Clemens Meyers „Im Stein“ – ein kurzer Vorausblick, Shortcut

Im heutigen Arbeitsjournal berichtete Alban Nikolai Herbst von seinem gestrigen Besuch einer Lesung mit Clemens Meyer in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg. Ich habe das leider verpaßt und nicht mitbekommen. Insofern konnte ich nicht hingehen. Ich habe zu seinem Journaleintrag, in dem es auch eine Diskussion mit unterschiedlichen Positionen gibt, einen kleinen Kommentar verfaßt – sozusagen eine Vorab-Eloge zu dem von mir hoch geschätzten, hoch verehrten Clemens Meyer und seinem im Milieu der Bordelle, der Prostitution und der Halbwelt spielenden neuen Roman „Im Stein“. Freilich alles noch vorläufig formuliert, tentativ, erste Sichtung. Und das geht dann so:

u1_978-3-10-048602-8 Dieser Roman ist nicht nur gut geschrieben und klug komponiert, sondern er verweist in einen Bereich, in den nur wenige der deutschen Gegenwartsautorinnen und -autoren literarisch sich hineinbegeben: nämlich die Welt der Huren, der Bordelle, der gemieteten Wohnungen, wo für Geld gefickt wird. Das Buch ist in den Montagen gelungen gebaut, poetisch in der Sprache und in den verwendeten Bildern, geglückt in der Form, in der Anordnung seiner Elemente: der lineare Zeitstrahl von der DDR über die Wende bis ins Heute wird diachron aufgebrochen und gefächert in die Ströme des Bewußtseins, in die Perspektiven, in denen die verschiedenen Protagonisten zu Wort kommen: Sexarbeiterinnen, Zuhälter, Bullen, ein Vater, der seine Tochter sucht. Die Wende 1990: das ist ein Bordell und ein Kampfplatz um die besten Plätze für die Huren im Kampf zwischen den rivalisierenden Parteien. Aber Meyer ist dabei kein Gossenpoet, der betont cool hinrotzt und den Gangster mimt. Ganz im Gegenteil. Das Buch ist eben kein Hurenbuch mit Votzensound. Wer Ohren zum Hören hat und damit auch ein wenig liest, wird dies bereits beim Titel erlauschen, erlesen, bemerken, wie poetisch, fein und geschliffen da ein Schriftsteller vorgeht. Ohne irgendwie seinen Text gefühlig und rührig zu machen.

Bereits Meyers erster Roman „Als wir träumten“ brachte Leipzig, brachte die Wende, brachte die Wendeverlierer in den Plattenbauten ins Bild. Nicht dieses ewige Berlin-Getaumel, die Findungsexistenz des akademischen Literaturprekariats. Eines der genialsten und eindrucksvollsten Debüts, das ich gelesen habe. Nicht immer wieder, in der Schleife-endlos, dieser ewige Mittelschichtenjungakademiker/innen-Literaten-Judith-Hermann-Kram: Ich finde meine männliche, meine weibliche Identität: Versonnen schauten sie die Existenz.

Die Frauenfiguren sind von Meyer teils dokumentarisch recherchiert. Es wird die Sicht von Huren präsentiert. Es werden die Beziehungen von Frauen untereinander gezeigt, so z.B. wenn jene beiden schon etwas älteren Huren (so Mitte vierzig) gemeinsam Tango tanzen: „Sag zum Abschied leise Servus“. Ein großartig geschriebenes Bild, wie Frauen auf Frauen blicken und miteinander zärtlich-distanziert umgehen. (Auch das gibt es in diesem Buch. Übrigens auch bei „Aléas Ich“: Olga und Aléa nämlich) Allein um dieser Szene willen ist das Buch mehr als ein bloßes Stückchen über die Welt des Rotlichtmilieus. Zudem durchdringen sich beim Aspekt der Prostitution die Ebenen: Dokument einerseits und Literarisierung: Meyer spielt mit der ästhetischen Form, öffnet sie. Gerne wird bei Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten weggeschaut. Macht Frau nicht, paßt nicht. Paßt nicht so gut ins moraline Rundumwohlfühlbild des doch eher quasi-bürgerlichen Feminismus. (Sofern es Bürgerlichkeit denn überhaupt noch gibt.) Prostitution und Porno: Bääää, pfui, maskulinistisch. Meyer schaut nicht weg, sondern bringt ein Sujet in die Literatur, das dort selten so zum Thema gemacht wurde, ohne es zu verherrlichen oder per se zu verurteilen. Zudem weiß er, wovon er schreibt. Genauso wie er es in „Als wir träumten“, in seinem großartigen Erzählungsband „Die Nacht die Lichter“ und in „Gewalten“ tat.

Bücher zu lesen, bedeutet immer auch wahrzunehmen, ob und wie sich die literarischen Formen erweitern, auf welche Weise sie das herkömmliche Erzählen zu überschreiten vermögen. (Aus diesem Grund auch mein vehementes Plädoyer für Aléa Torik in all ihren  Facetten.) Wer allerdings Texte verschlingt und sie sich kannibalisch einverleibt, der verfehlt meist die Texte. Da ist es wie mit guten Speisen und gutem Wein. Das beste wird in (narzißtischer) Gier versäumt, wenn man die feinen Speisen nur in sich hineinhaut.

Clemens Meyer selber habe ich eigentlich immer als witzig, freundlich, aber doch bestimmt erlebt. So auf der Leipziger Buchmesse 2011, als er die Laudatio auf die Litertaturkritikerin Ina Hartwig hielt, die den Alfred-Kerr-Preis bekam. Der Vortrag fiel lebendig, witzig und spannend aus. Ein wenig mag Meyer sicherlich die Show. Aber auf eine sympathische Weise. Im Leben geht es bunt zu: es gibt die Bühnen- und Rampensäue, die das brauchen und dann gibt es die, welche im stillen Winkel schreiben. Meyer ist dabei noch einer der angenehmen Typen, weil er zwar krakelt, aber auf eine mir nicht unähnliche und deshalb vielleicht sympathische Weise. Schön auch in einem Interview seine Antwort, weshalb er nicht in Berlin wohne, sondern in Leipzig: Aber in Berlin lebten doch alle Schriftsteller. Was solle er dort? Leipzig sei seine Stadt. Was stimmt. Leipzig ist eine sehr coole Stadt.

Leichte Kritik möchte ich allenfalls daran üben, daß sich manche der inneren Monologe bzw. der Bewußtseinsströme gleichen. Die eigentlich unterschiedliche Perspektivierung, die erforderlich wäre, um die Charaktere zu zeichnen,  bzw. die Auffächerung des Geschehens in Blicke fällt – teils zumindest – so different denn doch nicht aus: Der Text des Bielefelder Groß-Bordellbetreibers, der von Hans, dem Besitzer eines kleinen Puffs, die Sicht von AK, dem Vermieter von Wohnungen zwecks Sex: sie gleichen sich vom Duktus her zuweilen. Aber das müßte ich noch im Detail sichten. Ausgeglichen wird dieser Mangel aber auf alle Fälle durch die Sprachgewalt von Meyer sowie durch die Bilder, die er erzeugt. Wie bisher jedes Buch von Clemens Meyer ist es ein großer Wurf.

Demnächst dazu in meinem Blog eine Rezension. Zweihundert Seiten fehlen noch.

Nachtrag: Clemens Meyer ist seit dem 11.9 auch in der Shortlist für den Deutschen Buchpreis vertreten. Zu Recht und mit guten Gründen. Ich wünsche ihm das beste. Verdient hat dieses Buch einen Preis, weil es literarisch avanciert geschrieben wurde und zudem – in einem guten Sinne – arschcool ist, wie wir Luden von der Herbertstraße so sagen: der Wiener Peter und der PoC-Kalle.

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Hinzuweisen bleibt – darauf insistierte zu recht die Kommentatorin(?) Kombina  – daß es oben im Text, wo die beiden Frauen miteinander tanzen, nicht heißen dürfe Tango, sondern heißen müsse: Walzer. Richtig, ich assoziierte da den Kreisler mit hinein: „Zwei alten Tanten tanzen Tango“. So geht es im Leben: Walzer oder Tango? Welcher Tänzertyp sind Sie? Alles eine Frage des Gefühls. Ach, wie wir die Gefühle und die Cafeteria-Fragen lieben.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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41 Antworten zu Clemens Meyers „Im Stein“ – ein kurzer Vorausblick, Shortcut

  1. Partystein schreibt:

    …“Gerne wird bei Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten weggeschaut. Macht Frau nicht, paßt nicht….“

    Sag mal, ist im Hotel Absturz der Wein sauer geworden, oder wie???

    Wo siehst du in unserer Gesellschaft denn bitteschön noch einen „Mangel“ daran, dass es zuwenig Prostituierte gäbe, die uns öffentlich von ihrer Wohlfühl-Körperverkaufswelt berichten???

