Blick auf Lissabon

Hitler habe ganz Europa in Schutt und Asche gelegt, so heißt es als Gemeinplatz. Aber Lissabon, das zumindest ist mein Eindruck, verschonte der Mann. Hitler mochte die Stadt. Irgendwie. Ansonsten hätte er sie zerstört. Wie Guernica. Oder wie Warschau. Eine intakt-funktionierende Altstadt tut sich vor dem Flaneur auf, teils malerisch in sanftgeschwungene Hügel gebettet – sofern nicht gerade ein Erdbeben wütet.

Portugal war von 1926 bis 1974 eine Diktatur – eine der längsten in Europa. Portugal wirkte als Kolonialmacht, was z. B. das Denkmal Padrão dos Descobrimentos zeigt, das unter dem Diktator Salazar 1960 zum 500. Todestag von Heinrich dem Seefahrer am Ufer des Tejo im Stadteil Belém errichtet wurde. Ab dem Jahre 1960 begannen blutige Kolonialkriege gegen die Völker in Afrika, die für ihre Unabhängigkeit kämpften.

Wie sich Lissabon nähern? Natürlich über das Medium der Photographie, weshalb es auf Proteus Image mit einem neuen Teil weitergeht. Um den Rhythmus einer Stadt und ihre Strukturen mitzubekommen, muß der Reisende in dieser Stadt lange leben. Zehn Tage sind eine kurze Zeit. Sich über das Politische einer Stadt annähern? Es gab früher im Rowohlt Verlag einen Reiseführer, der hieß „Anders reisen“. In diesen Reiseführern wurden das politische Rom oder das politische Paris vorgestellt, manch interessanter Hinweis für Spaziergänge oder Tip zum abendlichen Ausgehen befand sich darin: so z.B. jenes von einem Korsen als Volksküche betriebenes Restaurant in Paris, in dem jeder genau so viel fürs Essen und Trinken zahlte, genauer gesagt in ein dem Gast hingeschobenes Holzkästlein legte, wie er geben konnte oder wollte. Das verwöhnte Söhnchen, das sich für einen Monat in Paris aufhielt, zahlte sicherlich mehr, als das Essen wert war. Dafür trank Söhnchen auch mehr als andere. Damals wie heute – er hat sich nicht geändert.

Es ließe sich Lissabon auf der Ebene der Literatur nähern, sozusagen als literarische Spurenwandlerreise, und es könnten Namen wie Fernando Pessoa, José Saramago oder António Lobo Antunes genannt werden, um nur die bekanntesten der portugiesischen Schriftsteller aufzuzählen. Aber ich reiste nicht in diese Stadt, um auf den Spuren der Literatur die Orte, Straßen, Plätze, Cafés und Promenaden Lissabons zu sichten. Ich habe – schlicht und ergreifend – photographisch flaniert. Ich bin kein schriftstellernder Beobachter, ich will aus den Menschen, die diese Stadt bewohnen oder die für ein paar Tage dort auf Besuch weilen, keine Geschichten herauspressen, ich will den Menschen nicht nachlauschen, ich möchte die Dinge nicht in die Sprache setzen, sondern zu Bildern erstarren lassen. Ich möchte eine Welt als Bild-Text, in der alles reglos, leblos und tot ist. Ich will die Menschen einfrieren, besser noch: verbannen. Alle ihre Regungen sind für mich lediglich Bilder. Wenn ich durch die engen Gassen der Alfama schreite, in denen sich gegen Mittag die Hitze staut, wenn Pan nicht mehr mittelmeerisch, sondern bereits atlantisch flötet, und wo sich die Bewohner über die mehr als schmale Gasse hinweg aus dem Fenster die Hände reichen können, wenn ich abends durch die Viertel von Garçia schlendere, ein wenig besorgt um mein D 600-Baby, dann sehe ich Bilder, Szenen, Objekte, die ich ablichten möchte. Ich sehe keine Menschen, ich betrachte Zu-Photographierendes.

Aber es befällt mich – das falscheste, was es für einen guten Photographen gibt – manchmal eine Art Scham. Ich will die Bewohner nicht in ihren Dasein, wie sie gerade in der kleinen Bar etwas trinken oder wie sie einkaufen oder an einem Platz sitzen, fixieren und damit in ein Bild bringen. Andererseits geht es technisch nicht anders. Der Einzelne, den ich in einer Tätigkeit oder in seinem Dasein abbilde, transformiert sich zu einem Objekt, das für etwas ganz anderes steht, als er selbst in seinem So-Sein, in seinem Dasein. Er ist kein Einzelner mehr, sondern stellt etwas dar, bereichert eine Szene. Und im Akt der Bildwerdung ist dieser Einzelne zugleich mehr als ein Objekt. Er wird zum lesbaren oder manchmal auch zum unlesbaren Zeichen. Menschen in Zeichen, Spuren und Texte zu verwandeln, daß nichts mehr von ihnen übrig bleibt als Bild oder Text, verlangt Talent zur Gestaltung. Und das bedeutet immer: weg von der Unmittelbarkeit und von den geraden, den direkten Wegen.

Im Grunde müßte ich die Menschen, die ich photographiere, um Erlaubnis fragen. Aber das ist schon in der BRD schwierig. In einem Land, dessen Sprache ich nicht spreche, ein Ding der Unmöglichkeit. Was hilft, um die Mensch nicht zu sehr zu verärgern – denn wer will in Zeiten von Facebook, Flickr, Internet schon gerne abgelichtet werden? –, ist eine dezente Kamera. Dieses Verstohlene mag Betrug sein, aber die Abgebildeten denken in solchen Momenten der Aufzeichnung und Bannung: Es ist bloß ein Tourist. Oder sie bemerken es gar nicht, wenn ich den Auslöser betätige. Ja, ja: das Recht am Bild. Aber danach fragten auch Walker Evans oder Henri Cartier-Bresson nicht.

