Tugendlehre als Form der Moralphilosophie und der Gesellschaftskritik? – Einige vorbereitende Überlegungen zu Adornos „Minima Moralia“ (1)

„Kurz, also was Moral heute vielleicht überhaupt noch heißen darf, das geht über an die Frage nach der Einrichtung der Welt – man könnte sagen: die Frage nach dem richtigen Leben wäre die Frage  nach der richtigen Politik, wenn eine solche richtige Politik selber heute im Bereich des zu Verwirklichenden gelegen wäre.“
(Th. W. Adorno, Probleme der Moralphilosophie. Vorlesungen 1963)

Foucault sagte einmal in einem seiner späteren Interviews, daß er drei Viertel seiner Text nicht hätte zu schreiben brauchen, wenn er Adorno früher entdeckt hätte. Das ist einerseits eine zwar nicht richtige, aber doch aus einer sehr genauen Beobachtung resultierende Sentenz, weil sich viele Überlegungen Adornos und Foucaults in der Tat berühren, wenngleich beide aus einem ganz anderen Traditions- und Theoriezusammenhang stammen. Was Adorno und Foucault allenfalls eint, ist einerseits das Interesse an einer Kritik des Bestehenden, mithin dies einschließend auch die berühmte Kantische Frage, was Aufklärung sei, sowie die Beschäftigung mit Nietzsche und Hegel. Die Denk-Weise dieser beiden Philosophen beieinflußte entscheidend auch die von Adorno und Foucault, wobei in Foucaults Denken die Struktur eher über den Text Nietzsches und bei Adorno über den Hegels erzeugt wurde. Andererseits zeugt dieser Satz Foucaults von einem hohen Maß an Bescheidenheit, denn auf so materiale Analysen wie „Überwachen und Strafen“ und „Wahnsinn und Gesellschaft“ oder „Die Ordnung des Diskurses“ möchte ich nicht verzichten, und für eine Kritische Theorie der Gesellschaft können wir froh sein, daß diese Bücher sowie seine Studien zur Macht existieren.

Es ist nun 62 Jahre her, daß Adornos „Minima Moralia“ erschien, jene „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ wie es im Untertitel heißt: nämlich im Jahre 1951, inmitten des BRD-Muffs der Adenauer-Jahre, der Restaurationszeit, als die Faschisten des Nazi-Deutschland wieder aus den Löchern krochen und gewendet als lupenreine Demokraten sich ausgaben – im Herzen jedoch immer noch die, welche sie vorher waren. Nun nannte man dieses Denken konservativ. Eine denkbar ungünstige Zeit im Grunde für ein solches Buch wie die „Minima Moralia“, war doch das Klima der deutschen Ordinaren wesentlich reaktionär geprägt: entweder von einem Existenzialismus als Jasperscher „Jargon der Eigentlichkeit“ getragen, wo es um die echte Entscheidung, in die der Mensch gestellt sei, um wahrhafte Subjektivität oder den Humanismus und um dergleichen Pathos mehr ging, oder aber es herrschte als Richtung die Heideggersche Fundamentalontologie vor. Progressive Strömungen und die dialektischen Denktraditionen waren weitgehend verdrängt, oder deren Philosophen begaben sich gleich in den Machtbereich der DDR, aus dem sie, wie Ernst Bloch und Hans Mayer dann schnell wieder auszogen. Zudem wollten die wenigsten an jene Jahre deutscher Herrlichkeit und des Deutschen Wesens erinnert werden, die noch nicht lang zurücklagen. Es sollte nun besser die Sonne bei Capri oder lieber noch die rote Flotte dort im Meer versinken.

[Es gibt diese Version ebenfalls mit der Stadt Danzig, die 1977 von der Panzerbrigade 28 gesungen wurde. Die Brigade war in Dornstadt bei Ulm stationiert.)