    Ein „Geschäft“, welches mit einem so überbordenden Maß an Gewalt, Erniedrigung und Traumatisierung einhergeht, wird doch in Anbetracht dessen in unserer „Sex-Arbeiterinnen“-„Das Privatfernsehen begleitet die saustolze Porno-Gabi dabei, wie sie einen Abdruck ihrer Vagina macht“-Welt mittlerweile in atemberaubender Weise bagatellisiert und verharmlost!

  2. Bersarin schreibt:

    Wo siehst du in unserer Gesellschaft denn bitteschön noch einen “Mangel” daran, dass es zuwenig Prostituierte gäbe, … An welcher Stelle schreibe ich vom Mangel? Die betreffende Stelle finde ich in meinem Text im Augenblick nicht.

    Hier in diesem Text ging es, soweit ich das sehe, nicht um rtl-Berichte oder Boulevardmedien, die Prostitution glorifizieren oder reißerische Sendungen darüber machen, um ihre Formate noch besser zu verkaufen, sondern vielmehr bezog ich mich (auch im Zusammenhang dieses Kommentarstranges bei ANH) auf bestimmte Kreise des Feminismus, denen Prostitution generell nicht in den Kram paßt und die nach dem Motto vorgehen: „Nicht sein kann, was nicht sein darf: Also: Verbieten!“ So einfach ist das alles aber nicht. Es gibt Frauen, die ein Verbot der Prostitution nicht wünschen. Das Thema ist leider komplexer, als es auf Zwangsprostitution und Kinderstrich zu reduzieren. Ich schrieb: „Gerne wird bei Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten weggeschaut. Macht Frau nicht, paßt nicht. Paßt nicht so gut ins moraline Rundumwohlfühlbild des doch eher quasi-bürgerlichen Feminismus.“ Von rtl steht hier nichts. Und auch nicht von denen, die Prostitution glorifizieren, weil sie es so megaaffentitengeil finden. Kurzer Anriß war hier eine Form von Feminismus, der in den Kategorien gut/böse denkt, ohne das Vermögen zu differenzieren, ein Feminismus, der sich in seiner Selbstgerechtigkeit einrichtete. Deshalb meine Kennzeichnung: „moraline(s) Rundumwohlfühlbild des doch eher quasi-bürgerlichen Feminismus“. Daß die Dinge nicht so einfach im schönen, bequemen schwarz/weiß-Schema zu regulieren sind, kann man nachlesen, wenn man auf der Seite der Sexarbeiterinnenorganisation „Hydra“ schaut: http://www.hydra-berlin.de/ueber_uns/ziele_von_hydra/

    Und um es auch in bezug auf Meyer klarzumachen: Das ist kein Buch, das in der Weise von Bukowski schreibt: Dann ging ich zu der kleinen Hure und fickte sie, bis es blutete. Sondern es ist Literatur über die dunkle, aber überall existente Seite innerhalb einer Gesellschaft. Und da helfen auch keine Verbote. Weil’s dann nämlich im Illegalen und in einer noch viel schlimmeren Weise abläuft.

  3. Bersarin schreibt:

    Bei „Hydra“ heißt es zudem:

    … dass die Debatte über Prostitution nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg geführt wird. Was im Interesse von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern ist, was ihre Würde verletzt und was nicht, wissen sie selbst am besten. Prostituierte sind keine „Opfer“, sondern mündige Personen. In der Debatte über Prostitution darf nicht nur über die Prostituierten, es muss auch mit den Prostituierten diskutiert werden.

    Clemens Meyer hat recherchiert, er hat mit betroffenen Frauen gesprochen. Und dies merkt man seinem Roman an. Das, diese Perspektiverungen machen das Buch zu einem gelungenen.

  4. Partystein schreibt:

    „Meyer schaut nicht weg, sondern bringt ein Sujet in die Literatur, das dort selten so zum Thema gemacht wurde, ohne es zu verherrlichen oder per se zu verurteilen.“
    Begrüßt du hier nicht ausdrücklich, dass sich Meyer mit seinem Buch über freiwillige Prostitution einem Thema widmet, welches laut dir zu wenig Beachtung in der Literatur findet? (Deswegen sprach ich von „Mangel“)

    …Und gelebte „Wohlfühl-Utopie“ ist doch allemal besser, als junge Frauen, die sich aus Geldmangel heraus dazu hinreissen lassen, schlimmsten Falls ihre Seele zu traumatisieren, weil ihnen auf allen Kanälen suggeriert wird, dass es in unserer Gesellschaft für Frauen das Normalste von der Welt und total unbedenklich sei, seinen Körper zu verdinglichen!

    „Moralines Rundumwohlfühlbild“ hat übrigens ein bisschen was von „Gutmenschen-Stigmatisierung“, finde ich nicht so glücklich formuliert.

    „Sondern es ist Literatur über die dunkle, aber überall existente Seite innerhalb einer Gesellschaft. Und da helfen auch keine Verbote. Weil’s dann nämlich im Illegalen und in einer noch viel schlimmeren Weise abläuft.“

    Mit diesem Argument bräuchten wir dann aber auch überhaupt keine Gesetze mehr!

    Mir ist diese Reportage übrigens sehr nachhaltig in Erinnerung geblieben:

  5. Bersarin schreibt:

    Ja, der Gutmensch: das gut Gemeinte ist leider häufig das Gegenteil vom Guten, vor allem dann, wenn das gut Gemeinte sich in einem bloßen Regelkanon ohne Sicht auf die Differenzen erschöpft. Und wenn die Prostitution generell verboten ist, dann gibt es sie auch nicht mehr? Klar. Dann bleiben alle brav zu Hause. Es gibt Aspekte, die lassen sich nicht einfach durch Gesetze regeln. Drogen und Ficken gehören dazu. Mord kann man verbieten, Wirtschaftskriminalität bestrafen, aber bei Sex und Drogen wird die Sache schon schwieriger. Und schon gar nicht gibt es da einfache Lösungen: Jetzt machen wir mal ein Gesetz und verbieten jegliche Prostitution. Das ist eine eher naive Annahme. Und wie ich bereits „Hydra“ zitierte: Es geht bei diesem Thema nicht nur um Zwangsprostitution und Babystrich. Da nämlich liegt die Vereinfachung und ich halte das für einen rhetorischen Trick, das Thema nur in dieser Spur laufen zu lassen. Und es gibt eben nicht nur jene „junge(n) Frauen, die sich aus Geldmangel heraus dazu hinreissen lassen, schlimmsten Falls ihre Seele zu traumatisieren.“

    Natürlich gehören Babystrich und Zwangsprostitution verboten, und sie sind es bereits. Und auch der Frauenhandel ist eine moderne Form der Sklaverei. Er gehört verboten, er ist bereits verboten. Wie sieht es aber aus, wenn Frauen ihren Körper freiwillig anbieten? (Ich denke Hydra ist kein Zwangsverein, der von irgendwelchen Zuhältern gesponsort und gefahren wird.) Wie sieht es in den Zwischenbereichen aus, wie mit den Swingerclubs? Ich vermute allerdings, daß die Welt der Sexarbeiterinnen zu komplex und vielschichtig ist, um das auf einen Nenner zu bringen. Es gibt die Schwersttraumatisieren und es gibt andere Fälle. Solche Bedingungen und auch die Notlagen sollte man allerdings in den Blick nehmen, und zwar ohne sogleich mit den so bequemen Verboten oder der rtl-Sensationsmaschine zu kommen, die da voyeuristisch die Kamera draufhält. Um ebenfalls am Kuchen zu verdienen. Einfache Lösungen gibt es da nicht. Gehört Stangentanz im Doll House oder anderswo verboten? Gehören dann auch Burlesque-Shows verboten? Wir sollten nicht die verschiedenen Weisen der Sexualität verbieten, sondern uns fragen, auf welche Weisen wir eigentlich Sex haben (wollen).

    Aber diese schwierigen (juristischen, gesellschaftlichen und teils auch – zumindest für einige – moralischen) Fragen sind nicht die von C. Meyer. Denn (gelungene) Literatur ist keine Handlungsanweisung und sie liefert keine Statements. Meyer blickt auf diese Gesellschaft und auf das, was sich in verschiedenen Städten in Ostdeutschland nach der Wende zugetragen hat, natürlich in fiktionalisierter, verfremdeter Form. Meyers Buch handelt zudem nicht nur von freiwilliger Prostitution, sondern es enthält ebenso beklemmende Szenen von 14- und 16-Jährigen Mädchen, von einem Vater, der durch die Stadt irrt und seine abhanden gekommene Tochter sucht. Sie handeln von Mord und der Kälte des Milieus, das zugleich für manche eine Art von Wärme gibt. Das Buch ist ein Kaleidoskop von Ansichten auf einen Geschäftszweig, in dem häufig auch Politiker und Wirtschaftsmenschen verstrickt sind. (Stichwort Sachsensumpf.) Meyer bringt diese Aspekte in die Literatur. Mir ging es darum, sein Buch vor einer bestimmten Weise des Feminismus in Schutz zu nehmen, der reflexhaft zuschnappt, sobald die Sprache auf dieses Thema kommt.

