„Let there be rock …“: Tocotronic in Concert

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Es gibt Rezensenten, die schreiben witzig, bildhaft, lebendig, mit Esprit, überbordend, sich verausgabend und phantasievoll – so auch der Verfasser dieser Blog-Kolumnen. Eine besondere Kunst ist es allerdings, in dieser Art und auf diese Weise ebenfalls Konzertkritiken, spezieller noch Besprechungen über Veranstaltungen populärer Musik zu produzieren. Mir selber gelingt das nicht: eigentlich kann ich so etwas nur in monotoner Reihung schreiben und das aufzählen, was der Fall ist: Die Band kommt auf die Bühne, sie begrüßt das Publikum, sagt nach dem zweiten oder dritten Song, daß jene Stadt, wo die Band gerade spielt – sei es Leipzig, Berlin, Wuppertal oder Hamburg –, die tollste Stadt mit dem wildesten und besten Publikum sei. Die Band musiziert, das Publikum tobt oder applaudiert enthusiastisch, manchmal auch andächtig. Dann spielt die Band das nächste Stück, das Publikum gerät in Ekstase. Am Schluß des Abend werden drei oder vier Stücke Zugabe rausgehauen.

Ich besuch selten Veranstaltungen, auf denen populärer Musik dargeboten wird. Es ist mir dort in der Regel zu voll, Menschen harren dicht und müffelnd vor mir. „Dicht“ kann man als Teekesselchen nehmen, und zwar im Sinne von „zu nah dran“ und als „unter dem Einfluß schädlicher Betäubungsmittel stehend“.

Fein mag es sein und es erweitert den Horizont des Musikwissens, wenn vor der Hauptband, um derentwillen der Blogbetreiber im Grunde das Konzert besuchte, eine Vorband auftritt. Manch angenehme Überraschung kann sich da von Zeit zu Zeit verbergen. Aber ich halte es dennoch für eine undankbare Aufgabe, als Vorband aufzutreten. Zumal ich selber als Zuschauer und Zuhörer sehr schnell ungeduldig werde. Auf diesem Konzert nun war zumindest die Vorband nicht so schlecht, daß ich anfing, mit den Füssen zu scharren. Aber sie war trotzdem nicht so gut, daß ich mir deren Namen merkte. Ich weiß nur noch, daß eine Frau mit kräftigen Oberarmen, auf einem dieser Oberarme war ein schmales Tattoo graviert, und ein junger Mann mit einem Jünglingsgesicht auftraten. Sie betastete einen Synthesizer, er beschlug ein Schlagzeug. Kurz kam auch Rick McPhail zu einem Gitarrenauftritt herüber. Aber die beste Vorgruppe gleicht mein Begehr nicht aus: ich will Tocotronic hören, keine Vorgruppe, ich habe mich auf deren Musik eingestellt, lasse die Stücke innerlich in mir anklingen, denke mir aus, welche Lieder aus welchen Alben sie spielen könnten. Kommt „Pure Vernunft“, bringen sie „Neue Zonen“ oder welche Stücke überhaupt von diesem neuen, tollen, wunderbaren, gut gemachten Album? Man sinniert in Vorfreude und möchte eigentlich nichts anderes als unendlich lange Tocotronic lauschen, schwelgen, reflektieren über die Brüche und Risse, die Kontinuität. Und den Wandel einer Band innerhalb einer oder zwei Stunden im Kurzdurchflug dargeboten zu bekommen. Nein, ich halte von dem Prinzip Vorgruppe nichts. Das ist, als spielte man vor dem „Rheingold“ plötzlich und unerwartet eine Klaviersonate von Brahms.

Eigentlich wollte ich gar nicht auf dieses Konzert, denn Lärm, Enge, Menschen in Vielzahl sind mein Fall nicht, aber dann ging ich doch. Ich bereute es nicht eine Sekunde. Ja: am 14.4. spielten Tocotronic zum Abschluß ihrer Tournee „20 Jahre Tocotronic“ und um ihr neues Album vorzustellen in der Columbiahalle auf. Der Umzug nach Berlin tat Tocotronic musikalisch sichtlich gut, was wir an ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ hören. Berlin bietet diese Weite des Blickes, das Subtile, das Raue, das sich mit der Klarheit bindet: die Klarheit einer Struktur. Berlin schafft Veränderungen im Stil, in der Performanz, die in anderen Städten nicht möglich wären, die Enge Hamburgs haben Tocotronic mit dieser wunderbaren neuen Platte endgültig überwunden.

Und dann war es soweit: Die Band betrat die Bühne, die Band spielte auf, die Zuschauerinnen und die Zuschauer applaudierten, tosen, tobten, es war viel junges Publikum anwesend, aber auch manche(r) in meinem Alter. Diese Wesen, die Ende der 40er sind und es nie glauben wollen, treibt die Wehmut ins Konzert. Wie wir leben wollen? Nein, so wie einst in den wilden 80ern, den wilden 90ern – wir, die wir nicht unbedingt oder zumindest nicht so schnell erwachsen werden mochten –: das geht in solchem Exzeß nicht mehr. Das wilde Leben glättete sich. Tocotronic-Stücke erinnern mich an die gerauchten Zigaretten, die Lieder von Tocotronic wecken die Erinnerung an eine durchzechte, wunderschöne Nacht, mit der einen, der einzigen Frau. Dein blondes Haar im Fahrtwind. Der Geruch deiner Haut. Deine zärtliche Geste. Derrida und Foucault. Auch dies war Tocotronic. Und jenes verformte Wittgensteinzitat vom Reden und vom Schweigen – herrlich in den Zusammenhang einer Nacht in irgendeiner Bar gebracht. Liebe ist Konstrukt, Liebe ist Text. Hinausgeschrien von Dirk von Lowtzow. Unsere Philosophie, in der wir uns so unendlich wichtig nahmen, weil wir sie auch als Habitus benutzten und uns im Distanzmodus überstülpten. Zweierdistanz, während meine Finger halb-schüchtern den Saum deiner weißen Unterhose hochschoben, um dann weiter in deine Möse zu gleiten: „Herrgott nochmal, nur noch eine Stunde, nur noch ein Tag, let there be rock, verflixt nochmal.“ Das alles schoß in den Kopf in den kurzen Momenten im Dauerblitz der Stroboskope, diese Blitze, die in den Zuschauerraum stießen. Und die Erinnerungsfetzen, die mit den Lichtern sich überblendeten zum Bild.

