Brasilien und Clarice Lispector: Blick in den Schlund der Poesie

Diesjähriges Gastland bei der Frankfurter Buchmesse ist Brasilien. Manchem werden nicht viele der Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Landes bekannt sein. Allenfalls Jorge Amado und João Ubaldo Ribeiro. Etwas vertrauter, aber doch mit dem Seichten assoziiert, ist den meisten Paulo Coelho.

g-Moser-Benjamin-Carice-Lispector Es gibt jedoch eine Schriftstellerin zu entdecken, die man – vielleicht mit Fug und Recht – zu den Modernisierern der Literatur zählen kann, und zwar Clarice Lispector. Am 10.12.1920 oder 1925 – die Lage scheint hier nicht ganz klar zu sein – in dem Städtchen Tčetčelnik in der West-Ukraine geboren. Aufgrund antisemitischer Progrome verließen die Eltern zusammen mit der Tochter und ihren beiden Schwestern das Land, flüchteten über Hamburg nach Recife in Brasilien zu Verwandten. Die Aspekte dieses verschlungenen Lebens, von Flucht, Leben in Literatur und dem Tod in Depression beschreibt Benjamin Moser instruktiv in seiner Biographie über Clarice Lispector. Wie auch Ingeborg Bachmann setzte Lispector 1967 mittels einer Zigarette nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Wohnung in Brand. Anders als Bachmann entkam sie aber den Flammen. Schwer verletzt. Zehn Jahre später starb sie mit nur 56 Jahren, von Tablette, Depression und Krebs gezeichnet. In der instruktiven Biographie von Moser erfahren Leserin und Leser vieles über das Leben und das Werk von Clarice Lispector. Aber auch die Zustände sowie die politische Situation in Brasilien zum 20. Jahrhundert  rücken in den Fokus. Auch dies macht diese Biographie – über das Leben von Lispector hinaus – lesenswert.

g-Lispector-Clarice-Nahe-dem-wilden-Herzen Zudem ist bei Schöffling ihr Romandebüt „Nahe dem wilden Herzen“  neu aufgelegt und übersetzt erschienen, weiterhin dort erhältlich ist ihr zweiter Roman „Der Lüster“. Eine Schriftstellerin gilt es zu entdecken, deren Rang aufgrund subjektiver Verdichtungen in der Konstruktion und ihrer Nähe zu den Sprachkünsten jener Klassischen Moderne – von Joyce über Kafka bis Woolf – erst noch herausgestellt werden müßte: Wie die Außenwelt zur Innenwelt in Metamorphose sich begibt und anverwandelt. Fast ließe sich von jener objektlosen Innerlichkeit sprechen, die Adorno bei Kierkegaard konstatierte, und geprägt wird diese Literatur sicherlich durch eine existentiale Erfahrung, sofern man diesen  Slogan aus den 40er, 50er Jahren für eine bestimmte Form des Schreibens aufgreifen darf. Ihr Roman „Nahe dem wilden Herzen“ zumindest erschien im Jahre 1944 in Brasilien. Inmitten einer Weltkatastrophe. Wie läßt sich der Solipsismus intensiver Erfahrung schreiben, in einen Text verwandeln, der sprachlich wunderbar schwebt und eindringt? Dies führt uns Clarice Lispector vor. Wenn der Strom des Bewußtseins, das Gleiten der Gedanken in einen Raum ohne Zeit und Ort einen Text freisetzt, so ist für die Literatur viel gewonnen. Die Ereignislosigkeit eines Lebens kann dem Leben selbst oder aber den Wahrnehmungsweisen geschuldet sein. Die Endspielszenarien dieses Egos dekliniert Clarice Lispector auf empfindsame und eindringliche Weise durch.

Die Literaturkritik stellte fest, daß Lispectors Prosa an Katherine Mansfield und Virigina Woolf gemahne. Doch zu diesem Zeitpunkt, als sie ihren ersten Roman schrieb, kannte Lispector diese Autorinnen noch nicht. Und so zeigt sich wieder einmal, wie sehr Kunst und Ästhetik von einem kollektiven Unbewußten, einem kollektiven Unterstrom getragen werden. Geschichtsphilosophische Tendenz. Und es führen sicherlich von dort auch die Wege zu Sartre, Camus und als Literatureinschlag der Kunst nach dem Ende des 2. Weltkrieges: Samuel Becketts Prosa nach der sich nicht mehr so wie bisher schreiben ließ.

