Paris, mon amour: Negativfilm: Erinnerungsbuch (1)

Ich lege die Paris-Negative jenes wunderbaren Jahres auf den Negativscanner und kopiere mir die schmalen Bilder als tiff-Dateien. Erste Sichtung einer Negativserie aus dem Jahre 1985: Als der junge Mann noch kein alter erfahrener Blogger war, sondern der Wunschtraumkünstler als junger Hund sich durch Paris treiben ließ, einen Monat lang vom Geld einer Erbschaft zehrend, in einem Hotelzimmer in der Nähe der Metrostation Anvers hausend. Rotweinhörig. Rauchend. Jung, schlank und unerhört belesen sich glaubend. Meine Mutter brachte mich zum Bahnhof, natürlich fuhr sie, wie immer, zu schnell, und wie es die Umstände und die knappe Zeit so wollen, kam sie in eine Polizeikontrolle. Mit ihrem Charme bezirzte Muttern die Polizisten jedoch mühelos. Wenige Minuten später drang aus dem Radio die Meldung vom Tode Axel Springers. Ich jubelte, Muttern meinte, dieser Jubel und Triumpf sei herzlos. Aber ich mochte an diesem Abend keinen Disput über Politik, sondern wollte mich auf Paris freuen: 22. September 1985. [Vielleicht stritten wir auch doch, ich weiß es im Grunde nicht mehr.] Ich befand mich nur noch eine Tagesreise von Paris entfernt, um dann Stunden, nach einer beschwerlichen Nachtfahrt später am Gare du Nord den Zug zu verlassen. Mein erster Tag in Paris: als Flaneur, der die Muße und die Zeit hatte, sich treiben zu lassen. Herbstzeit natürlich, dies erfreut den süchtigen Melancholiker allemal. Niemand sonst in der Stadt als ich. Damals gab es die Rowohlt-Reiseführer „Anders reisen: Paris“. Darin standen Dinge und Aspekte zur Stadt, insbesondere Politisches und Gesellschaftliches, das ich in anderen Reiseführern so nicht fand. Ich konnte mich treiben lassen. Ich entdeckte den wunderbaren, bis heute heißgeliebten Jardin du Luxembourg mit seinem Bassin, darin die Kinder Schiffchen treiben ließen und wo die Bäume und die Statuen so eigentümlich ordentlich und doch verrückt in Reihe stehen. Der Jardin du Luxembourg ist im Herbst, im Winter, im Frühjahr, zu jeder Zeit ein Ort, an dem es sich lohnt beobachtend auf einer Bank oder auf einem der Stahlstühle zu sitzen. Manchmal ergibt sich ein Bildmotiv.

An meinem ersten Tag fuhr ich sogleich – begierig auf die Metro wie die freche Göre Zazie – mit jener Metro zur Pont Neuf, die einige Tage zuvor von Christo und Jeanne-Claude verhüllt worden war. Während aber bei Zazies Aufenthalt die Fahrer der Metro streikten und sie deshalb die sehnlichst gewünschte Metro nicht besteigen konnte, gab es für mich keinerlei Hindernisse dieser Art. Das Gemisch der unterschiedlichsten Menschen dort, das Gedränge, der Geruch auf den Bahnsteigen: eine eigenwillige Atmosphäre. Entzückend auch das Schild mit dem kleinen Hasen samt seinem Stummelschwänzchen, der schmerzvoll die Pfote von der Tür zieht, weil sie ihm eingequetscht war: „Attention. Ne mets pas tes mains sur les portes, tu risques de te faire pincer très fort.“ Der jetzige Hase ist lieblos und häßlich gemacht. [Überhaupt: ich liebe Hasen. Bei Frauen hatte ich einstmals, in jenen jungen wilden, wunderbaren Jahren eine Hasenzählung: Hase eins, Hase zwei, und manchmal halt auch Hase siebenhundertfünfundzwanzig wenn durch weibliche Unbotmäßigkeiten die gewährte Gunst zu schwinden drohte; da konnte dann die Reihenfolge durchaus wechseln, je nach Befindlichkeit. Einige fanden es eher lustig, was ich mir da ausdachte, weil sie mich zu nehmen wußten, andere fanden es unter der Gürtellinie: Passend, sehr passend. Besonders unter der Gürtellinie der süßen-wilden Esther, damals in den 90ern!] Ja, die Pariser Metro, ein Ort für sich: die langen Verbindungsgänge am Gare du Montparnasse, wo ich auf einem Rollband fuhr und hunderte von Metern lang immer dasselbe Werbeplakat hing, jeweils in ein oder zwei Metern Abstand eines nach dem anderen, immer das selbe Motiv, der selbe Slogan. Und wo gibt es schon Stationsnamen wie Oberkampf (auch der Name einer französischen Punk-Band, deren Platten in meinem Schrank standen) und Stalingrad?

