Nichtssagendes nichtssagend zu sagen: Das Feuilleton der „Zeit“

Ich beende, wenn es in diesem Blatt im Feuilleton so weitergeht, mein Abonnement der „Zeit“. Zunächst schrieb die furchtbare Iris Radisch einen Beitrag über Camus. Tenor dieses Radisch-Aufsatzes ist es, uns den Menschen Camus wieder näher zu bringen. (Davon abgesehen, daß ich vom Feuilleton der Iris Radisch gar nichts halte – manche Redakteurinnen und Redakteure kommen zu ihrem Posten wie die Jungfrau zum Kind oder wie ein Bischof zum Bischofssitz.) Solchem Geschreibe, das uns den Menschen andienern will, anstatt das Werk und die damit zusammenhängenden Bezüge gekonnt zu entfalten (wie das etwa Fritz J. Raddatz noch vermochte), korrespondiert die Leere des Denkens: Wer inhaltlich nichts zu sagen und zu schreiben hat, kommt mit dem Äußerlichen. Nicht mehr Analyse sowie ein Blick auf den Gehalt, die Ausdrucks- und Konstruktionsleisten eines Sprachkunstwerks sind gefragt und bilden den kritischen Essay – von der Sprache selber ganz zu schweigen, die der Essay in den Blick nimmt –, sondern subjektive Befindlichkeiten und zufällige biographische Umstände werden bräsig ausgebreitet und geschildert, um die Illusion zu erzeugen, Leserin und Leser wären mit dabei. Wie war er so als Mensch, der Camus? Ja, wie war er? Spielt das für einen Text wirklich eine Rolle? Oder beinhaltet ein Text nicht vielmehr einen Überschuß, der weit über das biographische Leben und die zufälligen Bezüge hinausragt? Sinnfällig wird solcher Schwach- und Flachsinn in der Kafkadeutung, wenn die Interpreten umstandslos von „Kafka und die Frauen“ auf „Kafka und sein Werk“ schließen. Eine Biographie wird erst da interessant, wenn sich Literatur und Leben ineinanderschieben und ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin sich selber zum Kunstwerk macht.

Die andere Tendenz innerhalb der Kunstbetrachtung, die gegenwärtig zu beobachten ist, manifestiert sich im Empfindungskuscheln der Ichseligkeit und im leeren Kreisen um sich selber und die eigenen Befindlichkeiten. Wie fühle ich ein Werk und wie hat es mir gemundet? Kunst wird aufs Kulinarische und den Gaumenkitzel heruntergebrochen. „Den Don DeLilo find icke jut!“, sagt der eine. „Ich nicht“, sagt die andere. „Thomas Gottschalk war bei „Wetten, das …?“ gestern aber wieder wundervoll und witzig. Ich mag den Gottschalk.“ In dieser Struktur funktioniert die Plauder-Plattitüde der Ich-Sager und  Empfindungsdampfschwätzer:innen. Und so steht ein Meinen gegen ein anderes Meinen und die Beteiligten können sich verabschieden, weil es außer subjektiven Meinungen nichts mehr zu sagen gibt. „Find ikk jut“ versus „Joa mai, i mog net“. Aber bereits „ich“ zu sagen bzw. die Fähigkeit zum Ich (die freilich nicht jedem gegeben ist), setzt mehr als ein „Ich“ voraus. Kunstsichtung auf dem Meinungs- und Empfindungsniveau zu belassen, ist nichtssagend und beliebig. Ein Kunstwerk auf seine biographischen Umstände oder gar auf seine Aussage herunterzubrechen, ist nicht nur der Schulfall von Banauserie, sondern schlicht der Ausweis des Amusischen.

Doch es gibt sicherlich Menschen, die glauben, das Gravitationsgesetz sei von der Meinung des Ich abhängig. Und mit diesem doch eher apodiktischen Gesetz wollte Newton sicherlich nur sich selber zum Ausdruck bringen, aber bestimmt nichts Allgemeingültiges. Ebenso wie Kants Transzendentalphilosophie bloß einer subjektiven Laune kurz nach dem Senfmachen oder der Transzendenz des Ego geschuldet war. Manche freilich purzeln im Empfindungsraum von den Füssen auf den Kopf und fallen dann auf selbigen. Die Aufschläge auf dem Boden des Realen sind gut hörbar.

Hinzu kommt im Feuilleton der dieswöchentlichen „Zeit“ ein ans Komische grenzendes Loblied, das Eva Menasse auf die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro anstimmte. Munros Erzählungen gehören literarisch zum Mittelbau, wie die Prosa Judith Hermanns. Sie sind nicht ganz schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Der Titel dieses Beitrages „So leicht als wäre es nichts“ trifft den Sachverhalt – ungewollt freilich – sehr genau. Ein Nobelpreis für das Nichts.

