Daily Diary (73)

 
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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Daily Diary (73)

  1. hANNES wURST schreibt:

    Unglaublich… und es ist wirklich beides Mal das selbe Fahrrad?

  2. Bersarin schreibt:

    Nein, es sind verschiedene. Wie kommen Sie zu der Identitätsbehauptung? Das eine Rad steht ganz anders und der Zaun ist anders und die Schattierungen sind anders. Aber beide Fahrräder sind gleichwohl Schauplatz eines Verbrechens.

  3. hANNES wURST schreibt:

    Aber welches Verbrechen? Hat jemand betrunken eine Ecke des Jägerzauns eingerannt? Oder war das Kind gedopt?

  4. Bersarin schreibt:

    Mehr kann ich zu diesem Seins-Geschehen, mehr darf ich dazu nicht sagen. Selbst wenn ich wollte.

  5. ziggev schreibt:

    oh- ja, Kinderfahrräder! Mit Kinderfahrrädern ist es so eine Sache. Kleine Menschen stehen offebar auf Anti-Pop-Comiczeichnungsmäßiges-Pop-Anti-Design. Allein das ist schon phänomenal. Und was in meinen Augen an dieser Photographie besonders heraussticht, ist etwas, das das Gemachtsein betrifft, nein, es ist das Gemachtsein selbst, welches sich hier auf verschiedene Art und Weise zeigt, offenbart und schwer fassbar hervorleuchtet.

    Damit meine ich nicht den Umstand, dass eine Photographie zweifelsohne etwas Gemachtes ist. Und ich habe nicht vor, darüber zu philosophieren, inwiefern Photos Artefakte sind – in dem Sinne, als sie sich uns als Ergebnisse eines Schöfpungsaktes darbieten, eines Aktes also, der diese bestimme Anordnung genau so haben wollte, wie es nun zu besichtigen ist, eines Aktes, der die verschiedenen Elemente so, und nicht anders, zu organisieren beabsichtigte, ein Ergebnis anstrebte, Prozess, ein intentionaler Akt, der notwendig an einem bestimmten Zeitpunkt zu einem Abschluss zu gelangen können muss. Auch frage ich mich nicht, inwiefern dies insbesondere auf Deine Photographien zutrifft.

    Gerade bei Photographien ist es schwierig, das Ergebnis, das Artefakt zu fassen zu bekommen. Solche Versuche gleichen bei mir immer eher einem wilden In-der-Luft-Herumgestikulieren und Ins-Leere-Greifen. Denn der Photographie haftet immer das Moment des Kontingenten an. – Was ich zu fassen bekommen suchte, scheint sich eben durch diese Ungreifbarkeit auszuzeichnen.

    Jedoch reizt es mich zu versuchen, den Schaffensprozess selbst nachzuvollziehen, die Intention(en) des Subjekts – um mich so der Beschaffeneit des Artefakts anzunähern. Nun, dieses Nachvollziehen wird wohl ebenso nie geligen können.

    Los geht es mit dem Design des Kinderfahrrads. In den Grundfunktionen technisch reduziert wartet es durchaus mit ein paar formalen Elenmenten auf. Ohne dem technishen Reduktionismus untreu zu werden, also ohne ein vorgebliches Mehr an Funktionalität hinzuzufügen den Anschein erwecken zu wollen, werden auf der rein gestalterischen Ebene diesen Freiuraum nutzend Sachen hinzugefügt. Z.B. wird die Form des Dreiecks an einigen Stellen wieder aufgegriffen. Ich verweise hiermit auf das hintere Schutzblech, oder Spritzschutz, wie wohl heute möglicherweise eher gesagt werden wird.

    Alles Dinge, die nicht für Kinder gemacht sind, für die Kinder mit Sicherheit keine Augen haben; dennoch dürfen wir uns m.E. an ihnen erfreuen.

    Es ist etwas anderes, das den Reiz diese Bildes ausmacht, denn der kindliche Künstler oder die kindliche Künstlerin hat es fertiggebracht, das Fahrrad in höchst artifizieller Weise in eine Anordnung zu bringen. Eben noch wird das Kind dahingeradelt sein, sich dabei möglicherweise angefangen haben zu langweilen, irgendetwas wird verlockender gewesen sein, z.B. die Sonne im Hintergarten, ein Ball, oder die Fontänen des Rasensprengers, die dort in den Sonnenstrahlen glitzerten. Eilig, fat wie nebenbei, wird es mittem im Fahren einfach abgestigen sein, wie es für Kinder möglich ist, den umständlichen Prozess des Anhaltens kurzerhand auslassend, vielleicht ist es zum Mittagsessen gerufen worden oder es wurde dann ermahnt, das Fahrrad nicht einfach auf der Straße liegenzulassen … Oder nichts von alledem. Sicher ist aber, dass es aus irgendeinem Grunde es nicht über sich zu bringen vermocht hatte, es bei dem kontingenten Faktum eines irgendwo zurückgelassenen Fahrrads bewenden zu lassen. Denn von in kindlicher Sorglosigkeit irgendwo zurückgelassenen Dinge, von leeren Zigarettenschachteln am Wegesrand, von Zufälligkeiten aller Art geht zwar eine eigentümliche Poesie aus. Die Kategorie der Kontingenz ist eine der Unschuld. Dieses Fahrrad ist aber ganz ohne Zweifel nicht kontingenterweise auf dies Art und Weise so abgestellt worden.

