Geschichten aus der Produktion. Try again. Fail again. Fail better

Ich mag es nicht sonderlich, halte es sogar für überflüssig, mich auf meine eigenen Texte, Photographien und überhaupt jene Werke zu beziehen, die ich eher ästhetisch denn philosophisch einsortieren möchte. Sie stehen für sich. Ich kommentiere das nur selten, freue mich sicherlich über Lob, Kritik, Anregung und Anerkennung – wer tut das nicht? –, aber ich schreibe darüber im Sinne eines Selbstkommentars nicht gerne, ausgenommen es werden dabei generelle Aspekte berührt, die Ästhetik oder Theorie betreffen. Anders verhält es sich bei den eigenen Texten zur Philosophie, die immer auch Thesen und Hypothesen enthalten, über die der Autor selbst sowie Leserinnen und Leser diskutieren können und dürfen. Bei einem Kunstwerk ist dies schwieriger. Ich mag über meine Texte und Photographien nicht weiter sprechen, gebe keine Lektüre oder Interpretation vor. Man kann als Schriftstellerin oder Schriftsteller sicherlich Erläuterungen zu seinen Texten oder zu einem Roman liefern, häufig ist das sogar sehr hilfreich, edel und gut. Aléa Torik z.B. macht dies, wenn sie über ihr Buch spricht und Lektüren und Lesarten anbietet. Das ist legitim, wenngleich ich da immer gerne mit Adorno entgegne, daß Schriftstellerin und Schriftsteller nicht gehalten sind, ihr eigenes Werk zu verstehen. Sofern sie jedoch etwas zu sagen haben und es übers Biographische hinausreicht oder über die dämlichen Phrasen von den eigenen Empfindungen, der Blödfaselplattitüde, daß hinter jedem Text ein Körper, ein Mensch stecke (nein, sowas?!: Wer hätte gedacht, daß es Menschen sind und keine Einzeller, die Texte schreiben) samt den subjektiven Sichtweisen, die ich so kotzsatt habe, weil sich jede und jeder pausenlos auf eine Subjektivität beruft, die dann bei genauer Betrachtung doch eher als schal und leer sich erweist, sofern also ein solcher Selbstkommentar übers bloß Unmittelbare und Evidente hinausragt, kann es andererseits anregend sein, wenn eine Autorin, oder ein Autor auf reflektierter Ebene, indem es in die ästhetische Konstruktion selber hineingeht, etwas zum eigenen Werk schreiben und sich im Kommentar auf jenes Werk beziehen. Aléa Torik hat dies verschiedentlich hier im Blog und bei sich drüben getan, und zwar auf eine im ganzen erhellende Weise.

Summacumlaude schrieb in einem Kommentar über meinen Text „Sozialistisches Keksgebäck“:

„VIELLEICHT wäre der Text ohne die erörternden Zitate NOCH stärker…..“ Ich habe lange darüber gegrübelt, und eigentlich mache ich es bei meinen hier um Blog zuweilen eingestreuten (literarisierenden) Skizzen und Prosa-Miniaturen alternierend mal mit, mal ohne Zitate.

Ich hatte mir anfangs, ähnlich wie summacumlaude es andachte, überlegt, auf die Zitate zu verzichten, damit es eine runde Geschichte aus Rumänien wird. Aber ich wollte zugleich keine herkömmliche Erzählung aus dem Blickwinkel des reisenden Jugendlichen, keine runde Schtorie über Rumänen, über die Welt der Waren schreiben. Deshalb brachte ich schlußendlich gerade deshalb die Zitate im Text unter. Ich hielt in diesem Falle die Koppelung von „eigenem“ Text (aber was ist schon eigen?, als ob ein Text Eigentum sei) und dem fremden Text, als Montage, wo sich die Ebenen durchdringen, für zentral. Das Leibniz-Zitat, was ich brachte, war nicht das beste; ich hatte noch ein paar andere parat, doch hätte es mich zu viel Zeit gekostet – und sei es nur beim kursorischen Lesen –, Leibniz durchzugehen. „Sozialistisches Keksgebäck“ köchelte dann heute noch auf der Herdplatte oder verbrennte im Ofen, zumal ich es immer noch um ein Zitat und eine Koppelung besser machen möchte. Und immer findet sich beim Blättern in den Büchern oder während ich im Zettelkasten krame eine bessere, gelungenere, witzigere, trickreichere, subtilere Kombination. Das Skrupulöse und die Perfektion habe ich mir mittlerweile abgewöhnt. Denn sonst kommt niemals ein Text.

Ich überlegte, nachdem der Text fertiggeschrieben war, ob ich diese Anordnung von teils einfachen, teil schwierigen Zitaten so lassen könnte, ob sie nicht vielmehr den Fluß der Lektüre störten. Am Ende aber stand fest: hier mußte es mit Zitaten sein. Und zwar deshalb, weil sie das plaudernde Erzählen, das friedliche Strömen unterbrechen. Allerdings hätten diese Zitate besser und gelungener eingebettet werden müssen, es hätten noch treffendere, genauere Zitate gefunden werden müssen, um diesen Text erst richtig zum Funkeln zu bringen. Denn der Montage von „eigenem“ Text und Zitaten, ihrem Vexiermoment, wenn sich diese Ebenen durchdringen und gegenseitig ergänzen: diesem Spiel wohnt ein ganz eigener ästhetischer Reiz inne, und es stellt dieses Montieren zugleich eine große Schwierigkeit und Herausforderung dar. [In meinem Hinterkopf webt und wirkt immer das „Passagenwerk“ des von mir hoch geschätzten, viel zu früh von den Faschisten in den Tod getriebenen Walter Benjamin. Ein Buch, das wie ein dialektisches Bild arbeitet. Was wäre das für eine Anordnung, wenn Benjamin dieses Werk vollendet hätte? Die große Form von Philosophie und Literatur. Was aber bleibt, stiften die Werke. Nicht Menschen. Die sind bloß Katalysatoren. Insbesondere in einer Welt, die vom Menschen überhaupt keinen angemessenen Begriff besitzt. Der Text Benjamins und jene Welt des Paris im 19. Jhd als Text- und Bildkonvolut.] Freilich darf nicht unterschlagen werden, daß in diesem Falle von Montage die Arbeit der Komposition sehr hoch ist. Bis alles – zwar nicht punktgenau, aber zumindest halbwegs paßgerecht – zusammengetragen ist, vergeht Zeit. Viel Zeit. Im Falle dieses Textes zum Sozialistischen Keks, der freilich bloß eine Skizze ist, so wie ein Blog eben als Skizzenbuch fungiert, sofern er nicht selbst eine eigene literarische Gattung bildet, aber das ist bei meinem Blog nicht der Fall, bei anderen, wie dem von Alban Nikolai Herbst  oder Aléa Torik  schon; ich halte diese beiden für die besten ihres Genres: dort wo sich Internet, Leben, Literatur durchdringen und einen ganz neuen Bezirk bilden.

Und wenn einem Essayisten in einem Satz mal der Atem ausgehen sollte, dann beginnt er am besten mit dem Satz noch einmal von vorne und macht es strukturierter als vorher: Im Falle dieses Sozialistischer-Keks-Textes nun gab das Zitat von Horkheimer den Ausschlag. Ich las am Samstag diesen Horkheimer-Text zu „Die Juden und Europa“ und als ich an dieser Stelle zur blödsinnigen Reklame angelangte, hielt ich kurz inne und mit einem Schlag fiel mir dieses Bild von dem Kaufhaus im realsozialistischen Rumänien ein, das im Grunde Inbild und Sinnbild für das war, was wir hier im Westen, in dieser überquellenden Warenwelt jeden Tag vorfinden. Dazu der Substanzbegriff. Und fände ich Zeit, dann montierte ich zudem Passagen aus Marx‘ „Kapital“ oder aus seiner Kritik der Politischen Ökonomie in diese Prosa mit hinein. Dagegen oder auch dazu, in Korrespondenz: Texte von Aristoteles – unter anderem aus seiner Metaphysik. Die Dimensionen verschachtelten sich immer mehr, es ginge weg von Rumänien, nach Paris und Rom, hin zu einem Strandbild, wieder in Rumänien, als die Schwester mit der Luftmatratze aufs Schwarze Meer hinaustrieb und keiner der Badegäste am Strand Anstalten machte, sie dort herauszuholen. Nur ihr Bruder sprang ins Wasser und schwamm. Bilder und Textfluß. (Im Grunde entstünde dann auch wieder so eine Art von gigantomanischem Geistesgroßprojekt, wie es den Helden von Thomas Berhard vorschwebt: ich denke nur an Bücher oder Stücke wie „Beton“, „Kalkwerk“, „Die Macht der Gewohnheit“ und „Der Theatermacher“: Größe im Scheitern: „All of old. Nothing else ever. Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ Aber es blieb diese Zeit nicht, und so geriet die Text-Angelegenheit von der Auswahl der Zitate her assoziativ, was sicherlich eine radikal verschenkte Gelegenheit bedeutet, weil sich insbesondere über den Begriff der Substanz gute Bezüge und Assonanzen herstellen ließen. [Ich bin und bleibe Substanzerotiker.]

Ja: je mehr ich überlege und nachdenke, desto notwendiger scheinen mir die Zitate. Zumal sie den Fluß der Lektüre brechen, Erwartungen dämpfen.

Sound und Gegensound.

(Was vielleicht daran liegt, daß ich kein Schriftsteller bin, sondern Essays produziere. Allenfalls Grenzprodukte sind es, zwischen Literatur und Philosophie und Ästhetik angesiedelt)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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40 Antworten zu Geschichten aus der Produktion. Try again. Fail again. Fail better

  1. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    ich wollte mich in den letzten Wochen verschiedentlich einmischen – bei deinem Billard-Text und bei dem rumänischen Keksgebäck natürlich – habe es aber nicht geschafft.

    Können Autoren sich verstehen? Ich meine, viel von dem, was ich in meinen Texten getan habe – getan, nicht gedacht! – das habe ich auch verstanden. Zumindest habe ich einen Zugang, der sehr exklusiv ist: ich kenne viele Varianten des Textes, die er dann am Ende nicht gegangen ist. Aber ich will ihn eigentlich auch gar nicht verstehen: ich will bloß drüber reden. Und das hat etwas mit den Schmerzen der Entstehung und dem dann folgenden Trennungsschmerz zu tun. Ist der Text einmal in der Welt – die in der Regel eher ein Weltchen ist – möchte man seinem Baby noch die eine oder andere Ermahnung hinterherrufen: zieh dir einen Pullover an, wasch dir die Hände, benutz ein Taschentuch. Oder ein Kondom. Solche Sachen. Man möchte noch etwas für seinen Text tun. Ich gehöre zu denen, die das machen. Aber: ich will ihn eigentlich nicht verstehen. Ich will über ihn reden. Ich will, dass andere mein Kind auch so schön finden wie ich!

