Daily Diary (63) – Bring your love, Baby

Mal von einem Lied abgesehen, das „To bring you my love“ heißt und von PJ Harvy gesungen wurde – wer mag, kann es hier auf YouTube hören –, sei zur Dialektik und zur verwickelten Dimension der Lust Roland Barthes aus seinem anregenden Buch „Die Lust am Text“ zitiert:

„Man kann nie genug die Suspensionskraft der Lust betonen: es ist eine regelrechte epochē, ein Anhalten, das alle angenommenen (von sich selbst angenommenen) Werte von weitem erstarren läßt. Die Lust ist ein Neutrum (die perverseste Form des Besessenen).“ (R. Barthes, Die Lust am Text)

 

13_05_7_1

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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11 Antworten zu Daily Diary (63) – Bring your love, Baby

  1. berndkasseler schreibt:

    Es ist für mich immer ein Hochgenuss, Deine scharfsinnigen Blogbeiträge zu lesen. Leider fehlt mir der Intellekt, alle Aussagen vollständig zu verstehen, was aber meine Lesefreude nur wenig trübt. Zur Zeit lese ich in einem Werk von Prof. Drout, dem amerikanischen Philologen, der sich oft auf in Deinem Text zitierte Personen bezieht. Manchmal blitzt dann ein wenig Erkenntnis auf, und ich freue mich noch mehr auf den nächsten Blogeintrag!
    Bitte weiter so (obwohl die Artikel für mich Suchtpotenzial besitzen)!).

  2. genova68 schreibt:

    Na, das ist doch mal ein Lob!

  3. Bersarin schreibt:

    Insbesondere freut mich der Umstand, daß man diese Texte von mir auf mehreren Ebenen lesen kann. Intellektuell und sinnlich zugleich. Natürlich werde ich immer so weitermachen wie bisher. Auf den Spuren der Texte zur Philosophie sowie zur Ästhetik und nicht bloß auf Wohlfühl-, Empfindungs- und Mittelungsdiskursen, wo es kommunikativ menschelt. Den Menschen hinter dem Text sichtbar machen? Das Gegenteil sollte der Fall sein: im Text verschwinden. Alles andere ist Gesinnungskitsch. Wo keine Subjekte sind, da braucht man sie auch nicht in Orgien der Phantasmagorie herbeizuschreiben.

    Nein, es muß niemand immer und jedes im Text verstehen. Wichtiger als das Verstehen ist das Lesen und sich auf die Bewegung des Textes einzulassen. Das Problem in der Philosophie ist, daß es Arbeit ist, sich mit einem Text auseinanderzusetzen. Nimmt man die Texte Hegels oder Adornos, so fließen darin ungeheuer viele philosophische Voraussetzungen ein, die implizit mitgedacht werden und die Leserin und Leser dann irgendwo im Wissen verorten müssen. Deshalb studiert sich Philosophie nicht nebenbei, sondern es benötigt Zeit, die heute immer weniger Menschen haben. Zumindest nicht dafür.

    Nein, es kommt nicht darauf an, alles in einem Text zu verstehen.

  4. ziggev schreibt:

    ich wage teilw. zu widersprechen. was mir an Deinem Blog auch so gefällt, ist eigentlich etwas weniger, dass Deine Texte sich auf unterschiedlichen Ebenen lassen. Eher ist es so, dass – den von Dir behandelten Themen, Autoren usw. gegenüber – es für manche notwendig gar nicht anders geht. Eine ästhetische Kritik Deiner Texte steht mir nicht an, aber so ist es ja auch gar nicht. Es sind jedenfalls ja auch – die Photos eingeschlossen – zuallermeist auch sinnliche Momente enthalten, durch die man sich ermutigt fühlt, manchmal auch eine auf einer anderen Ebene stattfindende Lektüre versuche zu präsentieren. Dies ist sicherlich eine Gratwanderung, auch für Kommentierende, aber eine auffallende Eigenschaft bei Dir, die mir gefällt.

    Das große Gegenbeispiel, welches den Vorwurf des Gesinnungskitsches (in Sachen Feminismus) widerlegt, ist die große Virginia Woolf. Hab mich mal in Sachen Hörbücher versucht von nem Buchhändler beraten zu lassen: Der kam dann mit der ganzen Bloomsberry-Sache – und war offensichtlich für Woolf schon lange verloren. Der Arme! Bei Woolf hast Du aber immer auch die Autorin mit im Koffer, die eben auch gewissermaßen immer den Leser am Entstehungsprozess teilhaben lassen wollte. Aber die war so genial, dass dies ihr gar nicht hätte passieren können, dass sie in Kitsch oder Klamauk hätte abgleiten können: Es wird bei ihr alles zu Literatur. Selbst wenn Du die Anekdoten kennst, die Entstehungsbedingungen von Orlando: Es bleibt immer nur der Text (darf man natürlich nur nicht übertreiben mit dem Personenkult).