Lissabon ist im Vergleich zu Berlin, Rom oder Paris eine eher langsame Stadt. Die Hektik des Alltags verrauscht und verhaucht in den Straßen und in den schmalen Gassen. Der Wind, der häufig in Brisen weht, trägt allen Lärm und alle Hektik fort. Was weiß ich. Vielleicht bildet es sich der Flaneur bloß ein, so wie wir uns vieles einbilden. Alles geht in Lissabon gemächlicher zu als in anderen Städten. Zumindest ist dies im Zentrum der Stadt der Fall. Dennoch sollte der Flaneur auf der Hut sein und kein Träumender, sondern die geschärfte Aufmerksamkeit bewahren. Nicht nur wegen der engen Gassen und der Menschen, die ihn umlaufen könnten.

Ich schrieb es bereits vor ein paar Tagen: Portugal sei eine Art Insel. Und vor einigen Tagen lese ich – dienstbeflissen wie ich bin – in Hans Magnus Enzensbergers Buch „Ach Europa!“, daß es selbiger in ähnlich Weise bereits 1988 formulierte: „Ja, ganz im Ernst: eine Insel, die am westlichen Horizont verschwimmt, ein Überrest des sagenhaften Atlantis. Genau genommen sogar ein Archipel; …“

Ich will jenes Moment des Magischen, das in solchen Formulierungen steckt, nicht überbewerten, weil’s dann leicht nach Reisegesinnungskitsch riecht, und ich halte ebenfalls nichts von dem Begriff „Nationalcharakter“. Aber es existiert in Lissabon dennoch eine spezifische Mentalität, die Schriftsteller wie Antonio Tabucchi im „Lissabonner Requiem“ gut eingefangen haben. Der Saudade nun nachzuspüren, war mein Begehr nicht, denn was ich selber in mir trage, das benötige ich nicht noch anderswo. Eigentlich sind die Bewohner von Lissabon heitere Menschen, vielleicht weil sie in einer schönen und angenehmen Stadt leben.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Blick auf Lissabon

  1. genova68 schreibt:

    Schön geschrieben. Nationalcharakter, tja, ich kenne Lissabon aus der Zeit um 1990, seitdem hat sich da so viel getan, beispielsweise bei der Kleidung. Die hatten damals noch sehr eigene, konservative Klamotten an, Männer nie in offenen Schuhen oder gar kurzen Hosen. Heute ist das sehr europäisiiert, oder? Es wird durch die globale Wirtschaft alles angeglichen. Die Topografie der Stadt und die alte Architektur sind spezifisch, die aktuelle auch wieder austauschbar. Man schaue sich den kompletten Osten der Stadt an, der vor 20 Jahren noch völlig kaputt, desolat war. Jetzt stehen dort austauschbare Eigenheime mit Abstandsgrün und vierspurige Straßen mit begrüntem Mittelstreifen.

    Das Langsame, die Saudade, ja, das ist wohl alles so, irgendwie, ohne das auf das Individuum rutnerbrechen zu können. Interessant ist immer der Straßenverkehr. Die Lissabonner stehen täglich (oder standen) stundenlang in riesigen Staus, in denen es wirklich keinen Meter vor oder zurück ging. Aber alles in völliger Stille, niemand hupt, nur das leise, beruhigende Geräusch des Leerlaufs von tausenden Autos. In Rom oder Athen undenkbar.

  2. Bersarin schreibt:

    1990: das ist lange her und es veränderte sich in dieser Zeit sicherlich einiges, insbesondere, was die Viertel, die abseits liegen betrifft.

    Was die Kleidung betrifft, so gehen die alten Männer und die alten Frauen teils immer noch in sehr korrekter Kleidung, teils sogar, wie am Sonntag, elegant, auf der Straße, selbst die, wo zu vermuten steht, daß sie mit nicht viel Geld ausgestattet sind. Ich mag diese Art der alten Frauen und Männer sich zu kleiden. Mit Krawatte und Anzug anstatt in irgend einer Schlunzjeans, die bei Männern in diesem Alte nur noch lächerlich wirkt.

    Die Staus gibt es immer noch, allerdings wird doch von Zeit zu Zeit die Hupe betätigt.

  3. genova68 schreibt:

    In Lissabon wird gehupt? Dann ist die Revolution nicht mehr weit.

  4. Bersarin schreibt:

    Aber nur sanft. Und leise. Es wird also eine sanft, und eine leise Revolution …

  5. genova68 schreibt:

    Es ist interessant, dass dir das Ruhige so aufgefallen ist. Man weiß ja bei solchen Besuchen nie so genau, ob man das so erlebt oder nur im Reiseführer gelesen hat. So eine sanfte und leise Revolution täte mir gefallen.

  6. Bersarin schreibt:

    Das ist richtig, es gibt Beobachtungen, die genauso dem Reiseführer entstammen könnten. Ich denke aber, daß diese Vermischung jemandem, der eine Stadt beobachtend-photographisch durchstreift, nicht so leicht passieren wird, weil sich der Photograph auf das selbständige Betrachten verlegen muß. Von Reiseführern, die Allgemeinplätze zur Mentalität eines Landes abgeben oder die Prognostisches über Menschen äußern, die in einer Region leben, halte ich nicht viel.

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