Lissabon – Stadtsicht

 
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Ich überlege mir den Titel für den ersten Blogbeitrag zur Lissabonreise hin und her. Erst wählte ich als Aufmacher „Lissabon – Körbchengröße 74 GB“, um derart auf die mitgebrachte Datenmenge anzuspielen: aber das ist bloße Quantität vor Qualität, und ich möchte die weiblichen Leserinnen nicht ständig mit den Anzüglichkeiten verschrecken. Andererseits, torso-archaisch gemogelt: Rilke-Kitsch paßt immer.
 
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Und hinter Gittern, tausend Stäben – Männer, die auf Frauen kleben. Doch diesen Sätzen stimmen am Ende die Falschen zu. Ich will hier weder Gendertröten noch Maskulinisten als Leserinnen und Leser haben.
 
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Genauso blöd wäre aber die umgedrehte Variante: „Horseclub 74 GB – an der Nase eines Mannes …“ als Headline. Doch niemand findet in einer politisch korrekt weichgespülten Welt solche Späße mittlerweile lustig, und so komme ich mir vor wie ein abgewirtschafteter, abgehalfterter, in die Jahre gekommener Jahrmarktsspaßmacher. Ein Drehorgelmann. Aus der Zeit gefallen. „Sex sells“ mag für Zeitschriften wie „Stern“ oder „Bunte“ gelten. Nicht aber in der Welt des qualitativ hochwertigen Blogs. Doch das Seichtheitsgeseiere, wie jeder der eigenen Peer-Group gefallsüchtig gefallen möchte, ist andererseits nicht wirklich meine Sache. Ich mag es schon ganz gerne, irgendetwas herauszuhauen, was aufregt und anregt. Deshalb komme ich am Anfang meines Berichtes aus Lissabon nicht mit Literatur oder dem literarischen Blick – wenngleich diese Literarisierungen im Angesicht von Lissabons Vielfalt berechtigt ist.
 
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Andererseits mag man mit diesem Bild des Aus-der-Zeit-gefallen-seins für Portugal im allgemeinen und für Lissabon im speziellen nicht ganz falsch liegen: Portugal ist wie England zwar ein Teil von Europa, aber es treibt wie’s Schiff aufs Meer hinaus. Während es jedoch England bzw. Großbritannien immer schon in die nördliche Neue Welt zog, die heute USA heißt, drängte es Portugal in eine andere Richtung, die sich schwierig nur bezeichnen und verorten läßt. Es ist Portugal Europas äußerster Südwesten, und es ist diese Region doch nie ganz Teil von Europa gewesen. Wenn Zustände sich geographisch und zugleich als Metapher niederschlügen, dann müßte Portugal eine Insel sein, die immer ein Stückchen weiter auf den wilden Atlantik sich hinausbewegt. Verblichene Kolonialmacht, ausgelaugter Glanz. Immer am Rande. Sei es die Kunst, da liegt Italien vorne, oder die Ausschiffung aufs Meer hinaus und die Unterjochung der Neuen Welt: da macht Spanien einen guten Schnitt. Wobei, dies sei nicht vergessen, Portugal hochblutige Kolonialkriege in Afrika führe.
 
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Überhaupt prägt der nahe Atlantik Lissabon wesentlich, dies spürt der Besucher bereits an manchen Tagen, wenn trotz der bereits warmen Sonne des Aprils immer wieder mal durch die Stadt eine kalte Brise auffrischte, vom kilometerbreiten Tejo oder vom Atlantik herüber.

So stieg ich mit benommen-melancholischen Blick und nur drei Stunden Schlaf gestern früh aus dem Flugzeug. Alle diese Bilder im Kopf, die ich geschossen habe. Ja, es ist der genau richtige Begriff: Geschossen: Das Herz ist ein einsamer Jäger, und erst recht der Photograph, der die Szenen einer Stadt ins Bild bringt.
 
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127 Gedanken zu „Lissabon – Stadtsicht

  1. Photos fernab aus Lissabon statt Mitwirkung am Subjektivistizismus currenter Blogdebatten hier – Bersarin macht alles richtig: Der Ästhetizismus ist die letzte, beste und einzige Bastion dessen, was Marx das „progressive Menschenpack“ nannte, und es ist meine Religion zu glauben, dass das die Definition der künstlerischen Moderne ist.

  2. Wenn es das Photographieren der photographischen Form selbst gäbe, wäre das Bild „Zara“ nahe dran. Mir scheint ohnehin, dass Bersarin getrieben ist vom dunklen Movens des Strebens nach der Erreichung des Unerreichbaren: der absoluten Photographie. Seine Bilder sind darum so gelungen, weil er wie ein Besessener versucht, die Abbildung des Objekts als Form des Abbildungsprozesses selbst zu gestalten. Die Transposition aber des Physischen in etwas, das es zugleich selbst ist und nicht ist, ist Hexerei. In seinen besten Momenten ist Bersarin der Schwarzmagier mit der Kamera: Er enthüllt das reale Verhängnis, das kein böser Zauber zu erzeugen je vermocht hätte.

  3. Im Unterschied zu meinen flachgewichsten Oberflächenstatements besitzen „Amen“ und „Schließe mich an“ den Status kritischer Tiefenanalytik.
    Im Übrigen verweise ich auf das Motto des Blogs von Momorulez.

  4. Einen kann ich noch: Dass David gegen Goliath gewonnen hat, ist nur eine Erfindung von Leuten, die Bibeln verkaufen wollten.

  5. So ist es mit dem David. David (und Anne im Blog von Aléa Torik) bemitteln in bezug auf die vom Nörgler richtig erkannten Details etwas minder.

  6. Es war der helle Reflex auf eine etwas schmissige Aesserung von jemandem, dem nichts mehr uebrig geblieben ist, als nur noch die Ehre seines Geschmackes zu retten, wobei er sich sonderbarerweise sogar auf Karl Marx hat berufen.

  7. Ja, daß der Nörgler sich so derart geschmäcklerisch auf den Karl Marx beruft, das scheint mir auch ganz und gar eigenartig. Was hat der Nörgler nur mit Marx am Hut?

    Reflexe, David, weiten nicht immer, nein sogar selten nur zur Reflexion sich aus. Dies sei Dir einfach mal für lau ins Stammbuch geschrieben.

  8. Und „Amen“ nun als hellen Reflex zu bezeichnen, scheint mir eher düster. Da müssen noch viele theologische Mucken ausgetrieben werden. Nebenbei: die Kategorie des Geschmacks ist, wenn man sie im Sinne ihrer Herkunft aus der Ästhetik des 18. Jhds nimmt, gerade nicht das bloß subjektive Vermögen.

  9. Bersarin,

    mir gefallen die vergitterten Frauen am besten. Es erinnert ein wenig an das Bild in „Faces“ von Belting: die islamischen Frauen, die nur ein Sichtfenster in der Burka haben, aus dem Sie heraussehen, durch das man aber nicht hineinsehen kann, Hier ist es umgekehrt, man kann in die Frauen, ins Fenster zumindest, hineinsehen, aber die Frauen, die Puppen, können nicht hinaussehen. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass sie den Fotografen nicht gesehen haben.

    Aléa

  10. Sollten Sie mein „amen“ tatsächlich woertlich genommen haben?
    Nein, es war mehr als eine Reflexion, sogar mehr als ein Reflex – es war genau genommen naemlich ein – BLITZ.

  11. Doch. Nachts, nachts, nachts wird alles und jede(s) geheimnisvoll. Dinge, auch Puppen blicken zurück. Ich bin, seit ich in jungen Jahren die Photographien von Hans Bellmer und auch die von Wols gesehen habe, ein Freund von Puppen als Photo-Objekten.

    Richtig, Belting erwähnte das Sichtfenster der Burka in seinem Buch „Faces“. Wobei ich mit seiner Deutung des Schleiers nicht einverstanden bin: die Freiheit des Blicks hinter dem Schleier ist in etwa die gleiche Freiheit wie die der weiblichen Genitalverstümmelung. Ich denke mit diesem Satz hat sich Belting ins Unglück gestürzt. Ob ihn die Quotenfeministin Frau BarBrrrry – frei nach dem Frischkäse – in ihrem Ikea-Blog ebenfalls kritisch gelesen hat?: „Auch der Schleier bringt das Gesicht gleich doppelt ins Spiel, einmal im Blick auf das weibliche Gesicht, das sich durch den Schleier vor der Belästigung durch gewaltbereite Männer schützen will, und ebenso im Blick des weiblichen Gesichts, das hinter dem Schleier eine eigene Freiheit gewinnt. Ebenso wie Maske und Schminke gehört auch der Schleier in seinen variablen Spielregeln von Enthüllung und in der Geschichte immer wieder zur Inszenierung des Gesichts.“ (S. 21)

    Der letzte Satz freilich ist richtig. Auch der Schleier bedeutet eine Inszenierung des Gesicht.

  12. David, wenn Du „amen“ schreibst, muß ich das (als Text) wohl wörtlich nehmen. Und sprächest Du mir diese „Amen“, dann nähme ich es mündlich.

    Blitze müssen nicht immer Geistesblitze sein. Hier ist es nicht einmal ein solcher, wie ihn Baudelaire in seinem Gedicht „A une passente“ schildert. Schade, David: Einwortbeitrag verkackt.

  13. Woraus schließen Sie eigentlich, dass sie mein „amen“ woertlich nehmen m u e s s e n?

  14. Weil Du es als Wort geschrieben hast. Du kannst es gerne auch malen. Dann nehme ich es als Bild und muß es, wenn ich darüber schreibe, wieder in Begriffe transponieren.

    Der Zwang des Müssens liegt immer im Anfang. Der Rest ist dann Notwendigkeit.

  15. Dann müssten Sie den Noergler für einen frommen Menschen halten. So platt geht das aber nicht.

  16. Ich halte niemanden für irgend etwas. Du solltest, was nun die Plattheit anbelangt, statt Einwortbeiträge in einem Dir fremden Blog hineinzuschreiben, Dir durchaus die Zeit entweder für eine gute Polemik oder eine detaillierte Kritik nehmen. Schreibst Du auf dem Niveau von 15-Jährigen wirste halt als 15-Jähriger behandelt.

    Der Hinweis des Nöglers auf die Religion ist sicherlich nicht als Religion zu lesen. Aber es fungieren in bestimmten Theoriedebatten mittlerweile Schablonen des Denkens als Ersatz für Religion. Wo die Himmel leer sind, werden neue aufgehängt.

  17. Es ist auch nicht etwas, weil es sein m u s s, sondern es ist etwas, w e i l es ist.
    Sie hatten sich nur ein wenig verhegelt.

  18. Sie meinen also, dass für den Noergler die Kunst eine Ersatzreligion ist?

  19. ich mag das bild mit den in saecke verbannten spannern vor dem schaufenster zara. ;)
    und die beiden herren, die auf die schiefen bank geraten sind (beim alten gehts im wahrsten sinne abwaertz), und die die gerade bank an der sonne um die ecke verschmaehen (ist ihnen wohl zu heiss da).

    alles in allem strahlen diese plaetze eine grosse koestliche ruhe aus… siesta?

  20. @ David
    Kunst ist wie die Philosophie keine Ersatzreligion, sondern eine Weise der Erkenntnis. Auch von gesellschaftlichen Zusammenhängen.

    Irisnebel meint das Bild mit den beiden Männern. Die Definition von „Platz“ ist variabel. Es kann der Platz des Himmlischen Friedens sein (groß) oder der kleine um die Ecke, wie er häufig in Lissabon oder auch Paris anzutreffen ist.

    @ Irisnebel
    Ja, das Zara-Foto schätze auch ich sehr. Es kommen aber noch viele weitere gute Photographien.

  21. In kunstgeschichtlicher Terminologie ist die Bedeutung“Platz“ genau umrissen (eine von Gebäuden umbaute, freie Fläche in Staedten. Plaetze sind daher das Thema und Raumelement des Städtebaus. Siehe doch die Piazza dem Campo, ein Beispiel aus Siena für einen Platz). Mitnichten variabel.
    Kunst ist eine moegliche Erkenntnisweise von Welt, das gebe ich, wie billig, zu.
    Aber für manch einen ist sie viel weniger, naemlich eben eine Ersatzreligion.

    Man muss nicht überall harmonisieren wollen.

  22. Hallo Bersarin,

    auch ich möchte mich für die Fotos aus Lissabon bedanken.

    Das Zara-Bild ist wirklich gelungen. Bei uns in Österreich versucht gerade ein Bank junge Kunden zu aquirieren, in dem als Einstandsgeschenk ein Rucksack versprochen wird. Dazu gibts auch diverse topkreative Werbespots (http://www.youtube.com/watch?v=yC6YVv_iq7s). Ähnlich wie Irisnebel sehe ich in den Müllsäcken sowas wie einen in Anbetung des ewig Weiblichen befindlichen Rucksackmann, der seinerseits pars pro toto für das Männliche in der heutigen Zeit steht (oder besser kniet).

    Die Spiegelung des Clazedonia Schriftzugs (auch wenn 3 Buchstaben fehlen) liefert da auch eine schöne Assoziationsmöglichkeit: aus einer kurzen Internetrecherche zu dem Kristall Calzedon: „Die Wirkung des Calzedon als Heilstein und Schutzstein:

    Der Calzedon: Weiß bis hellblau, gelblich, rot; durchscheinend bis opak.
    Fundorte: Brasilien, Südwestafrika, Madagaskar, Uruguay, Sibirien, USA

    Wirkungen:
    Physisch:
    Der durchscheinende Calzedon fördert die Milchbildung stillender Mütter. Als hellblauer Stein vermittelt er Energie für den Hals- und Kehlkopfbereich, lindert Heiserkeit und fördert eine angenehme Stimmlage. Bei Verletzungen vermag er Blutungen zu stillen. Er zügelt das Temperamet und beruhigt auf allen Ebenen. […]

    seelisch-geistig:
    Er stärkt unsere Ausdruckskraft und hilft uns, Redehemmungen zu überwinden. Bei Reden, Besprechungen hilft ein Calzedon, in der Hand gehalten, Missverständnisse zu vermeiden und besser und freier zu formulieren. Er schenkt uns Gelassenheit, vermindert Reizbarkeit und Jähzorn, beruhigt das Gemüt und wirkt als Schutz gegen Hypnose. Oft ein wahrer Balsam für unsere angespannten Nerven.“

    Das würde sich auch wieder der Bogen zur weiter oben geführten amen-Diskussion schließen, denn der männliche Elefantenmensch-Spanner huldigt einer (der!) menschlichen Form, dem weiblichen Körper, welcher als Balsam sein Gemüt beruhigt. All das wird beobachtet vom im Fußbodenmosaik stilisierten Seraphim, der als physischer Unterbau seine tragende Rolle besitzt, eine Rolle/Fuktion die ihm im Spirituellen schon längst abhanden gekommen ist.

    LG,
    Christian

    PS: @irisnebel: mein Nickname soll keine Verballhornung deines Namens sein, ist nämlich schlicht ein Anagramm meines Vornamens ‚Christian‘. Mir gefüllt dieser quasi poetische Impetus, der vielleicht nicht mir, aber zumindest meinem Namen innenwohnt (und von dort vielliecht ja auf mich zurückstrahlt ;-) ).

  23. @ David
    Weil es sich hier nun gerade um ein Bild handelt, bedeutet es nicht automatisch, daß gleich die Terminologie der Kunstgeschichte griffe. Der Place de la Concorde, der Parkplatz und der Fußballplatz sind in dieser Terminologie dann keine Plätze, und sie müßten dann Park-Nichtplatz und Non-Place de la Concorde heißen. Insofern ist die Bedeutung von Platz variabel. Was ein Platz, ist läßt sich nicht definieren, wie in der Kunstgeschichte und Architektur sowieso Definitionen, die allzu starr ausfallen, nicht greifen. Auch will mir das Hintergrundelement, vor dem die beiden Männer sitzen durchaus als Gebäude erscheinen. Ich weiß allerdings nicht als was Du es siehst.

    Zur Ersatzreligion kann alles werden. Von der Naturwissenschaft bis zum Fetischismus.

    @nachtiris
    Danke für Deine freundlichen Worte. Ich freue mich über Deine Sicht, gebe aber selten bis gar nicht eigene Erklärungen zu meinen Photographien ab. Die Lektüre eines Bild-Textes kann sehr komplex ausfallen, sie kann übers Ziel hinausschießen. Vieles ist möglich. Bei fremden Photographien lese ich diese Bilder natürlich und schreibe dazu etwas, bei den eigenen geht das nicht. Danke aber für Deinen Blick und Deine Schilderung.

  24. Es sind ja nun mal „Stadtansichten“. Und da gelten die Termini der Kunstgeschichte mehr als irgend andere.
    Ganz abgesehen davon, dass die Bilder meiner Ansicht nach zur Expression neigen und von daher der offene Platz eher unangemessen.