    Klar sollte man sich auch auf die Gestik eines Textes einlassen können und muss nicht immer alles verstanden werden – hatte ich ja bereits verschiedentlich angedeutet, dass ich von mir selber glaube, darin ziemlich geübt zu sein, also: 30 % Verstehen, 30% „Mustererkennung“ (also Syntax, Grammatik, Logik), Rest Hypothesen bzw. Eselsbrücken zum Sich-Merken für eventuelle spätere Nachbearbeitung bzw. späteres In-neue-Konstellationen-Bringen.

    Solche Eselsbrücken können dann schon mal auf anderen Ebenen funktionieren, jedenfalls bei mir.

    Was Hegel & Adorno betrifft, so würde ich einwenden, dass zuerst, vor allem, was Hegel betrifft, philosophiegeschichtliche Voraussetzungen gegeben sein müssen. Hier muss ein Ausgewogenes Verhältnis bestehen. Die Arbeit an einem Text soll m.E. nicht nur darin bestehen, die Bezüge zur Geschichte zu erkennen oder jedenfalls, wenn Verständisschwierigkeiten vorliegen, Hypothesen dazu aufzustellen, um welche es sich handeln könnten, damit dieselben dann nachzuvollzogen werden können (=noch mehr Arbeit), sondern ein Text sollte auch die Möglichkeit eröffnen, an ihm selbst philosophisch zu arbeiten, d.h. ohne lediglich historische Bezüge herzustellen zu vermögen, eigenständige Fragestellungen zu entwickeln. Ein Philosophischer Text sollte sich also auch – mit einem gewissen Vorwissen – als eigenständiger Text lesen lassen. Es sollte also eine gewisse Ausgewogenheit zw. Philosophiegeschichtlicher Herangehensweise und eigener Übung in Philosophischer Tätigkeit bestehen.

    So meinte ich zu bemerken, als ich den Disput zw. Dir uns anne mitverfolgte, dass beispielsweise zu Zeiten der deutschen klassischen Philosophie z.B. das Wort „objektiv“ eine andere, für uns Heutige befremdliche oder in jener Zeit spezifische Verwendung fand, die eben eine zutreffende Lektüre auf der Ebene der „Mustererkennung“ (die 30% Sytax, Grammatik und Logik) praktisch verunmöglichte. In solchen Fällen hilft nicht die Kenntnis der Philosophiegeschichte, die sich dann wieder derselben Ausdrucksweise befleißigt – das große Problem der Rezeption von Sekundärliteratur! -, sondern nur Leseerfahrung auf selbigen Gebiet. Aber gerade bei Hegel ist abgesehen von solchen Schwierigkeiten gerade eine immanente Lektüre möglich – eine Lektüre, die – normalsprachlich – eigene Fragestellungen zu entwickeln ermöglicht. Von solchen ausgehend sich in die Geschichte zu stürzen, das wäre mein Weg und nicht, angelesene Sekundärliteratur, die möglicherweise eine ebenso misszuverstehende Terminologie verwendet, immer „mitzudenken“.

  5. Bersarin schreibt:

    „Die Arbeit an einem Text soll m.E. nicht nur darin bestehen, die Bezüge zur Geschichte zu erkennen, (…) sondern ein Text sollte auch die Möglichkeit eröffnen, an ihm selbst philosophisch zu arbeiten, …“

    Das ist richtig. Aber diese Arbeit des Denkens erfordert ebenso das Wissen um die Bezüge, um die Hintergründe. Es läßt sich keine wirklich gescheite Diskussion innerhalb der Philosophie um Begriffe wie Substanz oder Dialektik führen, wenn nicht ein Minimum an (geschichtlichem und systematischem) Wissen mitgebracht wird.

    Den Begriff Arbeit, welchen ich in diesem Kontext keinesfalls lustfeindlich wählte, ganz im Gegenteil, ist ein notwendiger Begriff, weil er in der Natur der Denk-Sache liegt.

    Ja, Leseerfahrung: aber das eben meint ja: Philosophiegeschichte und Kenntnis von bestimmten Texten oder zumindest das Wissen darum: Aha, ich müßte zum Substanzbegriff wohl ein wenig bei Aristoteles lesen, gleichsam als Basis. Nein, man kann nicht alles lesen, ich selber bin z.B. kein Experte für die mittelalterliche Philosophie. Da müßte ich dann hinter mich ins Buchregal greifen und nachlesen.

