Den Vorhang zu: Marcel Reich-Ranicki

Er war umstritten, sein Sinn für Literatur richtete sich nicht unbedingt und immer aufs Avancierteste. Eine bestimmte Art von Literatur, die experimentelle, die postmoderne, die in der Form überbordete, die nicht in der westlich-europäischen Welt spielte oder die mit ihrem Realismus zu sehr an und in der Gosse sich schrieb, war ihm ein Greuel. Hart waren seine Invektiven gegen Jörg Fauser beim Klagenfurter Bachmannpreis 1984. Brutal teils seine Verrisse und sein Ton scharf, wenn er ein Buch in die Tonne brachte. Er konnte himmelhoch loben und gnadenlos verreißen. Und dafür wurde er im medialen Zirkus, insbesondere im „Literarischen Quartett“ geschätzt.

Aber es gibt ebenso den Literaturkritiker der Schrift, der Rezensionen in der „Zeit“, damals, und in der FAZ (beste Tageszeitung der BRD, immer noch). Zahlreich und vielfach instruktiv sind seine Bücher, die er verfaßte. Auch dort polarisierend, schneidend, auseinanderlegend und sezierend. Und so hießen seine Bücher „Lauter Lobreden“, „Lauter Verrisse“ oder „Entgegnungen“. Auch in seinen Rezensionen positionierte er sich klar, manchmal laut und böse. Seine Worte trafen, konnten vernichten oder brachten nach oben, und zwar ohne (politisches) Standpunktdenken: Ein Buch war gelungen oder es war mißlungen oder so lala, dazwischen. Egal ob ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin nun Hermann Kant, Günter Grass, Ingeborg Bachmann oder Martin Walser hießen. Dieser Ton lag nicht jedem. Aber wer historisch denkt, Bewußtsein von (Literatur-)Geschichte besitzt und sich nicht bloß auf den Augenblick und die kleinen Befindlichkeiten subjektivistischen Leseverhaltens kapriziert, kommt an Marcel Reich-Ranicki nicht vorbei.

Er spaltete, er polarisierte, er polterte, manchmal simplifizierend: Dennoch lohnt es, sich an der Kritik dieses mir immer alten, wie aus einem vergangenen Jahrhundert erscheinenden und streitbaren Mannes abzuarbeiten. Denn Reich-Ranicki konnte schreiben. So schreiben, wie ich es in bei den meisten Literaturkritikerinnen und -kritikern vermisse. Jemand wie Iris Radisch in der „Zeit“ rezensiert nicht, sondern sie dümpelt. Georg Diez mit seiner Kritikerbrille war schon in der „Zeit“ ein unsäglicher Gefühlsschwätzer, beim „Spiegel“ hat es sich nicht gebessert. Mit Diez und Radisch ging das Feuilleton der „Zeit“ den Bach hinunter, hat sich im Grunde bis heute nicht davon erholt. Ja, das große Feuilleton war das Feuilleton dieser alten Männer: Kaiser, Raddatz, Reich-Ranicki – egal ob man sie von ihren literaturtheoretischen Positionen oder ihren Lese- und Lektürevorlieben schätzt oder verachtet. In jedem Fall bereitete es Vergnügen, sie zu lesen. Es war lehrreich, insbesondere in jenen frühen Jahren, als der sehr junge Stadtkommandant noch ein wilder Hund war und sich in der Welt der Literatur teils ziellos umtat. Dies lesend, das lesend, was so in den Kritiken der Feuilletons zur Sprache kam oder was ihm in den kleinen Buchhandlungen in die Hand geriet und seine Sinne fesselte. Denn in den sozialdemokratisch ausgerichteten Gymnasien fristete Literatur ein Nischendasein oder wurde aufs Gewöhnliche heruntergebrochen, damit alle mitkämen. So geriet ich an die Bücher von Marcel Reich-Ranicki. Wer eine Literaturgeschichte zur Literatur der 60er, 70er Jahre lesen möchte, jenseits der akademischen Einordnungen, der oder die lese Marcel Reich-Ranickis „Entgegnungen“. Marcel Reich-Ranicki prägte mit manchen seiner Besprechungen mein Leseverhalten – wenn auch vielfach ex negativo.