In der DDR gab es seinerzeit den Bitterfelder Weg und damit korrespondierend die von der Obrigkeit inszenierte Bewegung „Arbeiter schreiben für Arbeiter“. Der Kapitalistische Realismus hat im Gegenzug die Bewegung „Hausfrauen schreiben für Hausfrauen“ hervorgebracht. Einen Nobelpreis allerdings ist dieses durchaus gut gemeinte und ehrenwerte Unterfangen zugunsten einer sträflich vernachlässigten Berufsgruppe dennoch nicht wert. Gut, Eva Menasse können wir ihre Sätze nicht verübeln – sie hat mit Literatur nicht viel zu tun. Insofern mag man ihr Irren verzeihen.

Wert und Bedeutung solcher Preise illustriert der Blogger Hannes Wurst auf den Punkt gebracht:

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Nichtssagendes nichtssagend zu sagen: Das Feuilleton der „Zeit“

  1. ramblingbrother schreibt:

    Alles unterschrieben. Bis auf, natürlich, das Verdikt zu Alice Munro. Wenn ihre Erzählungen „Nichts“ sind, können sie schlecht nicht „nicht ganz schlecht sein“. Ein leichtes Verrücken des Okular, und alles wird gut.

  2. Bersarin schreibt:

    Was das Nichts betrifft, haben Sie einerseits recht. Andererseits handelt es sich um ein Sprachspiel. Eben ein Nobelpreis fürs Nichts, um die Überschrift des Artikels beim Wort zu nehmen. Ob Munro ihn verdient hat, darüber kann man streiten. Mir fallen einige Namen ein, die ich für geeigneter halte, weil es sich bei ihnen um eine Prosa handelt, die innovativer als die von Munro ist. Aber hier bricht dann leicht Streit vom Zaun.

  3. JimKnopf13 schreibt:

    Da habe ich ja einen ganzen Sack voller Anknüpfungspunkte und Fragen. Ich mache drei Punkte:
    1) Ja, Iris Radisch ist zumeist ganz furchtbar, soweit ich das beurteilen kann, ich lese das meistens nicht. Ihren Camus habe ich auch erstmal liegen lassen, weil ich Camus doch zu sehr schätze. Den Ärger kann ich mir dann also sparen. Aber im Feuilleton der ZEIT ist m.E. doch immer wieder sehr Anregendes zu finden. Hanno Rauterberg wäre für mich so einer – genau auf den Punkt, wie der Hobbykoch sagt.

    2) Eva Menasse hat mit Literatur nichts zu tun?! Ich will sie nun gar nicht verteidigen. Aber das würde mich genauer interessieren.

    3) Mein eigentlicher Punkt: Ich sprach kürzlich einen Germanistik-Professor. Er vertrat die Ansicht, Biographien seien die einzige Gattung, mit der ein Literaturwissenschaftler noch ein großes Publikum erreichen könne. Ansonsten bleiben selbst wegweisende Studien weitgehend ungelesen. Aber der Hang zum Biographischen sei derzeit extrem ausgeprägt. Im 19. Jahrhundert wäre es eher die große Literaturgeschichte gewesen, der Überblick. Jetzt ist es das einzelne Subjekt, das im Zentrum des allgemeinen Interesses steht. Und das würde ich auch gar nicht voreilig belächeln. In den letzten Jahren sind ja – sowohl von Historikern als auch von Literaturwissenschaftlern – herausragende Biographien geschrieben worden. Martus über die Gebrüder Grimm oder Radkau über Weber würden mir zuerst einfallen.
    Radisch bedient also offenbar ein momentanes Interesse – allzuweit sollte man diesem Wunsch allerdings wohl nicht nachkommen, nicht bis dahin, wo das Anekdotische, die Frauengeschichten, die vermeintliche Homosexualität (dieser ewige Topos) etc. in den Mittelpunkt rücken. Mittelpunkt sollte Leben im Hinblick auf das Werk bleiben – oder umgekehrt. Das halte ich durchaus für legitim und auch für echte Forschung (das würde man Radkau z.B. kaum absprechen können).

  4. Bersarin schreibt:

    Was ich zu Eva Menasse schrieb, war ein polemischer Seitenhieb. Überspitzung.