Können Photographien ein Katalysator sein, eine Art von Madeleine, um die verlorene Zeit wieder heraufzubringen? Das, was bald dreißig Jahre zurück liegt? Sechs Bilder, auf einem Negativstreifen aufeinander folgend, mit meiner herrlichen Nikon F3 geschossen.

 
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51 Gedanken zu „Paris, mon amour: Negativfilm: Erinnerungsbuch (1)

  1. „vom Geld einer Erbschaft zehrend“… besser ist eine Erbschaft nicht anzulegen.
    Ohne Erbschaft keine „Buddenbrooks“, kein Proust, kein sorgloses Flanieren. Ich wünsche Dir noch viele Erbschaften.

  2. Hanneswust, ich bin mir immer noch nicht sicher, ob dieser Satz von Dir nun ein Lob oder ein tiefvergiftetes Kompliment darstellt.

    @ summacumlaude
    Nein, bitte nur Erbschaft, wo ich nicht traurig sein muß. Die, welche mir Paris und vieles andere ermöglichte, war so eine. Ich kannte die Frau, die mir das Geld vermachte, kaum. Es war eine meiner Tanten.

  3. @Bersarin: Das einzig Giftige von meiner Seite dazu ist die Erinnerung an meine eigenen Aufenthalte am Montmartre (zu just dieser Zeit), bei denen es nur ums Saufen, Kiffen, Baggern ging. Und was für eine Tourischeisse das war, am Montmartre und wie viele unseriöse Gestalten es dort gab. Dazu fällt mir Zappa’s „In France“ ein. Sie haben offensichtlich Beinnernswerteres erlebt. Überhaupt, die kindischen „Exzesse“ meiner „Jugend“ (1984-2001) kommen mir heute erbärmlich vor. Es ist mir peinlich, einen Weggefährten von damals zu treffen, wenn er anfängt Bierkasten- oder Weibergeschichten zu erzählen.

  4. @anne: Danke. Ich nehme an, dass es der erste, mißglückte Versuch des jungen, auf sich selbst gestellten Menschen gewesen war, die Kräfte des Inneren zu entfalten.

  5. Daß nichts ohne Grund geschieht, erfreut den an Hegels Wissenschaft der Logik geschulten Bewohner des Grandhotel Abgrund. Es vertreibt ihm diese spröde Langeweile. Denn das Wesen bestimmt sich als Grund. Soviel ist gewiß und das berührt ebenso das rein Faktische der Biographie.
    ______________

    Ja, Montmartre ist ein schillernder Bezirk. Touristen schon damals, aber ebenfalls die Viertel der Schwarzen und der Araber.

  6. @HW
    Es war mir ein Vergnügen.

    @B
    Das ist sehr richtig, was Sie sagen hinsichtlich des Grundes auch einer biografischen Faktizität.
    Ich würde sogar noch die biologische Vergangenheit mit einbeziehen. Die biografische Vergangenheit – wie sie etwa von Barthes in „le Degré zéro de l’écriture“ gedacht wurde (oder wird?[das Werk wir ja immer weiter gedacht]).

  7. Im letzten Satz sollte es „biologisch Vergangenheit“, nicht „biografische“ heißen. Verzeiht!

  8. Und jetzt habe ich auch noch ein „e“ (bei biologische) vergessen. Verflixt!
    Vor meinem Fenster spielt eine Jazzband. Die Synkopen bringen die Vorgänge in den Hirnen durcheinander.

  9. wir nähern uns den den vermeidlichen ‚Synkopen‘ im Jazz eher, wenn wir die west- aber auch die ost-Afriknische Poly-Rhythmik in die Rechnung mit aufnehmen (to take into account). Seit der Renaissance ist die Synkope in der europäischen Musiktheorie klar definiert. Vergiss diese Konzepte, die seit der Renaissance tradiert werden! Sie liefern ein falsches Bild von dem, worum es in jazzverwandten Stilen geht!