  25. Der in seinem eigenen Schatten stehende Kiosk an der herabfallenden, vom Sonnenlicht durchfluteten Gasse. Das könnte auch Frankfurt sein – Beckmann sein.

  26. nein, ich wollte Dir nicht unterstellen, dass Du über das Moment den Ekels arbeiten würdest. Dass Du also lediglich über das Moment des blutrünstigen Abgestoßen-Seins vom Blutrünstigen zurückverweisen möchtest auf das bildhafte des Bildhaften. Hermann Nitsch reichte da mir eigentlich unterdessen vollkommen aus, dort riecht (und schmeckt?) es bisweilen. Wir bleiben also im Bilde. Eigentlich verweist der Verweis aufs Abbildhafte, welcher durch den Ekel-Reflex angesichts so viel des Blutes so leicht hergestellt wird, zurück auf das Abgebildete, aber was sehen wir?

    Wie Du weißt, liebe ich und sehe es als erste Aufgabe der Philosophie an, darzustellen, was ist. Was ist aber, was nicht mehr wird, sich entwickelt, das ist der auf Null-Zeit gestellte Tod. Deine Bilder funktionieren aber nicht mehr allein über Metaphern des Todes. Diese toten Fische scheinen seltsam lebendig, als hätten sie, in Serie Abphotographiert, ein zweites Leben verdient. So scheinen Deine Photos wie in einem Schwebezustand zwischen einer Theorie der Abbildung und dessen, was ist.

  27. David, es könnte auch Wanne-Eickel sein oder Idar-Oberstein oder Luanda oder Herne oder eine Spielzeugstadt. Gutes Weiterkommen in Begriffen der Kunstgeschichte, wenn Du bei der Stadtsicht dann in einem Parkhaus stehst. Denkst Du bei „Stadtverwaltung“ oder „Stadtplan“ auch noch in den Begriffen der Kunstgeschichte, weil da das Wort „Stadt“ auftaucht? Prinzipiell habe ich nichts gegen die Begrifflichkeiten der Kunstgeschichte. Sie sollten nur im richtigen Zusammenhang verwendet werden. So wie z.B. die Begriffe „transzendent“ und „transzendental“. Fällt mir da zu Frankfurt ein. Selbst wenn mein Beitrag nun „Stadtansicht“ lautete (was nicht der Fall ist), erlaubte dies immer noch keinen Verweis auf die Kunstgeschichte.

    In diesem Bild gibt es keinen Kiosk.

    @ ziggev
    Dein Kommentar bezog sich wohl weniger auf diese Photographien, sondern auf die, welche ich einige Tage vorher zeigte. Sagen wir es mal so: ich liebe das Blut. Was das Blut und den Tod betrifft, so möchte ich mit Tocotronic antworten, und zwar mit jener Liedzeile, die sich (auch) auf ein Gespräch zwischen Adorno und Bloch über Utopie bezog, wo es um die Möglichkeit geht, was wäre, wenn der Tod abschaffbar wäre: „Man sagt die Revolution werde den Tod abschaffen …“. Die Revolutionäre, schrieb Walter Benjamin, schossen zuerst auf die Kirchturmuhren. Der Satz „So scheinen Deine Photos wie in einem Schwebezustand zwischen einer Theorie der Abbildung und dessen, was ist.“ gefällt mir gut, weil er ein zentrales Anliegen meiner Bilder wiedergibt. Im Rahmen von Begrifflichkeiten würde ich, mit Benjamin, sagen, daß es sich um dialektische Bilder handelt. Und meine Sicht auf Städte, die ich ja meist photographiere – wenig gibt es bei mir Landschaftsphotographie – ist durchaus und gewollt durch die späteren Texte Benjamins bestimmt – damit verrate ich sicherlich nicht zu viel. Wie schon oben geschrieben, bin ich bei den Detailinterpretationen zu meinen Bildern offen. Ich widerspreche da nicht, aber ich stimme auch nicht immer zu. Ich kann meine eigenen Bilder nicht immer lesen. Zumal ich mit dem Akt des Auslösens, im Moment der Situation, aber auch wenn ich in der „Dunkelkammer“ komponiere keinerlei „Intentionen“ habe, dieses oder jenes ausdrücken zu wollen. Sowieso wäre es einen eigenen Beitrag wert, was eigentlich geschieht, denn der Verschluß der Kamera betätigt wird. Wenn ich jetzt künstlerisch großspurig und in jenem abgelutschten Jargon der Künstlerproduktionsterminologie schreiben würde, müßte hier stehen: ich hege einen gewisse Scheu darüber zu sprechen. Selbststilisation und Narzißmust der Künstler. Ich selber sehe diese Art von Photographie, wie ich sie mache, aber angesiedelt zwischen Kunst und Dokumentation.

    Es geht mir nicht grundsätzlich um den Ekel als Ekel um des Ekels willen – wobei der Ekel eine durchaus interessante ästhetisch-philosophische Position abgibt: man denke an Sartres gleichnamigen Roman. Ginge es mir als (ästhetisches oder auch kompositorisches) Prinzip um den Ekel, würde ich Müll oder benutzte Toiletten oder Exkremente abbilden. Insofern halte ich den Begriff „blutrünstig“ nicht für richtig. Attraktion und Abstoßung treffen es als Begriffe stärker.

  28. Aus der Perspektive der Ungunst gibt es natürlich auf dem Bilde keinen Kiosk. Aber aus dieser Perspektive gibt es überhaupt nur Wischiwaschi.
    Plätze sind nun mal etwas anderes als -worauf die Exponate hinauslaufen- expressiv zusammengestauchte Räume. Begreifen Sie das doch.
    Klar, auch Wanne-Eickel: Die Weltanschuung des Urlaubs interessiert mich nicht.

  29. ehrlich gesagt ist Benjamin für mich ’nur‘ eine weitere Metapher des Todes. ihn wieder zum Leben zu erwecken, fällt mir, wenn ich an einen bestimmten Zweig meiner Familie denke, Du glaubst es nicht, aber das sind Gestapo-Zusammenhänge, schwer. Eine solche schwere Schuld sollte natürlich niemanden von einer Benjamin-Rezeption abhalten, wurde mir vor ein paar Jahren auch in England freundlich gesteckt. Aber eine ‚to do as if nothing‘-Rezeption ist für mich leider nicht mehr möglich.

  30. David, Du faselst einfach nur herum, operierst mit Begriffen, die Du nicht verstehst. Das ist alles. Du siehst keinen Platz, aber einen Kiosk, definierst Plätze so, daß ein Teil derselben kein Platz sondern ein sonst etwas ist. Such Dir dafür doch einen anderen Blog. Ich wüßte da eine ganze Menge, zu denen Du gut passen würdest.

    @ ziggev
    Das Tote zum Leben zu erwecken ist wohl das schwerste. Allerdings sind Texte eben nicht tot. Und wir beschäftigen uns ausschließlich mit solchen, wenn wir lesen. Benjamin ist in diesem Rahmen mehr als nur der Tod. Sein Text ist Geschichstsphilosophie, Erkenntniskritik, Messianismus, Sprachphilosophie.

  31. „Wenn es das Photographieren der photographischen Form selbst gäbe, wäre das Bild “Zara” nahe dran.“

    „…weil er wie ein Besessener versucht, die Abbildung des Objekts als Form des Abbildungsprozesses selbst zu gestalten.“

    Aha. Ich vermute hinter dieser flachgewichsten nörglerschen Oberfläche Nonsens. Falls der Nonsense Ernst gemeint ist, bitte ich um eine Erklärung, was mit dem „Photographieren der photographischen Form“ gemeint ist. Aber bitte nicht als dauerredundantes Geplapper, sondern verständlich, nicht so pseudoreligiös. Und jetzt nicht mit dem Momorulez-Spruch kommen, der haufenweise Sätze schreibt, die keinerlei Sinn ergeben. Man könnte es auch als großflächiges Vertippen bezeichnen.

    Dass das Zara-Bild so viel Bewunderung auslöst, mag ich nicht glauben. Ich würde das, hätte ich es geknipst, vielleicht auch in meinen Blog einstellen, aber eher als Illustrationsfoto von irgendeiner Kapitalismusgeschichte. Aber es ist doch ein wenig platt, oder? Das teure Label und die Armut. Was nicht bedeutet, dass man es nicht veröffentlichen soll. In blogs soll man alles.

    Oder ist diese Diskussion hier dieselbe Veräpperlung wie die Figur Aléa Torik, die es offenbar tatsächlich nicht gibt?

    Und ohne die Diskussion hier komplett gelesen zu haben. „Amen“ von David bringt es doch auf den Punkt.

  32. Inwiefern und inwieweit ich die Begriffe auch verstehe, mit denen ich operiere, das können Sie aus den kurzen Einlassungen, die ich hier gebracht habe, schlechterdings nicht erkennen.
    Am Ende laeuft es hier auf etwas hinaus, was ich schon laenger vermute und mit den Titel eines bemerkenswerten Buches von Christian Demand trefflich bezeichnet wäre: Die Beschämung der Philister!
    Man kommt sich vor wie das Kind aus dem Märchen, das „…aber er hat ja gar nichts an!“ ruft.
    Der Aufwand steht wirklich in keinem Verhältnis zu dem, was dabei heraus kommt.

  33. ach, ich bin gar nicht mal so traumatisiert vom „jenem abgelutschten Jargon der Künstlerproduktionsterminologie“, weil ich mich wohlweislich seit Jahren von derartigen Kontexten ferngehalten habe. von mir aus: schreibe gerne mal was zur Dunkelkammer, oder über die Abstinenz davon, etwas „ausdrücken“ zu wollen, darüber, was geschieht beim Akt des Auslösens, wenn „der Verschluß der Kamera betätigt wird“ – wenn Dir die Zeit und die Muße dazu abkömmlich ist! genau dieses „Intentionslose“ finde ich gar nicht mal so uninteressant.

  34. Ich habe mich auf die Behauptungen Bersarins zu meiner Person bezogen, die ich für eine hochtrabende Zumutung halte.

  35. ok., ich werde die Flohmärkte in Zukunft abgrasen, nach Benjamin. In meiner Gegend hatte ich nur ein paar mal Glück, Hegels Ästhetische Vorlesungen, Bloch, kannte ich bereits (fast) alles, und die unvergessliche Virginia Woolf (im Original). (alles so zw. 2 bis 4 €)

    ‚Antiquarische‘ Bücher werden leider in der Hauptsache übers Internet angeboten, aber ich lehne jede Online-Zahlung aus Prinzip ab. Zum Herumstöbern – diese Antiquariate gibt es leider immer seltener. Welche abseitigen, abseitigsten Zitatsammlungen fand ich da nicht vor! (Arno Schmidt nicht vergessen!) Benjamin scheint aber meiner Erfahrung nach kein Flohmarkt-Material zu sein oder welches, das in Antiquariaten angeboten wird. Wie auch Beethoven werde ich mich ihm erst langsam (eben trotz der Vergangenheit eines bestimmten Zweigs meiner Familie) annähern müssen.

  36. @ David
    Du operierst nicht mit Begriffen, sondern fuchtelst mit Ihnen herum und drehst diese, wie sie Dir passen: Amen, expressiv, Kiosk, Platz. „Operieren“ scheint mir in Deinem Falle zudem hochgestochen. Der Anschein des Chirurgen ist noch nicht der Chirurg selbst, nicht wahr, Frank William Abagnale Junior. Ja, David/Anne, Du bist ziemlich nackig, das stimmt wohl. Dies sehen wir bereits an dem Aufwand, den Du für Nichts betreibst. Wenn ich einen Blog nicht mag, so lese ich darin nicht. Das ist ganz einfach. Begriffe erschließen sich aus ihrem Kontext oder aber aus ihrem Gebrauch in (anderen oder eigenen) Texten, (z.B. transzendent/transzendental oder Präsentation/Repräsentation), nicht aus der Intention des Verfassers, von der wir nichts wissen (wollen). Schön aber anzusehen, wie Du Dir Buchtitel selber auf den Leib schneiderst. Aber damit wird man noch nicht zum tapferen Schneiderlein, sondern bleibt was man ist: Der Däumling.

    Und was die Zumutung betrifft: Wer hier Scheiße schreibt, der muß dann Hochtrabendes sich gefallen lassen. Doch wir von der Kavallerie traben nicht, sondern galoppieren gerne und mit Schwung über diese Pferdeköttel hinweg. Schade nur, daß man sich dabei manchmal mit dem Kot bespritzt.

    @ genova
    Das, was der Nörgler schrieb, erfordert einige Voraussetzungen, nämlich Wissen zur ästhetischen Theorie, insbesondere zum Begriff der Form. Bei diesem handelt es sich um einen terminus technicus. Er versteht sich nicht unmittelbar aus der Alltagssprache heraus. Es ist das ein altes Problem beim Lesen in Blogs. Wir schreiben und lesen nicht alle mit dem gleichen Stand des Wissens. Ich kann, was den Formbegriff betrifft, nur auf verschiedene Texte hinweisen, die Du lesen müßtest. Es ist einfach so. Glaub es mir. Ästhetik und Philosophie sind abgezirkelte Bereiche. So wie nicht jeder, der es möchte, Herzchirurgie betreiben kann, steht es auch um die Ästhetik. Wenn ich Dir einen Text von Aristoteles oder Kant reichte, so würdest Du zunächst einmal kaum etwas verstehen. Du müßtest – so habe ich es, seit ich 16 war, getan – Satz für Satz lesen. Jahrelang, jahrzehntelang Dich mit dieser Materie auseinandersetzen, ist die Arbeit in und an der Philosophie. Philosophie ist ein Jargon, eine Zuhältersprache, wie Benjamin schrieb, sie erfordert noch viel mehr Zeit, Mühe, Aufwand, als wenn Du einen Dialekt lernst. Und es komme mir niemand mit diesem Begriff von „Allgemeinverständlichkeit“. Schwarze Löcher und schwarze Materie lassen sich auch nicht allgemeinverständlich erklären, sondern allenfalls grob umreißen, so daß der Laie ahnt. Ich und auch der Nörgler bewegen uns aber nicht im Bereich des Ahnens oder der Laienphilosophie.

    Was den Inhalt meiner Photographien betrifft, so deute ich sie nicht. Allerdings handelt es sich bei sämtlichen Bildern um ausgewählt gute Bilder, die genauso in einer Galerie hängen können. Ästhetische Kritik exponiert sich, wenn sie mehr sein will als bloßes Mittelmaß. Oder es ist eben gar nichts, wie die Blogkommentare der Wichtel-Flachzange David-Anne-Such-mich-mal und wie leider auch dieser wenig übezeugende Kommentar von Dir. Um den Beitrag vom Nörgler angemessen zu analysieren, müßtest Du zunächst den Inhalts seiner Kritik, nämlich den Begriff der Form und den der Form der Form nehmen und ihn einer Kritik unterziehen, in der Du dann darstellst, weshalb der Begriff einer Form der Form nicht funktioniert. Das wird Dir wieder mal nicht behagen. Ich weiß.

    Aléa Torik ist kein Fake, es gibt Aléa Torik. Sie ist eine Schriftstellerin aus Rumänien.
    Amen ist in der Regel der Ausdruck der Ahnungslosen und der Abergläubischen. Eben solche wie David.

    Zara ist ein in etwa so teures Label wie Hennes & Mauritz.

  37. Auf meine Bitte, das „Photographieren der photographischen Form“ erklärt zu bekommen, bekomme ich einen langen, langen Absatz, der mir erzählt, wie dämlich ich bin und dass ich erstmal ein paar Jahre lesen und außerdem glauben muss. Es scheint nicht möglich zu sein, in ein paar Sätzen den Nörglerschen Nonsens in Nichtnonsens umzubauen. Es braucht eine Bibliothek. Eine naturgemäß absurde Forderung, erst eine ganze Bibliothek durcharbeiten zu müssen. Kommt mir so vor, als hätte ich gefragt, was „merci“ auf deutsch heißt und die Antwort lautet, ich müsse erstmal Romanistik studieren.

    „Um den Beitrag vom Nörgler angemessen zu analysieren, müßtest Du zunächst den Inhalts seiner Kritik, nämlich den Begriff der Form und den der Form der Form nehmen und ihn einer Kritik unterziehen, in der Du dann darstellst, weshalb der Begriff einer Form der Form nicht funktioniert. Das wird Dir wieder mal nicht behagen.“

    Ich nehm das mal als Realsatire. Ich muss mir also nicht nur den Begriff der Form, sondern auch den Begriff der Form der Form angucken. Dann kriege ich heraus, dass der Begriff der Form der Form nicht funktioniert.

    Ich habe ein grundsätzliches Unbehagen gegenüber solchen Worthülsen, denn das sind sie, wenn man nicht in der Lage ist, sowas halbwegs verständlich auszudrücken. Um das „Photographieren der photographischen Form“ erläutert zu bekommen, brauche ich keine Worthülsen. Ich scheine der einzige zu sein, der das Wort an sich ernst nimmt.