Laut und klar der Sound. Tocotronic spielte einige Stücke der neuen Platte, aber auch viel Altes wurde dargeboten. „Freiburg“: sicher, sicher: das darf nicht fehlen: „Ich weiß nicht warum ich euch so hasse: Tanztheater dieser Welt.“ Oder „Meine Freundin und ihr Freund“ die erste Single-Ausspielung von Tocotronic. Die Band bot eine überraschende, aber doch gute Auswahl aus ihren 10 Alben.

Natürlich, immer wieder, schöne Liebeslieder: „Ich will für Dich nüchtern bleiben.“ Zu den Musikstücken lief im Hintergrund eine Video- und Bildershow. Zeichnungen, Filme, Bilder, die auf eine Leinwand projiziert wurden, untermalten die Lieder. Besonders herausragend dabei die Illustrationen. Es hätten statt der Photographien oder der Filmsequenzen am besten als Bildhintergrund den ganzen Abend über die Zeichnungen, Bilder, Skizzen von Grafik-Designern eingeblendet werden müssen. – oder noch besser – wie ich es einmal auf einer Lesung erlebte, hätte eine Illustratorin das Konzert im Live-Modus kommentierend mitzeichnen müssen, und diese Skizzen projizierte dann, im Akt ihres Entstehens, ein Apparat auf jene Leinwand. Zu Tocotronic und ihrer Musik würde es sicherlich und allemal gut passen, zumal der Schlagwerker Arne Zank immerhin in Hamburg an der Fachhochschule für Gestaltung Grafik-Design studierte.

Während Tocotronic ihre Stücke dem Publikum präsentiert, wirkte da im Hinterkopf von mir eine kurze Hoffnung: ob die Band diese beiden Stück wohl spielen wird, die mir so wichtig sind: „Nach Bahrenfeld im Bus“ und „Let there be Rock“? Ach, und es riefen sogar einige im Publikum lauthals nach dem Bahrenfeld-Stück. Wie schön, daß auch die heute jungen Menschen diesen einen Augenblick, als gedehnten Lebensmoment in die Musik gebracht, immer noch hören wollen. (Um wenigstens hin und wieder die Selbstaffektion zu betreiben und auf meinen eigenen Text zu verweisen, wo ich Bahrenfeld darbiete, sei Leserinnen und Lesern dieser Link nahegelegt.)

„Nach Bahrenfeld im Bus“ ist ein Existential trunkenheitsfeiner Verlassenheit, so denke ich mir als Konzertexkurs: Wie wir leben wollen. Zu diesem Lebensgefühl, das nur zu einer ganz bestimmten Zeit überhaupt möglich ist, spielt, schimmert, klingt dieser wundervolle Sound der 90er Jahre, scheppert die Gitarre über eine Minute lang, haut und schlägt den Takt, zusammen mit dem Schlagzeug, langsam auftakelnd: und dann diese Zeilen: „Halt mich fest, ich glaub ich brauch das jetzt. Kauf mir ein Bier. Ich trink es dann bei mir …“ Reduzierter läßt sich eine Nacht, ein letzter gemeinsamer Abend in einer Stadt, wo sich zwei Menschen trennen, nicht auf den Text-Punkt bringen und zu einer Klang-Text-Collage verdichten. Sieben Textzeilen, die in fast fünf Minuten Klang gebetet sind.

When the music plays: und wie ich auch wünschte und hoffte, doch diese beiden Lieder kamen partout nicht. Die Band verausgabte sich, rockte über Stunden und irgendwann ist, wie mit allen feinen Dingen, Schluß. Nach zwei oder drei Zugaben war das Konzert zu Ende, es wurde eine Hintergrundmusik gespielt, und zwar von Ingrid Caven „Die großen weißen Vögel“. Die Besucher verließen die Halle, was ich nicht verstand, denn dieses Lied wählte Tocotronic klug, gut und mit Bedacht, weil es zum Konzert paßte. Doch eine Gruppe Unentwegter und Eingefleischter verharrte vor der Bühne und beharrte auf Musik, applaudierte, stampfe, klatschte formschön-laut, dröhnte, rief zum Dunkel der Bühne hin. Unentwegt. Bis Gestalten sich im finsteren Bühnenhintergrund zeigten, winziges Lichtglimmen und die Band noch einmal auftrat, spielte und in den Saal schrie und wir: wir schrien, schrien und sangen mit: Let there be rock!

http://www.tocotronic.de/videothek/let-there-be-rock/

Many thanks, Tocotronic, für diesen wunderbaren Abend, für phantastische 20 Jahre Musik, die ich vom Anfang bis heute begleiten durfte, vor allem aber für dieses große Album „Wie wir leben wollen“. Was die Texte zur Musik anbelangt, so sind nur wenige Bands zwanzig Jahre lang auf der Höhe ihrer Zeit und haben das Frühlingserwachen und die Formen von Jugend auf den Musik- und Textpunkt gebracht.

