100 Jahre Franz Kafka: Leben als Literatur. Formen des gelingenden Scheiterns (2)

Es ließe sich – als Reminiszenz an diesen Autor der Moderne – jeden Tag ein Text über Kafka schreiben: Ein Auszug aus seinem Tagebuch, aus einem seiner drei Romane oder aus einer der vielen Erzählungen und Prosa-Miniaturen könnte kommentiert werden. 100 Jahre Franz Kafka eben. Die Serie endete am 3. Juni 1924. Allein – dies ist aus Zeitgründen kaum möglich, und es näherte der Betreiber dieses Blogs sich womöglich einer solchen Existenz derart an, daß beide Lebensweisen zu einer Deckung kämen und sich ineinander verschöben: Die Kunst Franz Kafka zu werden. Und es wäre Prag plötzlich Berlin. (Wobei Kafka schließlich einige Jahre in Berlin zubrachte. Da hatte Prag, das Mütterchen mit den Klauen, ihn bereits losgelassen oder aber er entkam ihrem harten Griff durch Entschlossenheit.) Ovidsche Metamorphosen in die letzte aller Welten – transponiert in die Postmoderne. Wie ein Autor zu einem anderen wurde. Das Schreiben des Franz Kafka: ein Exzeß in Konstruktion, „kinematographisches Erzählen“ (Peter-André Alt), Prosa als unüberbrückbare Schock-Distanz bei gleichzeitigem Schock der Nähe, eine Prosa exponierter Bilder und Gesten mit zahlreichen „wolkigen Stellen“.

Aber es existiert neben dieser einschneidenden, sich in Körper und Kopf einschreibenden Prosa noch ein anderer Text – nämlich Kafkas zahlreiche Briefkorrespondenzen. Die „Briefe an Felice“ zum Beispiel befinden sich im Jahre 1913 auf ihrem Höhepunkt, ausufernd, zahlreich, teilweise mehrmals täglich zwischen Berlin und Prag hin und her gehend, und es gibt in diesem Jahr Besuche Kafkas in Berlin. Es sind Offenbarungen in Literatur: eine Lebens-Existenz als Text. Als Geständnis an eine Frau geschrieben, und eine wohl sehr eigentümliche Weise, jemandem seine Liebe zu erklären. So schreibt Kafka in der Nacht vom 14. auf den 15. Januar 1913 – so wie er häufig des Nachts seine Prosa, seine Briefe in die Welt brachte:

„Oft dachte ich schon daran, daß es die beste Lebensweise für mich wäre, mit Schreibzeug und einer Lampe im innersten Raum eines ausgedehnten, abgesperrten Kellers zu sein. Das Essen brächte man mir, stellte es immer weit von meinem Raum entfernt hinter der äußersten Tür des Kellers nieder. Der Weg um das Essen, im Schlafrock, durch alle Kellergewölbe hindurch wäre mein einziger Spaziergang. Dann kehrte ich zu meinem Tisch zurück, würde langsam und mit Bedacht essen und wieder gleich zu schreiben anfangen. Was ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreißen würde! Ohne Anstrengung! Denn äußerste Koncentration kennt keine Anstrengung. Nur, daß ich es vielleicht nicht lange treiben würde und beim ersten, vielleicht selbst in solchem Zustand nicht mehr zu vermeidendem Mißlingen in einen großartigen Wahnsinn ausbrechen müßte. Was meinst Du, Liebste? Halte Dich vor dem Kellerbewohner nicht zurück.“

Es ist eine Welt der Konstruktionen, eine vielschichtige Distanzierungsmaschine, ein Liebeswerben, das zugleich Nähe und Ferne in einem einzigen Zug benötigt. Eine großartige Textpassage, bildgewaltig, wortgewaltig und überwältigend, nahm als Sendung ihren Weg nach Berlin. Es sind diese Briefe, als Texte gelesen, ein Stück Weltliteratur. „Der Bau“, „Vor dem Gesetz“ und andere Erzählungen und Proastexte verdichten sich in dieser Briefpassage an Felice Bauer , oder zumindest kündigen sich jene Motive in diesen Briefen, die ein Skizzenbuch sind, bereits an. Allerdings, und das dürfte die Vertreter jener These erstaunen, die – an Theweleits Kafka-Deutung andockend – die Frau, also Felice Bauer, als eine Art von Schreib-Katalysator sehen, der jedoch am Ende unsichtbar blieb und durchgestrichen wurde: Es entstanden im Jahre 1913 keine Prosatexte Kafkas, es bleib, was das Schreiben von Prosa betraf, für Kafka ein seltsam unproduktives Jahr. Dennoch entwickelte er sich in dieser Zeit zu jenem Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, dessen Prosa die Weltliteratur verändern sollte. Ob gerade wegen oder trotz jener Frau mit diesem leeren Gesicht, ist vermutlich schwierig zu entscheiden: „Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug.“ So Kafka in seinem Tagebuch am 16. August 1912, geschrieben drei Tage, nachdem Kafka bei einer Gesellschaft im Hause der Brods Felice Bauer traf.

