Von der Kunst ein und zugleich gar kein Ich zu sein – Fernando Pessoa zum 125. Geburtstag

Es grenzt sich ein Buch über sich selber hinaus, multipliziert und dividiert zugleich, und es trägt diese Bewegung bereits im Titel: „Das Buch der Unruhe“. Es entfernt und entfesselt sich dort das Ich einer fiktiven Person, die sich als Hilfsbuchhalter Bernardo Soares ausgibt. Daß die falsche Existenz unserer Lebenswelten bloß den gesellschaftlichen oder den individuellen Bedingungen geschuldet sei, ist nicht der Tenor des Denkens jener Person, die unter dem Namen Fernando Pessoa firmiert. Es scheint vielmehr ein grundsätzliches Desaster im Existenz-Spiel seinen Spuk zu treiben. Pessoa selbst spaltete sich als Text in verschiedene Heteronyme auf: Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis. Für alle diese Personen erfand jener Pessoa eine eigene Sprache der Dichtung, eigene Biographien und Existenzweisen, bis hin zu den Horoskopen. Pessoa war mehr als esoterisch angehaucht, sein Denken ist konservativ und nachgerade antidemokratisch zu nennen. Dennoch blitzen darin Aspekte auf, die – ganz im Sinne einer Dialektik der Aufklärung – auf die Tücken und die Verwerfungen der ästhetischen Moderne verweisen: Existenz im Plural bedeutet nicht bloß, daß Ich auch ein anderer sei, sondern zugleich erweist es sich als vielfältig und multipel. Und es konstituiert sich ein solches Ich im Spiel (der Fiktionen). Dieses Changieren in der Prosa und der Dichtung Pessoas macht denen, die auf Eindeutigkeit geimpft sind – egal welcher politischen Farbe sie sein mögen – Angst. Eine große sogar: wenn der Diskurs des Identischen und der behaglich realistischen Erzählweise, wie sie manche Schriftstellerin, mancher Schriftsteller betreibt, die sich innerhalb der Moderne wähnten, verlassen wird, geraten wir in eine Sphäre, die sich den Zuordnungen entzieht. Nicht mehr das gleichförmige Plaudern eines „Stechlin“ oder das Seichtwasser desselben, letzte letale Regung eines Geistes der Goethezeit, sondern es flüchtet sich das poetisierende Subjekt in eine Art von Text als Vielfalt, der jenseits kommunikativer Momente liegt und der zugleich als artifizielles Text-Lebens wirkt und das Surrogat bildet:

„Schreiben ist besser als das Wagnis zu leben, auch wenn leben nichts anderes heißen sollte als Bananen im Sonnenschein kaufen, solange die Sonne scheint und Bananen zu Verkauf ausliegen.“ (F. Pessoa, Das Buch der Unruhe)

Schöner Schein der Warenwelt, in der die Einsicht liegt, über das Notwendige oder das Einfachste hinauszuragen. Es durchzustreichen und zugleich wieder in dieser Linienführung in eine Art von Text-Bild zu wandeln. Pessoas Prosa ist Existenzprosa, die von einem eigenwilligen, heute teils uns fremden Pathos durchtränkt ist.

„Jeder hat seinen Alkohol. Ich finde genügend Alkohol im Existieren. Betrunken von Selbst-Gefühl schweife ich umher und gehe richten. Wenn es an der Zeit ist, finde ich mich wie irgendein anderer im Büro ein. Wenn es an der Zeit ist, gehe ich zum Fluß und betrachte wie irgendein anderer den Fluß. Ich bin der gleiche geblieben. Und über alledem, mein eigener Himmel, bestirne ich mich insgeheim und habe meine Unendlichkeit.“

Schwankend und fließend zwischen Heraklit und Kant steht eine Ich-Existenz, die sich in den Bereichen Büro und Natur gleichermaßen zu bewegen weiß, die immergleich und doch anders aus dem Fluß steigt und die die Unsinnigkeit beider Daseinsarten sieht. Geist und Denken berauschen und betäuben sich in der Mannigfaltigkeit der Eindrücke gleichermaßen.

Fernando Pessoa entfaltete in seinem „Buch der Unruhe“ ein eher formales Programm der Dissoziatin von Autor, Subjekt, Denken und Text – es ist dieses Buch weniger ein Roman im Sinne der Tradition des Erzählens einer Schtory, sondern eine Art von Reflexions- und Meditationsprosa, die um ein „Ich“, eine Art von Ich kreist, das sich einerseits als vielfältiger multipler Kosmos in Verzweigungen und Aufspaltungen und andererseits als eine gigantische solipsistische Schleife der Reflexion erweist.

