Sozialistisches Keksgebäck. Eine Art Madeleine-Geschichte aus Rumänien. Oder: Die Freiheit in der post-bürgerlichen Gesellschaft ist die Freiheit der Waren-Wahl

Ende der 70er Jahre reiste ich als 14- oder 15-Jähriger mit meiner Mutter samt der Schwester in den Urlaub nach Rumänien. Es war ein kleiner Badeort in der Nähe von Konstanza, an dem wir eine Ferienwoche verbrachten. Zweimal unternahm ich einen Ausflug in diese eigenwillige Stadt Konstanza, am Schwarzen Meer gelegen, ein mich immer schon faszinierender Name, der es veranlaßte, daß ich mich in Grübeleien erging, weshalb dieses Meer so hieß wie es hieß. Schimmerte es nicht auch wie die anderen Meere blau oder blau-grün-grau? Einmal ausflugten wir mit meiner Mutter und meiner Schwester in jene Stadt, und beim zweiten Mal durfte ich sogar mit dem alten, klapprigen, roten Trolleybus alleine in die große, weite Stadt Konstanza fahren.

Rumänien war damals ein armes Land, und es ist wahrscheinlich auch heute noch arm. In jenem Badeort gab es allerdings ein kleines Kaufhaus. Es besaß sogar zwei Etagen. Die waren über eine alte Rolltreppe verbunden. Oft waren die Regale mit dem Warenangebot leer. In der Lebensmittelabteilung lagen aber an einem der Tage unendlich viele Kekspackungen (zumindest schienen sie mir unendlich), ein ganzer Regalmeter in der Höhe und in der Breite voll von Kekspackungen – alle verschieden gestaltet, mit ganz unterschiedlichen Bildern und Farben darauf, die die Käufer locken sollten, um ihnen die Freuden dieses sozialistischen Kekses schmackhaft zu machen oder aus sonst was für Gründen. Voller Lust und Gebrauchswerterfüllungssucht kaufte ich mir von meinem Taschengeld zwei oder drei dieser Packungen – denn wer weiß, ob es die morgen noch gibt. (So wie es mit allen Dingen des Lebens und auch mit den Menschen ist.) Ich freute mich auf verschiedene Sorten von Keksen, die ich am Strand, nach dem Baden, auf der Promenade, auf der Fahrt zum herrlichen Donaudelta verspeisen bzw. vernaschen konnte. Groß war die Enttäuschung des Heranwachsenden, während ich die zweite Packung öffnete, um als Abwechslung vom Einerlei eine andere Sorte von Keks zu kosten. Enthielt die erste Packung, die ich zu verspeisen mich anschickte, eine Art von ausgetrocknetem Butterkeks, wie sie schon der Philosoph Leibniz probierte, worauf er seine „Monadologie“ entwickelte und feststellte, daß es einfache Substanzen geben müsse (er meinte damit keine berauschenden Drogen. Nein!), so erwies sich – trotz unterschiedlicher Verpackung bzw. grafischer, werbender, bildlicher Gestaltung – ebenso der Inhalt der zweiten Kekspackung als identisch mit dem Inhalt der ersten. Es war nicht derselbe Keks, aber doch der gleiche. Das anscheinend Unterschiedliche war nun ein scheinbar Unterschiedliches, terminierte am Ende des Kau-, Schluck und Verdauungsvorgang ins Identische.

[Leserinnen und Leser ahnen nun, wie ich schon sehr früh mit der Hegelschen Philosophie rein über das Moment der Lebenspraxis in Berührung kam? Unterschied, Differenzerfahrung, Identität, Sein, Schein, Wesen, Begriff: Alles das manifestierte sich in diesem rumänisch-sozialistischen Keksgebäck. Eine Madelaine für Dialektiker ist der Leibnizsche Butterkeks nach sozialistischer Manier in einem kleinen Kaufhaus nahe Konstanza. Lebenspraxis im Vorgang des Kaufens. Die Logik der Ware erschließt sich über den Umgang. Denn alle Philosophie soll ja immer schön anschaulich und mit dem wilden und lebendigen Leben in Kontakt stehen. Kein Text ohne Leben und die Fülle menschlicher Seinsweisen, sonst gibt es von den Postulierer:innen der Lebensunmittelbarkeit, die ihre unzulänglich-belanglose Existenz in Vorstadtreihenhäusern zum Maß erheben, was auf den Keks.]

