Fremde Heere Ost. Reisebilder

In den Tiefen der Wälder, im Süden Berlins, in den märkischen Sand geschlagen, gehämmert und gegraben, ragen die Beton-Bunker hinein und modern. Auf den ersten Blick scheint es so, als ob nichts Düsteres in den Wäldern wohnte (Twin Peaks, Twin Peaks!), und es gibt dort keine Eulen, die nicht sind, was sie scheinen. Keine schwarzen Hütten, keine weißen Hütten. Nur den märkischen Sand und die Kiefern, die Birken, die darin wurzeln. Verborgen in den Wäldern, im Dickicht überwächst die Natur die Geschichte. Und überwuchert die Häuser. Jedoch: Es lag dort ein militärischer Komplex, den es seit 1910 gibt. Wünsdorf – ein Ortsteil des unansehnlichen, öden Städtchens Zossen. Zossen ist derartig langweilig, daß es nicht einmal mehr Spaß macht, Schimpf- und Haßtiraden über diesen Ort zu verbreiten, weil ich für Zossen im Grunde nur Mitleid habe. Einer von vielen Orten.

In der fröhlichen guten alten teutschen Kaiserzeit, wo ein Ruf wie Donnerhall daniederging und Region sowie Welt mit Brausen erfüllte, entstanden in dem Gebiet um Wünsdorf herum Kasernen für das anwachsende Militär. Das Tempelhofer Feld und andere Orte in Berlin reichten vom Platz her schon lange nicht mehr aus, um Übungs- und Kasernierungsfläche für die kommenden Kriege bereitzustellen. So entstand ein Militärareal südlich vor den Toren von Berlin. Der Erste Weltkrieg ging widrig und dolchstoßhaft verloren. Die Sieger entwaffneten Deutschland. Im faschistischen Deutschland wurde der Militärkomplex schon kurz nach 1933 ausgebaut und umfassend erweitert. Es entstanden dort – teils unterirdische – vor jeglichen Bomben sichere Bunkeranlagen, die mit den Tarnbezeichnung Maybach I und II versehen wurden, sowie ein Fernmeldebunker namens Zeppelin, dessen Tarnname „Amt 500“ lautete. (Es gibt keine Stellung, die es nicht gibt.) Die technische Ausstattung des Bunkers entsprach dem Stand modernster Fernmeldetechnik. 1935 bezog in dieser abgezirkelten geheimen Anlage das Oberkommando der Wehrmacht sein Hauptquartier. Im Juni 1941 begann der Zug gen Osten. Nachdem nun der Krieg durch einige Widrigkeiten und Unschicklichkeiten für die Deutschen verloren ging, der Wille der Volksgemeinschaft erwies sich als nicht stark genug, denn was fällt, das solle man, nach Nietzsche „Zarathustra“, bekanntlich stoßen, kamen irgendwann aus den Tiefen des Ostens die Russen heran. Und da in Wünsdorf bereits alles so schön militärisch und gut ausgerüstet und vorbereitet war, quartierte sich der Marschall Schukow sowie sein Führungsstab in Wünsdorf, das fortan Вюнсдорф heiß, ein. 1947 erfolgte gemäß der Entmilitarisierung Deutschlands, die im Potsdamer Abkommen beschlossen wurde, die Sprengung der Bunker. Viele Teile der Bunkeranlagen bleiben aber erhalten, insbesondere der Fernmeldebunker Zeppelin, weil das Sprengen nicht gut von der Hand ging. Der Beton erwies sich als widerstandsfähig. Logik des Objekts.

Die Sowjets begannen ab 1953 das Gebiet weiträumig abzusperren und errichteten dort einen Militärkomplex, in dem in den besten Zeiten bis zu 75.000 sowjetische Männer, Frauen und Kinder stationiert waren. 1994 zogen die Sowjets ab. Es blieb eine Landschaft zurück, die übersät von Kriegsschrott, Bomben- sowie Waffenteilen, Munitionsresten und Abfall war. Es bleiben 260 Hektar menschenleeres Gebiet, das einstmals von Menschen bewohnt war. Noch heute stehen viele der Gebäude, so zum Beispiel das sowjetische Offizierskasino. Geheim, gut bewacht und verborgen.

Das Bunkergelände kann besichtigt werden und es gibt in Wünsdorf Bunkerführungen. Einsam liegen die Wälder im brandenburgischen Staub.

„Der Tod ist ein Dandy“. Ein deutscher Dandy.

Wie immer lasse ich es mir nicht entgehen, geneigter Betrachterin, geneigtem Betrachter einige Photographien sowohl von der Außenwelt als auch dem Interieur dieser Anlage auf Proteus Image zu zeigen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Fremde Heere Ost. Reisebilder

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Dank für den schönen Text.
    Ich hatte einst in der Lübecker Innenstadt als Aushilfstiefbauer Gräben für Glasfaserkabel auszuheben. Bis wir auf ein unglaubliches Betonfundament stießen. Der nahe gelegene Hochbunker wies auf die Funktion dieses Betons hin: Es war die Bunkerplatte, die das unvermeidliche Wanken nach einer Bombenexplosion abzufangen hatte. Der Kommentar der Bauarbeiter, nachdem der Schachtmeister das Zerstören der Betonplatte mittels Preßluft befohlen hatte, blieb, bleibt und wird mir unvergeßlich bleiben: Mit Preßlufthammer? Das ist Hitlerbeton, den kriegste nicht kaputt! So wird es den Bunkersprengern in Zossen auch ergangen sein.
    Hitlerbeton……

  2. Bersarin schreibt:

    Richtig: Hitlerbeton. Der Stahl im Beton weist auch heute noch keinen Rost auf. Das Bundesamt für Materialprüfung nahm davon Proben, um zu sehen, wie das gemacht wurde.

    Ja, was für Bilder und Metaphern.

  3. Bersarin schreibt:

    Übrigens muß ich mich auch für Deinen Text bei Dir drüben bedanken. Promi-Patienten-Prosa. Ein großes Stück Literatur, eine gelungene Kurzgeschichte.

    Zu lesen hier: http://summacumlaudeblog.wordpress.com/2013/09/18/2/

  4. summacumlaudeblog schreibt:

    „Ein großes Stück Literatur, eine gelungene Kurzgeschichte.“
    ….Ähhhhh…..??? Danke – aber doch eine Nummer zu groß für diese Fingerübung.

  5. Bersarin schreibt:

    Doch, doch, das werte ich schon durchaus in dieser Weise wie ich es schrieb. Solche Storys, in einem Band gesammelt, können einen Reigen an Szenen und Abfolgen von Geschehen und Geschichte ergeben. Diese eine liefert einen Vorblick.

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