Wenn bei Danzig die Rote Flotte im Meer versinkt
Und der Marschall Gretschko in Preßburg am Galgen schwingt,
Zieh’n die Grennis mit ihren Mardern in Moskau ein.
Dann wird endlich Friede in ganz Europa sein.

Wenn am Roten Platz das Deutschlandlied erklingt,
hört von fern wie es singt.
Habt Ihr unsern Hauptmann nicht gesehn?
Kurz vor Moskau muß er stehn.
Habt Ihr unsern Hauptmann nicht gesehn?
Dort muß er stehn.

Soviel zu den Traditionszusammenhängen und inwiefern das Vergangene längst vergangen ist, denn irgendwann muß auch mal Schluß sein mit diesen ewigen Aufarbeitungen und dem immerwährenden Herumgekrittel, Genörgle und der Nestbeschmutzung. Es muß doch schließlich auch etwas Positives gesagt werden dürfen.]

Doch zurück zu den „Minima Moralia“ sowie zu einigen grundsätzlichen Überlegungen, wie mit Texten umzugehen sei – gleichsam als Schnell-Hermeneutik konzipiert. Um ein Werk, um einen Text zu verstehen, muß man ihn zunächst als Reflex und Reflexion auf die Zeit begreifen, in der er entstand. Ein philosophischer Text zudem bezieht sich meist auf theoretische oder praktische Fragen, die im Raume stehen, und er setzt sich mit andern Texten auseinander; er bezieht sich absetzend, sie weiterschreibend und -treibend oder manchmal auch zustimmend auf sie. Kants „Kritik der reinen Vernunft“ entstand nicht aus dem Bedürfnis nach Reinheit, weil Kant einen Waschzwang betrieb oder weil er von den Tücken der Empirie nicht belästigt werden wollte, sondern es ging ihm um die zentrale Frage, wie inmitten der erstarkenden empirischen Wissenschaften Metaphysik überhaupt noch möglich sei. Jene Metaphysik, die einstmals die Königsdisziplin der Philosophie bildete. Diese Übung des Verstehens, d. h. sich die Umstände und die Bedingungen eines Textes zu vergegenwärtigen und – sich darauf beziehend – überlegen, was da in diesem Text gesagt wird, ist ein basales Merkmal von Lektüre. Erst im Anschluß daran läßt sich ein Text kritisieren oder gar dekonstruieren. Im Bereich der Philosophie gehört zu diesen Übungen des Verstehens zugleich das Wissen um die Traditionen und die Kenntnis dessen, was andere schrieben. Wie war die Lage? Auf welche Texte und Ansätze bezog sich Kant? Ansonsten ist ein angemessenes Verständnis philosophischer Texte nicht möglich. Philosophie bildet ein verschlungen-verickeltes Konvolut von Texten, sie wuchert und treibt rhizomartig oder aber wie ein Wurzelwerk, verzweigt sich, wächst. Dieser Zusammenhang sollte – zumindest basal – im Hinterkopf mitschwingen.

Adorno schrieb diese Sammlung aus Sentenzen, Beobachtungen, Zuspitzungen, Verdichtungen, Aphorismen und Reflexionen im amerikanischen Exil in den 40er Jahre. Geplant war eine Veröffentlichung zu Max Horkheimers fünfzigsten Geburtstag 1945. Ihm, dem langjährigen Weggefährten, ist dieses Buch gewidmet. Allererdings scheiterte dies durch andere Projekte, mit denen Adorno in den USA befaßt war. Man kann wohl sagen, daß die Zeit dort eine ausgesprochen produktive war: es entstanden in den USA die „Dialektik der Aufklärung“ sowie die „Philosophie der neuen Musik“, auch zahlreiche Aufsätze und Notizen, so seine „Aufzeichnungen zu Kafka“, die dann 1955 in den „Prismen“ erschienen – jenem Band, in dem dann jenen der Satz schrieb, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben.

