„Wir kriegen sie alle“: Kreativität und Kontrollgesellschaft samt kleinem Blick auf Foucault und Adorno – Die Verschleifungen der Kunst, das Ende der Kunst? (1)

Es gibt Begriffe, die mag man – sofern noch ein Rest an Gespür für Sprache vorhanden und Reflexion auf Gesellschaft Bestandteil kritischen Denkens ist – nicht mehr verwenden oder wenn man diese Wendungen gebraucht, dann mit einer Portion Skepsis versehen. Dazu gehört der Slogan „Kreativität“ und ebenso die Phrasen von der „Lebenskunst“ oder vom unvermeidlichen „sich selbst neu zu erfinden“: Was als Akt der Kreation hätte gemeint sein können, ist zum Werbespot der Schröder-SPD für die Ich-AG geronnen, in der unter entweder prekären Verhältnissen oder aber – als Kehrseite der Medaille – bei teils sehr guter Bezahlung unter dem Extrem der Selbstausbeutung gearbeitet wird. Kreativität wirkt als Antrieb, Motor und Systememergenz. Der Titel des von Christoph Menke und Juliane Rebentisch herausgegebenen Buches „Kreation und Depression“ ist sehr passend gewählt, weil es unter dem Primat und dem Erfolgsdruck des Schöpferischen, die Folgekosten und die Begleiterscheinungen solches funktionalen und verdinglichten Schöpfertums gleich mit nennt: die Depression. Der Soziologe Andreas Reckwitz formuliert es in seinem Buch „Die Erfindung der Kreativität“ als kontrafaktische Annahme einer Art von Widerstandshandlung auf diese Weise:

„Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen. Dies gilt für Individuen ebenso wie für Institutionen. Nicht kreativ sein zu können ist eine problematische, aber eventuell zu heilende und mit geduldigem Training zu überwindende Schwäche. Aber nicht kreativ sein zu wollen, kreative Potenziale bewusst ungenutzt zu lassen, gar nicht erst schöpferisch Neues aus sich hervorzubringen oder zulassen zu wollen, erscheint als ein absurder Wunsch, so wie es zu anderen Zeiten die Absicht gewesen sein mag, nicht moralisch, nicht normal oder nicht autonom zu sein.“

Bei diesen Prozessen der Ubiquität des Kreativen, in denen die Kreativität von Menschen zwar gesteigert wird, diese aber im rein funktionalen Rahmen verbleibt, geht es nicht nur um einen Aspekt von Gesellschaft, sondern ebenfalls wird die Kunst selbst tangiert. Kreativität, einst dem Künstler – dem Genie bei Kant – vorbehalten, bezieht sich nicht mehr nur auf den Bereich der Kunst und kommt den wenigen Erlesenen zu, die unabhängig vom Fürsten oder vom Kirchenwillen Kunstwerke als autonome Werke schaffen, sondern das Schöpferische durchdringt mittlerweile sämtliche Regungen und Lebensbereiche bis hinein in die Büro- und Arbeitswelt: von den Trainingsprogrammen für das kreative Denken in Bildern, die dann in Sprache übersetzt werden, von der Analytischen Beratung bis hin zu Kreativschreibworkshops und allen möglichen Programmen der Selbstentfaltung: vom Zen bis hin zur Philosophie für Manager. Was jedoch als immergleiches Motto hinter all diesen Formen von scheinbarem Ich-Gewinn steckt, ist jenes Programm mit dem Namen „Fit für den Markt“. Der neue kategorische Imperativ der Postmoderne lautet: Sei kreativ! „Handle so, daß die Maxime Deiner ästhetisierenden und schöpferischen Einbildungskraft jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Arbeitsmaximierung und Wertschöpfungskette gelten könne.“

