. Andere wieder finden diese Plazierung funny oder absurd.

    Zu Deiner Frage: Wer entscheidet, wann eine Interpretation falsch ist? Dies ist schwierig auszumachen. Es gibt Interpretationen, die weit über ein Werk hinausweisen, die falsch sind und die dennoch den Kern der Sache um so genauer treffen. Wenn ich schreibe, daß Kleist den Bruch im modernen Subjekt ästhetisch ins Bild brachte und kongenial ausformulierte, würde mir Kleist womöglich widersprechen. Dennoch hat diese Interpretation etwas für sich. C.D. Friedrich widerspräche, wenn man den Mönch am Meer mit dem Erhabenen bei Kant konnotierte. Sam Beckett widersprach ganz ausdrücklich Adornos Lektüre zum „Endspiel“. Dennoch ist dieser „Versuch, das Endspiel zu verstehen“ einer er instruktivsten und besten Beckett-Deutungen.

  8. silberfink schreibt:

    In der Literatur mag das (noch) so sein und ich nehme Dir auch ab, dass Du es so sehen bzw. allgemein so verstanden wissen möchtest, in der Wirklichkeit jedoch stimmt Deine Einschätzung zu den beiden Worten nicht. Und im Zusammenhang mit den Parr-Fotos hast Du mit diesen beiden Worten meiner Meinung einfach daneben gegriffen. (Was wiederum schwer vorstellbar ist, dass das versehentlich geschehen sein soll.)
    Ich kann das aber so stehen lassen, weil ich Deine Ansicht zur Interpretation aus dem letzten Absatz teile, auch wenn ich mit meiner Frage etwas anderes meinte. Man nennt es auch (bewusste) Irreführung oder (versteckte) Provokation. Aber es ist müßig die Unwilligen zu befragen… :-)

    Schönes Wochenende

  9. Bersarin schreibt:

    Die Literatur ist hier nicht das Thema gewesen, sondern sie kam als Satzbeispiel vor. Es geht um die Bedeutung dieser Begriffe. Ich hätte auch formulieren können: „Er beschritt in der Zahnmedizin abseitige Wege.“ Dann würdest Du sicherlich nicht annehmen, daß die gefächerte Bedeutung dieses Begriffes lediglich in der Zahnmedizin auftritt.

    In jener Wirklichkeit, auf die Du verweist, ist es genau dieses aufgefächerte weite Bedeutungsfeld, das vorhanden ist. Skurril ist der Briefmarkensammler, der wie besessen einer Leidenschaft nachgeht. Abseitig können die Gedanken sein, die sich treiben lassen. Diese beiden Begriffe können abwertend gebraucht werden, aber es ist ihnen kaum mit Notwendigkeit eingeschrieben, daß sie per se ausgrenzenden Charakter haben. Das Bedeutungsfeld der Begriffe „skurril“ und „abseitig“ ist weit: Abseitig kann vieles sein: Abseitig heißt (unter anderem): nicht dem Mainstream entsprechend. Du hingegen liest diese Begriffe eindimensional. Wer sie lediglich in einer ausgrenzenden Lesart gebraucht, reduziert sie jedoch. Abseitig meint eben nicht: abartig. Da liegt der Unterschied. Du bildest um den Begriff „abseitig“ ein privates Assoziationsfeld aus, das nur in diese Richtung lies: Abseitig = abartig = abnormal. Und auch im Zusammenhang mit den Parr-Photos sind diese Begriffe treffend gebraucht. Eben nicht in jener Gleichung abseitig = abartig (also ausgrenzend). Nehmen wir noch einmal den Satz, den ich schrieb: „eine Photographie, die sich nicht mehr nur – wie etwa viele der Bilder Cartier-Bressons – mit den Menschen in interessanten Posen und den feinen Augenblicken beschäftigte, sondern der auch das Abseitige, das Skurrile der Menschen für würdig hielt, photographiert zu werden.“

    Genau das macht Parr: es sind keine überästhetisierten Situationen mehr, die seine Photographien präsentieren, sondern kruder und karger Alltag, der sich mit dem Freizeitvergnügen mischt. Parr zeigt nicht den schönen Schein, den geglückten Augenblick, wie ihn zuweilen (aber eben auch nicht nur) Cartier-Bresson einfängt, sondern Abseitiges: Menschen, die neben einem Bagger liegen. Daß sich in den Photographien von Parr die Grenzen mischen, daß manches Photo auch den Spott oder das Kopfschütteln produziert, mag durchaus gewollt sein. Zumindest aber verweisen diese Bilder auf eine derangierte Gesellschaft und halten ihr den Spiegel vor.

  10. silberfink schreibt:

    „Ich hätte auch formulieren können: „Er beschritt in der Zahnmedizin abseitige Wege.“ Dann würdest Du sicherlich nicht annehmen, daß die gefächerte Bedeutung dieses Begriffes lediglich in der Zahnmedizin auftritt.“

    Pff… Willst Du mich veralbern? Besonders breit gefächert dürften die positiven Bedeutungen der abseitigen Zahnmedizin sein…

  11. Bersarin schreibt:

    Es geht nicht um breit oder nicht breit gefächert und nicht um Quantifizierungen, sondern um die Bedeutung des Begriffes abseitig. Abseitige Gedanken, abseitige Pfade: das sind Aspekte, die neben der herkömmlichen Spur liegen. Abseitige Pfade der Zahnmedizin: Nicht jedem Kind eine Kieferklammer zu verpassen. Was abseits liegt, das ist nicht in der Mitte positioniert, sondern woanders. Wie gesagt: Du konnotierst abseitig = abartig. Da liegt das Problem. Nicht im Wort selber.

