Kleine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse

 
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Wenn ich die Wahl habe, nach Davos zu fahren oder Thomas Manns „Der Zauberberg“ zu lesen, dann lese ich den „Zauberberg“. Eine Fahrt nach Davos ist beschwerlich, die Umstände sind meist mißlich, der Zug überfüllt, das Flugzeug hat Verspätung, vom Flughafen aus muß der Transfer nach Davos organisiert sein. Und selbst falls all diese Verwerfungen nicht eintreten, so gibt es dennoch zu viele andere Widrigkeiten. Wenn ich jedoch den „Zauberberg“ lese, bin ich nicht nur reisend in Davos, sondern zugleich in einer ganz andren Welt, die einerseits durchaus Davos ist und es zugleich doch nicht ist. In jener Welt dort drüben, über den Wipfeln – im Text. Im Schneegestöber und auf einem eiskalten Spaziergang. Durchs Gebirg. Keine Wirklichkeit mag die Verschlingungen, Verwindungen, Verstrickungen, Vielschichtigkeiten, die Bezüge, die Assonanzen, die Assoziationen, die Eindrücke so eindringlich und mit solcher Intensität in eine Anordnung zu bringen, wie ein Text, wie die Literatur. Metaphern, die die Imago anheizen und solche, die die Wirklichkeit neu strukturieren und begehbar machen. Gute Literatur schafft einen Raum des Imaginären sowie des Begehrens. Die Wirklichkeit ist um der Kunst willen geschaffen und nicht umgekehrt.

Die Welt ist ein Bild, um der ästhetischen Produktion Gestalt und Form zu geben, und nur als solches gerechtfertigt. Die Rechtfertigungslehre kann im Zeitalter der Immanenz nur eine ästhetische sein. Die Welt überlebt und hält sich in Rückhalt einzig im ästhetischen Schein.
 
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„Die von der Kulturindustrie Überlisteten und nach ihren Waren Dürstenden befinden sich diesseits der Kunst: darum nehmen sie ihre Inadäquanz an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensprozeß – nicht dessen eigene Unwahrheit – unverschleierter wahr als die, welche noch daran sich erinnern, was einmal ein Kunstwerk war. Sie drängen auf Entkunstung der Kunst. Die Leidenschaft zum Antasten, dazu, kein Werk sein zu lassen, was es ist, ein jegliches herzurichten, seine Distanz vom Betrachter zu verkleinern, ist unmißverständliches Symptom jener Tendenz. Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden; das ist die subjektive Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests. Wird sie trotz allem nicht einfach konsumierbar, so kann das Verhältnis zu ihr wenigstens sich anlehnen an das zu den eigentlichen Konsumgütern. Erleichtert wird das dadurch, daß deren Gebrauchswert im Zeitalter der Überproduktion seinerseits fragwürdig wurde und dem sekundären Genuß von Prestige, Mit-dabei-Sein, schließlich des Warencharakters selbst weicht: Parodie ästhetischen Scheins.“
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Aber es gelten diese Sätze ebenso in anderen Zusammenhängen. Ja, Kritik ist dunkel und negativ. „Aber wo bleibt denn das Positive, Herr Adorno?“ so wurde er gefragt. Und mit einem Zitat von Kästner antwortete er „Ja – wo bleibt es denn?“

Ach, und zur Nachlese verlinke ich zudem auf Don Alphonso. Herrlich geschrieben, böse, bissig, auf den Punkt gebracht dort in seinem FAZ-Blog, das gesamte Gewese um die digitalen Welten samt dem e-commerce.

Wie immer bei Don Alphonso finden sich Texte mit Substanz, subtil. Daß solche von  Denkfauleritis befallenen Schnellschußschreiber wie Sascha Lobo bei Rowohlt und in anderen Ranz-Medien Platz finden, zeigt im Grunde wie heruntergewanzt dieser ganze Betrieb ist. Oder um es mit Helene Hegemann im Jugend(stil)slang zu schreiben: Heruntergerockt. „Fettklößchen“, wie eine Novelle von Guy de Maupassant heißt: der Ranz schwimmt immer oben. Ob es sich bei der digitalen Inszenierungs-Bohème jedoch so verhält wie mit dem Eifelturm, über den Maupassant schrieb, daß er sich jeden Tag dort oben auf der Plattform aufhielte, weil diese der einzige Ort in Paris sei, an dem er dieses scheußliche Objekt nicht sehen müsse, bleibt eine Überlegung wert.
 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Kleine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse

  1. FrauWunder schreibt:

    Wie amüsant, passgenau und unverbesserlich.
    Man kann ein Pferd sicher auch von hinten aufzäumen, möglicherweise sogar reiten. Aber die Profis tun dies vom Kopf des Pferdes her. Führt vermutlich auch zu deutlich weniger blauen Flecken. Immerhin es ist dies eine Sache des Vertrauens, zwischen Pferd und Reiter. Und nicht von jedem unerfahrenen, charakterschwachen Anfänger gleich gut zu bewältigen. Es ist ein Unterschied ein Pferd von hinten oder vorne aufzuzäumen, sowie es ein Unterschied ist ob Wirklichkeit der Kunst willen geschaffen wurde oder umgekehrt.