    Allerdings kann ich auch die andere Seite verstehen, jene, die sagen, dass ein Autor 300 oder 400 Seiten Platz und Zeit hatte, das zu sagen, was er sagen wollte. Und dann soll er einfach mal die Klappe halten. Auch diese Fraktion ist nicht ganz im Unrecht.

    Ich hatte den Keks-Text gelesen und habe ihn nun, auf die Kritik scl’s noch einmal gelesen. Und ich finde ihn so besser, also wie er ist. Weil eine runde Story zu Rumänien eher meine Aufgabe gewesen wäre. Eine literarische Geschichte zu erzählen, wie das kleine Mädchen mit großen staunenden Augen nach Constanza kommt und zum ersten Mal ‚die Welt‘ erblickt. Aber solche Storys passen nicht hierher und ich fand gerade, das weithergeholte, die Konfrontation mit der Leibniz’schen Monade etwa, ausgesprochen witzig, also so wie man das Wort Witz früher verstanden hat, g‘scheit eben. Das ist auch deine Stärke: weit voneinander entfernte Dinge zusammenschauen zu können.
    Ich hatte den Text sofort als Skizze verstanden, als einen Versuch, etwas aus grauer Vorzeit mit heutigen Gedanken oder Texten zu beschreiben, zu konfrontieren, zu konterkarieren. Der Kontrast ist sehr deutlich, zwischen einerseits den Kindheitserinnerungen und den Möglichkeiten, die man damals hatte, auf die Welt zuzugreifen, und andererseits jenen philosophischen Zitaten, die auch Möglichkeiten sind, Welt zu verstehen. Aber anderer Augen bedürfen.

    Ich hatte einmal einen Dozenten in der Philosophie, der konnte sich stundenlang darüber ergehen, wie das Passagenwerk wohl ausgesehen hätte, wenn Benjamin ihm eine Form noch hätte geben können. Damals habe ich das nicht verstanden, aber ich glaube heute, der hat diesen Text einfach geliebt. Oder vergöttert. Er wollte wissen, ob eine andere Anordnung einen anderen Text daraus gemacht hätte und er ich noch lieben oder anbeten könnte. Und ich glaube auch, dass er doch ganz froh war, dass der Text eben diese Struktur hat. Und keine bessere. Weil die bessere ihn womöglich kaputt gemacht hätte.

    Die Fotos von den Lokomotiven sind wunderbar. Auch die kleine Indianerin gefällt mir gut. Seltsame Schienen im Hintergrund, die auf einen Mittelpunkt hinführen. Ist damit der Sinn der Schiene nicht verfehlt?

    Aléa Torik

  2. ziggev schreibt:

    Es fällt auf, dass du deine Texte als nichtliterarische auffasst, denn warum würdest du sonst soviel über deine eigene Schreibe schreiben? Trauer. Wenn Benjamin doch nur hätte!. Als Dauertopos ist es auch schon wieder langweilig oder ein Gemeinplatz.
    Und, ich glaube, dass du völlig in die Irre gehst, wenn du „zudem Passagen aus Marx‘ ‚Kapital‘ oder aus seiner Kritik der Politischen Ökonomie in diese“ oder jene Prosa mit hinein montiertest.

    Aristoteles in Rumänien zu lesen, finde ich natürlich o.k.; die Auskunft über imaginierte Texte, deinerseits, ist, wenn LeserInnen denn vertraut sind mit denselben, ich meine die Grundtexte wie die Metaphysik, ja in Ordnung, aber – willst du mir wirklich widersprechen? – nur die Rede von potenzieller Lektüre von potenziell zu lesenden Texten reicht noch nicht aus. Das erinnert mich eher an die Kaffeeflecken, die ich in diesem Buch Kristevas vorfand, als ich die mal lesen wollte.

    ‚Auskünfte‘ über imaginierte Texte – schrieb Stanislav Lem bereits. Vorwörter zu zukünftigen wissenschaftlichen Werken. Dieses Genre bereits in den 60ern u. 70ern as far as possible als Wissenschaftler und Mathematiker von dem richtungweisend bereits ausgelotet.

  3. Bersarin schreibt:

    @ Aléa Torik
    Es freut mich, daß Du zu diesem Text kommentiert hast, ich hatte es allerdings im stillen auch gehofft.

    Ja, dieses Reden, Schreiben, Sprechen über einen Text halte ich im Grunde ebenso für produktiv, solange die Gesprächspartner adäquate Gegenüber sind und nicht irgendwelche Einwürfe kommen, die mir nicht einmal dann einfallen würden, wenn ich … Na ja, lassen wir das, wir kennen diese Leute und wissen um ihre Leseschwächen. Sowieso kann man da nicht normativ entscheiden, ob es einem Schriftsteller, einer Schriftstellerin nun zusteht, zugleich auch Theorie zu machen. Alles was gut ist und gelingt, ist möglich und darf, sollte, muß sogar gemacht werden. Und den blinden Fleck der Lektüre: dem sitzen ja ebenfalls die Interpreten auf. Es ist eine sehr persönliche Entscheidung, wieweit und in welcher Weise man über seine eigenen Texte spricht. So wie Du es im Hinblick auf Deinen letzten Roman getan hast, empfand ich es als sehr angemessen und auch hilfreich für meinen eigenen Blick, was vielleicht daran liegt, das wir in diesen Dinge der Fiktionalisierung und dem Spiel der Wahrheiten manches ähnlich sehen. Insofern habe ich unsere Lektüren als Ergänzungen gelesen.

    „Eine literarische Geschichte zu erzählen, wie das kleine Mädchen mit großen staunenden Augen nach Constanza kommt und zum ersten Mal ‚die Welt‘ erblickt.“ Ja, das wäre eine Geschichte, wie ich sie liebe, mag und schätze, am besten noch, wenn es ein großes Mädchen ist, ich will sie zur Sicherheit lieber eine Frau nennen. Aber wenn ich sie schriebe, wenn ich über dieses Konstanza schriebe: es kämen dann die Metamorphosen, es käme sofort Ovid ins Spiel, es käme natürlich der großartige Roman von Ransmayr „Die letzte Welt“ mit hinein. Und ich halte dieses Traumtanzen und assoziieren, hin zu Projekten und Verknüpfungen, anders als ziggev, für produktiv und wichtig, denn es ist dieses Assoziieren eine Form von ästhetischem Brainstorming: Wie wir schreiben wollen. Worüber wir schreiben wollen. Darin und dann ebenso in solchen Texte, die verknüpfen, wie ich es tat, durchdringen sich die Ebenen. Eine Feerie ist vielfältig. Sie weist auf das Märchenhafte, Träumerische, die Blicke des jungen Menschen, ganz im Sinne der Romantik, zugleich weist sie auf die Feerien der Warenwelt, wie sie uns Benjamin in seinen verschiedenen Essays und als Fragment in seinem Passagenwerk liefert: Genau dieses Bild, das dialektische, das in sich gebrochen ist und in dem im Detail zugleich das Ganze scheint.

    Die Überlegungen dieses Dozenten zum Passagenwerk, überhaupt zu diesem großartigen Gesamttext von Walter Benjamin, kann ich sehr gut nachvollziehen, weil es mir, wenn ich mich mit Benjamin befasse, ebenso ergeht. Andererseits ist das Werk wie es ist: ein Fragment und das paßt – zynischerweise muß man fast sagen – gut zum Text und zum Denken von Benjamin. Aber dennoch: etwas fehlt.

    Meinen Text zu Rumänien hast Du, was diese Blickachsen betrifft, sehr richtig gelesen: es sind Kinderaugen, und es sind die anderen Augen, die von heute. Die die neuen Bedeutungen unter jedes Detail unterschieben (müssen und wollen).

  4. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Was meine Text sind oder nicht sind, kann ich nicht selbst bestimmen, weil es blinde Flecken gibt. Ich schlage mich bei bestimmten Texten auf keine Seite. Es gibt solche, die stehen auf der Grenze. Wenn Du hier im Blog mitliest, wirst Du entdecken, daß es einerseits Besprechungen und Kritiken von Büchern, Ausstellungen usw. sind, dann Text zur Philosophie, dann manchmal Prosa-Skizzen oder launige Einfälle, zudem noch der Bereich Photographie. Mit anderen Worten: ein Grenzgang zwischen Literatur und Philosophie findet hier statt. Und wenn es besonders gut läuft, dann innerhalb ein und desselben Textes. Deshalb meine Rede von der Montage und von dem, was möglich gewesen wäre: es sind Konstruktionsassoziationen, Grenzgänge.

    Deine Kaffeeflecken bei Kristeva und meine Projekte unterscheiden sich darin, daß Deine Kaffeeflecken völlig uninteressant und ohne Bedeutung sind, solange Du sie nicht zusammen mit Kristeva als Text auflädst. Während die Konstellation, die ich erzeuge, einen Blick auf die Arbeit liefert, die zu leisten wäre. Die aber wahrscheinlich nie geleistet werden kann, weil ein solches Projekt, wo sich Erzählung und Zitate verzahnen, in eine Jahresarbeit münden würden und für mich ein Jahr Komposition und Lektüre, frei von Erwerbsarbeit, bedeuten würden. Schreiben und die Komposition von Texte benötigen Zeit. Ein Projekt der Unmöglichkeit also, das ich anriß und das dennoch in irgend einer Form durchaus möglich ist. Deshalb brachte ich den Hinweis auf Th. Bernhard. Ich schreibe hier nichts, rein gar nichts für einfachso hin, wie Du mutmaßt, sondern es ist in eine Struktur eingebaut. Eine solche freilich, die ich selber nicht handhaben kann. Und darum geht es ja: es funktioniert ein Blog wie in ein Skizzenbuch, was das Wesen vieler Blogs ist (auch dies schrieb ich bereits). Sie geben einen Vorblick, einen Einblick in die Werkstatt ohne, daß aber dabei immer ein fertiges Werk herauskommen muß. Dieser Text zur Welt der Waren und zu Rumänien und zum Blick des Kindes auf die Waren ist auf alle Fälle ausbaufähig.

