Die Dialektik des Teufels

„Dicitur imago diaboli pulchra, quando bene representat foeditatem diaboli, et tunc foeda est.“
(Bonaventura, Sentenzen)
[Man nennt das Bild des Teufels schön, wenn es die Häßlichkeit des Teufels gut wiedergibt.]

Das Schöne lebt; selbst in einem Kunstwerk, das das Häßliche oder gar das schlechthin Böse zu seinem Inhalt hat, und selbst innerhalb einer Ästhetik des Häßlichen – sozusagen „Unter der Sonne Satans“. Die Bedeutung des Häßlichen und insbesondere der Gestalt des Luzifer bzw. der Satans besaß für den Dichter und ästhetischen Theoretiker Baudelaire eine hohe Bedeutung. Es ist der gefallene Lichtengel, der sich als Struktur einer aufkommenden Moderne erweist, zumindest dann, wenn man mit Baudelaire bzw. mit der Romantik die beginnende ästhetische Moderne (als Epochenbegriff) ansetzt. Licht, Enthüllung und Verhüllung in einem, Erscheinung im Modus der Vergänglichkeit. Es ist für Baudelaire nicht mehr die Natur das Paradies, sondern es sind die künstlichen Paradiese des Rausches, der Großstadt, die seinen Text konstituieren. Zufall, Flüchtigkeit, die Verwesung des Aases, eine Frau, die vorüberging und die der flüchtige Flaneur im Strömen der Masse niemals mehr wiedersehen wird. Das Erhabene, so schrieb es Benjamin, hätte bei einem Großstadtbewohner wie Baudelaire, der kaum noch die Sterne des Himmels wahrnahm, wohl niemals Antrieb für seinen Text geben können. Dieser Kategorie konnte nur von jenem Weisen aus Königsberg als zentraler Aspekt einer (Natur-)Ästhetik gesetzt werden. Trotzdem: auch Kants Theorie bleibt zentraler Bestandteil der ästhetischen Moderne

Der Moderne ist die Ästhetik des Häßlichen eingeschrieben. Der Postmoderne die vom gänzlichen Scheitern und vom Verschwinden der Kunst, so wie wir sie bisher kennen. Wie benötigen keine Kunstwerke mehr, ihre Zeit ist abgelaufen, sie gehören der bürgerlichen Epoche an. Wir brauchen keine neuen Bilder, keine neuen Romane, keine neuen Filme. Was wir benötigen, ist der Diskurs des ästhetischen Theoretikers, der die Bestände sichtet, dekonstruiert und anti-hermeneutisch neu zusammensetzt. Der Ästhetiker ist der neue Künstler, für das 21. Jahrhundert sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Malerinnen und Maler überflüssig.

[Aber es ist ja nur das Bild des Teufels, das wir schön zu nennen pflegen, wenn es nach den Regeln der Kunst und das heißt comme il faut gemalt und präsentiert wird.]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Ästhetische Theorie, Kunst abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die Dialektik des Teufels

  1. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    hervorragend formulierter Irrtum: der nämlich, dass wir keinerlei Kunstwerke mehr bedürfen, sondern nur noch deren Kritiker. Das wäre das Programm der Postmoderne gewesen, wenn sie zur Vollendung gekommen wäre. Ist sie aber nicht. Weil sie mit dem Begriff der Vollendung nichts anfangen konnte. Obwohl alle über ‚die‘ Postmoderne (ich kenne mindestens drei) geredet haben, hat sie letztlich doch keiner gewollt. Außer der mitunter schöne, der verlockende Teufel. Das ist bereits bei Baudelaire angelegt oder vorgedeutet, die Ästhetik des Hässlichen, der verloren gegangene Gott oder Sinn. Das Erhabene hat dort keinen Platz mehr. Soweit verstehe ich das. Aber wie kommst Du dann auf Kant? Und dürfte ich freundlicherweise vermuten, dass der Teufel einen Scheiß von Dialektik versteht? Das ist doch das teuflische an ihm.

  2. Bersarin schreibt:

    Auf Kant komme ich wegen des Erhabenen in Absetzung zum Schönen, und zum anderen natürlich, weil es sich bei der Kritik der Urteilskraft um die erste Ästhetik handelt, die vom Subjekt her denkt und zugleich nicht in der bloßen Subjektivität der Empfindungen gefangen bleiben will.

    Es war das Erhabene übrigens in den 80er im Rahmen der Postmoderne-Debatte en vogue, insbesondere die Philosophie Lyotards stellte das Erhabene als zentrale Kategorie heraus. All dies trägt sich allerdings von der Ästhetik Adorno her, in der diese Dinge bereits angelegt sind. Als eigentlich noch niemand so recht Kategorien wie das Naturschöne oder das Erhabene in die Debatten zur Ästhetik einbezog, schrieb Adorno bereits darüber und machte diese Begriffe zum Bestand seiner „Ästhetischen Theorie“.

    Die Postmoderne oder gerne auch: die Spätmoderne: das bleibt wohl ein Kapitel für sich, über das ich ein wenig schreiben müßte. Ich verweise allerdings dazu auf meine Blog-Serie zur Postmoderne. Die ich dann leider einstellte, vergaß, aufgab, den Atem zum Weiterschreiben nicht besaß. Was weiß ich. Zu finden ist diese Serie unter der Kategorie „Postmoderne“ rechts in der Leiste.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s