„Das richtige Leben im falschen“? Friedrich von Borries „RLF“: Revolte als Real Life Fiction, als Kunst, Klamauk oder Kolportage?

Zur Mitte des Augusts hin, zum Ende der trägen Hundstage, erschien Friedrich von Borries‘ Buch „RLF“ – ein zunächst kryptisch klingender Titel, der jedoch lediglich ein Akronym für „Richtiges Leben im Falschen“ bedeutet: Jenes bekannte Zitat  Adornos aus den „Minima Moralia“, das vielen die Empörung hochsteigen läßt, weil sie es als anmaßend empfinden. Ihr Zorn ist durchaus der richtige, aber eigentümlicherweise richten sie diesen Reflex nicht gegen den Aggressor, gegen jenes falsche Leben, sondern gegen den Boten, der die Botschaft brachte, daß diese Welt denkbar schlecht eingerichtet sei. Ob das nun Blogger:innen sind, denen Adorno Hitzepickel der Erregung ins blaße Gesichtchen treibt, oder die Wut der positivistisch Angehauchten, die sich gerne über den (vermeintlich elitären) Gestus Adornos empören. Regelmäßig provoziert dieser Satz Widerspruch und Widerlegungen und sei es, indem auf das kleine private Glück oder halbutopische Situationen, die hie und da auszumachen sind, verweisen wird. Allen Fraktionen gemein ist, daß ihnen Adorno viel Ärger samt Verdruß verursacht. (Den Ursachen dafür nachzugehen, was dieses Ressentiment auslöst, wäre sicherlich ein Projekt eigener Art.)

Erstaunlicherweise aber verhält sich Borries gegenüber Adorno seltsam gelassen, ja sogar affirmativ. Er greift diesen Satz Adornos sogar ganz bewußt als eine Art von Statement heraus. Die Welt des Design und der popkulturellen Pastiche-Formung schlägt in eine andere Richtung aus, als den Vorwurf anzubringen, dies alles sei Old-School. Sie greift in die Trickkiste des Marketing: Das Objekt – in diesem Falle die Gesellschaftskritik – in den Kokon einzuschlingen, um ihn in einer Geste der Vereinnahmung zu erdrücken. Der Ansatz von Borries zeigt sich als trickreich, er verzweigt sich, greift das kritische Potential auf, driftet im Ironiemodus, und vielleicht meint er es sogar ernst: daß nur innerhalb des Systems und mit den Mitteln dieses Systems das System um ein winziges oder mit Glück gar um ein ganzes verändert werden kann. Und dann heißt es: Ironiemodus aus. Sollte es uns zu denken geben, wenn aus der Ecke des Design, des Konsums sowie des Kunstkuratorentums ein Fürsprecher Kritischer Theorie auftaucht? Handelt es sich bei diesem RLF-Projekt nicht vielmehr um einen postmodernen Kunstscherz, Klamauk oder Kolportage?

Daß dieses eigentümliche Hybrid-Wesen-Projekt RLF bzw. dieser Roman RLF nun erschienen ist, trifft sich insofern gut, weil er verschiedene, seit Jahren auf meinem Blog immer einmal wieder angespielte Themen in einen Zusammenhang bringt: das Ende der Kunst durch eine Logik der Verwertung, wo sich Kunst lediglich als geldwerter Standortvorteil und als Merkmal von Distinktion ausdrückt und Biennalen und Ausstellungen, die heute besser Event heißen, dazu dienen, die Übernachtungsquote in Städten zu erhöhen: daß wir also an ein Ende der Kunst angelangt sind, die sich als eine emphatische, als autonom und souverän versteht, einer Kunst, die sich in Konsum und Wertvermehrung erschöpft, wie es sich Hegel in seiner damals kühnen These vom Ende der Kunst niemals träumen ließ. Weiterhin eines meiner Themen, die mit Adornos Diagnose über diese Gesellschaft zusammenfallen, ist das Ende von Kritik an Gesellschaft, weil jedes und alles in den Strudel von Emotion, Betroffenheit und Gefasel gezogen und vereinnahmt wird, ohne daß da noch ein Funken von Analyse bleibt. Fast könnte man sagen, das Gewebe und der Schleier sind so dicht geworden und so umfassend gestrickt, wie es sich Adorno und Horkheimer in ihrer pessimistischsten Phase nicht hätten träumen lassen.