Und alles was wir hassen
Seit dem ersten Tag
Wird uns niemals verlassen
Weil man es eigentlich ja mag

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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34 Antworten zu „Let there be rock …“: Tocotronic in Concert

  1. genova68 schreibt:

    Die Columbiahalle heißt jetzt C-Halle. Klingt gut, klingt nach C-Klasse für coole Berliner.

    Ja, die Texte von Tocotronic waren schon immer sehr gut, keine Frage, es ist eine Ebene, die viel Platz lässt für Assoziationen, und jeder Einzelne denkt vermutlich, dass genau seine Assoziationen die wahren sind, vielleicht die einzig wahren. Es entsteht das bleibende Gefühl der Genugtuung, weil sich Assoziationen einstellen, die als individuelle Leistung scheinen, was wiederum dem Texter von Tocotronic positiv angerechnet wird. Es ist eine Belohnungsstruktur, finde ich, die mal zum Schmunzeln anregt, mal zur Empathie, aber belohnt wird man immer, auch im Ungefähren.

    Und die Musik? Jetzt habe ich doch mal wieder ein paar Tage im Auto zugebracht und festgestellt, dass ich lieber die Kook höre als die neue. Liegt vielleicht am Alter, man hört das, womit man sozialisiert wurde. Oder auch: Musikalisch ist es mir mittlerweile zu ziseliert, teilweise. Teilweise auch nicht. Man hörte die Band ja nie wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten.

  2. Bersarin schreibt:

    K.O.O.K. ist ein ziemlich spezielles Album. Ich mag diese Platte sehr. Es ist das erste Album, das zwischen Jugend und Erwachsen sich bewegt. Gut daß Du wieder Auto fährst. Es gibt nichts Schöneres. Und dazu die Musik von Tocotronic: das mache auch ich gerne.

    Was Du zu den Songtexten schreibst, das stimmt. Sie sind offen für die Interpretation.

    Musikalisch ist Tocotronic sicherlich nicht die aufregendste Band – wenngleich ihr neues Album schon Maßstäbe setzt: es ist das ein gewaltiger Sprung -, aber es sind die Texte und wie sie mit der Musik sich verbinden. Ich denke, keine Band hat solider und cooler das Gefühl, das Dasein einer bestimmten Jugendkultur auf den Punkt gebracht: „Es gibt nur cool oder uncool und wie man sich fühlt“ scheint mir da ein geeigneter Slogan. Vielschichtig allemal. Obwohl ich es ansonsten mit dem Gefühl nicht habe. Das beste ist, man legt es ab oder inszeniert es.

  3. Eso-Policier schreibt:

    Die heutige Pop-, Rock- usw. Musik dient fast nur dazu, künstlich „Stimmung“ zu machen. Eine Ausnahme sind bestimmte Lieder des Nouvelle Chanson. Mehr dazu auf meinem Blog (bitte auf meinen Nick klicken).

  4. ziggev schreibt:

    ich bin zwar prinzipiell gegen Tocotronic, aber dass die sich „weiterentwickelt“ haben und unterdessen echte Qualität entwickelt haben, ist schon beachtenswert. Es ist wie beim späten John Lennon: zuerst fast peinlich oder halt was für Liebhaber – oder, wie etwa auf der „Live in Toronto“ (einfach n paar Leute zusammentrommeln, im Flugzeug die Sachen kurz mal anspielen & dann los) simpler Rock ´n´ Roll, in diesem Fall allerdings die historisch letzte echte Rock ´n´ Roll-Aufnahme – aber am (bei Lennon: leider verfrühten) Schluss ausgereifte Sachen dabei.

    Die deutsche Sprache ist leider für bluesverwandte Stile nicht oder nur ganz selten geeignet (die seltenen Ausnahmen wären einen längeren Exkurs wert). Um da jenseits des Schlagers oder sonstiger Peinlichkeiten überhaupt weiterzumachen, was rede ich, erst anzufangen, war die NDW die perfekte Antwort. Es war vonnöten, auch neue musikalische Formen auszuprobieren, und wie wunderbar war das dadaistische „Kleines grünes Winkelkanu“ von Palais Schaumburg, ich konnte es kaum fassen, so um die 14 muss ich gewesen sein, wie perfekt die mein Lebensgefühl zum Ausdruck gebracht hatten, nein, es überstieg es noch, war aber immernoch das meinige.

    die sog. „Hamburger Schule“ machte nun nicht nur aus der Not eine Tugend, sondern sie holte den Rock wieder zurück zu seinen Anfangsbedingungen. Es gibt übrigens vom Musikwissenschaftlichen Institut Hamburg computerbasierte Simulationen der räumlichen Klangeinschaften des Star Clubs, wo die Beatles berühmt wurden. Das ist das große Verdienst der „Hamburger Schule“, die Musik wieder in den Übungsraum zurück geholt zu haben, klarzumachen, wie Rock, also selbstgemachte Musik, eigentlich klingt. Habe da selber mal ganz kurz, ich glaube, es war nur ein Auftritt, mit dem Golden Toast Quartett, mitgemischt. – Qualifiziert hatte ich mich dazu, weil ich mich (mit bescheidenem Talent desh. umso mehr) intensiv mit Jazz beschäftige hatte. Selber machen!

    Etwas (musikalisch) unbeholfen fingen dann so Leute wie Tocotronic dann an. Das hatte aber immernoch diesen durchaus nicht unoriginellen Anfagsimpetus der „Hamburger Schule“, die aber durch die o.g. Qualitäten Freiräume schuf für gute Texte. Texte, die gut sind/waren, mir aber freilich ziemlich am Arsch vorbei gehen.