Angelehnt ist der Titel „Minima Moralia“ an eine moralphilosophische Schrift des Aristoteles, nämlich die „Magna Moralia“, und gleich zum Beginn in der „Zueignung“ spricht Adorno – in Anspielung an Nietzsche – von der „traurigen Wissenschaft“, diese bezieht sich, nach den Umwälzungen des 19. und 20. Jahrhunderts, „auf einen Bereich, der für undenkliche Zeiten als der eigentliche der Philosophie galt, seit deren Verwandlung in Methode aber der intellektuellen Nichtachtung, der sententiösen Willkür und am Ende der Vergessenheit verfiel: die Lehre vom richtigen Leben.“ Was einst als eine Art „Fröhliche Wissenschaft“, als Lehre vom Leben gedacht war und sich den freilich subjektiven Überlegungen hingab, wie zu leben sei, gerät in das Fahrwasser einer gesellschaftlich destruktiven Tendenz. Diese Tendenz tangiert sowohl Theorie als auch die Formen von Praxis selbst.

Wie zu leben sei, war eine der zentralen Fragen, und es gab einstmals so etwas wie eine Tugendlehre als eine Weise von Moralphilosophie, in der nicht das Zeitlose, das Apriorische, das Bedingende und Konstituierende eines Transzendentals oder die Idee vom guten Leben verhandelt wurde, sondern die Reflexion richtete sich auf ganz konkrete Situation und Umstände und stellte anhand derer die Frage nach dem guten und dem gerechten Leben. Im Grunde eine Morallehre des Empirismus. Dabei freilich bleibt der Text Adornos nicht stehen. Im Gegenteil. Wobei sich Adorno andererseits – in dialektischer Weise – dem Gegensatz von Empirismus und Rationalismus, von Metaphysik und Materialismus aus guten Gründen entzieht. [Eine solche Tugendethik war in den 80er, 90er Jahren in einer (allerdings teils konservativen) Weise als Neo-Aristotelismus im Schwange. Profilierteste Vertreter sind Alasdair MacIntyre und in einer eher progressiven Variante Martha Nussbaum.]

Im Hinblick auf dieses empirische Moment und auf die Frage nach dem guten Leben tätigte die Moralphilosophie Kants einen tiefen Einschnitt: die Frage nach dem Glück und die nach dem guten und gelingenden Leben lassen sich anders als das moralisch Richtige philosophisch – und damit auch: allgemeingültig – nicht bestimmen.

„… daß mithin der Grund der Verbindlichkeit hier nicht in der Natur des Menschen, oder den Umständen in der Welt, darin er gesetzt ist, gesucht werden müsse, sondern a priori lediglich in Begriffen der reinen Vernunft, und daß jede andere Vorschrift, die sich auf Prinzipien der bloßen Erfahrung gründet, und sogar eine in gewissem Betracht allgemeine Vorschrift, so fern sie sich dem mindesten Teile, vielleicht nur einem Beweggrunde nach, auf empirische Gründe stützt, zwar eine praktische Regel, niemals aber ein moralisches Gesetz heißen kann.“
(I. Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten)

Es geht hier, wie ersichtlich, um ein Allgemeines, um ein Gesetz. Für diese Position gibt es gute Gründe, und zwar dann, wenn Menschen sich fragen, ob es eine Moral gäbe, die universal Geltung beanspruchen kann. Gibt es, so Kant, Gesetze a priori, also vor aller Erfahrung und nicht aus ihr ableitbar? (Denn vom Sein läßt sich bekanntlich nicht aufs Sollen schließen.) Daraus leitet sich die zentrale Frage ab, ob es Menschenrechte gäbe, die für jede/n auf dieser Welt anwendbar sind und die insofern nicht mit einem kulturellen Relativismus entschärft werden können und inwiefern diese universalen Rechte zu begründen sind. (An diese Fragen schließt sich ein ganzer Komplex von Überlegungen zur Ethik bzw. Rechtsphilosophie an. Von der Frage „Moralität oder Sittlichkeit“ hin zu Hegel und über Rawls bis zur „Theorie des Kommunikativen Handelns“ bzw. der darauf folgenden Diskursethik bei Habermas. Eine gute Einführung in die Probleme und Fragen der Moralphilosophie, liefert John Rawls‘ „Geschichte der Moralphilosophie“. In ganz anderer Weise richtet Adorno in seinen 1963 gehaltenen und 1996 publizierten Vorlesungen „Probleme der Moralphilosophie“ den Blick auf die Fragen der Moral und dem damit verbundenen Moment des Gesellschaftlichen.)

