„Put on the red light“: Spiegel an Spiegel – Clemens Meyers „Im Stein“

Lichter, Reflexionen, Blendungen, Spiegelungen. Lichtbrechungen, Verzweigungen, Täuschungen, Vielstimmiges: das sind die Begriffe, mit denen sich dieser faszinierende zweite Roman von Clemens Meyer umschreiben läßt – um es weg vom Sex sells auf eine andere Ebene zu bringen. Es sei vorweg gesagt: Ich rate zu diesem Buch, unbedingt, es handelt sich um ein Stück große Literatur, weil hier ein Schriftsteller seinen Stoff virtuos formt, und zwar über eine Distanz von rund 600 Seiten. Aber Leserin und Leser müssen sich Zeit nehmen. Das Buch fliegt den Lesern nicht zu, teils wirkt es sperrig. Es ist ein Reigen an Bildern, in Sprache geformt, der auf Leserinnen und Lesern  einschießt und sich im Kopf einnistet. Mal brutal, mal zart und zärtlich wie die Nacht, um in Anlehnung an  F. Scott Fitzgerald zu schreiben. Und sicherlich handelt es sich nicht um einen Zufall, daß einer der Protagonisten des Romans, der Immobilienbesitzer Arnold Kraushaar, genannt AK 47, jenen Ozean des Bewußtseins aus „Solaris“ erwähnt, der alle Bilder des Denkens als Trug-, Traum- und Wunschbilder wieder aus sich heraus spiegelt und in Gestaltung materialisiert. Es tritt hervor, was im Denken als Traum oder Trauma drängt: „dieser intelligente Ozean, da wollte ich immer reintauchen als Kind, eintauchen, weil ich dachte, dass dort die Unendlichkeit drin ist und man im Prinzip dann drin aufgeht.“ Das Spiegelkabinett, das die Bilder ins Unendliche hinein zu brechen und zu duplizieren vermag, dient dem Roman als poetisches Prinzip und Konstruktion von Welt – mal als Spukhaus, als Lachkabinett und Spiegellabyrinthe wie sie auf dem Jahrmarkt zum Amüsement vorkommen, mal als barocker Schloßspiegelsaal.

Leipzig, im Roman nur „die große Stadt“ und „Eden-City“ genannt, ist hauptsächlicher Ort der Handlung, von der Wendezeit bis ins Jahr 2011. Wir bewegen uns in der Welt des Rotlichtmilieus. (Auch ein Ort der Spiegel.) Aber wie sagt es Arnie Kraushaar: „Milieu. Was soll das sein, bitte? Die Muschi besitzt ein feuchtwarmes Milieu.“ Der Roman von Meyer hält durchaus (teils brutale) Bezüge zur Realität jener Welt der Prostitution bereit, aber er ist weder ein Sozialdrama, das mit dem Anklagefinger auf die Zusammenhänge der Prostitution verweist, noch dokumentiert oder glorifiziert er die Welt des Rotlichtmilieus, wenngleich sich in dem Buch durchaus Passagen finden, wie die zum Kongreß der Huren, die einen dokumentarischen Anstrich besitzen. Aber auch diese Stellen sind lediglich Mittel zum Zweck, um eine komplexe Lebenswelt wie unter einem Prisma in ihre Facetten und Farben zu zerlegen. Der Roman zergliedert und dekonstruiert diese Realität einer sehr speziell organisierten Großstadt-Welt in einzelne Bilder, die sich wie in einem Kristall zu einem Ganzen formen, das sich freilich aus den verschiedenen Blicken und Perspektiven erzeugt. Breit aufgefächert und in die verschiedenen Bilder und Ströme des Bewußtseins zerlegt. Die Teile konstituieren das Ganzem und bleiben dabei eigenständig; sie sind mehr als das Ganze. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Teile sind mehr als das summierte Ganze. Sie bleiben als Bilder souverän, zuweilen auch monadologisch verschlossen und als Rätsel im Raum stehend. Lösungen gibt es keine.