    Gerade die gefähliche Klippe, als gelte es, einem Abgrund zu entrinnen, die im Grunde unüberwindliche Felswand des Randsteins erklommen, ist es, das Kinderfahrrad, als gälte es, diesen Moment festzuhalten und zu dokumentieren, unmittelbar zum Stehen zu kommen. Als wollte es die Technik des Photogaphierens immitieren, wo in Bildern Ausschnitte, Zwischenzustände, die Infinitesimentalität einzelner Zeitpunkte festgehalten werden, kurz, eine Bewegung eingefroren, scheint das Fahrrad die Flüchtigkeit des Endpunktes einer Folge von Ereignissen, die ebensogut hätte weiterlaufen können, festhalten, fixieren zu wollen, indem es sich demonstrativ derart in einem Zustand der offenkundigen Instabilität an den Zaun anzulehnen scheint. Wir haben es also mit einer Photographie einer Anordnung zu tun, die ihrerseits den Stillstand, das Halt!, welche ohne vorgängiges Geschehen nicht denkbar wären und ohne jeden Sinn.

    Gerade indem es der Kontingenz ihren Tribut zollt, schlägt es der Kontingenz ein Schnippchen. Das Moment der Gefahr des Belebtseins, wenn es nämlich fährt, wenn es in Fahrt ist, weil ein Lebewesen in die Pedalen tritt in seiner unvorhersehbaren Schlingerfahrt über die verkehrsberuhigten Vorortstraßen, nun vorbei, ist noch augenfällig, obwohl es nun tod, leblos an einem zufälligen Ort sein einsames Dasein fristet. Wie ein Gerettetes scheint es bis in alle Ewigkeit allen vergangenen Gefahren trotzen zu wollen, indem es diesen Zustand der letzten Gefahr dokumentiert.

    Offenbar ist das Fahrrad durch einen gewollten Akt in dieser Weise an den Zaun angelehnt worden. Gleichzeitig spricht die Fragilität seines Zustandes, dass es jeden Moment umzufallen zu können scheint, gegen den intentionalen Akt, für die Kontingenz seines jetzigen Stillstands. Dass aber dieses Ungleichgewicht, diese Instabilität, derart fixiert, geradezu demonstrativ sich dem Betrachter wie mit dem Zaunpfahl winkend präsentiert, scheint es undenkbar zu machen, dass hier nicht ein schöpferischer Prozess am Werke gewesen sei. Kontingenz vers. Intentionalität. Nun, an dieser Stelle möchte ich auf die Verweise aufmerksam machen, die sich bereits innerhalb des Werkes ausmachen lassen. Es ist deutlich zu sehen, dass das Fahrrad sicher steht, trotz allem, am Abgrund des Kantsteins, die Grenze des Absturzes deutlich überwunden, entweder eine Grenze ist überwunden oder nicht, sie ist, aber diesem zum Trotze hält sich das Fahrrad dennoch überflüssig mit dem linken Ende des Lenkers am Zaun fest. Sicher ist es dort ausreichend gut verankert, aber dies scheint lediglich als ein Zugeständnis an die Stabilität, in der sich die Instabilität dieser Installation – die deren Thema ist – spiegelt. Warum aber solche Zugeständnisse machen ? Doch nur, um auf die Instabilität der Installation, auf die Instabilität der Anordnung des Fahrrads – ironisch – aufmerksam machen !

    Es handelt sich also um ein Gemachtes, wie dieses Fahrrad hier angeordnet wurde. Nur wenn der Schafensprozess des Fahrradabstellens exakt an diesem Punkt beendet oder unterbrochen wurde, konnte die prinzipielle Unabgeschlossenheit allen Seins, die Instabilität alles Intendierten, die Gefährdung von allem, was ist, so anschaulich gemacht werden. Dies nun wurde so subtil bewerkstelligt, dass es undenkbar erscheint, dass hier nicht ein schöpferischer Geist tätig war, der an einem bestimmten Punkt sich sagte: ‚So, fertig, jetzt nichts mehr verändern‘.

  6. ziggev schreibt:

    PS: Oh, jetzt sehe ich gerade – beim Schreiben das Bild etwas aus den Augen verloren habend -, dass das Fahrrad sich noch viel mehr in „Gefahr“ befindet, als wie ich es zum Verfassen meines vorigen Kommentars vermeint hatte. Trotzdem halte ich am ironischen Moment des Sich-mit-dem-Lenker-am-Zaun-Festhaltens fest. Die prinzipielle Ungreifbarkeit der Intentionalität, der Schaffenskraft, die diese einzigartige Installation schuf, die diesem Werk eine unvergleichbare Poesie verleiht, wird dadurch nur noch mehr unterstrichen.

  7. Bersarin schreibt:

    Eine Photographie ist Kontingenz und zugleich ihre Bewältigung.

    Was die Interpretation meiner Photographien betrifft, so kann ich dazu nicht viel sagen, da ich meine Bilder nicht selber deute oder deuten mag. In dieser Photographie ist ja alles „gesagt“, was ich zu sagen oder zu zeigen habe. Auf den Tag bezogen. Insofern tut es mir ein wenig leid, Deiner ausführliche Deutung, die mich (assoziativ und vom Denkduktus her) ein wenig an Heideggers Kunstwerkaufsatz erinnert, nicht hinreichend etwas zu erwidern.

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