Dort, wo noch zum Beginn des 20. Jahrhunderts im Produktions- und Wertschöpfungsprozeß das „Stahlgehäuse der Rationalität“, die zweckrationale Ordnung waltete, und in einer Welt der Büro-Organisation, des Verwaltungsapparates einer Bürokratie, die der Soziologe Alfred Weber (Kafka promovierte bei ihm) gut beschrieb, des Fordismus, der Fließbandproduktion samt den Standardisierungen, in der kaum ein Raum für Denken und Empfinden blieb, ist nun die Ästhetisierung von Lebenswelt und Arbeitswelt gleichermaßen eingesprungen und das Subjekt bringt sich freiwillig und mit Freude qua Dynamik und freiem Denken in den Prozeß der Produktion ein – zumindest gilt dies für einen Teil der Arbeitswelt: von der Werbewelt, den Softwarebuden, vom E-Commerce bis hin zu den Projektplanern, die mit Kunst Stadtviertel verändern, wie dies in Hamburg beispielsweise in Wilhelmsburg massiv geschieht und in Berlin-Mitte lange schon geschehen ist. Aber auch in großen Unternehmen wie Unilever oder bei DHL hält dieses Denken, das Kunst und Kreativität in Beschlag nimmt, Einzug. Büroräume sind keine Arbeitszellen mehr, sondern es soll sich darin ein „Flow“ entfalten und der gemeinsame „Spirit“ wirken. Kunst wird zum art-lab, zum Labor der Selbsterfindung, die (am Ende) der Optimierung des Arbeitsprozesses dient. „Work hard play hard“ wie der Dokumentarfilm von Carmen Losmann über die schöne neue Welt der (post-)modernen und post-tayloristischen Arbeit heißt. (Eine Besprechung dazu findet sich hier.)

Was das Gesellschaftliche selbst betrifft, so geraten wir, wie Deleuze, anlehnend an die Machttheorie Foucaults, in seinem Aufsatz „Postscriptum über die Kontrollgesellschaft“ schreibt, von der Disziplinargesellschaft des 18 und 19. Jahrhunderts hin zu einer Kontrollgesellschaft, in der von der politischen Gesinnung bis hin zur körperlichen Fitness, die im Stahlbad des Crossfit-Bootcamps gehärtet wird, alles in den Blick der (Selbst-)Überwachung samt der (notwendigen) Selbstkonditionierung gerät. Es muß auf die Subjekte, auf ihre Körper, auf ihre Einbildungskraft, auf ihr Denken keine Disziplinierung, kein Druck mehr ausgeübt werden, damit ein Individuum funktioniert und sich im Takt fügt, sondern diese Mechanismen wurden – um ein wenig psychoanalytisch zu schreiben – weitestgehend internalisiert: vorauseilende Identifikation mit dem Aggressor. Zumal der Begriff der Kreativität durchweg positiv besetzt ist, wie das Zitat bei Reckwitz zeigt. Ironie der Geschichte ist es bei einem Begriff wie der Kontrollgesellschaft, daß insbesondere in Projekten, die sich immer noch als politisch links verstehen und damit eigentlich in der Tradition von Aufklärung und Kritik stehen sollten, wie ein Teil der „Critical Whiteness“ und der Genderforschung, über die Moralisierungstendenz und die Hygieneerziehung politischer Subjekte genau diese Kontrollfunktion an jenen Subjekten perfekt ausgeübt wird.

Was Foucault (und im Anschluß daran Giorgio Agamben) auf der Ebene kritischer Gesellschaftstheorie im Hinblick auf den Machtbegriff entfalteten, so zum Beispiel in „Sexualität und Wahrheit“ und prägnant in Foucaults Vortrag „Die Maschen der Macht“, muß ebenso mit den Praktiken der Kunst, mit dem Regime von Kunst und Kreativität in Zusammenhang gebracht werden. Dabei geht es weniger darum, Savonarola gleichtuend, die Kunst zu verbannen, ihr Autodafé durchzuziehen oder ikonoklastisch und das heißt: undialektisch zu destruieren, sondern vielmehr muß im Prozeß der Reflexion eine Bestimmung und Kritik der Kunst unter dem Blick des Spätkapitalismus vorgenommen werden, die sowohl das Moment des Gesellschaftlichen als auch die binnenästhetischen Aspekte umfaßt. Ich hatte, was das Binnenästhetische der Kunst betraf, vor zwei Jahren eine Serie mit dem Titel „Wozu Kunst?“ angefangen; dort kann, wer mag, einige Aspekte nachlesen. Ob einer solchen Kunst(-Produktion) im nachbürgerlichen Zeitalter überhaupt noch eine andere Dimension zukommt, als lediglich den Affirmateur des Bestehenden zu spielen, bleibt die Frage. Das Ende der Kunst als autonomer Tätigkeit scheint mir, so meine These, nicht ganz von der Hand zu weisen zu sein. (Von dem Anspruch der klassischen Avantgarden zu Beginn des letzten Jahrhunderts, die Souveränität der Kunst zu befördern ganz zu schweigen; über dieses Scheitern können mittlerweile auch die halbironischen Kaspereiaktionen eines Jonathan Meese, der die Diktatur der Kunst ausruft, nicht hinwegtäuschen.) Der Kunstproduktionsbürger würde gerne weitermachen wie bisher. Aber er kann nicht so recht und weiß nicht wie. Es ist diese Diagnose – einerseits – überspitzt formuliert und geht an die Grenze, aber es liegt in der Übertreibung eben doch ein Moment von Wahrheit.