Material eingelöst wurde diese Dimension der Vervielfältigung im monadologisch-monologischen Singular und als Durchstreichung desselben, wo sich ein Ich verschleift, verwindet und in sich selbst einkreist, einen Kokon aus Reflexion und Wolken bildet, erst in der Literatur jener sogenannten Postmoderne. Womit ich – obwohl jene Autorin den Begriff Postmoderne nicht gerne liest – bei jenen Büchern bin, die ich für die legitimen Nachfolger Pessoas halte: Aléa Toriks Bücher „Das Geräusch des Werdens“ und – noch viel mehr Pessoa mit Inhalt ausfüllend – der Roman „Aléas Ich“. Pessoa kommt insbesondere im zweiten Werk dieser Schriftstellerin, die ebenfalls ein Schriftsteller ist, auf den Punkt, zieht diesen hin zur Line und in die Verzweigungen. Insbesondere über die Düsternis, die „Aléas Ich“ umtreibt, ist dieses Buch legitimer Nachfolger jener Prosa Pessoas. (Aber eben nicht nur, sondern vor allem: darüber hinaus. Postmoderne in ihrer durchaus gelungenen Variante, wie wir sie bei den Godfathers der Literatur: Don DeLillo, Pynchon und David Foster Wallace kennen.)

Aber bleiben wir beim Verwirr- und Suchspiel der Prosa Pessoas, insbesondere beim „Buch der Unruhe“

„Ich habe mich derart in die Fiktion meiner selbst verwandelt, daß jedes natürliche Gefühl, das in mir aufkommt, sich mir sogleich, sobald es aufkommt, in ein Gefühl der Phantasie verwandelt – das Gedächtnis in Traum, der Traum in mein Vergessen des Traums, die Selbsterkenntnis in ein Nicht-an-mich-Denken.

Mein eigenes Sein habe ich so sehr ausgezogen daß Existieren mich ankleiden heißt. Nur in der Vorstellung bin ich ich selbst. Und um mich her vergolden alle unbekannten Sonnenuntergänge in ihrem Hinschwinden die Landschaften, die ich nie zu Gesicht bekommen werde.“

Selbstaffektion und Dekonstruktion des Subjekts in einem einzigen Zuge. Am 13. Juni 1888 erblickte Fernando António Nogueira de Seabra Pessoa in Lissabon das Licht jener Welt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Von der Kunst ein und zugleich gar kein Ich zu sein – Fernando Pessoa zum 125. Geburtstag

  1. holio schreibt:

    Muss einfach Werbung für das Buch machen, Fragment 11 (153), übersetzt von Georg Rudolf Lind:

    „5.4.1930

    Der Teilhaber der Firma, in der ich arbeite, der immer an irgendeinem Körperteil krank ist, wollte aus irgendeiner Laune heraus in einer Pause seiner Krankheit eine Aufnahme von unserem ganzen Büropersonal haben. Und so haben wir uns denn vorgestern alle auf Weisung des heiteren Photographen in Reih und Glied an die schmutzigweiße Trennwand gestellt, deren zerbrechliches Holz das Büro der Allgemeinheit von Herrn Vasques‘ Chefzimmer abteilt. In der Mitte stand Vasques persönlich; auf beiden Flügeln in einer zunächst überlegten, dann unüberlegten Einteilung nach Rang und Würden die übrigen Menschenseelen, die sich hier tagaus tagein zu kleinen Zwecken vereinen, deren letzte Absicht nur das Geheimnis der Götter kennt.

    Als ich heute etwas verspätet und bereits ohne jegliche Erinnerung an das statische Ereignis der zweimaligen Aufnahme ins Büro kam, fand ich den unerwartet früh erschienenen Moreira und einen der Handelsreisenden über schwärzliche Dinge gebeugt, in denen ich sogleich erschrocken die ersten Abzüge der Photographien erkannte. Es waren übrigens zwei Abzüge von jener einzigen, die besser ausgefallen war.