    Es ist ein ähnliches Unbehagen, das sich mir einstellt, wenn mir jemand erzählt, ich solle schweigen, damit er sich umso besser präsentieren kann. Das alles läuft über autoritäres Verhalten, kein Sein sondern Haben.

    Aber bitte verteidige und deute deine Bilder selbst. Es macht sie nicht wertloser, es wäre nur ein wenig weniger aufgesetzter Elitarismus.

    Ich vermute mal, es wird sich hier niemand dazu herablassen, meine Frage zu beantworten und die dann noch in ein Verhältnis zu dem Zarabild zu setzen. Das Ergebnis wäre vielleicht einfach nur zu banal.

    So, und jetzt denke ich über das Nichtfunktionieren des Begriffes der Form der Form nach. Mahlzeit.

    Mein Gott, dieses Gelackmeiere. Das haben deine Bilder doch gar nicht nötig.

    Zara ist nicht teuer, ok, dann finde ich das Foto ja noch rätselhafter, wenn es nicht banal ist. Hat es nichts mit dem Gegensatz von arm und reich, von glitzern und Schmuddel zu tun. Oder willst du uns sagen, dass das Glitzer auch nur Billigware ist, nur auf der Oberfläche aufgehübscht und die waren Werte in den Tüten zu finden sind?

    Aber sorry, du redest ja nicht drüber.

  38. Nun, es dauert eben eine Zeit, bis heraus, mit welcherart Esel man es zu tun hat. Dieser hier tritt mit seinen ardoniden Hufen nach allem, was nicht in den fünf Baenden theoretische Aesthetik steht, die er irgendwie gelesen hat. Ich habe hier von diesem Mann noch nicht einen Satz gelesen, der über ein kleinbürgerliches Lamento hinaus ging. Adorno und Benjamin haben damit nichts zu tun. Bei allem Winden und Wenden und umständlichen Hantieren mit den Systempostulaten negatver Dialektik kommt er aus seiner viertelsgebildeten Haut nicht heraus. Daher das verraeterische und dauerhafte Ausgleiten in die Faekaliensprache.

  39. David-Anne-Däumeling, Du solltest nicht über Texte bzw. Autoren in Einwortsätzen schreiben, die Dir fremd sind. Ich kannte mal eine Ikea-Bloggerin, die machte das so, brachte aber die basalsten Begriffe der Philosophie durcheinander oder langeweilte sich bei Hegel, weil sie am Anspruch des Textes scheiterte. Dies kommt mir auch beim David-Anne-Jargon so vor. Formuliere eine dezidierte Kritik an den Äußerungen vom Nörgler, dann nehme ich Dich ernst. Ansonsten behandle ich Dich als eben das, wonach Du Dich Deinem eigenen Begriff nach hier erwiesen hast: nämlich als Blödchen. Vom Kleinbürgertum scheinst Du viel zu verstehen.

    Und, David, übe doch zunächst die Definition von Kiosk und Platz, dann sehen wir weiter. Nachbemerkt sei noch dies: Da, wo ich Scheiße anfassen muß, David-Anne, da gibt es eben Fäkaliensprache. Was ist daran so schwierig zu verstehen? Oder erwartest Du im Text zart hingehauchte Laute aus Wohlklang?

  40. Und David-Anne: Deine hier präsentierte Halbbildung – halb Kiosk, halb Platz – ist nicht die Hälfte der Bildung, sondern das Gegenteil derselben.

  41. Genova, man kann über einen Text nur dann sprechen oder schreiben, wenn man ihn inhaltlich, auf der Ebene des Textes selbst kritisiert und nicht indem man in Einwortsätzen wie der Schwachmat oder, wie ich vermute, der Studienanfänger David schreibt. (Den alten Bolschewiken nehme ich mal aus, der weiß das alles sehr viel besser. Er stößt sich lediglich am Kunst- und Ästhetikbegriff des Nörglers.)

    Ich schreibe aber gerne etwas über den Begriff der ästhetischen Form – wie das geschieht, vermag ich noch nicht zu sagen, weil ich gerade mit dem Kunstwissenschaftler und Bildtheoretiker Hans Belting mich befasse – genauer gesagt mit seinem Buch „Faces“. Aber ich will sehen, was ich tun kann. Denn es ist der Formbegriff innerhalb einer Ästhetik der Moderne und meinetwegen auch der Postmoderne zentral. Künstler mag das wenig bis nicht interessieren, weil sie Kunst machen. Und das ist auch ok. Ärgerlich ist es nur dann, wenn Halbtheoretiker des Banalen oder des dämlichen Sensationsdiskurses hier und woanders das eine gegen das andere ausspielen. Ästhetische Theorie ist nicht Feind des Kunstwerkes. Mit Kant gesprochen: Begriff und Anschauung bedürfen einander, sind miteinander vermittelt und aufeinander bezogen. Es zeichnet übrigens die Ästhetik Adornos aus, daß er die Kunstwerke selbst durchaus ernst genommen hat und nicht bloß in abstrakter Reflexion darüber hinweggleitet.

    Doch kurz nur zum Begriff der ästhetischen Form: Die Photographie der photographischen Form bedeutet, diese Form selbst ins Bild zu setzen. Mithin die Form einerseits auf ihre reine Form zu reduzieren und dabei den Prozeß der Formgebung ebenso zu reflektieren. Gelungene Kunstwerke sind in diesem Sinne selbstreferentiell, daß sie sich auf ihre eigene Form beziehen: sei das nun die Prosa Kafkas oder André Gides „Die Falschmüntzer“, deren Texte auf das Gemachtsein von Kunst sich kaprizieren. Wenn man will, und dafür gibt es wohl gute Gründe, kann man diese Dinge bereits in der Epoche der Romantik bzw. der Goethezeit ausmachen. Auch der „Faust“ ist ein grandioses Spiel mit der ästhetischen Form und macht die Form selbst zum Gegenstand. Siehe bereits am Anfang der Auftritt des Theaterdirektors, das Himmelstheater, der Wechsel der Versformen. Auch in diesem Falle trägt der Begriff von der Form der Form.

    Ich skizziere das Problem bzw. die Frage nach der Form der Form wie folgt: Nehmen wir die Aristotelische Poetik. Dort wird unter anderem vom Theater, vom Drama und ganz allgemein von der Dichtkunst geschrieben. Aristoteles führt als Kriterien des Dramas die Einheit von Ort, Zeit und Handlung auf, Aristoteles nennt die Funktion der Tragödie nämlich eleos und phobos zu erzeugen, die eine Weise von Katharsis, hervorruft, was man neuerdings und zu recht nicht mehr – wie noch Lessing – als Mitleid und Furcht, sondern mit Jammern und Schaudern übersetzt. (Das kann man jetzt alles kritisieren, aber zunächst muß ich verstehen, was Aristoteles da eigentlich schreibt.) Aristoteles schildert in einer sehr trockenen und teils schwierig lesbaren Weise, wie – der Form nach – das Drama funktioniert. Es gibt hier keinerlei Beispiele oder Anschauungen, sondern der formale Aspekt des Dramas kommt zur Darstellung.

    Nun gibt es einen Text von Beckett, nämlich das „Endspiel“. Insbesondere dieser Text läßt sich als die Form der dramatischen Form bezeichnen; in ihm sind die Aristotelischen Kategorien auf jenes Minimum, das im Zeichen der Moderne bleibt, eingedampft. Hamm und Clov debattieren (zumindest in einer Art Subtext) genau diese aristotelischen Kategorien des Dramas, und zwar im Drama selbst, in seiner Durchführung, in den Dialogen und ohne daß ein einziges Mal der Name Aristoteles fällt oder indem explizit sich auf Fragen der Ästhetik bezogen wird, sondern indem diese Dialoge durchgeführt werden, geschieht die Aufhebung und damit die Reflexion der aristotelischen Form des Dramas. Die Begriffe der Aristotelischen Poetik bleiben einerseits gewahrt, Ort, Zeit, Handlung bleiben in einer Art von pervertierten Einheit, sie werden negiert oder wie man heute schreibt: dekonstruiert und sie werden zugleich in eine erweiterte Form gebracht. Nach Beckett läuft das Drama anders. So in etwa sind die Begrifflichkeiten, die Nörgler verwendet, vorzustellen. Es ist dies eine ins unreine geschriebene Kurzfassung, die ich anhand der Poetik des Aristoteles schildere. Aristoteles liefert einen der ersten und zentralen Texte zur Ästhetik, und zwar in rein formaler Weise als kalte Prosa der Wissenschaft. Nicht mehr wie Platon kleidet er die Theorie in die Erzählung oder in den Mythos, sondern Theorie der Kunst tritt als Theorie auf. Aristoteles liefert Formbestimmungen des Dramas. Beckett spiegelt diese. Die Einheit von Zeit, Handlung und Ort wird auf eine paradoxe und vollständig reduzierte Weise gewahrt: es geschieht etwas und es geschieht im Endspiel zugleich das Nichts. Was reine Warten. Reflexion auf die Form meint dann genau: Form der Form.

    Das kann man alles kritisieren. Aber man sollte es dann inhaltlich machen. Und wenn Figuren wie David hineinschneien, die hier im Blog bisher nicht einen einzigen konstruktiven Satz geschrieben haben – im Gegensatz zum Nörgler und auch zu Dir – dann denke ich, bedarf es des Säbels der Kavallerie. Und da spritzen halt Blut und Scheiße aus den Gedärmen. Ästhetik ist ein Schlachtfeld, und dies wissen wir seit Kleist und Heiner Müller.

  42. tsssss. platz-hirsche
    eigentlich nur nebenbei (ich halte nix von wortklauberei, wenn urspruenglich eigentlich gescherzt wurde): ich verwende den begriff platz in diesem kontext als allgemein lokale bezeichnung, aehnlich wie „stelle“ oder „ort“. und es scheint diesen (weiteren) sinn schon laenger zu geben, wie ich lese: aus lateinisch platĕa ‚[die] Straße, [die] Gasse, [der] Hof‘, von griechisch πλατεία [οδός] plateia [hodós] ‚breite [Straße]‘, zu πλατύς platýs ‚platt, eben, breit‘)

    an diskussionen, die sich nicht auf die sache beziehen, wuerde ich keine zeit verschwenden.

    ich finde die saecke vor zara in ihrer drapierung einfach geil. sehen heute auch aus wie eingesperrte schafe. ;) ich mag alles kontrastierende in form und inhalt. ein scheinbar unscheinbares bild mit potential zum weiterspinnen.

  43. Haste recht. Demnächst wird David herausgeschmissen, da es nun einmal kein Gesetz gegen Trollerei im Internet und in der Blogwelt gibt. Aber die Figur fühlt sich von diesem Blog nun einmal angezogen.

  44. Wie hier mit generöser Poebelambition die Leute bei der Stange gehalten werden.

    Manch einem steigt das Theorem vom autonomen Kunstwerk in den Kopf wie dem Bauer der neue Wein.

  45. Danke, David, für diese gelungene Selbstbeschreibung, die Du hier von Dir lieferst. Der Troll beschreibt sein Trolltum. Mach doch einfach einen eigenen Block auf: „Platz, Ecke, Kiosk. Expressives vom Trollinger“.

  46. Dass ich kein“Troll“ bin wissen Sie ganz genau.
    Sie gefallen sich aber sehr in der Rolle des Rausschmeißers, die man Ihnen nahe gelegt hat.

  47. Das Bild von Mülltüten vor Zara bedeutet keinen Gegensatz. Müll ist schnell rausgeschossen /außer man trennt ihn, wie in D/ und er kumuliert sich. Auf einem Pflaster, welches Kunstwillen andeutet. Die müllernen Puppen starren reglos, sie sind Massenmüll. Man hängt ihnen Kleider und Anzüge um und sie scheinen zufrieden. Schaut man auf die Mülltüten und die Absperrung im Vordergrund, ist es alles andere als unklar, dass da kein Zauber hintersteckt, dass die Fantome, als die die Modelle wirken, eine irreguläre Welt sind, ein Betrug, und die Analyse des Schriftzugs CALZEDO der einzig wahre Haken zu sein scheint, der sich in diese Wirklichkeit schlagen lässt.

  48. @ Trollinger-David
    Ich gefalle mir in jeder Rolle, denn ich bin selbstgefällig.

    Natürlich bist Du ein Troll. Sonst käme hier nämlich zur Abwechslung Inhaltliches.

  49. @ holio
    Wie schon geschrieben: ich kommentiere meine Bilder nicht. Den Gegensatz zwischen Mülltüten oder was auch immer das ist, es könnten auch tote oder lebende Schafe sein, die die Wolle für die Nobelmarke Zara liefern, den sehe auch ich nicht. (Wobei es trotzdem einer sein kann. Da läge der Doppelsinn eines Bildes.) Es fügt sich in diesem Bilde eines zum anderen. Der dialektische Flaneur greift die Bilder und Blitze auf, die sich ihm darbieten. Er arbeitet wie der Lumpensammler, den Benjamin in seinen Aufzeichnungen zum Paris des 19 Jdhs beschreibt.

  50. Nein, nein, das ist mir schon klar. Was Du schreibst, ist interessant. Ich würde mit Dir darüber sogar gerne diskutieren, wenn es nicht gerade meine eigene Photographie wäre. Verstehe es nicht falsch: aber ich kann über meine Bilder nicht sprechen,weil ich sie mache. Ich verfüge da nicht über die Möglichkeit einer weiteren Reflexion. Ich mache Bilder. Ich baue sie nach formalen Prinzipien, sehe Linien, Licht, Schatten, Farbe.

  51. Ich sammele Dinge auf, eben wie ein Lumpensammler oder ein Messie. Das zeigt sich schon an der Zahl der mitgebrachten, geschossenen Photographien. Es sind fünftausend oder sechstausend Bilder.

  52. Selbstgefällig? Sie pflegen so einen Schmalspurdandiismus, mit dem man in der Provinz Eindruck machen kann. Überhaupt kommt mir Ihr monomanisches Insistieren aufs Inhaltliche eminent provinziell vor.
    Haben Sie überhaupt eine Vorstellung von , pardon!, Konversation?

  53. Deine beständigen Selbstbeschreibungen amüsieren uns hier gerade sehr.

    Konversation auf Augenhöhe, mit Esprit und ohne Einwortsätze wie „amen“ und ähnliches ist eine wunderbare Sache, aber mit abgestorbenen Auerochsen und Trollingern bereitet sie kaum Freude. Da hilft dann das feine Florett nicht, sondern wir bringen die Mistgabel in Anschlag. Auch Berlin besitzt schließlich bäuerliche Regionen wie die Domäne Dahlem, wo Forken ihrer Arbeit harren.

  54. Sie haben sich also gemein gemacht uns sind ins „wir“ gegangen.
    Ade

  55. Ach, wir sind viele: „Du hast recht, wir sind ohne Zweifel mehrere …“ Jacques Derrida, Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits. Erste Lieferung

    Denn die Singularität ist bloße Identitätsreflexion ohne Anderes. Wir aber überdialektisieren. Jenseits und diesseits von und mit Hegel, den ich umstandslos bejahe.

  56. Und David-Anne-Trollinger (sozusagen Doppelnamen Transgender). Wenn Du mit dem Florett oder besser noch: dem Degen zu fechten verstündest, dann würde jetzt erst der Spaß anfangen.

  57. Über das Prinzipium Individuationis bin i c h mit Adorno einig. Sie aber fangen an zu spinnen und triften ab in die Metaphysik der Dummen. Ach, was müssten Sie noch viel von Teddy lernen.

  58. Diese Deine Einigkeit und das, was Adorno unter dem principium individuationis versteht, solltest Du dann zur Nacht hin ausführen. Es bleiben Dir genau sechs Stunden bis zum Morgengrauen. Nimm jenes principium aber nicht undialektisch. Denn Individuum, in der Diktion Adornos, wäre ein erst Herzustellendes und jenes Prinzip ist ohne Gesellschaft schlechterdings nicht zu denken.

    Das Ade der Rheinländer reicht nicht sehr weit. Ja, von Teddy kann man viel lernen, da gebe ich Dir recht.

  59. Nein. Verloren hieße, daß da schon einmal etwas gewesen wäre, und das ergäbe dann eine Heideggersche ontologische Position oder eine anthropologische als Wesensbestimmung vom Individuum. Denken wir aber ein Individuum als vermittelt durch Gesellschaft, dann kann es keine Wesensbestimmungen geben. Daran kranken ja auch die Frühschriften von Marx, die den Menschen als So-und-so-Wesen setzen möchten. Der Marx des Kapitals ist da klüger, denn er liefert Funktionsbeschreibungen.