Es rauschen und fließen die Stimmen dahin und sie vermischen sich. Die Stimmen der Prostituierten, der kleinen und der großen Zuhälter, jenes Mannes, der seine Tochter in Leipzig und Berlin sucht, die auf den Strich abdriftete, der Bulle, der mit seiner Hure ins Bett geht. Das Meer der Stimmen, und es treiben im Kopf die Assonanzen und Assoziationen. Eine Flut von Eindrücken und Bildern pulsiert, im Kopf, im Hirn, von der Außenwelt her aufgenommen, übertragen durch die Sinnesorgane, weitergeleitet, umgewandelt und verarbeitet durch die Nervenbahnen. Verkehrswege allesamt. Die Straßen, die Nacht und all das, was darin geschieht. „Die Nacht, die Lichter“, wie der erste Band mit Erzählungen von Clemens Meyer heißt – das Thema im Titel bereits verdichtend.

Immer wieder sind es diese Lichter, die bei Meyer als Motiv und Metapher auftauchen. Reflexionen in Scheiben und Spiegeln, Lichter, die als Reflex blenden. Das kalte Funkeln der Diamanten, die  „Im Stein“ eine Rolle spielen.

Und am Rande der Straßen, in Perlenschur gereiht, das Meer an Häusern, selten nur Backsteine wie im Norden, sondern Sandstein oder Quadersteine, verfallene Jugendstilfassaden oder Fertigbauweise: „Fickzellen mit Fernheizung“ (H. Müller): „Im Stein“ lebend, wohnend, arbeitend, sich verdingend, einsitzend, und es ist, als führe der Leser dieses Romans nachts mit dem Auto durch die Straßen einer großen Stadt oder als säße er in einem Film, in dem ein Protagonist des Nachts mit seinem Auto durch diese Straßen der Stadt kreist: immer wieder sind es diese Lichter, die im Vorbeifahren flüchtigen Illuminationen, die als Sprach-Bilder den Roman durchziehen, die aufblitzen und im Vorbeifahren wieder verschwinden: Neonreklame, schrill, grell und überblendend, Fensterfassaden erleuchtet und darin die Auslagen der Warenwelt, in ein kaltes Licht aus Neon und Strahlern getaucht, die Ampeln, die Autoscheinwerfer des Gegenverkehrs, der vorüberzieht. Der Blick in den Rückspiegel, aus dem heraus die Lichter der Autos blenden. Dann weiter geht die Fahrt durch die dunklen Ecken der Stadt, jene einsamen Straßen, abseits der Ausgeh- und Einkaufsviertel, wo die Häuser stehen, in denen die Menschen wohnen. Die meisten ihrer Bewohner schlafen bereits in ihren Steinbauten – dort durch die Straßen geht die Fahrt mit dem Auto, wo nur vereinzelt noch in den Fenstern ein Licht brennt, rechts und links der Straße parken die Autos der Anwohner, es schimmert das gelbe Licht der Laternen. Auf dem Gehsteig ist kein Mensch mehr zu sehen. Alles ruhig. Nacht. Der Regen fällt auf die Scheibe, der Scheibenwischer macht sein monotones Geräusch: Quietsch hin, quietsch her. Der Motor läuft gelassen und ruhig.

Ich fahre durch die Stadt und immer in die Lichter hinein, ich liebe diese Lichter, die Nacht, das Nichts, ich könnte unendlich so weiter fahren und ich wünsche mir, daß es niemals mehr endet und niemals mehr morgen wird. Ich möchte wieder Drogen nehmen, doch bin ich bereits wegen Trunkenheitsfahrten vorbestraft. 1,4 Promille, wie die Staatsanwaltschaft mir schrieb, und die Lichter schimmern nicht mehr sanft, sondern sie mischen sich zu den wunderbarsten Reigen und Bögen. Aggressiv in die Augen stechend, die Augen blendend, alles andere überblendend. Irgendwo rechts am Straßenrand flirrt das blaue Licht einer Tankstelle, Neon, immer Neon, und etwas weiter dahinter das Rot der Leuchtschrift eines Supermarktes. Portishead klingt treibend aus dem Lautsprecher. Blaulicht im Rücken.  Stop Polizei, in roter Laufbandschrift. Großstadtlichter, die sich auf einer Autoscheibe brechen, über der die Regentropfen rinnen, die der Fahrtwind und der Scheibenwischer schnell wieder fortwischen, und immer kommen neue Tropfen, neue Lichter hinzu, neues Spiel der Reflexionen entsteht. Grell überblenden die Lichter, finden ihren Weg. Auch ins Auge. Es herrscht ein Wetter, bei dem kein Autofahrer in der Nacht gerne sich durch die Stadt bewegt, weil im Reigen der Reflexionen und Brechungen kaum noch die Menschen auszumachen sind, die die Straße überqueren oder die plötzlich vors Auto laufen. Ungesehen. Selbst in der Nacht noch, wo die meisten bereits schlafen. Es strudeln und taumeln die Lichter der großen Stadt, wie in jener einen Nacht, damals, in der wir die ungesunden Drogen nahmen. Während sie nur in ihrer Unterhose neben mir auf dem Beifahrersitz saß und ich fuhr. Love my Ständer.