    In bezug auf diese Art von Quaselfeminismus halte ich die Formulierung „Paßt nicht so gut ins moraline Rundumwohlfühlbild des doch eher quasi-bürgerlichen Feminismus.“ für durchaus zutreffend und dieses Verhalten pointierend. Weil ein solcher Alice-Schwarzer-Feminismus diese Dinge nämlich abstrakt und ohne jedes Vermögen der Differenzierung fein vom Schreibtisch aus betrachtet. Worum es geht: mit den Betroffenen zu sprechen. Bewußtsein zu schaffen, sich zu überlegen, ob Sexwerbung im Fernsehen nach Mitternacht wirklich so antörnend ist. Daß so etwas wie Peep-Shows, Eros-Center, Straßenstrich an der Kurfürstenstraße nicht Dienstleistungen sind, wie Brötchenkaufen oder Reifenwechseln, bestreitet wohl keiner. Daß es dort düstere Seiten, schlimme Schicksale und mehr gibt, bestreitet ebenfalls niemand, der recht bei Sinnen ist. Und ich habe weder bei Meyer noch in meiner Vor-Besprechung gelesen: Prostitution ist eine saucoole Nummer, die jeder mal machen sollte. Irgendwie geil. Niemand glorifiziert hier die Prostitution als arschcoole, irgendwie witzige oder szenige Angelegenheit. Und wer das in Meyers Buch sucht, der wird nicht fündig. Ich vermute sogar, daß die meisten Leserinnen und Leser das Buch bei Seite legen werden, weil es ihnen von der Machart her viel zu kompliziert und verwirrend gebaut ist. Das ist eben kein Sex-and-Crime-Buch. Es ist düster und schwarz, ohne die Protagonisten dabei zu denunzieren oder sich auf irgend eine Seite zu schlagen. Gerade aufgrund dieser vielfältigen, komplexen, komplizierten Aspekte ist es wichtig, dieses Thema – auch in der Literatur – auf die Tagesordnung zu bringen.

    Ja, ich begrüße es, daß Meyer sich einem Thema widmet, was in der Gegenwartsliteratur der BRD wenig bis gar keine Beachtung findet. Im Auge sollte dabei allerdings behalten werden, daß sein Roman kein Fickroman über Bordelle ist. Aber um das zu beurteilen, solle man ihn natürlich zunächst lesen. Meyer glorifiziert nicht, er kommt aber ebenso wenig abstrakt mit dem erhobenen Zeigefinger.

  6. Partystein schreibt:

    Ich würde es sehr begrüßen, wenn nicht die Prostitution, sondern das Gebrauchen von Prostituierten verboten wäre, wie es in anderen Ländern bereits geschieht.
    Kannst du mir nochmal ein Argument dafür nachliefern, warum man laut dir Mord verbieten können soll und das Benutzen von Prostituierten nicht?

    Nichts manifestiert das noch immer bestehende Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen nachhaltiger als der Umstand, dass Jungs mit der Lebensrealität aufwachsen, dass sie in späteren Jahren das andere Geschlecht für Geld wie eine Ware benutzen werden können!

    Gegen Swingerclubs habe ich rein gar nichts einzuwenden, weil sich dort Menschen auf Augenhöhe treffen und auch Frauen sich ihre Partner aussuchen können.

    Über das Buch kann ich tatsächlich rein gar nichts sagen, weil ich es ja nicht gelesen habe, aber deine Ausführungen über „Alice-Schwarzer-Feminismus“, der „diese Dinge nämlich abstrakt und ohne jedes Vermögen der Differenzierung fein vom Schreibtisch aus betrachtet“ ist äahnlich pauschal, und aus dem hohlen Zahn konstruiert, wie das Dozieren von Maskulisten über Emanzen, auch wenn du den rhetorischen Trick der Einschränkung auf eine angeblich bestehende Feministen-Untergruppe konstruierst. Welche Positition von Feministen wäre dir im Gegensatz dazu denn genehm?

  7. Bersarin schreibt:

    Mord ist deshalb zu verbieten, weil es nicht unbedingt als ein menschliches Bedürfnis anzusehen ist, das ausgeübt werden möchte, zudem sind die Auswirkungen bei Mord andere als bei der Sexarbeit, die auf freiwilliger Basis geschieht. Prostitution ist da zu verbieten, wo sie unter Zwang ausgeübt wird. Diese Art der Prostitution ist auch in der BRD verboten. Insofern hat de facto und de jure auch die BRD ein Verbot der Prostitution.

    Ja, die Schweden haben das Problem perfekt gelöst. Jetzt fahren die Männer ins Baltikum oder machen es in der Illegalität in irgend einem Bumslokal auf dem Land. Und dort arbeiten welche Frauen? Genau, Zwangsprostituierte. Stell Dir mal die Frage nach den Arbeitsbedingungen dort. Ein Gesetz gegen Prostitution ist nicht so etwas wie ein Gesetz, das Katalysatoren bei Autos oder Schadstoffilter bei Fabriken vorschreibt. Das läßt sich nämlich relativ mühelos kontrollieren. Die Regulierung von Sexualität ist ein wenig komplexer.

    Das Bild, das Männer bzw. Jungs von Frauen haben, wird über vielfältige Faktoren vermitteln. Dort anzusetzen kann allerdings sinnvoll sein, so daß Frauen von Männern nicht als Objekte gesehen werden. Da gäbe es z. B. Punkte, wo man in der Werbung und in den medialen Inszenierungen von Rollenbildern ansetzen kann, die ich für sehr viel schädlicher halte als Prostitution, die von Frauen ausgeübt wird, die das freiwillig und als Gewerbe machen.

    Welcher Feminismus mir lieb wäre, habe nicht ich zu entscheiden. Das müssen die Frauen, die als Sexarbeiterinnen tätig sind, selber entscheiden. Mir wäre allerdings ein Denken lieber, daß die Differenzierungen sieht. Bei Sex ist es wie mit den Drogen. Verbote haben da nicht viel bewirkt. Alice Schwarzer arbeitet und spricht nicht mit den Frauen, die der Prostitution nachgehen, sondern über sie bzw. sie zieht sich die heraus, die ihr genehm sind. Alles andere wird bei Schwarzer ausgeblendet. Insofern ist mein Vorwurf gegen diese Art von Feminismus nicht abstrakt, sondern in der Sache begründet. Über Prostitution kann man nur mit den Betroffenen sprechen. Alles andere bleibt abstrakt und fruchtlos.

    Das Benutzen von Frauen, die sich nicht freiwillig prostituieren, sollte man verbieten. Und das ist bereits verboten. Den Umgang mit Frauen, die das freiwillig tun, nicht. Und wer definiert bei solchen Regelwerken überhaupt die Grenzbereiche? Was ist Escortservice, bei dem es hinterher zum GV kommt. Alle einsperren? Es werden sich in diesen Bereichen immer Lücken auftun, die genutzt werden. Insofern scheint es mir sinnvoller, die Bilder, die Männer von Frauen haben, zu verändern. Abstrakte Verbote bringen nichts, außer daß – so vermute ich – die Raten der Vergewaltigungen (insbesondere in der Ehe) steigen werden und daß – wie bei den Drogen – immer neue Varianten und Illegalitäten geschaffen werden, die es ermöglichen, bestehende Gesetze entweder zu umgehen oder sie relativ straflos zu übertreten.

  8. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,
    der Meyer: eigentlich wohl nicht mein Autor, zu viel Hype, zu hard-boiled, Groupies sind auch nicht meins, das Thema ebenfalls nicht: aber deine Einschätzung, hier oder bei ANH, dass er, seine Texte also, bedingungslos literarisch sind, macht dann doch Lust. Denn mehr ist von einem Text ja nicht zu erwarten. Letztlich ist mir das Thema gleichgültig, ich habe mich auch nicht für Tennis, Drogen und Verschwörungstheorien interessiert, fand aber „Unendlicher Spaß“ dennoch ganz hervorragend. Also bin ich gespannt, was du über das Buch sagst.
    Aléa Torik

  9. Partystein schreibt:

    In einer zivilisierten Gesellschaft kann ein solches Zusammenleben aber nur dann funktionieren, wenn sich nicht Jeder gehen läßt, wie er gerade lustig ist, und schon gar nicht auf Kosten Anderer! Frauen schaffen es doch weitestgehend auch mit ihren Bedürfnissen zu leben, ohne sich anderer Leute Körper für ein entsprechendes Entgeld zu mieten!
    Für meine Einschätzung alles eine Frage der Gewohnheit, Prostitution ist eben durch eine jahrtausende alte Tradition für Männer so herrlich unkompliziert!
    Wie sieht es mit dem Bedürfniss aus, einem anderen Menschen eins auf die Fresse zu hauen? Sollte man das dann auch legalisieren, wenn rohe Wut nur genügend Druck aufgrebaut hat?