  60. Marx war kein Idealist, Adorno mehr oder weniger schon. Sonst hätte er die Entäußerung des Subjektes an die S a c h e n , mit denen und durch die es lebt, nicht prinzipiell als eine Entfremdung von seinem Subjektsein verstanden. Die Skepsis der negativen Dialektik gibt zwar vor, aus der Klasse des weltanschaulichen Idealismus auszubrechen, fällt aber selbst, bei einem Perspektivenwechsel, der das Subjekt aus seiner methodologisch prioritären Stellung gegenüber der Welt auf die Relativität des Standortes i n d e r W e l t verweist, in diese zurück. Ich wiederhole: nur im idealistischen Verständins ist die Entäußerung des Subjektes an die S a c h e n, mit denen und durch die es lebt, prinzipiell eine Entfremdung von seinem Subjektsein. Denn das Subjekt bestimmt sein Subjektsein gerade durch sein Verhältnis zu den Sachen. Ein Verhältnis, das die Bedingung seines Seins a l s Subjekt-in-der-Welt ist.
    Meine Eingigkeit mit Adorno hält sich ins Licht gehalten in Grenzen.

  61. „Adorno mehr oder weniger schon.“ Die Betonung liegt auf dem Mehr-oder-weniger: Es läßt sich bei Adorno nicht mehr der Idealismus oder der Materialismus als einziges und ausschließliches Movens von Philosophie festmachen, weil er sich nicht zu einer Seite hin mehr positioniert und das Verhältnis von Subjekt und Objekt eben nicht nur in der Logik des Begriffes abhandelt. MIt anderen Worten: Adorno dem Idealismus zuzuschlagen, ist, höflich gesprochen, eine grobe Fehleinschätzung.

    Seine Wendung von der „Freiheit zum Objekt“ und die Entäußerung hin zum Objekt, ohne dabei aber unsinnige oder gar kitschige Verschmelzungsphilosophien und in Einheitsdenken zu verfallen, sind nun eminent unidealistische Positionen. Insofern trägt in der Negativen Dialektik dieses Begriffspaar Idealismus/Materialismus nur noch bedingt. Adorno schreibt in der „Negativen Dialektik“ und in den Texten, die sich um dieses Hauptwerk gruppieren, hinreichend oft, weshalb die Philosophie zum Materialismus neigt. Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebe sie angesichts der Leiderfahrung und speziell: im Zeichen von Auschwitz. (Das mag heute vielen unverständlich erscheinen, weil sie von ihrem Geschichtsbewußtsein her denken, das faschistische Deutschland läge irgendwo im 19. Jhd. Zu der Zeit, als Adorno die ND veröffentlichte, waren gerade einmal 11 Jahre vergangen, seit Deutschland vom Faschismus befreit wurde. Eine nicht sehr lange Zeit.)

    Und selbst jener legendäre Anfang der ND, weshalb Praxis sich in die Theorie vertagt habe, trägt materialistische Züge: Weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.

    Mit der „Kraft des Subjekts den Trug konstitutiver Subjektivität zu durchbrechen“, dies sah Adorno von Anbeginn seiner Philosophie an als dessen Aufgabe an. (Und nebenbei bemerkt machen solche Sätze es dann schwierig, Adorno in einer undialektischen unidirektionalen Weise poststrukturalistisch zu vereinnahmen. Womöglich aber wäre hier ein Zusammenlesen oder auch: ein Differenzlesen mit Slavoj Žižek denkbar.)

    Ebenfalls wird dieser Begriff des Nicht-Identischen nicht im idealistischen Sinne gebraucht. Die „Freiheit zum Objekt“ läßt sich bei Adorno nicht mehr in jenem unvermittelten Dualismus von Idealismus/Materialismus festnageln. Insofern trägt Dein Argument nicht.

    Und so siehst Du doch, David-Anne-Trollinger: es geht auch konstruktiv.

  62. @ Genova,

    „Kommt mir so vor, als hätte ich gefragt, was “merci” auf deutsch heißt und die Antwort lautet, ich müsse erstmal Romanistik studieren.“

    Ich würde sagen das ist typisch für Bersarin. :-)

    „Ich muss mir also nicht nur den Begriff der Form, sondern auch den Begriff der Form der Form angucken. Dann kriege ich heraus, dass der Begriff der Form der Form nicht funktioniert.“

    Und das ist eben typisch Philosophie. Obwohl mir die Philosophie nahe ist, behagt es auch mir auch nicht immer, oder sagen wir; Es behagt mir nicht zuvorderst. Ich finde die Begeisterung im
    Inhalt und nicht so sehr in der Form, komme aber über den Inhalt auch zur Form bzw. komme nicht umhin mich mit der Form auseinanderzusetzen.

    Es ist ähnlich wie in der Mathematik. Man kann keine Gleichungen auflösen wenn man nicht die
    Grundrechenarten beherrscht. Deshalb erscheint Dir die dargebotene Form (der Erklärung) als leere Worthülsen, so mein laienhafter Erklärungsversuch dazu.

    In der Philosophie ist es meiner Meinung nicht immer nicht nötig alle diese Schritte zu gehen,
    da sich der Sinn schon früher erschließt, oder Erkenntnis einstellt. Es ist zum einen aber ein Kontrollverfahren, zum anderen der Versuch zu erfahren, ob sich dahinter doch noch etwas verbirgt und dahinter und dahinter… (was ja sehr oft der Fall ist).

  63. Silberfink, Philosophie ist die Liebe zur Weisheit, oder – einige Philologen streiten darüber heute noch – die Freundschaft zu derselben. Wir kennen daher weniger ein Kontrollverhalten, sondern ein kollegiales Verständnis.IMHO: Paradigmatisch scheinen mir da Platons Texte. Besserwisserei hat hier keinen Platz. Und in diesem Versuch der Selbstverständigung, für welche das Gegenüber notwendig ist, gehen wir Schritt für Schritt im Versuch, einander zu verstehen, jede logische Operation im Einzelnen durch. Die sokratischen Dialoge sind immer wieder diesbetreffs hilfreich, wie Platon sie aufgezeichnet hat. Vor allen Dingen der zuerst höfliche Umgang miteinander. Platon kann selbst für uns Heutige noch eine Schule sein! Z.B. kann die Frage nach der ‚Form‘ der Form sich als eine höchstinteressante Frage herausstellen. Was verstehen wir unter ‚Form‘? Was ist, beispielsweise, die Sonatenhauptsatzform? Eine solche triviale Frage lässt etwa die Frage zu, was wir unter ‚Form‘ im Folgenden verstehen wollen. Die Frage nach der ‚Form der Form‘ ist also zulässig; d.h., wie ist ‚Form‘ begrifflich aufzufassen. Über den Begriff des Begriffs lässt sich fürderhin trefflich streiten. Steile These: Nichts anderes besagt die Frage nach der ‚Form der Form‘. Mit anderen Worten: Wir können die Hintergrund- oder Anfangsbedingungen unserer Erkenntnisfähigkeit hinterfragen, Kant hat sich da m.E. etwas verrannt, das nur nebenbei, das tun wir aber im freundlichen Einvernehmen. Welches dadurch zustande kommt, dass wir unser Verbalverhalten in gewissen Grenzen zu kontrollieren versuchen. Um uns einander im Verständnis anzunähern zu versuchen, suchen wir uns manchmal formalisierte Sprachen aus, die hin und wieder wie „Worthülsen“ oder mathematisches, formelhaftes Geflüster erscheinen, aber all dies im Sinne der (philosophischen) Freundschaft.

  64. @ silberfink
    “Kommt mir so vor, als hätte ich gefragt, was “merci” auf deutsch heißt und die Antwort lautet, ich müsse erstmal Romanistik studieren.”
    Der Vergleich hinkt, denn merci kann man übersetzen – das geht relativ einfach. Aber Begriffe wie Transsubstantiation oder Substanz sind nicht mehr einfach in einen anderen Begriff überführbar. Das schließt nicht aus, daß man sie erklären kann. Es dauert nur länger, um ihren Gehalt zu begreifen.

    Deinem Beispiel zur Mathematik stimme ich zu. So ist es. Daß sich bei bestimmten Personen, wenn sie bestimmte Termini gebrauchen, auch ein Bluffer versteckt, auch das kommt vor. Es ist zudem Herrschaftswissen Begriffe nur um des schönen Klanges und weil es sich um schwerverständliche Wörter handelt zu gebrauchen. Ich kannte einen Bloggerin, die beständig mit ihrem Wissen in Philosophie um sich warf und Kunstgeschichte und Philosophie bemüht versuchte in eine Konstellation zu bringen. Leider konnte sie die einfachsten Begriffe wie transzendental und transzendent nicht auseinanderhalten, behauptete aber steif und fest Kant gelesen zu haben Wer je eine einzige Zeile von Kant las, der bringt diese Begriffe niemals mehr durcheinander. Gegen solche Überheblichkeiten und gegen dieses Angebertum habe auch ich etwas.

    Aber solches Philosophieposing ist beim Nörgler nicht der Fall, er schreibt über die Dinge, von denen er etwas versteht. Und wenn es an die Texte des Aristoteles oder anderer Philosophen ginge, dann könnte er hier eine Vorlesung halten, bei der jede/r etwas lernen kann.

    Verärgert sind der Nörgler und auch ich, wenn nicht freundlich nachgefragt wird: „Das verstehe nicht, kannst Du es mir erklären?“, sondern sogleich ins Wohnzimmer spaziert und gepöbelt wird, daß das alles ja Unsinn sei und bloß leere Worthülsen. Wenn man die Worthülsigkeit beweisen möchte, dann sollte man durchaus des Inhalts und der Form mächtig sein und muß schon ein wenig im Wissen stecken. Dann erst kann man Kritik üben. Oder man fragt halt nach.

  65. @ ziggev
    „Besserwisserei hat hier keinen Platz. “ Da hast Du recht.

    Bei Platon bin ich in der Lektüre vorsichtig. Es fehlt dort das Rationale einer kühlen, kalten, schneidenden, analysierenden Philosophie. Andererseits vermochte Platon, anders als Aristoteles, dieses Verfahren einer Philosophie als Theorie aus immanenten Gründen nicht zu praktizieren. Platons Philosophie steckte mit einem Fuß erst im Logos und mit dem anderen eben noch – in der Epoche und dem geschichtlichen Stand nach notwendigerweise – im Mythos.

    Deine Erklärung einer philosophischen Freundschaft gefällt mir gut. Nur ist das oft schwieriger zu praktizieren als gedacht. Mit manchen, wie mit summa cum laude, ist dies gut möglich. Bei anderen wieder schwieriger. Ich selber bin da wechselwendisch: es kommt immer aufs Gegenüber an. Ich war lange Jahre an der Universität tätig und habe Studenten betreut. Da lernt man ein wenig die pädagogischen Fähigkeiten. Ich lernte aber auch, mir nicht dummkommen zu lassen.

  66. @ziggev,

    ich bin auch ein ganz freundlicher Mensch mit einer recht spröden, verknappten Sprache,
    was oft missverständlich wirkt. Lange, ausschweifende oder erklärende Reden sind nicht so meine Sache. Davon abgesehen lese ich (hier) sowieso lieber. :-)

    @Bersarin,

    ich würde ja sagen: Wer jemals eine Zeile von Bersarin las, der bringt transzendental und transzendent nicht mehr durcheinander…
    Mit „Ich kannte mal ’ne Bloggerin“ wirst Du wahrscheinlich in die Geschichte eingehen.
    Gibt’s da eigentlich nur unangenehme Geschichten von den Frauen im Netzt oder behälst Du die guten für Dich?

    Was die Bloggerqualitäten des Nörglers betrifft, so verlasse ich mich da nicht auf Urteile
    von Dritten sondern mache mir selbst ein Bild – sofern das möglich ist. Und bevor ich frage denke ich lieber erstmal selbst. Das ist so meine Eigenart. :-)

    Schönes WE Euch beiden.

  67. jahahaha ! summacumklaude – der ist Arzt – und as a matter of facts – natural born naturalist. ich hätte hier ja gerne die summacumlaudisch-naturalistusche Position vertreten, aus sportlichen Gründen, aber wenn der Profi hier auftaucht, halte ich mich lieber zurück und überdenke meine radikalnaturalistischen Positionen noch einmal gründlich von Vorne.

  68. Ich treffe mich nicht mit anderen Bloggerinnen und Bloggern. Es gibt genau sechs Personen, wo ich ich eine Ausnahme machte. Über diese Treffen schweige ich naturgemäß. Alles übrige ist hier im Blog oder eben in anderen Blogs, wo ich kommentiere oder worauf ich verlinkt habe, nachlesbar. Und das meiste sind Sachgeschichten ohne jeden persönlichen Bezug. Ich mag Nähe nicht besonders.

    Natürlich sollte man sich selber ein Bild machen. Dir auch ein gutes Wochenende.

  69. „genau sechs Personen“ – Sozialfanatiker! : Bitte es nicht gleich übertreiben. Danke jedoch für die Guteswochenendwünsche – also selbige zurück!

  70. Ich plappere einfach mal drauf los. Ich habe gerade mein Blog dichtgemacht, aus „kunstimmanenten Gründen“ und jetzt langweile ich mich ein wenig ohne mein Spielzeug, das mir in den vergangenen Jahren allerdings auch sehr ans Herz gewachsen ist. Also mal sehen, was mir so einfällt zu den Ereignissen hier. Es wird wohl ein eher unzusammenhängendes Sammelsurium.

    – In der Tagwolke stehe ich neben Adorno! Ich stünde allerdings neben Benjamin, wenn der nicht mit Vornamen, Adorno hingegen nur mit Nachnamen genannt würde. Und ich meine, auch besser zu Benjamin zu passen. Also: Beschwerde! Wobei ich, um neben Benjamin zu stehen, allerdings weiterhin mit Vornamen genannt werden müsste, Benjamin nicht und Adorno ebenso. Also: Beschwerde wieder rückgängig!

    – „Aléa Torik ist kein Fake, es gibt Aléa Torik. Sie ist eine Schriftstellerin aus Rumänien.“ – Mensch Bersarin: ich bin froh, dass das endlich mal einer in aller Deutlichkeit sagt. Wenn ich das sage, versteht’s ja keiner. Selbstverständlich ist Aléa Torik eine Schriftstellerin aus Rumänien, sei es nun die Aléa Torik, die auf dem Cover als Autorin geführt wird, oder die, die sie in dem Roman „Aléas Ich“ erfindet, jene gleichnamige Figur, die einen gleichlautenden Roman schreibt so dass man am Ende nicht mehr weiß, ob man es mit der Person oder der Figur zu tun hat: man ist eben immer beides: Person – Subjekt für sich selbst, Figur – Objekt für die anderen.

    Ich hatte letztens einen schönen, sagen wir mittelschönen, weil recht langen Beitrag zu „Niebla – Nebel“ von Miguel de Unamuno, eine Novelle, eine Nivola, in der die Hauptfigur sich, nachdem sie beschlossen hat, Suizid zu begehen, noch einmal mit jemanden besprechen möchte. So wendet sie, die Figur nämlich, also er: Augusto, sich an de Unamuno und der behauptet dreisterweise, er, Augusto, sei lediglich eine Figur in seinem, de Unamunos, Roman, die er nun auch leider zum Tode habe verurteilen müssen: Selbstmord. Das bringt Augusto in Rage, der sich nun zu sterben weigert und dazu eine Theorie bemüht die de Unamuno einige Jahre zuvor in einem Essay über Cervantes und Don Quijote erarbeitet hatte, wo er zu dem Schluss kam, dass nicht etwa Don Quijote fiktiv sei, sondern Cervantes, der ohne Don Quijote wohl nie gelebt hätte, jedenfalls hätte nie einer etwas von ihm erfahren. Und so verurteile er, Augusto jetzt ihn, de Unamuno, zum Tode, denn der Autor müsse ganz genauso wie Cervantes sterben wohingegen er selbst wie Don Quijote nahezu unsterblich sei oder es jedenfalls werde. Kurz zusammengefasst und paraphrasiert.

    Das sind komplexe Zusammenhänge zwischen Autor, Figur und der jeweiligen Realität. Das sind Schnittmengen, in die allerdings auch noch, aber erst wenn das Ganze fertig ist, der Leser mit hineinspielt und der sucht sich seine Übereinstimmungen, die Schnittmengen an denen er teilhaben will, frei aus: was die Sache leider nicht leichter macht.

    – David – Anne: der Punkt, an dem man erkennt, dass man nicht mehr gewinnen kann, ist der Punkt an dem man entweder aufhört danach zu trachten oder anfängt, Spaß an der Auseinandersetzung zu bekommen. Und davon bist du, seid ihr noch so weit weg ich wie davon, mich mit dem Nörgler anzulegen. Der kann sich sehr präzise ausdrücken, dafür aber kann er wahrscheinlich keine Romane schreiben. Das ist das eine. Das andere ist ein wenig schwieriger. Du hast dich mehrfach sehr kritisch, bisweilen diffamierend zu mir und meinem Tun geäußert, hier und auf anderen Blogs: ohne meine Texte zu kennen, ohne eine tiefere Ahnung, worum es da geht und wahrscheinlich auch ohne Interesse, das zur Kenntnis zu nehmen. Nun zeigt sich offenbar, dass du dasselbe Spiel spielst.

