Griechische Krullerie. Trochäisch verstimmt

KRONOS (mürrisch in der Stimme, schlecht gelaunt im Habitus, knurrender Magen):
Es sind die Zeiten aus den Fugen!

HADES: (Erster Sohn des Kronos, ein wenig angefressen):
Wir sind nicht befugt, sie einzurenken. Die Schauspiele der Götter sind vorbei und vergebens, verfallen ihre Wirkungsmacht. Enharmonische Verwechslungen im Textspiel.

GAIA:
Die Namen der Göttinnen und Götter, der Nymphen, sie werden gebraucht, um künstlich die Bedeutung zu stiften. (Bedient sich aus der Erdnußschüssel) Name und Bedeutung sind wie die Gewänder und der Frauentand. Künstliche Befruchtung. In vitro, in vivo, in vino.

ALLECTO, MEGAIRA, TEISIPHONE (aus der Blutwanne steigend):
Ach was, ach was?! Wir sind die Klischees und die Abziehbilder einer Theorie. Wir sind das Chorgespräch im Zwischenraum. Drosophila Melanogaster. Griechisch maskiert.

TEISIPHONE:
Wir neigen zur Geschwätzigkeit. Wir verdoppeln die Sprachspiele in der Weise univoker Rede. Altgriechisch alert.

ARES: (taumelt singsangsingend dazwischen in den Raum):
Griechischer Wein, das ist wie das Blut der Erde, griechischer Wein, wenn ich Dich zwischen meinen Schenkeln spüre: Dann denk ich daran, daß ich immer noch einmal kann, oh oh oh kann. (Das a sehr gedehnt, fast gespreizt singend. Langsam innehaltend) Und morgen nach der Schlacht denkt ihr an mich? Weibsbilder! Trisomie, triolisch geträllert. (Erbricht sich.)

ALLECTO, MEGAIRA, TEISIPHONE:
Metaphernfraß. Immer dieses: Das ist wie, das ist wie … Das ist wie dies, das ist wie das. Unsere einstige Kraft ist verbraucht. Den Orest, den haben wir zerschlagen, die Rosa Luxemburg fiel durch Mörderhand. Gerne machen wir Thesenstücke: du sollst die Erde ehren. Bitte einmal Dramomlett, griechisch, Herr Ober und ein wenig Feta-Käse dabei!

KRONOS:
Was heißt hier „Herr Ober!? Ich kann das auch selber.

ALLECTO, MEGAIRA, TEISIPHONE:
Kotze als Ejakulat. Ach, Ares übergibt sich, taumelt, schlägt nieder. Kein Chorgesang dies zu kommentieren. Kronos erbricht Körperfragment.

HADES (singt):
Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal …

GAIA (hochtönige Stimmlage):
Einmal nur in meinem Leben möchte ich in der Oper zu Silvester die „Fledermaus“ hören.

HADES:
Der Penis der Fledermaus ist freihängend. Das hat sie mit dem Menschen gemeinsam.

KRONOS (nun als SATURN auftretend):
Die Herrschaft der Zeit zu brechen. Die Revolutionäre schossen zuerst auf die Turmuhren und zerstörten zunächst die Kalender. Sie schufen für die Monate neue Namen: Vendémiaire, Brumaire … (singend, im Grundbaß) Fühlen wir, es muß gelingen, fühlen wir es muß gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit. Mit uns zieht die neue Zeit. (abbrechend, Pause) Corpus Delicti.

ORPHEUS (die Szene sabotierend):
Wenn ihr divina seid, dann bin ich de vino!

HADES:
Ach, Dichter, ach Sänger: Du hast nicht einmal deine Fotze aus meinem Loch herausholen können.

(Lautstarkes Höhnen der Göttinnen und Götter)

URANOS:
Ich, ungeteilt im Glanze. Ach, sämige Samen, Saustall des Augias. Oder waren es Rinder? (singend) Auf auf zum Kampf, zum Kampf, zum Kampf sind wir geboren … (Verhallen der Stimme im Nichts oder wie unter einem Effektfilter für unsachgemäße Nachbearbeitung)

Abtreten der Göttinnen und Götter unter halkyonischem Gelächter.

ERIS (Schwester des Ares):
In Zypern harrt Aphrodite, die Schaumgeborene. Frauentraum, Frauenschaum. Lebensborn. Insel-Lallen. Ausgeschieden. Ihre begehrenswerten Brüsten. Apfelförmig. Mit Engagement in der Stimme gesprochen: Hausfrauenaufbruch im Staate Dänemark. Besser: Die traumwandlerischen Grenzgänge, Entracte:

2

DAS EUROPA DER FRAU

Enormous room. Ophelia. Ihr Herz ist eine Uhr.

