Wunderbar, wüst, leer und wie ein Stück von Beckett oder Bernhard – Zur Moderne Georg Büchners (2)

So zumindest ließe sich das Märchen aus dem Woyzeck von Büchner lesen. Die Großmutter erzählt es den drei Kindern, die um Marie herumhocken:

„Es war einmal ein arm Kind und hatt‘ kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt‘s in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum. Und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.“

Theoreme der Vereinzelung, Teorema: Es ließe sich dieses Märchen, ebenfalls in der Diktion eines Benjaminschen Messianismus auffassen: eine Welt, entstellt und leer und bedürftig, wie sie vor dem Blick der Menschen (oder gar: des letzten Menschen, um Nietzsche mit ins Boot zu nehmen) daliegt. Aber es ist nicht nur die Welt, sondern – in einer materialistischen Sicht – ebenso der Himmel leer; der Himmel wird nicht einmal mehr den Engeln und den Spatzen überlassen, sondern es geht in dieser Region der Transzendenz nicht anders mehr zu als auch auf der Erde selbst. Die Himmelskörper verwandelten sich in abgestorbene Dinge, keine kalten Sterne, sondern Abgestorbenes, das einst lebendig oder zumindest organisch war: Holz, Sonnenblumen, Mücken, aufgespießt von einem Vogel: nun bilden sie eine tote Welt der toten Dinge, die – nebenbei – das Gegenteil des Fetischismus bedeutet, denn der Fetischist belebt die Dinge und damit auch: die Welt. Der Himmel spiegelt das, was sowieso ist. Woyzeck sagt es zum Beginn des Dramas im Dialog mit dem Hauptmann deutlich, und das Märchen greift dieses am Anfang gesetzte Motiv von Transzendenz als Arbeits- und Todeswelt wieder auf: „Wir arme Leut – Sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer kein Geld hat – Da setz einmal eines seinesgleichen auf die Moral in der Welt! Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt. Ich glaub‘, wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.“

Der „Woyzeck“ ist ein modernes Drama, weit vor der ästhetischen Moderne, es entragt dem 19. Jahrhundert, bereits seiner Form nach: Es tritt, nicht anders als Kafkas Prozeß, der auf andere Weise die „Tücke des Subjekts“ (Slavoj Žižek) fortschreibt, als Fragment auf, und es hätte, selbst dann wenn Bücher es zur Vollendung getrieben hätte, diesen Fragmentcharakter nicht verloren. Die Szenen folgen keiner Ordnung mehr, sie könnten genauso ganz anders zusammengestellt werden; mit Gewalt stößt eine Szene an die andere, gehetzt in der Zeit, wie Woyzeck selbst – fast ließe sich diese Montage als ein filmisches Verfahren bezeichnen. Das Subjekt als Individuum zergeht, und der Text zeigt seine Beschädigungen, dies geht so weit, daß Hauptmann, Doktor und Tambourmajor nicht einmal mehr Namen tragen.

„Er ist ein guter Mensch!“ so konstatiert der scheinheilige Hauptmann über Woyzeck und legt seine billige Moral und billige Weisheiten dar:

„Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke. Beschäftigung, Woyzeck, Beschäftigung! Ewig: das ist ewig, das ist ewig – das siehst du ein; nur ist es aber wieder nicht ewig, und das ist ein Augenblick, ja ein Augenblick – Woyzeck, es schaudert mich, wenn ich denke, daß sich die Welt in einem Tag herumdreht. Was ’n Zeitverschwendung! Wo soll das hinaus? Woyzeck, ich kann kein Mühlrad mehr sehen, oder ich werd melancholisch.“

Die Überlegungen des Hauptmanns sind der Müßiggang dessen, den wir später als Kleinbürger bezeichnen, und der sich doch so sehr als Bürger noch dünkt. Thomas Manns epochaler Roman „Doktor Faustus“ ist voll von solchen Gestalten. Bei Büchner ist die Moderne in nuce angelegt.