    Man spricht in der Regel – wenn man einmal die Erwartungen der anderen abzieht, die Tatsache, dass man in einer Gesellschaft nicht nur man selbst und seine Interessen vertritt, sondern mitunter auch einfach funktionieren muss – mit seiner eigenen Stimme. Außer, man erfindet eine Figur: dann spricht man mit ihrer Stimme, nicht mehr mit der eigenen: Figurensprache. Man muss also bereit sein, und das auch können, auf seine eigene Stimme und Meinung zu verzichten. Wer immer die Figur von euch ist, Anne oder David oder beide: Im wesentlichen Moment gestern Abend bist du von David auf Anne gewechselt: Frauen sind oft etwas empfindsamer und nicht so sehr auf Rechthaberei aus wie Männer, hast dann aber leider nicht die weibliche Stimme gewählt, sondern bist bei der männlichen von David geblieben. Ich würde dir raten, dir diejenige auszusuchen, die dir näher ist und von da an mit dieser Stimme zu sprechen als sei es deine natürliche. Das machen alle so. Das wäre eine Möglichkeit, hier wieder ernst genommen zu werden.

    Aléa

  71. klar, wir stecken mit Platon mit einem Fuß in der Mythologie, aber mit dem anderen jedoch auch wieder schon lange nicht mehr. Platon benutzt den Mythologie, um etwas über den Mythos hinausragendes auszusagen. Das ist doch das große Verdienst Platons, oder müssen wir uns über solche basalen Fragen weiter streiten? Und Platon ist – in den uns zur Verfügung stehenden Übersetzungen – ein Stilist vor dem Herrn. Das heißt, dass die Fragen, die uns philosophisch möglicherweise gestellt sind, in vorzüglichster Sprache gestellt wurden. (hab es ausprobiert, altgriechisch-deutsch übersetzt sich fast eins-zu-eins.) Platon sehe ich bis heute als einen der großen Menschheitslehrer an, neben Buddha und Christus. In der Reihenfolge, bitte nicht in einem allzureligiös-missverständlichem Kontext zu verstehen.

  72. Ich sach mal so: Volle Kanne Zustimmung.

    Am besten in Deinem Beitrag fand ich, daß Du diesen Punkt vom Umzwitschen bei David-Anne nanntest. Ich habe im Grunde darauf gewartet, daß irgend eine Kommentatorin oder ein Kommentator, diesen Umkipppunkt registrieren und nennen würde. Hat kein/r. Außer Dir.

    Ja, Benjamin paßt besser. That’s right!

  73. @ ziggev
    Wesentlich steckt Platons Text mit einem Fuß in der Mythologie, mit dem anderen ragt er, zumindest zu einem Teil, bereits heraus. Mehr aber nicht. Die Frage der Übersetzung ist eben nicht einfach. Altgriechisch läßt sich nicht mal eben so ins Deutsche überführen. Es kommt dabei viel Unsinn heraus.

    Sei mir nicht böse, ziggev, aber mit dem Begriff des Menschheitslehrers möchte ich lieber eher wenig denn viel zu tun haben. Platon schrieb Texte, die verschiedene Aspekte der Philosophie gleichnishaft, als Erzählung berührten. Das Höhlengleichnis, um nur das bekannteste zu nennen, ist natürlich genial. Es ist sowohl Erkenntnistheorie, es ist eine Theorie des Kinos, der Photographie und der Kunst. Offen für viele Deutungen. Diese Offenheit macht die Texte Platons, der sich beständig auf jenen Sokrates beruft, den Philosophen, der nicht schrieb, so spannend. Ein Schreiber, der im Namen eines anderen spricht.

  74. Die deutsche Grammatik verdankt sich eben nicht nur Luther! Wenn Du mal in die altgriechische Grammatik hineinschaust, findest Du dieselben Grundstukturen, wie sie sich auch im Deutschen auffinden lassen. Weil sich das Deutsche, als Kultursprache – in grammatikalischer Hinsicht – letztlich vom Lateinischen oder Griechischem ableitet. Bis zum Mittelalter sprachen wir echt Kauderwelsch. Eine Grammatik, wie eine Sprache zu ordnen sei, das haben wir erst von den Griechen gelernt. Deshalb findest Du dieselben Ordnungsprinzipien sowohl in der griechischen wie auch in der deutschen Sprache. Und deshalb klingen uns Thukydides, Aristophanes, Platon so vertraut.

  75. Irgendwie übersetzbar ist prinzipiell alles und natürlich existieren in der griechischen und in der heutigen deutschen Sprache Ordnungsprinzipien. Die Frage bleibt nur, wie ich einen Text bzw. die darin enthaltenen Wörter übersetze. Es gibt Begriffe, da handelt es sich eher um eine Interpretation als um eine Übersetzung. Wie sollte ἀλήθεια (aletheia) übersetzt werden? Und augenscheinlich wird die Übersetzungsleistung als Interpretationsleistung bei den Begriffen eleos und phobos aus der Poetik des Aristoteles: Mitleid und Furcht, was einer christlichen Lesart nahekommt, oder eher als Jammern und Schaudern oder welches andere Begriffspaar wählte man? Diesen Sachverhalt meinte ich mit Schwierigkeiten. Der Übersetzer überträgt nicht nur einen Begriff, sondern zugleich einen Kulturkreis, dessen Denken uns heute teils sehr fremd ist; es hängt nicht bloß an der Syntax, sondern ebenso an der Semantik, an Denotation und Konnotation. Aber ich bin nun kein Altphilologe, um das im Detail beurteilen zu können. Hinweisen wollte ich bloß auf die Schwierigkeiten, die sich ergeben können, wenn manche Begriffe übertragen werden, Heidegger z.B. wurde mit seiner Übersetzung von ἀλήθεια als Unverborgenheit mehr als angefeindet.

    Man sagt, der Dichtung Hölderlins höre der Leser die griechische Grammatik an.

  76. Hans Wollschläger nannte seinen deutschsprachigen „Ulysses“ eine Übertragung – eine sehr gelungene, wie man weiß. Das könnte ich problemlos belegen.
    Übersetzt werden v.a. Gebrauchsanweisungen, z.B. von Rasierapperaten („on which a mirror and a razor lay crossed“) – mit teilweise hahnebüchenen Ergebnissen.

    Zum anderen hier besprochenen Thema: Die mitunter demaskierende Inkompetenz von Blogkommentatoren muß man wohl als systemimmanent hinnehmen. Blogkommentare wurde als Genitiv- und Adjektivanreicherungen unredigiert in die Tastatur gehauen. Da kann man schon anfänglich Schaum für Substanz halten. Und wenn der Schaum sich dann verflüchtigt, entweicht das Nichts. Andererseits erwies es sich auch, dass Schaum substantiell sein konnte-

    das war übrigens gerade Thema bei Hartmut. Es stellte sich in dem Fall aber als lediglich unterschiedlich verwendeter (Bedeutungs)code des Wortes Wahn heraus. Lieber einmal mehr nachfragen.

  77. Liebe Aléa Torik oder Claus Schenk oder wie der Typ hieß,

    deinen Stil in blogs finde eigentlich angenehm. Aber die Verwirrung um deine Existenz hat mir zuviel mit Herrschaftswissen zu tun. Wenn ich jahrelang mit einem Phantom kommuniziere, magst du das noch lustig finden, aber nur um den Preis der Verhohnepipelung anderer.

    In diesem konkreten Fall wird dein Stil, dieses unbeschwert-bewusste, so plötzlich das, was ihm immer droht, nämlich arrogant, was mich selbst wundert.

    bersarin,
    danke für die Antwort.

    „Die Photographie der photographischen Form bedeutet, diese Form selbst ins Bild zu setzen. Mithin die Form einerseits auf ihre reine Form zu reduzieren und dabei den Prozeß der Formgebung ebenso zu reflektieren.“

    Der erste Satz ist klar, weil tautologisch. Der zweite Satz knapp an der Sinnlosigkeit vorbei, meines Erachtens. Die Form auf die reine Form reduzieren, nun ja, von mir aus geht das noch irgendwie an. Kannst du mir das an dem Zara-Bild klarmachen? Wo ist das die Fotografie der fotografischen Form?

    „Die Begriffe der Aristotelischen Poetik bleiben einerseits gewahrt, Ort, Zeit, Handlung bleiben in einer Art von pervertierten Einheit, sie werden negiert oder wie man heute schreibt: dekonstruiert und sie werden zugleich in eine erweiterte Form gebracht.“

    Mir hilft der Aristoteles-Bezug nicht, weil er sich auf Schreiben und Schauspielen bezieht. Die Übersetzung ins Fotografisch wäre interessant, die ich mir gerade nicht vorstellen kann. Wo ist die Dekonstruktion in dem Zara-Bild, wo ist die erweiterte Form? Ich will hier jetzt keinen Wettstreit, wer recht hat. Ich kann mich aber nur mit einer Antwort zufrieden geben, wenn ich danach wenigstens die eine Frage weniger habe.

  78. Lieber genova,

    oder wie immer du heißt. Wie immer der Typ hinter genova heißt. Oder die Type. Alles, was ich hier sage, ist ohne jeden Hintersinn, ohne Herrschaftsanspruch.

    Möglich, dass du recht hast. Ich will es nicht grundsätzlich in Abrede stellen. Möglicherweise kann ich aber auch dasselbe bei dir beklagen. Du, der du auf deinem Blog sehr wenig von dir persönlich preisgibst, bist also, glaubst also tatsächlich, weniger Phantom – Phänomen – zu sein als ich. Nun: in der Tat sind einige Details bei mir erfunden. Ich bin Schriftstellerin, das ist mein Job. Wie des Schauspielers Job ist, einen anderen darzustellen als sich selbst. Vielleicht muss das Erfinden und Phantasieren der Schriftsteller bei der eigenen Person aufhören. Möglich, dass einer, wenn er einen Schauspieler außerhalb der Bühne trifft, ein Recht hat, sich mit der authentischen Person zu unterhalten. Möglich, dass man im Netz das Recht hat, sich mit authentischen Personen zu unterhalten. Möglich, dass du dem näher bist als ich.

    Bis auf einige Details aus meinem persönlichen Leben ist alles sehr authentisch. Das ist mein Tonfall, meine Sprache, mein Humor, meine Emotionen, meine Art, die Welt zu sehen, zu ordnen und zu verstehen. Wer soll mich nun glauben machen, dass das bei dir auch der Fall ist? Selbst wenn du nicht Gen Ova hießest, sondern Mike Müller: wer sagt mir, wer dahinter steckt? Wer sagt mir, dass dein Bemühen um Authentizität nicht Ausdruck von Falschheit und Verschlagenheit ist?
    Ich nehme Menschen im Netz anders wahr, als wenn ich ihnen auf der Straße begegnen würde. Das ist bei dir der Fall, bei Bersarin auch bei allen anderen. Im Netz sind alle eine Oberfläche und wir haben keine Möglichkeit, der auf den Grund zu gehen. Weil es diesen Grund im Netz so nicht gibt, jedenfalls ist er anders als im Leben auf der Straße.

    Stimmt: ich habe Leuten, auch dir, Mails geschrieben, die ich nicht kannte und die sich möglicherweise ein Bild (meines Körpers) gemacht haben, das mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. Aber: schaue sie dir an, diese Mails. Da ist nichts, was man als ein Angebot an Freundschaft oder Zuneigung betrachten könnte. Ich habe dir schöne Tipps für Bukarest gegeben und das hat mich viel Arbeit gekostet. Ich habe dir weder Freundschaft noch Zuneigung angeboten. Das das gilt für alle anderen, denen ich geschrieben habe, auch: die haben zuerst mir geschrieben und ich habe dann geantwortet. Möglicherweise hätte ich sie vor den Kopf stoßen müssen, indem ich nicht antworte. Hinterher ist man immer schlauer.

    Ich wollte eine literarische Leistung erbringen. Und das habe ich auch getan. Wenn ich darüber hinaus noch andere Leistung erbracht habe, dann wollte ich das nicht. Aber alle anderen erbringen diese Leistung ebenfalls: wir zeigen etwas im Netz von uns, auch wenn wir meinen, es nicht zu tun: wir zeigen den anderen eine Oberfläche. Und die anderen sind nicht in der Lage, uns wie Sachen oder Dinge wahrzunehmen. Sie nehmen uns wie Menschen wahr und projizieren Sehnsüchte. Aber das gilt für alle im Netz.

    Die Behauptung, man sei genau der, für den man sich ausgibt, diese Authentizitätsbehauptung ist doppelt perfide: weil man erstens niemals weiß, was der andere eigentlich sieht und man dabei implizit behauptet, er sähe genau das, was man zu zeigen vorgibt (das ist ein Herrschaftsanspruch!); und zweitens weil die Differenz zwischen dem, was ich zeige und dem was ich bin, notwendig dafür ist, um so etwas wie Identität erst herzustellen, sei es emotional oder intellektuell.

    Noch einmal: möglich, dass du recht hast.

    Aléa

  79. @ Genova
    „“Die Photographie der photographischen Form bedeutet, diese Form selbst ins Bild zu setzen. Mithin die Form einerseits auf ihre reine Form zu reduzieren und dabei den Prozeß der Formgebung ebenso zu reflektieren.”

    Der erste Satz ist klar, weil tautologisch. Der zweite Satz knapp an der Sinnlosigkeit vorbei, meines Erachtens. Die Form auf die reine Form reduzieren, nun ja, von mir aus geht das noch irgendwie an.“

    Der erste Satz ist nicht tautologisch, weil er die Bewegung des Ins-Bild-Setzens erklärt. Die Reflexion auf die Form ist eine Weise von zweiter Reflexion. Wie der Prozeß der Formgebung reflektiert wird, das habe ich versucht, am Beispiel von Endspiel und Aristotelischer Poetik oder auch am Faust klarzumachen. Ein weiteres Werk, das solches betreibt, sind die Romane „Don Quijote“, „Die Falschmünzer“ und z.B. auch „Aléas Ich“. Es wird im Don Quijote z.B. das Schreiben selbst, das Erzählen als Erzählen zum Thema gemacht. Das in etwa ist mit der zweiten Reflexion gemeint.

    Die Poetik des Aristoteles ist kein Text für Schauspieler oder Theatermacher, sondern einer der zentralen Texte zur Ästhetik.

    Die Erklärung des Bildes und des Satzes, den Nörgler schrieb, kann in bezug auf das Bild selbst nur der Nörgler machen, nicht ich, weil ich meine eigenen Photographien nicht kommentiere oder mit Referenz versehe. Ich sehe aber sehr wohl, was Nörgler damit zum Ausdruck bringen wollte und habe das dann auf andere Kunstwerke versucht zu übertragen, um diesen Begriff der Form der Form zumindest auf die schnelle ein wenig zu verdeutlichen. Ansonsten verweise ich auf meinen Gide-Artikel von vorgestern. Ich versuche vielleicht, dazu irgendwann noch etwas zu schreiben. Aber es macht sich das halt nicht nebenbei, wenn es nicht bloß auf dem Kommentarniveau, wie ich es hier gerade liefere, bleiben soll.

  80. Bersarin, bevor wir hier jetzt in sinnlose Streitereien hineingeraten, die ganze Sache einmal etwas heruntergekocht. Einfach um gewisse griechische Ausdrücke – „aletheia“ ist ein schönes Bespiel -, die vorzugsweise in philosophischen Texten originalsprachlich wiedergegeben werden, mir besser merken zu können, da läuft bei mir vieles schlicht über die Aussprache, also über die richtige Entzifferung des aufgefundenen scheinbaren Zeichendurcheinanders, habe ich mal an einer AG teilgenommen, wo ich das griechische Alphabet lernte und die Grundregeln der griechischen Grammatik. Ist schon lange her und so gut wie gar nichts übriggeblieben. Woran ich mich aber noch ganz genau erinnere, ist folgendes: Wir setzten uns an ein paar Sätze von Aristoteles, ich glaube, es war Aristoteles, übersetzten das Wort-für-Wort, und mit den wenigen gerade gelernten grammatikalischen Regeln kamen perfekte, syntaktisch, deutsche Sätze heraus. Ich fragte die AG-Leiterin, ist das wirklich so?, ja, das sei der Gag an der ganzen Geschichte!

    Ich bin kein Altphilologe, und vielleicht kommt hier ja noch auf die Schnelle ein selbiger oder eine selbige vorbei, welche mich eines Besseren belehren werden. Aber das war aus meiner bescheidenen Perspektive echt phänomenal. Eine Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Griechischen ergab eine syntaktisch stimmige Satzkonstruktion im Deutschen, das hatte sogar „Groove“!

    Dies also nur als Erfahrungsbericht. Zum Übersetzen allgemein: Habe ja die letzten Jahre als Übersetzer gearbeitet, und so trivial das zu übersetzende Material ja sein mochte, so brutal konnte trotzdem die Übersetzung auch manchmal daneben liegen. Wichtiger als sprachliche Konkretion stellte sich dabei immer wieder der mitzuübertragende Kulturkreis, das spezifische Lebensgefühl heraus. An einigen Stellen ist die Übersetzung umso besser, weil das Deutsch desto schlechter, zurückverdenglischt ist. Mir sind also die Probleme einer Übersetzung schon durchaus bewusst, die mir bereits so manche schlaflose Nächte bereiteten.