Adorno versucht nun in den „Minima Moralia“ nicht, das Empirische gegen eine von der Empirie befreiten Moralphilosophie auszuspielen. Es handelt sich bei diesem Buch vielmehr um eine sehr spezielle, subjektive Reflexion. Im Sinne einer (kantischen) reflektierenden Urteilskraft wird zum Besonderen das Allgemeine gesucht, das zugleich dieses Besondere immer mehr durchdringt (Habermas sprach später von der Kolonialisierung der Lebenswelt), um in solchen Denkbewegungen und Meditationen eine Kritik des Begriffes vom Leben zu liefern:

„Was einmal den Philosophen Leben hieß, ist zur Sphäre des Privaten und dann bloß noch des Konsums geworden, die als Anhang des materiellen Produktionsprozesses, ohne Autonomie und ohne eigene Substanz mitgeschleift wird.“ (Adorno, Mimima Moralia“)

Es sind Beobachtungen, die unter den Bedingungen eines auf ganz Europa übergreifenden Faschismus auf der einen, und dem totalitären Stalinismus auf der anderen Seiten entstanden, die jedwede individuelle Regung des Subjekts untergruben und es ins Kollektiv einpreßten. Dazwischen eingekeilt lag ein anglo-amerikanischer Kapitalismus, der alles bis hinein in die menschlichen Regungen nach seiner Verwertbarkeit mißt. Allemal zwar die bessere Option, aber deshalb lange nicht frei von Kritik. Und wie es bereits 1939 Max Horkheimer in „Die Juden und Europa“ formulierte. „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Demnächst mehr auf Ihrem Blog „AISTHESIS“, wenn es in die Details von Adornos „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ geht.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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13 Antworten zu Tugendlehre als Form der Moralphilosophie und der Gesellschaftskritik? – Einige vorbereitende Überlegungen zu Adornos „Minima Moralia“ (1)

  1. ziggev schreibt:

    „Diese Übung des Verstehens, d. h. sich die Umstände und die Bedingungen eines Textes zu vergegenwärtigen und – sich darauf beziehend – überlegen, was da in diesem Text gesagt wird, ist ein basales Merkmal von Lektüre. Erst im Anschluss daran lässt sich ein Text kritisieren oder gar dekonstruieren. Im Bereich der Philosophie gehört zu diesen Übungen des Verstehens zugleich das Wissen um die Traditionen und die Kenntnis dessen, was andere schrieben. Wie war die Lage? Auf welche Texte und Ansätze bezog sich Kant? Ansonsten ist ein angemessenes Verständnis philosophischer Texte nicht möglich.“

    Ja, war mir schon immer zu nur schmerzlich bewusst. Viel, viel Zeit, die nötig wäre und so schnell vorbeigehen kann! Aber, etwa Kant, irgendwo muss man ja anfangen. Dennoch stößt man in der deutschen Philosophie oft auf diese scheinbar feststehenden Begriffe, die sich aber nur aus dem deutschen geschichtsphilosophischen Kontext ergeben. Wenn Adorno am Ende vom § 18 von Thesis und Antithesis spricht, dann hilft es nicht, mal so auf die Schnelle Wicki oder eine versuchte „logische Reduktion“ zu versuchen, sondern es fehlt mir vermutlich schlicht Hegel. Oder zumindest dessen wichtigsten Vorgänger (bei Kant hätte ich´s schon irgendwie hinbekommen). – Obwohl es mit Sicherheit auch noch ältere Traditionen gibt, die mir einen einfacheren, „logisch“ ableitbaren Begriff zur Verfügung gestellt hätten. Wie schon mal angedeutet, die logischen hegelschen Implikationen sind mir für ein Verständnis noch nicht klar.