Es parodiert dieses Drama jedwede Theodizee oder Theologie, und es konterkariert jenen Satz von Blaise Pascale aus den „Pensées“: „ Was die Tugend eines Menschen vermag, soll man nicht an seinen außergewöhnlichen Anstrengungen, sondern an seinem gewöhnlichen Leben messen.“ Es schmeißt dieses Drama der Gesellschaft ihren eigenen Rotz ins Gesicht. Aber gerade aufgrund dieser Wucht des Dramas scheint es mir geboten, es behutsam zu inszenieren. Der gesellschaftskritische Holzhammer tötet die kritische Absicht. Daß der Wahnsinn des Woyzeck auch unser Wahnsinn sei, griffe zu hoch. Aber er spiegelt doch ein Moment des Irrationalen wieder, das viel mit der Einrichtung dieser Welt zu schaffen hat. Kaum dürfte es sich um einen Zufall handeln, daß alle Texte Büchners vom Wahnsinn, vom Irrsinn, vom Abdriften handeln. Noch Luciles Gegenwort am Schluß von  „Dantons Tod“, jenes „Es lebe der König“, ist dem Wahnsinn und zugleich der hellen Klarheit abgetrotzt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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15 Antworten zu Wunderbar, wüst, leer und wie ein Stück von Beckett oder Bernhard – Zur Moderne Georg Büchners (2)

  1. kommentarblog schreibt:

    Auch wenn mir ihre Texte zu theoretisch und wahrscheinlich zu klug sind, lese ich immer wieder gerne herein. Sie schneiden oft Themen, die mich ebenfalls beschäftigen, wenn auch eher emotional, als intellektuell. Woyzeck und insbesondere die Gutenachtgeschichte der Großmutter haben mich erst kürzlich wieder hingerissen, und im Moment erinnern mich Schicksal und Wesen von Franz Biberkopf oft an Büchners verwirrten Soldaten. Tom Waits hat nicht nur Songs für Robert Wilsons Inszenierung des Stoffes geschrieben und unter auf der CD „Blood Money“ veröffentlicht, sondern auch die Gutenachtgeschichte bildhübsch vertont. Damit lege ich mich jetzt auch schlafen: https://www.youtube.com/watch?v=aYVlHqCC4Qo

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, es geht hier im Blog relativ theoretisch zu. Dies freilich liegt in der Sache gegründet und ist keine willkürliche Entscheidung des Blogbetreibers. Es ist dies ein Blog, der im Bereich der Kunst und ihrer Werke Theorie sowie Praxis vermittel. Adäquate Kunstbetrachtung und Kritik ist ohne Theorie und ein bestimmtes Wissen nicht möglich. Wer beschreibt, was er oder sie vor einem Kunstwerk fühlen, kann das gerne machen. Nur hat das wenig mit dem Werk, sondern mehr mit dem empfindenden Wesen zu tun. Zudem sind Empfunden von Menschen, die uns (in der Regel) unbekannten sind, meist nicht sonderlich interessant. Ich halte von diesen Subjektivitätsentäußerungen, die mit nichts vermittelt sind als der eigenen Befindlichkeit, wenig.

    Es gibt im Leben Kunstwerke und (philosophische) Texte, die Schwierigkeiten machen, die als sperrig sich erweisen. In einer Welt der universalen Verfügbarkeit von allem und von jedem halte ich solchen Entzug freilich für sinnvoll und richtig. Dieses Verhalten bedeutet nicht, Texte unnötig zu verkomplizieren. Aber es existieren andererseits Sachverhalte, die lassen sich nur unter dem Aspekt der Reduktion einfach darstellen.

    Was diese Geschichte von Tom Waits betrifft: Auf diese Weise würde ich es eben nicht inszeniert wissen wollen, weil’s kulturindustrieller Kitsch und damit kalkuliertes Gefühl ist.

  3. summacumlaude schreibt:

    Wüst und leer die Erde, das war sie immer, aber es gab doch die Gewissheit des süßen Himmels. Nun, auch der war dann sauer und fad zugleich. Wenn aber der Himmel nur leer ist, muß man die wüste Erde mit – sozialdemokratischer? – Süße füllen und genau von dieser wahnsinnigen Suche nach der erdigen Süße erzählt das 20. Jahd. . Hierbei ist der betuliche, sozialdemokratische Ansatz sicherlich der menschenfreundlichste, aber leider auch der langweiligste. Da waren andere Ideologien eben wirkmächtiger weil mit „Abenteuern“ gespickt. Rassismus + Karl May, na da war was los, da konnten die Kleinbürger endlich die Sau raus lassen. So wie der Doktor, der Hauptmann.

    Erbsen, und ein ewiges Feuer den Toten!

    Büchner hat schon gewußt, dass das Toterklären des Himmels die Erde nicht lebbarer macht und es gleichzeitig keinen Weg zurück gibt (lächerlich die konservativen Kulturkritiker mit „ihren“ Antworten: ore et labore et familie). Schließlich ebnete die wüste Erde dem Kleinbürger und seinen ideologischen Bedürfnissen den Weg. Von diesem Weg „erzählt“ Woyzeck, so wäre er zu inszenieren.