  10. @ Anne
    Jazz entschuldigt freilich nicht alles.

    Schön aber, daß Sie den französischen Titel dieses Buches wählten. Der deutsche scheint mir die Nuancen nicht hinreichend zu erfassen. „Am Nullpunkt der Literatur“ klingt wie die Stunde Null der deutschen Literatur. Barthes geht es um mehr.

  11. wobei wir seit der Renaissance in der europäischen Tradition es erst wieder mit Schönberg mit wirklicher Polyphonie zu tun haben. Dass die starke polyphone und polyrhythmische afrikanische Tradition sich in Amerika und dann in Europa zunächst auf auf die populäre Musik auswirkte, hatte zur Folge, dass Leute wie Adorno diese Ereignisse nur mit spitzen Fingern anzurühren geruhten, verständlich. Aber bitte nicht vergessen, dass sich wirkliche (= d. h. im klassischem Sinne) Mehrstimmigkeit sich nur in diesen beiden Kontinenten entwickelte: In Europa und in Afrika!

  12. Ach, die „Anders reisen“-Reiseführer damals… Den von Paris hatte ich auch, im Regal finde ich allerdings nur noch den von London. Aber alleine das hat einen Madeleine-Effekt.

    Wobei ich gestehen muß: Paris habe ich damals gehaßt. Ich verfügte über keine Erbschaft, zum Arbeiten war ich – damals wie heute – zu faul, und so habe ich mir meine Reisen mit Straßenmusik verdient. Und die Konkurrenz in der Pariser Metro war um so viele Klassen besser als ich, daß Paris für mich immer Hunger bedeutete. Viel näher lag mir – aus rein kommerziellen Gründen – damals Zürich, wo man in einer Stunde locker fünfzig Stutz und mehr verdienen konnte. Und das erlaubte dann nicht nur ein anständiges Essen, sondern auch einen Theater- oder Konzertbesuch. Paris war für mich Anfang der 80er immer nur gefürchtete Durchgangsstation zwischen Großbritannien und dem Rest Europas, bei der ein knurrender Magen drohte…

  13. @alterbolschewik
    Ja, Paris ist ein hartes und ein teures Pflaster. Insofern hatte ich Glück, zumal die Franzosen mich, musizierte ich in der Metro, wohl des Landes verwiesen hätten. Nischen gibt es in Paris nur, wenn man Leute kennt. Auch mit meiner Erbschaft mußte ich zusehen, wo es günstige Restaurants gab. Zum Glück waren in Frankreich auch die günstigen Weine teils gut trinkbar – anders als in der BRD zu dieser Zeit.

    Diese Rowohlt-Reiseführer waren sehr gut und vor allem anregend: Ganz andere Pfade als die offiziellen wurden da präsentiert und konnten beschritten werden. Das politische Paris, das abseitige andere Paris. Bezeichnend, daß es heute so etwas nicht mehr gibt. Andererseits hat sich die Lage gewandelt und heute ist das interessant, was hip ist. Politische Zusammenhänge, politische Strukturen und die Sozial-Geschichte einer Stadt sind nicht mehr hinreichend von Interesse, außer im Sinne der Baedeker-Faktenhuberei: gegründet dannunddann, und dannundann kam König Sowieso. Auch denke ich, daß die Verlage immer weniger Mut zu Titeln haben, die risikoreich sind und wo nicht von vornherein feststeht, daß Gewinn eingefahren wird. Mit dieser Rowohlt Reihe ging das wahrscheinlich nur in jenem Zeitgeist der frühen 80er: Interrailreisen durch Europa, eine relativ große Anti-Atom und Friedensbewegung, Post-Punk und Post-Post-Hippietum. Trotzdem würden mich die Gründe schon interessieren, weshalb solche Reiseführer heute nicht mehr geschrieben werden.

  14. WunderbarerBeitrag, erinnert mich an meine legendären Frankreich-Erlebnise im selben Jahr. @“Damals gab es die Rowohlt-Reiseführer „Anders reisen: Paris“.“ Gibt es die nicht mehr?