    Bersarin, du weißt ja, dass ich manchmal (oder meistens sogar eher ziemlich) chaotisch bin, aber ich hab beides versucht. Direkt einzusteigen, die „Bedeutung“ müsste sich durch den Kontext erschließen (die Bedeutung eines Wortes ist seine Verwendung), ergab sich aber oft nicht so richtig – egal welche Traditionen (hab´s mehr als einmal ausprobiert) – oder andererseits ganz von Vorne anzufangen, Aristoteles´ Metaphysik! 1 1/2 Mal. Zurück zu der wunderbaren Schleiermacher-Platon-Übersetzung. Hat auch nicht geklappt. Nähere ich mich aber von Anfang an einer bestimmten Philosophie mit über Sekundärliteratur, befürchte ich, wenn ich denn dereinst in der Lage wäre, mich innerhalb dieser bestimmten Tradition halbwegs sinnvoll auszudrücken, dass ich mich der Möglichkeit benehmen würde, die Sinnhaftigkeit des einen oder anderen Begriffs zu hinterfragen.

    Schwingt also sicher – zumindest basal – im Hinterkopf mit. Da bin ich ganz bei K. Popper, einem „kritischen Rationalisten“ immerhin, wenn ich´s mir richtig gemerkt habe, und, angebliche Antipode von Adorno, der von Definitionen sehr, sehr wenig hält. Sie brächten (diese Leute) eigentlich nichts vor, das einen Wahrheitsanspruch erhebt, es seien konventionelle Angelegenheiten. Es handele sich dabei um eine für die Philosophie überaus ruinöse Einstellung (soetwas zu tun). Sie verhelfen nicht zur Klarheit sondern zu einer „prätenziösen Präszision“, die eine Scheinpräzision ist.

    Ich glaube, eine rhetorische, aphoristische, literarische Herangehensweise ist desh. nicht eine weniger präzise Herangehensweise, darum nicht geringer einzuschätzen, und gerade darum lernte ich diesen Text einmal besonders schätzen – aber genug für heute und bis hierher. (Bis zum Ende des ersten Absatzes nach dem irrwitzigen Liede – weiter bin ich nicht gekommen.)

    Ich freue mich also auf die noch weiteren vorbereitenden Überlegungen, die hoffentlich noch kommen werden.

  2. Bersarin schreibt:

    „Wenn Adorno am Ende vom § 18 von Thesis und Antithesis spricht, dann hilft es nicht, mal so auf die Schnelle Wicki oder eine versuchte “logische Reduktion” zu versuchen, sondern es fehlt mir vermutlich schlicht Hegel.“

    Ja und nein, es erschließen sich bei Adorno solche Begriffe, indem sich Leserin oder Leser dem Text und dem, was darin dargestellt wird, überlassen. Adorno plädierte z.B. dafür, Fremdwörter im Text nicht nachzuschlagen, sondern sie vielmehr aus dem Kontext zu eruieren und zu verstehen. (Sprachphilosophisch könnte man sagen, ein Verfahren, daß an Quine oder Donald Davidson erinnert.) Zudem kann niemand alles aktualisieren und im Wissenzusammenhang parat haben. Philosophie ist keine Einschüchterungsanstalt des Wissens, sondern sie dient dem Denken und vor allem der Kritik, wobei wir uns innerhalb dieses Feldes oft sehr langsam voranbewegen. Insofern muß man dann manche undurchdringliche Stelle auch mal liegen lassen und weiterlesen. Vielleicht erschließt sie sich ein andermal.

