Franz Kafka – jene „Prosa der Moderne“

Kaum zu vergessen, kaum angemessen zu würdigen: Es wurde vor 130 Jahren, am 3.7.1883 Franz Kafka als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Prag geboren. Prag, die Stadt des Golem, Prag, die Stadt der Literatur, der Kunst, die Stadt an der Moldau, auf deren Grund die Steine ewiglich wandern. Das jüdische Prag, Rabbi Löw, auf den Grabmälern die Steine, jenes Prag, von dem Kafka in einem Brief an Oskar Pollack schreibt:

„Prag läßt nicht los. Uns beide nicht. Dieses Mütterchen hat Krallen. Da muß man sich fügen oder –. An zwei Seiten müßten wir es anzünden, am Vyšehrad und am Hradschin, dann wäre es möglich, daß wir loskommen. Vielleicht überlegst Du es Dir bis zum Karneval.“

Am Ende seines Lebens jedoch verließ Franz Kafka dieses fesselnd-anziehende ödipale Prag und lebte mit seiner letzten und großen Liebe Dora Diamant zusammen in Berlin-Steglitz. [Es sei am Rande vermerkt, daß der Onomato Verlag eine Biographie über diese sehr interessante Frau plant. Diese wurde mittels Crowdfounding finanziert. Die erforderliche Summe scheint zusammengekommen zu sein.]

Ich mache keinen Hehl daraus, daß ich Franz Kafka als den bedeutsamsten Schriftsteller des 20 Jahrhunderts lese (Schriftstellerinnen eingeschlossen): Die Weise des Erzählens, die Konstruktion seiner Prosa, die Form seiner Romane und Erzählungen, die Verdichtungen und die Verschiebungen bilden im Kontext der Romanform eine Variante hyperrealistischen Erzählens, das zugleich jeden Naturalismus überschreitet und deshalb in seinem Wesen um so realistischer verfährt (die Worte des Genossen Lukács, die Prosa Kafkas betreffend, nach seiner Verhaftung durch seine Feinde sind bekannt. Formalistisches vermag an Tagen wie diesen seiner Form nach sehr realistisch sich zu gerieren); die Gesten und die Geschehnisse in Kafkas Prosa brennen sich in das Auge ein und ziehen an wie ein Traktorstrahl, wie eine gelungene Photographie oder eine stillgestellte Filmsequenz: Kafka muß nicht nur buchstäblich gelesen werden, wie es heißt, sondern er ist zugleich ein Schriftsteller der Visualisierungen. Das Gestische in Kafkas Text betonte bereits Adorno in seinem Kafka-Essay. Der Begriff des Expressionismus reicht nicht hin, um das Verfahren von Kafkas Prosa zu beschreiben oder gar auf den Punkt zu bringen. Kafkas Erzählungen und Romane lassen jenen Expressionismus als Form reinen Ausdrucks und Ausschreis weit hinter sich und überschreiten ihn hin zur „deterritorialisierten“ Geste, die Erstarrung und Verwischung in einem Zuge bedeutet. Das eben sind Gründe dafür, weshalb Kafkas Prosa die avancierteste des gesamten 20. Jahrhunderts bleibt.