    Zudem mißverstehst Du hier einiges: Es geht nicht darum, daß ich Aristoteles in Rumänien läse – weshalb sollte ich das tun? Ich lese zu Hause, weil mich dort nichts ablenkt. Wer auf Reisen liest, hat weder ein Verhältnis zur Literatur noch zum Reisen –, sondern ich bringe hier Verschiedenes in eine Anordnung. Z.B. Marx, den Substanzbegriff, den der Ware, Aristoteles, Benjamins Flaneur. Daß ich mit dieser Montage in die Irre ginge, kann sich nur am Resultat zeigen, nicht in irgend einer abstrakten Pauschalisierung, die Du vornimmt.

    Auskünfte über imaginäre Texte gibt es bereits lange. Nur ist es eben nicht bloß ein imaginärer Text, sondern das, was ich hier im Blog mache, ist im Grunde ebenso eine Art von Passagenwerk, nur weiß ich im Grunde nicht, in welche Richtung es geht. Bei Th. Bernhardt erfüllen diese imaginären Texte über zu schreibende Geistesarbeiten oder aufzuführende Welttheaterstücke oder bloß das Spielen des Forellenquintetts noch eine andere Funktion.

  5. ziggev schreibt:

    Bersarin, vilen dank für die ausführliche Antwort auf meinen – wie immer – improvisierteen Komentar.

    ich wollte allerdings über imaginäre Teste schreiben, in diesen Kontext muss ich leider Krisveta für mich einordnen, denn die überbemüßigte Lebenskontextualisierung vorheriger LeserInnen, hatte einfach zuviele Kaffeeflecken zurückgelassen, so dass es mir unmöglich war, eifrig, und mit klopfendem Herzen, in die Zeilen einzusteigen, wie es mich der späte Meister lehrte. Dann erfuhr ich, dass sie eine große Proust-Leserin ist. So aber hatte ich mich aber mit einem Rorschachtest konfrontiert gesehen.

    deine theorie des textes ist ja korreckt, aber das Wagnis bleit. Nein, du schreibst nicht, du schreibst über zu schreibende Texte. Kein Problem. Ich würde es allerdings bevorzugen, Mt Kristeva in Rumänien Aristotels als in irgend einer Stadt in Deutschland Den Autor zu lesern.

  6. ziggev schreibt:

    morgen vielleicht noch etw. peinlicher u Sich-selbst-blöd-entblößend.

  7. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    es kann gelingen, über den eigenen Text zu sprechen. Aber es kommt bei vielen Leuten nicht gut an, weil es immer auch um Deutungshoheiten geht. Dabei will ich, wenn ich über meine Texte spreche, keine Interpretation für andere, sondern eine für mich. Ich konnte es bei „Aléas Ich“ ganz gut, beim „Geräusch des Werdens“ weit weniger. Man meint, Autoren könnten das nicht, weil man meint, dass sie rein aus dem System UBW heraus arbeiten müssten. Von dort kommt es auch her, aber es durchquert doch viele Schichten, die bewusstseinsfähig sind und dort werden Spuren hinterlassen. In diesen verschiedenen Auffassungen kommen zwei unterschiedliche Modelle von Dichtertum zur Sprache, ich zitiere aus meinen unveröffentlichten Essay über meinen Roman, also Torik über Torik:

    „Bei der Konstruktion von Autorschaft konkurrieren von Anbeginn an zwei Modelle. Einmal werden die Dichter als von göttlicher Stimme ergriffen, ja beseelt verstanden. Aus ihnen spricht eine numinose Instanz. Sie wissen nichts von dem, was sie sagen, zwischen Enthusiasmus und Wahnsinn, Begeisterung und Besessenheit, gehorchen sie der Inspiration, dem göttlichen Funke oder dem Kuss der Musen. Sie sind ohne konturiertes Ich, ohne Einfluss auf das Gesagte. Wo aus dem bewusstlosen Phantasma die Phantasie wird – die nicht nur blind wiederholt, sondern in der Veränderung eine Differenz setzt und solchermaßen bewusstseinsfähig wird –, kommt den, den Stoff individuell gestaltenden Dichtern und ihrem Instrument Sprache ein erheblicher Bedeutungszuwachs zu. Die Dichter werden dabei zu außerordentlichen Individuen, die sich aufgrund ihrer technischen Fähigkeiten, ihrer artikulatorischen Autorität, in den Stand der allein verantworteten Autorschaft erheben. In der Geschichte fiktionaler Urheberschaft kommt es immer wieder zu gegenläufigen Bewegungen, im einen Extrem sucht der Text jede identifikatorische Lust auf seinen Autor zu blockieren und zu unterbinden, im anderen inszeniert sich das gestaltende Ich als Genie oder Paria, Sündenbock oder Märtyrer und den Text als sein einzigartiges Werk.“

    Ich habe die Auseinandersetzung mit dir auch als sehr positiv und angenehm empfunden. Weil du, wenn du Kritik formulierst, den Ausgangstext verstehen willst. Manche dieser selbsternannten Kritiker wollen dem Autor lediglich erklären, wie er es hätte besser machen können. Die verstehen wenig von Kunst, denn es geht nicht darum, es besser zu machen. Das kann jeder Trottel (naja, beinahe). Es geht darum, den Stoff entsprechend jener Anordnung zu formen, die er fordert!

    Die Vielschichtigkeit, von der du sprichst, die im Assoziieren ihren Ursprung hat, mit der arbeite ich auch. Das kennzeichnet – Achtung: Selbstauslegung des Autors – meine beiden Romane. Nicht nur im Anfangsstadium, wenn sie entstehen, sondern bis zuletzt. Ich glaube, mit so einer Methode, oder nennen wir es lieber Ansatz; mit so einem Ansatz lässt sich viel fassen. Zumindest meine Art, diese Welt zu erleben. Wir würden, wenn wir zwei Texte über Constanza schrieben, wenn wir mit ähnlichen Ausgangsdaten arbeiten müssten, zwei komplett verschiedene Texte schreiben, die aber dennoch ähnlich wären. Ähnlichkeit indem einen Punkt: dass Wirklichkeit keine Linearität, sondern Simultaneität ist.

    Noch einmal zu Benjamin und seinem Passagenwerk: der Dozent befürchtete, dass das Fehlende das Vorhandene neu ordnen könnte – und das ist ja auch wirklich so, dass ein Gedanke, ein Bild, eine Metapher, alles umwerfen kann -. Das erinnert mich gerade an ein Gedicht von Rilke, wo Kinder mit einem Ball spielen, den sie in die Luft werfen, der erst hochsteigt und dann wieder fällt, einen Moment dazwischen aber stillsteht und von dort oben, als Abwesender, die Kinder, die den fallenden Ball fangen wollen, sozusagen ordnet. Ich schreibe es mal ab, es ist immerhin Rilke:

    Der Ball

    Du Runder, der das Warme aus zwei Händen
    im Fliegen, oben, fortgiebt, sorglos wie
    sein Eigenes; was in den Gegenständen
    nicht bleiben kann, zu unbeschwert für sie,

    zu wenig Ding und doch noch Ding genug,
    um nicht aus allem draußen Aufgereihten
    unsichtbar plötzlich in uns einzugleiten:
    das glitt in dich, du zwischen Fall und Flug

    noch Unentschlossener: der, wenn er steigt,
    als hätt er ihn mit hinaufgehoben,
    den Wurf entführt und freiläßt -, und sich neigt
    und einhält und den Spielenden von oben
    auf einmal eine neue Stelle zeigt,
    sie ordnend wie zu einer Tanzfigur,

    um dann, erwartet und erwünscht von allen
    rasch, einfach, kunstlos, ganz Natur,
    dem Becher hoher Hände zuzufallen.

    Aléa Torik

  8. genova68 schreibt:

    Wie, Mr. Torik existiert immer noch? Ich dachte, du wolltest die Verarscherei sein lassen. Es handelt sich wohl um eine Suchtproblematik.

  9. summacumlaudeblog schreibt:

    Weder liegt Verarscherei noch Sucht vor zumal deswegen, weil – gegensätzlich zu früher – Aleas bürgerlicher Name jedermann/frau bekannt ist. Es war aber auch vorher weder das Eine noch das Andere, sondern notwendiges und erheiterndes Spiel und damit der Kunst zuzurechnen!

    Hier geht es aber darum, ob in einen literarischen Text wortwörtliche Zitate hineingehören oder nicht; speziell: In bersarins Text über Constanza, den ich für literarisch und nicht für essayistisch-erörternd halte. Damit sehe ich den Text sehr anders, als ihn der Autor selbst sieht. Nur: Das gehört zur Kunstrezeption eben dazu.

    (Womit man fast schon bei Adorno ist…. ach, den magscht joa net)

  10. genova68 schreibt:

    summa,

    ich mag Adorno sehr und habe gerade deshalb etwas gegen Adepten wie Bersarin, die ihn nur benutzen, um anderen in die Fresse zu treten. Es ist das akademische Pendant zu den Kopftretern am Alex und sonstwo.

    Mich hat der Typ namens Torik jedenfalls verarscht, das habe ich hier schon einmal ausführlich erzählt. Ich hoffe, ich würde mich in solch einer Situation nicht so daneben benehmen. Toriks bürgerlicher Name ist natürlich nicht jedermann bekannt, wie kommst du denn zu solch einer gewagten Behauptung? Und neue Leser wird es auch nie geben?

  11. summacumlaudeblog schreibt:

    Fair bleiben genova, bersarin möchte niemanden in Alex-Manier treten, er hat nur etwas gegen leichtfertige Argumentationen, die ein Lebenswerk malsoeben mit zweidrei herausgenommenen Zitaten auf Schulhof-Niveau „widerlegen“ („Siehste fahaaaalsch! Gibt doch richtiges Leben im Falschen, Adorno ist ein Lüger und Betrüger!“). Gegen solche „Argumentierer“ habe ich auch etwas. Das RLF-Zitat steht im ersten Teil der MM und reflektiert die Verwerfungen und die Unwirtlichkeit des Privat-Wohn-Alltages in der Moderne („Asyl für Obdachlose“), daraus wird aber: Adorno hatte Unrecht. Ich lebe doch echt und nicht falsch…
    mein Gott genova, das ist so dumm…
    Grüße und sei nicht sauer.

  12. ziggev schreibt:

    bersarin,

    nur das diese Kleinigkeit klar ist: einige Missverständnisse zw, uns rühren daher, dass ich zu fasziniert von deinen letzten Fotos war, um deine Texte, wie sonst, sorgfältig und gründlich zu lesen. Das Gefühl, dass einem ständig das nichtexistente Lektorat im Nacken sitzt, habe ich beim Lesen eines lesenswerten Textes noch nicht ganz abzuwerfen vermocht. Aber diesmmal habe ich dann doch nicht genau genug hingelesen.