  2. FrauWunder schreibt:

    Ach ja der Don, treffsicher wie immer, schreibt jetzt also auch in weiblicher Begleitung, tja jeder Überdruck braucht sein Ventil;

    Und; Wem die Bücher überall zu dick sind, der konsumiert Literatur in Schwundstufe. Gibts überall. Auch und vor allem von Paulo Coelho. (http://blogs.faz.net/diener/2013/10/13/in-teppich-gewebt-234/)

    In diesem Sinne;
    If you want to see a rainbow, first enjoy the rain!

  3. Bersarin schreibt:

    Sie verwechseln die Kategorien und bringen die Ebenen durcheinander. Weder soll die übliche Abfolge der Kausalitäten in Frage gestellt werden, noch Lebensflucht betrieben werden. Im Gegenteil – wer das Leben flieht, kann nicht schreiben.

    In diesem oben geschriebenen Zusammenhang jedoch ging es nicht um die Vollzüge oder die Praxis eines wie auch immer gearteten Lebens, das sich um der Langeweile Herr oder Frau zu werden, von Zeit zu Zeit mit der Literatur beschäftigt, um dieses zuweilen bedeutungslose Leben aufzuhübschen und ein wenig Pep in die Bude zu bringen, so zauberbergmäßig, sondern wesentlich ist in diesem Zusammenhang die Produktion von Kunst sowie die Reflexion darauf, und zwar im Sinne einer ästhetischen Theorie. Die Zustände, die ich beschrieb, gelten für bestimmte Charaktere, nämlich solche, die Kunst unter einem bestimmten Blickwinkel machen (wenngleich das nicht für alle gilt, denn selbst innerhalb dieses Feldes sind die Differenzierungen erheblich). Diesen ist jene Wirklichkeit ein Anlaß zur (unendlichen) Reflexion, zum Fragmentieren. Solchen Freigeistern ist der Text wichtiger als das, was Sie oder andere die menschliche Begegnung oder schön kitschig das echte Erlebnis nennen. Wenn ich fühlen will, wasche ich mit Lenorweichspüler. Kommt Ihnen sicherlich bekannt vor.

  4. FrauWunder schreibt:

    Ich verwechsle die Kategorien nicht; es ging mir eher um den Erlkönig, weniger um den Zuchthengst.Es ging mir nicht um Leben und Lebenlassen und schon gar nicht um Weltflucht…Es ging mir Ja, um Blickwinkel verschiedener Charaktere sich der Kunst und der uuuuuunendlichen Reflexion darauf zu nähern und wie gesagt die Einen tuns von vorn und Ander von hinten. Ich weiß auch gar nicht was sie immer mit den Zauberbergen, dem Leben und dem Weichgespülten haben, vll verwechseln Sie das was oder Ihnen ist das Schneewittchen davon gelaufen?

  5. Bersarin schreibt:

    Ja, merkwürdig, wie gereizt manche reagieren, wenn man bestimmte Positionen forciert vertritt. Ihr Beispiel legte es allerdings nahe, daß Sie die Ebenen durcheinander brachten. Aber vielleicht haben lediglich meinen Text nicht hinreichend verstanden. Sicherlich kann man sich der Kunst unterschiedlich nähern. Aber nicht jede Näherungsweise ist gleich gut. Wie die Ergebnisse zeigen. Das hat nichts mit Pferden von vorne oder von hinten aufzäumen zu tun. Wer Kunst macht, dem ist die Wirklichkeit ein Anlaß. Insofern wird, wer so vorgeht, eher das Pferd von vorne aufzäumen und auch derart aufsatteln. Wem die Wirklichkeit und das, was wir das Leben und Erleben nennen, wichtiger als die Kunst ist, der oder die sollten besser die Finger von der Kunst lassen und sich um anderes kümmern. Zum Beispiel die verschiedenen Weichspülersorten testen. Das kann ungeheuer aufregend und erfahrungsanregend sein.

    Die Schneewittchen lasse ich immer auf glühenden Kohlen tanzen. Ansonsten interessieren mich Märchenfiguren nur als erzählte Figuren. Schreibt Ihnen der Gemahl der Schneekönigin.

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