Diese Situation der Kunst und ihre Entleerung als Reparateuer dessen, was in kapitalistischer Produktionsweise nur suboptimal funktionierte, spiegelt sich in einigen Büchern wider, die auf diese Zustände ihr Schreiben richten. Exemplarisch seien hier das oben genannte Buch von Reckwitz aufgeführt sowie das 1999 in Frankreich und 2003 auf Deutsch erschienene Buch von Luc Boltanski und Ève Chiapello, Der Geist neue Geist des Kapitalismus. Verschiedene Ansätze und Perspektiven leuchtet ebenfalls der oben genannte Sammelband von Menke und Rebentisch aus: Dort heißt es im Vorwort, das den Titel „Zum Stand ästhetischer Freiheit“ trägt:

„Im Zentrum des Bands steht ein Befund gegenwärtiger Gesellschaftskritik: Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind die heute entscheidenden gesellschaftlichen Forderungen, die die Individuen zu erfüllen haben, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Sie haben das alte Disziplinarmodell der Gesellschaft ersetzt, ohne dabei freilich die Disziplin abzuschaffen. An die Stelle einer Normierung des Subjekts nach gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern ist der unter dem Zeichen des Wettbewerbs stehende Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung getreten. Man gehorcht heute nicht mehr, indem man sich einer Ordnung unterwirft und Regeln befolgt, sondern indem man eigenverantwortlich und kreativ eine Aufgabe erfüllt. Im Blick auf häufig wechselnde ‚Projekte‘ sollen die Einzelnen ihren eigenen Neigungen folgen, um sich jeweils ganz – mit allen Facetten ihrer Persönlichkeit – ‚einzubringen‘. Es scheint, dass sich Einstellungen und Lebensweisen, die einmal einen qualitativen Freiheitsgewinn versprachen, inzwischen so mit der aktuellen Gestalt des Kapitalismus verbunden haben, dass daraus neue Formen von sozialer Herrschaft und Entfremdung entstanden sind. Tatsächlich ist in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften des Westens ein dramatischer Anstieg an im weitesten Sinne depressiven Persönlichkeitsstörungen zu verzeichnen. Innere Leere, gefühlte Minderwertigkeit, Antriebsschwäche scheinen die Kehrseite der Erwartung zu sein, die Einzelnen mögen sich – unabhängig von ihren jeweiligen sozialen Voraussetzungen – in der Teilnahme am gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zugleich flexibel und kreativ selbst verwirklichen.“