    Richtig deswegen Dein Einwand gegen Tom Waits: Die Leere , das büchnersche „so lebte er hin“ findet hierbei keine Resonanz

  4. Bersarin schreibt:

    Ja, diese von Tom Waits gelesene und mit Bildern illustrierte Geschichte steht ganz und gar konträr zum Märchen im Woyzeck.

    Nun, wo der Himmel leer ist, in jenen Zeiten der Moderne wir in jener „metaphysischen Obachlosigkeit“ auskommen müssen und uns im Diesseits einzurichten haben, wird es eng und karg. Und wir bemerken: es sind wir selbst, die für die Dinge hiernieden zuständig. Im Zeitalter einerSpätmoderne, eines restlos entfesselten Kapitalismus sind darum die Angebote und Möglichkeiten nicht besser geworden. Mochte vor 150 Jahren die Sozialdemokratie noch eine Option gewesen sein, so gehört sie (nicht erst seit G. Schröder) mittlerweile zu den Stützen des Systems.

    Spannend an Büchner ist dieses Moment des Politischen und Gesellschaftlichen, das seine Texte in den Blick nehmen und zugleich die ästhetische Autonomie dieser Texte: sie sind kein Parteipolitikprogramm, kein Bitterfelder Weg, kein Sozialistischer Realismus, kein Agit-Prop. (Wenngleich eine Theaterinszenierung sie jederzeit dazu machen könnte. Auch diese Dekonstruktion wäre eine Aufgabe: Büchner, meets Brecht, meets Heiner Müller.)

  5. summacumlaude schreibt:

    sozialdemokratisch war in der Tat historisch „gemeint“.

  6. kommentarblog schreibt:

    Wenn mir ihre Texte zu theoretisch sind, ist das nicht kritisch gemeint, sondern rein subjektiv. Keine Frage, dass Kunstwerke und Texte sperrig sein dürfen, zum Teil sperrig sein müssen. Entschuldigen sie, wenn ich sie mit meiner „Subjektivitätsentäußerung“ gelangweilt habe. Aber sei’s drum. Ich habe jedenfalls keine Zweifel, dass sie genau wissen, was sie schreiben und was sie damit erreichen wollen.

    Widersprechen würde ich ihnen gerne, wenn sie behaupten, dass Tom Waits‘ Aufnahme im Gegensatz zum Märchen im Woyzeck steht, und das auch noch „ganz und gar“. Aber ich fürchte unter all den Kategorien eine Fallgrube, in der ausgehungerte Theorien die Zähne fletschen. Entsprechend gehemmt sitze ich jetzt vor meinem Rechner … Waits‘ Inszenierung findet im Rahmen der Kulturindustrie statt, aber tut das nicht jede Inszenierung? Ist nicht alle Kunst irgendwo kalkuliertes Gefühl? Findet die Leere bei Waits tatsächlich keine Resonanz? Ist die Welt nach seinem „there’s your story … night night …“ nicht doppelt trist, selbst wenn das Kind noch vermeintlich behütet in seinem Bett liegt?

  7. Bersarin schreibt:

    Es geht nicht um Langeweile, jede/r mag und kann lesen wie er oder sie es möchten.

    Es gibt, was das Märchen im Woyzeck betrifft, Texte und Passagen, die stehen derart für sich, daß (fast) jede Umschrift scheitert. Das ist wie mit Film-Remakes. Es gibt kaum bis wenig gute.

    Ja, die meisten Inszenierungen bedienen die Kulturindustrie und sind häufig Objekte potenzierter Selbstreferenz. Und wenn sie in den Kitsch ragen, so schreien sie schnell: Ironie, Ironie. Was in dieser Waits-Inszenierung unangemessen mir scheint, ist das Pathos dieser Sequenz. Es fehlt der Spiegel, der aufbricht und auffächert.

  8. kommentarblog schreibt:

    Die „Langeweile“ hatte ich aus dem „nicht sonderlich interessant“ in ihrer Antwort auf meinen ersten Kommentar gelesen. Dass Waits in seiner Gefühligkeit manchmal in Kitsch und übertriebenes Pathos rutscht, mag schon stimmen, aber in dem Stück erkenne ich nichts davon. Ich würde es aber auch nicht als Inszenierung oder Umschrift verstehen. Ich vermute, Woyzeck kümmert Waits bei dieser Aufnahme reichlich wenig. Er hatte einfach Lust, diese Geschichte auf einen Sockel zu packen … Ich vermute aber auch, dass Sie Waits reichlich wenig kümmert, und deshalb bin in der Beziehung jetzt einfach ruhig.