    „nicht gerne, ausgenommen es werden dabei generelle Aspekte berührt, die Ästhetik oder Theorie betreffen.“ – Nee, ich habe in diesem Kommentar es nur approximativ geschafft, mich diesem Thema zu widmen.

    Deinen Bemerkungen zur zu vermeidenden Überbetonung der Subjektivität, will ich aber, soweit ich ihnen folgen kann, zustimmen. Soweit ich weiß, kennst du das nicht – oder willst nicht drüber reden, was weise wäre und sich natürlich aus diesem Prozess ergibt – aber von einer meditativen Einstellung allein schon her, die rein und ausschließlich mit der subjektiven, und keiner anderen, Einstellung loslegt, ich berichte, wird es leider nur allzuschnell und unmittelbar klar, wie leer und bedeutungslos diese Perspekktive ist. Wie deutlich und immerdeutlicher wird das mit jedem Tag!

    „Werke. Nicht Menschen. Die sind bloß Katalysatoren. Insbesondere in einer Welt, die vom Menschen überhaupt keinen angemessenen Begriff besitzt.“

    Wenn ich zitieren darf. JA! superinteressante Frage! Wie kann überhaupt ein dazu noch „angemessener“ Begriff des Menschen bestehen? Meiner bescheidenen Meinung nach kommen Naturalisten und Nominalisten zu ihren Antworten, weil sie sich diese Frage gestellt haben! Was ist die Antwort des Ästhetikers?

    Aber vielleicht doch bitte: Was interessiert mich die Warenwelt, die Du plötzlich vor Augen hast, wenn mir „dieses Bild von dem Kaufhaus im realsozialistischen Rumänien“ nicht vor Augen steht?

    Viel interessanter fände ich eine peinlich-genaue philosohische Auseinandersetzung mit dem Substanzbegriff. Dann wüsste ich ungefähr, wie Du so tickst.

    Aber ich glaube langsam zu verstehen, wo Du hinwillst. Das wäre allerdings in der Tat eine Mammut-Aufgabe. Auf Walter Benjamin (bei mir bitte immer englisch auszusprechen) kann und werde ich mich aus lauterer Unkenntnis und Unwissenheit nicht beziehen, aber bei Deiner Poetik, also bei Deinem Text zu zu schreibenden potenziellen Texten (von wem auch immer) bleiben trotz allem die Verweise auf Horkheimer, Marx … sozusagen im Status des möglichen, des potenziellen Zitats eines möglichen Textes. Hätten zitiert werden können, mehr oder weniger richtig oder falsch, aber nur künstlerisch ausgearbeitet. Sonst blieben wir beim Essay.

    Natürlich habe ich nichts gegen Montagen; desh. gucke ich ja auch immer mal wieder bei Dir vorbei, allein der Fotos wegen. Und nur weil ich nicht jede literarische Anspielung sofort verstehe, schmeiße ich nicht jedes Werk gleich weg oder gar in einen Mülleimer.

    Aber trotzdem, auf das anspielungshafte der literarischen Anspielung kommt es an! Es reicht also nicht, zu sagen, hier hätte ich gerne Marx zitiert, sondern es ist erforderlich, ihn präzise genug zu zitieren, damit die Experten nicht beleidigt sind, zugleich aber ihn in einen literarischen Kontext einzubauen, in welchem eben dieses Zitat aus sich selbst Leben gewinnen muss.

    Was die Kaffeeflecken in dieser, wie ich vermutete, über und überrezeptionalisierten Ausgabe von J. Kristeva angeht, so muss ich natürlich sagen, dass ich diese Kaffeeflecken – oder Rorschachtests – nicht in Beziehung zu deren Werk setzen kann, denn eben diese Flecken haben eine nähere Bekanntschaft meinerseits mit deren Werk verhindert.

    Ich habe es mir dennoch aber nicht nehmen lassen, bei Wiki noch mal nachzuüberprüfen: Sie stammt aus Bulgarien, nicht aus Rumänien!

    Wörtern, die andere Länder bezeichnen, wohnt eine gewisse Magie inne, weiß es ja selber nicht besser, aber vielleicht ist es das andere Land, wo die für uns Hiesige potenzielle Texte aufzufinden sind und wo sich Aristoteles am besten lesen lässt.

    @ summacumlaude – sehe ich genauso!

  13. ziggev schreibt:

    ein imaginärer Text an einem imaginären Ort .

  14. summacumlaudeblog schreibt:

    Das Zitieren von Fremdtexten in literarischen Werken funktioniert selten gut; manchmal kommt es mir wie ein Bildungshammer vor, manchmal nur wie eine Namenskette.
    Gut hingegen das anspielungsreiche, indirekt zitierende Spiel, etwa wenn Thomas Buddenbrook vor seinem Tod Schopenhauer liest (zweiter Band, den er in einer verwaisten Schublade fand) und sich gewissermaßen vor der Entstofflichung schon geisig auflöst. Oder auch im Ulysses; gerade hier wird deutlich, daß das Anzitieren, das Verstecken des Fremdtextes und das überdeutliche Hervorholen eine neue, interessante Note in das Werk träufelt, aber niemals das Werk selbst sein kann. Man kann diese Andeutungen, diese Projektionsräume als Leser betreten, muß es aber nicht. Ein guter Text funktioniert auch ohne das vollständige Durchdringen aller angeschlossenen Zitate. Gerade bei Joyce fällt mir das auf. Ich kann kein Gällisch/Keltisch, war noch nie in Dublin und kann ihn doch – lesen.
    Sonst wäre übrigens die Literaturwissenschaft ein reines Detektivspiel: Wo hat er das her? Darin erschöpft sich Lesen aber nicht. Ebenso wenig wie im Biographisieren der Literatur: Aha das ist der und das ist die! Und hier hat er seine durchs Tagebuch demaskierten, erotischen Wünsche untergebracht. Auch für diese trivial-feuilletonistische Sicht auf Literatur steht die Rezeptionsgeschichte Th. Manns exemplarisch.

    Zur Minima Moralia nur noch: Gerade der erste Teil – im Exil entstanden – ist AUCH eine Reaktion auf Adornos Entwurzelung. Der Gegenentwurf zu Nazi-Deutschland war eine Reklame-Lüge, (heute:bauhaus goes IKEA)….und nun kann jeder dahergelaufene Krachfatzke Adorno „widerlegen“. Ich muß schon sagen, diese reklamefesten RLF-Leute regen mich von Tag zu Tag mehr auf.

  15. Bersarin schreibt:

    @ Alea Torik
    Ja, im sogenannten Kulturbetrieb ist vielfach – leider –Deutungshoheit ein Primärmotiv.

    Wie ist zu lesen? Das bleibt sowohl in der Philosophie als auch in der Literatur die Frage, an der sich alles weitere im Prozeß von Kommentar und Kritik aufhängt. Vielen, insbesondere dem fonantesk-reaktionären Floßhildetum geht es primär um Befindlichkeiten: Texte sollen das Herz erwärmen, sollen etwas mit einem selbst zu tun haben. Der frei flottierende Schwachsinn eines narßistischen Spiegelstadiums und der deklamatorischen Ich-Verzückung. Aber das Gegenteil von diesen Dingen sollte der Motor von Lektüre sein: Ich-Verlust bei Strukurgewinn. Texte sind Körper: Aber in einem ganz anderen Sinne als es sich die Akklamateure der schlichten Unmittelbarkeit vorstellen können, die alles was ihnen in den Blick kommt, bloß nach ihrem eigene Horizont bemessen. In einer ersten Lektüre läuft es zunächst – und da bin ich ganz und gar Hermeneutiker – auf das Verstehen eines Textes hinaus. (Und dies ist auch ein Grund, weshalb Genova oder El_Mocho nerven, weil es ihnen nicht ums Verstehen und um den Text selber, sondern lediglich um ihre eigene Vorurteilsstruktur geht, derer sie sich in jedem neuen Fehlgriff und in der Weise, wie sie die Texte auf ihren eigenen Horizont applizieren, vergewissern. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, daß da einer womöglich etwas durchaus Sinnvolles zu sagen hat, daß aber dieser Sinn nicht für einfach so auf der Straße liegt, sondern eine Lektüre bedeutet Arbeit und Anstrengung (Lustvolle allerdings. Nichts ist erregender, als in einen Text von Hegel sich zu begeben.) Andererseits ist das Verstehen immer schon mit jenem anderen durchsetzt, fast hätte ich geschrieben: Kontaminiert. Wobei sich bereits in diesem ersten Leseszenario die Unebenheiten, die blinden Flecke, die Dekonstruktionen einschleichen und so etwas wie eine Lektüreunschärfe erzeugen. Es ist die Vielschichtigkeit. In der Tat. Zum Wurf des Balles fällt mir – wiederum sehr assoziativ, aber ich denke, daß bei Rilke da durchaus ein Bezug ist – jener Text von Mallarmé ein: „Un coup de dés“. Jener Flug, jener Wurf, jener Zufall, der die Bahnungen zeugt.

    Ansonsten scheint mir Dein Text zur Autorschaft interessant und ich bin gespannt, wann und wo er erscheinen wird: Sicherlich, es schwingt in den Lesarten von manchem immer noch der Kantische Geniebegriff mit. Autorin/Autor als exzeptionelle Instanzen. Die Autoren aus der Literatur nicht auszuschließen, ist wohl nicht ganz falsch, denn schließlich sind sie es, die schreiben. Aber mit Texten ist es wie mit Kindern: Sie verlassen irgendwann das traute Heim und erlangen eine selbständige Existenz.

  16. Bersarin schreibt:

    Thomas Gottschalk mag Wagner, Genova schätzt Adorno. Die Toten können sich ihre Verehrer nicht immer aussuchen.

    Leser wie genova, die Adorno danach beurteilen, ob er mit dem Arsch wackeln konnte und daß gefälligst der Text sich nach dem mageren Horizont des Genova zu richten habe und nicht umgekehrt: Solche Leserinnen und Leser bekommen von mir allerdings eins abgewatscht.

    Wer sich jedoch auf ein adäquates Niveau der Lektüre begibt und einen hochkomplexen, auskomponierten Text wie die „Ästhetische Theorie“ daran bemißt, was in diesem Text eigentlich geschieht, auf dessen Kommentare gehe ich durchaus ein und setzte mich mit Kritik auseinander. Wer jedoch einem komplizierten Werk, dessen Verschlungenheit nun einmal in der Sache gegründet ist (nämlich der Komplexität der Kunst der Moderne), mit dem Anwurf begegnet, Adorno benötige einen Lektor: auf diesem Niveau ist eine angemessene Auseinandersetzung nicht mehr möglich. Und da muß dann die Polemik und das Sicht-Lustig-machen ran. Äußerlichen Reaktionen begegnen wir Bewohner des Grandhotel Abgrund mit einer lässig hingehauenen verbalen Ohrfeige. Und in die Gosse des Alexanderplatzes legte Genova seinen Kopf von ganz alleine hinein.