Clemens Meyer liebt diese Lichter einer Stadt, die in der Nacht daliegt und eine Vielzahl an Geschichten bereithält – fröhliche und weniger fröhliche, solche vom Amüsement und solche von tiefster Tristesse, die nichts mehr mit der Melancholie eines Überästhetisierten zu schaffen haben.

Die Welt der Puffs, der Bordelle, des Wohnwagenstrichs, der verschiedenen Varianten des Geschlechtsverkehrs samt seiner Fetischausprägungen wie Kaviar essen und Sekt trinken, die Welt der kleinen Mädels, die für Geld gefickt werden und die nicht einmal 16 Jahre sind, die Stadt der Engel auf den Motorrädern, der gekauften Bullen, die das Geschäft laufen lassen, so daß die Konkurrenz aus Osteuropa fern bleibt. Die Stadt von Arnold Kraushaar, der als Immobilienbesitzer Wohnungen an die Prostituierten vermietet. Das Chaos nach der Wende, in das seine Jungs die Ordnung bringen. Herr der Häuser und nun ganz oben im Geschäft: Einstmals in seligen DDR-Zeiten Kickboxer, Fußballhooligan, auf die dritte Spielzeit wartend, und auf der Leiter immer einen Schritt weiter. Kapitalismus heißt, sich hochzuarbeiten, und auch der Sex ist eine Ware, die gekauft und marktgerecht dargeboten werden will, wie all die schicken Smart- und iPhones, teils in Sklavenarbeit geschaffen, nicht anders als manche Zwangsprostituierte für ihren Zuhälter schuftet. Aber die Welt von AK 47 ist nicht die der Zwangsprostitution, sondern eine solche von Frauen, die auf ihre Weise arbeiten wollen. Das beliebte Schema schwarz/weiß, das die Dinge handhabbar macht, funktioniert bei Meyer nicht. Es gibt nicht nur den bösen Luden-Lümmel. Auf ihre Weise sind in diesem Buch alle gleich. Meyer schildert keine seiner Figuren unsympathisch und verrät sie dadurch.

Zu all den Kürzeln, die im Buch für die verschiedenen Möglichkeiten von Sex auftauchen, wie FO für „Französisch ohne“, muß das von der OK hinzugefügt werden: Organisierte Kriminalität als eine Variante des marktwirtschaftlichen Kapitalismus – seine Gesetze imitierend. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Da ist der mal brutale, dann wieder sinnlich-liebevolle Zuhälter Hans (genannt Schweine-Hans, weil er aus dem Hause eines Metzgers stammt), und der bis zum Ende unsichtbar bleibende Herr der Spiegel, der hinter allem und über allem schwebt, der Mann, mit den Fäden in der Hand, den wir nicht zu Gesicht bekommen und der als eine Art unsichtbares Zentrum des Romans wirkt. Denn die Zeiten ändern sich und den ehrbaren Zuhältern sowie den Immobilenvermietern kommen irgendwann die Engel in die Quere.

