Reduktionsromantik. Oder das Weib als Nachtmahr und Verheißung

Am Wochenende fand in Frankfurt und in Wiesbaden ein Festivalkongress mit dem Titel „Unendliche Annäherung. Die Romantik in den Künsten von heute“ statt. Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz äußerte sich in der Sendung „Kulturzeit“ in bezug auf die Romantik wie folgt: „Das ist der Sündenfall der Kultur, die Romantik für die Frauen. Da beginnt die wirkliche Verdinglichung der Frau zu dem schönen Wesen, das sich nur geben darf, die nur die Antwort sein darf und nie eine Frage stellen darf. Da beginnt das, wogegen eine Frau später Energie aufbringen muss.“

Man könnte solche als Allgemeinplatz gefaßten Sätze nun unter der Rubrik „Wohin und in welchen Ruin des Denkens ein unterkomplexer Feminismus uns führt“ als Ulk oder Spaß abtun. Leider ist Marlene Streeruwitz nicht dafür bekannt, einen ausgeprägten Sinn für Humor zu besitzen. Leider meint Streeruwitz solche Äußerungen ernst. Vielleicht ließe sich mit dem Ankündigungstext der Veranstaltung entgegnen: „Doch trotz ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Künste weckt kaum eine Epoche derart schillernde, dem Klischee nahe Vorstellungen wie die Romantik.“ Ästhetische Romantik ist eben nicht das, was sich der schwärmerisch-schwelgende Mensch so vorstellt, der gerne bei gedimmten Kerzenlicht im Restaurant sitzt.

Es sollten Schriftstellerinnen und Schriftsteller – qua Schrift und Text – im Grunde Differenzierungsdenkerinnen und -denker sein, die die Komplexität eines Phänomens entfalten und die verschlungen, nicht ganz gerade gehenden Wege aufzeigen. Was Streeruwitz hier äußerst, ist nicht nur jenes billige Klischee von Romantik – als ob in den Bildern von Blechen oder C.D. Friedrich hingestreckte Frauen in Walle-walle-Gewändern liegen, die auf den Erlösungskuß des Mannes warten, als ob die Texte von Schlegel und Novalis nun (zum ersten Mal in der Literatur) von Frauen wimmeln, die um Erlösung durch den Mann bettelten. Natürlich nicht. Sondern es gehen solche reduktionistischen und banalisierten Zuschreibungen an den realen Produktionsbedingungen (von Kunst) und an einer angemessenen Reflexion auf Gesellschaft und damit auch: auf die Rolle der Frau vorbei. Statt die Bilder und Texte eindimensional und im Jammer- und Klagemodus zu lesen, sollte sich Streeruwitz der Bilder bemächtigen und den Gegentext in sie hineinlesen, es sollten die Gegenbilder erzeugt werden. Zumal sich in solchen feministisch, psychoanalytisch, struktural ausgerichteten Lektüren immer nur ein Aspekt von vielen zeigt. In seiner Komplexität läßt sich das gelungene Kunstwerk eben nicht auf den einen Begriff bringen – selbst ein Gemälde von Füssli nicht. Schon gar nicht funktioniert dies bei eine Epoche.

Subtexte freizulegen und die Ideologie aufzuzeigen, die zugleich jeder Kunstproduktion innewohnt, mag für die ästhetische Theorie eine Aufgabe sein und jene Arbeit bedeuten, die das Kunstwerk in einen erweiterten Zusammenhang bringt. Es darauf aber zu reduzieren, verfällt dem Amusischen und verwechselt die Ebenen – nicht anders als die Ikonoklasten, die den Bildern und den Skulpturen die Gesichter ausschabten. Zumal die Bewegung der (deutschen) Romantik derart heterogen ist, daß sie sich auf keinen einheitlichen Nenner bringen läßt. Novalis‘ ästhetische und philosophische Fragmente sind Ausdruck der Philosophie seiner Zeit, nämlich der Philosophie nach Kant und Fichte – sie drehen sich wesentlich um die Frage nach der Subjektkonstitution, nach dem Verhältnis von Endlichkeit und Unendlichkeit, sowie dem Bezug zwischen einem transzendentalen und dem empirischen Ich. Alle diese Aspekte umfassen sowohl Frau als auch Mann, so wie das Fallgesetz oder die Regeln der Logik für Mann und Frau gleichermaßen gelten. Von musiktheoretischen, mathematischen und poetologischen Reflexionen ganz abgesehen.

