Vexierbilder

Ja, es gibt Menschen, die scheinen einen Faible für ähnliche Orte und beim Photographieren einen Sinn für ähnliche Motive zu besitzen, aber wir drücken sie anders aus, wir drücken anders ab. Es ist gut, den anderen Menschen nicht zu kennen, ihn nie gesehen zu haben. Alles bleibt in der Distanz. Es begegnen sich die Bilder. Mehr ist überflüssig.

In den Ruinen von Dresden oder Leipzig zu zweit zu schlendern, war Zeitverschwendung. Ohne Kamera. Sinnlose und vertane Zeit. Photographien lassen sich nur fertigen, wenn man alleine ist und die Apparatur die Dinge registriert und als Dinge erfaßt, als Dinge transformiert. Für mich ist Verdinglichung kein Schmähwort – im Gegenteil, ich möchte verdinglichen. Eine Welt aus lauter Gegenständen. Noch heute liebe ich die Modelleisenbahnlandschaften, und in Paul Austers herrlichem Roman „Die Musik des Zufalls“ gibt es eine gar unheimliche Szene, wo der Sadist Stone, der die zwei Herumtreiber Nashe und Pozzi eingefangen und eingesperrt hat, beiden seine „Stadt der Welt“ zeigt: eine riesige Plattform, auf der von Stone eine Miniatur-Modellstadt gebaut wurde, eine Art Miniatur-Wunderland: „‚So wäre mir die Welt am liebsten. Alles in ihr geschieht zur gleichen Zeit.‘“, so sagt es Stone mit Blick auf die von ihm geschaffene Stadt.

Bildbeschreibungen fixieren die Lichtpunkte und ordnen die Pixelräume, die Pixelträume.

Doch egal: es ändert nichts daran, daß sich alles wiederholt, die Bilder, die Blicke, die Sätze, die Ausdrucksweisen: Daß die Kunst an ihr Ende kam. Kein Bild, kein Blick, kein Satz. Nichts Neues unter der Sonne. Die Wiederholungen werden wiederholt. Scharf oder Unscharf. Mit oder ohne Kontur. All of old … Nach der zweiten Tasse Kaffee sieht die Welt aus wie vor der ersten Tasse Kaffee. Die Wahl lächerlicher Literaturnobelpreisträgerinnen. Hausfrauenprosa. Wohlfühltexte im Weichspül-Stakkato. Judith Hermann ist die Strafe für Alice Munro.

Manchmal denke ich, daß ich nur noch Porno-Photographien machen möchte: Kaputte Körper: Junkies oder besser Junkiennen, die ich dafür bezahle, daß sie mir ihren Körper als Bild liefern. Mit den Wunden, der bleichen Haut, das Messer verletzte die Klitoris beim Rasieren des Schamhaars, aus Unachtsamkeit heraus, die Nadel verletzte die Haut beim hundertsten Einstich. Ein magerer Körper. Dieses Bild existiert verschwommen.

Wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden ist, so schrieb Hegel in der Rechtsphilosophie, dann male die Philosophie ihr Grau-in-Grau. Er hat dabei und in diesem Zusammenhang seines Textes nicht an die Kunst und schon gar nicht an den Körper gedacht. Die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft. Die Bilder, die Texte, die Photographien laufen ins Leere.

Wir können nicht mehr atmen.

Wenn der Blick savantgleich gleitet.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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14 Antworten zu Vexierbilder

  1. hANNES wURST schreibt:

    +1 für das Lob an Paul Auster

  2. Bersarin schreibt:

    Danke. Ich lobe und preise gerne, wo zu loben und zu preisen ist.

    Ich hoffe aber, auch mein eigener Text hat Ihrem Gemüt gefallen und erfuhr Wertschätzung.

