Einschußlöcher, Seelenschründe: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall“. Kevin Powers „Die Sonne war der ganze Himmel“

Kriegsromane gibt es als Genre der Literatur in vielfältiger Ausprägung: Verherrlichend, nüchtern-sachlich oder abschreckend: Von Jünger und Hašek über Remarque bis hin zu Hemingway und Mailer. Oder aber es tritt der Kriegsroman in der Trivialvariante auf, wie bei Alistair MacLean: Krieg dient hier der Spannungs- und Suspense-Erzeugung, weniger geht es um literarische Bilder oder Gesellschaftliches. Häufig fungiert der Krieg in seinen literarischen Darstellungen als Metapher – freilich oft als eine sehr reale. Vom „Kampf als inneres Erlebnis“ wird heute wohl kaum noch jemand fabulieren. Daß Kriege, insbesondere der 1. Weltkrieg, einst einen Erfahrungsraum schufen (sei es im negativen oder als Ausbruch aus dem als leer empfundenen Alltag), bleibt wohl, insbesondere mit Jünger gedacht, unbestreitbar. Nur stellt sich die Frage, wie dieser Raum ausgestattet und mit welchen Farben er versehen wird. Insbesondere, wenn man auf die politische Dimension des Krieges reflektiert. Was Jünger in seinen „In Stahlgewittern“ nicht betreibt. Gleichzeitig aber bedeutete dieser 1. Weltkrieg jedoch, wie Benjamin in seinem Essay „Der Erzähler“ festhielt, den Verlust von Erfahrungen: Der Krieg hinterließ eine seltsame Leere; sowohl im Bewußtsein als auch in den Schreibszenarien.

Eigentümlich mutet es an, daß seit dem Ende der 90er Jahre, seit sich die USA und insbesondere Europa in beständigen Kriegen befinden, wenig belletristische Literatur zu den Kriegen dieser Gegenwart erschienen ist – insbesondere zum Irak- und Afghanistankrieg. Nun ist dieses Jahr allerdings die deutsche Übersetzung von Kevin Powers „Die Sonne war der ganze Himmel“ erschienen. Wohl einer der ersten Romane über den Irakkrieg von 2003. Der Autor nahm von 2004 bis 2005 an dieser Invasion teil. Was wir in diesem Roman lesen, ist jedoch kein Erlebnisbericht im Stile der Reportage, sondern die Welt des Krieges, die Welt dreier Soldaten, betrachtet aus der Perspektive des Soldaten John Bartle, literarisch verdichtet auf ein einziges Szenario hin, nämlich den Tod seines Kameraden Daniel Murphy. Im Grunde handelt es sich bei jenem beschriebenen Irak-Szenario um einen beliebigen Krieg; die Örtlichkeiten bleiben – zu Recht – äußerlich und zufällig, obwohl sie mit Namen genannt werden. Der Gegner ist anonym, er wird nicht beschrieben, er tritt lediglich als abstrakter Feind hervor, wenn es Granatenbeschuß hagelt, Körperbomben bersten oder Sprengfallen explodieren. Von den Soldaten wird der Feind lediglich mit einem einzigen Namen bezeichnet: Die Haddschis.

Die Dimension der Destruktion wird auf eine gelungene Weise im Text eines traditionellen Marschliedes der US-Army festgemacht, das dem Roman vorangestellt ist – es besitzt eine durchaus lyrische Dimension, die in ihrer Lakonie fürs 20. und 21. Jahrhundert mir angemessen erscheint:

A yellow bird
With a yellow bill
Was perched upon
My windowsill

I lured him in
With a piece of bread
And then I smashed
His fucking head …

Könnte, was den Kitschgehalt bzw. die angedeutete (scheinbare) Naturromantik anbelangt, durchaus von Robert Frost sein, aber diesem gebricht es, im Gegensatz zu diesen Versen, an der nötigen Distanz-Ironie.

Was geschieht in diesem Buch?

