Korrekturen – „Die Ordnung der Sterne über Como“ und der Deutsche Buchpreis 2013

Ich muß ein wenig meinen Wunsch, daß Clemens Meyer den Deutschen Buchpreis 2013 gewinnen möge, korrigieren. [Mal davon abgesehen, daß es eigentlich zutiefst amusisch ist, sich auf diese Preise und Auszeichnungen zu kaprizieren und von diesem Kriterium her Bücher zu lesen. Wichtiger als solche Preise ist allemal die Form von Prosa: Wie wird erzählt? Konventionell wie immer, Geschichte an Geschichte gereiht oder die Romanform nach vorne treibend, Anderes wagend und probierend, die ausgetretenen Pfade verlassend? Dem Roman etwas Neues, einen anderen Aspekt und Dreh hinzuzufügen, wie wir es bisher und in dieser Weise nicht hatten. Adornos Kategorie des Avancierten aufgreifend. Aber solche Preise gehören nun einmal – zu recht – zum Betrieb dazu, weil sie für die Autorinnen und Autoren, die sie erhalten, finanzielle Unabhängigkeit versprechen und zudem bei der zukünftige Verlagswahl einen Mehrwert darstellen.]

Alle fünf Bücher auf der Shortlist scheinen mir auf ihre Weise interessant – ausgenommen Mirko Bonnés „Nie mehr Nacht“, das mir zu bemüht und zu konstruiert wirkt. Da ich das Buch aber nicht gelesen habe, bleibt dies nur ein Eindruck, den ich aus Klappentext und den Rezensionen bezog. Ich mag mich täuschen.

Sicherlich hätte Meyers großartiges Prosawerk aufgrund der Form des Erzählens – nämlich die Geschichte von Sex, Großstadt, Liebe, Geschäft in einer eigenwilligen Weise zu perspektivieren – sowie einer Sprache, die detailliert die Zustände, Dinge, Situationen trifft, diesen Preis verdient. Aber wünschen würde ich mir dennoch, daß den Preis Monika Zeiner mit ihrem fulminanten, übersprudelnden, witzigen, tief-traurigen, intensiven Romandebüt „Die Ordnung der Sterne über Como“ gewönne. Es wäre dies eine Ehrung für ein ganz und gar gelungenes Erstlingswerk, eine Auszeichnung für eine Autorin, die gerade die Bühne der Literatur zu betreten sich anschickt. Mag Terézia Moras Buch Das Ungeheuer“ von der Form und der Konstruktion und der Figurenperspektivierung her avancierter sein, indem die Ebenen „Reflexion des Mannes“ und „Reflexionen der Frau“ auf einer Buchseite jeweils oben und unten angeordnet und durch eine zartgraue Linie getrennt wurden und so zwei ganz und gar unterschiedliche Perspektiven zur Darstellung kommen, so scheint mir dennoch die Sprache und der Ton, den Zeiner trifft, für ein Debüt ganz außergewöhnlich. Genau lauscht sie, wie zwischen zwei Menschen Dialoge geführt werden, besitzt dabei den Blick fürs Absurde und Komische, das solchen Dialogen häufig zugrunde liegt, selbst innerhalb so ernster und trauriger Situationen wie dem Besuch auf der Intensivstation eines Krankenhauses, wo ein Mensch im Sterben liegt, oder im Leichenschauhaus.

Auf der Rückseite des Buches ist ein Satz von Michael Kumpfmüller abgedruckt, in dem es heißt: „Es ist unerhört selten, dass eine Frau mit dieser Gerechtigkeit, jenseits aller Klischees, über einen Mann schreibt. Was für ein Roman!“

Über solche Klappen- und Rückentexte ärgere ich mit jedesmal und mit Regelmäßigkeit. Weshalb hängen die Leserinnen und Leser, selbst Schriftsteller, die es bisser wissen müßten, immer noch an der Fiktion des Autors und insbesondere an seinem Geschlecht? Als ob es ein männliches oder weibliches Erzählen gäbe, als ob Frauen nur über Frauen und Männer nur über Männer schreiben könnten. Eine absurde Vorstellung, die Kunst aufs Geschlecht und auf Sprecherpositionen reduziert.

Dennoch hat Monika Zeiner dieses Lob, was für ein Roman dies sei, verdient. Konventionell zwar erzählt. Aber doch handelt es sich um eine Prosa, die eine ungeheure Kraft entfaltet. Zeiner erzählt zwar sprachlich nicht immer präzise und an einigen Stellen etwas überambitioniert, aber doch mit Witz und Detailreichtum die Geschichte einer Männerfreundschaft sowie einer zwischen diesen Männern sich bewegenden Frau: eine Geschichte zwischen Berlin und Neapel, Italien und Deutschland mit vielfachen Exkursen und Ausführungen zur Liebe oder genauer: Zur Unmöglichkeit von Liebe in den Zeiten der Individualitäts-Cholera.

Bisher bekannt – nein bekannt ist hier definitiv das falsche Wort – bisher trat Monika Zeiner schreibend mit einer Dissertation hervor, und zwar trägt diese den schönen Titel „Der Blick der Liebenden und das Auge des Geistes. Die Bedeutung der Melancholie für den Diskurswandel in der Scuola Siciliana und im Dolce Stil Nuovo“. Leider ist das Buch zur Zeit vergriffen. Es hat viel mit den Überlegungen und Ausführungen des Blogbetreibers zu tun.

Eine Besprechung von „Die Ordnung der Sterne über Como“ erfolgt demnächst. Auch auf den Aspekt der Liebe als Passion und als System, wie sich Individualität ausbildet, komme ich zu sprechen. Warten wir ab, wie morgen gegen 18 Uhr die Preisverleihung ausfallen mag und wer die schöne Trophäe zugesprochen bekommt. Meyer wiederum würde ich es wegen seiner Jubelposen wünschen. Wer trinkt schon während einer Preisverleihung und der vielen Reden ein Bier dabei und reißt dann die Flasche hoch, wenn es ans Literaturpreisgewinnen geht?

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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