    Ob ein Buch oder eine bestimmte Gattung von Buch eher viel oder eher wenig gelesen wird, ist sicherlich für diejenigen interessant und wichtig, die vom Verkauf ihrer Bücher leben müssen. Ich sperre mich nicht gegen Biographien, allerdings greifen die Rückschlüsse von der Vita aufs Werk zu kurz, wenn es um den Wahrheitsgehalt eines Kunstwerkes geht. Dieser ist mehr als die bloß subjektive Intention des Künstlers oder die mehr oder minder zufälligen Umstände seines Lebens. Daß es eine Rolle spielt, ob ich in Prag oder in Rom schreibe, mag im subjektiven Blickfeld, auf die eigenen Schreibumstände bezogen, bedeutsam sein. Aber für den Gehalt und die tieferen (Bedeutungs-)Schichten eines Kunstwerkes ist das in einer umfassenden Deutung meist relativ belanglos. Beckett hätte sein „Endspiel“ ebensogut in Stavanger oder Buenos Aires schreiben können. Zumal sich solche vermeintlichen Kausalitäten am Ende nur schwierig nachweisen lassen. Vielleicht hätte Kafka, wenn er Felice Bauer geheiratet hätte, noch düsterer Geschichten geschrieben? Wichtiger als der Bezug zur Biographie ist der Gehalt dieser Geschichten: Was passiert da und weshalb? Worauf verweist dieses Düstere, das sich teils sogar mit einem gewissen Witz koppelt, der ans absurde Theater gemahnt, das erst zwanzig Jahre später seine Sternstunde erfuhr.

    Nein, ich sträube mich nicht gegen das Genre „Biographie“, wenn sie gut geschrieben ist und nicht reduktionistisch bzw. literatur-positivistisch verfährt, indem das Werk aus dem Leben hergeleitet wird. Eine Biographie gehört zu einem Werk natürlich mit dazu, da Künstlerinnen und Künstler Menschen aus Fleisch und Blut sind. Mein Abscheu richtet sich allerdings gegen eine bestimmte Form von Voyeurismus und wenn aus subjektiven Regungen der Gehalt fürs Werk herausgeschlagen wird und so eine Art Pseudopsychologisierungs-Deutung herausspringt, die der Künstlerin indiskret auf den Leib rückt. Den Fall, wo sich Vita und Werk kreuzen und ein Schriftsteller sich in sein Werk verwandelt (siehe bspw. Aléa Torik, aber auch ANH, wo sich Leben und Text durchdringen), lasse ich beiseite, das sind – freilich interessante, anregende – Spezialfälle der ästhetischen Theorie. Wenn eine Biographie zudem anregend und instruktiv geschrieben wurde, so ist es umso besser. Als gelungen sehe ich da Rüdiger Safranskis Schopenhauerbiographie aus den 80er Jahren oder sein Buch zu E.T.A. Hoffmann. Ebenso Stachs fulminante und hervorragende Kafka-Biographie, die zeigt, daß es ein eigenes literarisches Genre ist, Biographien zu schreiben. Zahlreich sind die Beispiele für gute Biographien, die ich natürlich lese, wenn es für den Kontext erforderlich ist. Denn kein Kunstwerk schwebt frei im Raum als an sich seiende Entität. Insofern können auch Biographien erhellend sein. Allerdings: es bleibt die Frage, wie ich damit umgehe und das Biographische im Zusammenhang mit der Interpretation, mit Kommentar und Kritik des Werkes einordne.

  5. JimKnopf13 schreibt:

    Stachs Kafka – da habe ich auch viel gelernt und lerne immer mal wieder. Safranskis Schopenhauer kenne ich nicht, seinen Nietzsche finde ich durchaus anregend.

    Grundsätzlich stimme ich völlig zu. Das Reduktionistische ist stets falsch, zumindest dort, wo man es mit Kunst zu tun hat. Mit Martus Buch über die Grimms war ich da natürlich auch auf der sicheren Seite. Kassel ist nicht zufällig für Grimms Märchen. Kafka wiederum finde ich besonders spannend – und besonders schwierig. Manchmal denkt man, alles Leben ist dort Kunst geworden. Einerseits. Andererseits brauche ich Kafkas ‚Leben‘ überhaupt nicht, wenn ich seine Faszination verstehen will. Das ‚Schloss‘ lässt sich ja nicht auf Heimatlosigkeit im Judentum reduzieren oder so – auch wenn es damit unbedingt zu tun hat. Für mich ein Problem, das ich theoretisch gar nicht richtig packen kann.

    Widersprechen möchte in einer Sache: Ich denke, es ist nicht nur für die Schreiberlinge interessant, dass Biographien gerade ‚hip‘ sind. Das sagt schon was aus, z.B. (etwas zugespitzt), dass die literaturwissenschaftliche Praxis die Theoriediskussionen vollkommen unterlaufen hat. Der Autor war mal tot? Im Biographismus vergessen.

  6. Bersarin schreibt:

    Ich weiß nicht, da es zu lange her ist, wie heute die Literaturwissenschaften arbeiten. Wer sich hingegen in der Lektüre einzig auf die Intention des Autors oder positivistisch Biographien kapriziert, unterläuft souverän sämtliche Standards sowie den Stand der Theorie.

    In der Tat, Kafka ist nicht zu fassen, schon gar nicht zu packen, und dieser Entzug macht gerade seine Stärke aus. Sich an der Dunkelheit dieser Dichtung entlangzuschreiben.

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