John Bartle ist 21 Jahre alt, als er im Irak eingesetzt wird. Er hat sich, wie so viele, freiwillig zur Armee gemeldet. Der Ruf, der wie Donnerhall braust, ist nur noch bedingt nötig, Ideologie und Patriotismusgedöhns werden zwar weiterhin noch in die Menge getrötet, aber sie sind im Grunde überflüssig. Wer Arbeitslose und Menschen ohne Perspektive erzeugt, der braucht den nationalen Kitt und Kitsch im Grunde nicht mehr. Aber er macht zumindest als Symbolisierung und als Modus der Repräsentation etwas her, erzeugt das gesellschaftlich gewünschte gute Gefühl, etwas für die (scheinbar) gerechte Sache zu tun: „Right or wrong – my country!“ so lautet die Losung derer ohne Besinnung. Und wenn alles im Arsch ist und ein Staat nichts weiter mehr anzubieten hat, dann trötet er von Nation und Vaterland. Vielfach spielen monetäre Gründe oder die Möglichkeit, eine Ausbildung zu erhalten, eine Rolle, weshalb junge Menschen zur US-Army sich ziehen lassen. Bei Bartle schien dies nicht der Fall zu sein: er ging aus Trotz, um auszubrechen, um ein anderes Leben als das Landleben im Hause seiner Mutter kennenzulernen, aus Langeweile, vielleicht auch, um die eigene Männlichkeit zu beweisen: die Armee bot ihm die Möglichkeit abzutauchen und nie mehr eine Entscheidung treffen zu müssen, so Bartle in seinen Selbstreflexionen. Aber für einen Pakt mit dem Teufel zahlt man am Ende immer einen Preis.

„Ich dachte an den Krieg meines Großvaters, ein Krieg der Sinn und Zweck gehabt hatte“, so sinniert Bartle, als die Soldaten des Bataillons vor der Stadt Al Tafar liegen, die sie zum dritten Mal stürmen. Immer das gleiche Ritual der Kriegsführung, immer der gleiche Einsatzes. Die Stadt wird gestürmt, sie wird wieder verlassen, um nach einer bestimmten Zeit wieder erobert zu werden. Der persönliche Body Count in solchen Gefechten geht so: Keiner will der tausendste Gefallene sein. „Der Krieg hatte sich redliche Mühe gegeben, jeden zu töten, ob Männer, Frauen oder Kinder, aber er hatte nicht einmal tausend Soldaten wie Murph oder mich erwischt.“ Auf den mehrtägigen Patrouillen halten Angst und Amphetamine die Sinne wach, oder Murph und Bartle reiben sich einfach nur Tabasco-Soße in die Augen, um nach 48 Stunden nicht einzuschlafen. Und auf einem Dach in der Wüstenstadt, für einen Moment, waren sie glücklich, ohne daß Bartle wußte, wie nah der Tod Murphs war, denn niemand weiß im Krieg, was am nächsten Morgen, im nächsten Monat geschieht. Am Ende aber nimmt sich der Krieg, was er bekommt, so der Fatumssatz Bartles. Und es werden die Gedanken im Krieg irre und gehen ins magische Denken über:

„Unser größter Irrtum bestand in dem Glauben, dass unsere Gedanken etwas bewirkten. Heute kommt es mir absurd vor, dass wir jeden Tod als Bestätigung dafür ansahen, dass wir überleben würden. Ebenso absurd war unser Glaube, dass jeder an einem für ihn bestimmten Zeitpunkt gefallen war und dass wir deshalb noch nicht an der Reihe waren. Wir ahnten nicht, dass die Liste unbegrenzt war. Wir dachten nicht über die Zahl Tausend hinaus. Wir kamen nie auf den Gedanken, dass auch wir zu den lebenden Toten gehörten.“

Vor dem Einsatz im Irak, bei der Zeremonie des Abschieds in der Sporthalle der Militärbasis, nachdem die salbungsvollen Reden des Bataillonsschefs sowie des Militärgeistlichen gehalten wurden, gab Bartel der Mutter von Murph jenes im Grunde unsinnige Versprechen, auf ihren Sohn aufzupassen, ihn heil wieder nach Hause zu bringen. Halten wollte er dieses Versprechen nicht, so dachte er bei sich selbst, als er es abgab, und es sträubte sich in ihm alles dagegen, diese Verantwortung für einen Menschenz zu übernehmen, als er der Mutter nach der Zeremonie dieses Versprechen, das unmöglich zu halten ist, in die Hand gab. Ein Versprechen jedoch oder das fürdahin so Dahergesagte kann ein Fluch sein.