Das Bewußtsein von Pflicht und Erfüllung bleibt jedoch unter den Bedingungen spätkapitalistischer Kreativ-Produktionsweise gleich – nicht anders als im taylorisierten Produktionsprozeß –, die Vermehrung von Wert und die Kapitalisierung bleiben gleich, der Widerspruch von Arbeit und Kapital bleibt bestehen, da mag eine/r noch so viel Kreativität und Phantasie draufpappen: Arbeit bleibt Arbeit. Wir sind weder eine Freizeitgesellschaft noch eine Risikogesellschaft (Ulrich Beck), sondern Gesellschaft erhält und reproduziert sich primär immer noch über die Erwerbs- und Lohnarbeit. Auch die bewußtseinsnormierenden Mechanismen einer Kulturindustrie samt ihrer Wirkungsweise, die sich halb-subversiv maskiert und als halb-kritischer Pop marodiert, bleiben bestehen: ja sie verstärken den Nebel samt den Zublendungen noch, indem sie den Raum des Bewußtseins in der Weise ausfüllen, daß die Anästhesie der Vernunft komplett ist. Denn im Pop ist der Kritik die Affirmation per se eingeschrieben. In Anlehnung an eine Wendung aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (darin in der transzendentalen Dialektik) kann man mit Fug und Recht sagen, daß die Mechanismen und die Ausschüttungen der Kulturindustrie am Ende jene Euthanasie des Denkens (und damit der Vernunft) betreiben, die für das Weiterbestehen dessen, was wir die soziale Wirklichkeit der Arbeit nennen, notwendig ist. Doch wer nicht mittut oder wer im Geiste der Kritischen Theorie eines Adorno opponiert, ist bestenfalls Old school oder fällt ansonsten der Lächerlichkeit anheim. Kritik am Bestehenden, die auf das Grundsätzliche geht, ist des Defätismus verdächtig oder wird ganz einfach vom Witz derer erstickt, die zu kaum einem kritischen Gedanken mehr fähig sind und alles in wohlfeiler Kommunikation auflösen. Zumal es in solcher Kritik nicht darum geht, dem unreflektierten Adornitentum zu huldigen oder an einen dümmlichen Adorno-Ähnlichkeitswettbewerb teilzunehmen. Vielmehr ist es das Ziel von Theorie und Denken, die Gehalte des Adornoschen Textes fruchtbar zu machen und weiterzubringen, die nach wie vor Bestand haben und deren unveränderte Aktualität sich in der Praxis zeigte. Dazu gehört wesentlich sein Kapitel zur Kulturindustrie aus der „Dialektik der Aufklärung“: Es ist, abgewandelt und mit den nötigen Umschriften versehen, dringlicher denn je.

„Früher oder später kriegen wir Sie, mit Danone-Joghurt!“, so lautete ein Werbeslogan in den 80er Jahren. Oder wie dichtete der damalige BKA-Chef Horst Herold im Rahmen der RAF-Fahndung: „Wir kriegen sie alle!“ Dem Zusammenhang der Immanenz ist schwer und nur durch Abstand und kritischem Bewußtsein noch zu entrinnen. Nicht einmal das.

_________________

Luc Boltanski / Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus, Universitätsverlag Konstanz 2006, 29, – EUR,  ISBN 978-3-89669-555-0

Christoph Menke/Juliane Rebentisch, Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus, Kadmos Verlag 2010, 19,90 EUR, ISBN: 978-3-86599-126-3

Andreas Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung, Suhrkamp Verlag 2012, 16,– EUR; ISBN 978-3-518-29595-3

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Das Ende der Kunst, Gesellschaft, Gewaltdiskurse, Kapitalismuskritik, Wozu Kunst? abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu „Wir kriegen sie alle“: Kreativität und Kontrollgesellschaft samt kleinem Blick auf Foucault und Adorno – Die Verschleifungen der Kunst, das Ende der Kunst? (1)

  1. futuretwin schreibt:

    Lose passende Links:

    „Der nomadisierende Informationsarbeiter, der heute im Satellite Office ein Konzept präsentiert, morgen im Co-working Space eine Website produziert und übermorgen im Cafe, wenn er gerade mal kein Projekt hat, auf Facebook netzwerkt und die Tipps des gerade angesagten Productivity-Gurus studiert und sich mithin als frei, kreativ und unternehmerisch wahrnimmt, ist das Idealbild des kybernetischen Kapitalismus. Wo mit mechanischer Arbeit kein Wert mehr geschöpft werden kann, muss die kreative Persönlichkeit als Ganzes ausgebeutet werden. Die schiere Nutzlosigkeit dieser Geschäftigkeit angesichts der konkreten Utopie, es mit der Lohnarbeit einfach bleiben, die Maschinen mal machen und es sich selbst gut gehen zu lassen, wird nur durch eine immer hochtouriger drehende Zirkulationssphäre noch verdeckt.“

    Mehr:
    http://hate.blogsport.de/?p=79

    Oder auch (ganz neu):

    „Die Krankheit „Burnout“ wurde erfunden als ein Begriff zur Bezeichnung von Menschen, die mal für ihren Beruf brannten, sich dann aber in diesem kaputtgearbeitet haben, wobei wesentliches Merkmal bei diesem Ausbrennen sei, dass dies angeblich nicht etwa dadurch entstehe, dass die Arbeitgebenden sie ausbeuteten, sondern durch den eigenen Ehrgeiz der selbst-disziplinierenden Leistungsgesellschaft.“

    http://schizoanalyse.wordpress.com/2013/06/15/burnout-fur-kapitalismuskritische/

  2. futuretwin schreibt:

    Es gibt verschiedene Fluchtlinien an dieser Stelle:

    1. Zunächst gibt es die unterschiedlichen Entwicklungen von ehemaligen Mitstreitern der Gruppe „Socialisme ou barbarie“: Constantin Castoriadis und Jean-Francois Lyotard.
    Nach seinem Bruch mit S.o.b. denunzierte Lyotard die Hoffnungen, die Castoriadis an „die Einbildungskraft“, „das Imaginäre“ oder eben die Kreativität knüpfte und affirmierte die kapitalistische Ökonomie als immer schon von libidinösen Intensitäten durchdrungen. Lyotard ruderte später zu einem Rest eines emanzipativen Moments zurück. Alle beide brachen sie mit Marx, aber auf verschiedene Weise.
    Mit seiner Kritik an der Affirmation des Imaginären hat Lyotard die größere Aktualität behalten und deshalb wird wohl auch in „Kybernetik und Revolte“ von Tiqqun häufig die „Libidinöse Ökonomie“ zitiert. Mir würde es darum gehen Castoriadis‘ Imaginäres anders zu lesen. Ohnehin liest er sich imho wie ein nicht-dialektischer Ernst Bloch.

    2. Am Satz „Denn im Pop ist der Kritik die Affirmation per se eingeschrieben“ können weitere Fluchtlinien anknüpfen:
    Die „Cultural Studies“ der Birminghamer Schule wollten diesen Satz immer (u.a.) mit Gramsci, wenn schon nicht andersherum schreiben, so doch anders herum „lesen lassen“. Etwa so:

    Im Pop ist die Kritik aus der Affirmation (per se) herauslesbar.

    Was ja auch schonmal etwas ist. Gegen „Birminghams“ Abfeiern der kreativen Aneignung wird und wurde natürlich Adorno ins Feld geführt. An einem Punkt wo schon längst die Kulturforscher mit fliegenden Fahnen zur Kulturindustrie überlaufen ist dies durchaus nötig.

    3. Zu Ikonoklasmus habe ich auch neulich noch etwas gelesen. Dazu vielleicht demnächst mehr auf einem eigenen Blog.

    P.S.: Zum kreativen Potential von Pop führe ich immer gerne diesen Track an:

  3. summacumlaude schreibt:

    Das sog. burn-out ist die Depression der (vermeintlichen) Leistungsträger dieser Gesellschaft, da man die eigentliche Diagnose als zu stigmatisierend, als zu leistungsfeindlich empfand. Ein Depressiver ist ein Schlaffi, der nicht mithalten konnte im Leistungstakt; der Ausgebrannte hingegen war eine Zeit lang der Taktgeber.
    „Ich bin ausgebrannt“ – na dann müssen neue Raketen her! Das burn-out als Depression des FDP-Wählers und Naturwissenschaftlers mit calvinistischer Leistungsethik.
    „Ich bin depressiv“ das ist das burn-out des HartzIVlers und Geisteswissenschaftlers, der – man stelle sich das einmal vor! – vom NICHTSTUN und vom sinnlosen GRÜBELN ausgebrannt ist.
    Für mich ist dieser Begriffswechsel (von Depression zum burn-out) mit konsekutivem Wertungswechsel (vom die Allgemeinheit belastenden Schlaffi zum eigentlichen Leistungsträger) DIE Metapher der schönen neuen Welt. So verwandelt sich eine die gesellschaftlichen Umstände in Frage stellende Diagnose in deren Affirmation.

    (P.S. Vergewaltiger wir kriegen Euch! stand einstmals in einem Fahrstuhl; darunter in anderer Schrift: Mit Danone!)