Wie es in der Welt der Kunst nun einmal ist: Literatur- und Kunstkritik polarisiert. Und das soll und muß sie auch. Alle großen Kritiker taten das: ob nun Friedrich Schlegel (Hegels Invektiven gegen seine Sicht waren vernichtend) Ludwig Börne, Heinrich Heine, Karl Kraus, Fritz J. Raddatz oder Hans Mayer (der Rechtsanwalt aus Köln, wie ihn Adorno nannte). Spaltet und polarisiert Literaturkritik nicht, so ist sie meist langweilig. Wenn Kritik nicht wehtut, taugt sie häufig nichts. Wer als Kritiker sich als Subjekt einbringen will – und jede gelungene Kritik wird von einem gehörigen Maß an Subjektivität und überschießender, über das Ziel sogar hinausschießender Emphase getragen – der oder die muß das gekonnt anstellen: am besten, indem vom Subjekt zunächst ganz und gar abgesehen wird und indem der Kritiker zugleich derart polemisch zuspitzt, daß Hobel und Späne gleichermaßen nur so umherfliegen. Denn nur mit gespitztem Bleistift schreibt es sich gut, scharf und treffend. Zumindest als noch mit solchen Gerätschaften geschrieben wurde. Die Gefühligkeiten, die Befindlichkeiten, weshalb ein Buch nun mit mir und meinem Wesen oder sonst einem Zug der zufälligen Existenz korrespondieren muß, weshalb ich es so unendlich gerne und versunken gelesen habe (und was es der Alltagsbanalitäten mehr gibt) ist so sterbenslangweilig, daß ich solche Kritiken, wie man sie leider häufig in der Welt der Blogs findet, abbreche. Und zack und schwupp oben rechts auf das Andreaskreuz getippt und fort ist die Seite. Es gibt leider keine gelungenen Literaturkritikblogs. Ich habe bisher nur wenige davon entdeckt.

Wer kritisiert, muß mit Florett und mit Revolver arbeiten. Alles andere bleibt seicht. Und das schätzte ich an Reich-Ranicki: die Emphase. Nicht unbedingt den Inhalt seiner Kritik, seine Positionierung, seinen Blick auf ein Werk. Häufig war er in seiner Lektüre nicht differenziert, und für die Prosa der Postmoderne hatte er wenig übrig. Rainald Goetz oder Thomas Meinecke waren ihm Rätsel geblieben, für die er, so steht zu vermuten, vernichtende Worte finden würde, müßte er eine Kritik schreiben, die Bücher in die ewige Verdammnis der Literaturhölle befördernd. Was er zu den Büchern von Clemens Meyer schriebe, den ich für einen der begabtesten Schriftsteller der Gegenwart halte, möchte ich besser nicht wissen. Ingeborg Bachmanns sicherlich an vielen Stellen nicht unproblematischer Roman „Malina“ blieb ihm ein Rätsel, ein „trübes Gewässer, das manche deshalb – und nur deshalb – auch für tief hielten.“ Doch er fand durchaus lobende Worte für ihren Erzählungsband „Simultan“. (Nein, es geht Marcel Reich-Ranicki nicht um diese so unsinnige und vom großen Hirnriß angefressene Kategorisierung von Literatur in männliche und weibliche – gar Frauenliteratur. Es gibt, so sehe auch ich dies, nur gelungene oder mißlungene Literatur. Wer mag, kann den wunderbaren Monolog der Molly Bloom zum Schluß von Joyces „Ullyses“ als ein Stück grandiosen Strom des weiblichen Denkens lesen. Und genau das ist dieser sich ergießende Monolog, der in der großen Bejahung mündet: es ist der Text, der Monolog einer Frau, die sich ihrer Lust aussetzt. Und dabei spielt es keinerlei Rolle, welches Geschlecht die Schreiberin oder der Schreiber dieser letzten Zeilen des Buches nun besitzt. Die einen sagen Joyce, die anderen sagen anders. Aber ich schweife aber ab.) Zumindest hielt Marcel Reich-Ranicki Ingeborg Bachmann für eine der bedeutendsten Dichterinnen der Epoche nach 1945: „Die Erzählerin Ingeborg Bachmann ist und bleibt – das sollte vor allem als Charakterisierung und weniger als Wertung verstanden werden – eine gefallene Lyrikerin. Und gefallene Lyriker erweisen sich meist als gefällige Prosaisten.“ Ein sicherlich pauschales, ein hartes Urteil, was Bachmanns Prosa anbelangt. Doch den Ton, den Rhythmus, das Metrum ihrer Lyrik hatte Reich-Ranicki sofort als Klang und Struktur vernommen und aus diesem Ton heraus diesen Willen zur Form. Lyrik auf der Höhe ihrer Zeit – jener „gestundeten Zeit“.