    In der Philosophie Begriffe zu definieren, steht einer Philosophie, die mehr sein will als bloßes Durchdeklinieren, entgegen. (Was innehalb der Philosophie nicht bedeutet, schwammig zu schreiben.) Ebenso wie die Literatur oder die Lyrik entfaltet und beleuchtet ein philosophischer Text die Begriffe und die Gegenstände, von denen er handelt, indem er sie in die Sprache bringt, indem er Anordnungen erzeugt und seine Gegenstand umkreist; ihn vermittels der Sprache zum Leben verhilft. Der Begriff „transzendental“ läßt sich zwar bestimmen als so etwas wie: Die Bedingung der Möglichkeit von … Aber es erschöpft sich ein solcher Begriff eben nicht darin. Um zu erfahren, was damit gemeint ist, kann es nicht schaden, die „Kritik der reinen Vernunft“ zu lesen. Zumindest in bestimmten Teilen. Und wem das zu trocken ist oder wer meint, vor so viel Reinheit in den Bestimmungen dann gleich fortlaufen zu müssen, der kann das machen, nur sollten sie oder er in diesem Falle eben nichts über Kant schreiben, sondern einfach über etwas anderes. Oder gar nichts.

  3. ziggev schreibt:

    jetzt wollte ich noch was notieren zu „transzendental“, aber geht nicht, jetzt kommt „Twin Peaks“ auf Arte, 9/29.

  4. ziggev schreibt:

    à propos Quine, Davidson – ich glaube, hier müssten wir bis auf (den von den Nazis ermordeten) Tarsky zurückgehen. Deswegen blieb ich, weil mir Tarsky zu kompliziert ist, beim späten Wittgenstein: „Die Bedeutung eines Wortes ist seine Verwendung in der Sprache“ So muss es wohl, wenn, heißen.

  5. Bersarin schreibt:

    Ja, wobei ich mich in diesen Bezügen Wittgenstein, Quine, Davidson nur sehr rudimentär auskenne. Ich habe sie zwar während meines Studiums gelesen, aber das müßte ich alles noch einmal hervorkramen.

  6. ziggev schreibt:

    Vielleicht kommt ja nochmal ein Experte vorbei. Aber von Quine stammt ja AFAIK der schöne Nachweis der Unbestimmtheit der Übersetzung. Ich hab´s mir so vorgestellt:

    Denke Dir einen großen Kreis von Wörterbüchern. Nun nimmst Du ein beliebiges Wort (dessen Bedeutung Du kennst) aus einem beliebigen Wörterbuch (klar, Du nimmst eins Deiner Muttersprache). Für dieses Wort (und seine Synonyme) findet sich eine oder eine Mehrzahl von Übersetzungen im nächsten Wörterbuch. Von diesem oder diesen weitergehend werden sich im nächsten wieder Übersetzungen finden lassen usf. Aber wenn Du nach dem so vorgestellten Stillepostsystem endlich wieder bei Deinem Anfangswörterbuch angekommen bist, wirst Du kaum auf dasselbe Wort treffen.

    Als ich übrigens mal entsprechende Links einer amerikanischen Übersetzerin rübermailte, sagte die bloß: „Quine is preaching to the choir“ Das täglich Brot der Übersetzerin.

    Mein Hobby ist übrigens, Wörterbücher zu sammeln. Ich studiere sie, blättere herum, tue alles, lese alles über Tiere oder prähistorische Musikinstrumente oder die Interpunktion des Englischen im 17. Jh. Lerne Inhalsverzeichnisse auswendig.

    Aber nie überprüfe ich, was das andere Wörterbuch dazu sagt. (Es sei denn, es handelt sich um ein nicht leichtes Übersetzungsproblem, und es ist notwendig, ein möglichst weitumgreifendes Bedeutungsfeld zu erschließen, was manchmal recht interessant sein kann …)

    Du kannst Dir also denken: ich bin ein totaler Kontext-Freak! – Und IMHO ist Quine hier doch nicht ganz unbedeutsam.