    „keine Band hat solider und cooler das Gefühl, das Dasein einer bestimmten Jugendkultur auf den Punkt gebracht“ – Genau das ist das Wesen des Pop: das Lebensgefühl einer bestimmten Jugend auf den Punkt zu bringen. Es ist zwar nicht meine Generation und bleibt mir fremd, gleichwohl nur ein paar Jahre dazwischen liegen. Aber dass Tocotronic jetzt eine gewisse Reife erlangt hat, ich hoffe, dass sie gewisse musikalischen Anfangsschwirigkeiten überwunden haben, freut mich, und ich verneige mich als Popfanatiker ehrfürchtig vor dieser popmusikalishen Leistung!

  5. Bersarin schreibt:

    „‚keine Band hat solider und cooler das Gefühl, das Dasein einer bestimmten Jugendkultur auf den Punkt gebracht‘ – Genau das ist das Wesen des Pop: das Lebensgefühl einer bestimmten Jugend auf den Punkt zu bringen.“

    Das ist einerseits das Affirmative des Pop: das Sosein als solches bloß zu bestärken. Die Rebellen von heute sind die Mitmacher von morgen. Andererseits ist es die große Kunst als Subversion die Gegenbewegung und das andere in immer neue Sprachen zu überführen und das auch als Moment des Widerstands im Denken auch bis ins hohe Alter noch durchzuhalten. Als Medium kann da auch die populäre Musik dienlich sein. Zugleich aber steckt in ihr das Eitle des Habitus, um die feinen Unterschiede zu markieren. Aber auch das ist andererseits wiederum nötig. Es gibt nur cool oder uncool. Entweder-oder. Vielleicht kommt man dem Phänomen Pop mit der verqueren (Nicht-)Dialektik eines Kierkegaard bei.

  6. ziggev schreibt:

    ja, sicherlich, Popmusik ist die affirmativ-hymnische Bestätigung des Bestehenden: der Popkultur. Das Subversive liegt in der Ironie eines Chuck Berry, eines Schwarzen, der diese Populärkultur hymnisch besingt. Diese Ironie ist bis heute unerreicht, ich frage mich weshalb. Danke aber für das Fragen nach dem Subversiven im Pop. Es lag in der Ironie des Großmeisters namens Chick Berry, der die Pop-Phänomene seiner Zeit hymnisch besang. Dies ist heute selbstverständlich nicht mehr möglch. In meiner Interpretatio versuchen versuchen Tocotronic an diese Großartige Tradition anzuschließen, nur ist diese Ironie heute nicht mehr möglich. Stattdessen intellektualisierte Texte. Meinetwegen. Auch wenn sie nicht mehr die Ironie des Großmeisters errichen können, die über das hymnische Besingen des Bestehenden funktionierte, sind ihre intellektualliesieten Texte dennoch eine adäquate Antwort – im Modus des Pop.

  7. ziggev schreibt:

    der Link, Berry, if youl like it:

  8. Bersarin schreibt:

    Bei Chuck Berry muß ich mich zwar immer ein wenig hineinhören. Aber dann geht es gut. Im Grunde lehne ich den Pop zwar ab. Ich bin der Taliban der Kritischen Theorie. Hegel schätzte die Musikkunst übrigens sehr niedrig ein. Schopenhauer, sein Antipode, sah in ihr die höchste der Künste. Tja, Musik und Prosa/Lyrik: zwei Weisen von Sprachen.

  9. ziggev schreibt:

    Um Chuck Berry zu verstehen, muss man sich in der Tat die Frühen Studio-Aufnahmen anhöüren. Es ist das hymnische Besingen der amerikanischen Subkultur des Pop. Einfach genial, in meinen Augen/Ohren. „Sweet Little Sixteen“ wird vergöttlicht mit durchaus trivialen musikalischen Mitteln. „She´s got the grown up blues/tight dresses and lipsticks, she´s sporting high heel shoes“ – geht es noch genialer? – Ok., ich leide etwas unter dem Humbert Humbert Syndrom. Berry wurde übrigens von keinen Geringeren als Muddy Waters gefördert, nur nebenbei bemerkt. Also von den Göttern des Blues, nur nebenbei bemerkt.

    Es ergab sich so, aber ich habe auch mal bei Gelegenheit in Hegels Ästhetik-Vorlesungen vorbeigeschaut (Flohmarkt, 4 Euro! – und dann noch vielleicht mit den Unterstreichunden von H. Schnädelbach, der zu der Zeit mein Nachbar war …), so richtig abfällig äußert er sich nicht zur Musik, as far as I remember, allerdings kritische Bemerkungen zur Programmusik, die ich bis heute treffend finde, da ich die Programmusik nie mochte, aber die diesbetreffenden Tendenzen bei Beethoven in diese Richtung genau in diesem hegelschen Sinne kritikwürdig – Überhaupt: jeder vernünftige Jazzmusiker muss der Programmusik skeptisch gegenüberstehen.

  10. ziggev schreibt:

    PS. Mussorgski ist freilich eine Ausnhame.

  11. genova68 schreibt:

    „ich bin zwar prinzipiell gegen Tocotronic, aber dass die sich “weiterentwickelt” haben und unterdessen echte Qualität entwickelt haben, ist schon beachtenswert“

    Lass das mit der Weiterentwicklung im Rock and Roll nicht den Bolschewiken lesen, der zerpflückt dich dann in der Luft. Wohntest du dieser Diskussion nicht bei?

