„Lieber Maler male mir“ – Martin Kippenberger im „Hamburger Bahnhof“ zu Berlin

Wer sich einen vergnügten, einen sinnlichen, einen heiteren, einen saukomischen, einen mit suspekt-subtiler Kunst angefüllten Nachmittag machen möchte (und an einige Stellen ebenso einen nachdenklichen), der besuche die noch bis zum 18.8. im Hamburger Bahnhof laufende Kippenberger-Retrospektive „sehr gut | very good“.
 
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Es sei vorab gesagt: Es lohnt sich umfassend – auch wenn man womöglich gegen diese Ausstellung methodisch durchaus einiges einwenden könnte. Kann man Kippenberger archivieren und musealisieren? Die Einmaligkeit einer Kunst-Performance und als Erlebnis-vor-Ort ist nicht wiederholbar, so wie die Wildheit der Jugend, das Ungestüme immer nur als Bild und Blick zurück in der Erinnerungen bliebt oder als ein Blättern in den Photoalben; es sind die Nächte in der „Turbine“, im „Ratinger Hof, im „Krawall“, im „SO36“ oder im „Subito“ nicht nachzuinszenieren, und sie sind nicht ausstellbar. Unwiederbringlich, vorbei, verloren und verweht. Es harren die sentimentalen Reste und Reize in den Erinnerungsspuren, und deshalb ist es durchaus schwierig, die Kunst Kippenbergers, die von einer Art Präsenz oder auch von der Gegenwärtigkeit (insbesondere des Künstlers) lebt, als Ausstellung zu wiederholen. Das galt bereits für einen der ersten Kunstskandale, der als Performance sich aufführte, nämlich die Einschüsse der Dadaisten, 1916 im Züricher „Cabaret Voltaire“, ins kunstsinnige Bürgertum. Bilder und Skulpturen jedoch lassen sich durchaus ausstellen und in solchen Wiederholungen präsentieren. Sie leben als solche weiter. Bei Kippenberger jedoch tritt eine Aufladung, eine Art von Parousie hinzu, die sich an den Künstler selbst knüpft. Trotzdem gelingt es dieser Kippenberger-Retrospektive, verschiedene Facetten dieses Künstlers zu zeigen, ohne daß es dabei albern, anti-akademisch oder bloß beliebig wird. Die Ausstellung konzentriert sich und zugleich kann man sich als Flaneur durch sie treiben lassen.
 
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Allein manche der von Kippenberger geprägten Kunswerk- oder Ausstellungstitel sind Aphorismen, die für sich stehen: „Herrenwitze sind so wichtig wie der liebe Gott.“ „Was Gott im Herrschen, bin ich im Können“, „Nur Angst vor Frauen, die Samt tragen (seidene Schlüpfer sind keine Ausrede für hautfarbene BH’s)“ Ja, wie wahr, so möchte ich bei manchem Satz ausrufen.

In diesem Jahr, am 25. Februar wäre Kippenberger 60 Jahre geworden, und schon vor zehn Jahren wurde sein 50er Geburtstag mit großen Brimborium begangen. Kippenberger starb 1997, nach einem mehr oder weniger erfüllten, einem rauschhaften Leben: Live fast, die young, so kann man es in der Punk-Ästhetik, zu der Kippenberger einiges beitrug, wohl schreiben.
 
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[Aus der Serie: Lieber Maler, male mir. Das sind Kippenbergerbilder, die nicht vom Künstler selber gemalt wurden.]
 

Werk und Biographie, Kunst und Leben durchdringen sich bei Kippenberger wie bei wenigen Künstlern. Sein Werk ist nicht ohne die Person Kippenberger mit all ihren Eigenschaften, Ausprägungen und Marotten denkbar. Daß Kippenberger den Begriff des Malergenies untergraben haben soll, scheint mir allerdings als These falsch: Kippenberger ironisiert bzw. verspottet den Geniebegriff und den des Malerfürsten. Gleichzeitig aber gehörte er über seine Aktionen und Werke durchaus selber dazu, denn ohne das Subjekt Martin Kippenberger und in Verbindung mit ihm wären viele dieser Werke nicht denkbar. „Martin, ab in die Ecke, und schäm dich“ ist ohne die Kenntnis, wer Kippenberger war, schwierig zu verstehen. (Obwohl man diese Ton-Skulptur andererseits auch ohne Kenntnis lesen und betrachten kann. Der Interpretationsfilm dreht und läuft dann bloß ein wenig anders.) Kippenberger strich das Geniesubjekt nicht durch, sondern forciert es – freilich in gebrochener Weise. Er war ein Selbst-Performance-Künstler; im Zentrum seines Schaffens stand das Performative, sein Werk hätte ohne seine Person, ohne dieses Wesen „Martin Kippenberger“ mit seinen überschäumenden, genialen, witzigen und subtilen Eigenschaften nicht funktioniert. Andererseits löst sich im Rückblick vieles vom Künstler ab: Denn auch der Dadaismus, in dessen Tradition Kippenberger steht, läßt sich – zumindest kunstgeschichtlich – rekonstruieren. Nur wäre Kippenberger dieses Verfrachten ins Diskursive und in einen Wissenschaftsraum verhaßt.
 
