Außerhalb des Textes: Was hinter einem Text sei. Oder: Das Bild, das wir uns machen, als Imagination und Imago – mit einem Blick auf Roland Barthes

Die philosophische Romantik ernst nehmen und im Sinne eines Novalis oder eines Schlegel einen Strom, einen unendlichen Fluß von Bildern zu erzeugen, in dem jedes neue Bild das alte durchstreicht und in eine andere Region treibt, so wie es in Novalis „Heinrich von Ofterdingen“ oder in anderer Weise in Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ geschieht? Hier terminiert die Produktion von Bildern in jenes lehrstoffhafte Märchen innerhalb der Goethischen Novellensammlung: Unerhörte Begebenheiten.

Präsenz im Bild? Nein, es bleibt die Abwesenheit, die jedes Bild repräsentiert. Das Bild ist in dem Sinne ein Ausschnitt, weil es ausschneidet, tilgt und zugleich in einer Weise der Umschrift festhält, was nicht zu halten und in eine Präsenz zu bringen und in Anwesenheit zu bewältigen ist. Das Subjekt als Bei-sich-selbst-sein ist jener narzißtische Trug, vor dem Derrida, aber auch Lacan nicht müde wurden zu warnen. Jedes Bild ist seiner Natur nach auch ein Text-Medium, das nicht nur mit sinnlichem Wohlgefallen oder mit Abscheu betrachtet, sondern das ebenso gelesen werden will. Und zwangsläufig auch gelesen wird, wenn wir eine Photographie oder ein Gemälde oder ein Fernsehbild uns ansehen. Solche Sichtung von Bildern könnte ebenfalls heißen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben.“

Es schrieb der Kommentator ziggev an dieser Stelle:  „Bei Woolf hast Du aber immer auch die Autorin mit im Koffer, die eben auch gewissermaßen immer den Leser am Entstehungsprozess teilhaben lassen wollte.“ Ja, das ist wohl wahr. Aber es liegt die Betonung auf: die Autorin. Und eben nicht die Person, der Mensch Virginia Woolf (wer oder was immer das sein mag), wenn es dann bei manchen Leserinnen und Lesern, die im Modus des festschreibenden Identifizierens rezipieren, so kitschig-rührselig heißt: Entdecke den Menschen hinter dem Buch. Texte werden von Menschen geschrieben. Nein, sowas – wer hätte das gedacht?! Sicherlich sind Texte keine Emanation des göttlichen Willens. Dieses Mensch-hinter-Text-Gerede jedoch ist Gesinnungskitsch schlimmster Art, mag allenfalls noch Buchhändlern bei Thalia als Neusprech dienen, um ältere Damen zum Kauf eines Buches zu überreden. Personality als Pseudos und Inszenierung dessen, was sich im Text jedoch niemals präsentieren läßt: Diesen Schmock wußte bereits Adorno zu kritisieren: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Wohl wahr. Da, wo nichts mehr ist, muß es menscheln, damit wenigsten Restwärme in die kalte Küche kommt. In der Welt des Textes haben wir Texte, keine Subjekte. Was sich hinter den Texten abspielt und was auf der Ebene der Subjektivität die Texte konstituiert, das bleibt eine ganz andere Sache. Aber der positivistische Schluß vom Subjekt aufs Werk ist einfach nur der Schulfall von Banauserie und amusisch zugleich. Kafka hat sich schließlich nirgends in ein Insekt verwandelt.

Andererseits, und deshalb ist Roland Barthes ein so interessanter Zeuge, bildet das Einzigartige des Dies-da, das, was sich Individuum nennt, zugleich die Basis für alle Reflexionen und Textschübe, die Barthes produziert. Es ist in „Die helle Kammer“ das abwesende, nicht gezeigte, nicht präsentierte, sondern nur als Verborgenes, als Umschrift und Text re-präsentierte Bild seiner Mutter, in einer einzigen Photographie, die die Gegenwart (als Vergangenheit, als immer schon vergangene) einzig vergegenwärtigen kann. Es ist in dem kleinen Bändchen „Begebenheiten. Incidents“ Barthes‘ (literarische, tagebuchartig-skizzenhaft-aufzeichnende) Reflexion aufs unmittelbare Geschehen, was Barthes Schreiben trägt. Der Text vergewissert sich, ohne in den Theorie abzugleiten, er literarisiert. (Wobei ich diese „Begebenheiten“ zugleich für ein eher schwaches Buch halte – es bleibt ein Notizbuch, das als Archiv und Gedächtnis arbeitet und versucht, den Gegensatz von Philosophie und Literatur in eine Art von Bruchstelle zu überführen:

„Ich versetze mich in die Lage jemandes, der etwas tut, und nicht mehr dessen, der über etwas spricht: ich untersuche kein Produkt, ich übernehme eine Produktion; ich hebe den Diskurs über den Diskurs auf; die Welt wendet sich mir nicht mehr in Gestalt eines Gegenstandes zu, sondern in der einer Schreibweise, das heißt einer Praxis; ich gehe zu einer anderen Art des Wissens über (zu der des AMATEURS) …“ (R. Barthes, Das Rauschen der Sprache)

Die Grenze zwischen Individuellem als Absolutem, als Nullpunkt der Referenz und vermitteltem Allgemeinen neu zu bestimmen, macht die Spannung in Barthes Text aus, sei das nun in seinem eigenwilligen Buch „Fragmente einer Sprache der Liebe“, welches Ich und Allgemeines im Diskurs der Liebe zwar nicht vermittelt, aber doch in einen eigenwillig changierenden Bezug bringt, oder in  den „Mythen des Alltags“, in denen sich interessante Passagen zur Ikonographie und zum (Schock-)Photo befinden. Diese Art von Schreiben verdichtet sich in Barthes „Tagebuch der Trauer“, das er als Notiz und Tagebuch kurz nach dem Tod seiner Mutter 1977 anfing. Teils stehen da Sätze banalster Natur, wo der Begriff der Fremdscham dem Leser fast schon einfällt. Wie weit kann eine Entblößung des Selbst gehen? Andererseits ist diese vermeintliche Unmittelbarkeit und diese Direktheit, sobald sie in eine Schrift, in einen Text transformiert wurde, keine Unmittelbarkeit mehr, sondern Text, Literatur, Allgemeines. Das Dies-da als direkter Ausdruck vermittelt sich über das Ausdrucksmedium Schrift in eine Anordnung eigener Art.

„31. Oktober
Ich will nicht darüber sprechen, weil ich fürchte, es wird Literatur daraus – oder weil ich nicht sicher bin, daß es keine wird –, auch wenn in der Tat Literatur in solchen Wahrheiten gründet.“

In der Lektüre Barthes springen einen die Textstellen an. Teils als abstoßender Schock, teils als eine unvermutete Nähe in den Schleifen der Reflexion. Und so erzeugen Texte beständig neue Texte.

Die Liebe zum Text bleibt ein Schlachtfeld. Die zu einem Menschen (manchmal) auch. Wobei Harmonie ja nicht immer nur eine Strategie zu sein braucht.
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Auf dem Blog Proteus Image wird unterdessen ein zweiter Teil der Lissabon-Serie gezeigt, die wir hier unermüdlich fortsetzen werden, bis dem Blogbetreiber entweder die Lust oder die Photographien ausgegangen sein werden. Viel Vergnügen beim Anschauen an diesem Himmelfahrtstag.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Außerhalb des Textes: Was hinter einem Text sei. Oder: Das Bild, das wir uns machen, als Imagination und Imago – mit einem Blick auf Roland Barthes

  1. ziggev schreibt:

    Wir lesen alleinig, um uns zu entmenschen. Ekstatisch, getrieben, süchtig, bis hin zum Porno. Von Aristoteles´Metephysik über Arno Schmidt bis zu Grimmelshausen oder Wittgestein. Das ist der ganze Behuf. Brauche ich dazu einen Barthes? Die Antwort muss verneinend sein.

    Endlich kein Mensch! Oder kein Ich. Damit ging die ganze Sache doch erst los! Damit, was da Barthes als Ergebnis verantaltet, fing es doch erst an, auch für den Anfänger. (that’s me)

    AFAIK ist übrigens die vollständige Übersetzung der „Mythen des Alltags“ erst seit ein paar Monaten auf dem Markt. Habe mal wieder anlässlich hineingeschaut, und war wieder enttäuscht angesichts dieser wirklich blassen Analysen. Es ist mir ein Rätsel, wie dieses Buch einen solchen Kultstatus erreichen konnte.