    Ich durchlitt die Wahrheit, als ich mich dort erblickte, denn, wie man mit Recht vermuten darf, suchte ich zuallererst nach mir selbst. Nie habe ich mir meine körperliche Präsenz besonders nobel vorgestellt, aber auch noch nie habe ich sie als so null und nichtig empfunden wie im Vergleich mit den anderen, mir so wohlvertrauten Gesichtern bei dieser Aufreihung von Durchschnittsmenschen. Ich sehe aus wie ein abgewetzter Jesuit. Mein mageres, ausdrucksloses Gesicht strahlt weder Intelligenz noch Intensität noch sonst irgend etwas aus, was es auch sei, was es über die Ebbe der übrigen Gesichter erheben könnte. Und Ebbe, selbst das ist falsch. Wahrhaft ausdrucksstarke Gesichter sind unter ihnen. Chef Vasques steht da, wie er leibt und lebt – das breite Gesicht hart und doch jovial, energisch der Blick; ein steifer Schnurrbart rundet seine Erscheinung ab. Die Energie, die Schläue dieses Mannes – im Grund banal und bei vielen Tausenden Männern auf der ganzen Welt anzutreffen – sind auf dieser Photographie so ausgeprägt festgehalten wie in einem psychologischen Reisepass. Die beiden Handelsreisenden sind prächtig herausgekommen; auch der Buchhalter ist gut getroffen, wird aber fast verdeckt von einer Schulter des Herrn Moreira. Und gar erst Moreira selber! Mein Vorgesetzter Moreira, die Essenz der Eintönigkeit und des Beharrungsvermögens, wirkt gleichwohl viel persönlicher als ich selbst! Sogar dem Laufburschen – ich merke das an, ohne ein Gefühl unterdrücken zu können, von dem ich anzunehmen versuche, es sei kein Neid – steht eine Sicherheit, eine Unmittelbarkeit ins Gesicht geschrieben, die um ein mehrfaches Lächeln von meiner nichtigen Erloschenheit als Sphinx aus dem Papiergeschäft entfernt ist.

    Was will das heißen? Was ist das für eine Wahrheit, dass ein Film nicht irrt? Was ist das für eine Gewissheit, die eine kühle Linse dokumentarisch festhält? Wer bin ich, dass ich so sein kann? Gleichwohl … Und die Schmach des Gesamtbilds?

    „Sie sind wirklich gut getroffen“, erklärt plötzlich Herr Moreira. Und danach sagt er, indem er sich zum Buchhalter umdreht: „Das ist doch genau sein Gesichtchen, nicht wahr?“ Und der Buchhalter stimmte mit einer freundschaftlichen Heiterkeit zu, die mich auf die Müllkippe beförderte.“

    Wir mussten so lachen, meine damalige Freundin und ich, als wir es einander vorlasen. Hätten wir allein und einsam gelesen, hätte es uns vielleicht deprimiert, aber so gemeinsam und im Einklang einer halb gemeinsamen Weltsicht und gegenseitigen Bestätigung ließ es sich zwar halb ernst, halb aber auch gut lächerlich lesen.

  2. Bersarin schreibt:

    Die interessantesten Bücher lassen sich über diese Doppelung lesen: Tragik samt Pathos und zugleich Lachen: zu diesen Autoren gehören neben Beckett und Bernhard vor allem Kafka: die Komik seiner Prosa wird leider häufig überlesen. Grauen und Lachen liegen hier dicht beieinander.

    Das Wesen der Moderne ist das Büro, und der Apparat einer Verwaltung. (Mal ’n bißchen überspitzt.)

  3. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    ich kenne keinen Blog außer diesem, von dem ich mir vorstellen könnte, dass Pessoa angemessen besprochen würde. Er ist mitunter schwer zu lesen, diese reflexiven Spiralen um sich selbst. Aber Vorsicht eben mit dem Begriff ‚Selbst‘, Du hast es gut beschrieben, zwischen vielfältigen Aufspaltungen –das mit dissoziativer Persönlichkeitsspaltung zu beschreiben, damit macht man es sich ein wenig zu einfach – und solipsistischen Schleifen der Reflexion.

    Wenn man sich „Das Buch der Unruhe“ anschaut, meine ich, kann man erkennen, dass der Begriff Authentizität nicht gleichzusetzen ist mit einer biografischen Wahrheit. Nicht einmal dann, wenn man weiß, dass die biografische Wahrheit keine im Sinne der Geschichtsschreibung ist, der Entdeckung einer Wahrheit, sondern eine Erinnerung, eine Konstruktion, wie es gewesen sein könnte, in alle poetischen Freiheit, die er sich da zugesteht. Bei Pessoa finden wir eben nicht nur eine persönliche Seite, sondern ein poetisches Programm.