Wesentlich für Kafkas Prosa bleibt das Fragment. Ob dieses Fragmentarische, diese dis-kontinuierliche Konstruktion von Prosa gewollt oder ungewollt einige seiner Texte bestimmt, mag schwierig zu entscheiden sein. „Der Prozess“ beispielsweise besticht in seinem Bau gerade vermittels seines Fragmentcharakter, aufgrund seiner Unabgeschlossenheit. Immerzu in der Lektüre könnte eine weitere verwickelnde Begebenheit hinzutreten, eine weitere Verstrickung sich einstellen, und es spinnen und weben sich die Geschichten und Begebenheiten, die sich um diese eigenwillige Verhaftung ohne Haft aufbauen, ineinander und umschlingen den unbekannten Feuerkern wie einen Kokon. Gleichwohl: „Die Schrift ist unveränderlich, und die Meinungen sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.“ So sagt es der Geistliche zu K. in jenem Domkapitel, nachdem er ihm die Geschichte von dem Mann vor der Tür des Gesetzes erzählte. Aber bereits dieser Satz wird von den Paradoxien getragen: denn die Schrift ist eben kein An-sich, sondern lebt in den Meinungen und nur durch sie hindurch, ansonsten wäre sie als Schrift unlesbar und nicht einmal in irgendeiner Form anwesend. Es ließe sich dieser Satz von der Unveränderlichkeit der Schrift einerseits theologisch im Sinne des Judentums deuten, und ebenfalls bedeutet er eine Weise von Selbstreferenzialität der (modernen) Literatur, die den Umgang mit eben diesem Roman „Der Prozess“ (und ebenso mit anderen Texten Kafkas) gelungen beschreibt. Es bleiben in der Lektüre die Umschriften, die Kategorie des Sinns bordet über und geht außer Rand und Band. Denn „‚Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.‘“ So proklamiert der Geistliche. Ein geradezu genialer Satz im Hinblick auf Leben und Literatur. Während es in allen Lektüren und Lesarten dennoch immer dieselbe Schrift bleibt, gleitet der perspektivische und zerfurchte Blick über den Text und verfehlt ihn doch wieder im Versuch der hermeneutischen Aneignungsdiktatur. Kafka in solcher Lesart der Zuschreibung zum Beispiel auf das Judentum als einer Text- und Schriftkultur zu reduzieren, wie Max Brod dies gerne gesehen hätte, verfehlte seine Prosa. Denn wesentlich bleibt diesen Passagen das literatur-ästhetische Programm einer unendlichen Umschrift und Schriftverquickung, in der unter den Bedingungen der Moderne Literatur produziert wird. Das Narrativ der Moderne baut auf der Verschiebung und auf der Diskohärenz.

Überhaupt sollte der Begriff der Schrift samt der Frage nach ihrer Lesbarkeit im Text Kafkas nicht zu gering und bloß in einer Dimension angesetzt werden: diese Vielschichtigkeit beginnt mit Kafkas eigenwilliger Handschrift samt seinen Zeichnungen und reicht hin bis zu jener Eggenschrift, die dem Angeklagten in der „Strafkolonie“ das übertretene Gebot in die Haut einkerbt: als eine Schriftspur, bei der das beschriebene Subjekt genau jenes eine (übertretene) Gebot körperlich spürt. Schrift, Körper, Lebensweise hängen im Nexus. Diese kaum lesbare Schrift, eher ornamental und verrätselt, als komplizierter Plan in den Apparat eingespeist, wirkt im Sinne einer Todesschrift. Und dazwischen liegen Kafkas unzählige Briefe. Die Kommunikation mit seiner Verlobten Felice Bauer war eine solche aus der Ferne – actio in distans – und sie konnte sich über das Medium des Briefes entfalten: jene Briefe, die Kafka – als Liebeswerben und Distanzierung in einem – sehnsüchtig und zugleich fordernd erwartete. Zahlreich schrieb er solche Briefe an Felice Bauer, in denen er Anweisungen gab, wie wann und was aufgeschrieben werden sollte. Ungeheuer seine Furcht, daß ein Brief seinen Bestimmungsort nicht erreichen und verlorengehen könnte. Diese Brieftexte bilden ein Konvolut ganz eigener Art: seien dies die Briefe an seine Freunde Max Brod, Felix Weltsch, Oskar Baum, Robert Klopstock oder an Felice Bauer und Milena Jesenská. Und häufig sind es in diesen Korrespondenzen – nicht anders als in seiner Prosa – die Kleinigkeiten, die Zweifel, die Unwägsamkeiten eines mäandernden Denkens, die den Ausschlag geben.