Wenn Marcel Reich-Ranicki lobend sichtete, dann kamen dabei zuweilen wunderbare Sätze zustande, so über Peter Rühmkorf:

„Fast ein Heimatautor – das ist er vielleicht auch, wenn wir dies Vokabel nur richtig verstehen. Rühmkorfs Heimat ist die Welt zwischen der Nordsee und der Lüneburger Heide, seine Heimat reicht von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu den Buckower Elegien, von Walther von der Vogelweide bis zu Gottfried Benn. Nicht Poetisches ist ihm fremd.

So ist Peter Rühmkorf immer auf der Suche nach einer schönen, einer verlockenden Blume. Ihre Umrisse verschwimmen in weiter Ferne, nicht einmal ihre Farbe läßt sich genau erkennen. Ist sie blau? Oder rot? Man kann nicht ganz sicher sein. Doch ob blau oder rot – es ist auf jeden Fall die Blume der Romantik.“ Dies schrieb Reich-Ranicki 1979 in der FAZ.

Heute ist einer der Letzten gestorben, die jene Epoche der deutschen Literatur nach 1945, nach Auschwitz als Literaturkritiker mit Stil und Florett, mit Gepoltere und Revolver prägte: Ein polnischer Jude, ein jüdischer Pole, ein deutscher Jude, ein jüdischer Deutscher, ein Mann, der in jener Welt von Goethe, Heine, Thomas Mann, Brecht und Kafka lebte und der nur mit Glück, Geschick sowie Fügung der deutschen Bestialität, den Gaskammern von Treblinka und Auschwitz-Birkenau entkam.

 

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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17 Antworten zu Den Vorhang zu: Marcel Reich-Ranicki

  1. ramblingbrother schreibt:

    Hat dies auf A Readmill of my mind rebloggt und kommentierte:
    Das beste, was ich bislang über Reich-Ranicki und über die große Schule der Literaturkritik gelesen habe. Unbedingt lesen.

  2. kbvollmarblog schreibt:

    Lieber Achim,
    Danke für diesen Reblog, der es verdient hat.
    Ich lernte RR privat kennen, da meine Freunde, bei denen ich stets in Frankfurt zur Buchmesse wohnte, quasi seine Nachbarn waren. RR war ein hoch narzisstischer „grumpy old man“, was aber erträglich war, da er erstaunlich gebildet war.
    Liebe Grüße von der Küste Nord Norfolks
    Klausbernd :-)
    Huch, ich sehe gerade, ich bin gar nicht mehr auf Achims Seite – sorry – but I never mind.

  3. Bersarin schreibt:

    @Kbvollmarblog
    Im Leben ist manches möglich: Ein Mann kann im Bett einer ihm fremden Frau aufwachen, ohne zu wissen, wie er da hinkam, Menschen können auf die Idee kommen, mal ein Gedicht zu schreiben, weil sie lyrisch gestimmt sind, obwohl sie von Prosa und Lyrik soviel Ahnung haben, wie die Kuh von Metaphysik, ein Mensch kann auf einer Party über die Stränge schlagen, unter Suff oder Drogen dort den Exzeß leben und sich daneben benehmen, man kann unachtsam mit 140 km/h über die Berliner Stadtautobahn fahren, ohne es zu merken und erst wenn das blaue Geblinke und später dann die rote Laufschrift im Rückspiegel als Film geht, bemerken: hier stimmt was nicht, oder aus Versehen mag eine Leserin, ein Leser Hegemann und Kehlmann für bedeutsam halten, man kann durch dumme Fügung wieder mit dem Rauchen anfangen, über oder unter einer Frau vorzeitig oder gar nicht ejakulieren und ausspritzen, man oder frau kann transzendental und transzendent aus Versehen mal nicht so ganz auseinanderhalten, obwohl sie felsenfest beteuern „ihren“ Kant zu kennen, Menschen können jahrelang mit dem für sie gar nicht passenden Menschen zusammen sein. Aber in einem Blog einen Beitrag zu schreiben, der gar nicht für diesen Blog bestimmt ist: Das habe ich noch nie erlebt – sofern es kein Werbetrick für den eigenen Blog ist. Erstaunlich.