    „Habe ich gelogen? Nein, ich habe begriffen. Denn die Lüge besteht hier ganz allein in der Anerkennung der wirklichen Existenz der anderen Menschen und d er Notwendigkeit, ihrer Existenz unsere eigene anzupassen, die sich ihr doch nicht recht anpassen kann. Die Lüge ist hier einfach die ideale Sprache der Seele, denn so wie wir uns der Worte bedienen, die auf absurde Weise artikulierte Laute sind, um unsere intimsten und subtilsten Gefühls- und Denkregungen in wirkliche Sprache zu übersetzen, obwohl unsere Wörter sie zwangsläufig niemals voll und ganz wiedergeben können, so bedienen wir uns der Lüge und der Fiktion, um uns miteinander zu verständigen, was man mit der eigentlichen unmittelbaren Wahrheit nie erreichen könnte.“ (Buch der Unruhe, Fragment 504)

    Was immer man dazu sagen könnte, zu dem ganzen hier nicht hingeschriebenen Fragment, das trifft doch sehr, was wir mit postmoderner Sprachauffassung assoziieren. Ich glaube, ich mag den Begriff der Postmoderne nicht, weil das eben klingt, als sage man: so ist das in der Postmoderne. Als sei es nicht wirklich so. Dabei ist es gerade diese Theorie, die uns gezeigt hat, dass etwas gar nicht auf eine bestimmte Weise ist, sondern auf verschiedene Weisen, die von unserem Begreifen abhängig ist. Die Fiktion, die Lüge gibt im Grunde nur wider, was in der Sprache selbst angelegt ist: dass man sie nicht benutzen kann, um die Wahrheit zu sagen. Wenn man etwas sagt, sagt man immer noch andere Dinge mit, andere als man sagen wollte, als meinte zu sagen. Und das ist für die Psychoanalyse gleichermaßen wie für die Postmoderne wesentlich. Und diese Gemeinsamkeit von sprachlicher Verfasstheit haben ja auch Lacan und Derrida formuliert.

    Ich fühle mich geehrt, dass Du mich in diese Tradition stellst. Ich hatte vor einigen Tagen ein Interview in dem die Interviewerin meine Nähe zum Magischen Realismus betont hat. Das sind vielleicht meine beiden wesentliche Berührungspunkte, diese Art des Erzählens, die, sagen wir, eine Nähe ist, und Pessoa und die Postmoderne, die vielleicht eher eine Art des versuchten Abstandhaltens ist.

    Aléa

  4. Pingback: Positionen. Der Schrift-Zug von Aléa | Irisnebel

  5. Bersarin schreibt:

    Ganz kurz nur zum Begriff der Postmoderne: es mag ein unglücklicher Begriff sein, aber er besitzt im Feld der Ästhetik und auch im Hinblick auf Gesellschaft einige Relevanz: z.B. daß die Diskurse einer Identität als Ich-und-Autorin-Sein aufgehoben werden. Nicht mehr soll es bloß menscheln und der Mensch, das Subjekt, die Schreibende, der Schreibende mit seinen Gefühlen und Empfindungen und all dem Kitsch-Klimbim aus dem Jargon als Wesenheit des Textes und des Schreibprozesses extrahiert werden, sondern es geht schlicht um die Umschriften. Manche werden das wiederum mit den Biographien vermengen und sich getäuscht fühlen: Aber es bleibt dabei: Schreiben ist Täuschung und manchmal auch Enttäuschung. Wie geschrieben: diese Dinge betreffen Aspekte des Schreibens als Schreiben und das heißt dann: Textwelten.

    Wieweit sich Identitäten des Autors als Instanz verschleiern und nicht mehr dem Prinzip des auktorialen Erzählers folgen, mag verschieden ausgeprägt sein, das muß jede/r Künstler/in auf ihre Weise entscheiden, indem sie sich mit dem Material auseinandersetzen.

    Der Tod des Autors ist eine Schreibweise. Leider verwechseln Menschen nicht nur das Transzendentale mit dem Transzendenten, sondern auch den empirischen Charakter (also einen Schreibenden oder eine Schreibende in ihrer Faktizität, die eben auch ein Autorenhonorar bekommt und die in allen Facetten überleben muß) mit dem intelligiblen Charakter – mithin einer Ich-Subjekt-und-Text-Konstruktion, die über das Bloggen und neue Weisen von Schreiben die herkömmliche Welt von Literatur verläßt.