Nicht zu vergessen Kafkas Faible für Technik, insbesondere wie er sich für die Parlographen faszinierte: Töne, die auf einer Platte in eine Schrift gezeichnet oder geritzt wurden. Schwingungen, die in Muster übertragen werden. Felice Bauer arbeitete in einer der führenden Berliner Firmen für solche Diktiergeräte.

Gerade im Werk Kafkas zeigt sich, daß es – zum Ende hin genommen – nur den Text gibt: selbst seine Briefe bilden einen solchen Textkorpus, der auf untergründige und zuweilen auch direkte Weise mit seiner Prosa korrespondiert. Eine Schrift, um zu binden und gleichzeitig den unendlichen Abstand zu schaffen. Kalt wie der Weltenraum und fern wie Menschen, die vom Mond her betrachtet werden. Aber dennoch sind deren Handlungen nicht sinnlos, solange man auf den Sternwarten kein Lachen vom Monde her hört, wie es Kafka im November 1903 an Oskar Pollak schreibt.

Ich las die Erzählungen Kafkas zum ersten Mal während meiner Schulzeit, und wie mit einem Schlage merkte ich, daß Literatur nicht politisch zu sein habe, indem sie die Botschaften, das Engagement und die Aktionspläne ins Bewußtsein flüsterte, daß Literatur nicht der Verständigung und der Harmonisierungsstrategie diene, vor allem aber, daß Literatur kein Plausch- und Plüschsofa ist, um sich auf eine angenehme Weise die Lebenszeit zu vertreiben oder gar sich selbst, das Subjekt, das Eigene im Präsenzmodus zu finden. Sondern vielmehr sprang mich diese eine Gewißheit ästhetischer Theorie an: Daß Literatur wehtun muß, daß sie nicht kuscheln will, daß es sie im Strom des Begehrens zu erzählen drängt, und zwar mit dem Revolver, mit dem Maschinengewehr, mit der Axt und mit dem Messer. (Das Zitat von der Axt und dem Eis bei Kafka ist bekannt, ich habe es allerdings in dieser Weise nie sonderlich geschätzt, weil ich die Literatur vielmehr als eine Art Vereisungsarbeit ansehe.) Literatur wirkt, arbeitet, filetiert wie jene Hōchōs, die aus bestem japanischen Stahl geschmiedet werden; Literatur ist die Ritzung in die Haut, sie trennt die Teile ab, ohne sie wieder zusammenzufügen. Literatur – im gelingenden, im ästhetisch guten Sinne – ist das, was Apollon mit Marsyas veranstaltete: Genau diese Gewalt besaß für mich „Das Urteil“: jener Satz des Vaters, der den Sohn zum Tode durch Ertrinken verurteilt, wirkte wie ein Schlag und gab den Anlaß, in diese Novelle und überhaupt in Kafkas Prosa einzudringen. Jene Perspektivität und jenes Umswitschen im Gang der Prosa: von der Welt des Sohnes in die des Vaters, von der Welt der Arbeit in die einer Existenzweise der Vormoderne. Und der „unendliche Verkehr“, der nach dieser vollbrachten Tathandlung über die Brücke ging, war allemal erotischer als manch anderes. Wenn mich jemand damals zu den seligen Schulzeiten vor die Wahl gestellt hätte, entweder in Kafka oder in eine Frau einzudringen, dann zöge ich ohne Zaudern die Texte Kafkas vor.

Ich lief in die Buchhandlung und kaufte mir von dem wenigen Geld, das ich besaß, alles, was es nur von Kafka zu lesen gab. Nein: keine Imitatio Kafka, die ich veranstalten wollte: ich wurde nicht zum Vegetarier, ich gab das Rauchen und das Trinken verschiedener Alkoholika nicht auf. Ich tätigte keine halbnackten Turnübungen am offenen Fenster, durch das der kalte Wind blies. Aber diese Prosa zog mich in ihren Bann. Nur bei Proust, Beckett, Hegel und Adorno habe ich ähnlich intensiv gelesen. Als ob mit einem Male eine Welt plötzlich und unvermittelt anders spurt und läuft und sich dreht wie nie zuvor.