  4. ziggev schreibt:

    so respektlos es klingt – RR hat uns einen großen Gefallen getan, gerade zur Zeit dieser unsäglichen Endphase dieses sog. „Wahlkampfes“ zu sterben. Endlich dürfen wir wieder durchatmen und einem Meister lauschen, der die deutsche Lireratur liebte …

    Aber in seinem Hochgejubel von Koeppen vermag ich ihm nicht zu folgen. Ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es so in den Nachkriegsjahren so war, – das habe ich bei Arno Schmidt gefunden und eben nicht bei Koeppen. Zu nennen wäre zurecht noch Rühmkorf, zu dem ich mich aber nicht weiter äußern werde – nicht nur weil ich ihn einmal in, wenn ich´s erzählte, kompromittierenden Umständen traf, anders als Harry Rohwoldt, sondern vor allem auch, weil es mir einfach hier an der dafür erforderichen Lesekompetenz mangelt – , aber als Hamburger konnte dir das schon mal passieren, und mit großer Freude las ich diese Ausführungen zu Rühmkorf, dem Heimatschriftsteller, von Dir hier im Blog zitiert.

    Aber lass mich bitte diese Einwendung gegen RR hier veröffentlichen: Ich fand mit vielleicht übergroßen Erwartungen unterwegs „Tauben im Gras“ usf. unendlich schwach. Dabei hatte ich zwar Joyce aber noch lange nicht V. Woolf gelesen. Es ist klar, es werden hier die avancierten Techniken der modernen Literatur versucht fruchtbar zu machen. Allein desh., so will es scheinen, hält ihm RR die Treue. Und klar, RR hat recht, allein dies nachkriegsliterarisch zu unternehmen muss ihm einen dauerhaften Platz in der deutschen Literaturgeschichte sichern. Keine Frage. Aber das Ergebnis ist dann doch schwach, weinerlich, von Selbstmitleid triefend, besonders in „Treibhaus“. Es war ein nicht zu unterschätzender Versuch, und imho hat Koeppen seinen Ehrenplatz in der deutschen Nachkriegsliteratur verdient, aber genau das, was uns Rühmkorf u. Schmidt zu vermitteltn vermochten – ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es in der Nachkriegsziet so war – erschöpft sich in einem weinerlichem Selbstmitleid. Natürlich ist es fast schon heroisch zu nennen, wie er Joyce u. A. für seine Prosa fruchtbar zu machen suchte, aber die dahinterstehende Sachgeschichte hat mich wegen dieses Selbstmitleids kaum berührt.

    Koeppen hat eine Flange geliefert, eine Vorlage, wie es mit der deutschen Litaratur hätte weitergehen können: hätte können! Nur versrtumte er dann leider. Alle warteten auf sein Opus Magnum. Das nie kam. Ich vermute, dass ihm bewusst war, dass sein von den Experten zutodegelobte „Tauben im Gras“ vollkommen unzureichend war für einen solchen Neuanfang.

    Großartig allerduings sein „Eine unglückliche Liebe“ – das sich erholsam von der unglücklichen Liebe, wie sie Th. Mann in einer seiner Erzählung – vor „Buddenbrooks“ – schildert, abhebt. Zeit und Ort der Handlung lassen sich nicht genau taxieren – und das ist große Literatur, vielleicht darf hier an die Zeit- und Ortlosigkeit von Manns Doctor Faustus erinnert werden.

    RR hatte diese Zeit miterlebt, aber für uns nachgeborene bleibt Koeppens Schilderung des Nachkriegsdeutschlands seltsam betulich, um ein moralisches Urteil bemüht. Wie schillernd sind dagegen die Eindrücke, die Arno Schmidt in seinem sonst spröden Stil uns offenbart!

  5. ziggev schreibt:

    G. Stein traf es auf den Punkt: „pigeons an the grass, alas.“

  6. Noergler schreibt:

    Unter den Blinden der Literaturkritik war MRR der einäugige König deshalb, weil er in der currenten Disziplin der Inhaltsästhetik den anderen Inhaltsästhetikern weit überlegen war. Während diese selbst noch im Bezirk des Dilettantischen dilettierten, war er der Meister jenes Fachs, das, situiert in der Formferne, den Plot, den Ton, den Gestus zum Eigentlichen des Literarischen hypostasiert. Das machte MRR zu einem Großen unter den Einzellern, aber es macht ihn auch klein.
    MRR war jeglicher Begriff der Form und dessen Entfaltung im je konkreten Werk, welches je konkret er wild befuchtelte, fremd. Er wußte garnicht, was das ist: die Form. Was am Kunstwerk die Kunst sei, hatte er schlichtweg nicht auf dem Radar. Die Inhaltsästhetik, für die MRR steht wie kein anderer, ist darum übler noch als die Banausie, weil diese von außen erklärt, man brauche keine Kunst, während jene im Schein des proliterarischen Engagements die Mine im Inneren der Kunst selbst zündet: MRR inszenierte Literatur mit seinem spinnerten Krakeel als jene abseitige Veranstaltung, für die sie im Volke ohnedies gehalten wird.