  12. silberfink schreibt:

    Ich verbitte mir diese Unterstellungen. Wiederholungen machen sie auch nicht wahrer. Dass abseitig nicht in der Mitte liegt hatte ich ja wohl schon eingangs festgestellt. Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich habe hierfür keine Zeit mehr…

  13. Bersarin schreibt:

    Wer anderen etwas unterstellt oder Begriffen einen eindimensionalen Sinn unterschiebt, tut nicht sehr gut daran, sich selber über Unterstellungen zu beklagen und als beleidigte Leberwurst mit dem Fuß aufzustampfen. „Abseitig und skurril sind Wertungen die aus der sogenannten Mitte einer Gesellschaft kommen (oder aus den jeweiligen Schichten) und der Ausgrenzung dienen.“ So schriebst Du. Dies ist, in solcher Apodiktik geschrieben, schlicht Unfug und zeugt von wenig Sinn für Sprache. Du gebrauchst abseitig in genau dieser Diktion: abseitig = abartig.

    Du unterschiebst zudem diesem, meinem Satz: „eine Photographie, die sich nicht mehr nur – wie etwa viele der Bilder Cartier-Bressons – mit den Menschen in interessanten Posen und den feinen Augenblicken beschäftigte, sondern der auch das Abseitige, das Skurrile der Menschen für würdig hielt, photographiert zu werden.“ einen Sinn, den er nicht hat. Eben weil Du abseitig nicht anders als negativ konnotiert lesen kannst.

  14. silberfink schreibt:

    Ach, Bersarin. Du spinnst ja…

  15. Bersarin schreibt:

    Welch abseitiger Vorwurf!

    Aber jede/r ist für seine eigenen Skurrilität selber verantwortlich, und es muß das Wesen zur Erscheinung kommen. Und sei es nur im Kokon des Ariadne-Fadens.

  16. silberfink schreibt:

    An welcher Stelle meines letzten Kommentars hast Du denn jetzt den Vorwurf lokalisiert? In dem Leerzeichen nach dem ersten Punkt?

  17. Bersarin schreibt:

    Abseits des Punktes natürlich. Was sagt eigentlich die betroffene Fußballmannschaft, der das Tor nicht gegeben wurde, wenn der Schiedsrichter „abseits“ pfeift: „Schiedsrichter, Du hast uns ausgegrenzt“?

  18. silberfink schreibt:

    Abseits, ein feststehender Begriff. Trotzdem ein schönes, bildliches Beispiel für die Lage des Abseitigen. Im Fußball wird der potentiell Abseitige wenigstens noch einbeziehend angespielt, aber nicht mehr oft, wenn er immer wieder in’s Abseits rennt…

  19. Bersarin schreibt:

    Genau. Und darin zeigt sich, in welch vielfältiger Weise Begriffe wie „abseits“ und „abseitig“ verwendet werden können. Das Abseits im Fußball strukturiert als Regel ein Spiel, es kann dieses aber auch zerstören, indem so etwas wie die Abseitsfalle in Permanenz gebraucht wird.

  20. silberfink schreibt:

    Um den Kreis zu schließen: Ich habe den Begriff abseitig und seine Verwendung in einen deutlich verständlichen Kontext gesetzt und obwohl sich das Fußballspiel und sein Regelwerk klar vom restlichen Leben abgrenzen lässt, bestätigt es doch die gesellschaftliche Funktion (und häufigste Bedeutung) des Wortes. Deine Interpretation der Parr-Intention, die sowieso nur Vermutung sein kann und nur am Rande eine Rolle spielt, hat es versäumt diese Worte genauer zu definieren. So muss ihnen die verbreitetste Bedeutung zugeschrieben werden.
    Davon abgesehen halte ich die Verfremdungen der Fotos für Alibi-Handlungen, damit die Fotos zwischen Kunst und Dokumentation changieren.

  21. Bersarin schreibt:

    Was bitte ist die verbreitetste Bedeutung des Begriffes „abseitig“? Die, welche Silberfink per ordre festschreibt? Der Kontext, den Du setzt, ist ein willkürlich gewählter; er spiegelt Deine eigene Sicht und Deine eigenen Probleme wider, weil Du „abseitig“ als „abartig“ liest: in diesem Blick liegt bereits (D)eine Wertung und Negativ-Zuschreibung. Abseitige Wege, die beschritten werden, haben rein nichts mit Ausgrenzung zu tun, sondern sie liegen abseits der üblichen Pfade. Die Photographie Parrs gehen diesen Weg. Sie zeigen seit Parrs Anfängen in den 70er Jahren Sujets, die so bisher nicht zu sehen waren. Parr ist nicht der erste, aber er befreite die Photographie zumindest von einem bestimmten Blick. Es dürfte seine Gründe gehabt haben, weshalb Cartier-Bresson sich weigerte, Parrs Ausnahme in die Photoagentur „Magnum“ zuzustimmen. Aufgenommen wurde er dennoch.

    Interpretationen und Lektüren sind keine Vermutungen, sondern eine Sicht auf ein Werk, die sich begründen läßt: Und da Autorin und Autor, Photographin und Photograph nicht gehalten sind, ihr eigenes Werk zu verstehen, tun sie gut daran, die Deutung anderen zu überlassen.

  22. Bersarin schreibt:

    Liest Du denn in diesem Dudeneitrag nicht die vielfältigen Bedeutungen des Begriffes „abseitig“? Dem Normalen nicht entsprechend: genau das sind die Photographien von Parr. Sie verlassen die Wege herkömmlicher People-Photography. Nichts anderes schrieb ich.

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