Leipzig: die Stadt, die Steine, die Lichter, der Tod, das Gewerbe. Ein verzweigtes Labyrinth an Geschichten, Minotauros-Prosa. Und unterirdisch unter all dem Geschehen und den Bildern fräsen sich in Meyers Roman die Bohrer durch das Erdreich der Stadt, ganz und gar unmetaphorisch, baustellenreal, graben die Tunnel und die Unterführungen: den City-Tunnel. Es gräbt und gräbt.

Durch Meyers zweiten Roman „Im Stein“ bewegt man sich als Leserin oder Leser wie bei einer solchen nächtlichen Autofahrt bei Regen in einer Stadt. Es strömen die Eindrücke, verzahnen sich, verfransen sich, gehen durcheinander, das Buch folgt – einerseits – einer Logik der Assoziationen und des Traumes, in dem in der erzählten Zeit – von den Jahren vor der Wende bis in die Gegenwart des Jahres 2011 hinein – nichts in zeitlicher Kontinuität sich verknüpft: „ich weiß gar nicht genau, was da nun Ende, Anfang oder Mitte gewesen ist“, so schildert der Bordellbesitzer Hans seiner Liv, die er hätte lieben können, seinen Traum, den er hatte, als er neben jener Blumenverkäuferin aufwacht. Einschübe und Brechungen tragen die Prosa Meyers. Alle diese Phasen, Bilder, Aspekte, Begebenheiten, Handlungen, Tätigkeiten bilden einen Reigen, der aber kaum noch im Sinne einer kontinuierlich erzählten Geschichte funktioniert. Es läßt sich eine Geschichte von der Begebenheit A über B nach C hin im Strahl der linearen Zeit erzählen. Wenn ein wissender Erzähler eingeschaltet wurde, der das, was geschah, in eine Anordnung bringt und den Ereignissen eine geordnete Struktur zuweist, dann ergibt das den raunenden Beschwörer des Imperfekts.

So aber, in der Weise wie Meyer erzählerisch verfährt, bleiben lediglich die Impressionen, die Eindrücke der Protagonisten als solche bestehen und ergeben in der Ansammlung ein Mosaik, ein vielstimmiges Gespräch, wie man es etwa in Faulkners Prosa findet, so z. B. in „Schall und Wahn“. Die Struktur hier heißt Vielstimmigkeit und Perspektivismus. Daß aus dieser Welt der Prostitution noch sinnvoll und als zeitliches Kontinuum erzählt werden könnte: dieser Illusion des Zeitrealismus erliegt Clemens Meyer nicht mehr. Die Kategorie des Sinnes und des Zusammenhangs von Gesellschaft ist aufgelöst. Wenngleich Meyer für diesen Roman viel recherchierte und mit Prostituierten und anderen aus dem sogenannten „Milieu“ sprach, so schreibt er dennoch kein Sozialdrama, er beschreibt nicht, was sich zuträgt. Dies merkt der Leser insbesondere an den Stellen, wo Meyers Sprache trotz des harten Prosatones fast schon poetisch und lyrisch verfährt. Es gibt in dem Buch Stellen, bei denen ich beim Lesen vergehen und im Text verglühen möchte, mit solcher Intensität und Wucht sind sie geschrieben. Wie dies überhaupt in der Prosa Meyers in den gelungensten Passagen seines Werkes geschieht. Was mich an Meyers Text am meisten verblüfft, ist der Umstand, daß er inmitten der sehr prägnanten Sprache, die von teils sehr knappen, kurzen Sätzen getragen wird, Bilder von ungeheurer Sprachkraft und -gewalt entfaltet: Es bleibt beim Lesen solcher Sätze der Atem weg und als einiger Satz geht mir durch den Kopf: DAS, genau das Bild ist es, genau so ist es, wie Meyer es beschreibt. (Ich werde im zweiten Teil auf die Prosa bzw. auf die Poesie dieses Buches kommen.)

Meyer gelingt es in großer Sprache und doch nie groß tönend oder sprachlich überhöhend mit Drastik die Szenarien zu beschreiben, ohne dabei irgend etwas zu verklären oder indem Meyer den Gossenpoeten gibt. Dort, wo es zur Sache geht, da geht es auch zur Sache: da helfen keine schönen Bilder und keine Gekleistere. Und dennoch findet Meyer für das Brutalste, nämlich Sex mit Minderjährigen, die zur Prostitution gezwungen werden, Bilder und eine Sprache, die beiden Seiten der Szenerie beleuchten: Die Brutalität dieses Verhältnisses scheint gerade durch die Lakonie, in der Meyer diese Szenen schreibt, umso drastischer und anspringend.

