Es grünet die Tanne, es wachset das Herz. Gott schenke uns allen? – ein zerfressenes Herz

Erzherzog Erz-August, Erzschurke und erzbischöflicher Erzeuger erzieherischer Erzählungen mit Erzengeln erzwingt erzitternd erzkonservatives Erzeugnis. Sie sehen lieb-gewogene Leserin, verehrter Leser: es geht ins Erzgebirge … Und zwar auf eine kurze Reise. Ich bin dort, weil es in den Tiefen Deutschlands Funklöcher gibt, nicht über diesen Blog mehr zu erreichen: ich schreibe nicht, ich schalte die Kommentarfunktion aus, bis ich wieder in der großen weiten Stadt bin.

Ach ja, zu lesen lohnt sich, wenn einer schon ins Erzgebirge fährt, Stefan Heyms Roman „Schwarzenberg“. Er handelt von der Republik Schwarzenberg, einem Landstrich im Erzgebirge, der für eine kurze Zeitspanne von 42 Tagen nach dem 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung, unbesetzt blieb. Aber bei dieser Republik soll es sich wohl mehr um eine Legende gehandelt haben, als daß die Dinge, die Heym beschrieb, auch nur annähernd der Realität entsprächen. Allerdings: es bildete sich auf diesem kleinen unbesetzten Flecken tatsächlich ein antifaschistischer Aktionsausschuß, der sich aus Arbeitern zusammensetzte und nach einer Art Rätedemokratie funktionierte.

Worum geht es in diesem Buch?: Die Nazis verflüchteten sich, als sie merkten, daß ihre Sache verloren war und der Russe in Dresden und in Sachsen stand und die Amerikaner im westlichen Erzgebirge und im Voigtland saßen. Oder es wendeten die Nazis und die Mitläufer sich. Arbeiter bildeten in jenem Aktionsausschuß eine Art von Regierung, und sie dachten darüber nach, wie eine Republik funktionieren könne, die nicht mehr den Interessen des Kapitals folgt. Erzählt wird diese Geschichte einerseits von einem Ich-Erzähler namens Ernst Kadletz, Arbeiter, Genosse und Mitglied in jenem Ausschuß, und von einem auktorialen Erzähler. Es ist wesentlich auch ein Buch über Utopien. Keine Sowjetmacht, sondern eine Rätedemokratie, kein Zentralismus einer Partei, sondern Pluralismus. Aber das kann naturgemäß nicht lange gut gehen, wenn östlich die Sowjets mit ihren politischen Kommissaren und westlich die Amerikaner mit ihren Lucky Strikes und den Chewing Gum stehen.

Gegenspieler in diesem Roman sind der Halbjude Max Wolfram – dem Gestapofoltekeller in Dresden entronnen, da vom 13. bis 15. Februar 1945 die Stadt im Bombenfeuer erstrahlte und es mit einem Male keine Gestapo mehr gab: was dem einen sein Leid, war den anderen ihre Befreiung – und der Bergbauingenieur Erhard Reinsiepe: Parteikader, politisch geschult, nach dem Reichstagsbrand 1933 aus Deutschland geflohen, politischer Mentor von Kadletz, wieder zurück in Deutschland 1945 (woher er kam, spricht der Roman nicht aus. Aber: Fiat Lux, da wo auch H. Wehner war.) Beide gehören dem Aktionsausschuß an. Es geht um Macht, um die Macht des Proletariats, es sollen die Betriebe durch die Arbeiter geschützt und von diesen übernommen werden (Ein Projekt das auch heute noch sinnvoll mir scheint). Allen gemeinsam ist jedoch das Ziel, den Faschismus zu zerschlagen. Die Macht einer vernünftigen Vernunft, einer Utopie, wie sie Wolfram vertritt, und dagegen positioniert die Haltung des (stalinistischen) Parteisoldaten Reinsiepe, der einen Auftrag hat. (Aber das lesen Sie selbst: wie dieser Auftrag lautet und welcher Gestalt er ist.)

Der Roman ist fesselnd – wenngleich erzählerisch eher konventionell – geschrieben. Ein Ereignis jagt das andere. Der Roman lebt vor allem von diesen Gegensätzen, vom Blick auf die Zeit des Faschismus und dem Gedanken daran, was aus dieser Republik werden wird, die am Ende freilich zum Scheitern verurteilt ist. Denn daß die nur wenige Kilometer entfernt in Annaberg einquartierten Sowjets kommen, dafür sorgt am Ende Reinsiepe. Die siegreiche Sowjetunion wird nicht unbedingt nur freundlich beschrieben. Es gibt da zwar die sowjetischen Offiziere, wie z. B. exemplarisch in diesen Buch der Mayor Kyrill Jakowlewitsch Bogdanow, der im Felde kämpfte und sich für die richtige Sache schlug, aber dagegen steht der Politkommissar Workutin, der ebenso wie Reinsiepe einen klaren Auftrag hat. Daß dieser Roman, der 1984 in der DDR erschien, nicht verboten war, erstaunt.

Nein, es gibt keine Utopien. Was bleibt sind die Fakten der Geschichte.

Die Kommentarfunktion des Blogs ist während meiner Abwesenheit geschlossen. Es kann zwar kommentiert werden, ich schalte es jedoch erst dann frei, wenn ich wieder zurück in der großen weiten wilden Stadt namens Berlin bin.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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