    Ich reise bis heute nach solchen und vergleichbaren Führern.

    q“

  15. Ein sehr angenehmer Text, in der Tat. Aber sind die Anders-Reisen-Reiseführer heute nicht kritischer zu bewerten? Abgesehen von den linken Texten zu Gesellschaft und Politik geht es doch oft darum, „Geheimtipps“ zu nennen, die dann keine mehr sind. Die alte Geschichte von von der Vorhut des touristisch motivierten Kapitalismus. Egal.

    Der beste Reiseführer ist m. E. der von Boris Sieverts:

    http://www.archplus.net/home/archiv/artikel/46,2701,1,0.html

    Es ist seit Jahren mein Traum, exakt so zu reisen. Mehr ist überflüssig.

    Hannes, wenn deine Jugend bis 2001 dauerte, dann hat ihr Ende vermutlich etwas mit mir zu tun. Wusste ich noch gar nicht.

  16. Dabei trifft Bersarins Diagnose …daß es heute so etwas nicht mehr gibt. Andererseits… alle Metropolen, namentlich imperiale (von denen es in Deutschland keine gibt). Andererseits, ja andererseits, bestehen ungeachtet der neuerdings erscheinenden Hippster abgelagerte Schichten, eine Struktur.

  17. @genova: Ja, Du hast mich die Tugenden der sexuellen Enthaltsamkeit und des moderaten Drogenkonsums gelehrt. Außerdem kollabierte der Neue Markt und diese ganze New Economy Scheiße und damit auch meine Träume vom süßen Leben. So richtig endete meine Jugend aber erst 2009, als ich des lästigen Umstands gewahr wurde, dass ich ab diesem Zeitpunkt selber für meinen Gesichtsausdruck verantwortlich wurde.

  18. Meine Jugend endete mit meinem Tod.

    _________________

    @ che/Genova
    Nein, meines Wissens gibt es diese Reiseführer nicht mehr. Aber ich reise, wenn ich denn reise, meist sowieso recht konventionell. Ich lese ein wenig zur Stadt, in die ich mich begeben, suche mir ein paar Dinge aus, die ich mir anschaue, ansonsten lasse ich mich treiben. Abends bin ich meist derart müde, daß ich nicht sehr lange noch ausgehe. Irgendwo in einem Restaurant eine Flasche Wein bestellen, dann ins Hotel.

    Was mir fehlt, sind Reiseführer (oder besser: Bücher: das Wort „Führer“ hat so einen eigentümlichen Beiklang), die die politische Geschichte einer Stadt, ihre Sozialgeschichte darstellen.

    Es gibt sie immer noch: die abseits gelegenen Ecken, nur muß man zugleich wissen, wo man sich da hinbewegt. Es ist in Paris nicht wie in Berlin. Es gibt dort, wie auch in Lissabon No-go-Areas. Niemandem würde ich raten, ohne kundige Begleitung in die Banlieus zu gehen. Das war bereits in den 80er Jahren so.

  19. @ genova
    Interessanter Link. Diese Hinweise gälte es noch ein wenig zu verfeinern bzw. zu modifizieren, um als Flaneuer und Beobachter zu reisen.

  20. @ genova

    Oder überhaupt: an einem Ort zu leben – vielleicht ist der Flaneur der Einzige, der dahin gelangt; der endlos durch-streift, um hindurch zu gelangen, der das Bestehende so lange verschiebt, bis sich ein Stück Wirklichkeit auftut. (Die Grenze von Innenbildern und Faktizität zum Verschimmen bringt)

    Hungrig aus der Pariser Dachwohnung aufzubrechen, führt mich über Hemmingway in die Museen; doch – auch wenn der Eintritt für den jungen, weißen Europäer umsonst ist – nur selten zum Auf-bruch.

  21. Ich habe von der Ablagerung historischer Schichten gesprochen, von der historischer Struktur.
    Um die Wirklichkeit dieser erstarrten Verflechtungen und schlingenden Mäander zu erhellen bedarf es freilich mehr als einer Beschwörung eskapistischer Umtriebe im Paris des 19. Jahrhunderts. Die Metapher einer zur Weißgluth getriebenen Aktualität, einem zentralen Gesichtspunkt des Passsagen-Werks , in dem Benjamin den Begriff vom „Zeitkern der Wahrheit“ entwirft, ist ein solches Mehr.