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Kippenberger war Legastheniker, und sein Umgang mit Büchern, Texten und Theorien gestaltete sich insofern sehr speziell. Bücher waren ihm lediglich Anlaß, er las nicht gerne, er ließ sich lieber die darin geschehenden Dinge und Geschichten erzählen. Man kann das für die Kenntnis des Werkes wissen, doch man muß es nicht. Dennoch schuf Kippenberger zahlreiche Bücher.

Kippenberger ist ein Mensch der Sinne, und er brachte die Erhabenheitsphrasen einer im Grunde durch und durch am Markt ausgerichteten Kunst auf den Punkt, indem er Kunst ins Gewand von Spott und Ironie brachte. Kippenberger ließ sich nicht auf eine Position festnageln, außer vielleicht auf die des sinnlichen Spötters, des Ironikers, des Melancholikers, der den Rausch der Kunst mit dem des Lebens zuweilen zu paaren suchte, und wenn manche heute sagen oder schreiben: „Wir brauchen wieder mehr solche wie Kippenberger“, dann hätte er daraus ein Happening gemacht, daß diesen Satz womöglich in seiner ganzen Idiotie vorführte. Und auch diesem Text in diesem Blog gegenüber wäre er wenig bis gar nicht aufgeschlossen. Zudem verhält es sich bei Kippenberger so, daß er Kunstgeschichtler, Feuilletonisten oder andere kunstsinnig-ästhetische Berichterstatter nicht hat leiden können – doch er kann sich nun gegen all die Analysen, gegen die Berichte und Anekdoten der Freunde, der Weggefährten, der Geschichten- und Theorienschreiber des Kunstbetriebes als Mensch und als Künstler nicht mehr wehren: „Jeder Künstler ist ein Mensch“, so verdrehte er den so häufig aus dem Zusammenhang zitierten Satz von Beuys. Er verweigerte sich der Kunst innerhalb der Kunst, und als Betreiber des „Büro Kippenberger“ zeigte er, was Kunst ebenfalls war: eine bürokratisierte Angelegenheit, ein durchrationalisierter Verwaltungsakt, der der verwalteten Welt ein weiteres Quantum Verwaltung hinzufügte. Diesmal als Kunst. Er hielt der Kunst im wilden Gestus und in der zugespitzten Sentenz einen Spiegel vor und trieb diese Kunst doch weiter und über sich hinaus. Wahrscheinlich sogar ein letztes Mal, ohne daß es schal oder abgestanden wirkte.
 
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[Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken]
 
Diese Dekonstruktion des Werksbegriffs und überhaupt der akademischen Kunst gab es bereits vor ihm, wir denken nur an Sigmar Polkes Bild „Höhere Wesen“, das die Geistestranszendenz einer mittlerweile stillgestellten Abstraktion in der Malerei auf den reinen Spaß herunterbrach. Die Sinnlichkeit des leeren Raumes, der weißen Fläche, der Farbfläche, der schwarzen Fläche, des White cube und insbesondere die der Hard Edge-Malerei verkam zur Floskel oder zur akademischen Wiederholung. Polke rebellierte mit Witz und mit Geist zugleich. Auch Kippenberger entstammt dieser Tradition der Provokation: Vielleicht nicht auf eine so subtile Weise wie der 1963 jung verstorbene, genial-witzige Piero Manzoni, der Ende der 50er, zum Beginn der 60er Jahre die Produkte des Künstlers, vom Atem bis zur Scheiße, auf dem Markt der Kunst feilbot. Signierte Dosen, in denen sich, den Angaben Manzonis zufolge, der Kot des Künstlers befunden haben solle. Der Künstler als Midas, der die Scheiße zu Gold bzw. Geld macht. Aber es geht in solchen Aktionen nicht darum, die Kunst der Moderne zu denunzieren und sie gegen die traditionelle Malerei auszuspielen, die sich darauf beruft, daß Kunst ja von Können käme. Denn dieses Verhalten Scheiße-zu-Geld frißt genauso den Umgang mit der Kunst der Vergangenheit und dem grauenvollen Substantiv „Kunstgenuß“ an, das in etwas das Gegenteil von Kunst meint. Kippenberger trieb es auf die Spitze.