  12. ziggev schreibt:

    dochdoch, ich erinnere mich noch so ungefähr. das war nur als vage Anzitation gemeint. ich bin, was Rock ´n´ Roll betrifft, eher (sehr) konservativ eingestellt, Ch. Berry, Robert Johnson, Muddy Waters, da ist bei mir eigentlich schon Schluss. halt die Blues-Nummer. vielleicht noch ein zwei Songs von Elvis.

    theoretisch, also beim drüber reden, steht alles, oder fast alles, worüber ich Auskunft zu geben mich befleißigen würde, in konträrem Gegensatz zu dem, was ich vom Alten Bolschewiken bisher zur Musik gelesen habe. da ich aber weiß, jedenfalls wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht und die erinnerte Linkzuordnung hinkommt, dass er praktisch – ganz grob gerechnet – mit mir etwa auf der gleichen Ebene operiert, habe ich bisher die direkte Konfrontation vermieden.

    die entsprechenden Texte von mir irgendwo (unauffindbar) abgespeichert. aber auf die große zigg-alterbolschewik high-noon-schlusszene wirst Du noch etwas warten müssen. mittags bin ich halt meist immer noch nicht ganz ausgeschlafen, und sich mit dem Alten Bolschewiken, weil auch Praktiker, sich hier im Darüber-Sprechen-Modus auseinanderzusetzen, ist für mich schwer, denn es bedeutete immer auch einen Versuch des Eingreifens in die Praxis eines anderen Menschens.

    Bevor ich mich an die Direktkonfrontation mir ihm heranwagen würde, würde ich mich lieber mit ihm über Timingfragen bei Keith Jarret oder den Fingersatz bei Thelonious Monk unterhalten. wie ich es verstanden habe, ist er, wie ich, auch Hobbymusiker, ihn in seinen „theoretischen“ Äußerungen anzugreifen, würde aber bedeuten, auch die Voraussetzungen, auf der diese beruhen, infrage zu stellen. dieselben aber wären nun praktischer Natur. – aber das ginge ja nun aber wirklich zuweit, in einem Blogkommentar zu versuchen, in jemandes Praxishaushalt einzugreifen zu wollen!

  13. ziggev schreibt:

    Bersarin, zum Verhältnis Musik Prosa/Lyrik in der populäören Musik ist vielleicht noch etwas anzumerken. Berry sei der Poet der Rock ´n´ Roll-Bewegung gewesen, habe ich mal irgendwo gelesen – deswegen meine unendliche Verehrung für den Burschen. Die Sachen, die im Internet zu finden sind, zeigen eigentlich nur, wie sehr der Kerl unterfordert war. Der stammte aus demselben Stall, aus dem später Elvis hervorging; protegiert von absoluten Blues-Größen wie Muddy Waters usw. Nur: Er hat die Pop-Errungenschaften des New-Deal, neue Autos, Wettrennenfahrten mit denselben, Schallplattenspieler, im Grunde Phänomene wie James Dean, hymnisch zuerst besungen, nicht zuletzt „Sweet little Sixteen“ – „But, oh, tomorrow morning, she´ll have to change her trend / ´nd be sweet sixteen, and be back in class again“ : Für das hymnische Besingen einer Pop-Kultur, die letztlich lediglich darauf basierte, dass Teenager das Geld dazu hatten, die hierzu von der Pop-Industrie hergestellten Pop-Produkte zu kaufen, war halt C. Berry der Mann. Und er hat es kompromisslos durchgezogen. Ich habe wirklich Ehrfurcht vor dem Kerl. Erst mit Andy Warhol wurde versucht, erneut eine ähnliche Poetik zu formulieren. Und hier haben wir eine gewisse Zirkularität bei den genialen Velvet Underground: Die Selbstreflexivität des Pop zu reflektieren – es wird immer gern vergessen, dass bereits an dieser Stelle der allerersten Anfänge dies die durchaus nicht unreflektiert geblieben seienden Anfangsbedingungen von Pop gewesen sind, die Velvet Underground so groß machten, und – ich würde sogar soweit gehen – erst einen Andy Warhol ermöglichten.

  14. Bersarin schreibt:

    Ach, was kümmert mich die populäre Musik, wenn mir am Strand, am Ufer des Tejo, in den Straßen der Stadt die Sonne ins Gesicht scheint. Wenn ich den Abend nach erfolgreicher Jagd mit Rotwein beende, mich über die Bilderbeute freue. So viele gelungene Schüsse.

    Ja, erst durch Pop und Gebrauchskunst, mithin über die Aufhebung des Kunstbegriffs und als Double von Duchamp wurde Warhol berühmt – was seine Wirkung nicht mindert. Kunst erwies sich gegenüber der bürgerliche Welt zunehmend als inkommensurabel. Wo kein Bürgertum, da keine bürgerliche Kunst. Mit dem Pop schob sich die Kunst in den Zustand der Entropie.

  15. ziggev schreibt:

    okay, bitte, bring demnächst Deine Lissabon-Bilder! aber bitte wirklich! jedoch, wenn eine kleine Zwischenreflxion gestattet ist, das wäre dann die folgende: Pop, so, wie ich ihn auffasse, also allgesamt bluesverwandte Stile, ist in erster Linie Gebrauchsmusik, das wäre das zu erklärende Kunstphänomen, dass Gebrauchskunst überhaupt fünktioniert, dann wäre aber die Frage, weil einfach durch die Praxis bewiesen ist, dass ‚Gebrauchskunst‘ funktioniert und sogar die Voraussetzung für den gelernten Graphiker Warhol darstellt, ob nicht ‚Gebrauchskunst‘, also wirkliche Kunst, die wir Rock ´n´ Roller versuchen, die eigentliche Kunst ist, weil sie erst die Grundlage für solche willkommenen und schrägen Figuren wie A. Warhol erarbeitet hat.

  16. Bersarin schreibt:

    Die Bilder aus Lissabon werde ich – zumindest in einer Auswahl – in meinen Photoblog stellen. Natürlich und selbstredend.

    Ist der Begriff „Gebrauchskunst“ nicht vielmehr ein Widerspruch?

  17. ziggev schreibt:

    in der Musik ist dieser Gegriff, der der Gebrauchsmusik, jedenfall setabliert. http://de.wikipedia.org/wiki/Gebrauchsmusik dort: „Gebrauchsmusik bezeichnet Musik, die sich einem gesellschaftlichen Zusammenhang unterordnen muss.“

    Das Schöne daran ist, dass dabei Musik mitgedacht ist, bei der das nicht fer Fall ist. (aber eben das lässt sich dann auf vielfältige Weise infrage stellen.)

