Uns gefällt diese Welt – Archive der Nacht

Peter sagt
Er sei total verliebt in diese Welt
Peter sagt
Er nimmt die Welt weil sie ihm gut gefällt
Tina sagt
Mach dir nen schönen Abend ganz allein
Tina sagt
Ein nettes Buch kann auch ganz unterhaltsam sein

Manchen gefällt die Welt
Und manchen bricht das Herz entzwei
Und wir sagen ja zur modernen Welt
(FSK, Moderne Welt)

Inmitten des falschen Lebens gibt es nun doch ein Refugium – zumindest für Kinder: The Pink World of Barbie.
 
 
13_08_14_1
 

„You wanna go for a ride? / Sure, Ken! / Jump in! / I’m a Barbie girl in a Barbie world / Life in plastic, it’s fantastic / You can brush my hair, undress me everywhere!“

Wenigsten für die unschuldigen Mädchenherzen präsentiert und zeigt sich in Verlängerung bis zum 6. Oktober in Berlin am Alexanderplatz noch das richtige, das glitzernde, das bunte Leben in all seinen wunderbaren Facetten. Und nicht immer nur wird alles das, was ist, von den Nörglern und den Bewohnern des Grandhotel Abgrund so unerhört negativ-schwarz gepinselt und der Finger in die Wunden gelegt, sondern an diesem Ort präsentiert das Leben sich von seiner rosa Seite. Überhaupt: Wie kommen eigentlich die, die als Kritische Theoretiker alles besser wissen, dazu, dem echten Menschen, dem je eigentlichen Subjekt falsches Bewußtsein und falschen Blick zu unterstellen? Unerhörte Überheblichkeit! Es gibt doch lediglich unterschiedliche Perspektiven. Der eine ist so, die andere so. Der eine ist Maskulinist und die andere mag Barbies. Wer will da richten und sich überheben? Man muß die Menschen dort abholen, wo sie stehen, so spricht das demokratische Bewußtsein. Denn jeder Mensch ist bekanntlich immer ganz anders. Man muß durchaus die Welt durch diese Brille in rosa gemalt sehen, die Individuen in ihrer Vielfalt betrachten und im Frohsinn über das Dasein gleiten. Denn alles ist ein Schweben, ein Hauch, wie getupft. Das Leben ist schön. „Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick.“ Das wußte schon Goethes Mephisto im zweiten Teil des „Faust“. Wir verschreiben uns mit diesen Photographien voll und ganz der vollumfänglichen Menschenliebe und dem Dasein. Und wie durfte ich heute in einer Kommentarspalte in affirmativer Absicht lesen: „Die meisten, ach so ungebildeten Menschen handeln in den allermeisten Fragen nicht marktwirtschaftlich.“ Aha, da möchte man gerne nachbohren, wie diese „allermeisten“ Situationen und Fragen beschaffen sind. In den allermeisten Fragen nicht marktwirtschaftlich! So bleut die Spieltheorie das Bewußtsein weich. Und die INSM handelt wahrscheinlich ebenfalls in den allermeisten Fällen nicht marktwirtschaftlich, sondern zum Wohle der Menschen.
 
 
13_08_14_2
 
 
Wer aber rosa nicht mag, der oder die geht zum Bodrum-Imbiß und nimmt ein gutes Brathähnchen zu sich. Oder einen Fleischspieß. Und wer es herzhaft möchte, gerne auch eine Grillplatte. Wir müssen das gute Leben an den richtigen Orten und in den gemütlichen Stunden entdecken, denn es ist ja da. Wir müssen es nur sehen lernen, erkennen lernen, bis es wieder zu uns spricht. Das richtige Leben. In diesem Sinne, liebe Leserin, lieber Leser: Es gibt lediglich kein richtiges Hähnchen im falschen Imbiß.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Archive der Nacht, Ausgesucht öde Orte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Uns gefällt diese Welt – Archive der Nacht

  1. hANNES wURST schreibt:

    Vielen Dank, dass Sie sich nach 3000 Zeichen Einhalt geboten haben. So kam ich auch wieder einmal in den vollständigen Genuss einer Ihrer exquisiten Beiträge. Das Barbie-Haus gefällt mir sehr, es sieht entgegen meinen Erwartungen sehr solide aus, der Briefkasten ist ein schönes Stück Industriedesign.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, ich habe viel an Sie und an Ihre Schreibregel gedacht, Hanneswurst, manchen Abend, manchen Nachmittag lag ich lethargisch hingestreckt in der Gartenlaube: Ich habe sogar aufgrund dieser 3000-Zeichen-Regel meinen Text zu den Wols-Photographien ruhen lassen. Ich werde diesen Text, nachdem ich aus des Sinnieren und dem Somnambulen Zustande erwacht sein werden, morgen weiterschreiben. Und in den Blog stellen. Leider werden das dann wieder mehr als 3000 Zeichen.

  3. hANNES wURST schreibt:

    Bedenken Sie, dass verökonomisierte Personen (nicht zu verwechseln mit Ökos) stets Nutzen und Aufwand ins Verhältnis stellen, und also die zu erwartenden Erkenntnisgewinne (Rendite) stets durch für ihre Gewinnung nötigen Zeitaufwand dividieren. Dabei ist die zu erwartende Rendite relativ ungewiss, während das Risiko in Form von einer wuchernden Buchstabentapete ganz deutlich ins Auge fällt.

  4. Bersarin schreibt:

    Es ist das Lesen und das Leben ein beständiges Risiko, zwischen Augenkrebs und Lungenkrebs sich bewegend.

    (Kürzlich las ich in der Berliner Zeitung über einen von außerhalb eingeschleppten Fremd-Fisch, der sich mittlerweile in der zunehmend sich aufwärmenden Ostsee sehr wohl fühlt und der gerne Männern beim Baden und Schwimmen den Hoden abbeißt. Da ich nicht gerne in Bädern oder Meeren mich aufhalte, wird mich dieses Risiko nicht treffen. Ich hoffe, auch Sie besuchen nicht oder selten die Ostsee. Insofern ist das Lesen in meinem Blog dann das sehr viel geringere Risiko. Zumal bei meinen Texten in der Regel der Gewinn an Erkenntnis oder einfach die Lust am Text doch sehr hoch ist.)

    Vielleicht sollte ich diesbezüglich eine Umfrage kreieren: Was meinen Sie, liebe Leserin, lieber Leser?: Wie verhält es sich mit dem Erkenntnisgewinn beim Lesen in diesem Blog?

  5. hANNES wURST schreibt:

    Ich bin stets sehr erkenntnisreich nach dem Lesen dieses Blogs. Allerdings bin ich auch jeweils vor dem Lesen dieses Blogs schon sehr erkenntnisreich, Bei der aktuellen hohen Inflation ist die Prämie (in Form des Aufwands für die Verkonsumierung des Blogs) dennoch sehr wohl gerechtfertigt.

  6. Bersarin schreibt:

    Also muß ich die Texte noch länger machen, damit sie nicht mehr konsumiert werden. [Am liebsten ist mir der Konsum seinerzeit in der Zone gewesen. Da gab es immer das, was ein Herz im Mangel begehrte, und wenn es mal nicht da war, steigerte die Abwesenheit die Sehnsucht noch viel mehr. „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise“: Die Innigkeit dieses Songs kann nur der oder die spüren, die hinter der Mauer (oder eben davor: je nach Standpunkt) aufwuchsen. Insofern war die DDR eine für den ästhetizistischen Melancholiker gelungene Staatsform, weil sie das Begehren, die Lust und die Sehnsucht nach Ferne nur steigerte. Wir sagen ja zu Mauer und DDR, und zwar aus rein ästhetizistischen Gründen. Und die Kunst, die im Osten gemacht wurde, war allemal besser und wilder als dieser Westkram. (Ausnahme vielleicht: West-Berlin.)]