(Ende des ersten Teils)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu „Put on the red light“: Spiegel an Spiegel – Clemens Meyers „Im Stein“

  1. Amike schreibt:

    Kleine Korrektur am Rande: Clemens Meyers Erzählband heißt „Die Nacht, die Lichter“.

    Und damit die Klugscheißerei nicht so alleine hier rumsteht noch ein Hinweis auf ein Protokoll eines durchzechten Abends mit Clemens Meyer.

  2. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für den Hinweis, und ich sehe das nicht als Klugscheißerei. Es ist richtig: das Buch heißt, „Die Nacht, die Lichter“. (Ich korrigiere es im Text.) Als Flaneur in der Großstadt habe ich da wohl etwas zu viel assoziiert. Das Protokoll des durchzechten Abends werde ich mir mit Freude durchlesen.

  3. n.a. schreibt:

    haben sie mal Nadas gelesen, Parallelgeschichten? in den texten weiß man manchmal nicht mehr wer spricht, worauf geantwortet wir, welches bild zu welcher zeit man sieht, ist verloren und krallt sich an dem fest was bleibt: das gesprochene, gedachte, vorgestellte, das – einmal in existenz gebracht – vom subjekt ganz gelößt und umso mehr sich danach zu sehnen scheint, im irgend anzukommen, aufgenommen zu werden – vielleicht gerade weil dies den subjekten bei nadas nie gelingen wird.
    mich hat das beim lesen fast verrückt gemacht, – aber jetzt, aus einiger zeitlicher distanz, sind mir die szenen immernoch so lebendig und flackernd in erinnerung. vielleicht liegt es an der erhöhten aufmerksamkeit, die dem leser abverlangt wird, vielleicht an der fassungslosigkeit, angesichts der brachialen zeichnung von „mensch-sein“. hätte ich das buch zuendegelesen, ich wäre mit der letzten seite an abysaller ernüchterung gestorben. (pathetisch vielleicht)
    meyer scheint mir, nach ihrer rezension, letztlich doch…. berührt (?) und einer hoffnung gegenüber aufmerksam (?)

  4. n.a. schreibt:

    abyssal (ach)

  5. Bersarin schreibt:

    Nein, Nádas ist an mir – bisher – leider vorbeigegangen, ich habe Bücher von ihm im Schrank, habe sie nicht angefangen – aus was für Gründen auch immer. (Manche Literatur hebt man sich womöglich für später auf.)

    Nádas ist insofern für mich interessant, weil er schreibt und photographiert – eine der interessantesten Kombinationen, um einen Text zu schaffen. Bild-Text, Sprach-Text.

    Zumindest werde ich mir „Parallelgeschichten“ auf die Leseliste setzen …

  6. n.a. schreibt:

    die empfehlung bleibt ein zwispältige. es ist schon ein seltsames gefühl 18 jahre arbeit, plus 7 jahre übersetzung, plus „längste lit. darstellung eines geschlecktsaktes auf 80seiten“ (bei allen rezensionen spielte dies eine herausragende rolle …. ) wutentbrannt in die ecke zu werfen, und doch zu wissen, ‚es hat mich‘ ….
    aber wie Sie schon sagen, jedes buch hat seine zeit. übereilen Sie nichts. aber wenn, würde ich gerne eine rezension von Ihnen lesen….(die warteliste ist lang – sicherlich)
    vielleicht können sie seinen textbildern etwas fotografisches abgewinnen. sie sind in jedem fall sehr einprägsam, fast als würde man sich selbst erinnern… bitter.
    mit besten grüßen,
    n.a.