Kafka wird als der Schriftsteller des Scheiterns wahrgenommen. Einem größeren Irrtum kann man in der Lektüre des Textes nicht aufsitzen. Dennoch handelt sein Text auch von jenen Verwindungen und Verstrickungen eines Subjekts, das sich autonom dünkt und das dennoch an den Fäden hängt wie die Marionette. Daß unser Begehren, unsere Wünsche, unser Ich-Narzißmus vorgängig durch psychische Mechanismen und gesellschaftliche Strukturen geprägt werden, wissen wir seit Marx und Freud. Vielfach ist das Ich eine bloße Konstruktion. Es dünkt sich derart selbständig und autark, daß es den Rat der Katze, nur die Laufrichtung ändern zu müssen, für die bare Münze nimmt.

In der „Prosa der Moderne“ klingt eben immer wieder auch Hegels prosaische Moderne an: die entzauberte Welt, in ihrem narrativen Modus, die Hegel bereits in seinen „Vorlesungen über Ästhetik“ konkretisierte und deren Widersprüche er klarer als seine Zeitgenossinnen und -genossen sah: Kafka verdichtet sie zum Bild, und er sprengt dieses Bild zugleich. Jenes „Naturtheater von Oklahoma“ zum Ende seines ersten Romans „Der Verschollene“ mag davon eine Art Parabel bilden. Doch es kommt in der Schlußfahrt im Zug, gen Westen hin, nicht unbedingt zur Utopie einer Existenz jenseits des Zwanges, mit jenen Menschen, die anderes wollen als eine krude Arbeitsexistenz in den USA. (Wobei die USA lediglich eine Metapher bildet.) Denn wohin dieser Zug seine Reise macht, bleibt bei Kafka unbestimmt. „Der Verschollene“ bricht ab, der Roman bleibt Fragment. Genausogut könnte der Zug jene Untüchtigen bloß deportieren oder ins Nichts hinein verschaffen. Daß Zugfahrten durchaus im Ascheofen oder im Lager enden, scheint mir – zumindest im Rückblick auf die Moderne – so ungewöhnlich nicht.

„Am ersten Tag fuhren sie durch ein hohes Gebirge. Bläulichschwarze Steinmassen giengen in spitzen Keilen bis an den Zug heran, man beugte sich aus dem Fenster und suchte vergebens ihre Gipfel, dunkle, schmale, zerrissene Täler öffneten sich, man beschrieb mit dem Finger die Richtung, in der sie sich verloren, breite Bergströme kamen eilend als große Wellen auf dem hügeligen Untergrund und in sich tausend kleine Schaumwellen treibend, sie stürzten sich unter die Brücken über die der Zug fuhr und sie waren so nah daß der Hauch ihrer Kühle das Gesicht erschauern machte.“

Naturschauspiel oder Vernichtungsvorspiel.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu Franz Kafka – jene „Prosa der Moderne“

  1. Auch mir gilt Franz Kafka als der bedeutendste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, sozusagen Hand in Hand mit Samuel Beckett, was ja kein Widerspruch sein muß. Ich habe bei der jugendlichen Erstlektüre Kafkas durchaus nicht viel begriffen, das muß ich zugeben, wiewohl sicher einiges, das wiederum der erwachsene Leser nicht mehr begreift vor lauter Wissen und Belesenheit. Eine der eher unbekannten Erzählungen Kafkas, „Die Brücke“, habe ich bei der Zweitlektüre sozusagen mit Nietzsche gelesen (den Text dazu habe ich heute auf meiner Website eingestellt), doch ich gäbe was drum, ihn noch einmal ganz und gar „naiv“ lesen zu können. Vielleicht ja bei der Drittlektüre?

  2. ziggev schreibt:

    entweder Kafka oder nicht. Mit witzigem Moment oder nicht; je explizieter das Ausgeschlossene Dritte ausgeschlossen, desto besser !!