  22. @ genova/che
    Eigentlich habe ich ja gar keine Zeit zu verreisen. Es hält vom Lesen und Schreiben ab. Danke aber für Eure hinweise. Natürlich ist Paris im speziellen und Frankreich im allgemeinen eine Reise wert.

    @ Anne
    Ja, Kant: er schrieb Reiseberichte, so z.B. von London, meine ich mich zu erinnern. Allerdings ist er nie dort gewesen. Eine interessante Idee.

    Das, was Benjamin umtreibt und dieses Mehr von dem Du schreibst, ist das dialektische Bild. Eine Serie dazu bei mir im Blog steht immer noch aus.

  23. Als Georg Forster, Begleiter James Cooks, gegenüber Kant sagte, er habe nie Angehörige der von Kant definierten Menschenrassen getroffen sondern nur Menschen, die sich über Stammeszugehörigkeiten, soziale Schichten, Religion oder ihre Heimatregion zuordneten erwiderte Kant, der nie weit über Königsberg hinausgekommen war, es reiche halt nicht aus, empirisch in der Weltgeschichte umherzureisen, man müsse dazu die Klassifizierung im Kopf haben. Als konkrete Person war Kant wohl ein fast autistisch zu nennender Zausel, der nicht in der Lage war, seinen Haushalt selbst zu führen. Er hielt Lüften für schädlich, was seine Zimmermädchen dazu veranlasste, sein Schlafzimmer in seiner Abwesenheit zu lüften.

  24. Um so erstaunlicher, daß ein derart bahnbrechendes Werk wie die „Kritik der reinen Vernunft“ entstand. Wieder einmal zeigt sich, daß empirischer und transzendentaler Charakter zweierlei sind und als wie wichtig sich es immer wieder erweist, Bereiche in der Analyse auseinanderzuhalten und zugleich sich über diese Mechanismen von Differenzbildung im klaren zu sein.

    Denn es reicht in der Theoriebildung nicht aus, unendliche ethnologischen Beobachtungen durchzuführen. Es gibt, im Sinne von Lévi-Strauss, elementare Strukturen der Verwandtschaft, und zugleich müssen solche Dinge durch die Beobachtung abgedeckt sein.

  25. … was bei mit aber immernoch nicht fieberhaftes Interesse an Lévi-Strauss auslöst. Lévi-Strauss ist interessant, weil Kant interessant ist (die theoretischen Schriften), aber umgekehrt?

    Goethe war übrigens ebenfalls ein Frischluftverächter. Im 18. Jh. setzte sich in deutschen Landen die Vorstellung, dass zu lüften sei, erst langsam durch. Der adelige Zinzendorf (Hochadel) den mährisch-böhmischen Flüchtlingen, denen er erlaubte (seit 1722), sich in der Oberlausitz (später die Gründung Herrnhuts) anzusiedeln, entsprechende Anregungen, etwa auch, wie sie ihre Häuser bauen sollten, damit sie ihre Wohnräume regelmäßig lüfteten.

    Allerdings bereits Montaigne beschwerte sich über die schlechte Luft in deutschen Wirtshäusern.

  26. @ziggev
    Insofern der „Linguistic Turn“ das „mentalistische Paradigma“ -nämlich die Abwendung und Destruktion jeglicher Ontologie- zur Voraussetzung hat, könnte man Kant auch aus der Perspektive des Levi-Strauss lesen.

  27. Ich meine, dass die Anatomie des Affen an der Anatomie des Menschen zu erschießen wäre. Und überhaupt: das noch unfertige Gebäude ähnelt doch der Ruine sehr, fand Goethe. Goethe entdeckte im Vater auch Wesenszüge, die dieser nur von jenem geerbt haben konnte.

  28. Ah, danke für den Hinweis. Schon mal gegooelt. Im Moment lenken mich aber Sachen wie Einkaufen und fehlende Zigaretten ab. Bücher aber zu kaufen steht bei mir z.z. leider nicht auf der Agenda. Wenn alle Klarheiten beseitigt sind, melde ich mich unter Umständen nochmal.