  18. ziggev schreibt:

    Edit: natürlich „Begriff“, und „stabilisiert“ ! at 10.45 h

  19. ziggev schreibt:

    was rede ich: „etabliert“ – das kommt davon …

  20. ziggev schreibt:

    nach all diesen Rechtschreibfehlern und unbeholfenen Korrekturversuchen vielleicht noch dieses Eine; also die Frage, ob sich Kunst nicht immer „einem gesellschaftlichen Zusammenhang unterordnen muss” ?

    Gibt es also ‚absolute Kunst‘ ? Manche Diskurse scheinen mir dem Dogma zu unterliegen, dass dem nicht so sei. Aber wie langweilig ist das denn ? Wie könnten wir uns Beethoven, Schubert annähern ?

  21. Bersarinbersarin schreibt:

    Gebrauchsmusik: das erinnert mich fatal an Marschmusik. Die muß sich ebenfalls einem gesellschaftliche Zusammenhang unterordnen.

    Aber wie bereits vielfach geschrieben: ich kann mich zur Musik nicht kompetent äußern.

    Was die absolute Kunst betrifft, so stellt Celan in seiner Büchnerpreisrede die Frage nach dem absoluten Gedicht – auch als Replik auf Gottfried Benns Büchernpreisrede. Es gibt für Celan dieses absolute Gedicht als Einmaligkeit und Konstellation in Sprache. Celan unterscheidet in jenem Text „Der Meridian“ zwischen Kunst und Dichtung. Kunst ist, so Celan, das Automatenhafte, die Wiederholung, während die Dichtung auf jenes Einmalige sich zubewegt. Als Atemwende, als Schwellenkunde. Derrida entwickelt dann aus diesen beiden sich widerstrebenden Momenten von Einmaligkeit und Wiederholung eine Poetik des Datums. Denn jedes Datum als ein einmaliges Ereignis – sei es der 25. April 1974 oder der 14 juillet – ist an seine (semantische) Wiederholbarkeit gebunden.

  22. ziggev schreibt:

    ja. aber, ach: Lässt geniale (absolute) Musik nicht uns alle als Dilettanten fast hilflos zurück? Um sich zur Musik zu äußern, müssen wir doch alle nicht gleich uns an den hochgegriffenen Bemerkungen eines Adorno messen! Oder nicht? AFAIK sind gerade die späten Gedichte von Celan sehr musikalisch und sollten laut vorgelesen werden. Nicht umsonst heißt es Todesfuge. Wiederholungen, Perioden – all das sind musikalische Aspekte, mittels deren ich mich sogar dem ‚Endspiel‘ anzunähern versuchte. Mit anderen Worten: Wiederholungen, Perioden – ohne die selbst ein Beethoven, ein Schubert nicht auskommt -, sind musikalische Parameter, die sich im Nada Brahma, die Welt sei Klang, bis Keplers ‚Harmonices Mundi‘ fortsetzen., sind nicht musikalische Parameter universell ? Normalerweise ist die Wiederholung eines der wichtigsten Momente in der Musik – bis zur Aleatorik eines Stockhausen und sogar noch in der 12-Ton-Musik eines Schönberg. Die eben an diesem Moment der Wiederholung sich abarbeiteten.

    Über diese technischen Informationen hinaus dürfen wir allerdings die großen Komponisten der, grob gesprochen, Romantik immer noch hören. Technische Informationen über die Kompositionstechniken der Renaissance bis zu John Coltrane sind nicht unbedingt hilfreich. Musik lädt gerade dazu ein, dass sich Dilettanten, als welcher ich mich selber begreife, zu ihr äußern.

    Sofern wir Musik überhaupt als Kunst wahrnehmen, lädt sie gerade dazu ein, dass sich Dilettanten zu ihr äußern. Nach all den Stockhausen/Schönberg/Coltrane usw. Experimenten und denen aus der Renaissance darf immer noch die Frage gestellt werden: Wie hört sich das eigentlich an ? Gerade als Dilettant wärst Du eingeladen, Dich zur Musik zu äußern. Wie klingt Soul, wie klingt Motown usw., es ist als universelle Sprache gemeint, als ein Vorschlag, zu dem sich, bitte sehr, jeder äußern darf – oder sogar soll.

  23. Bersarinbersarin schreibt:

    „Sofern wir Musik überhaupt als Kunst wahrnehmen, lädt sie gerade dazu ein, dass sich Dilettanten zu ihr äußern.“

    Dies ist leider bei aller Kunst so, Was ich teils an Universitäten, auf Partys, in der Blogwelt an Dummschwätzereien vernommen haben, das sprengt jeden Rahmen und würde nicht nur eine „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ füllen, sondern eine Brockhausausgabe käme da zusammen. Mit Flaubert ließe sich dazu ein Wörterbuch der Gemeinplätze der Kunst schreiben.

    Wie gesagt: ich äußere mich nur zu Dingen, wo ich zumindest ein Grundgerüst an Wissen mitbringe. Leider ist dies der häufig anzutreffende Fall: Jede/r meint, sich zu jeder Sache äußern zu müssen. Menschen, die keine drei Zeilen Kant, Hegel, Adorno gelesen haben, verbreiten dazu ihren Salms und äußern Gefühligkeiten, die im Schambereich liegen. Muschiphilosophie sozusagen. Ich werde aus genau diesen Gründen zur Musik nichts schreiben.