  7. Bersarin schreibt:

    Nun haben Sie mich natürlich erst recht neugierig gemacht. Die Darstellung von Sex, Geschlechtsakt, Liebe etc. ist für mich dann interessant, wenn es über das pure Faktische hinausreicht. (Ich versuche mich zu erinnern, weshalb ich vor Jahrzehnten als ich jung war, recht anregend und gerne Henry Miller las. Vielleicht wegen der in den Text gepreßten Lebensweisheiten?)

    Nádas aber wird demnächst gelesen. Soviel ist sicher.

  8. n.a. schreibt:

    hm….was könnte bei liebe, sex und co. nicht faktisch sein? die träume/ die illusionen von einem idealen gegenüber, mit denen man den anderen aufläd? (aber sind diese, einmal da, nicht auch faktisch? und führen damit oft zu komplikation weil das erhoffte bild zur realität quer steht?) … und wenn Sie mit „pure faktische“ die reine darstellung von körperlichkeit meinen …. daran spart Nádas keinesfalls. ein stelllungswechsel kann sich schonmal über mehrer seiten ziehen. jeder hauch von bewegung wird beschrieben, analysiert, kontextualisiert, reflektiert…. am ende steht ein akt, von allen seiten ausgeleuchtet, ausgespannt bis zur letzten regung, innerlich wie äußerlich…die bilder so „scharf“ wie die eines elektronenrastermikroskops….
    diese ausschweifende präzesion betrifft natürlich nicht nur den besagten akt, sondern zieht sich als eigenschaft Nádas‘ blickes durch das gesamte volumen. deswegen verstehe ich auch nicht die ständigen bezüge der rezensionen auf jenen akt. er ist in seiner art nicht mehr (aber auch nicht weniger) dramatisch, ernüchternd und eindringlich, als die anderen teilgeschichten.
    interessant die erzählweise, die struktur des romans und der einzelnen geschichten. es gibt keine (erlösende) rhythmisierung, keine zugrundeliegende, alles zusammenhaltende struktur, nichts, was am ende ein verstehen des aufatmen ermöglichte. die vernetzung der geschichten untereinander (über personen, orte und zeiten) scheint so willkürlich wie die stränge eines rhizoms. aber auch die geschichten für sich genommen folgen keiner strukturierten abläufigkeit, plötzlich, von einem satz in den nächsten ist man inmitten einer erinnerung, die sich über die nächsten 5 seiten zieht, ….. die bewegungen im text….so unberechenbar vllt wie der lauf von gedanken, der manchmal auch in belangslosigkeit enden kann…. nimmt man diese erzählstruktur (rhizom), vergleicht sie mit der erzählweise (präzesion) und den inhaltlichen zeichnungen von mensch und welt, dann erscheint der text „hyperrealistisch“. der traum (als hoffnung) ausgewiesen als mäßig wirksames instrument, initiative zu ergreifen, dem großen nacktem schrecken wirklichkeit zu entgehen.

    Sie haben ja bereits geschrieben, Sie seien neugierig geworden, wollte Sie also nicht noch neugieriger machen, nur versuchen, diesen akt in dem gesamttext etwas einzuordnen.
    Miller habe ich bis jetzt leider nicht gelesen, obwohl er mir schon so oft begegnte, und schon längst anstand. die bücherliste ist lang – wer kann das nicht behaupten.
    gruß, n.a.

  9. Bersarin schreibt:

    Der Akt, das Vögeln, wie auch immer, ist ein Moment von vielen; diesen in einer Rezension zu hypostasieren und – sozusagen – darauf herumzureiten, geht meist fehl. Tja, die Liebe, überflüssig wie ein Kropf, sie taugt aber gut für Gedichte und Geschichten: Wie schrieb schon der wunderbare Durs Grünbein: „Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil“.

  10. n.a. schreibt:

    „Tja, die Liebe, überflüssig wie ein Kropf, sie taugt aber gut für Gedichte und Geschichten“
    …. kauf ich Ihnen nicht ab. zudem stimmt das schlicht und einfach nicht.
    wie auch immer. wenn sie nádas gelesen haben (oder teile davon) würde ich mich über einen kommentar freuen.
    mbg,n.a

  11. ziggev schreibt:

    „Put on your red shoes and dance the blues“ — so heißt es übrigens im Original bei Bowie.

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