  7. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Die Literatur der Nachkriegszeit ist eine vielfältige, teils in der Form konservativ und rein erzählend, man denke an Andersch. Oder aber es graben sich die sogenannten Erlebnisse relativ unvermittelt und ohne Bewußtsein für Form in den Text ein – man denke an Wolfgang Borchert. Es wurde – darin gebe ich Dir recht – der Versuch unternommen, die Formen und die Sprache der sogenannten Klassischen Moderne (um es auf eine Begriffsabbreviatur zu bringen) nachzuholen, Anschluß zu finden. Ums so größer die Leistung von Arno Schmidt, von Paul Celan und in anderer Weise auch von Rühmkorf. Meine Lektüre der drei Romane von Koeppen ist zu lange her, als das ich dazu etwas schreiben könnte. Insgesamt aber ist diese Epoche der 50er, 60er Jahre: von Nossack über Grass und Walser bis hin zu Bernhard, Uwe Johnson und Handke nicht nur literaturgeschichtlich bedeutsam, sondern diese Literatur ist auch als eine Weise der Auseinandersetzung mit Sprache und der Formung von Wirklichkeit zu lesen.

    @ Nörgler
    Bei Kafka gibt es im „Prozeß“ diesen Satz, vom richtigen Auffassen und dem vollständigen Mißverstehen ein und dergleichen Sache: daß beides einander nicht vollständig ausschließe. So auch bei Reich-Ranicki. Für die Prosa Becketts hätte er nichts übrig gehabt als abwertendes Poltern, verkennend und sich verlesend, daß es sich hierbei um den gelungensten Ausdruck, um das vollendete Bewußtsein der Form des Romans und des Dramas handelte. Die ästhetischen Bestimmungen für Prosa und Drama kamen bei Beckett zu sich selbst und befinden sich auf der Höhe ihrer Zeit. Hernach war nichts mehr wie vorher, und es ließ sich nicht mehr im Ton des raunenden Imperfektbeschwörens erzählen. MRR verbleibt in der Tradition des Erzählens als einer Weise der Beschwörung. Als ließe sich mittels einer guten Geschichte die Welt noch bannen.

  8. Aléa Torik schreibt:

    Njet,
    hätte Olga gesagt. Ich versuche im Folgenden, Olgas Empfindungen in meine Worte zu fassen. Übersetzungen dieser Art sind nicht immer leicht.

    Mir geht’s nicht um MRR, ich habe seinen Weg nicht so genau verfolgt, dass ich mir jetzt ein Urteil erlauben könnte. Mir geht es eher um das Verhältnis von Literatur und Kritik. Und da sind wir deutlich anderer Meinung. Dass Literaturkritik mit Leidenschaft und Emphase vorzugehen hat: geschenkt. Wer will lauwarme Texte lesen? Ebenso geschenkt ist, dass viele, wenn sie Literaturkritik lesen, keine gefühlige Selbstbeschreibung wollen, in dem Stil, was der Text mit dem Leser macht und wie er auf ihn oder sie wirkt. So wenig wie der Autor, als das Subjekt ‚hinter‘ dem Text interessant ist, so wenig ist es der Rezensent ‚hinter‘ der Rezension – wobei das ‚hinter‘ bei manchen Autoren- und Rezensentensubjekten auch zu einem ‚vor‘ werden kann -. Es geht nicht um das Verhältnis zweier Subjekte, sondern um das Verhältnis zweier Texte. Zwei Texte, von denen der eine zuerst, der andere später veröffentlicht worden ist, der erste also auf den zweiten gar nicht reagieren kann. Ein Verhältnis, das von vielen Rezensenten als ein Machtverhältnis missverstanden und dementsprechend ausgenutzt wird.