Und wie es der Zufall wollte, ohne daß ich von dem Projekt RLF vorher etwas wußte, schrieb ich vor einigen Wochen als Reaktion auf einen problematischen Artikel von Kathrin Rönicke über jenen Passage von Adorno einige Texte.

Gegen den Satz Adornos, daß es kein richtiges Leben im falschen gäbe – sozusagen die Ortlosigkeit von Leben und Denken – läßt sich kaum anführen, daß hie und da gutes und auch gelingendes Leben vorhanden wäre, man müsse nur hinschauen. Den Inselcharakter solcher Partial-Refugien zu verkennen und sie als Widerlegung von Adornos Satz anzusetzen, geht an der Intention der „Minima Moralia“ und an der historischen Situation, in der sie entstand, im ganzen vorbei.

Maßgeblich bleiben in der Philosophie Adornos die Überlegungen, die sich nicht auf irgendeinen Fixpunkt oder in einer These festnageln lassen. Diese Qualität des Denkens nimmt manche/r ihm schwer übel und das Übelnehmen schlägt blitzschnell, aber leider nicht blitzgescheit ins bloße Ressentiment um. Ohne Reflexion und ohne Bezug zu den Texten. Von Borries nun greift diese Satz Adornos auf und verdichtet ihn als Projekt für vermeintlich verändertes Denken in drei Buchstaben: sozusagen als Slogan.

Was macht RLF, was ist RLF? Verschiedenes. Zunächst gibt es das Buch selbst, welches Borries schrieb. Ein Roman aus der Welt der Werbewirtschaft, der Occupy-Bewegung sowie der weltweiten Proteste: von den Riots in London und in den Pariser Vorstädten bis hin nach Spanien, an den dann allerdings die Wirklichkeit – oder das, was wir dafür halten – andockt. Borries erzeugt diesen Eintritt eines Buches in die Wirklichkeit – Kennzeichen und Zitierung teils bemühter postmoderner Literatur – durch einen Hinweis, den er noch vor der Seite mit den Einleitungszitaten – zweimal Adorno, einmal Guy Debord, einmal Oliviero Toscanini – plaziert:

„Dieser Bericht beruht auf Angaben und Unterlagen, die Mikael Mikael mir zur Verfügung gestellt hat. Ich habe sie meinen Möglichkeiten entsprechend überprüft. Einige Orte und Namen habe ich geändert, um die für das Gesamtprojekt ‚RLF‘ notwendige Anonymität der Beteiligten zu wahren.“
Berlin, Mai 2013
Friedrich von Borries

Weiterhin korrespondiert mit diesem Projekt eine Ausstellung in Berlin, die bis zum Oktober stattfindet. Es ist die Berliner Weltverbesserungsmaschine. Ein auf Assoziationen und ästhetischen Korrespondenzen beruhendes Kunstprojekt.  Dazu sind zwei Bände im Merve Verlag erschienen. RLF ist aber auch ein Unternehmen:

„Als Kernprodukt bietet das Unternehmen die Teilhabe an einer Bewegung an, die man durch den Erwerb und die Nutzung seiner Produkte zum Ausdruck bringen kann: Zehn Designobjekte dienen als Ausrüstung für den Widerstand, liefern Abzeichen zur Identifikation und Distinktion einer Gemeinschaft, die in Möglichkeitsräumen denkt und soziale Wirklichkeit hinterfragt. Das Design entstand nach den Entwürfen des Künstlers Mikael Mikael. Dieser schreibt den Luxusobjekten die explizite Botschaft Show you are not afraid ein. Mitunter durch Vergoldung des Materials wird ebendiese versiegelt; durch tatsächlichen Gebrauch wiederum tritt sie sichtbar zutage.“