    Wie sieht es für dich mit der „Freiwilligkeit“ bei der Art von Prostitution aus, die einzig und allein aus Sachzwängen heraus geschieht, der sogenannten „Elendsprostitution“?
    Und wenn Postitution eine Arbeit wie jede andere wäre, sollte sie dann deiner Einschätzung nach auch von der Arge vermittelt werden dürfen?

    Woher weisst du, dass sich Alice Schwarzer nicht mit Prostituierten auseinandersetzt?
    Hast du dich denn schonmal mit Prostituierten auseinandergesetzt? (Denn du urteilst in deinem Beitrag ja ebenfalls über Prostitution, indem du sie offenbar für unbedenklicher einstufst, als Frau Schwarzer)

    Ich bleib dabei, die Männer die so unter Druck stehen dass sie damit nicht klarkommen, sollen sich gerne mit Frauen in den entsprechenden Swingerclubs organisieren, aber bei einem „unkomplizierten“ Rein-Raus-Puffbesuch sehe ich eine zu große Gefahr darin, dass es für Männer nicht zu unterscheiden ist, ob sie gerade an eine Frau geraten sind, die gerne das Angenehme mit dem Nützichen verbindet, oder an solche, die sich nur aus einer Not heraus- oder sogar durch Zwang verdinglichen müssen. Als Mann dieses Risiko billigend in Kauf zu nehmen, hierbei die falsche Wahl zu treffen, finde ich reichlich fragwürdig!

  10. Partystein schreibt:

    So jetzt habe ich auch den äußerst treffenden Artikel von Karen Duve wiedergefunden, der 2003 nach der „Friedmann-Affaire“ im Spiegel lesen war:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-27564433.html

    Von meiner Seite aus ist dem nichts mehr hinzuzufügen!

  11. Bersarin schreibt:

    Zum Friedman-Text von Duve: Es waren, wie immer, Zuhälter beteiligt, es handelt sich um Zwangsprostitution. Insofern ist, von dem moralischen Impetus bei Frau Duve mal abgesehen, diesem Text nichts hinzuzufügen. Mir ging es aber um eine Form von Sexarbeit, die nicht über Zuhälter und Zwangsprostitution läuft. Insofern reden wir hier aneinander vorbei.

    Sexualität, die über Bordellbesuche läuft, läßt sich nicht einfach auf Gehenlassen reduzieren. Auch dies ist wieder eine dieser moralisierenden Wertungen, wenn das generalisiert wird. Es gibt Menschen, die lassen sich gehen. Natürlich. Und es gibt solche, die relativ bewußt Prostituierte aufsuchen. Was bitte ist ein Escort-Service, bei dem es hinterher zum GV kommt? Ob ein verheirateter Mann unbedingt eine Prostituierte aufsuchen muß, darüber kann man streiten. Aber wie es im Leben so ist – es geht bunt zu: es gibt Fälle, da ist das widerwärtig und es gibt solche, da scheint es mir durchaus ok zu sein. Muß man am Einzelfall entscheiden. Wer bitte will über diese Fälle generell urteilen? Welche Effekte hätte denn ein Verbot? Diese Frage solltest Du Dir schon stellen. Allerdings sollten sich auch Männer durchaus fragen, was es ist, das sie zu Prostituierten treibt.

    Damit es nicht zu Elendsprostitution kommt, sind eben Organisationen wie Hydra wichtig. Genau darum geht es mir in all meinen Postings: jegliche Form des Mißbrauchs, so weit das möglich ist, einzudämmen. Es hat übrigens die Illegalisierung von Heroin auch nicht dazu geführt, daß plötzlich keine Junkies mehr herumlaufen, sondern ganz im Gegenteil kamen Effekte der Kriminalisierung mit hinzu. Die Drogenpolitik der BRD ist verheerend. Es sollte, wie auch bei der Prostitution über andere Modelle nachgedacht werden. Stichwort Portugal. Dort ist der Besitz von kleinen Mengen Heroin nicht illegal. Schön wäre es, wenn auch bei der Prostitution ein wenig mehr Phantasie walten würde, was man tun kann. Anstatt abstrakt Verbote auszusprechen.

    Ich habe mich mit Prostituierten so auseinandergesetzt wie Du es wohl auch getan hast und wie es die meisten haben, die nicht mit Prostituierten gesprochen oder mit ihnen verkehrt haben. Meine Gegenfrage lautet natürlich: Schon die Hydra-Seite gelesen? Zu dieser Organisation habe ich bisher von Dir nicht sehr viel gehört. Und wenn ich es von diesem Blickwinkel der Hydra-Frauen betrachte, dann ist es natürlich sinnvoll, Sexarbeit sozialversicherungspflichtig zu machen. Geordnete Räume und Möglichkeiten zu schaffen. Eine der wenigen Dinge die bei rot/grün gut waren, ist die Reform dieser Gesetze. Wenn Frauen bei der ARGE nach dieser Tätigkeit anfragen, wäre es sicherlich keine schlechte Idee, das auch dort als Beruf auszuschreiben, solange eine Arbeitslose oder ein Hartz-IVerin dorthin nicht zwangsvermittelt wird. Dadurch entginge diese Tätigkeit zudem der Stigmatisierung.

    „… sehe ich eine zu große Gefahr darin, dass es für Männer nicht zu unterscheiden ist, ob sie gerade an eine Frau geraten sind, die gerne das Angenehme mit dem Nützichen verbindet, oder an solche, die sich nur aus einer Not heraus- oder sogar durch Zwang verdinglichen müssen.“ Genau diese Gefahr sehe ich auch. Deshalb mein Plädoyer für einen anderen Umgang mit Prostitution und daß für das Thema Prostitution in einer Gesellschaft das Bewußtsein geschärft wird.

    Das Argument mit dem Eins-in-die Fresse-hauen hinkt. Weil derjenige, der eine reingesemmelt bekommt, es sich nicht freiwillig gefallen läßt. Sondern hier wird Körperverletzung begangen. Genau wie bei Prostituierten, die das nicht freiwillig machen, sondern aus diversen Umständen dazu gezwungen werden. Wenn jedoch einer dem Gegenüber eine reinsemmelt und das den anderen nicht stört, dann sieht es schon anders aus. Dieser Vorgang läuft unter der Sportart „Boxen“.

    Ich wiederhole es zum gefühlten 100. Mal: Es geht um Frauen, die das freiwillig machen, nicht um Anja, der der sexuelle Mißbrauch bereits ins Gesicht geschrieben steht. Um genau das zu verhindern, ist es nämlich wichtig, Prostitution aus der Illegalität herauszuholen und daß Ausnutzverhältnisse aufhören. Das geht nur, wenn die Zuhälter verschwinden und dagegen empfindlich vorgegangen wird. Ein generelles Verbot verlagert das Problem lediglich, es ist wie bei der bisherigen Drogenpolitk das Prinzip Vogel-Strauß: was ich nicht sehe, ist nicht mehr da. Mit diesen viel zu simplen Lösungen wird man jedoch dem Problem kaum Herr und es schafft sich dadurch auch keinerlei gesellschaftliches Bewußtsein für dieses Thema.

  12. Bersarin schreibt:

    @ Aléa Torik
    Ja, Meyers Buch ist ein großer Wurf. Es ist düster, es ist literarisch in einem ganz eigenen Stil. Sicherlich ist das alles nicht neu, was er macht, aber er bringt in die Literatur der BRD einen spannenden Ton hinein. Aber mehr wird es dann, wie gesagt, in meiner Besprechung demnächst geben.

  13. Bersarin schreibt:

    Und um das Thema Sexarbeit/Prostitution in wenigen Worten zusammenzufassen. Es geht nicht um die Glorifizierung der Prostituieren oder diese Dichotomie Heilige/Hure oder die heilige Hure, das sind allenfalls literarische Bilder. Sondern vorauf es mir ankommt, ist, daß es in diesem Feld keine einfachen Lösungen gibt, weil dazu die verschiedenen Aspekte viel zu verschachtelt und komplex sind. (Insbesondere, weil es sowohl um Gesellschaftliches als auch um Sexualität geht, die immer auch gesellschaftlich konnotiert ist.)

    Was macht man mit Huren wie Domenica, die ganz selbstbewußt und selbstbestimmt arbeitete. Was macht man mit dem ganzen s/m-Bereich und all den special-interests?

  14. ziggev schreibt:

    oh, ja = diese eine Prostituierte! Abgreifen wollen hatte sie mich, „20 €, 1/2 Sunde“, ja schon zuvor, aber ich hatte ihr ja gesagt, dass ich eigetlch nur einer verlorenen Liebe hinterherjagte, die ausgerechnet an jenem Abend, die Lippen rotgeschminkt, was ich nie zuvor hatte an ihr beobachten dürfen, sich mit ihrem Roller (diese hand- oder fußbetriebenen Dinger) zum anderen Lover davon gemacht hatte, der kurz darauf starb, weil sie ihre „Medikamente“ bei ihm vergessen hatte.