    Dichtung und Musik liegen – nicht nur bei Celan – eng zusammen. Natürlich ist Lyrik musikalisch, auch von ihrer Herkunft. Diese Musikalität läßt sich bereits ganz basal über das Phänomen des Klangs gut erschließen. Celan gebraucht zudem häufig Begriffe aus der Musik: eines seiner bekanntesten Gedichte heißt „Engführung“, Ein anderes „Cello-Einsatz“. Hölderlin dichtete: „Dem folgt deutscher Gesang“. (Das ist übrigens nicht national gemeint!)

    Celans Dichtung ist hochgradig musikalisch – das stimmt.

  24. david schreibt:

    Wiederholung ist auch nicht immer gleich Wiederholung. Der Bogen reicht, wie oben bemerkt, von der Kunst der Fuge bis zur mehr oder weniger stupiden -nicht aber mathematischen- Monotonie. Fraglich bleibt auch, wie ein Gedächtnis ohne Wiederholung überhaupt möglich sei.
    Komposition, oder das Komponieren, kann gedacht werden als die Struktur eines musikalischen Gedächtnisses, in dem Wiederholung einerseits aufscheint als lichte Erinnerung, andererseits aber auch ängstigt, als Dunkel und Nacht!

  25. ziggev schreibt:

    o je, was habe ich nur in meiner Jugend gemacht? Ich war nicht auf genug Partys – ich hätte Deinen Brockhaus des Wörterbuchs (musikalischer) Gemeinplätze noch um ein paar Einträge mehr verlängern die Gelegenheit gehabt. Dumm gelaufen.

    Am laufenden Band zufällig-überdeterminierte Statemants abzuliefern als eigentliche Kunst, das wäre ein Leben gewesen. Vielleicht wäre ich dem Schicksal des Gebrauchsmusikers entgangen. Guantanamera in Endlosschleife!

    Angesichts des Rituals, sich mitten im Hüstelverbot in einem Konzertsaal eingezwängt zwischen lauter Leuten, die brav klatschen, niederzulassen, während alle, einer selbst eingeschlossen, sich irgendwie in Schale geworfen haben, dem sich alle unterwerfen, scheint es, dass Kunst sich immer “einem gesellschaftlichen Zusammenhang unterordnen muss”. Straßenmusik (Ortega), Cages 4’33 und Techno scheinen die folgerichtige Konsequenz.

  26. david schreibt:

    Weil es aber keine Sozietät mehr gibt (die Foyers der neuen Opernhäuser sind auch nur noch winzige Kantinen, in denen die Leute Brezeln essen und sich anrempeln, eben keine Foyers mehr), weil es keinen nennenswerten social space mehr gibt, hat man die Kunst allein gelassen. Techno ist zwar eine Konsequenz, ist aber aufgrund der Abwesenheit von G e i s t kein ästhetischen Zeichen mehr, sondern nur noch ein soziales Anzeichen.

  27. david schreibt:

    ästhetisches

  28. genova68 schreibt:

    „Jede/r meint, sich zu jeder Sache äußern zu müssen. Menschen, die keine drei Zeilen Kant, Hegel, Adorno gelesen haben, verbreiten dazu ihren Salms und äußern Gefühligkeiten, die im Schambereich liegen. Muschiphilosophie sozusagen. Ich werde aus genau diesen Gründen zur Musik nichts schreiben. “

    Sei nicht so streng mit den Menschen. Was ist das denn für eine Vorstellung, sich nur zu dem zu äußern, was man genau kennt? Dann müsste man ja ständig den Mund halten. Immer nur Expertenwissen? Als ob da irgendwas besser würde.

    „Ich werde aus genau diesen Gründen zur Musik nichts schreiben. “

    Du schreibst doch recht oft über Musik. Und warum sollte man zu Musik nichts sagen dürfen, wenn man kein Fachmann ist, was immer das sein sollte? Wir sind hier in der Blogwelt.

    Aber das ist ja ein alter Disput unter uns. Ich äußere mich zu allem möglichen, von dem ich keine Ahnung habe, vor allem in der realen Welt. Das führt immerhin zu interessanten Disputen. Und dann zu Lerneffekten.

    Solange andere die Möglichkeit zum Widerspruch haben, sollte man drauflosplappern.

  29. anne schreibt:

    Es ist interessanterweise schon bei Thomas Mann, und zwar im Doktor Faustus, die Rede von einer in Deutschland wundersamen Hochschätzung der Musik den anderen Künsten gegenüber. Sei man Schriftsteller oder gar ein Maler, so habe man von Anfang an ein ungleich geringeres Ansehen. Die soziale Konstruktion „Tonsetzer“ kommt besser weg als andere.
    Thomas Mann hat, wie gesagt, auf dieses gesellschaftliche Vorurteil hingewiesen.

  30. ziggev schreibt:

    @genova, wenn man – vollkommen ahnungslos – dennoch losschreiben will, ist es immer am interessantesten u. der Lerneffekt umso größer, wenn man in der Lage ist, sich ein ungefähres Bild machen kann von dem Ausmaß der eigenen Unwissenheit, davon, wie weit die eigene Unwissenheit eigentlich reicht. Immer an Sokrates denken, der zu wissen glaubte, er wisse nichts. Am Ende fällt das dann gar nicht mehr so auf.

  31. Bersarin schreibt:

    @david
    „Fraglich bleibt auch, wie ein Gedächtnis ohne Wiederholung überhaupt möglich sei.“

    Dies ist die Stelle, wo Derrida in seiner Celan-Lektüre einsetzt und den Begriff des Einmaligen, der bei Celan in seiner Büchernpreisrede eine zentrale Stelle einnimmt, dekonstruiert und in seiner Vielschichtigkeit zeigt. Darin, ganz bei Hegel: es ist das Hier-und-Jetzt, das Dies-da immer schon zum Verschwinden verurteilt. Ich schreibe dazu irgendwann etwas, ich sitze im Grunde schon lange an einem Text zur Poetik des Datums, das in seiner Struktur eben beides ist: einmaliges Ereignis und wiederholbar in Erinnerung, Eingedenken und Ritualen.