Warenwert und Shopping: ich kaufe also bin ich, ich konsumiere, also bin ich, frei nach Norbert Bolz. Und wie sagte es der New Yorker Bürgermeister Giuliani nach den Anschlägen vom 11.9.?: „Go Shopping!“ Diese drei Aspekte des Projektes RLF bedingen einander, wenn man der Konzeption von Borries folgen möchte. Ob eine solche Subversion durch Affirmation am Ende funktioniert, bleibt dahingestellt – ich selber bezweifle es. Natürlich kann es witzig sein und Effekte hervorrufen, in einer Weise des Guerilla-Marketing Sand ins Getriebe zu streuen durch Persiflage, durch Klamauk, wie er sich unter anderem hier auf einer der Internetpräsenzen von RLF manifestiert.  Und im Zeichen von Occupy mögen andere Formen des Protests Bedeutung gewinnen, als wir sie bisher kannten. Die Welt des Pop, der sich teils als Subversion verkauft, hängt mit dieser Form der Rebellion zusammen, und es ist ebenfalls das Design, die Welt der Konsumprodukte, des schönen Scheins – immer schon gewesen –, das die Welt verbessern und verändern wollte. Allerdings nicht im Fokus von Gesellschaftskritik, sondern durch die Handhabung: Form follows function ist am Ende ein Slogan, der ebenso der bloßen Bequemlichkeit dient. Von Borries‘ RLF-Projekt spiegelt dies, auch im Bereich der Kunst, wider. Kritik als Affirmation und als Verwirrungsstiftung, indem die klassischen Grenzen zwischen rechts und links, progressiv und reaktionär eingezogen werden.

Zum Buch selber in einem zweiten Teil mehr. Es ist, dies sei vorab gesagt, von seiner Konstruktion her nicht besonders gelungen, eher auf dem Niveau eines mittelmäßigen Krimis angesiedelt, anstatt die Komplexität vom Verhältnis der Theorie zur Praxis unter den Bedingungen der Spätmoderne (gerne auch der Postmoderne) zu begreifen und in eine andere Anordnung zu bringen. Da nützen auch die konstruierten Kniffe und die Anordnung von Erzähltext und den eingeschobenen Interviews mit verschiedenen Protagonisten des Protests wenig. Die Figuren und die Szenen sind hölzern und schablonenhaft geschnitzt. Allenfalls als Assoziationsraum und als eine Art heuristisches Mittel mag das Buch dienen. Und vielleicht ist das auch bloß die Absicht des Projektes RLF. Aber dazu demnächst mehr. In der Hoffnung das Projekt RLF dann wieder zur Philosophie Adornos hin zu verlassen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu „Das richtige Leben im falschen“? Friedrich von Borries „RLF“: Revolte als Real Life Fiction, als Kunst, Klamauk oder Kolportage?

  1. ziggev schreibt:

    RLF – Sache ist ausgemacht, ich werde Sticker mit diesen 3 Buchstaben drauf demnächst auf meinem Blog vermarkten – bietet sich leider nur schwer als „running gag“ an, weil wahrscheinlich es immer zu wenig gewesen wären, darüber zu lachen. So richtig mitlachen konnte ich jedenfalls bis heute noch nicht.

    Wer sich einmal ernsthaft mit Adorno beschäftigt hat, und mit dieser Ernsthaftigkeit meine ich nicht die Expertise, sondern eine Lektüre, wie sie ein literarischer Text erfordert, d.h. ein Risiko, dass eins eingehen muss, die Verpflichtung dazu, – dieses Risiko einmal einzugehen! Wers nicht kennt, der oder die lese einfach mal beim Meister hinein, meditative Übung: Nur beobachten, nicht beurteilen! Geht auch, kann eins auch machen, mit Goethe. Oder, was ich hobbymäßig mitunter praktiziere, mit Texten von Bersarin.