Aber es ist nicht alles nur heiter im Werk von Kippenberger, und wer ihn lediglich als den Clown und den Provokateur des Kunstbetriebs ins Spiel bringt, entschärft damit zugleich die Kritik der Kunst samt der Reflexion auf Kunst, von der sein Werk getragen wird. Insbesondere sein „Floß der Medusa“-Zyklus von 1996 zeigt einen im Grunde bereits körperverletzten, vom Krebs, vom Alkohol angefressenen Kippenberger, der sein eigenes Leben zum Kunstwerk macht: mit Pathos und Witz zugleich, und darin liegt eben die Stärke Martin Kippenbergers: Daß er Werke schuf und diese zugleich mit der Geste der Ironie versah. Wer diese verrenkten Körperfotografien sieht, lacht einerseits, weil er an den Provokateur und Spaßmacher Kippenberger denkt, der seine Krankheit ausstellt, verdoppelt und als Werk ins Bild bringt, das heißt: fixiert. Aber der Titel dieses Zyklus assoziiert ebenso jenes grausame Gemälde von Géricault: es ist der inszenierte „Schiffbruch mit Zuschauer“ (Hans Blumenberg, in einem andren Zusammenhang), den Kippenberger uns vergegenwärtigt. Diese Bilder zeigen den Verfall, zeigen das, was der Fall ist, ohne in die Positivität zu gleiten und zu salbadern.

„Dit is Bärlin“ (oder Köln-Düsseldorf), und es gehört zu allem, was da als Aktions-Kunst und Situationsspott dargeboten wird, immer auch ein wenig vom Habitus des genialen Genies, des Dabeiseins als Eingeweihter, der Anwesenheit dazu, und dann macht es manchmal – zumindest, im Sinne des popkulturellen Genres – nichts, daß die Grenze zwischen Kitsch samt Ikonenverehrung und einem ernstzunehmenden Werk, das den Werkbegriff in Frage stellt, an manchen trunkenen Tagen fließt, verschwimmt und verschimmert. In ihren verschiedenen Varianten ist der Pop, dort, wo er mit einer bestimmten Weise von Kunst korrespondiert – sei das nun R.D. Brinkmann oder R. Goetz –, die Simulation von Gegenwart als Wunschmaschine und als melancholisches Begehren nach dem Immer-Vergänglichen, das es auf die Dauer zu stellen gälte: im Sex, im Rausch, im Text, im Bild. Es ist in ein Musikstück gepreßte und darin aufgehobene Gegenwart dessen, was nicht zu vergegenwärtigen ist.

Dieses Leben nahm sich Kippenberger als Kunst samt dessen Überschreitung. Dieses Berstende, diesen Akt von Verausgabung und unendlichem Spaß kann keine Ausstellung im Modus eins-zu-eins wiedergeben. Dennoch gibt es Formen, die diese Weisen textualisieren und kontextualisieren. Kippenbergers Bilder, Plakate und Fotografien sind Visualisierungen und Textualsierungen dieser Zustände. Textualisierungen eines wunderbaren Legasthenikers. Dies führt jene sehr empfehlenswerte Ausstellung im Hamburger Bahnhof vor Augen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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12 Antworten zu „Lieber Maler male mir“ – Martin Kippenberger im „Hamburger Bahnhof“ zu Berlin

  1. Pingback: Zwei Sichten auf Kippenberger | perisphere

  2. zooey_d schreibt:

    Wenn man alle Phrasen aus diesem Text beseitigen würde, wäre er nur noch die Hälfte lang. :)