    Da kam ich also nach drei durchgetanzten Stunden wieder vorbei, „nee, da läuft nichts mehr“ – „vertraue auf meine Erfahrung, das kriegen wir schon hin“.

    Hinterher lief sie sogar hinter mir her, spielte mir die perfekte Liebe vor, so echt, dass ich fast daran geglaubt hätte. Für – in Euro – fast nichts! Was für mich eine große Fähigkeit ist fürs Seelendoktorentum (performiert von ner Frau Anfang 20), hat hier wie die Faust aufs Auge gepasst. Sie hat mir ihre Telephonnummer gegeben, ich, leicht skeptisch, gäbe es denn da Vorteile? – Aber nein! sie arbeiteten da alle völlig freiwillig, alle immer zum selben Preis, da gäbe es gar nichts.

    Wenn das stimmt, dann losten also weniger informelle Gewerkschaftsorganisationen sich davon mal ne Scheibe abschneiden! Und Hamburg hat viele Brücken!

  15. Bersarin schreibt:

    Wie gesagt: das Thema ist zu vielschichtig, um es mit einfachen Verbotsforderungen vom Sichtbaren ins Unsichtbare zu verlagern. Man sollte insofern die Sexarbeiterinnen selber zu Wort kommen lassen, was die dazu sagen. Es ist schade, daß sich hier niemand äußerst. Aber dazu ist der Blog dann von seiner Reichweite her nicht bedeutsam genug.

  16. Partystein schreibt:

    Das Thema ist nicht vielschichtig, das Thema ist eine Katastrophe! Männer werden radikal umdenken lernen müssen, und eine „Ist mir doch scheissegal, in wem ich da gerade drinnstecke“-Haltung darf in unserer Gesellschaft nicht mehr geduldet werden! Der Markt ist offenbar überschwemmt von Zwangsprostituierten und von Frauen, die dem Job ausschließlich aus Armut und Perspektivlosigkeit nachgegen und Deutschland hat sich durch die „Sex-Arbeiterinnen“-Aktion inzwischen den sehr zweifelhaften Ruf eines „Dumping-Fick-Landes“ erstritten, welches Freier aus ganz Europa busseweise frequentieren (siehe auch mein ARD-Reportage Link) – Da ist es irrelevant, dass es dazwischen auch ein paar Frauen dazwischen geben mag, für die der Job ganz o.k. ist, denn das kann in Anbetracht der Katastrophe nicht maßglich sein!

    Es gibt mit Sicherheit auch Harz-4 Empfänger, die mit ihrer Situation absolut zufrieden sind, aber das wird mich ebenfalls nicht nicht dazu bringen, diese andere Schröder-Katastrophe positiver zu bewerten!

    Im folgenden Artikel kannst du nochmal sehen, wie wie falsch du damit gelegen hast, als du Alice Schwarzer Schreibtischaktionismus ohne Kontakt zu Betroffenen vorgeworfen hast:

    http://www.zeit.de/2006/40/Prostitution

    In Anbetracht von flächendeckend traumatisierten Frauen innerhalb dieser Berufsgruppe von “ Seelendoktorentum“ zu schwadronierern finde ich ehrlich gesagt ganz schon happig!

    http://www.zeit.de/1998/36/Traumatisierte_Prostituierte

  17. Bersarin schreibt:

    Daß dieses Thema allerdings und durchaus vielschichtig ist (unabhängig davon, daß Männer sich über ihr Verhalten bewußt sein sollten, was sie aber häufig nicht sind) und daß da eine veränderte Politik erforderlich ist, zeigen bereits die Zeit-Artikel. Da sind wir uns ja mal einig. Und daß einfache Lösungen wie verbieten, verbieten und nochmals verbieten, als Mantra in den Raum geworfen, nicht funktionieren, zeigt er ebenfalls. Ein generelles Verbot, bei dem alles über den selben Leisten geschlagen wird, verbessert die Situation für Frauen nicht, sondern verschlimmert sie, führt zu noch schlimmeren Ausnutzungsverhältnisse, zu noch furchtbareren Zuständen, zu noch größeren Abhängigkeiten als sie bisher schon existieren. Solche wie in den Artikeln beschrieben Fälle werden dann nämlich noch viel häufiger vorkommen und die Frauen werden dann nicht mehr in Therapien, sondern irgendwo in Osteuropa auf einer Müllkippe landen. Ein generelle Verbot mutet in etwa so an, wie jemand, der meint, sein Wohnzimmer aufgeräumt zu haben, indem er die überall verstreut liegenden Gegenstände in irgend einen Schrank hineinstopft. Nach außen hui, innen immer noch pfui. Durch solche Mechanismen ändert sich nichts am Grundsätzlichen. Insofern mein Plädoyer für andere Lösungen, die mit den Betroffenen ausgehandelt werden und nicht über sie hinweg.

    Bei Zwangsprostitution die Freier unter Strafe zu stellen, halte auch ich für richtig. Daß es bei der Prostitution erniedrigende Situationen gibt, stellt ebenfalls keiner in Frage. Ich sprach aber nicht von Zwangsprostitution, die ja bereits verboten ist. (Trotzdem konnte sie nicht eingedämmt werden. Woher das wohl kommen mag?) Insofern reden wir hier wieder aneinander vorbei. Mir geht es darum, bei diesem Thema umzudenken und andere Ansätze als die bestehenden zu finden. Es wird nämlich ansonsten das geschehen, was schon in der Drogenpolitik der USA und der BRD der Fall ist: Einige wenige bereichern sich und andere müssen den Dreck auslöffeln. Das Verbot von harten und auch weichen Drogen hat lediglich Kriminalisierung und Elend gebracht.

    Inwieweit Schwarzer sich mit Prostituierten, die das freiwillig machen, auseinandersetzt, konnte ich dem Artikel leider nicht entnehmen. Ich vermisse immer noch die Einlassungen auf Hydra.

    Die Empörung über die in der „Zeit“ beschriebenen Zustände ist berechtigt. Aber bloße Gefühle von Zorn, Abscheu und Ekel helfen für die Diskussion im politischen Sinne nicht weiter. So verständlich diese Gefühle auch sein mögen. Wie gesagt: Bei Zwangsprostitution die Freier unter Strafe zu stellen, halte auch ich für richtig. Aber auch dort werden sich juristische Schwierigkeiten auftun. Wie es bei allen Dingen ist, die vor Gericht geregelt werden: die Jurisprudenz ist ein komplexes Feld.

  18. Partystein schreibt:

    Erlauben, erlauben, erlauben bringt noch viel weniger! Man kann nicht nur Freier von Zwangsprostituierten (Armutsprostituierte scheinen für dich nicht zu existieren?) belangen,
    weil es für Freier nicht zu unterscheiden ist, ob sie eine, die mit ihrer Arbeit d´accord ist, im Bett haben, oder eine gefolterte Sklavin! Das nehmen Freier wie gesagt heutzutage offenbar billigend in Kauf! [b]Solche ignorante Gleichgütligkeit ist nicht hinnehmbar und kann nur geahndet werden![/b]

    Die Unversehrtheit von Frauen ist höher zu gewichten, als dass Männer mit Triebstau sich entledigen können, denn es hindert sie wie gesagt ja niemand daran, in Swingerclubs zu gehen, oder ihr Glück dabei zu versuchen, auf andere Art und Weise Kontakt [b]auf Augenhöhe[/b] mit Frauen aufzunehmen.

    Alice Schwarzer, der du unterstellt hattest, sie würde nur theoretisch agieren, unterstützt wie du im Zeitartikel über Zwangsprostitution erfahren konntest, die darin beschriebene, dringend notwendige Organisation für die Opfer von deutschem Sexkolonialismus, der staatliche Gelder aus politischem Kalkül gestrichen wurden – Wieso ist es dir in Anbetracht dessen so wichtig, dass sie sich mit Prostituierten auseinandersetzt, die ihren Job ganz supi finden??? Es ist eine Frage der Verhältnissmäßigkeit! Die wichitgste Baustelle sind Momentan die Opfer von Prostitution, und diese dürfen nicht aus dem Focus geraten, weil man immer neue Friede-Freude-Eierkuchen-Gegenbeispiele aus dem Hut zaubert!

  19. Partystein schreibt:

    Erlauben, erlauben, erlauben bringt noch viel weniger! Man kann nicht nur Freier von Zwangsprostituierten (Armutsprostituierte scheinen für dich nicht zu existieren?) belangen,
    weil es für Freier nicht zu unterscheiden ist, ob sie eine, die mit ihrer Arbeit d´accord ist, im Bett haben, oder eine gefolterte Sklavin! Das nehmen Freier wie gesagt heutzutage offenbar billigend in Kauf! Solche ignorante Gleichgütligkeit ist nicht hinnehmbar und kann nur geahndet werden!