  4. Bersarin schreibt:

    @ futuretwin
    Danke für diese Links. Zygmunt Baumann steht bei mir ebenfalls noch auf dem Zettel des zu Lesenden. Diese Verschränkung von Ökonomie und libidinösen Besetzungen, die seit den 70er, 80er Jahren als Reaktion auf die sogenannten 68er (der Begriff ist problematisch, ich gebrauche ihn dennoch) sich ergab: also dieser ganze Apparat aus Psychoanalyse, Poststrukturalismus, Machttheorie, Marx-Lektüre und Kritischer Theorie scheint mir immer noch ein gutes Rüstzeug abzugeben, wenngleich man manches im Detail wohl neu lesen und abwandeln muß und vieles an emanzipativem Potential in der Euphorie massiv überschätzt wurde. Derridas kritischer, Binäres dekonstruierer Blick samt seinem melancholischen Skeptizismus scheint mir in diesen Dingen immer noch der beste Umgang mit Gesellschaft.

    Castoriadis kenne ich zu wenig. Ja, vielleicht schreibst Du etwas über ihn, das wäre sicherlich aufschlußreich, wenngleich der Hinweis, daß er wie Bloch sei, nur eben nicht-dialektisch, nicht gerade vielversprechend klingt.

    Daß Pop zugleich ein Phänomen ist, das differenziert zu betrachten ist, sehe ich ebenfalls so. Doch wo es in die unkritische Affirmation gleitet und das vermeintlich Subversive nur noch vorgeschoben und Vorwand ist, da sollte auf alle Fälle – mit Adorno und über Adorno hinaus – Kritik angebracht sein.

    @ summacumlaude
    In der Tat: interessant ist auch bei Krankheiten das kulturelle Feld, das diese Krankheiten determiniert, so daß sie in die eine oder die andere Richtung interpretiert werden können. Zudem gibt es bestimmte Begriffe in bestimmten Epochen, die kommen und dann wieder aufhören: die Hysterikerin und der Melancholiker sind weitgehend out und kommen nicht mehr vor.

    Deine Differenzierung zu Depression und Burn out sehe ich ebenso: letzteres ist im Grunde positiv konnotiert. Wobei man ganz allgemein sagen muß, daß innerhalb der letzten 20 Jahre doch ein gewisses Bewußtsein für bestimmte psychische Krankheiten gewachsen ist.

  5. Modest schreibt:

    Das „Wir kriegen sie alle!“ – in seiner Struktur ein Verweis auf die Kontrollgesellschaft – wurde zu einem „Ihr kriegt euch selbst!“; der Sprecher ist ins Off getreten, er beruft sich nicht mehr auf ein „wir“, sondern ruft den anderen nur entgegen, dass sich der Prozess des „Kriegens“ nur auf ihrer Seite abspielt. Entkommen unmöglich, weil wir, die Gekriegten, gleichzeitig auch die Kriegenden sind.
    Interessanterweise versucht Foucault in seinem Spätwerk gerade durch die „Arbeit an sich selbst“ ein mögliches Außen oder Anderes herbeizusehen. Doch wie kann diese Arbeit einerseits eine sein, bei der wir uns nicht kriegen, und andererseits mehr beinhalten als eine vollständige Verweigerung (Bartleby als Held der Postmoderne wagt tatsächlich nicht zu wollen)?
    Der „neue Geist“ des Kapitalismus erfolgt als Reaktion des Systems auf eine Künstlerkritik, die gegen monotone Arbeitstätigkeiten gerichtet war. In ihr liegt der Ansatzpunkt für eine Kritik des neuen Geistes verschüttet, weil diese Künstlerkritik die „Selbstverwirklichung“ nur auf den Bereich der Arbeit begrenzte. Wenn Autonomie – Selbstgesetzgebung – jedoch mehr bedeutet als ein kreatives Berufsleben lässt sich von ihrer Richtung aus (wieder) Kritik betreiben. So gelangt die „Arbeit an sich“ bei Foucault erst zu ihrer Vollendung, wenn sie gegenüber Anderen eine politische Dimension erreicht. Hier trifft sich Foucault mit Cornelius – unter Freunden auch Constantin – Castoriadis der mit dem Begriff der Autonomie die „kreative“ (dem Imaginären entspringende) Selbstgesetzgebung verbindet.
    Erst wenn eine beständige und reflexive politische Selbstgesetzgebung den Kapitalismus affirmieren würde, gäbe es kein Entkommen mehr. Kunst kann nach wie vor zum Erleben von Diskordanzen führen, die den unheimlichen Drang nach Autonomie auslösen. So kriegen wir uns nur vorläufig, und können in dem „wir“, welches noch kein „wir“ ist vielleicht einen Ausweg finden.