  29. witzigerweise ging Ch. Darwin in seinen Vorarbeiten für „The Expression of the Emotions in Man and Animal“ (erschienen 1872) genauso vor. In „Biographsche Skizze eines Kindes“ das noch deutlich vor der Veröffentlichung der Entstehung der Arten lag:

    „Im Alter von 2 Jahren war er gleich bei der Hand, wenn es Jemand bei ihm versah, mit Büchern oder Stöcken und dergleichen nach dem Betreffenden zu werfen; und dasselbe war bei mehreren meiner anderen Söhne der Fall. Andererseits habe ich nie eine Spur dieser Fertigkeit bei meine Töchtern wahrnehmen können, so daß ich mich zu der Meinung veranlaßt sehe, daß Knaben eine Neigung mit etwas zu werfen angeboren ist.

    Und dergleichen drollige Bemerkungen mehr: „Die Bewegungen seiner Glieder und seines Körpers waren lange Zeit hindurch unbestimmt und zwecklos und wurden gewöhnlich zuckend ausgeführt; jedoch fand bei dieser Regel eine Ausnahme statt, die nämlich, daß er von sehr früh an und jedenfalls lange ehe er noch 40 Tage alt war, seine Hände nach dem Munde führen konnte. Im Alter von 77 Tagen nahm er die Flasche (mit der er zum Theil gestillt wurde) in seine rechte Hand, gleichviel, ob ihn seine Wärterin auf dem rechten oder linken Arme hielt, und war,
    trotz wiederholter Versuche, während der nächsten acht Tage nicht dazu zu bringen, sie in die Linke zu nehmen; so war also die rechte Hand um eine Woche der linken voraus. Dennoch stellte sich später heraus, daß dieses Kind linkshändig war, ohne Zweifel nach ererbter Neigung – sein Großvater, seine Mutter und ein Bruder waren oder sind ebenfalls »links«.“

    Diese Notizen von Darwin sind höchst drollig, besonders die in Notizheft M und N, zwischen denen sein „Erleuchtungserlebnis“ nach eigener Auskunft stattgefunden haben soll. Er hatte sich vorgenommen, die Gedanken schießen zu lassen, freie Assoziationen – auch bei sich selbst beginnend -, dem Hund wird Verantwortungsgefühl oder Scham zugetraut (die berühmte Stelle, wo K. Lorenz ebendies seinem furzendem Hund zuspricht, ist wahrscheinlich abgeschaut), Pferde würden sich bestimmt an der schönen hügeligen englischen Landschaft erfreuen, Träume, Berichte von ortsansässigen Veterinärmedizinern, seines Vater …

    Eine geradezu an Wittgenstein gemahnende Methode, die er während seiner, nach eigener Auskunft, kreativsten Phase gegen ende der 30er und Anfang der 40er durchlief.

  30. Schöner Hinweis auf Darwin und Lorenz, ebenso bei Freud findet man immer wieder Stellen, wo gestrenge Wissenschaftlichkeit ins magische Denken kippt…z.B. bei der Kindheitserinnerung Leonardos. Diese Drei haben ja die Wesensverwandtschaft, dass sie – bei aller Unterschiedlichkeit – jeweils zu ihren Erkenntnissen nicht durch Laboruntersuchungen/Messungen oder Versuchsreihen kamen, sondern durch Betrachtung der Natur und Schlußfolgerungen aus der Summe der Einzelbeobachtungen. Möglicherweise befördert das magisches Denken.

    Aber auch somatische Mediziner, die zunächst „vernünftig“ reden, fallen im nächsten Moment in die Traum- und Kinderwelt (wo ja Einzelbeobachtungen/Inzidenzen kausal gewertet werden).

    Fazit: Die Konsistenz des durchdeklinierten, wissenschaftlichen Weltbildes wird in der eigenen Person schon nicht mehr durchgehalten. Naja, auch nicht so neu…

  31. Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innere, dieser das Äußere fehlt, so müssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art von Ganzheit erwarten. Und zwar haben wir diese nicht im Allgemeinen, im Überschwänglichen zu suchen, sondern, wie die Kunst sich immer ganz in jedem einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wissenschaft sich auch jedesmal ganz in jedem einzelnen Behandelten erweisen.
    Johann Wolfgang von Goethe: Materialien zur Geschichte der Farbenlehre

  32. Teil und Ganzes, Sinn und Kraft. Wie fein, daß Sie diese Stelle bei Göthen fanden und hier brachten! Manches und mehr noch ist von den Alten zu lernen und zu lesen. Und wenn ich an diesen ganzen Schmock und Schmonz von heute denke, der als Sprachauswurf produziert und schwachfugig hingerotzt wird: da kommt einem teils das große Kotzen.

