Sollen Frauen dirigieren?

Oder Männer über Frauen erigieren? Fragen über Fragen.

Machen Sie einfach mit bei unserem heiteren Aisthesisquiz, betrachten Sie Chor und Dirigentin, und wenn es morgen heißt: Mit Bersarin bei Wagner in der Oper, so können Sie gerne dabeisein. Klingt fast wie die Marx-Brothers, ist aber ernst gemeint. Das hier präsentierte virtuelle Fundstück eher weniger.

Es gibt Momente, die kann selbst ein Regisseur wie Christoph Marthaler nicht besser in Szene setzen. Juchhu Tralala.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu Sollen Frauen dirigieren?

  1. hANNES wURST schreibt:

    Geschlecht: unwichtig. Musik: unwichtig. Wichtig: exaltierte Armbewegungen!

  2. georgi schreibt:

    Das wird aber höchste Eisenbahn! Kopf nach hinten werfen, die Arme vorstrecken, die Augen schließen und eine ergriffene Miene aufsetzen, so wie Herbert von Karajan, können auch Frauen. Das würde selbst ich mir zutrauen. Dirigenten können schließlich keine Fehler machen. Zumindest würde niemand im Publikum Fehler bemerken. Da kann sich also niemand auf Leistung herausreden. Auf der anderen Seite handelt es sich um eine Machtposition, die fast ausschließlich von Männern eingenommen wird; genau wie ein Aufsichtsratsposten!

    …schreiende Ungerechtigkeit das alles…pfui deibl…

  3. Bersarin schreibt:

    @ Hanneswurst
    Haben Sie vielen Dank für dieses eigenwillige Video. Was mich freilich ein wenig nachdenklich stimmt, sind die Ton- und Bilddokumente, mit denen Sie sich beschäftigen und die Sie auftreiben. Ich hoffe, ich muß mir keine Sorgen um Sie machen, und ich hoffe auch, daß es nicht die Folgen einer intensiven Lecki Longhorn-Hörspielbearbeitung sind.

    @georgi
    Die meisten im Publikum würden Fehler und falsche Aufführung des Dirigenten nicht bemerken – das ist leider wahr. Ich selber gehöre allerdings ebenfalls dazu.

  4. hinz&kunz schreibt:

    höchst aparte performance, ich danke!

  5. alterbolschewik schreibt:

    Ich mache hier ja ungern die Spaßbremse, aber: Es ist nicht die primäre Aufgabe des/der Dirigenten/in, die konkrete Aufführung zu leiten. Das ist, zumindest bei professionellen Ensembles, größtenteils ziemlich überflüssig (beim Männerchor Kappel möglicherweise nicht). Es geht vielmehr darum, eine Interpretation zu erarbeiten und mit dem Ensemble einzustudieren. Mit anderen Worten: Die wesentliche Arbeit des/der Dirigenten/in findet während der Proben statt, nicht auf der Bühne. Was dort passiert ist zum größten Teil überflüssige Show, und zwar um so mehr, wenn der/die Dirigent/in vorher gut gearbeitet hat. Und wie mir scheint, hat Jasmine Asatryan ihre Arbeit ziemlich gut gemacht.

    Der Dirigent auf der Bühne ist Ideologie (Adorno hat dazu in seinen Vorlesungen über die Soziologie der Musik alles Notwendige gesagt), der Dirigient in der Probe ist, ab einer bestimmten Komplexität der Musik oder wenn die Musiker nicht sehr, sehr gut sind, eine Notwendigkeit.

  6. ziggev schreibt:

    ich habe unter sehr guten Dirigenten gearbeitet. Das waren zwar nur Schulorchester, aber derselbe (protestantische) Chordirigent wurde selbst bei päbstlicher Audienz mit seinem kirchlichen Chor vorgelassen. Er hatte aber auch Big-Band-Arragements am Start, die notierte, aber letztlich auch interpretierbare Gitarrenparts enthielten und die er extra dafür komponiert hatte und dergestalt arragniert. Bei Auftritten konnte ich mich absolut auf sein Timing-Gefühl verlassen. Der männlich-herrschaftsähnliche Habitus eines Dirigenten scheint hier etwas ins Lächerliche gezogen, eine solche Sichtweise, die Dirigentin ins Lächerliche zu ziehen, ist aber grundsätzlich amusisch.

  7. Bersarin schreibt:

    Ich denke, es geht in der Tat um die Attitüde und den Habitus. Der Chor hier ist ja nicht einmal schlecht, nicht anders als in Marthaler-Stücken, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler versonnen-somnambul plötzlich in den Gesang verfallen.

    Ja, Adornos Vorlesungen zur Musiksoziologie: ich denke, wenige haben auf der Ebene von Soziologie samt Ideologiekritik besser den teils kulturindustriell determinierten Freizeit-Betrieb der Musikaufführung analysiert als er. Dem Dirigenten fällt eine doppelte Funktionsstelle zu, er ist im kulturindustriellen Sinne nötig, damit Zauber herrsche, aber es erfordert ihn ebenso die Logik der Sache, nämlich die Lektüre der Partitur und die Weise, wie der Dirigent sie als Klangkörper vergegenständlicht.

    „Während der Gestus des Medizinmannes den Zuhörern imponiert, die glauben, es bedürfe einer solchen Attitüde, um künstlerisch das Beste aus den Spielern herauszuholen, das mit körperlicher Höchstleistung verwechselt wird, ist die Qualität der Aufführungen, der dem Orchester zugewandte Aspekt des Dirigierens, weithin unabhängig von dem, was er dem Publikum vorgaukelt.“ (Adorno, Einleitung in die Musiksoziologie)

    Dennoch: diese im Video dargestellte Situation ähnelt mehr einer Theaterinszenierung von Marthaler als daß es sich zum eine musikalsiche Aufführungspraxis handelt.