  17. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Was das Meditieren betrifft, so mögen sich dabei interessante Erfahrungen freisetzen. Aber Bloßes Schwimmen in den Trüben des Ich oder des Nicht-Ich bleibt leer. Was nicht in Begriffe, in eine Struktur, in einen Text gebracht werden kann, verschwimmt und verschwindet am Ende ins Nichts. (Text verstehe ich dabei umfassend als ein Ausdrucksmedium. Wie z.B. Kunstwerke.)

    Natürlich geht es – am Ende – darum, das, was ich propädeutisch oder als eine Art literarische Skizze darlege, dann später auszuführen. Aber das kostet eben jene Zeit, von der ich schrieb. Deshalb tätigte ich den Unterschied von Programm und Durchführung desselben. Es ist dieses Programm, das ich schrieb, so etwas wie ein Stichwortzettel. Heute sagen viele dazu wahrscheinlich To-do-Liste. (Am besten schwäbisch auszusprechen: zusammengezogen als wäre es ein einziges Wort. Wie der ausgestorbene Dodo)

    @ summacumlaude
    Dein Einwand ist einerseits nicht von der Hand zu weisen, daß diese Mischung aus Zitaten und literarischem (oder essayistischen) Text etwas Bildungsbürgerliches oder Elaboriertes mit sich führt. Aber wenn es gut gemacht wird, kann sowas durchaus gelingen, weil direktes Zitat und eigener Text eine Art von Kommunikation (nicht nur untereinander) eröffnen. Es kommt dabei aber auf die Textart an. Da ich keine reine Literatur mache, sondern Essays, mag es dort funktionieren. Ich denke nach wie vor, daß dieser Text zum Sozialistischen Keksgebäck durch die Zitate getragen wird. Es hätte allerdings mehr noch an diesem Text gearbeitet werden müssen. (Wenngleich mir das Erzählerische, das in einem relativ leichten Ton vorgetragen wird, durchaus gut gefällt.)

    Nein, Literatur sollte sich nicht im Detektivspiel erschöpfen: Wer findet die meisten Anspielungen oder (versteckten) Zitate? Allenfalls sind diese, sofern sie ästhetisch notwendig und von der Form her gedeckt sind, wie bei den Buddenbrooks, ein Surplus. Sie gehören dann zum Werk. Das selbstbezügliche Spiel um des Zitates willen langweilt zumeist. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

  18. ziggev schreibt:

    Wobei wir uns natürlich mit unseren Spezialistenghirnen über jede mehr oder weniger versteckte Anspielung freuen dürfen. Da gegen Analphabetismus, also Nichtlesen, nur Lesen hilft, es ist das Prinzip des Mehrdesselben, liegt es in der Natur der Sache, dass Sätze sich irgendwann auf Sätze beziehen.

    Proust macht es sogar so, dass erst ein Stilmerkmal von – ich gaube, es war – Madame de Sévigné heraushebt, die er immer oder fast immer im Zusammenang mit seiner Großmutter erwähnt, die sie sehr verehrte, um dann damit selbst zu spielen. Ich hoffe, ich habe mich jetzt nicht falsch erinnert, aber es muss die absteigende Stärke der Adjektive in einer Aufzählung gewesen sein. Sie impliziert, dass allein die Nennung des zuvor beschworene Gegenstands nicht mehr steigerbar ist, Ein freundlicher Stil – und Madame de Sévigné ist ja bekanntlich als Briefeschreiberin in die Geschichte eingegangen – liebt es, nach solch einem (imaginierten?) Höhepunkt leiser werdend auszuplätschern.

    Er macht explizit auf dieses Stilmerkmal aufmerksam, wir dürfen jetzt also prüfen, wann und wo er im bisher Gelesenen bereits mit ihm spielte, und es genießen, wenn uns auffällt, dass es sich bei jener Kette von Adjektiven um eine Anspielung auf Madame de Sévigné handeln könnte.

  19. summacumlaudeblog schreibt:

    @bersarin „Aber mit Texten ist es wie mit Kindern: Sie verlassen irgendwann das traute Heim und erlangen eine selbständige Existenz.“
    So ist es! Ich hatte einsmals eine Lyrikerin als Patientin, deren Gedichte mir teilweise bakannt waren. Die redete über ihre Gedichte, wie über einen fernen Urlaub. Diese Selbstrücknahme war ungemein sympathisch (und wird auch Nebenmotiv meines nächsten Postings sein). Grüße

  20. genova68 schreibt:

    summa,
    es geht nicht um das RLF-Zitat und auch nicht um die Auseinandersetzung darüber, es geht im Detail um die Ästhetische Theorie und was daran fehlt. Generell darum, dass mit Adorno das eigene Arschlochverhalten legitimiert wird. Das ist verbales Kopftreten. Es hat etwas vom religiösen Fundamentalismus: Kritisierst du meinen Gott, mach ich dich tot.

    Auf diese Weise kommt es auch nie zu einer Auseinandersetzung über Adorno, weil man das Gesamtwerk nicht durch hat. Es ist eine politisch rechte, autoritäre Vorgehensweise und das Gegenteil dessen, was Kritische Theorie sein sollte. Dieses Verhalten ist ähnlich den Leuten, die sich bei Bloggern über Rechtschreibfehler lustig machen oder Katholiken, die hinter das 2. Vat. Konzil zurückwollen. Die eigene Deutungshoheit ist in Gefahr.

    Diese offensichtliche Instrumentalisierung von Personen und Standpunkten: Diese Metaebene ist das interessante an solchen Auseinandersetzungen, sonst leider nichts.

    Ach, Bersarin, gerade sehe ich noch deinen Kommentar:

    Das mit dem Lektor lässt tief blicken. Adorno brauchte also keinen Lektor, weil er so ein toller Hecht war. Das ist Heiligenverehrung, was du da anstellst, abgesehen davon, dass du von Textproduktion offenbar keine Ahnung hast. Ich möchte den Schriftsteller sehen, der von sich behaupten würde, keinen Lektor zu brauchen. Das sind vermutlich die, die keine Bücher publizieren. Aber solch ein Schwachsinn wird hier im hohen Grandhotelhaus vermutlich als bedeutende Aussage archiviert.

    Aber danke für die Klarstellung: Wer der Meinung ist, ein Lektor hätte Adorno nicht geschadet, mit dem ist eine „angemessene Auseinandersetzung nicht mehr möglich.“ So schnell geht das.

    Es ist so ein dummes Zeug, was du da zusammenschreibst, kaum zu glauben.

    Und dann das wiederholte Kopftreten, deine Spezialität: Ich bin leider nicht komplex genug. Aber deine Kopfteterei zeigst du ja ganz ungeniert, insofern brauche ich hier nichts weiter erklären. Es ist offenbar kein großer Schritt vom souveränen Grandhotelgeplapper, das sich ausschließlich der Form, des Gebarens verpflichtet fühlt, zum Kopftreten.

    Souveränität, vielleicht ein Begriff, mit dem man hier arbeiten könnte. Um jeden Preis souverän sein wollen, immer spöttisch und arrogant sein. Unter die Gürtellinie treten, wenns beim Stehenbleiben hilft.

    Arschwackeln: Es ist ziemlich klar, was ich damit meine, ich nannte das auch schon groove. Es wäre für einen Adornokenner ein leichtes, darauf adäquat zu antworten. Was macht der Adorno-Epigon? Lächerlichmachen. Ich würde hier ja gerne etwas lernen. Es ist nicht möglich.

    Es ist das immergleiche Verfahren. Argumente, die dir nicht passen, werden arrogant weggebügelt mit dem Hinweis, sie seien keine. Alleine die Haltung, ich müsse nur genügend Adornozitate bringen, um von seiner Verschwurbelheit zu überzeugen, ist sowas von positivitisch, geradezu mathematisch. Bei der erstbesten Gelegenheit zeigst du, was du von einem kritischen Diskurs hältst.

    Du schreibst es ja selbst, „abgewatscht“. Um dieses Abwatschen zu legitimieren, musst du den Gegner vorher halt diskreditieren.

    Wobei ich das Gefühl nicht loswerde, du verhältst dich nur zum Selbstschutz so. Nach unten treten ist ja meist Teil einer Selbstverteidigungsstrategie schwacher Menschen.

  21. Bersarin schreibt:

    Kopftreten, Genova, bedeutet, daß da überhaupt ein Kopf vorhanden sein muß, nach dem ich treten kann. Den sehe ich momentan bei Dir jedoch nicht.

    Ausgeteilt wird da, wo es nötig ist. Ich lasse Dummbatzkritik hier im Blog nicht durchgehen. Nimm das nicht persönlich. Es verhält sich bei Dir nämlich so: Du liest das, worüber Du dann mit Verve und Vehemenz urteilst, nicht, sondern Du bleibst pauschal und der Sache äußerlich. Ich erkläre Dir hier im Blog zum 100. Male etwas und Du nimmst es nicht wahr. Du wirst hier nicht abgewatscht, weil Du Adorno kritisierst, sondern Deine Art der Kritik steht zur Disposition. Adorno kann nicht mit dem Arsch wackeln, ist keine Kritik, sondern solch ein Satz sagt mehr über Dich und Deinen Zustand aus als über Adornos Text. Aber auch Kleist konnte ja in der Sicht des Textüberfliegers Genova nicht schreiben.

    Daß Adorno einen Lektor benötigte: Um das zu beurteilen, müßtest Du die ÄT in wesentlichen Teilen gelesen und ihr Kompositionsprinzip verstanden haben. Ansonsten mußt Du Dich fragen lassen, woher Du diesen Maßstab der Kritik nimmst. Weil Du Adornos Sätze nicht verstehst, die in der Tat komplex gebaut sind? Dieser Umstand ist Dein einziges Kriterium, das Du angeben kannst. Woher, Genova, nimmst Du diese Anmaßungen über die Schreib- und Kompositionstechnik Adornos zu richten und sein Schreiben verschwurbelt zu nennen? Davon abgesehen, daß Du nicht einmal dazu fähig bist, über den Inhalt von Adornos Ästhetik irgend etwas zu schreiben.