  3. Bersarin schreibt:

    @ Norbert W. Schlinkert
    Sie sprechen etwas an, das in der Lektüre(haltung) sehr fesselnd ist: den Aspekt, der sich mit Barthes als diese „Lust am Text“ bezeichnen läßt, das Moment des (vermeintlich bzw. scheinbar) unverstellten Lesens, vielleicht sogar einer Leseerfahrung als der Jugendlichen, dem Jugendlichen die Literatur noch nicht durch die Umwege, Abzweigungen und Überblendungen anderer Texte „verstellt“ war, sondern indem Leserin und Leser ganz direkt von einem Text angesprungen und erfaßt wurden (so wie in meiner Kafkalektüre eben): Einerseits haben Sie, was die Naivität bzw. das jugendliche Lesen betrifft, recht: (und dieses Moment der Lektüre wieder einzuholen, erinnert mich ein wenig auch an den Titel jenes Prosastück von Kafka mit dem Titel „Wunsch Indianer zu werden“.) Es verhält sich mit diesem ersten Lesen eines Textes, der einen packte und rüttelte, wie mit diese Welt der Kindheit, die Indianerspiele (ich hätte beinahe geschrieben „die Doktorspiele, aber ich bleibe heute sittsam-theoretisch), die vergangen sind, in die es kein Zurück gibt. Was diese Kindheit auszeichnet, ist wahrscheinlich die ungeheure Fähigkeit zur Wahrnehmung, eine Art magisches, fetischhaftes Denken, darin es diese Orte gab, an denen die Dinge belebt waren. Der Unterstand beim jenem dichten Gebüsch wurde zur Räuberhöhle. Aber es führt in diesen Zustand – auch in der Lektüre – kein Weg zurück: es sei denn, wir umrundeten die ganze Welt, um von hinten herum wieder ins Paradies zu gelangen, wie es Kleist im „Marionettentheater“ schrieb.

    An das naive Lesen glaube ich nicht, denn auch das Kind liest mit einem Blick, mit einem Bündel von Vorstellungen, mit einem (wenn auch kindlichen) Referenzrahmen. Wen als Kind der Tod bereits früh in Gestalt des Sterbens anderer Menschen ansprang, der liest anders als jemand, der mit diesen Dingen nicht in Berührung kam. Wer in der Natur lebt anders als das Kind, das in der Stadt aufwuchs. Wichtig aber bleibt dieser Blick des Kindes, des Jugendlichen auf einen Text. Den gibt es so nicht mehr. Es sei denn in der Umrundung.

  4. Bersarin schreibt:

    @ziggev
    Natürlich: Kafka ist auch mit jenem Humor zu lesen. „Der Prozess“ und auch „Der Verschollene“ lassen sich in ihren grotesken Momenten mit jenem Lachen lesen, das nur selten sich einstellt. Vielleicht bei den Filmen der Marx Brothers.

  5. @ Bersarin
    Ich habe ja als Kind so gut wie nie Bücher gelesen und auch kein Lieblingsbuch aus dieser Zeit; allerdings habe ich tatsächlich mit dem Indianerspielen (und dem Totsein und dem Abzählen, bis man wieder lebt) sofort aufgehört, als meine beiden Großväter innerhalb recht kurzer Frist starben. Ich las dann zuerst Krimis und Jules Verne und dann E. A. Poe schon nicht mehr mit naiver Kindlichkeit, die natürlich ohnehin, wie Sie schreiben, auch nie wirklich naiv ist. Einen Hauch naiven Lesens hatte ich übrigens vor kurzem bei Franz Werfels ‚Stern der Ungeborenen‘, womöglich weil dort unsere eigene Zeit quasi umspannt wird von unserer eigenen Vergangenheit Anfang des 20. Jahrhunderts und der fernen Zukunft, die aber dann wieder allzumenschlich im Hier und Jetzt landet.