  7. ziggev schreibt:

    weiter im Text …

    „Dabei freilich bleibt der Text Adornos nicht stehen. Im Gegenteil. Wobei sich Adorno andererseits – in dialektischer Weise – dem Gegensatz von Empirismus und Rationalismus, von Metaphysik und Materialismus aus guten Gründen entzieht.“

    S-tolpers-tein : das vers-tehe ich nicht ganz: Gerade solche aristotelischen Lehren, wie von Nussbaum als essentialistische Moral wieder zum Leben erweckt, entziehen sich doch jeder Dialektik vom „Gegensatz von Empirismus und Rationalismus, von Metaphysik und Materialismus“.

    An die Stelle der Eudämonologie setzt sie die Quantifizierbarkeit des Glücks / Unglücks, wobei die des Unglücks besser zu quantifizieren sei. Also: gegen Obdachlosigkeit etc. Deshalb vieleicht in Amerika ihre derzeitige Populaität. So verstehe ich sie jedenfalls.

    Oder verstehe ich Dich falsch? Eine undialektische Lehre vom Glück / Unglück müsste auf eine essentialistische Moral hinauslaufen, peripathetisch gedacht.

  8. Bersarin schreibt:

    Wörterbücher zu sammeln, scheint mir nicht uninteressant. Das hat etwas von Arno Schmidtscher Besessenheit. Ich mag so etwas.

    __________

    Zum Stolperstein: Ich schrieb in diesem Zusammenhang nicht konkret von Nussbaum, sondern von Adorno bzw. ganz allgemein von der Dekonstruktion bzw. der Dialektisierung des Gegensatzes. Die Tugendethik nannte ich in diesem Kontext, um zu zeigen, daß es ebenfalls Moralkonzepte gibt, die nicht in der Kantischen Weise argumentieren, also mittels eines sehr starken Vernunftbegriffs bzw. mit apriorischen Annahmen arbeiten.

  9. Bersarin schreibt:

    Doch ich bin, was Nussbaum und MacIntyre betrifft, kein Kenner, insofern halte ich mich da zurück und fabuliere nicht, und schon gar nicht kritisiere ich sie, denn dazu müßte ich sie zunächst wieder lesen. Diese Dinge sind bei mir aber 20 Jahre her. Mein Gebiet ist ja zudem eher die Ästhetik.

  10. ziggev schreibt:

    klar, ich kann ebensowenig über Nussbaum mal eben so referieren. Aber als Vertreterin einer essentialistischen Moral, als welche sie mir z.z., soweit meine Augen reichen, aufzutreten scheint, habe ich mir ihren Namen dennoch gemerkt.

    Und wir stellen uns doch Fragen der Ästhetik auch als Arno Schmidt – Fanatiker oder Peripathetiker. „Asyl für Obdachlose“ – Ich nehme mir heraus, das ganz buchstäblich zu lesen.

  11. che2001 schreibt:

    @ jenem Band, in dem dann jenen der Satz schrieb, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben.: Der originäre Wortlaut dazu ist gewaltig: „Alles, was heutzutage Kommunikation heißt, ausnahmslos, ist nur der Lärm, der die Stummheit der Gebannten übertönt. Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.“

  12. Bersarin schreibt:

    @ che
    In der Tat: eine der zentralen Stellen aus der „Negativen Dialektik“, genauer den „Meditationen zur Metaphysik“, die die Philosophie Adornos auf dem Punkt bringt. Auch von mir immer wieder gerne zitiert. Leider meist vergeblich. Die Absurdität des Begriffs von Kultur. Und noch absurder, die, welche annehmen, Adorno betriebe Kulturkritik.

  13. onroa schreibt:

    Für Interessierte lasse ich den Link hier http://pflasterritzenflora.ppsk.de/moral-2/
    (dort ein sozial-psychologisches Verständnis zu dem Verhältnis der Moral und dem Gewissen).

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