Wolfgang Herrndorf. Die Zufälligkeit von Existenz und Leben. Dialektische Bilder

Der seidene Faden, das kurze Glücksmoment, der Augenblick. Ein Schriftsteller hat sich aufgrund einer Krankheit, die nur das Ende kennt, an einem Kanal in Berlin erschossen. [Die Wendung sich das Leben nehmen ist in diesem Zusammenhang falsch.] Wir können – zum Ende hin oder auch mittendrinnen – nicht die Schönheit und die Verzweiflung des Lebens festhalten. Aber wir vermögen es, Texte zu schreiben oder dieses Leben in Bildern gefrieren zu lassen. Jedes Bild, jeder Text bleibt eine unaufhebbare und doch notwendige Fixierung. Der Rest ist Schweigen.

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Zu dieser Dialektik des Todes, der im Grunde in keinerlei dialektischer Bewegung sich bannen oder festschreiben läßt, schrieb Adorno am Ende seines Endspiel-Essays:

„Zur Substanz des Lebens, das der Tod ist, werden dem Stück die Exkretionen. Aber das bilderlose Bild des Todes ist eines von Indifferenz. In ihm verschwindet der Unterschied zwischen der absoluten Herrschaft, der Hölle, in der Zeit gänzlich in den Raum gebannt ist, in der schlechterdings nichts mehr sich ändert, – und dem messianischen Zustand, in dem alles an seiner rechten Stelle wäre. Das letzte Absurde ist, daß die Ruhe des Nichts und die von Versöhnung nicht auseinander sich kennen lassen. Hoffnung kriecht aus der Welt, in der sie so wenig mehr aufbewahrt wird wie Brei und Praliné, dorthin zurück, woher sie ihren Ausgang nahm, in den Tod. Aus ihm zieht das Stück seinen einzigen Trost, den stoischen:

CLOV: Es gibt so viele schreckliche Dinge.

HAMM: Nein, nein, es gibt gar nicht mehr so viele.

Bewußtsein schickt sich an, dem eigenen Untergang ins Auge zu sehen, als wollte es ihn überleben wie die beiden ihren Weltuntergang. Proust, über den Beckett in seiner Jugend einen Essay schrieb, soll versucht haben, den eigenen Todeskampf in Notizen zu protokollieren, die der Beschreibung von Bergottes Tod hätten eingefügt werden sollen. Das Endspiel führt diese Absicht aus wie das Mandat aus einem Testament.“

Adornos Utopie war es, den Tod abzuschaffen. In seinem Gespräch mit Ernst Bloch über die Utopie bemerkte Adorno dazu, daß dieser Gedanke, sobald er geäußert würde, jedesmal und wie auf Knopfdruck eine gehörige Portion Erregung und Widerspruch hervorruft. (Wie die Philosophie Adornos insgesamt: Die Aggression mit der ihr begegnet wird, ist index veri, daß jemand den Finger in eine Wunde legt und vielen das nicht gut schmeckt. Eigenartigerweise entging die Philosophie Walter Benjamins, die der Adorno in vielem ähnlich ist, diesem Ressentiment. Die Gründe dafür wären zu erforschen.)

Diesem Gedanken, den Tod abzuschaffen, wohnt ein ethisches Moment inne. Dem Motiv ähnlich, was Nietzsche im „Zarathustra“ als jenen schwierigsten Gedanken formulierte: daß nämlich jeder Moment, jeder Augenblick im Leben wiederkehren und sich wiederholen möge. Dies bedeutet: die Aufhebung der linearen Zeit. Und es bedeutet – als ethischer Imperativ – daß Leben so eingerichtet sei, daß es lebenswert sei – was immer dieses „lebenswert“ genau meint, denn es entzieht sich inmitten des falschen Lebens und dem Totalzusammenhang der Verblendung und Verdüsterung von Bewußtsein und Denken jeglicher Bestimmung. Vergleichbar mit endlichen Wesen, wie wir es sind, die im dreidimensionalen Raum leben und sich nun einen vier- oder fünfdimensionalen „Raum“ vorstellen müssen. Es gibt Angelegenheiten, die das herkömmliche, vorstellende Denken sprengen.

Diese Passagen Adornos aus dem „Versuch, das Endspiel zu verstehen“ – zusammen mit einigen Stellen aus den „Meditationen zur Metaphysik“ gelesen – können ebenfalls als eine Art Antwort an Heideggers Todeskapitel aus „Sein und Zeit“ verstanden werden. Ist der Tod jene Grenze, von der aus so etwas wie Wahrheit zu gewinnen wäre? Es wäre der Ort, an dem sich der Überblick über die Gänze des Lebens eröffnete. Der Blick auf die Totale. Aber dieser Ort bleibt erfahrungslos, denn wer an ihm und in ihm sich befindet, dem geht nichts mehr auf. Das „bilderlose Bild des Todes“ ebnet jegliches ein. Der Zustand einer messianisch verstandenen Utopie, wie ihn auch Benjamin konzipierte, fällt angesichts des Todes – zumindest im Blick auf Becketts „Endspiel“ – mit dem zusammen, was wir als die Stillstellung der Zeit bezeichnen können. Jene Hölle, in der Zeit gänzlich in den Raum gebannt ist. (In anderer Weise wird dies in Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ vorgeführt. Wobei Beckett jedoch, was die Form betrifft, vermittels der Reduktion auf der ästhetischen Höhe seiner Zeit sich befindet.) Eine Dialektik im Stillstand.