  3. hANNES wURST schreibt:

    Die Qualität Ihrer Texte bleibt unbestritten und ist für mich teilweise vielleicht schon zu hoch und ich kann dann nicht recht anknüpfen. Ein Lob an Auster freut mich besonders, weil Auster der wahrscheinlich einzige Autor ist, von dem ich fast alles gelesen habe (ähnlich begeistern mich vielleicht noch Asimov, Lem und Vonnegut) und bei dem ich mich oft frage, was genau mich da fesselt. Die Geschichten sind fast immer banal, eher beiläufig, und man kann davon ausgehen, dass sie auf keinen wohldefinierten Ausgang zugehen. „Invisible“ zum Beispiel, es ist kein Jahr her dass ich das Buch ausgelesen habe, und ich weiß kaum noch wovon es handelt. Aber ein tolles Leseerlebnis und eine Ode an die höchste Gehirnleistung: das Vergessen. Oder „Sunset Park“ – handelt wie fast immer irgenwie vom Schreiben oder vom Schreibbetrieb – der Protagonist ist am Ende wieder vor dem Anfang der Reise. Es ist vielleicht die Nähe zum Leben, der kunstvolle Bericht über die Erstaunlichkeit des banalen, die Auster auszeichnet. Mit gelegentlichen, meist kurzen, burlesk-frivolen Ausreißern bei den neueren Romanen.

  4. FrauWunder schreibt:

    All of old … Nach der zweiten Tasse Kaffee sieht die Welt aus wie vor der ersten Tasse Kaffee. Wohl wahr, darum empfehle ich Wodka, aber ich stimme Ihnen zu. Insbesondere in den unendlichen Weiten des Netzes, ist das was einem da so als fotografisches Abbild der Welt präsentiert wird immmer und immer und nocheinmal old fashioned…

    Als ich letztens wiedereinmal so ein Endlosband an Laienfotografien abscrollte; sprach die Stimme aus dem Off; schoooon wieder diese immer gleich verwackelte Hand- Mund und Fußkrankheit, die immer gleichen Ausschnitte, die gleiche Farbwahl, die gleiche Abmischung, die Wiederholung, der Wiederholung, der Wiederholung. Jeder Pennäler macht heute solche Fotos, hochgerüstet mit Digitaltechnik, das Kinderzimmer vollgestopft bis an den Rand, manchmal sogar besser: In desem Zusammenhang empfehlen möchte ich Björn Siebert, er nutzt die unendliche Wiederholung und das zerfledderte, tausendfach zerschossenen Motiv, um es genau noch einmal in den Blick zu rücken. Diese Art der Reinszenierung hat was von Leichenschau, seine Fotos tragen den Subtitel „Remake“, er verweist auf das Verhältnis von Differnez und Wiederholung und auf das Verhältnis zwischen Amateur- und Profiefotografie.
    http://www.hengesbach-gallery.com/sites/artists/siebert.html

    Und zum Pornoansatz, Mensch Bersarin ist doch nun auch schon die zigtausendste Wiederholung; ich erinnere nur an Tobias Zielony
    http://de.blouinartinfo.com/news/story/933618/interview-mit-tobias-zielony-ueber-jenny-jenny-in-der

    aber wenns Spaß macht und das Leben peppt; warum eigentlich nicht. Die Einen lesen Alice Munro, um vom Abenteuer Leben wieder runter zu kommen, die Anderen träumen von Pornofotografie um Leere zu füllen oder Zeit totzuschlagen; läuft vermutlich aufs Gleiche hinaus.

  5. Bersarin schreibt:

    @ hANNES wURST
    Danke für Ihre warmen, wärmenden Worte, die Sie Paul Auster entgegenbringen. Ich werde es an Siri und Paul weiterleiten.

    @ FrauWunder
    Die einen sagen so, die anderen so.

  6. hANNES wURST schreibt:

    @Bersarin: Bitte nicht Siri Hustvedt grüßen sondern nur Auster, denn in einem Anfall von geistiger Kurzschlüssigkeit habe ich einen Roman von Hustvedt begonnen und bin innerhalb der ersten (und letzten) dreißig Seiten an dreißig Tagen dreißig Mal eingeschlafen. Ich glaube auch, dass Auster es nicht leicht hat mit ihr (immerhin muss er alle ihre Bücher lesen).