Mit Clarice Lispector harrt eine großartige Schriftstellerin, die die Literatur der Moderne prägte und eine neue, eine eigentümliche Weise des Erzählens schuf, der Entdeckung, um neue Linien und Bezüge, neue Weisen des Erzählens erfahrbar, sichtbar, lesbar zu machen. Literatur, das heißt immer: Text: Ein Gewebe von Bezügen und Verweisen, das manchmal im Innenraum der Innenwelt sich verknotet und zum unheilvollen, wunderbaren Solipsismus sich verdichtet.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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18 Antworten zu Brasilien und Clarice Lispector: Blick in den Schlund der Poesie

  1. Bersarin schreibt:

    Zurückgekehrt aus den Tiefen Brandenburgs wies mich soeben eine Freundin per Mail darauf hin, daß auch auf dem Blog „Gleisbauarbeiten“ seit heute Nachmittag ein Text zu Clarice Lispector sich befindet. Der Blog Aisthesis geht morgens um neun voraus, der Blogbetreiber schreibt, in der Frühe des Morgens, andere Blogs folgen ein paar Stunden später nach. So soll es sein. Schön ist es, Avantgarde zu sein, und sei es nur nachholend. Die Besprechung auf Gleisbauarbeiten sichtet notwendigerweise anders als ich. Aber das ist gut so. Unterschiedliche Analysen bedeutet: viele Texte, viele Perspektiven. Man kann Clarice Lispector natürlich feministisch lesen. Aber man muß es nicht. Und man sollte es, um des Begriffs der Literatur willen nur mit vielen Einschränkungen.

    Ich mache keinen Hehl daraus, daß ich Blog und Betreiberin aus verschiedenen Gründen, die hier keinen Platz finden, nicht sonderlich schätze. Aber dennoch verlinke ich auf eine Besprechung, die ganz anders die Aspekte wahrnimmt als der Betreiber dieses Blogs.

    http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2013/10/lalande-uber-clarice-lispectors-nahe.html

  2. FrauWunder schreibt:

    irgendwie, irgendwo, irgendwann stolperte ich schon einmal drüber;

    http://buecherblogger.wordpress.com/2013/09/24/vom-knstlichen-leben/

    und heute gleich viermal….was will das zwischennetz mir damit sagen?

  3. Bersarin schreibt:

    Es wird mehr, es wird immer mehr. Beim Bücherblogger habe ich noch gar nicht geschaut. Dann war dieser also die Avantgarde!

    Wenn ich allerdings im Zusammenhang mit Literatur und Kunst Begriffe wie „feministische Zirkel“ lesen, dann kann ich nur noch den Kopf schütteln. Heute schreibe ich als Mann, morgen als Frau, übermorgen dann der Kursus: Schreiben als Hobbit. Na ja, das Leben ist eine einzige Inszenierung. Und wir sind alle die Schauspieler. Schrieb mal jemand.

  4. FrauWunder schreibt:

    warum so negativ? perspektivwechsel machen die welt bunt. es soll menschen geben die schreiben auch als adult babys.

    was halten sie eigentlich von der gewinnerin des deutschen buchpreises? ich fands ein wenig iritierend, da ich eigentlich der festen überzeugung war zu wissen, wer den preis verdient und weiterhin war es immerhin „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ der genau vor 4 Jahren den boden zum beben brachte, daheim , auf dem berg….

    ich glaub ich empfange botschaften aus der welt der literatur.

  5. Bersarin schreibt:

    „Ich bin der Geist der stets verneint! / Und das mit Recht; denn alles was entsteht / Ist werth daß es zu Grunde geht; / Drum besser wär’s daß nichts entstünde. / So ist denn alles was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz das Böse nennt, / Mein eigentliches Element.“

    Was die Gewinnerin betrifft, so kann ich es nicht recht beurteilen, Mein Favorit ist ja nun klar gewesen: Clemens Meyer. Monika Zeiners Roman ist zwar in vielem nicht schlecht (Besprechung folgt), aber für den Preis reichte es nicht. Zu recht. Vielleicht doch Poschmann mit „Die Sonnenposition“? Ich werde es lesen.