    Die Unversehrtheit von Frauen ist höher zu gewichten, als dass Männer mit Triebstau sich entledigen können, denn es hindert sie wie gesagt ja niemand daran, in Swingerclubs zu gehen, oder ihr Glück dabei zu versuchen, auf andere Art und Weise Kontakt ]auf Augenhöhe mit Frauen aufzunehmen.

    Alice Schwarzer, der du unterstellt hattest, sie würde nur theoretisch agieren, unterstützt wie du im Zeitartikel über Zwangsprostitution erfahren konntest, die darin beschriebene, dringend notwendige Organisation für die Opfer von deutschem Sexkolonialismus, der staatliche Gelder aus politischem Kalkül gestrichen wurden – Wieso ist es dir in Anbetracht dessen so wichtig, dass sie sich mit Prostituierten auseinandersetzt, die ihren Job ganz supi finden??? Es ist eine Frage der Verhältnissmäßigkeit! Die wichtitgste Baustelle sind Momentan die Opfer von Prostitution, und diese dürfen nicht aus dem Focus geraten, weil man immer neue Friede-Freude-Eierkuchen-Gegenbeispiele aus dem Hut zaubert!

    (nachträglich geändert, weil ich ganz im Gedanken die falschen Tag-Klammern benutzt hatte)

  20. Bersarin schreibt:

    Alles richtig. Ist nur leider kein Einwand gegen das, was ich schrieb.

  21. Bersarin schreibt:

    Armutsprostitution ist Zwangsprostitution. Diese wird sich auch durch ein Gesetz, das Freier betraft, nicht wesentlich ändern. Im Gegenteil. Es wird dann die Armut noch weiter ausgenutzt werden.

  22. Bersarin schreibt:

    Und erst recht durch ein generelles Verbot. Das verschiebt diese Probleme nämlich in die vollständige Illegalität, wo dann auch Organisationen wie Hydra keinen Zugriff mehr haben. (Die gibt es dann nämlich nicht mehr.)

    Ein Verbot bedeutet lediglich Verdrängung in andere Bereiche. Da liegt das Problem.

  23. Bersarin schreibt:

    Wo in meinen Kommentaren allerdings „Friede-Freude-Eierkuchen-Gegenbeispiele“ vorkommen, das würde mich dann doch interessieren.

  24. Partystein schreibt:

    „Alles richtig. Ist nur leider kein Einwand gegen das, was ich schrieb.“
    Doch, ist es, bitte gründlicher lesen:)

    „Armutsprostitution ist Zwangsprostitution. Diese wird sich auch durch ein Gesetz, das Freier betraft, nicht wesentlich ändern. Im Gegenteil. Es wird dann die Armut noch weiter ausgenutzt werden“
    Bist du jetzt unter die Orakel von Delphi gegangen, oder wie?
    Ich glaube, du verstehst meinen Punkt nicht: Wenn ein Frau sich durch ihre schlechte finanzielle Situation dazu hinreissen läßt, sich zu prostituieren (ausdrücklich auch ohne Zuhälter!), und sich nicht über die volle Tragweite im Klaren ist, dass ihre Seele gar nicht ausreichend dafür gerüstet ist, sich im großen Stil benutzen zu lassen, und vorraussichtlich durch Abspaltung versuchen wird, die Situation erträglich zu machen, dann wäre diesen Frauen sicherlich geholfen, wenn dieser für sie mehr als faule Kompromiss gar nicht mehr zur Disposition stünde! Und es geht in dieser Frage ausschließlich um die Frau, weil der Mann keinerlei Schaden nehmen wird, wenn er nicht mehr zu Prostituierten wird gehen können.

    Hier noch ein letzter Artikel, in welchem nochmal sehr schön herausgearbeitet wurde, warum „Sex-Arbeiterin“ eben ganz normaler Beruf ist!
    http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/523780/Prostituierte-ein-Beruf-wie-jeder-andere

  25. Partystein schreibt:

    „Wo in meinen Kommentaren allerdings “Friede-Freude-Eierkuchen-Gegenbeispiele” vorkommen, das würde mich dann doch interessieren.“

    Die soll es doch in dem „Im Stein“-Buch endlich mal in Form von glücklichen Prostituierten geben, was du in deinem Artikel doch so ausdrücklich begrüßt, weil ja laut dir „gerne bei Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten, weggeschaut wird“.

  26. Partystein schreibt:

    Hier noch ein letzter Artikel, in welchem nochmal sehr schön herausgearbeitet wurde, warum “Sex-Arbeiterin” eben ganz normaler Beruf ist!

    Hier fehlte natürlich ein ganz, ganz dickes „KEIN“!!!!:)

  27. Bersarin schreibt:

    Den Effekt eines Gesetzes wird im voraus niemand beurteilen können. Wer meint, ein Verbot könnte helfen, ist genauso zum Orakel von Delphi gegangen wie der, welcher meint, es bringe ein solches Gesetz mehr Schaden als Nutzen. In Schweden zumindest haben die bestehenden Gesetze eben nicht dazu geführt, daß Prostitution aufhört. Und es wird kein Gesetz der Welt geben, das Prostitution wird verbieten können. Weil sich nämlich immer neue Kanäle finden werden, wo sich das schnelle Geld wird verdienen lassen. Und je knapper und schwieriger eine Ware zu erhalten ist, desto teurer wird sie. Siehe Schweden: Illegale Bordelle, Tourismus ins Baltikum. Und wenn in den Staaten des Baltikums irgendwann ein Recht herrschte wie in Schweden, wird auf die Ukraine ausgewichen oder auf Staaten, die nicht die Mittel und Möglichkeiten haben, bestehendes Recht durchzusetzen. Das Prinzip „Was nicht sein kann, das nicht sein darf“ ist in Sachen Prostitution ein schlechter Ratgeber. Deshalb mein Plädoyer dafür in der Frage der Prostitution umzudenken und neue Wege zu beschreiten, die die Standards verlassen.

    Keine Reaktion erfolgte auf die Problematik der Drogenverbote, die ich als Analogie einbrachte, keine Reaktion erfolgte auf den Verein „Hydra“ sowie dessen Erklärung, daß ein anderer Umgang mit diesem Thema notwendig sei, keine Reaktion ergab mein Hinweis, nach anderen Lösungen als nach abstrakten Verboten Ausschau zu halten. Weil Verbote nämlich schön einfach sind. Solche in den Zeitungsberichten beschriebenen Frauen, Frauen, die das aus Geldmangel oder aus anderen Gründen tun, wird es nämlich auch bei einem Verbot geben. Oder denkst Du nach einem Verbotsgesetz haben diese Frauen plötzlich Geld, sind glücklich und gründen eine Familie? Wenn ein Verbot herrscht, verschwinden diese Frauen aus unserem Blickfeld und die erreicht dann niemand mehr.

    Wie gesagt: Das Wohnzimmer ist nicht aufgeräumt, indem ich alles in irgendeinem Schrank verstecke. Verdrängung von Problemen und Fragen, bedeutet nicht ihre Beseitigung. Ja, es gehören zu diesem Thema viele Aspekte: Das gesellschaftliche Bewußtsein, insbesondere der mediale Umgang mit diesem Thema, hier müßte sich vieles ändern, und hier wären Medienschaffende und Konzerne in der Verantwortung; es gehört auch das Rollenbild dazu. Und es wäre wünschenswert, wenn zwei Menschen, die einander nicht kennen, sich zum Zwecke des Sex irgendwo treffen und besteigen könnten, ohne daß dafür Geld genommen wird. Nur: dort, wo Triebe im Spiel sind, mit denen sich ungeheuer Geld verdienen läßt (und noch mehr, wenn das Produkt illegal ist) gibt es keine einfachen Lösungen. Das ist auch bei den Süchten so. (Stichwort gescheiterte Drogenpolitik.)

    Den Bezug von „Friede-Freude-Eierkuchen-Gegenbeispiele“ und „gerne bei Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten, weggeschaut wird“ sehe ich nicht. Ich bitte darum, die Stellen zu nennen, wo ich von „glücklichen Prostituierten“ schreibe. In keinem meiner Kommentare habe ich Prostitution glorifiziert. Eine solche Lesart werte ich als Unterstellung, um hier Positionen, die sich mit dem Thema jenseits von Alice-Schwarzer-Common-Sense und einfachen Verbotslösungen auseinandersetzen, zu diskreditieren. Und auch in dem Meyer-Buch gibt es keine Glorifizierungen, sondern er schildert dort lediglich Frauen, die freiwillig als Huren arbeiten. Diese Frauen gibt es nun einmal, ob man diesen Umstand nun gut oder schlecht findet. Daß diese Frauen (vermutlich) nicht die Mehrzahl sind, ändert nichts an diesem Faktum. Ein wenig weiter käme man in dieser Thematik übrigens, wenn man moralische Bewertung und analysierende Sichtung auseinanderhält. Wer aber vor der sehr vielschichtigen Realität die Augen verschließt und sich in eine Welt der Verbote als Allheilmittel flüchtet, der verliert entscheidende Aspekte dieses Themas aus dem Auge.