[„Einfacher Substanzen muß es geben, weil es Zusammengesetztes gibt; denn das Zusammengesetzte ist nichts anderes als die Anhäufung oder ein Aggregat von Einfachem.“ G.W. Leibniz, Monadologie]

Um diese unendliche Enttäuschung, diese Erfahrung der Produkt-Leere im sozialistischen Alltag zu kompensieren und um den widerwärtigen Einheitsgeschmack des beim seiernden Kontinuitätskauen als pappig sich erweisenden Keksgebäcks hinunterzuspülen, erstand ich mir an einer der Strandbuden, die in der Sommerhitzeglut zum sozialistischen Konsum einluden, eine Flasche kühle Pepsi-Cola. Der Pepsi-Cola-Konzern handelte seinerzeit in den 70ern mit den sozialistischen Ländern ein Verkaufsrecht für seine  Ware aus. „The wind of change“ nahm durch die Segnungen des Kapitalismus und seiner Getränkevielfalt seinen Anfang. (Im Grunde hatte dies Billy Wilder in „Eins, zwei, drei“ bereits vorausgesagt. Aber anhand des Konkurrenzproduktes aus Atlanta.) In Zucker und Koffein von Pepsi Cola lösten sich rund 11 Jahre später die Länder des real existierenden Sozialismus auf, fast 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aus der DDR machten sich nun daran, den Westdeutschen ihre mehr  oder minder intakten Gebrauchtwagen zu sehr guten Preisen abzukaufen.

Dieses Kaltgetränk dürfte meine Motivation für Land und Leute heben, so dachte ich mir in meiner jugendlichen Emphase. Der Verkäufer öffnete eine Flasche, kippte sie in ein Glas, dann hackte er aus einem in der Sommerhitze liegenden Eisblock mit einem kleinen Eispickel die Stücke aus dem langsam leckenden, sanft zerfließenden Eismassiv heraus, brach noch einmal kräftig mit dem Pickel hinein, und griff mit seinen schwarzen Händen in die Eismasse, um einige der Stücke im Pepsi-Cola-Glas zu plazieren. Wenn ich schreibe „mit seinen schwarzen Händen“, so handelt es sich dabei nicht um die Zuschreibung einer Rasse-Eigenschaft oder um eine irgendwie geartete ethnologische Bestimmung ausländischer Cola-Verkäufer, obwohl der Verkäufer ja im Grunde gar kein Ausländer war, denn vielmehr bin ja ich der Gast in Rumänien und somit Ausländer, während der Verkäufer ein Einheimischer ist, sofern er nicht als bulgarischer oder sowjetischer Ausgereister einen Verkaufsstand besitzt, und so bleibt alles immer eine Frage der Perspektive, aber diese Perspektive muß man dann in der Reflexion auch wieder geraderücken können, was nicht jeder oder jedem gelingt. Vielmehr wollte ich mit jenen schwarzen Händen zum Ausdruck bringen, daß es sich nicht um PoC-Hände, sondern eben bloß um schmutzige Hände handelte – daß ich ein Jahr vorher, also mit 13 oder 14, bereits Sartres „Die Fliegen“, „Geschlossene Gesellschaft, sowie „Die schmutzigen Hände“ frühreif las, muß wohl eher als eine zufällige Koinzidenz gedeutet werden – solche Hände, die hernach in die Ansammlung von Eiswürfeln griffen, um sie in das Pepsi-Cola-Glas gleiten zu lassen. Mit einem breiten Lächeln reichte er mir das Glas, kassierte und widmete sich wieder dem Eisblock. In einem Zuge, den widerlichen mondadisch-mürben Keksgeschmack herunterspülend, trank ich die Pepsi-Cola genüßlich aus.