  81. Na, Claus Schenk,

    die Retourkutsche ist jetzt doch ein bisschen billig, oder? Ich gebe mich nicht als ein anderer aus, ich halte mich mit persönlichen und biographischen Angaben zurück, weil das Internet nichts vergisst. So machen das ja fast alle. Du hingegen hast getäuscht, vielleicht kann man auch sagen: über Jahre hinweg gelogen. Das ist literarisch vielleicht ok, ich fühle mich jedenfalls verarscht, denn es geht hier nicht nur um deine grandiose Literatur, es geht um reale Menschen, auch wenn dich das vielleicht nicht interessiert. Jahrelang Geschichten erfinden von Reisen nach Rumänien in die Heimat mit viel Liebe zum Detail und sonstwas, das macht bestimmt Spaß, aber ich hoffe, ich würde mich nicht auf Dauer so arschlochmäßig verhalten.

    Wobei die Bukarestgeschichte schon zeigt, wo das Problem liegt. Ich habe dich angeschrieben in dem vermeintlichen Wissen, dass du dich in Bukarest auskennst. Dann kommen Tipps, die du vermutlich via google zusammengesucht hast, was ich auch noch hinbekommen hätte. Soll ich dich bedauern, dass dich das viel Arbeit kostete?

    Du wolltest eine literarische Leistung erbringen, vielleicht hast du das mit den beiden Büchern geschafft, eines habe ich sogar einmal verschenkt, mit gutem Erfolg. Und die Idee, die gesamte Entstehung inklusive der Autorin zu fiktionalisieren, ist ja eine schöne, aber spätestens bei der Kommunikation in einem Blog mit dessen Besuchern wird es dreist. Du hast wissentlich einen Haufen Leute verarscht, über Jahre hinweg. Da hilft dir dein ganzes literarisches Geplapper nicht. Darum geht es nämlich nicht. Es geht auch nicht um Freundschaft oder Zuneigung, sondern es geht um Respekt. Den hast du vermutlich nur deinen Romanfiguren gegenüber.

    Den Rest deines langatmigen Verteidigungsversuchs kann man knicken, beispielsweise das hier:

    „Ich nehme Menschen im Netz anders wahr, als wenn ich ihnen auf der Straße begegnen würde. Das ist bei dir der Fall, bei Bersarin auch bei allen anderen. Im Netz sind alle eine Oberfläche und wir haben keine Möglichkeit, der auf den Grund zu gehen. Weil es diesen Grund im Netz so nicht gibt, jedenfalls ist er anders als im Leben auf der Straße.“

    Na, sowas. Das ist ja ganz was Neues im Jahr 2013, da muss ich jetzt ganz lange drüber nachdenken.

    Nur dieser Satz hat was:

    „Die Behauptung, man sei genau der, für den man sich ausgibt, diese Authentizitätsbehauptung ist doppelt perfide.“

    Wie beurteilst du dann deinen Fall, der du nicht nur behauptet hast, die zu sein, für die du dich ausgibst, sondern damit auch noch gelogen hast. Dreifach perfide? Oder dekonstruierst du jetzt ein bisschen herum, damit am Ende herauskommt, dass du ja doch ein bisschen Alea Torik bist? Sind wir nicht alle ein bisschen Alea Torik?

    Die Antwort ist mir aber eigentlich auch egal.

    Und jetzt lass bitte diese kindische Beharren auf Alea Torik.

    bersarin,

    dein Satz lautet: „Die Fotografie der fotografischen Form bedeutet, die fotografische Form zu fotografieren.“ Da wird nix erklärt. Geht es noch tautologischer?

    Ich würde das gerne an dem Zara-Bild erklärt bekommen, das wäre vielleicht wirklich einmal interessant. Vielleicht erbarmt sich der Nörger ja noch.

  82. @ ziggev
    Was diese interlineare Übersetzung betrifft, so verwies ich deshalb ja auf die Dichtung Hölderlins, von der es hieß, sie klänge wie das Griechische.

    Ansonsten ging es mir um die Unübersetzbarkeit bestimmter Begriffe, bei denen es im Grunde nötig ist, in der anderen Sprache und nicht nur dort, sondern im griechischen Denken selbst sich zu befinden. Also eine Form von Mimesis. Dies erfordert allerdings und in der Tat eine jahrelange Arbeit und Zeit. Wie es auch in der Philosophie der Fall ist. Hegel begreift keiner, der das Seminar Hegel für Anfänger besucht hat. Diese Voraussetzungen bringe ich in bezug auf die antike Philosophie auch nicht mit. Ich muß mich auf die Übersetzung der „Poetik“ verlassen.

  83. @ genova
    Dieser Satz von mir dürfte sich anhand der Beispiele, die ich brachte, aufgeschlüsselt haben.

  84. @ genova
    Du bist, was Aléa Torik betrifft, auf Deine eigenen Erwartungen hereingefallen. Reflektiere (und respektiere) gefälligst das zuerst und beschäftige Dich mit Deinen eigen Erwartungen, und komme bitte erst dann mit diesem Ehrlichkeitsschmock und dieser grauenhafen Moralleier. Hättest Du ebenso und in dieser Weise auch einem Mann geschrieben und ihn nach Reisetipps für das verkackte Bukarest gefragt? Sicherlich nicht.

    Immer wenn Ihr vom Leben, vom Internet, vom Fernsehen so schrecklich enttäuscht seid und Euch betrogen fühlt, dann erst kommt die Empörung. Das alles ist einfach nur lausig und lästig und vor allem eins: dämlich. Eure Moral tischt Ihr immer dann auf, wenn Eure letzte Karte ausgespielt ist und Ihr den Stich nicht bekommt. So schaut’s aus.

    Mal abgesehen vom ästhetischen Programm bei Aléa Torik/Claus Heck, das Du einmal wieder nicht wahrnimmst oder wahrnehmen kannst oder was auch immer.

  85. Welche Erwartungen soll ich denn gehabt haben an Aléa Torik? Dass sie vorbeikommt und mir einen bläst? Und weswegen hätte ich einen Bukarester Aléo nicht nach Bukarest fragen sollen? Weil die Stadt eh verkackt ist? Oder habe ich Aléa nur gefragt, DAMIT sie vorbeikommt und mir einen bläst?

    Erwartungen, ich lach mich schlapp. Jemand spiegelt eine Identität vor, belügt reihenweise Leute. Man kann das locker nehmen oder sich darüber beschweren oder sonstwas. Es ist auch alles nicht so tragisch. Aber dann mit meinen „Erwartungen“ zu kommen, vermutlich in Anbetracht einer attraktiven Frau (die ich zwangsläufig nie gesehen habe), was für ein Schwachsinn.

    Das ästhetische Programm von Claus Heck ist mir so egal wie das von Dieter Thomas Heck. Das sagt nichts über selbiges aus, aber man kann sich nicht für alles interessieren. Ich habe seit einigen Jahren keinen Respekt mehr vor Schriftstellern, es gibt zu viele, Papier ist geduldig, das Verlagsgeschäft ist reine BWL. Die Anmaßung ist ja, dass es viele, viele Leute geben soll, die das alles lesen. Ich habe schon mit der Literaturbeilage der SZ alle Hände voll zu tun. Das Verrückte dabei ist: Wie kommen überhaupt so viele Leute auf die Idee, dass das, was sie schreiben, andere interessieren muss? Und das über 300 Seiten hinweg? Aber das ist ein anderes Thema.

    Der Riesling gestern abend hat gemundet, stimmt´s? Bersarin, bitte reiß dich zusammen.

    Aber dennoch würde ich gerne dranbleiben am Zara-Thema. Da könntet ihr Helden doch endlich mal zeigen, inwieweit es nicht nur um heiße Luft geht.

    „Die Fotografie der fotografischen Form bedeutet, die fotografische Form zu fotografieren“.

    Ein toller Satz, nach wie vor, dessen Tautologie offenbar „aufgeschlüsselt“ wurde. Ich bin gespannt auf die Erklärung in Bezug auf das Zara-Bild. Es könnte endlich mal anschaulich werden.

  86. Sie hatten mir höflich eine grobe Fehleinschätzung diagnostiziert. Der Name der schlimmsten Krankheit ist, nach Karl Krausens wunderbarer Einsicht, Diagnose.
    Die erweiterte Bestimmung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses über ein rein logizistisches Verfahren hinaus ist nämlich noch kein verlässliches Präservativmittel gegen die Gefahr, in den Idealismus zurückzufallen. Auch Adorno kommt an der Denknotwendigkeit (oder Apriorität) der Rationalität, der möglichen Verküpfbarkeit der partikularen Vielheiten zu einem Beziehungsgeflecht nicht vorbei. Aber weil sie eine Denknotwendigkeit ist, denunziert er sie als idealistisch. „System, Darstellungsform einer Totalität, der nichts extern bleibt, setzt den Gedanken gegenüber jedem seiner Inhalte absolut und verflüchtigt den Inhalt in Gedanken: idealistisch vor aller Argumentation für den Idealismus“. (Negative Dialektik) Es ist nur so, dass er mit dieser Behauptung seinerseits wieder einen Denkschematismus einführt, den er von Feuerbach übernimmt: nämlich die ontische Disparition von Sein und Denken, die den metaphysischen Dualismus begründet und damit den Weltanschuungsgegensatz von Materialismus und Idealismus erst erzeugt.
    Ich habe deshalb vor einigen Tagen Entscheidungsgründe für die materialistische oder idealistische Voraussetzung angegeben, die vor der Entgegensetzung der beiden weltanschaulichen Richtungen liegen.
    Ob es sich um idealistisches Denken handelt lässt sich viel eher am Modell System-Methode ablesen: die Trennung von System und Methode ist idealistisch, die Einheit von System und Methode materialistisch. Einen differenzierten Modell-Begriff kann indes nur erarbeitet werden, wenn das Denken über die Hypertrophie des Subjektes hinaus geht oder sie zurücknimmt und zu der Anerkennung der Objektivität des Systemcharakters der Wirklichkeit kommt.

  87. Stimmt, Helga-Alice, mit Helga Schneider kommt man in diesem Umfeld am ehesten weiter, danke für den Hinweis.

  88. Ich sehe gerade noch, dass bersarin mir allen Ernstes „Empörung“ vorwirft. Was ist das für ein Vorwurf? Vermutlich ist der dahinterstehende Vorwurf, dass ich keine Maschine bin. Die empört sich nicht und handelt immer streng rational, wenn sie richtig eingestellt wurde.

  89. @ genova

    Die fotografische Form ist eine Form ist eine Form ist eine Form und ein Text ist ein Text ist ein Text ist ein Text und eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose… Alice

  90. @genova, Deine letzten Posts klingen eher wie die einer eifersüchtigen, ungeliebten Ehefrau, die natürlich das Recht hat (bestimmte) Erwartungen ihrem Ehemann gegenüber zu formulieren und einzuklagen. Hier aber darf Bersarin die Regeln (auch der Sprache) bestimmen. Es ist sein Blog und er ist Dir maximal zu menschlichem Respekt verpflichtet. An diesem hast Du selbst es aber schon eingangs mangeln lassen und damit ein (vermeintliches) Recht auf Erklärung eigentlich verwirkt. Deine Erwartungen auf Anschaulichkeit muss niemand erfüllen, sind auch nicht einklagbar, taugen nicht als Argument und schon gar nicht zum Vorwurf…

  91. @ silberfink
    Ein kluger und guter Kommentar, der die Angelegenheit auf die Ebene der Sache bringt.

  92. @ genova
    Ich sehe Dein Problem nicht, das Du mit den Mails zwischen Dir und Aléa Torik hast. Und irgend eines muß es geben, ansonsten wärest Du ruhig und gelassen. Bist Du aber nicht. Machte Aléa Torik Dir wilde Angebote, hat sie Dir irgend etwas versprochen, was sie dann nicht einlöste, waren die Tipps zu Bukarest falsch? Wo ist also Dein Problem? Es ist doch auf der Mailebene ganz egal, ob Dir ein Aléo oder eine Aléa schreibt. Du wolltest doch bloß Tipps zu Bukarest. Die hast Du erhalten. Ich hoffe, sie waren in Ordnung. Wo liegt für Dich der Unterschied, wenn es Dir nicht um Mann und Frau geht? Oder hätte Sie Dir- einem literarischen Laien – ihr Romanprojekt gestehen sollen? Der einzige Fehler, den Aléa Torik machte, war es womöglich, auf Mails überhaupt zu antworten, anstatt gleich abzusagen. Aber hinterher ist jede/r schlauer. Ich gehöre übrigens auch zu den sogenannten Betroffenen, und ich hätte wirklich Grund ärgerlich zu sein, weil ich mich mit ihr traf und dann einen Mann vorfand, anstatt mit einer jungen Intellektuellen über Ästhetik sprechen zu dürfen.

    Zunächst einmal: Der Nörgler schrieb: „Wenn es das Photographieren der photographischen Form selbst gäbe, wäre das Bild “Zara” nahe dran.“

    Das ist ein Konjunktiv. Ich hingegeben sehe durchaus die Möglichkeit, das auf diese Metaebene einer Form der Form zu bringen.

    Und Genova, ich habe mir, was die Erklärung dazu anbelangt, mehrfach die Mühe gemacht, Dir den Begriff der Form der Form zu erklären. Und Du wirst Dir jetzt die Mühe machen, das zu begreifen und anhand der Dir dargebotenen Beispiele anschaulich zu machen. Es gibt übrigens auch die Wendung „das Denken des Denkens“. Auch damit ist eine Ebene von zweiter Reflexion gemeint. Nämlich auf die eigenen Konstitutionsbedingungen das Denken zu richten. Ähnlich oder analog läßt sich das auch auf den Begriff: das Photographieren der photographischen Form beziehen. Nimm es zunächst als eine Weise der Selbstreferenz innerhalb des Mediums Photographie.

    Der Nörgler schrieb es mehrfach beim che drüben: seine Zeit ist sehr knapp. Ich kann nicht für ihn sprechen, sondern lediglich erläutern, was die Form der Form bedeutet.

  93. @ alice
    „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose …“ Es ist schön, daß Du die Kunst bemühst, um die Kunst zu erklären. Der Begriff der Rose trifft es: „Word and Object“. Du hast das Prinzip von der Form der Form auf Anhieb verstanden. Und nicht einmal diese Sätze von der Rose sind tautologisch. Denn sie verweisen darauf, was Texte und was Rosen sind. Eine Rose als Text, als Wort. Blume. Blume ist übrigens in der Sprache die Metapher für die Metapher.

  94. Für die in Kontaktanzeigen „Ehrlichkeit“ einklagenden Menschen ist das Internet eben die via dolorosa.

    Mensch genova, jetzt bin ich doch etwas baff. Bleib mal suveräner!
    Beinahe hätte ich Dir übers Netz zugerufen: Mach doch kein Fass/keine Büchse auf – aber es/sie ist ja längst geöffnet. Die Büchse der Authentizität: Es entweichen fakes, nicknames, trolls, Geschlechtsumwandlungen. Das ist nichts Neues. Und ich will nicht kleinreden, dass durchaus menschliche Tragödien hier eine zweite Ebene erhalten können.

    Nur: Was auch immer Du in Deiner Netzaktivität erlebt hast, hier ist definitiv nicht der richtige Rahmen, um die Sache zu klären. Freundlich gemeinte Grüße an Dich und an alle Anderen!

  95. @ Anne
    Ich werde Dir morgen in meiner gewohnt sympathischen Art antworten, da ich gleich in einen Bar muß und hinterher nicht mehr schreiben kann. Wie das so mit dem Riesling ist.

  96. Das hoert sich gut an.
    Nur keine Eile und mit der einem Philosophierenden (gibt es noch Philosophen?) geziemenden Gelassenheit.
    Alles Vorzuegliche wurde ja sowieso schon gedacht. Es kaeme drauf an, es noch einmal zu denken. ((Goethe))

  97. Ja, ok, ich lasse das Thema bleiben. Vielleicht übertreibe ich das, aber ich finde es ja generell ok, auf die Kacke zu hauen in Blogs. Es kommt ja meist irgendwas dabei raus.