Natürlich, wir kennen die Bilder von hingestreckten Frauen in weißen Gewändern aus den Gemälden Füsslis und anderer, die Szenen, wo leblos die Frau im Fluß treibt. Aber es ist nun gerade kein Spezifikum der Romantik, ein bestimmtes Bild von Weiblichkeit im Medium von Text und Bild zu inszenieren bzw. ein Frauenmodell bereitzustellen, das die Frau als Erlösungs- oder Todesmedium setzt. Hinreichend subtil und instruktiv entfaltete Elisabeth Bronfen das Verhältnis von Weiblichkeit, Tod und Ästhetik (freilich nicht auf die Romantik bezogen) in ihrem 1992 erschienenen Buch „Nur über ihre Leiche“. Man kann über das Buch streiten, aber zumindest wird hier Romantik nicht in einer Weise des Quatsch-, Dada- und Jammer-Feminismus denunziert, der die ewig gleiche Leier von der verwundeten Frau als Opfer anschlägt.

Daß Literatur und Bildende Künste auch von einem patriarchalen Diskurs (mit-)konstituiert werden, kann nicht bedeuten, eine vielfältige ästhetische Bewegung wie die Romantik in einem Schlagwortsatz zu ersticken; einer Romantik zumal, in der eine Vielzahl an Frauen mitwirkte – was innerhalb des Geists der Goethezeit nicht selbstverständlich war.

Marlene Streeruwitz bedient eine unterkomplexe Lektüre; ebensogut ließe sich die These aufstellen, die Romantik sei für die Kinderarbeit verantwortlich, weil in ihren Märchen kleine Wesen dargestellt werden, die in Bergwerken sich verdingen müssen. Wenn Streeruwitz schon den bei Marx entlehnten Begriff der Verdinglichung verwendet, dann sollte der Weg in eine andere Richtung gehen: It’s the economy, stupid.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Reduktionsromantik. Oder das Weib als Nachtmahr und Verheißung

  1. ziggev schreibt:

    ach, bitte, bersarin, beraub ums doch nicht aller unsrer Klischees, die wir uns einbilden! Streeruwitz bedient doch nur das Klischee um des Klischees Willen. Das ist eine typische Machart solcher qualitätsjounalistischen Erzeugnisse. Ein bisschen mit den Vorurteilen spielen, um die Leser oder Hörer irgendwo am Bahnhof ihrer Unwissenheit „abzuholen“. Ich vermute, das war sogar ganz gut gemacht, sofern als Hörbeitrag – mit dem dazugehörigen ironischen Unterton. Als Standard gehört bei solchen Erzeugnissen gegen Ende die Gegenthese dazu, die besagen will: war ja alles nicht so gemeint. Halt das übliche Geplappere. Zum „war halt alles nicht so gemeint“ würde zwar die bestimmte Negation des Nichtgemeinten gehören, und es ist vielleicht eine etwas billige Tour, gerade dies nicht auszusprechen, oder jedenfalls hinreichend unklar, aber lassen wir sie doch einfach weiterschwätzen mit ihrem Nichtmeinen.

    Aber trotz allem, Danke nochmal für die Verweise auf Novalis et al, auf die deutsche Romantik, an der bereits mein Vater erblindete, verdammt, dieser Fusel!, und die mich regelmäßig in meine allübliche Depression wieder hineinstürzen lässt. Aber trotz allem.

  2. Bersarin schreibt:

    Typinnen wie Streeruwitz bedienen die Klischees samt dem Betrieb des Quassel- und Jammerfeminismus. Ironie ist Streeruwitz als rhetorisches Mittel leider fremd.

    Wo die Literatur der Quotierung unterliegt und ein Kunstwerk unter keinem anderen Blick mehr als dem von feminin/maskulin gelesen wird, verschwindet jegliche Subtilität und Differenzerfahrung. Literatur wird in dieser Lesart dann nur noch nach einer Art Bitterfelder Weg der Parteinahme gelesen und produziert: Das ZK gibt bekannt. Wer über die Begriffe von Inhalt und Form, mithin über Begriffe der Kunstkritik und der Ästhetik nichts mehr zu sagen hat, die ergehen sich ins Schwadroniere und Plaudern. Wir hingegen lachen darüber, schütteln den Kopf, sehen weg und machen weiterhin Kunst und Ästhetik.

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