    Ob für diese Bewegungen und Ästhetikkonzepte nun der Begriff einer Postmoderne, der ja in den 80ern eine Hoch-Zeit erfuhr, überhaupt noch angemessen ist, bleibt eine andere Frage.

  6. Aléa Torik schreibt:

    Schade, dass sich hier keine Diskussion zu Fernando Pessoa abzeichnet. Das ist wirklich ein außerordentlich interessanter Schriftsteller. Aber das sind eben die Nachteile von Philosophie und Literatur: Man muss, um zu diskutieren, die Texte gelesen haben. Und Lesen kostet einfach Zeit. Aber bei Pessoa wäre sie gut investiert.

  7. Bersarin schreibt:

    Ja, manchmal ist es schade, daß nichts und nichts und nichts zustande kommt. Aber ich nehme dieses Schweigen und dann auch wieder das Sprechen und Kommentieren so wie es kommt. Es gibt Blogs, da geschieht kaum Diskussion und es gibt wenig Kommentare. Hier ist es zum Glück anders, und dafür danke ich dann – auch den kritischen oder skeptischen – Kommentatorinnen und Kommentatoren.

    Was Pessoa betrifft, so denke ich, daß er hier in der BRD doch nicht so bekannt ist, wie wir gemeinhin glauben.

  8. summacumlaude schreibt:

    Och, 7 Kommentare gehen doch und ich habe ja noch gar nicht gequatscht, weil dienstlich bis dato zuzementiert…..

    gut holios Hinweis auf Georg Rudolf Lind, der sicherlich für sich in Anspruch nehmen kann, Pessoa zuerst im deutschen Sprachraum bekannt gemacht zu haben. Seine späterhin sehr kritisierte „Unruhe“-Auswahl von 1985 bei Ammann war mein erstes Pessoa-Erlebnis. Dann kamen wie immer, wenn ein vermeintliches Monopol existiert, die ersten Kritiken und heute gilt Linds Pessoa wohl als etwas überholt, vergleichbar ein wenig mit Brods Kafka-Ausgabe.

    Das ist sehr in Zweifel zu ziehen, zumal sich doch auch Menschen darüber äußern, die die Übersetzungen aufgrund fehlender Potugisischkenntnisse gar nicht vergleichen können. Da wird dann Kritik an der Herausgeberikone schnell zur Lust am vermeintlichen Sakrileg, zum behaupteten Tabubruch. Auch ich kann kein Portugisisch, anerkenne aber – ohne Kritikresistenz im Detail – Linds Pionierarbeit im Ganzen.

    Zu Pessoa nur noch eine Empfehlung: Der anarchistische Bankier, zuerst 1986 bei Wagenbach erschienen. Eine der großen Novellen des 20. Jhd. in einer Reihe zu nennen mit the dead oder Tod in Venedig. „Er rauchte wie einer, der nicht denkt.“ Das Unerhörte dieser Dialog-Novelle liegt bereits im Titel begraben.

  9. Bersarin schreibt:

    Ja, die Anzahl der Kommentare geht noch in Ordnung. Aber man muß eben Pessoa gelesen haben, und es sollte vom Text auch noch etwas hängengeblieben sein. Da liegt meist die Schwierigkeit. Zudem scheint mir ein generelles Problem bei den meisten Blogs vorzuliegen, die Literaturkritik und -besprechungen machen: Oft werden bloße Empfindungsurteile geäußert und das pflanzt sich dann in den Kommentaren fort. „Warst Du auch so begeistert wie ich?“, „Echt ‘ne irre Wirkung hatte dieses Buch!“ usw. Das schreibt sich relativ leicht, und weil man über subjektive Empfindungen schlecht diskutieren kann, formuliert dann jede/r noch etwas dazu, was sie oder er zusätzlich noch beim Lesen empfanden. Reflektierte Kommentare erfordern es meist, daß man relativ aktuell das Werk gelesen haben muß oder es sich noch einmal vornimmt.

    „Ein anarchistischer Bankier“ habe ich ebenfalls in den 80ern gelesen. Aber es ist zu lange her. Der Eindruck, den die Erzählung hinterließ, war allerdings nicht so stark wie bei Manns Novelle. Was mir interessant und von der Struktur des Textes wichtig erschien, war die absurde sophistische Dialektik, die in der Argumentation steckte.

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