    Es geht, auch das schrieb ich zum gefühlten 100. Mal, nicht darum in das Horn zu stoßen, wie geil und cool Prostitution nun sei, als wäre es die normalste Sache von der Welt, sondern es sollte dieser Begriff durchaus problematisiert und in eine gesellschaftliche Diskussion gebracht werden. Die Aneinanderreihung von schlimmen Schicksalen in Zeitungsartikeln ergibt aber noch lange keinen anderen Umgang mit Prostitution und auch keine Lösung oder zumindest neue Ansätze, wie mit diesen Dingen umzugehen sei. Quantität schlägt dabei leider nicht in eine neue Qualität um. Wer meint, ein generelles Verbot sei die einfachste Lösung, der möge dafür eintreten. Schauen wir mal, was dabei herauskommt. Ich fürchte, nicht das, was sich die Verfechter erwünschen. Aber wenigsten kann man mit einem solchen Verbot das Thema kosmetisch schön ruhigstellen.

  28. Partystein schreibt:

    Deine Drogenabhängigkeitsanalogie hinkt von hinten bis vorne, weil Drogenabhängige krank und „abhängig“ sind und Puffgänger für gewöhnlich eben nicht sondern einfach nur bequem und ignorant!

    Wenn man ihnen durch unsere „Sex-Arbeiterinnen“ Gesetzgebungen Scheunentore öffnet, mit dem Resultat von immer mehr Flat-Rate Bordellen hierzulande, und gleichzeitig dadurch Geizfreier aus ganz Europa anlockt, dann zeigt das doch nur, dass deine Befürchtungen mithilfe genau dieser Gesetzgebung bereits eingetreten sind, und wir uns den zweifelhaften Ruf eines Epizentrums für Billig-Prostitution eingehandelt haben, mit inzwischen quasi nullkommanull Eingriffsmöglichkeit durch die Polizei, wie du durch meine Links hättest erfahren können, hättest du sie gelesen!

    Wenn, wie du selber feststellst, freiwillige Prostituierte in der MInderheit, sind, dann sagst du ganz zurecht, dass katastrophaler Weise die Mehrzahl der Prostituierten unfreiwillig anschaffen gehen muss, und dann dürfte es doch eigentlich keine Frage sein, dass hier etwas ganz extrem falsch läuft!

    Ich habe deine Lösungsansätze leider immer noch gar nicht erkennen können..! Wenn du grundsätzlich davon ausgehst, dass wenn man ein Unrecht bekämpfen möchte, dass es sich dann zwingender Weise anderswo manifestiert, dann läßt das ja sehr, sehr wenig bzw. eigentlich gar keinen Handlungsspielraum oder?

    Was spricht deiner Meinung nach dagegen, Freier dafür zu bestrafen, dass sie generell billigend in Kauf nehmen, sich an Zwangsprostituierten zu vergehen? Findest du es etwa tolerierbar, wenn das Männern scheißegal ist???

  29. Partystein schreibt:

    P.S. Ich korrigiere mich gerne, wenn ich dich darin falsch interpretiert haben, sollte, dass freiwillige Prostituierte zwingendermaßen auch glücklich- bzw. zufrieden mit ihrem Job sein müssen.

    Wenn wir wenigstens darin übereinstimmen, dass keine Form der Prostitution davor schützt durch diesen – die Psyche extrem belastenden – Job schwer traumatisiert zu werden, dann ist das ja schonmal ein klein wenig beruhigend!

  30. Bersarin schreibt:

    Ich schrieb: „Drogengesetzgebung“, nicht „Drogenabhängige“. Es ging in diesem Vergleich um eine Analogie der Verbote und was für Effekte ein Verbot hervorgerufen hat. Genauso hättest Du als Widerlegung schreiben können: Prostituierte sind keine Junkies. Nein, das sind sie (meist) nicht.

    „Was spricht deiner Meinung nach dagegen, Freier dafür zu bestrafen, dass sie generell billigend in Kauf nehmen, sich an Zwangsprostituierten zu vergehen? Findest du es etwa tolerierbar, wenn das Männern scheißegal ist???“ Nichts spricht dagegen Freier von Zwangsprostitution zusammen mit den Zuhältern zu bestrafen. Freier, die eine Prostituierte aufsuchen, die in einem anderen Rahmen als dem des Zwanges und der Abhängigkeit arbeitet, sind nicht zu bestrafen. Es ist nicht tolerierbar, wenn es Männern scheißegel ist, was sie anrichten. Aber mein Nicht-Tolerieren wird am Bewußtsein dieser Männer nichts ändern. Und auch die (weitgehende) gesellschaftliche Ächtung des Prostituiertenbesuches hat daran nichts geändert.

    Ich kann nicht sagen, ob freiwillige Prostituierte nun zufrieden oder unzufrieden mit ihrem Job sind und wieweit diese Arbeit Traumatisierungen hervorrufen kann. Genausowenig wie Du darüber wirst Auskunft geben können. Es werden sich vermutlich Beispiele dafür und es werden sich Gegenbeispiele finden lassen. Traumatisierungen bei freiwilliger Prostitution haben sicherlich auch etwas mit dem Stellenwert von Sexualität und Körper zu tun, den eine Person diesen Dingen zuschreibt. Wer Sex als eine Art von besonderem Akt mit nur besonderen Menschen ansieht, wird wahrscheinlich daran zerbrechen, wer dort anderstourig fährt, mag dazu ein entspanntes Verhältnis haben. Ich weiß es nicht, so wie Du es wohl auch nicht weißt. Sex ist eben nicht mit Moral beizukommen. Man wird insofern bei diesen Fragen verschiedene Quellen heranziehen müssen und sich wesentlich wohl auf Studien der Sozialwissenschaftler_innen stützen müssen. Sowieso halte ich dieses Thema dort für besser aufgehoben als bei Panorama, rtl, SpOn und Konsorten, die nach dem Motto Sex sells vorgehen. Hinter der vorgeschobenen Medienempörung („Freier ficken Frya – das geschundene und gefallene Mädchen aus Köln“) verbirgt sich am Ende meist der Voyeurismus und der gierige Blick auf die Abgründe, mit dem Quote gemacht wird. Skandalisierungen und Dramatisierungen taugen bei diesem Thema jedoch wenig. Alle Sexarbeiterinnen und Prostituierte jedoch über einen Leisten zu brechen, unterschlägt die Differenzen. Und um es als Mantra noch einmal zu formulieren, weil in solchen Diskussionen ja beständig Disclaimer gefordert werden: Nein, ich bestreite keinen der in diesen Zeitungsartikeln geschilderten Sachverhalte. Ja, sie sind schlimm. Um so nötiger ist eine Reform der Gesetze und ein Umdenken in der Gesetzgebung.

    Es gibt bei diesem Thema keine einfachen Lösungen. Das ewige verbieten, verbieten, verbieten ist lediglich ein hilfloser Reflex auf eine schwierige Lage. Ich schrieb es schon einmal: Gesetze zu Drogen oder zu Prostitution sind komplizierter als solche, die den Katalysator beim Auto zur Pflicht machen oder die Steuerhinterziehung verbieten. Eine Fabrik, die Umweltschutzvorgaben ignoriert, ist relativ leicht ausfindig und die Betreiber dingfest zu machen. Steuerhinterziehung ist relativ leicht nachzuweisen, wenn erst die Daten beim Staatsanwalt liegen. Ein Zuhälter oder Menschenhändler, die Mädchen laufen haben, leider nicht. Es muß diesen Zuhälter nämlich jemand zur Anzeige bringe. Gegen Dealer und vor allem, die, die sich am Drogenhandel eine goldene Nase verdienen, hilft nur noch die in bestimmten Rahmungen geregelt Legalisierung von Heroin und anderer harter Drogen. Alle anderen Konzepte sind gescheitert.

    Was rot/grün machte, war zumindest ein Ansatz. Wenn man diesen jedoch halbherzig nur umsetzt und nicht nachlegt und konsequent verfolgt, was Zuhälterei und Frauenhandel betrifft, dann muß das allerdings nach hinten losgehen. Und Huren haben keine große Lobby, die ihre Ansprüche vertreten können. Eine Organisation wie „Hydra“ ist zu klein, um auch hier noch Arbeit zu leisten. Eine erste Lösung deutete ich an: Bestrafung der Zuhälterei und des Frauenhandels, Bestrafung von Freiern, die sich solche Prostituierte nehmen, Schaffung von Räumen und Möglichkeiten anderer Formen von Prostitution. Entkriminalisierung dieser Szene. Gespräche mit Betroffenen, Streetworker_innen, Sozialforscher_innen, um in einem heuristischen Sinne Möglichkeiten für einen anderen Umgang mit Prostitution auszuloten. Eine Stellungnahme zum Prostitutionsgesetz von 2002 findet sich hier:

    http://www.hydra-berlin.de/fileadmin/users/main/pdf/Presseerklaerung_Hydra_ProstG_01.pdf

    Ich denke, die Positionen sind soweit klar, und ich vermute, sie sind zwischen uns so different, daß es da kaum Gemeinsamkeiten gibt. Insofern dreht es sich im Kreis. Auch der zweihundertfünfzigste Artikel über Elend in der Prostitution wird mich nicht für ein generelles Verbot von Prostitution einnehmen, weil ich solche Gesetze nach wie vor für kontraproduktiv halte. Sie sind bloße Kosmetik. In den USA ist die Prostitution generell verboten. Wirkung: gleich null.