    @ ziggev
    Deine Vorbehalte gegen die Hüstler sowie die Antihüstler in Theater- und Konzertsälen und die Kulturabonnenten teile ich. Es hieße aber zugleich das Kind mit dem Bade auszuschütten, verzichtete man auf Konzerte. Wobei es mir scheinen will, daß eine Sonate von Beethoven doch etwas anders ist als ein Stück von Chuck Berry. Man soll sicherlich nicht Kategorisieren. Aber es gibt die erste Reihe und es gibt Rangplätze. Diese Ordnung ist zumindest in der Kunst nur unter einem Ganz-anderen aufhebbar.

    @ genova
    Nein, ich bin da streng. Aber es ist trotzdem ok, wenn sich jemand äußert, die Frage stellt sich nur, auf welche Weise das geschieht. Wenn ich apodiktisch behaupte, Richard Strauß sei herabgesunkener Wagner, dann muß ich das schon am Material selbst festmachen können und nicht bloß an Äußerlichkeiten. Sicherlich können sich über solche Prozesse auch Diskussionen entspannen. Aber es reicht nicht immer aus, steile Thesen aufzustellen, sondern gerade wenn ich von etwas wenig bis keine Ahnung habe – bei mir sind dies die Bereiche Musik, Ballett, Tanztheater, Oper – dann formuliere ich vorsichtig. Das bedeutet sicherlich nicht, expertenhörig zu werden und die Kritik abzuschalten. Oft kann auch aus der Position eines Menschen, der wenig bis nichts weiß ein aufschließender Blick erfolgen und ein Aspekt ins Spiel gebracht werden, den jener Experte nicht wahrnehmen konnte, weil er viel zu dicht vor der Sache sich befand.

    Daß ich zur Musik nichts schreiben werde, heißt nur , ich verfasse keine Musikessays oder -besprechungen. Dies halte ich für anmaßend. Sicherlich gibt es bei mir auch Texte zur Musik, aber dabei handelt es sich eher um eine Art von Essayprosa, in der ich Momentaufnahmen ablichte.

    @ Anne
    Eine Hierarchie der Künste aufzumachen, geht in der Tat fehl – sei das nun mit Hegel (Musik = geringe Stufe) oder mit Schopenhauer (Musik = höchste Stufe). Sowieso existiert Kunst vielfach im Verfahren eines crossover. Es verfransen und durchdringen sich die Gattungen. Kaum ein Theaterstück, daß nicht mit Videoeinspielungen arbeitet und zu einem guten Teil tritt die Bildende Kunst multimedial auf. Und die Oper ist wohl an sich schon multimedial angelegt.

    Allerding sei der besondere Sprachcharakter der Musik beton. Und an der Malerei stört mich zunehmend deren Vernutzung durch schnelle Rezeptions- und Kommunikationsakte.

  32. ziggev schreibt:

    @ anne: aber auf dieses (deutsche) Vorurteil hat Mann eben im Doktor Faustus hingewiesen, und eben dort (!) Bei Proust scheint mir doch die Sache etwas ambivalenter. Während die bildende Kunst mir mehr konstitutiv für dessen Werk zu sein scheint, wirkt es so, als ob, trotz der Debussy-Verweise (Impressionismus), Musik eher im diskursiven Modus verhandelt wird. Zumal, wenn ich mich recht entsinne, Nietzsche ein „großer Geist“, oder ähnlich, genannt wird, und im Plot durchaus die Frage verhandelt wird, ob man als Franzose während des ersten Weltkriegs Wager hören dürfe.

    @ bersarin, etwas provokant: „Wenn ich apodiktisch behaupte, Richard Strauß sei herabgesunkener Wagner, dann muss ich das schon am Material selbst festmachen können …)“ – Das hört sich fast so an, als ob Du bedauern würdest, es dem hochgeschätzen Adorno nicht gleichtun zu können …

    Bei Proust aber, der, jedenfalls soweit meine Wahrnehmung reicht, Wagner nicht als Kompositionsprinzip für sein Meisterwerk heranzog, haben wir noch einmal eine ganz andere Musikrezeption. Bei Proust vielleicht weder der Sprachcharakter der Musik noch der Musik Charakter der Sprache (Beckett u.a.), sondern vielleicht mehr Cezanne-Debussy ?

    … ach ja, und noch mal Ch. Berry. Es sind wirklich eigentlich nur (frühen) Studio-Aufnahmen. Bei den Sachen, die Du auf Youtube findest, handelt es sich um Arbeiten, wo sich eine lebende Legende halt sich seinen Groschen verdiente. Es ist Gebrauchsmusik.

    Danke aber, dass Du meine Nase noch mal auf Beethoven gestoßen hast. Die Sonaten sind mir z.z. noch etwas zu subtil (obwohl ich letztes Jahr jemandem anhand von Schumann durchs Abi brachte – der Lehrer lernt ja gemeinhin dann immer mehr als der Schüler, er hat´s aber geschafft!), stehe da mehr auf die Quintette, die sind mir eher noch „instrumental-verkörperlicht“ im Ensemble – und damit dichter am Rock ´n´ Roll – oder auf, ebenfalls für mein Gefühl sehr „körperlich“, Bachs Cello-Suiten. Aber Beethoven kommt dann als nächstes dran, versprochen.

  33. ziggev schreibt:

    ps, und, naja, was machte Ray Charles auf die europäische Klassik angesprochen? Er spielte die Mondscheinsonate an: „Ahhh, so beautiful!!!

  34. ziggev schreibt:

    der musikalische Charakter der Sprache.

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