  7. Bersarin schreibt:

    Siri Hustvedt ist sicherlich keine Kandidatin für den Nobelpreis der Literatur – obwohl: wenn Munro ihn erhält, kann man ihn gemäß einer Nordamerika-Frauen-Literatur-Quotierung auch an Hustvedt geben. „Die Verzauberung der Lily Dahl“ und „Die unsichtbare Frau“ hatte ich, als ich’s in den 90ern las, in nicht so schlechter Erinnerung. Freilich gelangt es nicht an die Prosa ihres Mannes heran. Es bleibt seichter und das Moment des Unheimlichen wirkt teils bemüht. Düsterheit mit Schutzvorrichtung sozusagen.

    Männer haben es mit Frauen übrigens nie leicht. Entweder wollen Frauen Kinder oder sie haben Migräne oder sie wollen über ihre Gefühle sprechen. Ich halte mir Frauen aus der Distanz. Das meiste aber ist Zeitvergeudung. Ich überlege zudem, ob ich für Frauen in Zukunft vielleicht bezahlen soll: an der Oranienburger Straße stehen, anders als früher, mittlerweile sehr fesche und anschmiegsame Frauen.

  8. hANNES wURST schreibt:

    Stimmt, die Nobeltrostpreise müssen aber weg, da hilft nichts, das ist testamentarisch verfügt. Ich finde es interessant, dass die Bill + Melinda Gates (+ Buffet?) Stiftung verfügt hat, dass das Stiftungsvermögen innerhalb einiger Jahrzehnte karitativ verwertet werden MUSS. Grund ist die Befürchtung, dass die Stiftung ansonsten institutionell degeneriert und sich nur noch selber am Leben hält.

    Ich befürworte Ihre Abkehr von der Bemühung um das weibliche Geschlecht. Ich selber (2 Töchter) bin Beispiel dafür, dass Ehe und Familie eine Häutung sein können, bei der nur die Haut übrig bleibt. Dennoch rate ich Ihnen von flüchtigen Abenteuern und käuflichem Sex ab. Machen Sie sich lieber klar, wie vollkommen unphilosophisch und entwürdigend die Kopulation und das ganze lästige Beiwerk ist, wenn es nicht zum Zwecke der Zeugung geschieht. Die physiologischen Nachteile der Enthaltsamkeit können ohne weiteres durch gelegentliche und ästhetisch einwandfreie manuelle Interaktion ausgeglichen werden.

    Ist auf diese Weise Kapazität geschaffen worden (denn bei einem nicht geläuterten Mann verbraucht die sexuelle Imaginierung viel Zeit und Gehirnkraft), dann entsteht Freiraum für neue Genüsse. Die restriktive Raucherpolitik der nordrheinwestfälischen Landespolitik hat mich zum Beispiel auf die Idee gebracht, nicht nur das Rauchen wieder anzugewöhnen (ich sitze gerade in einem Raucherhotelzimmer in Frankfurt / Main), sondern auch viele Marken zu testen, vor allem solche, die wahrscheinlich bald von der EU verboten werden. Gerade teste ich die Marke „Red Devil“, die es parfumiert in den Aromen, Schokolade, Vanille und Kirsch gibt. Sehr lecker, ziemlich leicht, brennen aber auch schnell ab. Dazu ein Pfungstädter St. Nikolaus Bockbier. Das sind Genüsse, mit denen sich die elende Reiberei, Drückerei, Leckerei von Mensch zu Mensch niemals messen kann.

    Sowieso geht es den meisten Männern beim Sex nur um Angeberei vor dem eigenen Geschlecht, die Erhaltung eines unreflektierten, gesellschaftlich vorgeprägten Selbstbilds oder die bequeme Schaffung von Intimität bei der Umgehung von wirklicher Befassung mit den Anliegen des Partners. Ohne mich, Leute.

  9. Bersarin schreibt:

    Sie haben reicht. Ich beschränke mich auf die manuellen Interaktionen. Ich überlebe auch, ob ich für diesen Blog dazu eine Protokollserie machen soll: Lauter wahre Sätze schreiben! Mal sehen. Bei den manuellen Interaktionen stelle ich mir Lovely Linda in allen Posen vor und wenn ihr verschwitztes blondes Haar in ihr Gesicht fällt. Ach …

  10. hANNES wURST schreibt:

    Ich sollte dazu schreiben, dass meine Lieblingsfabel die vom Fuchs und den Trauben ist.