Die Fahrt ins Donaudelta am nächsten Tag war von unangenehmsten, krampfartigen Bauchschmerzen begleitet, so daß ich von der Welt des Schilfs, der mäandernden, schlingernden Flußläufe, der Vogelwelt und der gesamten Atmosphäre an diesem zauberhaften Ort, bei dem, wenn er in Reisefilmen gezeigt wird, idiotischerweise zur Erzeugung von Balkan-Stimmung  (im Sinne der Triest-Odessa-Linie) immer eine dieser blöden Panflötenmelodien erklingt, nur wenig mitbekam, und die Fahrt schloß mit einer anschließenden Penicilline-Behandlung, die ein technokratisch-sozialistischer Hotelarzt mir verabreichte. Wir haben keinen Pfennig dazubezahlt. (In diesem Falle waren es Lira.) Der Umstand, daß mir bereits zu diesem Zeitpunkt jener großartige Film mit Orson Welles, nämlich „Der dritte Mann“ bekannt war, trug sicherlich dazu bei, daß sich in mir eine gehörige Portion an Skepsis als Motor für Wahrnehmung und Denken breitmachte. Doch der Heilungserfolg stellte sich schnell ein. So wurde die Skepsis zu einer dialektischen und blieb nicht im Trug einer Freiheit des Selbstbewußtseins, bloß bei sich im Grübeln zu verharren, um zunächst als Stoizismus, dann als Skeptizismus und schließlich ins unglückliche Bewußtsein zu erstarren, wie Hegel das in seiner „Phänomenologie des Geistes“ recht klug und als Weg des Wissens und der Wahrheit entwickelte.

Die rumänischen Kekse sowie die Artenvielfalt im Modus des Bildes im Regal blieben mir in steter Erinnerung und zugleich hafteten sie als sympathisches Korrektiv gegen die Vielfalt des aufdesignten Schundes, der sich in den Regalen westeuropäischer Warenansammlungen türmt, wo sich – hüben wie drüben – nur noch die Frage „Sein oder Design“ stellt.

„Noch die Fassade verrät die Überholtheit der Marktwirtschaft. Die Reklameschilder in allen Ländern sind Monumente. Ihr Ausdruck ist lächerlich. Zu den Passanten sprechen sie wie törichte Erwachsene mit Kindern oder Tieren, in einem verlogen zutraulichen Jargon. Wie Kindern wird denn auch den Massen etwas vorgespielt: daß sie als selbständige Subjekte die Freiheit hätten, sich die Waren auszuwählen. Doch ist die Wahl schon weiterhin diktiert. Seit Jahrzehnten gibt es ganz Sphären des Verbrauchs, in denen bloß die Etiketten verschiedenen sind. Die bunte Welt der Qualitäten, an der man sich ergötzt, steht auf dem Papier.“ So schrieb und wußte Max Horkheimer bereits 1939.

Den eingefleischten Individualisten, die in der Mehrheit alle für Individuelle sich halten, ist der Mensch in der Masse unbekannt. Die Masse bleibt ihnen abstrakt, weil sie selber im Denken nie konkret wurden, sondern den Individualitätsschablonen den Götzendienst erwiesen. Wer in der Masse schwimmt, sieht sich nur ungerne als deren Bestandteil. Zu einer dialektisch-subversiven Betrachtung hin reicht es schon gar nicht. Die sich immerzu und pausenlos auf die individuellen Regungen aufs Leben berufen müssen, sind in ihrer Selbstvergewisserungssucht lange schon leblos.

Kaltes Herz der Moderne und die Kekswahl im Sozialismus.

„Das Bewußtsein hat erst in dem Selbstbewußtsein, als dem Begriffe des Geistes, seinen Wendungspunkt, auf dem es aus dem farbigen Scheine des sinnlichen Diesseits und aus der leeren Nacht des übersinnlichen Jenseits in den geistigen Tag der Gegenwart einschreitet.

[…]

Aber für es selbst bleibt das Tun und sein wirkliches Tun ein ärmliches und sein Genuß der Schmerz und das Aufgehobensein derselben in der positiven Bedeutung ein Jenseits. Aber in diesem Gegenstande, worin ihm sein Tun und Sein, als dieses einzelnen Bewußtseins, Sein und Tun an sich ist, ist ihm die Vorstellung der Vernunft geworden, der Gewißheit des Bewußtseins, in seiner Einzelheit absolut an sich oder alle Realität zu sein.“ (G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, aus dem Kapitel zum Selbstbewußtsein.)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Sozialistisches Keksgebäck. Eine Art Madeleine-Geschichte aus Rumänien. Oder: Die Freiheit in der post-bürgerlichen Gesellschaft ist die Freiheit der Waren-Wahl

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    VIELLEICHT wäre der Text ohne die erörternden Zitate NOCH stärker…..