Das Buch ist als Rückblick aufgebaut, indem eine Geschichte rekonstruiert wird. Freigelegt oder in ein Bild gebracht werden soll die Wahrheit bzw. die Geschichte eines furchtbaren Ereignisses, ein Geschehen, für das sich am Ende auch das Criminal Investigation Command der Army interessiert. Dabei stehen die Kapitel, die im Irak spielen, und die nach dem Krieg in Abfolge. Es beginnt im September 2004 in der Provinz Al Tafar, dann erfolgt ein Rückblick nach Fort Dix, dem Bataillonsstandort, und es enden die Ereignisse im Irak in Al Tafar im Oktober 2004, für die Erzählung. Das letzte Kapitel spielt 2009 in Fort Knox. Im Militärgefängnis – so viel sei verraten.

Was diesen Roman durchaus lesenswert macht, ist seine Bildlichkeit sowie seine Sprache: er überdramatisiert nichts und er spielt nichts herunter. Es schlagen nicht beständig die Granaten ein, keine Blutorgien werden vollzogen, es splattert und spritz das Blut nicht von den Klingen, sondern vielmehr sind es stille, aber keine seichten Töne, die Powers anschlägt. Wenn die Sanitätssoldatin vom Granatenbeschuß zerfetzt wurde, während Murph dies beobachtet, was ihm in seiner durch diesen Krieg zerstörten Psyche den letzten Rest gibt, so ist hier nichts über Gebühr ausgeschmückt, aber ebenso wenig werden die Szenerie verniedlicht oder im Pathos verkitscht. Powers beschreibt das Geschehen lakonisch; wie eine Kamera, die das, was geschieht, abbildet. Und doch ist es ein subjektiver Blick, nämlich der des ruinierten Soldaten John Bartle.

Andererseits fehlt mir, was den Aufbau und die Konstruktion des Romans betrifft, etwas. Ich kann nicht einmal konkret benennen, was genau es ist, aber es hinterläßt das Buch mich doch ratlos: im Grunde ist es mir in der Konstruktion viel zu nahe dran, es fehlt die ästhetische Distanz (oder aber: irgend etwas ist nicht so durchgearbeitet, wie es sein müßte) und diese Umstände wiederum erzeugen den Effekt, daß die Verstörungen und die Irritationen sehr schnell verpuffen. Die Romanform ist hier nicht zu sich selbst und zu dem Punkt gekommen, der wie das Brennglas bündelt und zugleich einbrennt, die Brandflecken und Beschädigungen fortsetzt und an dem der Krieg, die brutale sinnlose Gewalt eines aus profitinteressen geführten und auf Dauer gestellten Weltgemetzels, über sich selber hinaustreibt. Die zwei Schriftsteller, die das letzte Jahrhundert qua ästhetischer Form auf ihren Begriff brachten, waren Kafka und Beckett.