    Bei dieser Art von Literatur geht es nicht um Sekundärliteratur, sondern um die Primärtexte. Wer Hegels Text nicht versteht, dem hilft auch die Sekundärliteratur nicht wirklich weiter. Wenn ich philosophische Texte lese, so ist dies ein Prozeß, in dem sich Verständnis und Dekonstruktion des Textes in der Lektüre in einem Nach-und-Nach einstellen. Der Text Hegels ist nun geradezu eine Paradebeispiel für die Komplexität einer Lektüre. Kaum einen wird des geben, der von sich wird behaupten können: ich habe die „Wissenschaft der Logik“ ganz und gar und vollständig in jedem ihrer Sätze verstanden. Vielmehr geht es ja auch darum, den Prozeß des Textes selbst nachzuvollziehen, seinen Gang mitzugehen, so wie Leserin oder Leser, wenn sie über die Seite 78 hinauskommen, in der „Phänomenoligie des Geistes“ genau diesen Gang des Bewußtseins mitgehen und mitvollziehen, der das Bewußtsein selber ist, das sich fortwährend transformiert. Insofern ist diese Phänomenologie auch als ein Wilhelm-Meisterlicher Bildungsroman zu lesen, ist selber ein Stück weit auch: Literatur.

  6. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Noch ein Hinweis: ich lasse im Grunde jede Lektüre und Sicht gelten, solange sie nicht unterkomplex, reduktionistisch oder in Einwortsätzen agiert. Danke trotzdem für Dein Lob oder besser: Halb-Lob.

  7. ziggev schreibt:

    „selber ein Stück weit auch: Literatur“ – stellt sich da nicht die Frage der Übersetzbarkeit nicht nocheinmal auf eine andere Weise? Den „Gang des Bewußtseins mitgehen und mitvollziehen, der das Bewußtsein selber ist“ – hier scheint mir, sofern Du recht hast, Hegel in der Tat einzigartig in der Literatur. Denken wir an die absolut wunderbaren Platonübersetzungen von Schleiermacher, so dürfen wir vielleicht von Neuschöpfungen sprechen, wie ja jede Übersetzung eines hinreichend komplexen literarischen Textes immer ein Moment der Neuschöpfung enthält, und über das literarische Moment bei Platon brauchen wir uns ja nicht zu streiten. Bei philosophischen Texten verstehe ich aber unter „Übersetzbarkeit“, dass das Anliegen eines Textes in die Sprache eines andere Jahrhunderts oder eine anders geartete philosophische Tradition übertragen werden kann, damit er auf diese Weise weiterwirken kann.

    Soviel, vorerst für heute. Ansonsten: keine Einwände. Die Halbdrehung zum Bücherregal habe ich in Sachen deutsche Idealismus bereits vollzogen, mal sehen, wie weit ich da komme. Ja, manchmal muss man sich halt umdrehen und wieder oder erneut ins Regal greifen, schönes Bild.

  8. ziggev schreibt:

    sorry, in Eile geschrieben (und dann fiel doe Probe aus …) : „dass das Anliegen eines Textes in die Sprache eines andereN Jahrhunderts oder IN eine anders geartete philosophische Tradition übertragen werden kann, damit er auf diese Weise weiterwirken kann.“ so wäre es richtig gewesen

  9. Bersarin schreibt:

    Ja, übersetzen ist immer ein wenig Neuschöpfen und zugleich Interpretation. Es geht auch gar nicht anders, weil das Denken an Voraussetzungen gebunden ist.

  10. ziggev schreibt:

    ich muss Dir wiederum beipflichten: Heuschnupfen ist immer zugleich Interpretation, ohne Voraussetzungen geht da gar nichts! (Wenn der Kalauer erlaubt ist.)

  11. Bersarin schreibt:

    Ja, in einem bestimmten Sinne sind auch Krankheiten oder Reaktionen des Körpers an die Interpretation gebunden. Der Diskurs der modernen Medizin ist relativ jung. Auch am Begriff des Wahns kann man das sehen. Foucaut schrieb ein Buch über die Archäologie des ärztlichen Blickes. Diese Dinge bedeuten nicht, daß Krankheiten nun nur als Konstrukt existieren. Aber sie sind in Diskurse und Praktiken eingebunden.

    Wobei ich durchaus zwischen Interpretationen, die geistige oder soziale Sachverhalte betreffen, und Interpretationen, die direkte Reaktionen des Körpers in den Blick nehmen, unterscheide. Das berührt dann den Tatsachenbegriff.

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