  2. Bersarin schreibt:

    Ich werde Dir antworten. Allerdings nicht heute, sondern mit einem kleinen Blogtext, der lauten wird „Geschichten aus der Produktion“. Deine Frage ist sehr berechtigt und doch muß ich ihr Ansinnen – das Du freilich höflich – ins „vielleicht“ kleidetest, aus bestimmten Gründen ablehnen. Mit diesem neuen Text rückt die Lektüre der „Minima Moralia“ wieder einige Tage nach hinten, zumal sich sowieso in ihre Lektüre dieses eigenwillige RLF-Projekt geschoben hat, das Friedrich von Borries betreibt. Aber im Grunde mache ich daraus mein eigenes RLF-Projekt, dieser Blog ist ja eine einzige Antwort und eine Verdichtung jenes Satzes von Adorno, daß es kein richtiges Leben im falschen gibt.

    Und wenn ich Dir noch ein Kompliment machen darf: Du gehörst hier bei mir im Blog zu einem Kreis von Kommentatoren, die mir sehr angenehm sind, weil sie nicht mit den üblichen Unterstellungen poltern,nicht ihre Empfindungsseier hier loslassen, nicht ihre eigene Leseunfähigkeit unter Beweis stellen und diese als Triumph ausgeben, sondern Reflexionen und Denkbewegungen ins Spiel bringen. Auf alle Fälle war Deine Kritik eine anregende, weil sie mir einen Text und eine kurze Bestimmung meines Schreibens abgerungen hat.

  3. Justus schreibt:

    Eine Anmerkung hätte ich noch. Neben Ihrer Geschichte, ihrer erzählerischen Weise und auch der gelungenen Anschaulichkeit von jenem Urlaubserlebnis der 70er Jahre welche mir ausgesprochen gut gefällt und die sich durch meine eher zufällige Teilnahme mir hier offenbart, möchte ich einfach dem Nebenpunkt: dass die „dialektisch-subversive Betrachtung“ „der Masse“ fehlt, nochmal nachgehen.

    (Oder: Die Unfreiheit in der post-bürgerlichen Gesellschaft ist die Sicherheit der Waren-Welt.)

    – „der dritte Mann“ (beziehungsweise heute öfter „Frau“), im anderen Sinne, spielt heute die Moderatorenfigur in den Alltagsdebatten oder bekannten Polit-Talkshows und diese, muss man oder würde ich als Laien-Dialektiker sagen, hat ja heute mit einer gelungenen Eloquenz die dialektisch-subversive Rhetorik aufgesogen.
    Nehmen wir jetzt Horkheimer als Beispiel, weil hier auch seine Freiheitsauffassung der zivilisierten Individuen zitiert wird (auch wenn im Waren-Zusammenhang von 1939 gemeint). Er sprach später 1969 in einem Fernsehinterview von dieser grundsätzlichen dialektischen Bewegung zwischen den Begriffen Freiheit und Gerechtigkeit (bzw. Sicherheit ist heute das Stichwort), die dem Marx auch so nicht klar war, wie Horkheimer dort kritisiert und damit Marx Freiheitsbegriff dialektisch geraderücken muss. Und gerade auch tatsächlich finden sich gegenwärtig in erwähnten Debatten und dem teils überheblichen Schlagabtausch jener prägnante Zug des Aussagegehalts von Horkheimer, den er so formulierte: „[…] Diese Gesellschaft, in der wir leben, verelendet nicht die Arbeiter, sondern verhilft ihnen zu einem besseren Dasein. Und außerdem hat der Marx gar nicht gesehen, daß Freiheit und Gerechtigkeit dialektische Begriffe sind. Je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit. Und je mehr Gerechtigkeit, desto weniger Freiheit.“ [vielleicht wurde er in dem Interview auch nicht so konkret, das mag sein.]

    [Nebenbei: Ist es denn wirklich ein Widerspruch? Also ich stimme nicht ganz zu, wenn er sagt : „Je weniger Freiheit umso mehr …“ und umgekehrt, denn wenn die Menschen für sich selber und durch sich selber begriffen haben, daß die Freiheit von der Gerechtigkeit lebt, und man so vollkommen freiwillig eine gerechte Gesellschaft anstrebt, schließen sich Freiheit und Gerechtigkeit so nicht mehr aus, sie können zusammen existieren.]

    Ich als zugegebener Laie, würde dann aber mal die steile These hinstellen, eine immanente Dialektik von den Begriffen, wie im Fall Freiheit/Gerechtigkeit, werden keine dialektisch-subversive Betrachtung einbringen, denn das ist ja die unkritische Ideologie von heutig konstituierten Szenerien à la Sandra-Maischberger-Shows und Maybrit-Illner-Formaten oder: um nicht Lanz zu vergessen, der kanns nämlich besonders gut.