  9. Bersarin schreibt:

    Es mag in den Zeiten der (Post-)Moderne sich jeder bei allem bedienen und einen Text oder ein Bild umschreiben und verändern. Allerdings muß sich der, der solches macht, dann schon an dem messen lassen, was er in die Arbeit nahm. Hier bei Waits ist es kitschig und rührselig geraten. Das ist es, was mich an dieser Geschichte stört: Büchner, verhackt in der Waits-Maschine, und es fehlt dann nur noch Robert Wilson, der dazu ein paar poetische Bildchen für die Bühne entwirft.

  10. kommentarblog schreibt:

    Kann man die Aufnahme einer Performance an einem Text messen?

  11. Bersarin schreibt:

    Ja, das kann man. Es gibt allerdings solche Performances, die völlig an einem Text vorbeigehen und die dennoch genial eigenständig und deshalb neu sind. Das aber, was Waits mit dem Text von Büchner macht, ist nichts als kulturindustrielle Standardware. Serienproduktion, die auf den leichten Konsum aus ist. Man kann sich vielleicht über die Qualität der Illustrationen streiten. Aber im Gesamtkonzept bedient dieser Film das Klischee und arbeitet mit Vorfabriziertem, um eine ganz bestimmte Reaktion hervorzurufen. Diese Standardisierung ist eben wesentliches Merkmal von kulturindustrieellen Produkten. Weite Teile des Pop fallen dort ebenfalls hinein.

  12. kommentarblog schreibt:

    Der Film ist die Arbeit eines Fans.

  13. Bersarin schreibt:

    Das mag sein, und ich will die Arbeit, die in der Trickfilm-Komposition steckt gar nicht schmälern. Aber es verfehlt diese Sequenz dennoch den Text Büchners. Es bemißt sich ein Werk nicht am Zeitaufwand und auch nicht daran, mit wieviel Liebe und Leidenschaft es gefertigt wurde. Liebe und Leidenschaft sind sicherlich sinnvolle Tätigkeiten, die in sich selbst ihren Zweck haben können. Doch sie allein reichen nicht aus.

  14. kommentarblog schreibt:

    Ich glaube wir kommen hier nicht zusammen. Den Film hatte ich überhaupt nicht wahrgenommen und prinzipiell ist er mir egal, wobei es interessant sein könnte, zu überlegen, zu welchem Zweck solche Dinge produziert werden: Als Liebhabereien, die nicht mehr als „putzig“, „hübsch“ oder „nett“ sein wollen, oder als ambitionierte Werke, die sich an Etabliertes anlehnen, um ein Stück von dessen Aufmerksamkeit abzugreifen.
    Was Waits davon hält oder halten würde, kann ich nur vermuten: Ich glaube nicht, dass die Illustrationen nach seinem Geschmack sind. Und Büchner kann sich leider nicht mehr dazu äußern.
    Allerdings würde ich gerne für die Aufnahme selbst Partei ergreifen, kann das aber nicht auf ihrem hohen theoretischen Niveau, sondern nur mit einer Mischung aus reichlich Empathie und ein wenig Theorie. Ich nehme Waits als Künstler wahr, der sich am Anfang seiner Karriere an Vorbildern entlang gearbeitet und dadurch allmählich zu einem eigenen Stil gefunden hat. Im Verlauf seiner Karriere ist er dann zuverlässig sperriger geworden, was nicht heißt, dass die Zuckerbrocken, die sich nach wie vor in seinem Werk finden, reine Köder sind. Für ihn gehört das leicht verdauliche genau so dazu, wie das verschlossene.
    „Childrens Story“ ist nicht mehr als eine Skizze. Meinem Empfinden nach in ihrer Beiläufigkeit sehr gelungen. Falls Sie in ihrem Blog Texte darüber haben, unter welchen Voraussetzungen ihrer Meinung nach heutzutage „Kunst“ geschaffen werden sollte oder kann, bin ich dankbar für einen Hinweis.
    Momentan bin ich aber der Meinung, dass auch das „theoretisieren“ vor einem Werk „wenig mit dem Werk, sondern mehr mit dem“ theoretisierenden „Wesen zu tun“ hat. Was ich allerdings nicht uninteressant finde, einerseits weil die „Unbekannten“ dadurch allmählich zu „Bekannten“ oder zumindest „weniger Unbekannten“ werden, andererseits wegen der Theorien selbst.