  6. Bersarin schreibt:

    Ich selber würde dieses Lesen nicht so sehr naiv nennen, sondern es mehr als dieses Anspringen bezeichnen, das nur wenige Texte vermögen. Aber wahrscheinlich meinen wir dieselbe Erfahrung beim Lesen. Ich hatte diese zuletzt bei Judith Schalanskys „Hals der Giraffe“ und vor allem bei Don DeLillos „Der Omega-Punkt“. Und wenn das geschieht, frage ich mich, was da genau geschieht: Im Text selbst, im Leseakt, innerhalb der Referenzrahmen.

    Werfel, mit dem Kafka ebenfalls korrespondierte und wohl auch vage befreundet war, steht bei mir seit gefühlten Ewigkeiten auf dem Leseprogramm, Bisher aber schrappte seine Bücher immer wieder an mir vorbei. Ich danke aber für den Hinweis.[Oh Gott, was es alles zu lesen gibt …]

  7. summacumlaude schreibt:

    Wieder angelangt im hier und jetzt schließe ich mich den Bewertungen über den Prager Juristen an – den naiven wie den kundigen; und dem hier schon dargelegtem Wissen, dass das Naive manchmal das Kundige und das Kundige manchmal das Naive ist.
    Womit man fast schon bei Kafka, im Dom, im Dorf unter dem Schloß oder eben auf der Brücke angelangt ist, jener Brücke die nur den Sprung nicht das Überqueren garantiert.
    Aus der Reflexion zurück in die Naivität? Kafka war beides, aber dieses „beides“ ist nicht als zielgerichtete Bewegung von der Naivität weg zur festen, durchreflektierten Weltsicht und vom starr gewordenen Dort zurück in die Unmittelbarkeit zu verstehen.
    Ein solches Zurück gibt es wohl nicht, auch nicht im Marionettentheater – denn:
    „siehe auch das ist nur scheinbar“
    es (Naivität und strukturierte Reflexion) sind jeweils Zustände, in denen Texte entstehen. Und gerade bei Kafka erkennt man, dass bei seinen Texten immer beide Zustände gleichberechtigt nebeneinander vorlagen. Ich meine, dass ich es hier schon schrieb aber seis drum dann eben noch einmal: gerade bei Franz Kafka sieht man die Grenzen des kreativen Schreibens. Oder meint irgendwer ernsthaft, dass man mit zielführenden Kreativ-Seminaren und „neuen“ Methoden neue Kafkas herstellen kann? Sorry Leipzig, sorry Hildesheim, aber das traue ich Euch dann doch nicht zu!

    Noch ein improvisierter Gedanke: Wem einmal der Text „ins Bett gelegt“ worden ist, wer einmal solch eine Leseerfahrung wie mit Kafka gemacht hat, der ist unrettbar für die bürgerliche Karrierewelt verloren, der kann nicht mehr aus reinen Statusgründen am Sonntag ein „gutes Buch“ lesen, weil man das so tut. Äquivalente Lese-Erfahrungen verbinden sich bei mir übrigens mit den Namen Shakespeare, Goethe (Faust!), Büchner, Th. Mann, Joyce. Das ist teilweise auch Zufall, weil ebenso wichtige Namen einfach auf der Zeitachse später hinzukamen (Kleist, Hölderlin oder auch Musil und Bolano), und möglicherweise dann doch (?) zu „reflektiert“ gelesen wurde. Respektive noch zu lesen sind (Proust).
    Hyperion zeitlich vor Lenz oder der Strafkolonie, das hätte wohl auch funktioniert. Es war bei mir aber nun einmal anders herum.
    Grüße!

  8. Bersarin schreibt:

    Ja, Kafka: das ist einerseits eine aggressiv anspringende Nähe, man mag es Direktheit nennen, und zugleich der unendliche Abstand.

    In der Tat: die Leseerfahrung: das, was eine/r in der frühesten Zeit gelesen hat, bestimmt einiges in der Entwicklung (des Denkens).