    Du schreibst: „Wenn Kritik nicht wehtut, taugt sie häufig nichts.“ – Ich sehe nicht, warum das der Fall sein sollte. Du schreibst: „Wer kritisiert, muß mit Florett und mit Revolver arbeiten.“ – Ich finde der Verriss ist etwas für Leute die mit Kanonenkugeln arbeiten. Mich interessiert das Florett sehr viel mehr. Mit Verrissen erreicht man natürlich mehr Publikum als mit Lobreden. Ein Verriss schreibt sich, ist man ein polemischer Charakter, mal eben so hin. Aber eine dezidierte Kritik ist immer Arbeit, weil man, so verstehe ich den Begriff der Kritik, nicht einfach nur schreiben kann, was man als Leser von dem Buch – oder dem Autor – wollte. Man muss vielmehr herausfinden, was der Text will. Und der kann ganz etwas anderes wollen als der Autor wollte oder der Leser oder der Rezensent. Der Rezensent ist eigentlich ein Leser, aber er missversteht sich mitunter als Autor und meint dann, er könne, sozusagen als der bessere Autor, dem schlechteren Autor mal erklären, wie der Text hätte laufen sollen. Das sind die schlimmsten. Die haben in der Regel keine Ahnung von Kunst. Die begreifen das Metier gar nicht, das sie zu kritisieren vorgeben: dass die Kunst in der Kunst oft gerade darin liegt, die Sachen laufen zu lassen -das bedürfte jetzt einer sehr viel eingehenderen Betrachtung, für die ich entweder die Zeit oder den Verstand nicht habe -. Das Lob dient dem Gelobten. Der Verriss hingegen dient dem Rezensenten.

    Dir gefallen die gefühligen Rezensionen nicht, ich habe nichts dagegen einzuwenden, weil Literatur für alle da ist, nicht nur für die elitären Kritiker, sondern auch für die, die sich identifizieren wollen, die weinen oder lachen wollen. Die sind mir als Leser meiner eigenen Bücher sehr viel willkommener als die Rezensenten, die sich als das bessere Feuilleton inszenieren, als zurückgewiesener oder unerfüllter Liebhaber.

    Ich habe ja Glück: meine Romane kommen im Feuilleton gut an. Aber tun sie das, weil sie gut sind? Weil sie in die Zeit passen? Weil sie den Geschmack der Rezensenten treffen? Von denen in meinem Fall, die meisten einen sehr hohen Bildungsgrad haben und einen dementsprechend avancierten Begriff von Literatur und, und das ist Literatur vor allem, Unterhaltung. Kommen sie gut an, weil keine Rezensenten dabei waren, die den obigen Machtkriterien entsprechen mussten? Die wenigen Verrisse, wenn man davon sprechen mag, sind Machtspielchen gewesen, die sich mühevoll Gründe gesucht haben, die es anderes haben aussehen lassen.

    Olga ist also ganz anderer Meinung als Du. Ich versuche dieses ‚Njet‘ lediglich zu übersetzen, indem ich sage: eine Literaturkritik, die nicht versucht das Beste aus einem Text herauszuholen – es positiv kritisierend herauszukitzeln – die ist keine. Die ist Machtspiel.

    Du weißt, dass ich deine Kritik an meinen Romanen sehr schätze, weil sie in meinem Verständnis vorgegangen sind. Auch ich habe Bücher immer so besprochen, dass ich das Gute an ihnen herausstelle. Weil es auch das ist, was mich beim Lesern interessiert. Andere mögen das Schlechte suchen. Ich kann nicht verstehen, was die an der Tätigkeit des Lesens eigentlich finden. Außer eben jene Macht zu spüren, die sie mögicherweise auch als Macht über die Sprache missvertehen.

    Aléa Torik

  9. Bersarin schreibt:

    Es freut mich Olgas Stimme (in der Schrift) zu vernehmen, ich habe sie immer gerne vernommen. Ich werde Dir und ihr morgen antworten. Ich bin heute weder in der Lage zu lesen, noch in der Lage weiter zu schreiben. Ich muß hinaus und ein wenig im Herbst flanieren. Allein. Für mich. Wenn ich den Morgen über zu lange Zeit Texte geschrieben und gelesen habe, brauche ich eine andere Welt. Intensitäten eines Melancholikers. Zu Literatur und Kritik also morgen mehr von mir.

  10. che2001 schreibt:

    Jemand mit dem ästhetischen Urteilsvermögen Adornos hat es in der deutschen Literaturkritik eben nicht gegeben, höchstens noch Leo Löwenthal und Hans Mayer. Wer kennt die heute noch?

  11. Noergler schreibt:

    Ja, man muß jetzt spazierengehen, bevor es im November alle Jahre wieder heißt:

    Wer jetzt kein Haus hat, kennt nicht Wüstenrot.
    Wer jetzt allein ist, kanns Viagra sparen,
    hängt besser in den Bäumen tot,
    sofern er nicht ersäuft im Klaren.