    Und ich gehe jetzt zum Boxtraining in die „Ritze“, hoffe daß die Scheiß-Corvette anspringt und daß Linda Lickmeidick nicht schon wieder ihr Höschen auf dem Beifahrersitz hat liegengelassen, und da sitze ich nun in meiner Jogginghose aus Balonseide, gehe kurz auf einen Kurzen ins „Moby Fick“, um hinter mit PoC-Kalle-Schwensen in seinem Laden „Ficktionär“ ein Herrengedeck zu nehmen, schaue dann in meinem Etablissement „Fick und Foxy“ nach dem rechten. Mal sehen, was der Abend sonst noch bringt. Lieber Anne anschaffen als Anne Backen ist mein Motto.

  31. che2001 schreibt:

    Leonard Cohen schrieb mal einen Song „sisters of mercy“ (zu deutsch: „Die barmherzigen Schwestern“) über zwei freiwillige kanadische Huren. Die Prostitution von Menschen, die das von sich aus machen (Link auf meinem Blog: http://streetgirl.twoday.net/) und von Zwangsverschleppten, das ist doch ein Unterschied wie der zwischen BDSM und Sklaverei, oder Fechtsport und Gladiatur. Die Tatsache, dass Frauen sich oftmals der Anmache von Männern kaum erwehren können, während schüchterne Männer kaum Möglichkeiten wahrnehmen, sich überhaupt Frauen annähern zu können spielt auch eine kaum thematisierte Rolle. Ich hatte mal eine Diskussion, in der ein Mann, der echt Platzhirsch war, zwei verschiedene Beziehungen zu zwei unterschiedlichen Frauen, meinte, ein Freund, der Coach war für ein Team, in dem sich Einer dazu bekannt hatte zu Huren zu gehen müsste dafür gedisst werden, dass er den Hurengeher nicht angreift. Da sagte ich ihm: „Ich bin ein heterosexueller Mann, mit dem keine für mich interessante Frau ins Bett gehen würde. Ich fühle mich nicht in der Lage, diesen Mann dafür zu verurteilen, dass er mit einer Hure vögelt.“

  32. Partystein schreibt:

    Ja, ja schoon klar, Aller!… Aber wennu bis heut abend nich die Rate für die Karre bezahlt hast, weissja, wie schnell das Ding wieder bei mir im Stall steht, nä Bläcky?

  33. Bersarin schreibt:

    Nee ey isch hab dat Jeld nich, Jib mir mal noch 24 Stunden … Da ist die Karre abbezahlt. Und lass mir wenigstens das Höschen von Linda …

  34. Bersarin schreibt:

    Um es aber nochmal ins Ernste zu bringen: Auch mir geht es darum, daß Ausnutzverhältnisse und Zwänge aufhören, Und es ist, wie gesagt, wichtig, daß in all den gesellschaftlichen Diskursen ein anderer Umgang mit dem Thema einsetzt. Solange Manner den Begriffe „Du Nutte“ als derbe Beleidigung gebrauchen, läuft sowieso etwas falsch und solange Männer nicht auf die Rollenbilder ihren Blick richten.

  35. che2001 schreibt:

    Der Tatort von gestern abend brachte ziemlich gut auf den Punkt, worum es da geht. Aber ich habe erheblichste Zweifel daran, ob solche Ausbeutungsverhältnisse am Ehesten dadurch zu bekämpfen sind, dass flächendeckend jede Form von Prostitution inklusive Hobbyhurenum, Eskortservice und Callboys verboten wird.

  36. che2001 schreibt:

    Die Prohibition brachte schließlich auch kein Ende des Alkoholkonsums.

  37. Partystein schreibt:

    @Bersarin
    Ich kann dir nur zustimmen, dass ein Umdenken stattfinden muss:)

    @Che
    …Kann es sein, dass du mit dem „Verbieten bringt nichts“-Argument, welches Bersarin und ich ja am Wochenende wirklich in aller Ausführlichkeit hin und her diskutiert haben, die Diskussion wieder zurück auf Null gebombt hast? Oder habe ich einen Aspekt übersehen, welcher über Bersarins Argument hinausgeht?

  38. che2001 schreibt:

    Mein Aspekt, nur kurz angedeutet, geht der Frage nach, wieso denn Männer überhaupt zu Freiern werden. Und meine Annahme ist die, dass es Prostitution geben wird, solange es Menschen mit einem Bedürfnis nach schnellem, spontanem Sex gibt, den sie in ihrer Ehe oder Beziehung fallls vorhanden nicht leben können und die zu schüchtern oder nicht attraktiv genug oder sonstwie ungeeignet für spontane Aufrisse sind. Die einzige Alterbnative ist dann halt onanieren und keinen Partnersex haben. Ist natürlich alles sehr eine Frage des Milieus; In der Szene-Umgebung, in der ich mich früher bewegte gehörten One-Night-Stands mit Zufallsbekanntschaften zu jeder Party. Die meisten Männer leben aber dafür in zu spießigen Umgebungen. Als Frau ist es höchst einfach, in eine Kneipe oder Disco zu gehen und Angebote zu bekommen, meist kommen diese ungewollt und ungefragt. Für Männer ist das unendlich schwerer (was auch schon mal anders war, in der von mir wahrgenommenen Wirklichkeit gab es in den 80ern jedenfalls sehr viel mehr sexuell offensive Frauen als heute). Prostitution trifft also auf eine vorhandene Bedürfnisstruktur: Gäbe es gar keine Prostitution würde die Zahl der Beziehungskrisen, Ehescheidungen und sexuellen Belästigungen lawinenartig zunehmen. Prostitution gibt es aber selbst in Afghanistan und hinter Klostermauern. Ich halte es für geboten, Zwangsprostitution zu bekämpfen und Zuhältern das Handwerk zu legen, aber nicht, jedwede Form von Prostitution zu kriminalisieren.

  39. che2001 schreibt:

    Zusatz: Natürlich alles bezogen auf die bestehende Gesellschaftsordnung, die Assoziation der freien Menschen ist eine andere Angelegenheit.

  40. Bersarin schreibt:

    Ja, insofern plädiere ich für einen anderen Umgang mit diesem Thema in der Gesellschaft, dafür, daß Blicke sensibilisiert werden, wie Männer eigentlich auf Frauen zu gehen, als was sie Frauen sehen. Das Problem (wenn es denn überhaupt eines ist) der Sexualität ist, wie auch bei Drogen und Süchten, daß es dort ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche gibt. Solche, die eruptiv hervorbrechen, solche die Sexualität kanalisieren. Die Welt der Fernfahrer und Matrosen sieht sicherlich anders aus als die der Großstadtmänner, die in irgendwelchen Werbeagenturen, IT-Firmen arbeiten und die rege eingebunden sind, die auf Party gehen, die verheiratet sind und allenfalls mal mit der Freundin der Freundin schlafen. Wie es in der Sexualität so ist: es geht dort bunt zu und solange zwei Menschen, das was sie machen, in irgend einer Weise freiwillig miteinander machen, sollte es erlaubt sein.

    Auch ich denke, daß es in irgend einer Form immer wieder Weisen der Prostitution geben wird, die sich auch ihren Weg bahnt. Generelle Verbote verlagern sie nur. Aber in dieser Sicht sind die Perspektiven wohl unterschiedlich. Man müßte sich da konkret Zahlen anschauen.

    Auf der Seite von Hydra sind einige Bücher aufgeführt, die mir lesenswert erscheinen. Und dann gibt es noch von der Soziologin Martina Löw ein Buch, das heißt „Prostitution. Herstellungsweisen einer anderen Welt“.

    http://www.suhrkamp.de/buecher/prostitution-martina_loew_12632.html

  41. che2001 schreibt:

    Ich denke auch mal, dass die Vorstellung, Sex müsse immer ohne den Faktor Macht/Assymetrie/Ausbeutung funktionieren hoffnungslos romantisch und eher wirklichkeitsfern ist. Was wirklich nicht so gemeint ist, als ob diese Dinge in Ordnung sein sollten, wirklich nicht, aber nicht immer vermeidbar. „ooking for a job, but I got no offers, just a come on from the whores in 7. Avenue. I do declare, there were times I was so lonesome I´ve got some comfort there.“

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