  6. Bersarin schreibt:

    Der Hinweis auf Bartleby ist sehr wichtig. Ja: womöglich ein Held der Postmoderne, und zwar im Sinne der großen Verweigerung. Andererseits gälte es, Modelle zu finden, die das Destruktive bzw. die reine Negation, die häufig auch eine abstrakte Negation ist, verlassen, ohne daß diese Möglichkeiten und Modelle dabei aber vereinnahmt werden. Wahrscheinlich stellt dies ein schwieriges Unterfangen dar. Deleuze schreibt am Ende seines Textes „Bartleby oder die Formel“ in dem Band „Kritik und Klinik“: „Schizophrene Berufung: Selbst als Katatoniker und Magersüchtiger ist Bartleby nicht der Kranke, sondern der Arzt eines kranken Amerika, der Medicine-man, der neue Christus oder unser aller Bruder.“ [Wobei mich in Deleuzes‘ Texten zuweilen die doch sehr affirmativ-optimistische Emphase stört: als ob man ganz unmittelbar dem falschen Ganzen einen Wahrheits- und Handlungskern entgegensetzen könnte. Mir ist da Adornos paradoxes Diktum, seine Aporie doch viel näher, die einerseits in keinen Optimismus oder in eine Deleuzesche Rhizom-Handlungsanweisung verfällt, aber trotzdem nicht dem Nihilismus oder dem Nichts das letzte Wort überläßt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

    Es ist allerdings richtig, daß in der Kunst (immer noch) oder zumindest in einigen Kunstwerken etwas liegt, was das Bestehende transzendiert und überschreitet, eine Art von Schein – durchaus auch im seinem doppelten Sinne genommen. Darin gründet sich übrigens die nach wie vor anhaltende Aktualität der Ästhetik Adornos: keine Theorie der Kunst hat das Kunstwerk derart komplex analysiert und die darin wirkenden verschiedenen Aspekte aufgezeigt und dabei zugleich das Kunstwerk in seiner Eigenart belassen: es nicht in der Philosophie gleichnamig machen und auf den Begriff bringen zu wollen. Kunst als Vor-Schein von Utopie: und gerade vermittels dieses Scheincharakters wird dieses Andere gezeigt und kommt zur Darstellung, in dem es aufgespart wird. Im Bezug auf Ästhetik und Kunst als vielfältige Weisen von sinnlich-begrifflichem Denken und als eine Art Gegendispositiv, scheint es mir interessant und vor allem extrem wichtig, die Analysen Adornos, Derridas und Foucaults zusammenzulesen. Es geschah dieses Projekt in meiner Studienzeit in den 80er und 90er Jahren in verschiedenen Ausprägungen – nicht alles war an dieser Postmoderne gut, die sich mitunter einen teils fröhlich-oberflächlich-naiven Anstrich gab.

    Was die politische Dimension angeht, die bei Adorno sicherlich nicht so ausgeprägt war wie bei Foucault, scheint es mir durchaus geraten hier den Blick auf Foucault zu schärfen, der sich immer auch als einen im sartreschen Sinne engagierten Intellektuellen verstand.

  7. futuretwin schreibt:

    „Erst wenn eine beständige und reflexive politische Selbstgesetzgebung den Kapitalismus affirmieren würde, gäbe es kein Entkommen mehr.“

    Würde Helge Peters, der Autor des ersten Links nicht womöglich genau das konstatieren? Zumindest tendenziell?

    „Beständige und reflexive politische Selbstgesetzgebung“ erinnert mich auch sehr an die Performativität bei Judith Butler, wenn auch Castoriadis vielleicht den Blick stärker auf nicht-sprachliche Aspekte lenkt.