    als Anreiz, um die mythologische Dimensionen der Dinge, die uns alltäglich umgeben, zu durchdringen, ist das okay; zu den bekannten Pop-Theorien, deren besten allerdings im Pop selbst formuliert werden, kann er nichts bemerkenswertes hinzufügen.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, sicherlich knüpft Barthes da, wahrscheinlich ohne sich besonders auszukennen, einerseits auch an Pop-Dskurse an. Aber eben nicht nur. Es geht Barthes nicht um Pop, das dürfte ihn nur am Rande interessieren, und Barthes möchte auch keine Theorie der popular culture ausführen. Es ist eine Art von strukturalistischem Denken, das sich an den Einzeldingen, an Gegenständen des Alltags bewähren will. Diese „Verklärung des Gewöhnlichen“, die Subjekte im Umgang mit Dingen betreiben, kann man natürlich am besten bei Marx zum Beginn des Kapitals nachlesen: über den Fetischcharakter der Warenwelt. An diese Diskurse knüpft Barthes an.

    Barthes denkt vielfach im Fragment. Zudem mag in der Blickweise auf Dinge und Situationen,die Barthes in hier eine Schrift bringt – bei aller sonstigen Differenz – eine Nähe zu Adornos „Minima Moralia“ liegen. Andererseits gehört zu diesem Buch ebenfalls ein systematischer Teil zum Begriff des Mythos. Nicht zu vergessen bleibt, daß es sich bei den „Mythen des Alltags“ nicht um einen Text aus einem Guß, sondern um Kolumnen handelt.

    Weshalb wir lesen, interessiert mich im Grunde nicht und es ist nebensächlich. Es geht nur um Texte nicht um Lesesituationen. Außer diese werden dann wieder zu Texten und gehen über die Ikea-Haus-Plauderei hinaus.

  3. die nachtiris schreibt:

    Hallo,

    ohne jetzt Barthes Kenner zu sein, aber die Helle Kammer wird zumindest in der Fototheorie immer wieder bemüht wenn man an den Rand des sprachlich möglichen kommt, wenn eine Fotografie etwas verdeutlicht was den gängigen Kategorien kunstwissenschaftlicher Betrachtung nicht möglich ist auszudrücken. Barthes hat dafür den Begriff punctum gewählt, als das Bestechende, dass einer Fotografie innewohnen kann. Das punctum wird von Barthes
    verschiedentlich definiert, aber eine zentrale Eigenschaft ist das Akzidentielle, ist das
    Zufällige an einer Fotografie, etwas was den Rezipienten besticht (ihn verwundet),
    unerwartet in ihn dringt und dabei als Auslöser für eine (unfreiwillige) Preisgabe seiner
    selbst (des Rezipienten vor sich selbst) sorgt. Dieser Moment des ‚Bestochenwerdens’ lässt
    sich während der Entstehung einer Fotografie nicht planen, denn das punctum ist
    untrennbar mit dem Rezipienten verknüpft und daher auch nur als eine ins Sprachliche
    codierte Erläuterung zur Fotografie vermittelbar. Nur mit Mitteln der Sprache kann versucht
    werden das punctum (das auch immer ein punctum, das persönlich Wahrgenommene ist) zu
    erklären, seine impulsive Kraft und unser berührt-sein-davon festzuhalten und mit anderen
    Menschen zu teilen. Mit und durch diese sprachliche Vermittlung einher geht nun die Genese neuer Texte, welche durch die Fotos gelesen werden, aber welche auch gleichzeitig diese Fotos zum Grund haben. Vielleicht findet man darin auch einen Grund, warum sich Barthes Text (Helle Kammer) manchmal wie um sich selbst herumzumäandern scheint. Aber gleichzeitig (wie Bersarin schon erwähnt hat) das Fragment bei Barthes eine wesentliche Möglichkeit ist sich einer Fragestellung zu nähern, indem scheinbar beliebige Antwortpartikel gesammelt werden (wiei in Fragmente einer Sprache der Liebe) um ein Phänomen (die Liebe oder das Bild der Mutter) verstehen zu können bzw. verstehen zu lernen.

    Cheers,
    die nachtiris

  4. Bersarin schreibt:

    Danke für Deine Erläuterung dieses zentralen Begriffes bei Barthes. Es ist, wie Barthes es nennt, dieses punctum der Einbruch des Anderen. Es geht Barthes ja – deshalb borgt er von der Musik – darum, die Komposition in einer Photographie und dessen Strukturierungen, sein Verfahren in eine Darstellung zu bringen.

    Es zeigt sich, daß es an Barthes interessierte Menschen gibt, und dies sollte mich womöglich anspornen, einen kleinen Text zu Barthes „Die helle Kammer“ zu schreiben.

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