    Aber ich will in meinem verdienten Urlaub mit schlechter Internetverbindung nicht zu viel räsonieren.

  9. che2001 schreibt:

    Sieh mich nicht als Banausen an, aber mir fällt zu Kafka immer Lovecraft ein.
    Oder auch Bierce und Walter De la Mare.

  10. holio schreibt:

    Heute früh über Kafkas Urteil in Liu Cixins (刘慈欣) SciFi-Roman „Dead End“ (死神永生) gestolpert. Das ist der dritte Band seiner Trisolariertrilogie, deren erster Band soeben in englischer Übersetzung unter dem Titel „The Three-Body Problem“ erschienen ist.

    Überhaupt nutzt Liu in der Trilogie westliche kulturelle Artefakte zur Verankerung. So hat im ersten Band Ye Wenjie im Winter 1969 in ihrer ungeheizten Zelle nicht einmal die Schwefelhölzer aus Andersens Märchen, um sich zu erwärmen: 她这个将被冻死的小女孩儿手中连火柴都没有,只有幻觉了……

    Und im zweiten Band nennt Liu den Film „Goodbye Lenin“, zusammen mit Daudets „Die Belagerung von Berlin“, die er jedoch Zola zuschreibt, um einen Kulissenbau um einen der Realität Entfremdeten herum zu verdeutlichen: 就像左拉的《柏林之围》和一部黄金时代的老电影《再见列宁》中那样,为病人制造一个人类失败的虚假环境。

    Aber jetzt zur Stelle, wo Kafkas Urteil eine kleine Rolle spielt. Yun Tianmings Schwester hätte lieber, wenn er Sterbehilfe in Anspruch nähme, dann würde das Geld des Vaters nicht für die Behandlung von Yuns unheilbarem Lungenkrebs draufgehen, sondern könnte in eine Wohnung für sie investiert werden.

    好,你让我死,我就死吧。

    Gut, wenn du mich sterben lassen willst, dann sterbe ich halt.

    这时,云天明想起了卡夫卡的一篇小说,里面的主人公与父亲发生了口角,父亲随日骂道“你去死吧”,儿子立刻应声说“好,我去死”,就像说“好,我去倒垃圾”或“好,我去关门”一样轻快,然后儿子跑出家门,穿过马路,跑上一座大桥,跳下去死了。卡夫卡后来回忆说,他写到那里时有一种“射精般的快感”。现在云天明理解了卡夫卡,理解了那个戴着礼帽夹着公文包、一百多年前沉默地行走在布拉格昏暗的街道上、与自己一样孤僻的男人。

    Da erinnerte sich Yun Tianming an eine Erzählung von Kafka, in der die Hauptfigur mit dem Vater streitet, der Vater „Geh sterben!“ schimpft und der Sohn prompt antwortet: „Gut, ich geh sterben“, als würde er sagen: „Gut, ich bring den Müll raus“ oder „Gut, ich mach die Tür zu“. Dann läuft der Sohn aus dem Haus, läuft die Straße entlang auf eine große Brücke und springt von der Brücke in den Tod. Kafka erinnerte sich später, dass er, als er beim Schreiben soweit gekommen war, eine Lust wie bei einer Ejakulation verspürt hätte. Jetzt verstand Yun Tianming Kafka, verstand jenen Hut tragenden, eine Aktentasche unter den Arm pressenden, vor mehr als hundert Jahren schweigend durch die dunklen Straßen von Prag laufenden Mann, so ungesellig wie er selbst.

    So ungefähr, mehr oder weniger, heißt es in Liu Cixins Roman.

  11. Bersarin schreibt:

    Ich danke für diesen Hinweis, wenngleich ich der chinesischen Sprache nicht mächtig bin und die gelieferten Textteile nicht einmal in Annäherung übersetzen kann.

    Wieviel Ungelesenes es gibt, fällt mir immer wieder auf.

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