    Diskussionen mit Dir sind deshalb derart unfruchtbar, weil Du über Pauschalabwertung und Gefasel wie „Adorno kann nicht schreiben“, „Adorno kann nicht mit dem Arsch wackeln“ nicht hinausgelangst. Vielleicht ist es für Dich auch ein Kriterium, daß Adorno nicht gerne mit Black & Decker-Bohrmaschinen bohrte. Und dem Apfelbaum wirft Genova vor, daß er keine Birnen trägt. Nimm bitte Deine Lektürefähigkeit nicht zum Maßstab für Literatur und Philosophie. Nicht der Text muß sich auf Dich einlassen, sondern Du Dich auf den Text. Philosophie ist keine Gebrauchsanweisung, die für jeden verständlich geschrieben sein muß.

    Das Arschochverhalten, genova, das legst Du an den Tag, in dem Du von außen Maßstäbe anlegst. Das fängt bei Deiner Vulgärpsychologie an, die Du nicht einmal richtig beherrscht, und geht hin bis in Dein Lektüreverhalten. Geprägt von Ressentiment und Denkfaulheit. Nie liest Du, aber immer behauptest Du. Dir geht es nicht um eine Auseinandersetzung mit Adorno, sondern, wie auch El_Mocho, darum Deine Vorurteilsstruktur gegenüber einem schwierigen Text zu pflegen. Bring doch bitte hier in Zukunft eine angemessene Kritik an Adorno, und nicht dieses Äußerlichkeiten. Wenn Du Dich selbst und den Gegenstand, dem sich dieser Blog widmet ernst nimmst, dann werde auch ich Dich in Zukunft ernst nehmen. Ansonsten behandele ich Dich so, wie Du Dich hier präsentierst. Wenn Du eine ernsthafte Frage an einen Text stellst oder mit einem Satz von Adorno nicht klarkommst, dann ist das kein Problem: Stell eine Frage, aber komme nicht – wie bisher – erst mit einer Kritik. Kritisieren kann man nämlich nur das, was man verstanden und durchdrungen hat. Das ist in der Philosophie so. Glaube es mir. Automechaniker wird man auch nicht, weil man gerne ab und zu mal eine Motorhaube öffnet und sich den Motor anschaut.

    Inhaltlich bringst Du rein gar nichts. Inhaltlich lieferst Du hier eine Nullnummer.

  22. Bersarin schreibt:

    Auch so ein Dämlacksatz: „es geht im Detail um die Ästhetische Theorie und was daran fehlt.“

    Um das zu beurteilen, mußt Du sie zunächst lesen und verstehen.

    Und genova: Wenn Du hier inhaltlich nichts weiter beitragen kannst, als Deine Lesefähigkeiten zu präsentieren, dann trolle doch bitte woanders.

  23. silberfink schreibt:

    @ Genova, wenn man lernen möchte lernt man und stellt nicht rechthaberisch Bedingungen…

  24. Bersarin schreibt:

    Und um es Dir entgegenzukommen, genova, um es Dir für die Zukunft beim Lesen schwieriger Werke der Philosophie und der Weltliteratur einfacher zu machen und um ganz allgemein all das Komplizierte, das Welt und Literatur zu bieten haben, im Sinne Luhmannscher Komplexitätsreduktion zurechtzustutzen, machen wir hier im Blog demnächst eine Serie „Werke der Weltliteratur in drei Sätzen“. Ähnliches auch in der Philosophie. Heute, Teil 1: „Der Zauberberg“:

    Kommt ‘n Mann zu Besuch in Lungensanatorium, um sein ollen Vetter mal wieder zu sehen, stellt der Arzt bei ihm doch glatt TBC fest, das ist voll Scheiße, denn der Mann muß dableiben, lernt eine Menge Menschen dort kennen, bleibt sieben Jahre, flirtet mit ner Russin. Am Ende nützt alles nichts und der Mann muß in Ersten Weltkrieg.

    Einfach, kompakt, schnell und zudem, wie vom Serviceblog Aisthesis gewohnt, in verständlichen Sätzen. Und nun Teil 2 Adornos „Ästhetische Theorie“:

    Kommt ‘n Kunstwerk zum Betrachter, macht der Betrachte so „Hääää ey, was soll ‘n das? Das ist ja gar nichts auf dem Bild zu sehen, Meister!“ Sagt der Philosoph: Zur Selbstverständlichkeit der modernen Kunst wurde, daß nichts mehr selbstverständlich in ihr ist und erklärt das voll Komplizierte der modernen Kunst dann an noch viel voll komplizierteren Begriffen wie Mimesis, Scheincharakter, das Naturschöne, Autonomie, Ausdruck, Form, Wahrheitsgehalt. Total mit Philosophie zugeballerte Begriffe. Und, he he he, der Philosophienmacker macht das echt total konstellativ irgendwie, fast wie so’n modernes Kunstwerk oder Zwölftonkram. Irgendwie.

  25. summacumlaudeblog schreibt:

    Tja genova, ich weiß nicht… Kritik kommt von trennen, unterscheiden, und um das zu können, muß man vorher sich mit dem zu Unterscheidenden auseinander gesetzt haben. Manchmal mag bersarin etwas rabiat schreiben, das liegt aber wohl daran, dass er sich mit dem in Frage stehenden Adorno seit Jahrzehnten auseinandersetzt. Kommt nun einer (von mir aus auch eine) daher, der (die) zweidrei Halbzitate „kennt“, und dann daraus wahghalsige Schlußfolgerungen zieht, so ist der Unterscheider/der Kritiker der Schriften zu Recht ungehalten.
    Im Fall meiner Person wäre da z.B. Kafka zu nennen. Ich hörte einst einen ernsthaft reden: „Ach der, der hat doch nur um die Verbrennung gebeten, weil er wußte, das Brod das nicht macht. Reine Wichtigtuerei fürs Image. So was muß ich nicht lesen.“
    Solchen Statements merkt man umgehend die SUBSTANZLOSIGKEIT an. Ein paar boulevardeske Fakten gewußt, zweidrei Abrißkalendarzitate und fertig ist das Klogang-Urteil. Kafkas „Urteil“ hatte da mehr Substanz, von mir aus auch: Mehr groove…..

  26. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    So ist es. Ja, ich schreibe rabiat, zynisch, bösartig. Ich ätze, ich mache runter, ich durchschneide Kehlen. Und das ist manchmal nötig. Nämlich um der Sache willen.

    Wenn aber jemand ernsthaft an etwas interessiert ist, Fragen stellt, Hypothesen nicht als bereits feststehende Thesen formuliert, dann gehe ich auf solche Sätze durchaus ein. Wenn aber für jemanden das Ergebnis der Auseinandersetzung von vornherein feststeht, dann lasse ich diese Dinge nicht im Raume stehen. Wenn dann Texte entstellt und in denunziatorischer Absicht wiedergegeben wird, dann gibt es halt verbale Keile. Nichts ist schöner als eine feine bösartige Polemik. So geht es im Leben. Immerhin zeigt genova, im Gegensatz zu Kommentatoren wie El_Mocho/Willy_56 et al. ein teils durchaus offenes Interesse an Adorno. Und darum sollte es bei einem Text gehen: sich ihm öffen und ohne ein bereits feststehendes Urteil zu nähern. Widerlegen bzw. bestimmte These entkräften kann ich nur, wenn ich diesen Text gut genug kenne. Weites Feld, komplexes Thema.

  27. summacumlaudeblog schreibt:

    Ja genova, möglicherweise geht es Dir um Kritik an der Körperlosigkeit, die übrigens mit entblößtem Oberkörper schon zu Adornos Lebzeiten durch exerziert worden ist.
    Meine Kritik an den virtuellen Konzepten der Identität geht genau in diese Richtung: Nicht die Netzexistenz kann Kopfschmerzen oder Krebs haben, sehr wohl aber der reale Körper. Hier sind die Grenzen des Virtuellen: Virtuell sind wir unsterblich, aber der Körper ist es nicht. Nur, hat Adorno das jemals bestritten?
    in der „Dialektik der Aufklärung“ in den Aufzeichnungen und Entwürfen schreiben die Beiden: „…Von der Verstümmelung betroffen ist vor allem das Verhältnis zum Körper..“ (p 246 ff der Fischer-Ausgabe 1969) und sie führen aus, wie durch die Abkehr vom eigenen Körper die Bewegung hin zum Führer- und Fitnesskult statt findet. Hierbei wieder den Körper feiernd, allerdengs den idealen corpus iS. von Körperkult, nicht aber den eigen, durchaus angreifbaren Leib…es geht ihnen auch um den manipulierten Körper, um die Zucht. Sagen wir es modern: Um Enhancement um Doping. Das ist schon ziemlich genial, wie Horckheimer und Adorno eine solche Entwicklung damals bereits antizipierten.
    Naja, also da ist schon Arschwackeln dabei aber eben auch: Negatives Arschwackeln.
    Grüße

  28. Bersarin schreibt:

    Genova, ich habe Dein substanzloses Herumgepöbel hier im Blog satt, deshalb lösche ich Dich von jetzt ab und mit Deinem heutigen Gefasel, wenn Du nichts Substanzielles hier beiträgst. Es bringen Deine Fehllektüren, Deine Denunziationen weder mir noch anderen einen Erkenntnisgewinn. Dir geht es nicht um Adorno, sondern um irgend eine persönliche Eitelkeit. Wenn man Dir die Meinung sagt, so kommt bei Dir die beleidigte und schlimmer noch die beleidigende Leberwurst durch. Kindergartenniveau muß hier aber draußenbleiben.

    Don Alphonso hat Deine Art der Argumentation, die sich auf Unterstellungen und Denunziation beschränkt, auf den Punkt gebracht. Du bist leider ein Labersack und Du bist nicht bereit, Dich auf Texte einzulassen, sondern Du pflegst Deine Vorurteilsstruktur. Also bleib hier fern. Trolle woanders. Du bist nicht fähig zur Selbstreflexion, bemerkst nicht einmal Dein Verhalten. Du entstellst Positionen wie von mir oder dem Nörgler ganz bewußt und in denunziatorischer Absicht. Und dies ist im Grunde noch schlimmer als Deine Adorno-Überfliegertum. Über Dein eigenes Verhalten solltest Du zunächst mal nachdenken, bevor Du andere beurteilst.

  29. genova68 schreibt:

    Uiuiui, gehen dir jetzt die Nerven durch? War mein Beitrag doch zu erhellend? Es wäre eh der letzte in diesem glorreichen blog gewesen.

    Leider weiß der Leser nun nicht mehr, worauf sich summacumlaude in seinem jüngsten Beitrag bezieht. Der fand meinen Beitrag offenbar nicht so entsetzlich, sondern er geht darauf ein, danke dafür. Es ist das, worauf ich bei Bersarin umsonst gewartet habe. Jetzt weiß er sich nur noch mit Löschungen zu helfen.