    Ich empfange keine Botschaften und ich sende auch keine. (Siehe erster Absatz dieses Posts).

  6. FrauWunder schreibt:

    ich weiß, der meyer war auch mein favorit, allerdings, manchmal ist es besser, unsere wünsche dahinziehen zu lassen;

    „Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden.“

    -ebenDer-

  7. Bersarin schreibt:

    Literatur ist nicht Wünsch-Dir-was, sondern es geht ums Gelingen oder Scheitern eines Werkes. Allerdings kann sie den Möglichkeitssinn wecken und den Wirklichkeitssinn aktivieren.

  8. Bersarin schreibt:

    Hach, und gerade donnert und gewittert es hier in Berlin. Nein, wie pathetisch! Ich liebe die Dramen. Mein Leben soll wie ein Stück von Shakespeare und Kleist sein.

  9. ziggev schreibt:

    danke für diese Besprechung; werde ich sogleich (die das im Original lesen können) meinen brasilianisch Freunden empfehlen!

  10. Bersarin schreibt:

    Wahrscheinlich werden Deine Freunde Lispector kennen. Besser ist es allemal, einen Schriftsteller im Original zu lesen. Aber wer hat schon einen Babelfisch im Ohr und kann alle Sprachen?

  11. che2001 schreibt:

    Jedenfalls eine echte Neuentdeckung, nie von gehört. Wobei ich den Coelho so seicht nicht finde.

  12. Bersarin schreibt:

    Ja, Lispector ist in der Tat eine Entdeckung, und ich vermute fast, daß Dich als Historiker die Biographie von Benjamin Moser ebenso interessieren wird, zumal dort die vielfältige Geschichte Brasiliens und die Zeit der Militärdiktatur ebenfalls in den Blick genommen wird. Es ist die Biographie einer (jüdischen) Immigrantin und einer durchaus mit Gewinn zu lesenden Literatin.

  13. FrauWunder schreibt:

    @ che; Coelho ist weder echter Brasilianer noch echter Schriftsteller, eher Küchenesoteriker für gelangweilte Mittdreißiger mit Lonely Planet Hintergrund…

    Dagegen klingt Lispector wirklich vielversprechend.

  14. Bersarin schreibt:

    Da Paulo Coelho in Brasilien geboren wurde, scheint er mir durchaus ein Brasilianer zu sein. Sofern man denn überhaupt solchen Nationalzuschreibungen folgen mag.

  15. FrauWunder schreibt:

    Paulo Coelho lebt seit Jahren in der Schweiz, wahrscheinlich ist er Weltbürger.

  16. Bersarin schreibt:

    Wo jemand lebt und wie einer lebt, ist mir im Grunde egal und interessiert mich nicht. Mich interessieren lediglich Texte. Der von Coelho scheint mir, literarisch gesichtet, unbedeutend.

    Ja, Weltbürger ist gut. Wenn Weltbürger Weltliteratur machen, ist es noch besser.

  17. ziggev schreibt:

    Ich hatte mir eher vorgestellt, den Text parallel zu lesen, den bras. Text neben die deutsche Übersetzung zu legen und vielleicht diese Sprache etw. zu erlernen mit ihren vielen stimmlichen S- und Sch-.Lauten. Weil ich da die ganzen Storys von den Mittsechzigern an bis Mitte Achtziger kenne, von den benannten Bekannten erzählt, hat mich Deine Besprechung echt neugierig gemacht.

    Literarisch kannst Du Dich bei meinen Kontakten aber vor allem auf die Kenntnis hunderter Texte aus dem populärmusikalischen Bereich verlassen. Nicht nur Caetano Veloso, João Gilberto und Antônio Carlos Jobim. Sondern auch immer das Œuvre von Hendrix, AC/DC, John Lennon usw. gleich komplett. (Bei Bob Dylan gibt es Lücken.)

    Ansonsten wurden mir bisher lediglich Namen: Paulo Mendes Campos (flüchtige Bekanntschaft, damals, unter der Militärdiktatur), Manoel Maurício (ein bras. Historiker) genannt.

  18. ziggev schreibt:

    … natürlich auch Simone de Beauvoir, u. fast 30 Jahre in Dt. Schland, erfürchtig genannt, Rosa Luxemburg, Fr. Nietzsche und Brecht.

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