  4. Bersarin schreibt:

    Ich kann zu diesen aus dem Zusammenhang zitierten Sätzen Horkheimers nicht viel sagen. Sie scheinen mir nicht sonderlich typisch für Horkheimer zu sein. Daß die Begriffe Freiheit und Gerechtigkeit bei Marx keine dialektischen seien, scheint mir eher ein schlechter Scherz. Insofern bitte ich um eine Quellenangabe, um das beizeiten in meiner Horkheimer-Ausgabe zu prüfen.

  5. Justus schreibt:

    Oh, ich sehe nun erst jetzt wieder hier in den Blog rein und sehe erfreut, daß mein Beitrag doch freigeschaltet wurde; denn ich probierte es auch schon einen Tag zuvor und da kam mein Kommentar irgendiwe nicht durch… Jedenfalls findent sich weitere Anhaltspunkte zu dem was ich oben schrieb vielleicht unter folgender Adresse: https://www.youtube.com/watch?v=5lmLMFJXuSk

    „Daß die Begriffe Freiheit und Gerechtigkeit bei Marx keine dialektischen seien, scheint mir eher ein schlechter Scherz“ Nein, natürlich sind sie das bei ihm, aber hiezu meinte ich das eher unabhänig davon wie es Marx und Horkheimer sahen, sondern eher etwas grundsätzlicher: daß es sich nicht widersprechen müsste.

  6. Bersarin schreibt:

    Das Ideal der Gesellschaft freier Menschen bei Marx, als These, greift zu kurz. Horkheimer skizziert hier eine bestimmte Phase bei Marx. Wenn wir jedoch „Das Kapital“ lesen, finden wir keinen Satz dazu.

    Zum Begriff der Verelendung: dieser scheint mir bei Marx doch komplexer gefaßt als es Horkheimer wiedergibt. Richtig ist allerdings Horkheimers Feststellung, daß der Arbeiter, zumindest in den westlichen Gesellschaften und zu der Zeit, als Horkheimer das Interview gab, nicht in materieller Verelendung zugrunde geht. Diese Verelendung erfolgt eher in einem übertragenden Sinne. Man müßte sich hier also die Textstellen bei Marx genauer ansehen. Verelendung muß in einem umfassenderen, nicht bloß materiellen Sinne genommen werden. Die Arbeiter sind in der Tat satt, sie eiferten dem Bürger nach, die Sozialdemokratie wies den Weg. Adorno zeigte zudem die Mechanismen der Anpassung und der Zurichtung von Bewußtsein in verschiedenen seiner Schriften auf. Enzensberger prägte dafür in den 60er Jahren, an Adorno anknüpfend, den Begriff der Bewußtseinsindustrie. Wir finden für die Kritische Theorie ab den 40er Jahren also nicht mehr die Situation vor, unter der Georg Lukács noch „Geschichte und Klassenbewußtsein“ schreiben konnte.

    Freiheit und Gerechtigkeit sichtet Horkheimer bereits unter dem Blick des Stalinistischen Terrors und des sogenannten Ostblocks. Gerechtigkeit und Freiheit sind für Marx zunächst problematische Begriffe. Dialektisch sind sie bei ihm insofern, als sie sich an konkrete gesellschaftliche Situationen koppeln und weil sie zudem historisch gewachsen sind. In einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft besitzen Freiheit und Gerechtigkeit zunächst einmal eine ganz und gar bürgerliche Ausprägung: die Vertragsfreiheit, die Freiheit Geschäfte machen zu können und auch die Gerechtigkeit beruht auf der bürgerlichen Eigentumsordnung. Das ist gegenüber dem Feudalismus ganz gewiß ein Fortschritt. Gegenwärtig können wir den Freiheitsbegriff im Grunde nur ex negativo bestimmen. Darin hat Horkheimer recht, und insofern ist die Negation zugleich eine zentrale Kategorie kritischer Gesellschaftstheorie.

    Wir besitzen in der Tat keine angemessene Begrifflichkeit und wir haben keine Referenz- und Reflexionsmodelle, um konkret Freiheit benennen zu können. Einen Vorschein davon mochte einstmals im bürgerlichen Zeitalter das Kunstwerk vermitteln.

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