Immanuel Kant in Rostow am Don

Wer meint, Philosophie – insbesondere die deutsche – sei nicht wirkungsmächtig, der lügt oder weiß es nicht besser. Daß Philosophie auch praktisch und handfest werden kann, ja zuweilen sogar werden muß, wenn es drauf ankommt, wurde in jenem Städtchen der Don-Kosaken, in dem sich einstmals auch die Deutschen eine Weile aufhielten, inmitten der Tiefe des russischen Raumes – früher sagten wir sowjetisch, als die DDR noch bestand und die Zeiten noch gut waren – sowie in der Weite und vermittels der Leidenschaft der russischen Seele bewiesen. Es liest sich diese Meldung aus dem „Tagesspiegel“ wie eine Mischung aus Dostojewskischer Innerlichkeitsprosa und einer Prosa-Miniatur in Thomas Bernhards „Stimmenimitator“.

Diskussion unter Russen über Immanuel Kant endet in Schießerei

Ein Streit über den deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) ist in der russischen Stadt Rostow am Don in einer Schießerei eskaliert. Der Polizei zufolge war ein Mann beim Einkaufen mit einem anderen Kunden ins Gespräch über den in Königsberg (heute Kaliningrad) geborenen Denker („Kritik der reinen Vernunft“) gekommen. Um seine Argumente zu unterstreichen, habe einer der Männer dem anderen erst die Faust ins Gesicht geschlagen und ihn dann mit einer Luftpistole angeschossen. Der Verletzte sei außer Lebensgefahr, sagte ein Justizsprecher am Montag der Agentur Ria Nowosti. Dem Täter drohen wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung bis zu 15 Jahre Haft.

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!“, stieß Juri hevor, als der Mann neben ihm sich an der sehr langen russischen Kassenschlange nach vorne vorbeischieben wollte, um mit seinen Blicken der hübschen blonden Kassiererin Tatjana nahe zu sein und zudem die Zutaten für den Borschtsch schneller auf das Kassenband legen zu können. „Was Du rrräääden, Frremder?“, fauchte, nein schrie Oleg in die Tiefe des Kassensaales, gut hörbar auch für Tatjana, „es heißen ‚Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetze werden sollte.‘“ Selbst im pragmatischen Alltag des Mangels und der Sorgen herrscht im melancholisch-poetischen Rußland eine literarisch-philosophische und mitunter aufgeheizte Stimmung.

Schöner läßt sich der Kategorische Imperativ nicht anwenden und illustrieren. Kommunikatives Handeln muß nicht immer nur Theorie bleiben. Allerdings scheint mir der Herrschaftsfreie Diskurs in den meisten Fällen denn doch einen Illusion. Am Ende ist es immer die Macht, die wirkt und strukturiert. Selbst die idealtypischen Annahmen sind Diskurseffekt im Spiel der Macht.

Wer fürdahin behauptet, die deutsche Philosophie sei fern der Empirie, ohne Leidenschaft, Saft und Kraft, die oder der mögen nach Rußland reisen. Wie erst diskutieren die Menschen dort Adorno, Hegel und Marx?

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Immanuel Kant in Rostow am Don

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Es gab einst zwei Chirurgen, die konnten sich – mit dem Skalpell in der Hand – nicht über die korrekte Schnittführung während einer Operation einigen….

  2. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Diese Chirurgen sind mir immer noch lieber als Adorno-Kritik im Modus von Äußerlichkeiten.

    Es waren sowjetische Chirurgen? ;-)

  3. summacumlaudeblog schreibt:

    …und gerieten in einen skalpellfesten Streit….

  4. summacumlaudeblog schreibt:

    Die Kommentare haben sich überSCHNITTEN, meiner sollte eine direkte Antwort auf Silberfink sein. Ich meine es waren Italiener. Die Könige der Anatomie…

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