    Ich selbe hatte einen Onkel, der ebenfalls dirigierte. Nein, er war beruflich kein Dirigent. Aber in seinem überdimensionierten Musikzimmer legte er sich eine Schallplatte aus und dirigierte dann das Orchester.

  8. ziggev schreibt:

    es ist alleinig die Musik gewesen, wo ich eine systematische Ausbildung erfahren durfte. Ansonsten totaler Dilettant und auf mich selber gestellt. Ich hatte einfach sonst nur echt schlechte Lehrer. Und obwohl als eigentlicher Augenmensch für eine musikalische Ausbildung ungeeignet. So ergab es sich, dass ich auf diesem Gebiet es immer nur mit besseren Leuten zu tun bekam. Der genannte Dirigent oder Leute aus Südamerika und dergleichen vieles mehr. Und Musik wurde für mich zur Lebensschule. Man weiß nie Bescheid, sondern bleibt immer Lernender.

    Vielleicht wäre es also gerade interessant, über jenes Medium zu schreiben, von welchem eins sich so vollkommen ahnungslos wähnt. Solche Versuche würden dann vielleicht zur Auflockerung der Syntax beitragen. Nach dem Motto: immer über das schreiben, was einem eigentlich immer am befremdlichsten ist. Dies würde dazu nötigen, die eigenen Begriffe neu zu überdenken, die eigentliche philosophische Übung.

  9. Bersarin schreibt:

    Nein, ziggev. Das geht nicht. Es schreiben bereits genug Menschen über Dinge, von denen sie nichts bis wenig verstehen. Wer den Anspruch hat, halbwegs reflektiert und nicht nur aus dem Bauch und den Empfindungen heraus sich mit Kunstwerken auseinanderzusetzen, der muß sich den Medien, den Künsten zuwenden, wo sie oder er zumindest ein basales Wissen mitbringen.

    Was soll das, wenn ich schriebe: der Dirigent dirigierte schmissig und schnell, das Tempo war hoch? Ich muß mir aber dann doch auch die Partitur ansehen und mir die musikalischen Zeichen, die Tempozeichen ansehen! Und ich möchte das, was ich schreibe, auch begründen könnenb. Diesen Blick, dieses Wissen, diese Kenntnisse, diese Fertigkeit besitze ich im HInblick auf die Musik nicht. Und ich möchte nun doch nicht so schreiben, wie jener Musikkritiker ohne Ahnung, von dem Kreisler singt:

  10. ziggev schreibt:

    naja, ich bin mir noch nicht so ganz sicher. Die objektivistische Anhänglichkeit an eine objektivierende Sprache scheint sich mir nicht nur des Wissens und der Kenntnis des Objekts zu verdanken sondern auch der Liebe zu dieser Sprache selbst. Vielleicht mal so: Erst wenn mir die Begriffe entgleiten, erst wenn ich vor dem funkelnden und blitzenden Instrument Sprache ratlos dastehe, erst dann wird es sich womöglich um ein Objekt handeln, das seltsam befremdet von all diesen Formeln umringt alleine irgendwo in der Landschaft dasteht. Beweist nicht das Objekt sein Objektsein in seiner für uns sprachliche Wesen Inkommensurabilität? Sollten wir nicht hin und wieder es auf die Probe ankommen lassen und testen, ob unser blitzendes und funkelndes Instrument, die Sprache, nicht bloß in ihrer Eigengesetzlichkeit es uns ermöglicht, das Komma an der richtigen Stelle zu setzen (jedenfalls theoretisch) und stimmige syntaktische Konstruktionen hervorzubringen, sondern auch auf ein Draußen, auf ein „Dies-da“ zu verweisen? Mir ist natürlich klar, dies wäre eine nichtalltägliche Sprache, die quasi ihren Gegenstand jeweils immer neu erschafft. Aber sie wäre ein Ideal, dem ich träumerisch anhänge. Es wäre ein Ideal, dem ich immernoch nachträume. Gerade das Inkommensurabe in Sprache zu bringen, wäre doch eine Aufgabe, an der wir immer nur scheitern können, nur ganz wenige Ausnahmen der Literaturgeschichte bewiesen das Gegenteil, an der wir Fußvolk uns dennoch, so spreche ich mir Mut zu und will Dich umso mehr ermutigen, weiterversuchen dürfen.

  11. Bersarin schreibt:

    Ich sage es mal so: Sprache ist zu 90 % Arbeit, die Phasen der Inspiration sind kurz und flüchtig. Diese aber in der Arbeit in der Konstruktion fruchtbar zu machen, ist das Interessante. Ich selber halte manche meiner Blogeinträge für schlecht, weil sich der Sache nicht genügen. Aber es ist ein Blog eben auch ein Notizbuch, in dem einer hineinschreibt – was er dann am Ende doch nicht wiederliest. Ich selber bin zwar ein genialer Dilettant, aber bis zur Musik wage ich mich denn nicht vor.

    Was Du zum Entgleiten der Begriffe schreibst, ist zwar – einerseits – richtig. Aber dieses Entgleiten sollte dann wieder in Form und Struktur gefaßt werden.

    Was nun dieses Ideal von Sprache betrifft, so muß ich darüber nachdenken. Doch ich denke, daß diese Sprachkompositionen am Ende auf Arbeit hinauslaufen. Was mich ja nicht schreckt.

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