  7. ziggev schreibt:

    Sogar ich war mal in Berlin. War es Pankow, lebte meine Tante unfern der Friedrichstraße, war es sogar die Friedrichstraße an sich, damals 1986? Jedenfalls fand ich diese Stadt im abendlichen Dunkel, im Herbst, sehr, sehr romantisch. Ich trank die ganze Limonademeiner Tante leer, das einzige trinkbare Gesöff mit 16, Bier schied aus. Vom jeden Moment abzustürzen drohenden kleinen Balkon jenes großen Hauses, ich glaube, diese Art Architektur nennt man ‚Gründerzeit‘, beobachteten wir potenzielle Stasi-Spitzel, die unten vorbeikamen oder herumlungerten, während es meine Tante uns verbot, sie mit Äpfeln zu bewerfen, welche Äpfel aus irgendwelchen Gründen bei ihr lagerten.

    Auch probierte ich alle Musikinstrumente aus, die ihr Freund, ein Instrumentebauer, sich ein Teil nach dem anderen mit der Zeit zusammengestückelt hatte. Da er ein Cembalo, einen Flügel stimmen konnte, hatte er Kontakte zu höheren Kreisen. Aber seine geniale Idee, wie ich eines seiner Instrumente im Austausch gegen meine kaputte West-Gitarre herasschmuggeln könnte (wir fügten seinem Instrument denselben Schaden zu), lief schief. Bei der Ausfuhr war es derselbe Kontrolleur: „Aber das sind keine West-Mechaniken“.

    Dieser dunkle Herbst in der Stadt, in den dunklen Straßen ohne beleuchtete Reklamen, umsäumt von dunklen Häusern, während das Laub um unsere Füße herumgeweht wurde, und auch überall sonstwohin, machte auf mich einen großen Eindruck. Mein Cousin und seine Freunde meinten, sie wollten doch einfach nur mal schauen, wie es auf der anderen Seite der Mauer aussehen würde, das wäre eigentlich alles, so stromerten wir durch die Dunkelheit, wir hatten uns dann doch heimlich etwas Bier besorgt und Zigaretten, die unvermeidlichen ‚Karo‘, aber ohne Leuchtreklame, lediglich hier oder dort diese schwachsinnigen Parolen auf großen roten Stoffbahnen, fühlte ich mich um Jahrhunderte zurückversetzt, vielleicht ‚Berliner Kindheit‘ von Walter Benjamin (bei mir bitte immer englisch auszusprechen), die Stadt, die Dunkelheit, der Herbst und, woran ich mich vor allen Dingen erinnere, Das Laub …

  8. Bersarin schreibt:

    Ja, Berlin im Herbst ist eine wunderbare Stadt. Sehr melancholisch, teils sogar, in bestimmten Vierteln sehr still. Als bereitete die Stadt sich auf den immerkalten Winter vor. Auch setzt im Herbst schon der Geruch von Kohle ein. Wenn sich dieser mit den Nebeln vermischt, so ergibt dies eine ganz besondere Atmosphäre in Berlin

    Am schönsten in der DDR war die Freiheit von dieser ewigen Drecksleuchtreklame für Produkte, die bereits in einem Monat durch andere Produkte überholt waren, die dann mit anderen Slogans beworben wurden. Faszinierend. Und die unsinnigen Parolen: weiße Schrift auf rot: Mit Kraft und Tat dem XV Parteitag entgegen. Sinnloses Pseudosozialisten-Dada. [Und ich muß zugeben: ich mag von Silly Mont Klamott: Dit is Berlin!]

    Beobachtungen wie die von Benjamin konnte man wohl nur in Berlin machen. Wer will schon in Frankfurt oder München flanieren? (Obgleich ein geübter und versierter Flaneur überall sich herumtreiben kann. Es verhält sich da wie mit dem professionellen Trinker: er kann es in jeder Bar, noch der schlechtesten in ganz Berlin oder Bombay.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s