OPHELIA (CHOR / HAMLET)
Ich bin Ophelia. Die der Fluß nicht behalten hat. Die Frau am Strick Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern Die Frau mit der Überdosis AUF DEN LIPPEN SCHNEE Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Gestern habe ich aufgehört mich zu töten. Ich bin allein mit meinen Brüsten meinen Schenkeln meinem Schoß. Ich zertrümmre die Werkzeuge meiner Gefangenschaft, den Stuhl den Tisch das Bett. Ich zerstöre das Schlachtfeld das mein Heim war. Ich reiße die Türen auf, damit der Wind herein kann und der Schrei der Welt. Ich zerschlage das Fenster. Mit meinen blutigen Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben auf dem Bett auf dem Tisch auf den Stuhl auf dem Boden. Ich lege Feuer an mein Gefängnis. Ich werfe meine Kleider in das Feuer. Ich grabe die Uhr aus meiner Brust die mein Herz war. Ich gehe auf die Straße, gekleidet in meinem Blut.

STIMME IM OFF
All of old, nothing else ever, so geht es, so geht er, der unschlagbare Schlager. Auch in den Konstruktionen. Bedeutungsschwanger, künstlich. Während die Zeit aussetzt. In vitro, in vivo, in vino. Mit diesen Zeilen ist alles gesagt, was zu sagen ist. („Zerreißung der Fotografie des Autors.Eunuchenmaske, in der Gestalt des Hermaphroditos. In hohem Ton nicht gesprochen, sondern gekreischt:)
Und wenn es wieder ein Text wird?

(Der Bühnenvorhang öffnet sich nun, eine leere Bühne, nur ein altes Kofferradio oder eine Art von Kassettenrekorder steht auf einem Tisch, und vom Band kommen die Stimmen Wladimirs und Estragons.)

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Griechische Krullerie. Trochäisch verstimmt

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Chronos und der alternde Revoluzzer

    Ein alt gewordener Revoluzzer steht am Feldweg. Auf dem Feld pflügt Chronos – ursprünglich reiner Fleischfresser, mittlerweile Ackerbauer und Viehzüchter – das Feld. Altväterlich seine Intonation

    C.: Was gibt es mein Freund? Woher deine Unruhe in dieser friedlichen Landschaft?

    R.: Meine Vergeblichkeit ist meine Unruhe! Ich wolte lenken und wurde gelenkt. Ich wollte gestalten und wurde gestaltet. All das Vergebliche… nun sollst du mich fressen so wie deine Kinder, denn ich bin dein letztes Abbild.

    C.: Ich bin zahnlos geworden und Hirse hält mich am Leben. Als großer Ernteleiter bin ich nun eins mit der Natur, mit dem gesetzten Zyklus, also mit der Zeit! Und: Ich rate dir dasselbe! Deine Zeit als Revolutionär ist längst vorbei. Ihr habt alle Kaira vergessen – den richtigen Zeitpunkt. Nun verfrühstückt ihr eure Renten und jammert der verwürfelten Revolution hinterher! Pha!!! Komm zu mir und lerne…

    R.: Das Sterben sei meine letzte Lektion, alles andere habe ich schon erlebt. Ich hatte gehofft, dass du, Chronos, in altbewährter Art und Weise meiner Melancholie ein Ende breitest!

    C.: Tja, ich bin dem Leben verpflichtet dem Vegetativem… weiteren Hunger habe ich nicht mehr!

    sagts und startet salutierend den Traktor. Aber seine Augen sind schlecht und so sieht er nicht, dass der Revoluzzer sich vor die Maschine wirft…
    der Revoluzzer wird untergepflügt, auf dass dessen Dung usw. … Metamorphose vom tierischen ins pflanzliche.

    Die dem Pflug folgenden Vögel aber singen Chronos (in Umkehrung der Predigt des heiligen Franz) die letzten Worte des alternden Revoluzzers:

    DIE FARBE DER FREIHEIT IST ROT.
    WIR SCHLAGEN DIE WELT ZU BREI.
    IST DIE ERST BREI UND TOT –
    DANN IST SIE ENDLICH FREI!

  2. Bersarin schreibt:

    Die Erde – ein Blutgerüst. Büchner wußte es. Oder auch der verehrte Heinrich von Kleist, wenngleich in anderem Zusammenhang und ex negative aus der Affirmation heraus: dem Krieg gegen die Franzosen:

    Eine Lustjagd, wie wenn Schützen
    Auf die Spur dem Wolfe sitzen!
    Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
    Fragt euch nach den Gründen nicht!
    (Germania an ihre Kinder / Eine Ode)

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