  15. Bersarin schreibt:

    Tom Waits ist, wie auch sämtliche meiner hier im Blog dargebotenen „Tonspuren zum Sonntag“, Popmusik. Nicht mehr, nicht weniger. Es gibt keinen Grund, Pop nicht zu hören. Nur sollte man das ganze nicht zu einer Sache überhöhen, die sie nicht ist. Das meiste am Pop ist eben und am Ende doch nicht so subversiv, sondern dient dem Spaß und der Freude, mögen das die Theoritiker des Pop und der Subversion des Pop auch anders sehen. Musikalisch, so würde ich freilich vermuten, spielt sich das meiste auf recht schalem Niveau ab. Aber ich komme nicht von der Musiktheorie her, insofern vermag ich beim Pop nicht ins Detail zu gehen.

    Ich mag Tom Waits‘ Musik, hörte ihn einige Zeit selber, sah in Hamburg im Theater in den 90ern „Black Rider“ und „Alice“. Sicherlich: diese „Children’s Story“ ist eine Skizze, das sehe ich ähnlich. Es ging mir nicht darum, gegen Waits zu schreiben, sondern vielmehr gegen eine Tendenz im Pop, sich einen kulturellen Mehrwert zu erkaufen oder zu erschleichen, indem an Werken der Hochkultur partizipiert wird. Ja, ich hierarchisiere Kunst. Es gibt gute und mißlungene, es gibt, wenngleich das in gewisser Weise dem Begriff von Kultur bzw. dem Rest, der davon noch blieb, widerstreiten mag, eine erste Liga. Flaubert ist erste, Fontane zweite oder dritte. Goethe, Kleist und Büchner sind erste Liga, Novalis „Ofterdingen“ reicht lange nicht an Goethes heran und August von Kotzebue ist vierte Kreisklasse. Und es lassen sich für diese prägnanten Sätze durchaus Gründe angeben, die nicht auf dem bloßen Gefallen oder einer subjektiven Geschmackswertung beruhen.

    „wobei es interessant sein könnte, zu überlegen, zu welchem Zweck solche Dinge produziert werden …“ Auch ich halte diese Frage für nicht ganz unwichtig.

    Was das Schaffen von Kunst betrifft, so lassen sich diese Dinge nicht auf eine einfache These nageln. Ich schrieb gelegentlich darüber, so z. B. in meiner Serie „Wozu Kunst?“, die ich wohl wieder aufleben lasse.

    Wie meinst Du denn, kann ein Werk anders als durch die Theorie wahrgenommen werden? Jede Verbalisierung vor einem Kunstwerk, jedes Jonglieren oder Arbeiten in Begrifflichkeiten ist per se bereits eine Form von Theorie oder zumindest Vorab-Theoretisierung. Was nicht bedeutet, daß jede Verbalisierung gleich gut ist. Da, wo alles gleich gültig ist, werden am Ende die Positionen auch gleichgültig. Bereits wenn ich vor einem Bild sage, van Goghs Bauernschuhe gefallen mir, dann steckt darin bereits implizit eine Weise von Theorie bzw. von sprachlicher Fixierung, und zwar in dem Sinne, daß über ein subjektives Geschmacksurteil in irgend einer Weise eine Präferenz aufgebaut wird, die in Verschiedenem wurzeln kann: in lebensweltlichen Bezügen, in einem bestimmten Wissen von Kunst, in einer Sicht auf Gesellschaft, in einer Vorliebe für bestimmte Dinge und Sujets und vieles mehr. Es hängt also dieses Urteil mit Formen von Theorie und Lebenswelt zusammen. Es gibt keine unhintergehbaren und natürlichen Empfindungen, sondern diese sind konditioniert und bedingt. Über diese Bedingungen und Referenzpunkte innerhalb der Perspektive sich Auskunft zu geben, halte ich für ausgesprochen wichtig. Ein weites Feld, mein gesamter Blog kreist im Grunde um diese Frage, was ein Kunstwerk zum Kunstwerk macht. Und das geht nun einmal nicht über rein-subjektive Geschmacksurteile oder Sätze, wie „Ich meine …“

    Wer rein sinnlich auf ein Kunstwerk sich beziehen will, der kann nur in der Weise eines Zitates oder des Weiterschreibens von Kunst ein neues Werk schaffen.

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