Obwohl Adorno selber nicht davon spricht, läßt sich diese Todesszene als eine Art dialektisches Bild lesen. Ein Bewußtsein, das noch den Tod sähe, was zwar einen Zustand bezeichnet, der empirisch nicht möglich ist. Dennoch kann ein solches Bild im Modus des poetischen Sprechens (und überhaupt innerhalb der Kunst) realisiert werden. Noch das Bild des sterbenden Proust, der seine Todesexistenz zum Kunstwerk macht, indem er diese Todesnotizen ins monumentale Werk selber einfügen möchte. Das Bild des Todes ist der Tod selbst als literarisiertes Bild. Dies bezeichnet die äußerste Literarisierung und Textualisierung von Leben. Dennoch: Der Augenblick des Lebens kann in nichts und durch nichts reifiziert werden. Adornos Versuch, diese Aporie, diese Todesszenerie, diesen Widerspruch zwischen Leben und Text, Leben und Tod, Bild und Leben in Dialektik und in Bewegung aufzulösen, zeichnet das Denken Adornos eben als dynamisches aus. Dem Moment, vor dem sich seine Gegnerinnen und Gegner am meisten fürchten: Leben und Bewegung.

Während sowohl für Heidegger als auch für Sartre, der in „Das Sein und das Nichts“ Begriffe wie Tod, Körper, Blick aus der Perspektive der Bewußtseinsphilosphie wahrnimmt (darin dann wieder Adorno ähnlich), der Tod jene Grenze ist, die keiner zu überschreiten vermag, bleibt bei Adorno dieser Tod in der Schwebe einer utopischen Reflexion. Daß alles ganz anders sein möge. Nicht festgenagelt auf die Faktizität.

3 Gedanken zu „Wolfgang Herrndorf. Die Zufälligkeit von Existenz und Leben. Dialektische Bilder

  1. Hallo lieber Bersarin,

    seit Tagen lese ich immer wieder deinen kleinen Beitrag und nehme mir vor ein paar Fragen dazu zu stellen.

    Ich würde dich in erster Linie um folgendes bitten:

    In dem Zitat von Adorno heißt es an einer Stelle „. Hoffnung kriecht aus der Welt, in der sie so wenig mehr aufbewahrt wird wie Brei und Praliné, dorthin zurück, woher sie ihren Ausgang nahm, in den Tod.“

    Der Vergleich wird sicherlich keine private Schrulle sein, insofern interessiert mich, ob du noch ein paar Ausführungen dazu angeben kannst, auf was der Vergleich geht, wie sich sein Gehalt zu dem des Satzes bzw. Textes verhält.

    Ansonsten hätte ich noch eine Frage zur Nietzsche-Intepretation. Wenn du folgende Schritte explizieren könntest, wäre ich Dir dankbar, mir ist nicht unmittelbar evident wie sich der Zusammenhang konstituiert.

    Wiederholung der Momente des Lebens – Aufhebung der linearen Zeit – Einrichtung des lebenswerten Lebens.

    Vielleicht magst du ja auch noch das ein oder andere Wort zum Verhältnis zwischen dieser Wiederholung und dem Prozess der Iteration sagen.

    Gruß,

  2. Ja, ich antworte Dir gerne auf Deine Fragen. Fragen sind hier willkommen. Allerdings erst heute abend, da das von Dir Gefragte keine Aspekte beinhaltet, die ich nebenher ausführen kann. Zunächst ruft die lästige Erwerbsarbeit, die auch der Herr Kafka nicht umgehen konnte. Abends dann widmete er sich dem Schreiben. So hält es auch der Bewohner des Grandhotel Abgrund. Hoffen wir nur, daß sich nicht die TBC einstellt und eine Frau wie Felice Bauer mich vom Schreiben abhält, weil ich beständig irgendwelche Briefe verfassen muß.