    Hier ein paar Beispiele:
    1) „Kippenberger ließ sich nicht auf eine Position festnageln, außer vielleicht auf die des sinnlichen Spötters, des Ironikers, des Melancholikers,… “ – Da kann man sich den Anfang von so einem Satz auch sparen, wenn man ihn kurz danach ad absurdum führt
    2) „Sein Werk ist nicht ohne die Person Kippenberger mit all ihren Eigenschaften, Ausprägungen und Marotten denkbar.“ – Natürlich ist ein Werk, ohne den Künstler der es geschaffen hat, nicht möglich (egal welche Eigenschaften er hat)
    3) „der den Rausch der Kunst mit dem des Lebens zuweilen zu paaren suchte…“ – nichtssagend
    4) „…eine bürokratisierte Angelegenheit, ein durchrationalisierter Verwaltungsakt, der der verwalteten Welt ein weiteres Quantum Verwaltung hinzufügte.“ – Na da kann aber jemand gut schreiben! Glückwunsch.

  3. Bersarin schreibt:

    Wem das Denken in univoken Zusammenhängen zur Methode geworden, dem scheint’s allüberall zu kompliziert, zu komplex, zu lang. Wer Sprache auf die pure Mitteilungsfunktion beschränkt, sollte sich nicht mit der Kunst beschäftigen, sondern vielleicht in einer Marketingabeilung mit griffigen Slogans arbeiten: Heute beliebt in Agenturkreisen: das Japanische, weil so schön reduziert.

    Ich könnte Dir jeden dieser Sätze erklären und erläutern, weshalb er genau so und nicht anders geht. Allein – ich habe keine Lust dazu, weil es zu nichts führt. Außer daß meine Zeit mir verlustig geht.

    Übrigens ist ein Kunstwerk natürlich ohne den Künstler denkbar, sieht man einmal von der Trivialität ab, daß ein Kunstwerk von irgendwem geschaffen wurde. Bei Manetbildern ist es überflüssig, etwas über oder von Manet zu wissen. Bei Kippenberger nicht. Insofern: erst Denken, dann Schreiben. Andersherum ist blöd.

  4. zooey_d schreibt:

    Ich sehe, da kann jemand mit Kritik umgehen!

  5. Bersarin schreibt:

    Ja, stimmt, wenn sie sich auf die Sache bezieht, durchaus. Wenn sie von Schreib- und Lesefaulen geäußert wird, dann gibt es Gegenwind. Ist doch einfach zu verstehen? Oder nicht? Zumal, wenn es sich um Kritik handelt, die in banaler Sprache und frei von Esprit geäußert wird.

    Also, zooey_d., bemühe Dich beim nächsten Mal ein bißchen mehr! Das hier war schlicht ungenügend.

  6. zooey_d schreibt:

    :D

  7. Bersarin schreibt:

    Bevor wir die Emoticons besaßen, mußten wir noch eigenständig Worte für das finden, was wir vorgaben, ausdrücken zu wollen. Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben; man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken.

  8. zooey_d schreibt:

    Wie absurd, dass du mich darauf hinweist, keine eigenen Gedanken zu haben indem du ein Zitat verwendest, das nicht von dir stammt.

  9. Bersarin schreibt:

    Aha, es kann schreiben. Immerhin hast Du dank Internet wenigstens das Zitat herausbekommen. Jeder Mensch von Bildung benötigt dazu freilich und naturgemäß nicht das Internet.

    Aber auch diese von mir inszenierte Subtilität, einfach mal die Anführungszeichen zu tilgen, wirst Du nicht bemerkt haben.

  10. Bersarin schreibt:

    Und schriebe ich: Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn, so hieltest Du mich sicherlich für einen theologischen Mediziner oder für einen juristischen Theologen, der irgendwie von der Philosophie angehaucht wurde. So geht das Pneuma.

    Langsam beginnt es mir, Spaß zu machen, weil dieser Hund, dieser Köter Melancholie, der mit mir schlummerte, geweckt und sodann vertrieben wurde. Schärfung der Spannung.

  11. jack skysegel schreibt:

    Entschuldige Bersarin, manchmal ist es vielleicht besser bestimmte Dinge auf den Punkt zu bringen. zooey_d zeigt Ihnen auf einfache Art wie so etwas gehen kann…

  12. Bersarin schreibt:

    Guck mal, für Leute wie Dich oder Frau Zoo gibt es die Bild-„Zeitung“ mit Dreiwortsätzen. „Ich gehe Kippenberger. Ich finde gut.“ So in etwa. Dort solltest auch Du lesen und kommentieren. Mal auf den Punkt gebracht.

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