  33. Er ist für uns tatsächlich so etwas wie eine Sonne, um die wir kreisen, ob wir es nun wollen oder nicht.

  34. Und ich hoffe, die Sonne ist gleißend, brütend und verbrennend. Es gibt von dem katholischen Schriftsteller Georges Bernanos den Roman Die Sonne Satans. Vom Titel an Baudelaire erinnernd. Jene Sonne, die das Aas am Straßenrand weich und geruchsintensiv kocht.

  35. Und allem und jedem unterschiedslos leuchtet; denn für eine Sonne gibt es kein Mehr und für eine Sonne gibt es kein Weniger.

    „Sei Licht und immer Licht
    bis auf den Grund der Tonne.
    Sei Licht und keine Flause nicht –
    mein Wahlspruch und der S o n n e!“
    (Majakowski)

  36. Wie wunderbar und wie gelungen und wie treffen, diese Zeilen von Majakowski. Bewegend, geil und auf den Punkt geschrieben. Ich glaube es paßt dazu die Hybris von Nietzsche, so zur Mitternacht und danach hin:

    „Ja! Ich weiß, woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    Glühe und verzehr‘ ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
    Flamme bin ich sicherlich.“
    (F. Nietzsche, Ecce homo)

  37. na ja, summacumlaude, ich bin mir nicht so sicher, ob es nur um „magisches Denken“ geht. Eher wollte ich herausstellen, dass Darwin kein Magiker war. – Oder verstehe ich Dich jetzt vollkommen falsch?

    Wenn eins sich die parallel dazu laufenden Tagebuchaufzeichnungen Darwins durchließt, bleibt nur dieser eine Schluss, dass Darwin bei der Entwicklung seiner ‚Entsstehung derArten‘ höchst subjetiv vorgegangen ist – um dann den Rest seines Lebens sich damit zu beschäftigen, Indizienbeweise für sie zu sammmeln, und um sie schließlich kurz vor seinem Tod zu veröffentlichen.

    – Giganten!

  38. Doch Darwin war natürlich Magier. Seine „Wissenschaft“ beruht – auch – auf Metaphernbildung. Und das bedeutet eben auch: magisches Denken, Korrespondenzen innerhalb der Sprache zu erzeugen.

  39. Sehe ich ähnlich wie bersarin, Wallace – Darwins großer Mitstreiter/Kontrepart – war neben dem Naturforscher, der er auch war, ein Geisterbeschwörer. Er sah darin keinen Wiederspruch.
    Übrigens sind alle großen Naturwissenschaftler große Künstler (Einstein, Paul Ehrlich, Newton z.B.), spätestens dann, wenn sie an der Grenze der Anschaulichkeit operieren. Aber keinen Streit; möglicherweise war sich Darwin seiner Magie gar nicht bewußt.

  40. @ summacumlade: ja, stimmt ja, und ich hatte bereits einen Kommentar zu Freud vorbereitet; nur war es nicht Georg Forster, der namensetymologisch ähnliche Vorfahren wie ich gehabt haben muss, sondern ein gewisser Nichtethnologe, names Frazer, der die dünne Beweisoberfläche für sein „Totem und Tabu“ liefern hatte müssen. Im Ergebnis ist es schon von den Voraussetzungen her Scharlanterie, eine gelungene Improvisation, aber durchaus im negativen Sinne ergebnisoffen.

    Zwischen drolligem Kabinettstück und schelmenromanhafter Schabernackspielerei bewegt sich Freuds „Der Witz und seine Beziehungen zum Unbewussten“. Nach der Hälfte etwa des Textes sagt er: „Ätsch-Bätsch, das Bisherige liest sich vielleicht als ne deduktiv vorgehende Untersuchung, ich bin aber rein deduktiv vorgegangen, die herangezogenen Argumente hatten nur diesen eienen Zweck, die Meinung, die ich mir vorher gebildet hatte, zu bestätigen.“

    Bei Freud selbstverständlich sehr elegant gemacht. Dasselbe Muster finden wir aber auch bei C.G. Jung.

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