    Ich hätte meinen Beitrag aber gerne wieder, gerne privat an mich per mail. Danke im Voraus.

    Tschüssikowski.

  30. Bersarin schreibt:

    Mir gehen nie die Nerven durch. Du aber gehst mir auf die Nerven und raubst Zeit, die kostbar ist. Ja, genova, ich bin ein Blogdiktator und ich habe den Tag über nichts anderes zu tun als auf arme Würstchen, die Fragen stellen, einzutreten. Soviel zu Deiner Hausfrauen- und Küchenpsychologie. Ansonsten:

    Es ist alles geschrieben, genova: Wenn Denunziantentum und gepöbelte Kritik wie Adornos Arschwackeln, Kleist schreibe zu lange Sätze, Adorno formuliere zu kompliziert erfolgt, ohne daß da irgenwelche Hoffnung besteht, es könne Einsicht und Besserung erfolgen, dann lösche ich das in Zukunft, weil ich keine Zeit und keine Lust habe, mich damit auseinanderzusetzen. Und ich denke, ich bin hier beim Lesen nicht der einzige, der Dich genau so wahrnimmt, wie Du Dich darstellst und als was ich Dich wahrnehme. Nämlich als Textignorant. Ich lasse solch einen Kommentar einmal stehen, watsche dann solchen Blödsinn entsprechend ab. Danach wird gelöscht.

    Und auch Deine Invektiven gegen Aléa Torik gehören dazu.

    Um noch einmal zu veranschaulichen, was ich in bezug auf Genova meine, verweise ich auf seine Ausführungen zu Kleist hier im Blog: Für alle nachzulesen an dieser Stelle:

    https://bersarin.wordpress.com/2012/01/17/subjektivierungsweisen-und-liebesdiskurse-kommunikation-und-reflexion-des-selbst-kleists-briefe/

    Das sagt so ungefähr alles zu Deinem Verständnis von Philosophie und Literatur. Bei Deinem dumpfen Geschwätz haben irgendwann alle aufgegeben. Ich tue es nicht und lasse Dir Dein Gefasel ohne Ahnung nicht durchgehen.

    Wenn Du einen Kopf hättest, mit dem es sich denkt, genova, dann schriebest Du Kommentare in Word vor und postetest dann. Nun ist Dein Dumpfkommentar verschwunden. Sei mir dafür dankbar.

    Einige kleine Tipps noch auf Deinem Lebensweg: Texte bitte bis zum Ende lesen. Erst denken, dann schreiben. Und Unverständnis muß nicht immer dem Text geschuldet sein – es könnte durchaus an den Kapazitäten des Gegenübers liegen. In Deinem Falle, genova, gilt: immer schön den Ball flach halten!

  31. Bersarin schreibt:

    Natürlich hast Du, genova, umsonst gewartet. Ich bezahle schließlich niemanden fürs Warten. Oder meintest Du: vergeblich gewartet?

  32. ziggev schreibt:

    @ summacumlaude, 11. September 2013 um 10:07: Na ja, bei „Zucht“, „Manipulation“, „Um Enhancement um Doping“ spielen ja doch noch geistige Aspekte mit hinein. Mir fiel nur auf, dass „Zucht“, „Manipulation“, „Enhancement, Doping“ vielleicht ebenso Metaphern sind wie „virtuell“. Eine Metapher, deren Transferierung in einen fremden Kontext Du aber in Deinem Beispiel (ich denke mir ein paar ähnliche dazu) als einen Fehlgriff beschreibst. Mir schien – ich bleibe mal bei Metapher“ – , dass Metaphern einen viel größeren Raum aufmachen können, als Deine „virtuelle Identität“, „entschlüsseltes Genom“ usw.

    @bersarin: Ich tendiere immer dazu, Zitate als eine auf irgendeine Weise geartete Richtungsänderung zu lesen. Zum Zitat in Anführungszeichen gehört immer noch ein Sprecher. Eingebaut in direkte, indirekte Rede ist es ja gebräuchlich.

    Und daher glaube ich, auch in sich literarisch ändernden Kontexten. Wenn z.B. irgendwie auf eine weitere Stimme angespielt worden ist; oder das Register geändert wird, die Rhetorik sich ändert; oder wenn auf einen möglw. imaginierten Text oder Sprecher angespielt wird.

    Könntest ja mal, nur gerade die Idee, einen Text von Benjamin (…) mit der Keksgebäckgeschichte collagieren.

    Wenn ich bereits erkenne, dass da gleich Anführungszeichen kommen, lege ich mich immer etwas im voraus in die Kurve, um sie abzufangen, bin dann aber immer etwas enttäuscht, wie als Beifahrer, beim Autofahren, wenn der Fahrer unerwartet nicht abbiegt, geradeaus fährt und ich durch diese nichterwartete andere Richtung etwas das Gleichgewicht verliere.

    gefielen mir, die beiden Vorschäge. My Try:

    krass ey, da schreibt einer Buch über sein Leben bis er drauf kam, das Buch zu schreiben, das du gerade liest. In dem Buch geht es aber voll langweilig nur darum, dass er es noch nicht angefangen hatte, zu schreiben, er trifft n paar Leute, und so weiter; dann fällt ihm was ein, und am Ende hat er es doch geschrieben.

  33. summacumlaudeblog schreibt:

    @ziggev Ich hatte eigentlich nichts metaphorisch „gemeint“, wollte nur darauf hinweisen, dass Horckheimer/Adorno keineswegs „unkörperlich“ dachten, aber auch den Körper und dessen Manipulation respektive dessen Veränderungen als Ausdruck der Zeit und nicht als etwas Konstantes außerhalb der Zeitumstände ansehen. Aber meingott – soooo wichtig ist das auch nicht.
    Zu genova nur Brecht:
    „Ich bedaur´es!“

  34. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Der Hinweis auf die (unsinnige) Busenattacke ist interessant und zeigt noch einmal eine andere Weise von Körperlichkeit. Es zeigt auch den Bruch und die Kluft zwischen den Generationen, ebenso wie es auf den teils jugendlich-fahrigen Aktionismus verweist. Adorno gehörte sicherlich nicht zu denen, die prüde waren, jedoch unterschied sich sein Praxisverständnis doch erheblich von dem der Studentinnen und Studenten.

    Was die Texte von Adorno betrifft, so finden sich in der Negativen Dialektik zentrale Passagen zum Aspekt des Körpers:

    „Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral. Der Gang der Geschichte nötigt das zum Materialismus, was traditionell sein unvermittelter Gegensatz war, die Metaphysik. Was einmal der Geist als seinesgleichen zu bestimmen oder zu konstruieren sich rühmte, bewegt auf das sich hin, was dem Geist nicht gleicht; was seiner Herrschaft sich entzieht und woran sie doch als absolut Böses offenbar wird. Die somatische, sinnferne Schicht des Lebendigen ist Schauplatz des Leidens, das in den Lagern alles Beschwichtigende des Geistes und seiner Objektivation, der Kultur, ohne Trost verbrannte.“

    Eine Ethik, eine Moralphilosophie, die ohne den Aspekt des Körpers auskommt, ist im Zeichen der Gewalterfahrung im Grunde obsolet und läuft ins Leere. Das ist es, was Adorno – freilich in einer dialektischen Weise und nicht als abstrakte Negation – an Kant kritisiert. Der neue Kategorische Imperativ lautet: daß Auschwitz sich nicht wiederholen dürfe. [Und ich warte schon auf die Neunmalschlauen, die Adorno nun die Patentrezepte dazu abfordern. Das sind in der Regel dieselben für die eine bestimmte Politik alternativlos ist.]

    Überhaupt drehen sich seine „Meditationen zur Metaphysik“ immer wieder in verschiedenen Aspekten um Körpererfahrung. Die Amorbachepisode, die Stellen, an denen sich Adorno auf Proust bezieht. Adornos Philosophie Körperlosigkeit anzukreiden, ist ein doch sehr dünner Vorwurf. Zumal er nicht durch den Text gedeckt ist. Und darum geht es ja wohl: sich auf Texte und nicht nur auf Meinungen, die man irgendwie von Texten hat, zu beziehen. Ähnliches kann man in bezug auf Adornos Ästhetik festhalten, wenngleich es ihm bei der Sicht auf Kunst nicht um irgendwelche Unmittelbarkeiten innerhalb der Rezeptionsweisen geht. (Deshalb auch Adornos Kritik an dem Konzept von Benjamin im Kunstwerkaufsatz. Die zerstreute Rezeption sieht nicht mehr, sondern weniger.) Nur die Reflexion vermag so etwas wie ein Verhältnis zum (komplexen) modernen Kunstwerk herzustellen. Dabei kommt bei Adorno ebenso der Begriff der Lust(-Erfahrung) zum Tragen.

    Aus diesem Grunde sind dann Hinweise wie Arschwackeln schlicht überflüssig und haben mit dem Text Adornos nichts zu tun. Und Groove ist eine derart allgemeine und damit dann auch substanzlose Metapher, weil sie alles und zugleich nichts meint. Was soll Groove bei Schönberg sein? Was bei Adorno? Seine Texte sind musikalisch gebaut – zumindest schreiben das die, welche sich in der Musik auskennen. Es werden bei solchen Begriffen Aspekte vermengt und vor allem: durcheinander gebracht. Wie geschrieben: Zu kritisieren, daß ein Apfelbaum keinen Birnen wirft, bleibt relativ fruchtlos. Der Begriff des Groove mag im Pop seinen Sinn haben. Bei Kunstwerke müssen andere Aspekte ins Feld geführt werden, sofern man Kunstwerke behavioristisch nicht als bloße Objekte der Stimulanz begreifen will. Bei Adorno sind das dann Begriffe wie Mimesis und Ausdruck.

    Mit solchen Kommentaren wie dem von Dir (oder auch von ziggev, dem ich nicht immer zustimme, und auch von anderen) kann ich im Blog etwas anfangen und darauf lohnt es sich einzugehen, weil sie nicht auf dem Niveau von „Adorno konnte nicht mit den Titten wackeln“ liegt. (Übrigens war der heutige Redakteur bei der Berliner Zeitung, Arno Widmann, von der Organisation her damals in Frankfurt mit dabei. Wohl auch ein Adorno-Schüler.)

  35. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Zitate ohne Anführungszeichen sind eine schwierige Sache. Im schlimmsten Fall geht das dann so aus wie in Helene Hegemanns erstem Roman.