    Die Bukarest-Mail-Geschichte finde ich aber schon grenzwertig, da stimmt mir Claus Heck ja auch zu, wenn ich das richtig sehe. Die vermeintlichen Insider-Tipps entpuppten sich erstens als Empfehlungenvon Restaurants, die einfach die bekanntesten und wohl auch besten Stadt waren. Ich dachte mir damals ernsthaft, so ist das halt in weniger entwickelten Ländern: Die Einwohner (und also indirekt Aléa) sind stolz auf das Teuerste, das wollen sie den Gästen anbieten, anders als hier, wo man unter Tipps von Einheimischen ja gerne etwas serviert bekommt, was abseitig ist und kein Fremder kennt. Und zweitens war da ein Tipp, ich solle die Unigegend besuchen, in der Aléa studierte. sie habe da gerne flaniert (oder so ähnlich). Der Heck war da vermutlich nie. Ich bin dann prompt hingegangen und habe flaniert. Sowas ist schon eine ziemliche Irreführung. Ich bin auch pikiert, wenn ich der vermeintlichen Rumänin in ihrem Blog einen Reisebericht schreibe, zu dem sie mich aufforderte, wenn der Hintergrund ein kompletter Fake ist.

    Dieses literarische Projekt der Tarnung ist ja nicht zu kritisieren.

    Souveräner zu sein, ist kein Fortschritt. Souverän waren sie gestern beim FDP-Parteitag.

    silberfink,
    Ehefrau oder nicht: Es geht immer um Beziehungen.

    Das mit der Form der Form wäre doch am günstigsten am Bild erklärt. Mir ist das nicht völlig neu, auch die Beispiele mit Beckett etc. Aber die Umsetzung der Theorie ins Fotografische kriege ich nicht hin. Es ist ernsthaftes Interesse, das hinter der Frage steht.

  98. @ Anne
    Es gibt kaum noch Philosophen. Außer mein Double Jacques Derrida. Aber der ist seit bald 10 Jahren tot. Die Unterscheidung „Philosophierende – Philosophen“ ist allerdings von mir. Zumindest erinnere ich mich, sie getätigt zu haben.

    Wie schrieb es einmal Hegel in diesen Fragen des Textes der Philosophie: Die Wahrheit wird uns schon nicht davonlaufen.

  99. @ genova
    Ich schrieb es bereits im Hinblick auf den Bücherblogger: Diese Spiele sind grenzwertig. Ich hätte solche Mails nicht geschrieben. Ich hätte andererseits aber auch nicht ausgeplaudert, was nun wie hin und her geschrieben wurde. Mich interessieren im Grunde diese Spiele und Verwicklungen wenig. Ich lese Bücher, schaue mir Photos und Gemälde und Filme an, und ich betrachte die Entäußerungen der Kunst unter den Gesichtspunkten des ästhetischen Theoretikers. Und aus diesem Grunde werde ich dann irgendwann und extra um Deinetwillen eine Serie zur Photographie und zur photographischen Form starten. Ich werde mit Roland Barthes „Die helle Kammer“ beginnen: Allerdings muß ich vorher noch eine Kritik über Beltings neues Buch „Faces“ hier im Blog machen.

  100. @genova: Souverän sollte auch das Volk sein, wünscht man sich so manches Mal. Dann wäre die FDP schnell unsouverän.

  101. bersarin,
    diese Serie würde mich freuen, in der Tat. Aber mach dir die Arbeit bitte nicht nur um meinetwillen.

    summacumlaude,
    ja, so ist es.

  102. @ genova
    Ich mache mir diese Arbeit nicht nur um deinetwillen. Oder hältst Du mich für einen Altruisten?

  103. @ Anne
    Nun komme ich dazu, Deinen Kommentar zu beantworten, und ich danke für Deine Diagnose, Anne. Ich habe allerdings bei meinen Anmerkungen zu Deinem Kommentar Dich lediglich beim Wort genommen. Dieses Verfahren nennt sich Kritik. Denn bekanntlich ist allein der kritische Weg noch offen. Was ich wesentlich kritisiere, ist der Umstand, daß Du die Position Adornos zu einer Seite hin überspitzt.

    „Aber weil sie (also die „mögliche(n) Verknüpfbarkeit der partikularen Vielheiten zu einem Beziehungsgeflecht“) eine Denknotwendigkeit ist, denunziert er sie als idealistisch.“ Schon der Bezug ist schlicht falsch: was Adorno liefert, ist die Kritik eines sich verabsolutierenden Idealismus, wenn nämlich ein System der Immanenz zum Zwang gerät und das Denken des Offenen in den Bann schlägt. In dem von Dir genannten Zitat, welches diesem Deinen Satz als Beleg dienen soll, geht es zunächst um das Denken in Systemen, und zwar um eines der Totalität. Die Denknotenwendigkeiten begrifflicher Synthesis sieht Adorno in der ND natürlich. Er faßt sie aber dialektisch: einerseits als die Gewalt der Synthesis. Andererseits als Moment von (möglicher) Befreiung. Frei nach dem Parzival: Nur der Speer, der die Wunde schlug, kann sie heilen. Ansonsten wäre sein Satz „mit dem Begriff über den Begriff hinauszugelangen“ sinnlos. Und dieser Zug in seinem Denken, die Aspekte der Synthesis dialektisch zu fassen: einerseits vom Objekt her, andererseits von den Denkbestimmungen des Subjekts her, ist gerade nicht idealistisch, sondern schuldet sich, wie ich oben bereits erwähnte, einem materialen Moment.

    Das synthetisierende Denken ist eben nur eine Weise von Sinn- und Gegenstandskonstitution (um in Nicht-Adornoschen Termini zu schreiben), Erkenntnis koppelt sich bei Adorno zugleich an einen materialen Gehalt, dies motiviert ja seine Rede von der „Freiheit zum Objekt“. Das Objekt als Objekt zu entfalten. Wieweit Adorno da wieder hinter Kants Ding-an-sich-Problematik zurückfällt, lasse ich mal offen. Insofern verfehlt der Vorwurf des Idealismus den Text Adornos. Und ich verwies in diesem Zusammenhang ebenfalls auf das Leid-Motiv bei Adorno.

    Adorno rein dem Idealismus zuzuschlagen ist so undialektisch, wie überhaupt, strikte Trennungen als ontologische Konstanten zu betrachten, anstatt im Trennenden das historische Gewordensein mit in den Blick zu nehmen. Denkbestimmungen sind zunächst Denkbestimmungen, das ist wohl wahr, und die Synthesisleistung des Subjekts materialistisch zu fundieren, oder gar wie Alfred Sohn-Rethel es versuchte, die kantische Erkenntnistheorie in eine materialistische zu überführen, bleibt heikel oder erfordert doch zumindest ein gehöriges Maß an Reflexion. Sich diesen Denkbestimmungen zu stellen, bedeutet nicht, beim Idealismus stehenzubleiben oder Adorno umstandslos dem Idealismus zuzuschlagen.

    „Weltanschuungsgegensatz von Materialismus und Idealismus“: da liegt wieder einer dieser Bestimmungsfehler: Es ist das kein Weltanschauungsgegensatz, sondern es gründen sich beide Positionen in der Sache und im Gang der Geschichte. Kant konnte das nicht sehen, was Hegel entdeckte, der wiederum bei einer noch nicht entfalteten bürgerlichen Gesellschaft den Blick von Marx nicht haben konnte. Das Verhältnis von „Wissenschaft der Logik“ und „Kapital“ erschöpft sich nicht in diesen Termini von idealistisch und materialistisch und schon gar nicht in diesem Begriff aus dem Wörterbuch der Un-Philosophie: Weltanschauung. Als ob der Blick auf Welt in das Belieben gestellt wäre. Der eine guckt von oben, der andere halt von unten.

    Der Gegensatz von Sein und Denken ist der von Subjekt und Objekt. Er läßt sich standardmäßig bis in die Antike zurückverfolgen. Das Feuerbachmotiv bei Adorno müßtes Du schon genauer herausarbeiten.

    „Einen differenzierten Modell-Begriff kann indes nur erarbeitet werden, wenn das Denken über die Hypertrophie des Subjektes hinaus geht oder sie zurücknimmt und zu der Anerkennung der Objektivität des Systemcharakters der Wirklichkeit kommt.“ Richtig und dieses – Adorno nennt es exakt so – Denken in Modellen praktiziert Adorno. Sich dessen bewußt, daß dem Zwang des Systems und der bloßen Identität niemand entgeht. Siehe dazu auch oben, meinen Hinweis auf denSpeer

    Und noch dies: „Sonst hätte er (Adorno) die Entäußerung des Subjektes an die S a c h e n , mit denen und durch die es lebt, nicht prinzipiell als eine Entfremdung von seinem Subjektsein verstanden.“ Diese Ansicht teilte er mit Marx. Die Frage bleibt allerdings, sowohl für Marx als auch für Adorno, wie und in welcher Weise diese Entäußerung geschieht und unter welcher Gesellschaftsform sie statt hat. Denn es gibt für Adorno bekanntlich ebenfalls die positiv konnotierte Entäußerung an die Sache, in der sich das Subjekt gerade gewinnt, indem es von sich losläßt.
    Adorno solidarisiert sich im Schlußteil der ND mit der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes. Aber um des materialistischen Motivs Willen. Die ganze Auschwitzthematik, die die „Meditaonen zur Metaphyisk“ trägt, der Proustbezug dort sind nicht mehr in jenem Gegensatz aufzulösen. Es verhält sich in Adornos Philosophie, zumindest zu einem Teil, wie in W. Benjamins erster Geschichtsphilosophischer These bezüglich des Materialismus und der Theologie. Adorno gibt die Gehalte idealistischen Philosophierens nicht preis und verdammt sie zugunsten eines Vulgärmaterialismus. Aber er folgt ihnen ebenfalls nicht blind. Mit Hegel über Hegel hinaus.

    Wenn die Trennung von System und Methode idealistisch wäre, dann müßte Hegel der materialistischen Philosophie zuzuschlagen sein. Ebenso Adorno, dessen Denken nicht einmal mehr mit dem Begriff des Systems zu fassen ist, weil er den Systemgedanken systematisch unterläuft. Deshalb mein Hinweis: Es läßt sich Adorno nicht in dieser Vereinfachung der einen oder der anderen Richtung zu schlagen. Dafür ist die „Negative Dialektik“ viel zu komplex und vielschichtig konstruiert. Sie exemplifiziert genau das Denken, das Adorno darin als eine Art von Erkenntniskritik entwirft.

  104. Vielen Dank für diese sehr interessante Antwort.

    Weltanschauung.-
    Die Menschen haben doch immer ein Verhältnis zu der Welt, in der sie leben. Das heißt: sie haben eine Weltanschauung. In den partiell verschiedenen Einzelheiten, mit denen sie täglich befaßt sind, denken sie einenZusammenhang und schließlich mehr oder minder klar, mehr oder minder systematisch den Gesamtzusammenhang. Je unsinnlicher und abstrakter die Erscheinungsformen des Wirklichen im alltäglichen Leben werden, bedarf das natürliche Weltverhältnis einer T h e o r i e, aus der Verstehen und Verhalten begründet werden. Ein anderes Wort für Weltanschauung ist: I d e o l o g i e. Ideologie wird oft falsch verstanden als einfach nur falsches Bewußtsein. Aber sie ist objektiv wahr und insofern eben n o t w e n d i g falsches Bewußtsein, abhängig vom Entwicklungsprozess der Gattung und deren diesem jeweiligen Entwicklungsprozeß entsprechenden partikularen Perspektive. Es entsteht im Inneinanderfließen der verschiedenen Weltanschauungen einer Epoche ein allgemeines Bewußtsein, das sich auch institutionell zu dem herausbildet, was Hegel den „objektiven Geist“ genannt hat; in Form der Rechtsordnung, dem Bildungssystem, den Organisationsformen der sozialen Sicherung und der politischen Geltungsansprüche. Also gründen Idealismus und Materialismus, als eben eminent weltanschaulichen Positionen, durchaus in der „Sache und im Gang der Geschichte“. Auch die metaphysische Weltanschauung gründet in der „Sache und im Gang der Geschichte“.
    Ich kann mir denken, aber das ist eher eine Vermutung, dass Ihnen das Programm einer „wissenschaftlichen Weltanschauung“, die Friedrich Engels im Sinne hatte, vorschwebt.
    Eine solche kann es nur geben, wenn die subjektiven Motivationen aus Gründen, die nicht in der Subjktivität liegen, im Wesentlichen mit der objektiven Zielrichtung des Entwicklungsprozesses der Menschheit zusammenfallen. Aber allgemeine Weltanschauung ist bislang, wie geschildert, auf die historischen Bedingungen relativ und das Integral von subjektiven Bewußtseinsbildungen.
    Demnächst werde ich weitere Punkte Ihres Kommentars kommentieren.

  105. In Deinen Ausführungen zur Ideologie gebe ich Dir recht. Allerdings würde ich einschränken und schreiben: subjektiv wahr und objektiv notwendig. Der Begriff „Weltanschauung“ ist einerseits zu sehr mit einem Vulgär- oder Arbeitermarxismus konnotiert, den ich für den Tod des Denkens halte. Ich selber bin kein Marxist, sondern schließe mich da dem Nörgler an, der die Salonmarxologie betreibt. Den Begriff der Weltanschauung würde ich doch stärker noch auseinanderfalten wollen. Ich leugne dabei die subjektive beziehungsweise die subjektive historische Perspektive keineswegs. Der Begriff des Subjekts oder der von Individualität sind historisch gewordene Begriffe. Aber ebenso wie das Begriffspaar Materialismus/Idealismus sind es keine Weltanschauungsbegriffe – wenn man einmal von der Trivialität absieht, daß wir alle in irgendeiner Weise die Welt anschauen.

    Im Begriff der Weltanschauung schwingt zu sehr der Subjektivismus im Sinne einer Beliebigkeit des Blickes mit. Ich habe eben eine andere Weltanschauung als du, und am Ende besitzt jeder seine Weltanschauung: jedem Tierchen sein Pläsierchen. Der Blick auf die Welt bleibt aber immer determiniert und an Bedingungen gebunden. Die Zentralperspektive wurde im Abendland entfaltet und dies hatte Gründe. Den Gebrauch des Begriffes „Weltanschauung“ lese ich insofern eher pejorativ.

    Dialektischem Denken ist „Weltanschauung“ unangemessen.

    Zur „Negativen Dialektik“ wäre wahrscheinlich hier im Blog ein Extratext erforderlich, weil das Thema zu komplex ist, um es – zumindest von mir aus – in einem Kommentar abzuhandeln. Getragen habe ich mich mit dem Gedanken schon länger.

  106. anne, Du scheinst „Welt“ eher im Sinne von „Universum“ oder „Kosmos“ aufzufassen, um dann zu einem Weltbegriff zu gelangen zu beabsichtigen, den Du mit Wort „Weltanschauung“ zu bezeichnen vorschlägst. Mir dagegen schien es schon immer etwas seltsam, dass „Welt“ im ersten Sinne oft verstanden zu werden scheint. Interessanterweise sprachen hier die Griechen ja bereits, wie wir wissen, vom Kosmos, d.h. von einer „Welt“ als einem geordneten, harmonischen Ganzen im Gegensatz zum Chaos, bzw., was mir da immer gut gefällt, von Schmuck, kannten offenbar also nicht einen „Welt“begriff im Sinne von „Universum“.

    Denn genaugenommen kann „Welt“ im Ganzen nicht gedacht werden bzw., dies auf abstrakte Weise schon, sich aber unserer Vorstellungskraft entzieht. „Welt“ scheint mir immer schon eher den Umstand zu bezeichnen, dass wir uns zwar als Teile in einem denkbaren Ganzen befinden, auf das wir uns zwar (auf eine noch zu bestimmende Weise) beziehen können, welche Bezugnahme aber paradoxerweise, obwohl sie sich in einem unabschließbaren Prozess befinden muss, uns dennoch, weil durch diese Akte des Bezugnehmens notwendig uns immer nur Einzelnes gegeben sein kann, immer wieder, was sich in unserem Horizont befindet, als ein Ganzes, eine „Totalität“ erscheint.

    Es sind also die Grenzen des Weltbegriffs, die für denselben ausschlaggebend sind. – Die sich aber andauernd erweitern oder verengen können.

    Bezeichnend für mich hier auch Begriffe wie „Weltenall“, der mir unterschiedliche Perspektiven zu bezeichnen scheint. Oder eben schön bei den Griechen die Unterscheidung zw. „Chaos“ und „Kosmos“. Chaos scheint das nichtvorstellbare zu bezeichnen während „Kosmos“ das von unseren Begriffen mitgeprägte.

    Oder besonders schön auch Douglas Adams´Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ (“life, the universe and everything”) – BTW eines jener Beispiele, wo die deutsche Übersetzung das englische Original übertrifft -, die zu besagen scheint, dass nichteinmal die Frage vollständig gestellt werden kann.

    Um es einmal tautologisch auszudrücken: diesen Umstand, dass „Menschen […] doch immer ein Verhältnis zu der Welt“ haben, bezeichnet gerade der Begriff „Welt“.

    Langer Rede kurzer Sinn, auch weil sich Bersarin darüber mokierte: Das, was Du unter „Weltanschauung“ zu verstehen scheinst, ist eben das, was ich unter „Welt“ verstehen würde.