  11. Bersarin schreibt:

    Ich kenne die Geschichte von dem Fuchs und den Trauben nicht. Lediglich aus der Pfalz ist mir eine Überlieferung bekannt: Der Fuchs, getrieben von Neugier und von der Frage, wie die Trauben in die Flaschen des Rieslings hineinkommen, begibt sich in eine der vielen Straußenwirtschaften. Dort bestellt er eine Flasche, beißt den Hals der Flasche ab, kostet, trinkt, merkt aber, daß sich in der Flasche keine Trauben befinden. Er bestellt eine zweite Flasche, denn vielleicht handelt es sich bloß um eine Fehlproduktion und man hat vergessen, die Trauben in den Riesling zu tun. Aber auch in der zweiten, der dritten und vierten Flasche kann er keine Trauben entdecken. Nun ist der arme Fuchs leider so betrunken, daß er nicht weiter testen mag. Er torkelt in Richtung seiner Voßkuhle und trifft auf dem Weg die junge hübsche Häsin. Diese bespringt er im Reflex, schüttelt sie hin und her und beißt sie liebestrunken in die Kehle. Als er aber bemerkt, daß die junge Häsin nicht etwa von Lust wild erregt, sondern tot ist, wird der Fuchs traurig, weil er der Schönheit der Häsin ansichtig wird wie sie so daliegt im nassen abendlichen Gras. Er bettet die Häsin in den Graben und zieht weiter seiner Wege. Immer noch sowohl an die Trauben in der Flasche als auch an die Häsin denkend.

    Eine traurige Geschichte, wie Sie sicherlich auch finden. Ich hoffe, die ihre vom Fuchs und den Trauben stimmt uns Leserinnen und Leser ein wenig heiterer.

  12. FrauWunder schreibt:

    oh gott; die geschichte kennt kein schwein, ich vermute sie hatten heute schon zuviel des guten pfälzer tropfens, obwohl sagte ich ihnen schon mal, das der beste riesling seit langem von mir getrunken, aus dem nördlichsten qualitätsanbaugebiet, der saale unstrut gegend stammt ? nein? dann unbedingt empfehlenswert die weinstraße mansfelder seen.

  13. hANNES wURST schreibt:

    @Bersarin: Das ist auch eine schöne Fabel, wenn auch untypisch, da der Fuchs als Fabelwesen üblicherweise Schlauheit und Listenreichtum tierifiziert. Die mir geläufige Fabel handelt davon, dass der Fuchs sich reckt, streckt und nach den Trauben springt. Als er endlich einsieht, dass die Trauben zu hoch hängen, sagt er sich, dass die Trauben ganz sicher sowieso zu sauer sind und marschiert unbeirrt weiter. Da trifft er auf eine schöne Häsin, stürzt sich auf sie und beißt ihr im Liebesrausch in die Kehle. Er bettet die Häsin in den Graben und zieht weiter seiner Wege. Er sagt sich, dass Sex mit einer Häsin für einen Fuchs ohnehin vollkommen unstatthaft ist und denkt nunmehr weder an die Trauben noch an die Häsin, sondern an die gute Flasche Riesling von den Mansfelder Seen, die zuhause für ihn bereit steht.

  14. Bersarin schreibt:

    Ich denke, Hanneswurst, daß Ihre Geschichte die mit Abstand beste und glaubwürdigste ist. Westdeutscher Realismus. Sie hätte einen Preis verdient. Allerdings werde ich naturgemäß keinen Riesling aus der Ostzone trinken – den besten Riesling gibt es nun einmal in der Pfalz: da beißt keine Maus dem Fuchs den Schwanz ab.

    Der Fuchs der Moderne ist übrigens von der Krankheit der Moderne angefressen: dem Grübeln und der Langeweile. Aus Verdruß greift der kluge Fuchs darauf hin zu den Drogen, um sich Eintritt in die künstlichen Paradiese zu verschaffen.

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