  8. futuretwin schreibt:

    Hier gibt es etwas zu Letzterem:

    „Ereignis, Akt und Schöpfung stellen drei verschieden akzentuierte Formen dar, den Bruch, die
    Verschiebung, die Veränderung, den Zusammenbruch, das Einbrechen des Neuen jenseits
    eines idealisierten, autonomen handlungsfähigen Subjekts zu denken. Ereignis, Akt und
    Schöpfung sind somit an die Frage nach dem Neuen in der Kunst aber auch nach dem
    revolutionären Moment im Politischen gebunden. Die Begriffe – Ereignis, Akt und Schöpfung
    – finden sich etwa im Denken Jacques Derridas, Jacques Lacans, Cornelius Castoriadis’,
    Maurice Merleau-Pontys aber auch im feministischen Performativitätsdenken Judith Butlers.“

    http://l.hh.de/Mehr

    Wobei ich denke, dass diese Autorin sich vor allem mit Merleau-Ponty auseinandergesetzt hat. Das Imaginäre von Castoriadis schöpft nicht aus dem Nichts, zumindest ist diese Ausdrucksweise missverständlich und ich bin auch unsicher, ob Subversion bei Butler notwendig einen zufälligen Charakter hat.

  9. Bersarin schreibt:

    Ich danke Dir für den Text von Esther Hutfles. Ich hoffe, ich komme dazu, ihn in nächster Zeit zu lesen. Auf meinem Desktop abgespeichert ist er zumindest.

    “Erst wenn eine beständige und reflexive politische Selbstgesetzgebung den Kapitalismus affirmieren würde, gäbe es kein Entkommen mehr.” Das mag sein. Andererseits denke ich, daß es immer wieder, neben der Kolonisation des Bewußtseins und der Lebenswelten (um mal mit Habermas zu sprechen, den ich ausdrücklich nicht zur Kritischen Theorie zähle) Lücken und Risse. Zumindest gibt es die Möglichkeit der theoretischen Besinnung. Und kleinteilig sicher auch der eingreifenden Praxis.

  10. Modest schreibt:

    Schön das zu lesen; unlängst hat sich gezeigt, dass ein Theoretiker, der sich Habermas annähert, zumindest das große K der Kritischen Theorie einbüßt. Genau in diesen Rahmen kann eine Praxis nicht gelingen, da diese Form des Reformismus (wie auch der entrüstete Bürger verstanden werden kann) im Kern affirmativ ist.
    Die Geschlossenheit durch eine immanente Kritik zu durchbrechen, kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie sogleich auf ein Neues und Anderes zielt, was sie jedoch lediglich antizipieren, nicht setzen kann (Habermas ein höheres Reflexionsniveau zuzuschreiben als der ersten Generation, wie es gegenwärtig geschieht, ist vielleicht eine List der Vernunft, die doch noch Neues hervorbringt). Bei Castoriadis wäre nicht das Imaginäre der Ursprung von Neuem, sondern das Produkt des radikalen Imaginären, welches tatsächlich ex nihilo schöpft, was nicht cum nihilo bedeutet, weswegen unter dem denkenden Tun in gewisser Weise eine dialektische Kritik verstanden werden kann.

    „Die Selbstverwandlung der Gesellschaft hängt von dem gesellschaftlichen und also im ursprünglichen Wortsinne politischen Tun der Menschen in der Gesellschaft ab – und von nichts sonst. Ein wesentlicher Bestandteil davon ist das denkende Tun und das politische Denken: das Denken der sich selbst schöpfenden Gesellschaft.“ – Gesellschaft als imaginäre Institution 609

  11. Modest schreibt:

    Danke für den Text, über den sich mein Desktop ebenso freut

  12. futuretwin schreibt:

    @ Modest

    Stimmt, ex nihilo, aber nicht cum nihilo oder in nihilo, dass ist Castoriadis O-Ton. Ich kenne ihn noch zu wenig (und muss daher sicherlich noch Cornelius zu ihm sagen ;-) ) und vor allem Merleau-Ponty zu wenig um das beurteilen zu können, aber ersterer ist doch viel von letzterem beeinflusst und ich glaube gar nicht, dass er in seinem Verständnis von Neuschöpfung so stark hinter Merleau-Ponty zurückfällt.

    Findest Du eigentlich auch, dass Castoriadis an Bloch erinnert?

  13. Bersarin schreibt:

    Das große K in der Kritischen Theorie fortzunehmen, scheint mir eine angemessene Maßnahme. Einerseits. Andererseits empfinde ich es als Unverschämtheit, welche Affirmationsheinis sich mit diesem Begriff immer noch schmücken. Aber so geht es eben im Leben.

    Ach, zu heiß hier im Osten, um kritisch zu denken. Ein grauenvolles Wetter.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s