    Also der Sprung! Wie der Hund, der zuerst sein Spiegelbild im Wasser anbellte. um dann doch umso freudiger hineinzuspringen. Also das Risiko eingehen:

    Dann stellt sich jedenfalls bei Adorno heraus, dass es keineswegs ein Autor ist, der vor Autoritäten herumschwänzelt oder durch seinen Stil, der einfach nur das Reservoir der ihm zur Verfügung stehenden Formen des Deutschen ausschöpft, dazu irgendwo ermutigt. Sondern seine Prosa ist sehr human – nicht zu sprechen von seinen frei gehaltenen Vorträgen und Vorlesungen usw. – und keineswegs elitär. Nein, er geht sogar soweit, dass er, um seine Gesellschaftskritik an einem unwichtigen Musikstil, dem Jazz, festzumachen, lieber auf eine präzise Terminologie, die ihm mit Sicherheit zur Verfügung gestanden hätte, verzichtet.

    Aber Möchtegernlinke haben ihn missverstanden, haben immer wieder versucht, diese Haltung des Mandarins nachzuahmen, und sind immer nur kläglich gescheitert. So oder so Unberufene, und ich zähle mich dazu, werden mir den Genuss an dieser Lektüre nicht kaputtmachen.

    Und: ach, ich habs mir anders überlegt, ich werde dann doch lieber einen Sticker mit der Aufschrift „N-r-l-f-“ dann irgendwann rausbringen.

  2. Bersarin schreibt:

    Je länger ich nachdenke, desto überflüssiger erscheint es mir, dieses Buch weiter besprechen zu wollen. Lifestyle und Pseudo-Subversion als Kritik zu verkaufen, scheint mir doch schal und fahl. Es ist die Zeit zu schade. Ich werde sehen, wie ich in der Verfassung bin, mich damit auseinanderzusetzen. Ich bin sprunghaft. Es stehen andere Dinge an.

  3. Bersarin schreibt:

    Was Du zu Th.W.A schreibst, ist im großen und ganzen richtig. Adorno nachzuahmen oder es ihm gleichzutun, muß naturgemäß scheitern. Worum es zunächst geht: sich diesem schwierigen und verschlungenen Text überhaupt erst zu nähern und seinen Gehalt zu begreifen. Die „Ästhetische Theorie“ ist einer der nach wie vor bedeutendsten und vielschichtigsten Texte des 20. und 21. Jahrhunderts. Lange nicht ausgeschöpft. Er läßt sich auf verschiedene Weisen lesen. Obwohl ich sicherlich anders als Du, ziggev, an diesen Text herangehe, denke ich dennoch, daß man seinem Sound, seiner Sprachkraft, seiner Suggestion erliegen kann und auch in einer Art meditativen Lektüre, gleichsam mimetisch, sich dem Gehalt dieser grandiosen Ästhetik nähern kann.

  4. ziggev schreibt:

    ja, genau. – Seit mein Großonkel gestorben ist (kleine Erbschaft), stapeln sich bei mir die Adorno-Bücher und wuseln nur so um mich herum. Ich muss ja nicht, aber ich will mich unbedingt durch diesen Schlaraffenlandberg aus Zucker und Zimt hindurchessen. In jedem Zimmer, und es gibt keine Matratze, die nicht von dessen Werken umstanden wäre. Eine lälssige Geste, ein müdes Hinlangen des (nicht mehr lange) Harzt IV-Empängers, in den ihn umstehenden Bücherberg, zwei, drei Sätze, genug für den Tag. Aber was ich damit bezwecke? Ich glaube, dass der freie Blick, den diese Lektüre hervorrufen kann, zugleich die Voraussetzung für eine angemessene Lektüre ist. Es ist wohl – wie Proust – eine Lebensaufgabe.

  5. ziggev schreibt:

    PS: ich glaube nicht, dass ich zu irgendwelchen Ergebnissen kommen werde.

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