    Die Autofahrmetapher ist doch genau richtig: Es kommt das Unerwartete.

    Es ist immer eine Frage, wie man es mit den Zitaten macht. Zumindest bin ich fast ein wenig angespitzt, diesen Sozialistisches-Keksgebäck-Stück irgendwann zu überarbeiten und es mit einer Art Logik der Substanz anzureichern. Namen sollen noch keine genannt werden, damit es nicht wie ein Namensposieren ausschaut. Mal sehen.

  36. ziggev schreibt:

    @ bersarin,

    Du bist ja unbenommen aus meiner Perspektive der Adorno-Experte; dennoch möchte ich Dich auf eine Stelle in der ND hinweisen, die sich mir bei meiner damaligen Verehrung für Diogenes von Sinope ziemlich stark einprägte u. die bei mir schnelleres, tieferes Atmen und erhöhte Herzfrequenz auslöste:

    „Dem Einzelnen indessen bleibt an Moralischem nicht mehr übrig, als wofür die Kantische Moraltheorie, welche den Tieren Neigung, keine Achtung konzediert, nur Verachtung hat: versuchen, so zu leben, daß man glauben darf, ein gutes Tier gewesen zu sein.“

    Eine schöne Stelle, die eine nicht-abstrakte – darf man hier das Wort „dialektisch“ verwenden? – Kritik an Kant impliziert (Wie genau, wäre zu untersuchen). – Und siehe da! – Als ich das Zitat googelte, stellte sich heraus, dass dieser Satz am Ende des Kant-Kapitels in der ND steht.

    Zudem, ein weiterer Aspekt, erinnert das längere Zitat, das Du anführtest, ziemlich an Nietzsche; interessanterweise aber auch summacumlaudes Rezeption der DdA, die Begriffe aufgreift, welche ich „Metaphern“ (as far as yet not specified) nannte – wobei insbes. „Zucht“ bei Adorno in diesem Kontext wohl kaum ohne den Bezug zu Nietzsche zu lesen ist.

    Insofern lese ich dein „dialektisch“ in „Das ist es, was Adorno – freilich in einer dialektischen Weise und nicht als abstrakte Negation – an Kant kritisiert“ eben auch auf den nietzscheianischen Begriff der Zucht angewendet: als Metapher, die sich mit Durchaus auch als „nichtgeistig“ zu verstehenden Metaphern wie „manipulieren (des Körpers)“ (eher ‚moderneres‘, psychologisch/soziologisches Feld), „Dressur“ (leihe ich mir jetzt gerade von Wittgenstein aus …), aber auch „nichtkörperlichen“, „Enhancement“ (work hard, play hard) verbinden lässt.

    Nehmen wir ein bisschen Nietzsche mit hinein, so will mir also umso mehr scheinen, dass es etwas überflach ist, hier „nichtgeistig“ und „nichtkörperlich“ als bestimmte Negationen aufzufassen.

    Denn wie beknackt ist das denn, Adorno „Nichtkörperlichkeit“ vorzuwerfen? Es müsste gezeigt werden, dass entweder 1.) sich seine Texte in keiner Weise, weder textlich-semantisch noch kausal, auf Körper oder Körperlichkeit beziehen (bestimmte Negation), oder 2.) (unbestimmte Negation), dass bestimmte Aspekte des Körperlichen sträflich vernachlässigt oder systematisch ausgeblendet werden.

    Dass seine Texte kausal sich auf Körper auswirken, zeigt sich bereits daran, dass, worauf die genannten Symptomen beim Lesen hinweisen, es Gehirne gibt, die offenbar bei der Lektüre vermehrt Sauerstoff benötigten.

    Wenn es aber darum geht, dass bei ihm körperliche Aspekte ausgeblendet/vernachlässigt werden würden, bleiben wir beim „Arschgewackel“ oder ein „Groove“, die ihm fehlen würden! Na super !!

    Groove bezeichnet den Umstand, dass bestimmte rhythmische Figuren bzw. Muster (in jazzverwandten Stilen), beim Hören den subjektiven Eindruck hervorrufen, sie würden ganz spezifische körperliche Reaktionen hervorrufen. Groove ist ein Begriff, der sich aus der unmittelbaren, praktischen Auseinandersetzung mit bestimmten Stilen historisch ergeben hat, aber alles andere als ein musikalischer oder gar musiktheoretischer Begriff, der sich mit irgendeiner Bestimmtheit ausweisen lassen würde. Daher gilt es auch unter Musikern als Affront und arrogant, jemandem fehlenden Groove vorzuwerfen. Oder – selbst in „rural southern areas“ in Amerkia, wie mir berichtet wurde – als bestenfalls lächerlich, Schwarzen zuzusprechen, dass sie „es“ einfach mehr hätten. Mal abgesehen vom arroganten Miles Davis – der darf alles.

    ———————

    Daher hilft diese Metapher nun und ganz und gar nicht weiter. Es müsste gezeigt werden, warum es ein Versäumnis darstellt, bestimmte körperlichen Aspekte zu vernachlässigen/auszublenden, und insbesondere, warum solches Unterlassen gerade bei den hier notwendig mit Ross und Reiter zu nennenden Aspekten so bedauerlich und kritikwürdig sei.

    Wenn diese Aspekte aber nicht genannt werden, dann ist es so, wie wenn ich ihm nun vorwerfe, dass er überhaupt Bücher geschrieben habe, und das Fehlen der genannten (Groove“, „Arschgewackel“) lässt sich so schon von vorenherein nicht nach- oder ausweisen, weil deren Existenz ohnehin nicht aufzeigbar wäre.

    Denn sie sind vollkommen unangemessen. Solche Kritik lässt sich immer äußern, weil sie nichts besagt. Dass dem so sei, kann aber jeder/jedem dämmern, der/die nie eine Zeile von Adorno gelesen hat, aber seinen eigenen Worten eine Mindestbedeutung beimisst oder auch nur ein vagen Vorverständnis davon hat, was ein Text ist.

    Da also 2.) nicht zutreffen kann oder bei richtiger Verwendung der angeblich fehlenden körperlichen Aspekte, die genannt werden, ohnehin schon falsch ist, muss es sich um 1.) handeln.

    Dass aber körperliche Aspekte bei ihm Durchaus vorkommen, ist hinreichend belegt.

    Und ich folgere: genova hat tatsächlich noch nie etwas von Adorno gelesen.

    Ein Denken, das wahllos (wahllos, weil offenbar geworden ist, dass es ohne jede Lektüre auskommen zu glauben scheint) an jeder Stelle immerzu mit einem schwarz/weiß-Schema an einen Text herangehen können zu glauben scheint, stellt sich selber ein Bein, sodass es nicht von der Stelle kommt. Genova hat aber ganz offensichtlich die betreffenden Texte gar nicht gelesen, stellt sich also schon vorm Denkversuch ein Bein.

  37. Bersarin schreibt:

    Ziggev, das ist es, was ich Genova seit gefühlten Äonen klarzumachen versuche: Bitte zuerst die Texte lesen, dann schreiben. Darauf geht er nicht ein, sondern er bezeichnet diese Forderung als Unzumutbarkeit, als Anmaßung, als Vernichtungswillen, um das Gegenüber zu diskreditieren und daß man sich mit dieser eigentlich basalen Anforderung über andere erheben möchte, um das eigene Ego aufzuputzen. Diese Diskussionen will ich hier im Blog nicht mehr haben, weil sie nicht produktiv sind und meine knappe Zeit kosten: Seitenweise ins Leere zu schreiben zu jemandem, dem man die einfachsten Aspekte im Umgang mit Texten nicht klarmachen kann. Wegen dieser sich wiederholenden Differenzen mußten die Kronstädter Matrosen sowie ein NKWD-Vorauskommando des Grandhotel Abgrund den Herrn Genova zu unserem großen Bedauern woanders hin verfrachten. Er kann sich insofern leider nicht mehr zu Deinen Ausführungen äußern. Und damit ist das Thema genova durch. Es geht von nun ab wieder um die Sache: nämlich den Text Adornos.

    Die von Dir zitierte Adorno-Stelle ist natürlich auch mir bekannt. Auch ich halte sie für eine der ganz starken und bedeutsamen Sätze: Und auch da zeigt sich, daß sich Adornos Philosophie eben nicht in der Aporie und in Hoffnungslosigkeit erschöpft, wie es im immergleichen Blahfasel derer, die keine vier Sätze von ihm gelesen haben, in die Welt trompetet wird. Allerdings liefert Adorno ebensowenig die bequemen Handlungsanweisungen: Mach dies, mach das, dann wird es gut. Hier ein bißchen Sozialdemokratie und die Schräubchen am System verstellen, dort ein wenig lieb und freundlich sein. Für Adorno war dieses System insgesamt das falsche.

  38. El_mocho schreibt:

    Logisch, wenn jemand deine Interpretation eines Textes nicht teilt, kann das nur daran liegen, dass er den text garnicht gelesen hat.

  39. Bersarin schreibt:

    Sag mal, El_Mocho, ist das ein wirklich ernst gemeinter Kommentar von Dir – dann solltest auch Du Dir mit der Handfläche selber ein- bis zweimal fest auf den Hinterkopf hauen – oder handelt es sich schlicht um einen Scherz? Ich wiederhole mich hier nicht mehr. Lies zunächst meine Kommentare, die ich in der causa genova hier im Blog machte und die Texte, die ich Dir bei fast jedem Deiner Posts ins Stammbuch schrieb. Wenn Du dieses Geschäft besorgt hast, dann antworte ich Dir wieder.

  40. Aléa Torik schreibt:

    Ich wollte eigentlich auf die Anwürfe Genovas, diese Äußerung, die mich treffen sollte, antworten, ich hatte den Kommentar schon geschrieben, verworfen und neu geschrieben, fand’s dann aber, nachdem ich gelesen hatte, was da über Kleist deliriert wird, einfach zu dumm. Ich habe auch keine Lust, mich auf dieser Ebene mit jemandem auseinanderzusetzen. Das bringt mich nicht weiter und den anderen auch nicht. Dennoch gilt auch für jemanden, dessen Äußerungen gewisse Ebenen unterschreiten, dass seine Äußerungen diese auch überschreiten können, dass also die Äußerung schlauer ist als ihr Urheber. Das gilt für einen Kommentar genovas auf meinem Blog vor einigen Jahren, als er meinte, dass das Angenehme auf meiner Seite sei, dass es mir in Diskussionen, anders als auf vielen Seiten von Männern, nicht darum ginge, Recht zu behalten. Damit hat er, auch wenn er das vermutlich jetzt nicht mehr will, recht gehabt.
    Aléa Torik.

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