    Gleichviel, ob Iglu oder Jurte,
    wenn unter mir die Magd nur hurte.
    Wer jetzt kein Weib hat, saut sich keines mehr,
    muß warten, bis des Frühlings Band
    flattert durch das Düftemeer
    von warmem prallen Weibertand.

  12. summacumlaudeblog schreibt:

    Früher
    Nörgler reimt und Nörgler dichtet
    bis Marcel ihn hingerichtet….

    Heute
    Nörgler dichtet, Nörgler reimt
    Marcels Sarg ist fest verleimt

    Morgen

    Becketts Werk hat Marcel RR übrigens – nach meinem Wissen – nie angetastet, sich nie darüber geäußert. Das war nicht Ignoranz sondern zweierlei: Das Wissen um die Qualität und das Wissen um das eigene Unvermögen, diese Qualität adäquat darzustellen. Geht mir bei Beckett teilweise auch so… wobei ich nicht wie Nörgler so sehr auch im Prosawerk Becketts zu Hause bin, sondern nur im Drama. (Das Endspiel bedeutete mir einst einen unvergessenen Theaterabend.)
    Auch an Kafka ging, was die Textkritik betrifft, MRR nur zögerlich heran, so zögerlich, wie Kafka an die Frauen. DA hatte MRR offenbar weniger Probleme…

  13. Bersarin schreibt:

    Morgen

    Morgenrot, Morgenrot,
    Machst Kapital und Ausbeutung tot.
    Das Proletariat als Reaktionär
    Vergeigt’s und schafft ’se wieder her.

  14. Bersarin schreibt:

    @ Che
    Mayer dürfte noch bekannt sein. Bei Löwenthal bin ich mir nicht mehr so sicher. In der Gegenwart wüßte ich nur wenige Kritiker, die Profundes liefern, die mehr als nur eine Buchbesprechung in irgend einem Feuilleton in irgendeiner Zeitung in der Bundesrepublik machen. In einem fremden Land …

    @ summacumlaude
    Über Kafka hat MRR geschrieben, und zwar in seinem Buch „Sieben Wegbereiter.

  15. Bersarin schreibt:

    @ Olga und Aléa
    Ja, genau das ist es und das verkennt sicherlich auch MRR: Es geht bei einer Buchkritik, bei einem Besprechungsessay um das Verhältnis zweier oder mehrerer Texte. Nicht darum, was ein Buch mit mir macht. Dieser Aspekt fließt höchstens vermittelt in die gekonnte und gelungene Besprechung ein. Eine Buchkritik ist, wie wir seit Schlegel und seit Benjamins Dissertationsschrift „Der Begriff der Kunstkritik in der Deutschen Romantik“ wissen eine Kunstform für sich. Sofern eine solche Kritik bestimmte Kriterien erfüllt und mehr ist als eine bloße Inhaltsangabe des Buches samt abschließender Wertung. Gelungene Kritik legt den Wahrheitskern eines Buches frei. Sie schreibt sich weit über das Buch hinaus. Macht hat in diesem „Spiel“ der Texte nichts zu suchen, und deshalb bespreche ich Bücher, die ich für mißlungen halte, nur in seltenen Fällen – so bei Hegemanns erstem Roman, weil ich der Meinung bin, daß Abschreiben von (relativ) unbekannten Bloggern keine Weise von Kunst, sondern schlicht Copy and paste ist.