  3. Der Vergleich – ganz direkt genommen – bezieht sich auf eine Stelle im „Endspiel“, nämlich auf Hamms Vater Nag, der in der Mülltonne haust und dort seinen Brei erhält. Als Surplus gab es manchmal, in der guten Zeit Pralinen:

    HAMM: Du wirst sie nachher erledigen. Lasset uns zu Gott beten.
    CLOV: Schon wieder?
    NAGG: Meine Praline!
    HAMM: Erst zu Gott beten! Pause. Seid ihr soweit?
    CLOV resigniert: Meinetwegen.
    HAMM zu Nagg: Und du?
    NAGG die Hände haltend und die Augen schließend, sehr schnell sprechend: Vater unser, der Du bist im . . .
    HAMM: Still! Still für sich! Etwas Haltung! Also los. Gebetshaltungen. Stille. Hamm ist der erste Entmutigte. Na?
    CLOV die Augen wieder öffnend: Kein Gedanke! Und du?
    HAMM: Kein Funke! Zu Nagg. Und du?
    NAGG: Moment! Pause. Die Augen wieder öffnend. Keine Spur.
    HAMM: Der Lump! Er existiert nicht!
    CLOV: Noch nicht.
    NAGG: Meine Praline!
    HAMM: Es gibt keine Pralinen mehr. Du wirst nie wieder eine Praline bekommen. Pause
    Eine großartige Szene, die das Nichts, die Leere anzeigt. Der Sturz von Metaphysik und Theologie als Slapstick und Tragödie in einem. Immer wieder dieser Satz aus dem „Endspiel, der da mit im Ohr klingt: nichts ist komischer als das Unglück. Es ist die Hoffnung, noch sterben zu dürfen, die bleibt. Diesen Satz Adornos kann man sicherlich ebenfalls in der Diktion von Hegels „Wissenschaft der Logik“ lesen: Sein und Nichts sind zum Beginn dasselbe. Mit anderen Worten, wenn man es in die Empirie tragen möchte. Vor dem Leben, vor dem Dasein ist die Indifferenz.

    Die Hoffnung ist es, sterben zu dürfen: auch dies ein Motiv dieses Satzes. Damit stehen jene Figuren in der Tradition der Fliegenden Holländer, des Jägers Gracchus und anderer, die nie sterben könne. Es bleibt die Frage: wird es enden, irgendwann, oder geht es immer und unendlich weiter? Was Adorno in diesem Passagen, die mit dem Begriff des Todes zusammenfallen, schildert, ist eine vollständig aporetische Existenz, gefangen im Immanenzzusammenhang. Die Utopie bleibt, wie so oft bei Adorno, schwarz verhüllt. Dennoch gibt er eine messianische Perspektive nicht auf. Spannend am Endspiel ist, daß es sich vielschichtig lesen läßt: es ist aufgeladen mit Philosophie und Theologie, ohne das dies, wie teils bei Sartre, hineingepreßt wirkt, und es ist eine Reflexion auf die Form des Dramas, eine Reflexion auf das, was Aristoteles in seiner Poetik entfaltet: So z.B. Begriffe wie Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Beckett hält sich getreu daran und bricht doch die Kategorien auf. Insofern gehört er zu den avanciertesten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts.

    Kurz zu Nietzsche noch: Der Gedanke einer ewigen Wiederkehr des Immergleichen, den er im „Zarathustra“ entfaltet, wenn also die lineare Zeit und ein teleologisches Model von Geschichte gebrochen werden, bedeutet, jeden Augenblick des Lebens so einzurichten, daß er ewig und immer wiederkehren könne. Wer weiß, daß sich der heutige Tag mit all seinem Aspekten und bis ins kleinste Detail wiederholt und wer weiß, daß dies ebenso mit all den übrigen Tagen sich verhält, der wird sein Leben anders leben. Dies ist im Grunde eine Art von individual-ethischem Imperativ. Freilich etwas in die Schnelle hinein trivialisiert. In den 80er und 90er Jahren war es – teils im Anschluß an Nietzsche und Foucault – recht modern, von einer Ästhetik der Existenz zu sprechen: Sein Leben wie ein Kunstwerk zu gestalten.

    Bei Nietzsche nun bedingen sich diese zwei grundlegenden Gedanken aus dem Zarathustra: Die Verkündung des Übermenschen und die Wiederkehr des Immergleichen. Es ist bei ihm die Aufhebung (auch, aber nicht nur im dialektischen Sinne) von Metaphysik und Christentum: Ein neuer Mensch, eine Ethik, die umgewertet wird, zugleich wird aber die Kategorie des Subjekts durchgestrichen. Nietzsche selbst verwendet naturgemäß nicht den Begriff einer Ethik. Im Sinne der antiken Tugendlehre geht es ihm jedoch um so etwas wie Selbstpraktiken. Bei solchen Begriffen, die ins heute hin den auch arg instrumentalisiert sind – erfinde Dich selbst, sei kreativ und wie all die Imperative der Werbe- und Verkaufsindustrie lauten – würde Adorno sicherlich mit einiger Skepsis reagieren: Inmitten einer falsch eingerichteten Welt läßt sich allenfalls ex negativo vom Richtigen sprechen.

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