    Aus diesem Grunde sind Wörter wie „Umwelt“, tautologisch – und insbesondere auch „Weltanschauung“, „Weltbild“, „Welterfahrung“, weil wir von „Welt“ eben keine Anschauung haben. Sie setzt sich eben nicht aus der Summe von Einzelerfahrungen zusammen. Hier ist m.E. der Begriff „Ideologie“ in der Tat passend, denn sie stellen einen stehengebliebenen Zugriff aufs Wirliche dar. Und ein solcher vermeidet leider nicht mit der nötigen Trennschärfe den Irrtum, zu glauben, auf die Welt als ganze bezugnehmen zu können.

    Im Übrigen möchte ich Dir an einer Stelle widersprechen: „Je unsinnlicher und abstrakter die Erscheinungsformen des Wirklichen im alltäglichen Leben werden, bedarf das natürliche Weltverhältnis einer T h e o r i e, …“

    Gerade aus dem sinnlichen, dem konkreten werden Theorien gebildet. Nicht in erster Linie „abstrakte Erscheinungsformen des Wirklichen“ – also also die Ergebnisse vorgängiger Theoriebildung – bedürfen einer Theorie. Oder verkürzt gesagt: Nicht erst eine Theorie bedarf einer Theorie. Sondern Theorien entstehen durch die (wie auch immer näher zu spezifizierende) Bezugnahme auf die alltäglich begegnenden Einzeldinge. Natürlich dürfen uns sollen solle Metatheorien gebildet und formuliert werden und sollen kritisch hinterfragt werden, besonders dann, wenn sie sich als (exkludierende) Ideologien herausstellen.

    So kann auch mein Vorschlag, wie Theorien in Bezug zu einem „Weltverhältnis“ aufzufassen seien, dahingehend befragt werden, ob sich dahinter nicht eine Ideologie verbirgt. Nur hat dieser Vorschlag eben nichts mit „Weltverhältnis“ am Hut sondern eher mit, wenn schon, „Welterzeugung“, und ist eben der Versuch, dem Rechnung zu tragen, dass der Theoriebildungsprozess im Interesse der Ideologievermeidung als ein prinzipiell unabschließbarer gedacht werden sollte.

  107. @Bersarin

    Natürlich kann man Beethoven auch auf einem Kamm blasen. Und selbst unter „Philosophie“ mag sich manch einer -wie von einer großen Herstellungsfirma für Automobile suggeriert- nur noch eine „Philosophie des Fahrens“ vorstellen. Kein Begriff ist vor seiner Banalisierung gefeit. Und kein Begriff ist für seine Banalisierung verantwortlich zu machen. Ebenso wenig wie einem Kunstwerk zur Last gelegt werden kann, wo und für wen es erscheint.

    Ich habe jedoch, weil manch ein Begriff den eigenen Absturz implizieren mag, noch ein Zitat bei Hans Blumenberg gefunden, welches die begriffsgeschichtliche Problematik des Terminus „Weltanschauung“ (seit Kants Kritik der Urteilkraft) verdeutlicht. Aus dieser Perspektive wird Ihr Einwand in ein gewisses Recht gesetzt:
    „Wenn in Bezug auf die Welt keine Anschauung verstattet und dennoch Anschauung unverzichtbar ist, greifen Substitutionen ein, Erlebnisse für Sachverhalte: das Gewaltige für das Unermessliche – absolute Metaphern, deren Risiko darin besteht, daß sie, als „beim Wort genommene“, zur Dogmatik eben dessen werden, was am Ende „Weltanschauung“ heißt und vordergründige Befriedigung an der Durchsichtigkeit wie Übersichtlichkeit der Dinge suggeriert. Es ist mehr ein Begriffsschicksal als eine Begriffsgeschichte.“

    Nicht ohne Grund wurde oben in meinem Kommentar Weltanschauung in die Nähe von Ideologie gesetzt.
    Gleichwohl sind mit historisch veränderten Ausgangslagen (z. B. der Entstehung einer säkularisierten fortschrittlichen Intelligenz) nachweislich Weltanschuungsbeürfnisse entstanden, die diesen Veränderungen entsprachen und auch mehr oder weniger systematisch formuliert wurden.

  108. Dear anne, wir alle, glaube ich, verzeihen Ihnen alle den Fauxpas, das bewusste Wort benutzt zu haben. „Weltanschauungen“ sind für mich so Sachen wie Nazismus oder Anthrosophie, danke übrigens für das Blumenberg-Zitat. Bitte setzen Sie den für mich sehr lehrreichen Disput mit Bersarin über Hegel usw. fort, soweit möglich. Es ist toll, wie ihr euch gegenseitig dekonstruiert, was für mich den Vorteil übriglässt, überhaupt erst einmal in den Deutschen Idealismus hineinzuluken, sitze da gerade an einem interessanten Aufsatz über die Jacobi-Schelling-Fichte-Causa.

  109. Endlich angekommen und wieder in Berlin, denn ich mußte einen Auftrag annehmen, den ein Mann wie ich nicht so einfachablehnen kann, lese ich in der Kommentarsektion hier im Blog. Es gab zum Glück in meiner Abwesenheit keine wüsten Blog-Battles: alle sind zahm und friedlich geworden. Wie langweilig und öde.

    „Kein Begriff ist vor seiner Banalisierung gefeit“ Das ist richtig. Man sieht dies, wenn von der Firmenphilosophie gesprochen wird, wir sehen dies, wenn Positionen asiatischer Philosophie vernutzt werden, um in (betriebs-)wirtschaftlichen Zusammenhängen die Selbstoptimierung zu betreiben: erfinde Dich selbst, lerne den Ruhepol in dir: om om om. Für die Leere und Sinnlosigkeit des Om Om fand – nebenbei – Hegel die treffenden Wort.

    Es ist richtig: kein Begriff bleibt frei davon, in seinem Gebrauch umgepolt zu werden. Beim Begriff der Philosophie gestaltet sich dies freilich ungleich schwieriger.

    Kant und Hegel gebrauchten den Begriff der Weltanschauung durchaus in produktiver Weise. Andererseits wurde er im Laufe von Geschichte auf ein Niveau purer Subjektbeliebigkeit heruntergebrochen; selbst die Mannheimsche Konzeption freischwebender Intelligenz als normativ höhere Warte bleibt in dieser Beliebigkeit und ist ein Stück bürgerlicher Weltanschauung. Der pejorative Klang ist aus diesem Begriff nicht mehr zu tilgen. Daß Adorno, dem die Kantische und Hegelsche Konzeption des Begriffes nicht fremd gewesen sein dürfte, tiefe Vorbehalten gegen diesen Begriff hegte, gründet sich eben in dieser geschichtlichen Entwicklung, daß mit diesem Begriff einem Relativismus das Wort geredet wird, der in die Beliebigkeit des Meinen abgleitet: in einem solchem Denkschema ist es dann in der Tat möglich, daß irgendeine Beliebigkeitstheorie und bloßes Herumüberlegen und -labern zur Philosophie sich aufspielen kann. Es ist ja alles bloß eine Frage der Perspektive.

    Selbst da, wo Blumenberg in diesem Sinne recht hat, hat er es am Ende doch nicht. Zudem: auch der Begriff der Anschauung – nicht nur von Kant uns vertraut – greift den Sachverhalt nicht mehr, wie Subjekte auf die Welt blicken. Als Korrektiv zur Subjektivität rate ich in solchen Fällen immer zu Niklas Luhmann. Theorie ohne Subjekte.

    Ja, mancher Begriff stürzte hinab. Das ist wahr. Tempi passati. Die Gründe für den Sturz sollten im Denken, in der Philosophie zur Darstellung kommen.

  110. @Ziggev

    Ja, natürlich, Theorien entstehen durch die Bezugnahme auf Einzeldinge; denn alle unsinnlichen, „abstrakten“ Gedankengegenstände setzen die vorherige Gegebenheit einer sinnlich erfahrenen Welt voraus. Mit Recht haben Leibniz und Hegel darauf hingewiesen, dass der Begriff (sagen wir Hund) schon in der Vorstellung >dieser Hund> gegeben ist und durch die Prädikation nur expliziert und in seinem begrifflichen Gehalt durchsichtig gemacht wird:
    Praedicatum inest subiecto (der Begriff ist im Subjekt enthalten). Der Gedanke von einer Sache (Sachverhalt) oder expliziter der Begriff von einer Sache (Sachverhalt) wird im Urteil n i c h t k o n s t r u i e r t, sondern analysiert.

    Ich habe aber mit „natürlichem Weltverhältnis“ nicht schon das wissenschaftliche Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit gemeint, sondern die aus der alltäglichen und natürlichen Erfahrung resultierende Orientierung der Menschen i n der Welt. Diese Orientierung war bis ins 20. Jahrhundert an die Topologie einer bildhaft geordneten G e g e n s t a n d s w e l t gebunden, in der Beziehungen durch Raummetaphern ausgedrückt werden. Mehr und mehr an Komplexität zunehmende gesellschaftliche Verhältnisse haben dies geändert. Grundfiguren wie „Herr-und-Knecht“ -ob Sklavenhalter und Sklave, Grundbesitzer und Leibeigener, Meister und Geselle, Fabrikant und Lohnarbeiter- waren in Verhältnis von oben und unten, von Ab-Hängigkeit anschaulich zu machen. Aber wie ist dies Verhältnis bei Aktiengesellschaften (die auf Französisch treffend „societe anonyme“ heißen) oder sogar bei multinationalen Konzernen durchschaubar? Wer hängt da von wem ab?
    An die Stelle von Substanzen sind Funktionen getreten (E. Cassierer, Substanzbegriff und Funktionsbegriff), und Funktionen, die sich nicht an Substanzen festmachen lassen, sind abstrakt, unsinnlich. Als erster hat übrigens Hegel die Bildwelt der sinnlichen Gewissheit und der Wahrnehmung destruiert und gezeigt, dass die Wahrheit einer Sache gerade in ihrer Unanschaulichkeit, ihre Wirklichkeit gerade in der Nicht-Identität des Identischen, im Übergang von einem Zustand zu einem anderen liegt: Aufhebung der Limitierung des identischen Gegenstandes.

  111. @“Während es jedoch England bzw. Großbritannien immer schon in die nördliche Neue Welt zog, die heute USA heißt, drängte es Portugal in eine andere Richtung, die sich schwierig nur bezeichnen und verorten läßt.“ — Doch, die gibt es. Nennt sich Brasilien. Wobei auch Madeira und die Azoren so eine Art Vor-Hawaii darstellen.

  112. @ Anne
    Richtig, die Moderne zeichnet sich durch Funktionalisierung aus. Oder mit Luhmann gesprochen geht es von stratifikatorischen hin zu funktionalen Differenzierungen.

    Daß die Wahrheit einer Sache in ihrem Begriff liegt, nicht in ihrem Hier-und-da, in ihrer bloßen Anschauung, nicht in ihrer Identität sich erschöpft, das predige ich seit gefühlten Äonen.

    @che
    Ich weiß. Es ist – unter anderem – Brasilien, und es gab den Vertrag von Tordesillas, der in generöser Weise die Welt aufteilte, so daß die Völker sich entweder spanisch oder portugiesisch fühlen durften. Eine noble Geste der katholischen Kirche.

  113. Das war halt die Weltsicht Papst Alexanders IV alias Rodrigo Borgia. Ergebnis war, dass die Herrscher von England, Frankreich und Dänemark begannen, großzügig Kaperbriefe zu verteilen, wie Egon Erwin Kisch formulierte teils, weil sie Rohstoffe brauchten und teils, um das habgierige Imperium Spanien zu schwächen. Direkt vor der heimatlichen Küste warteten dann die eben erst vertriebenen Mauren, die jetzt Berberpiraten hießen. Das rentierte sich so sehr, dass maghrebinische Kaufleute Aktiengesellschaften gründeten, die Galeerenflotten bauten, die Kreuzfahrten einmal rund ums Mittelmeer durchführten, bei denen alles aufgebracht wurde was ihnen vor den Bug kam und auch Küstenstädte abgeweidet wurden. Diese Kaperkreuzfahrten hießen Corso, die Teilnehmer Corsaren.

  114. @Bersarin
    Toll, das Du Tocotronic zitierst. :-)

    Ich glaube, dass Tocotronic hier abgefeiert wurde, war mit ein Grund dafür, dass ich mir die neue Platte mal angehört habe. Zuletzt heute noch, auf dem Weg zur Arbeit. Ich kannte sonst nur die allererste Platte und das ist ja schon ein gewaltiger Unterschied.
    Und just das Adorno-Zitat ging mir auch am meisten im Kopf rum. War das wirklich aus einem Gespräch mit Bloch oder doch aus dem mit Canetti? Es heißt übrigens „die Revolution werde ZULETZT den Tod abschaffen“
    Eins kann das auch so interpretieren, dass dies wirklich das allerletzte ist, was die Revolution abschafft, ich sage aber nicht, dass ich das tue.

    Die Posts zum Thema „Form“ muss ich mir nochmal in Ruhe durchlesen. Im Zusammenhang mit dem Gegensatz Form – Materie bin ich vor kurzem erst auf Bloch gestoßen (Rechts-versus Links-Aristotelismus). Aber das ist ja wohl dann die Form eher unter dem ontologischem und nicht unter dem ästhetischen Gesichtspunkt.

  115. Es freut mich, daß Dir durch diesen Text und die Kommentare hier im Blog die neue Tocotronioc-Platte nahegebracht wurde. Ich halte sie, aus meiner musik-laienhaften Einschätzung heraus, für sehr gut. Zumindest was die Texte betrifft, kann ich dies auch apodiktisch sagen. In bezug auf die Musik bin ich freilich Laie und Geschmackshörer.

    Ich habe das Adorno-Zitat nicht recherchiert. Aber auch mir kam es in dem Text von Tocotronic als bewußt verdreht vor. Danke für Deinen Hinweis. Bei Adorno ist dieser Aspekt, den Tod abzuschaffen, ein ganz zentraler Punkt in seiner Philosophie. Etwa in einigen Stellen am Ende der „Negativen Dialektik“ und insbesondere zum Ende seines Beckett-Aufsatzes hin, wo er sich auf Proust und den dort beschriebenen Tod des Dichters Bergottes bezieht, entfaltet Adorno das Motiv der Aufhebung des Todes als Utopie – allerdings in einer Weise, die sich jeder Reifizierung und damit ebenfalls jeglicher Fixierung entzieht.

    Was Bloch betrifft, so geht der Formbegriff in Zusammenhang mit Aristoteles sicherlich eher in die ontologische oder metaphysische Richtung – das ist wohl wahr. Wie schon geschrieben: es lassen sich in zwei oder fünf Zeilen keine gescheiten oder weiterführenden Bemerkungen zum Begriff der ästhetischen Form machen. Allenfalls gerät das derart verdichtet, daß es dann auch wieder keine/r versteht.

  116. Die Platte ist richtig gut. Und wie gesagt, ganz anders als der Schrammelrock, den sie in den 90ern gemacht haben. Ich kannte nur das Album „Wir kommen um uns zu beschweren“ so richtig. Und meine Lieblingsstücke waren eher so „punkigere“ Uptempo-Nummern, zum Teil von B-Seiten, wie „Diverse Menschen meiner Stadt“ und „Überzahl“.

    Da liegen Welten zwischen. Und 20 Jahre.

    Mein aktuelles Lieblingsstück ist „Ich bin ein Neutrum, mit Bedeutung“.

    Im Zusammenhang mit der aktuell tobenden CW-Diskussion sind auch die letzten Zeilen von „Exil“ spannend: „Ich bin krank. Ich bin ein weißer, heterosexueller Mann. Du kannst mich abschieben, wenn du willst.“

    Ich war mal bei einem Vortrag zu Adorno, daher wußte ich, dass „die Abschaffung des Todes“ ein Adorno-Zitat war. Und diese Gegnerschaft zum Tode wäre ja dann etwas, was er, bei allen massiven Differenzen mit Elias Canetti gemeinsam hat.

  117. Und was die bewußte Verdrehung angeht: Ich habs auch nicht recherchiert. Und von Lotzow singt einmal „zuletzt den Tod“ einmal „permanent den Tod“ und einmal „am Ende den Tod“, wobei für mich persönlich das „zuletzt“ eine spannende Bedeutung hat, die ich aber selbst noch nicht umfänglich erfasst habe. Mit der Bedeutungsdimension „wirklich das Allerletzte“, die auch mitschwingt.

  118. Ich mochte die ersten drei CDs von Tocotronic schon sehr gerne. Gerade das Schrammelige betörte im Rausch der nicht enden wollenden Jugend des Endzwanzigers/ Mittdreißigers in den 90er Jahren. Pop-Musik als Ausdruck seiner Zeit.

    Hoffentlich fallen nicht alle gleich tot und vor Schrecken um: aber ich gehe gleich in Wagners „Fliegenden Holländer“.

    Über das Todesmotiv müßte ich nun noch genauer recherchieren und etwas schreiben. Es ist schlimm, daß die Zeit des Lebens (eben durch den Tod und die Arbeit, die ja auch der Tod sein kann) derart begrenzt ist.

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