Zentral bleibt die Frage nach der Wahrheit: wie ist alles das, was sich in diesem Krieg im Irak für eine Gruppe von Männern und Frauen ereignete, zu erzählen? Wie kann das, was mit Murph geschah, vom Erzähler Bartle in eine Darstellung gebracht werden? Gibt es dafür überhaupt eine konsistente Form? Oder ist das alles bloß eine Angelegenheit der Perspektive, des subjektiven Blickes? Was ist die Wahrheit dieses Krieges, der sich im Grunde für John Bartle in einem einzigen Ereignis und einem Versprechen, das er abgab manifestiert? (Sieht man einmal von den Menschen ab, die er abstrakt tötet und deren Familien zurückbleiben.) Um diese Frage der (subjektiven) Wahrheit dieses Krieges kreist der Roman in den Schleifen der Selbstreflexion sowie der Bewußtmachung verschütteter oder verdrängter Erlebnisse, vielleicht sogar, psychoanalytisch gesprochen, um eine Art von Anamnesis. Der Wahrheit sei es gleich ob sie geglaubt würde oder nicht, so erzählten sie es den Soldaten, so Bartle. Ein im Grunde sehr kryptischer Satz, der nicht einmal nennt, wer diese „sie“ sind. Setzen erklären und verstehen von dem, was wir als die Wahrheit eines Ereignisses inmitten des Krieges bezeichnen, aus? Wie eigentlich sähe der Blick der anderen Seite aus? Was gäbe er zu erzählen?

Ereignisse deuten sich zuweilen an, es gibt Zeichen oder Anzeichen. Die Frage ist nur, ob diese Zeichen in der Hitze der Szenarien immer richtig gelesen werden können. Manchmal aber werden Zeichen auch nachgereicht. Eine der bedeutsamen Metaphern im Kontext von Erzählung und Ereignis bildet jene Karte vom Irak, die die Mutter des toten Murph Bartle im Gefängnis schenkt. Ein absurdes, ein eigentümliches Geschenk. Was symbolisiert eine Karte, was stellt sie dar, wofür steht eine Karte? Sie ist die graphische Aufbereitung eines Ortes, sie dient zur Orientierung, sie zeigt die Topographie, die Beschaffenheit der Landschaft, ebenso kann sie eine Erinnerung sein.

„Wie jede andere Karte wäre auch diese bald veraltet, wenn sie es nicht schon längst war. Was darauf festgehalten war, stellt nur die Idee eines Ortes dar, eine Abstraktion, aus Erinnerungen gebildet, die so kurz und flüchtig waren, dass sie keine Rechenschaft über die kleinen Einwirkungen der Zeit ablegten … Diese Karte würde den Tatsachen mit der Zeit immer weniger entsprechen, die Erinnerung nur noch mangelhaft auf eine zweidimensionale Fläche übertragen, etwas, das mich an Sprache erinnert: Was man sagt, entspricht nie genau dem, was man denkt, und was man hört, entspricht nie genau dem, was gesagt wurde.“

Es existiert eine Kluft, ein unendlicher Abstand, auch innerhalb der Sinnkohärenzen, und es gibt Ereignisse, die lassen sich niemals mehr wieder gut oder rückgängig machen. Nicht einmal die Kraft der Reflexion, der Prosa, der Poesie reichen hin, diese Auslöschung, diese Umpolung zu tätigen.

Liest man den Titel dieses Romans mit allen Sinnen und insbesondere mit der Haut, dann läßt sich womöglich ein wenig von der sengenden Glut dieser biblischen Wüsten- und Oasenlandschaft spüren. Das Flimmern und am Ende: das gleißende, weiße Rauschen.

Im Krieg versagt jegliche Produktion von Sinn, selbst das Schweijksche Nicht-Ernst-Nehmen, indem Befehle ad absurdum geführt werden, bleibt ein Relikt aus der alten Zeit. Eines der geeigneten poetischen Bilder, um diese Leere und diesen absoluten Bruch darzustellen, lieferte das Schlußbild von Thomas Manns „Zauberberg“: „Der Donnerschlag“. „Als Soldat und brav …“ geht es für Hans Castorp mit deutschem Gesang und einem Ruf, der wie Donnerhall klingt, ins Feld, in den Hagel der Granaten, in die Gasangriffe. Der Donnerschlag der Artillerie, welcher den eigenwilligen, schönen, wunderbaren, zuweilen auch bequem machenden Zauberberg als Refugium und Denk-Raum sprengte. Gute alte Zeit, als sich auch dafür noch die poetischen Bilder finden ließen. Wie sähen die der jetzigen Kriege aus?
 
Kevin Powers, Die Sonne war der ganze Himmel, Fischer Verlag, 19,99 EUR
 
Cover

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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