    In der Welt der Zeitungen ist es nun aber häufig so, daß auch Bücher besprochen sein wollen, die nicht gerade gelungen sind. Und es gibt sogar solche, die eine (literarische) Anmaßung sein können. Ich selber habe das Glück, mir aussuchen zu dürfen, worüber ich schreibe, ein Redakteur hat diese Möglichkeit oft nicht. Da fällt dann der eine oder andere Verriß ab. (Schriftstellerinnen und Schriftsteller mögen keine Verrisse, das ist verständlich. Aber um des Autor willen sind sie manchmal nötig, sogar geboten. Solche Kritiken sollten jedoch nicht den Willen zur Vernichtung eines Werkes oder gar die Hinrichtung des Autors zum Inhalt haben. (Außer vielleicht in begründeten Fällen.) Zudem denke ich, daß auch ein Verriß dazu führen kann, daß ein Buch gelesen wird. Bei MRR auf alle Fälle: die Verkaufszahlen gingen in die Höhe, auch beim Verriß. Schlimmer wurde es, wenn ein Buch als so lala, nicht Fisch, nicht Fleisch gelesen wurde. Aber diese Art von Kritik ist sicherlich nicht die Kritik, die man mit einer emphatisch verstandenen Kritik, die auf den Wahrheitskern geht, assoziiert. Trotzdem gibt es eine Kritik, die schreiben muß, weshalb – um in die Vergangenheit zu gehen – manches Stück von Brecht, von Sartre, von Camus schlicht durchgefallen sind und dem Stand der Form nicht genügen. Natürlich muß bei einem solchen „Verriß“ begründet werden und es darf nicht um die subjektive Neigung gehen, insofern ist ein solches Schreiben eben kein „Verriß“, sondern im Sinne seines Begriffes: Eine Kritik. Insofern kann ein Verriß ebenfalls der Sache dienen, weil er anzeigt, wo und wie ein Buch nicht funktioniert und – einmal ganz emphatisch gesprochen – hinter den Stand des Materials zurückfällt. Wer heute noch in einer realistischen Weise wie Fontane erzählt, der muß dafür sehr gute Gründe haben, oder aber das Werk ist schlicht gescheitert bzw., wie es der Nörgler schrieb, vom Inhalt her sicherlich apart ansprechend, nett lesbar, aber es fällt in der Form ansonsten doch zurück. Allerdings wird man diese Dinge am Ende immer nur am jeweiligen Buch konkret machen können.

    Auch scheint mir ein Verriß da nötig zu sein, wo ein Buch marketingmäßig auf einesolche Höhe gehoben wird, die dem Buch nicht zukommt. (Das muß dann gar nicht einmal die Schuld des Autors sein.) Sicherlich ist es nicht so, daß wir jedes Literaturjahr vier Jahrhundertwerke wie „Der Prozeß“, „Das Endspiel“, „Mußmaßungen über Jakob“; „Unendlicher Spaß“ und ähnliches erhalten werden. Zudem hat es ein Kritiker leichter als ein Autor – das gilt es immer zu bedenken. Für eine gute Buchkritik brauche ich, wenn es gut läuft, zum Schreiben etwa einen halben bis einen Tag. Für einen Roman meist Jahre.

    Ein Verriß freilich, der lediglich abstrakt herummäkelt oder seine persönliche Suppe kocht, hat mit Literaturkritik nur wenig gemeinsam. Dennoch sollte eine Kritik auch die Momente nennen, wo ein Buch scheitert, sich verrannt hat und nicht weiter kommt. Das ist gut für die Autorin, den Autor, das ist gut für die Leser.

    Und von Zeit zu Zeit kann es durchaus gut sein, mit dem Revolver, der Kavallerie und der Artillerie anzurücken: dieses lautstarke Moment, diese Polemik innerhalb einer Kritik sollte jedoch mit Bedacht eingesetzt werden. Am Ende kommt es darauf an, in welcher Weise eine Schreiberin, ein Schreiber seine Effekte setzt: gut läßt sich dies bei Heinrich Heine und bei Karl Kraus lernen und lesen.

    Abschließend sei gesagt: Auf welche Weise jemand liest, darüber treffe ich keine Wertungen. Es ist mir egal. Warum nicht seinen Emotionen oder sonst etwas nachgehen? Die Frage, die am Ende bleibt, ist die, ob jemand Funken aus seiner Lektüre schlagen kann: Sprich: gute Texte zu einem Buch liefert. Aber wenn aus einer bestimmten (trivialen) Leseart Ansprüche abgeleitet werden, die dem Lesenden ganz einfach nicht zustehen, dann werde ich doch deutlich und sage es dem Kritisierenden auf den Kopf zu. Maßstab für’s Verständnis von Texten ist nicht der subjektiv-beliebige Lesehorizont der Leserin, des Lesers. Stichwort Kleist.

    Ob eine Kritik (im Sinne Schlegels, Krausʼ und Benjamins) donnert, subtil seziert oder exakt ein Werk auf den Punkt der Wahrheit bringt, hängt sehr vom Gegenstand ab. Meine erste Meyer-Besprechung gestern, habe ich am Gegenstand selbst entlanggespurt.

  16. wär schreibt:

    „Die meisten Schriftsteller verstehen von der Literatur nicht mehr als die Vögel von der Ornithologie.“

    sagte er wohl mal, der Marcel Reich-Ranicki

  17. Bersarin schreibt:

    Um auf diesen pauschalen Satz pauschal zu antworten: Es gibt solche und solche. Es gibt die, welche auf ihr Wirken, auf den Text als Instanz reflektieren und es gibt, die die schöne oder weniger schöne Geschichten schreiben.

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