Faszinierende Sätze, die das ganze Paradox dieses Verhältnisses bereits vorwegnehmen: „Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. (Ich entfremdete mich ihr ein wenig dadurch, daß ich ihr so nahe an den Leib gehe. …)“ Was für ein Satz! Entfremdung entsteht durch die Nähe des Leibes. Die Verhältnisse, die Prosa der Moderne. Die Distanz erzeugt sich erst durch die viel zu große Nähe. Denn es gibt keine Nähe. Zumindest nicht für manche. Und weiter heißt es: „Allerdings in was für einem Zustand bin ich jetzt, allem Guten in der Gesamtheit entfremdet, und glaube es überdies noch nicht.“

Kafka beschreibt in dieser Passage seines Tagebuches eine Frau, mit der er über fünf Jahre korrespondieren wird und der er mehrere Verlobungsanträge macht, auf eine ungeheure Weise, als ob da vor ihm ein Objekt liege, das es – wie ein Insektenforscher das Insekt – zu betrachten gilt. Vivisektion, wie sie bereits der Meister des modernen Romans, Gustave Flaubert, betrieb. Es schneidet das Seziermesser in die Haut, gleitet ins Gesicht, als Text und macht eine hochgradig emanzipierte und selbständige Frau sichtbar, die ansonsten der Welt verborgen geblieben wäre: „Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil. Wie sich … [bricht ab]“

Eine einzige Sekunde, die eine Person wie ein Röntgenstrahl durchdringt. (Oder aber vollkommen an ihr vorbeigeht und sie nicht einmal im Kern streift und berührt.) Ein Blick und es steht das Urteil im Bruch einer Sekunde bereits fest. (Und der Bruch manifestiert sich noch im Akt des Schreibens selbst, denn der Tagebucheintrag bricht ganz einfach ab, bleibt Fragment. Ein eigenwilliger Umstand. Es bleibt die Leere und die Leerstelle, auch in der Sprache selbst, als ob die Sprache hier aussetzen müßte, weil sie keine Weg mehr findet.) Ein Urteil: Unerschütterlich und mit Gewißheit gefällt, während sich Franz Kafka am Tisch auf dem Stuhl niederläßt, und es schrieb sich in dieser kurzen Sequenz, in diesem Übergang zwischen dem Herantreten an den Tisch, des Gewahrwerdens jener Frau mit diesem so durch und durch normalen Gesicht, dem Platznehmen, während die Hand den Stuhl um einige Zentimeter vom Tisch fortschob, um Raum zu schaffen, und der Körper des jungen Mannes sich auf den Stuhl niedersenkte und dem daran anschließenden Sitzen die Sicht auf jene Felice Bauer ins Denken ein.

Was mag in diesem Moment, an diesem Abend des 13. August 1912 in Prag im Hause der Brods geschehen sein und was wirkte da in jenem Augenblick? Wie strukturieren sich Empfindungen und was strukturiert und transformiert sie, hin zu jenem unerschütterlichen Urteil? Wie entsteht ein solches Bild, das sich ein Mann von einer Frau macht? Zum Beispiel an einem Spätsommerabend im August in Prag, inmitten einer Gesellschaft, drei Tage später in eine Schrift gebracht, oder an einem Herbstabend in Hamburg auf einer Gartenparty, während sich das eine Bein an das des anderen schmiegt, während ihr Blick auf die Naht der Lederjacke fiel, dort unentwegt ruhte, fassungslos und ohne daß sie sich hinterher  an einen einzigen der unzähligen Sätze, die in die warme Nacht hineingesprochen wurden, noch erinnern konnte?

JULIE: Du kennst mich Danton.
DANTON: Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber – er deutet ihr auf Stirn und Augen – da, da, was liegt hinter dem? Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“
(G. Büchner, Dantons Tod)

Der moderne Gesinnungspositivismus der schönen Worte und der seichten Klarheiten möchte beständig die Schädeldecken aufreißen und im Beichtzwang die Geständnisse entlocken: Wahre Worte finden?: Ware Worte. Aber wie schön läßt es sich in der Wahrheit lügen. Wir loben die Lüge.

Franz Kafka schreibt fünf Tage später, im direkten Anschluß an jenen Eintrag vom 16. August 1912 in seinem Tagebuch:

„Unaufhörlich Lenz gelesen und mir aus ihm – so steht es mit mir – Besinnung geholt.“
(Franz Kafka, Tagebuch, 21. August 1912)

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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