Rahmungen eines Textes – „Aléas Ich“, zweite Lesung. Der Realismus der Literatur ist nicht die Realität

13_04_10

Und weil das für einige nicht ganz klar zu sein scheint, so sei ein Disclaimer vorausgeschickt: Dieser Text handelt von einem Text. Er hat nichts mit empirisch-faktischen Subjekten zu tun. Es geht um den Bezirk der Imagination – eine Welt, die zwischen (literarischem) Realismus und Phantastik, zwischen Leben und Tod, zwischen Lust, Liebe samt Verzweiflung als Formen des Imaginären ihren Ort hat. Jeglicher Positivismus ist zu meiden, weil er in die Irre führt. Der Schluß vom Werk auf die Autorin, auf den Autor oder noch viel schlimmer gestrickt: der Schluß vom Autor aufs Werk bleibt das amusische Verhalten schlechthin, ist der Schulfall von Banauserie, wie Adorno es formulierte. Franz Kafka wirkte als Schriftsteller und zugleich führte er die Existenz eines Verwaltungsangestellter, in Prag lebend. So sagt man. Wir wissen manches über ihn. Er hat sich jedoch – entgegen zirkulierender Gerüchte und entgegen der Annahme einiger leichtgläubiger Seelen – niemals in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt. Ebenfalls handelt es sich bei Aléa Torik nicht um ein personales Etwas oder ein Wesen, das sich in den Zuschreibungen, sie sei nun x oder gar y oder er oder anderes fassen ließe.

***

„Eigennamen, deren ‚Aussage‘ ein Gesicht bedeutet, Eigennamen sind unter allen Namen und Gemeinplätzen diejenigen, die der Auflösung des Sinns widerstehen und uns helfen zu sprechen. Erlauben sie uns nicht, hinter brüchigen Aussagen zwar das Ende der einen Verstehbarkeit (Intelligibilität), aber auch den Morgen einer anderen zu erahnen?“
(Emmanuel Lévinas, Eigennamen)

Die Wirklichkeit ist ein Text, die darin auftretenden Personen (man lese in diesem Begriff auch das Lateinische „persona“ für: Maske), die im Roman vorkommenden Tatsachen und die Begebenheiten sind erzählte. Sie unterliegen der Fiktionalisierung. Zumindest in der Literatur verhält es sich in dieser Weise. Was sollte die Wirklichkeit (in der Literatur) auch sonst sein? Die Wirklichkeit der Literatur ist die Literatur selbst mit all dem, was in der Literatur vorkommt. Die Literatur ist eine Wirklichkeit eigener Ordnung; sie folgt eigenen Gesetzen. Die Wirklichkeit der Literatur ist nicht dialogisch verfaßt, wie es die Hermeneutik sich wünscht, aber auch nicht monologisch konzipiert. Die Wirklichkeit der Literatur ist kein Tatsachen-Realismus. Die Probleme des Ichs einer erzählenden und zugleich erzählten Figur sind andere als die des empirischen Subjekts. Der Realismus der Literatur ist nicht die Realität. Nichts schlimmer als der Bitterfelder Weg oder das Gefasel von Empfindsamkeit, Bauchgefühl, Identifizierung mit einem Text, Offenheit, Gestimmtheit, Authentizität der Prosa und was der Phrasen mehr sind. Literatur ist im Idealfall das Messer, das die Augen und die Sinne ausschabt. Sie erzeugt keine Nähe, kein Verständnis, keine Verständigung, sondern sie ist die „Kunst der Entzweiung“, wie ein Buch des Philosophieprofessors Martin Seel heißt. Zudem: Literatur hängt mit dem Begriff der Zeit zusammen, sie arbeitet mit und zugleich gegen die linear verlaufende Zeit.

Vielfach stellt ein Roman eine Vorrede oder eine Art Präludium als Auftakt bereit, setzt nicht, wie Kafka oder Proust unvermittelt und wie ein Schlag ein: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ oder „Es war spät am Abend als K. ankam“: Lakonisch-großartig und eine geradezu absurde Eröffnung, die Ankunft verheißt. Aber natürlich kommt K. im weiteren Verlauf dieser Geschichte nirgends mehr an. Ganz anders wiederum Romane wie „Der Zauberberg“ oder „Don Quijote“, den ich im Zusammenhang mit „Aléas Ich“ nicht ohne Hintergedanken nenne. Sie machen im Auftakt, gleichsam als eine Art Vorsatz oder Präludium – schließlich geht nichts über ein gekonntes Vorspiel – das Erzählen selbst zum Thema: der Erzähler als raunender Beschwörer des Imperfekts, oder aber es wird ein Erzähler/Schreiber eingeführt, der die Vorrede als notwendig legitimiert, um überhaupt erst erzählen zu können. Die Vorrede selbst und nicht der literarische Text als solcher ist das schwierigste des gesamten Werkes und eröffnet die Paradoxie:

„Und wie ich einmal so unschlüssig dasaß, mit dem Papier vor mir, die Feder hinter dem Ohr, den Ellbogen auf dem Schreibtisch und die Hand an der Wange, erwägend, was ich sagen sollte, da trat unversehens ein Freund von mir herein, ein Mann von Witz und großer Einsicht; und als er mich so nachdenklich sah, fragte er mich um die Ursache. Ich hielt nicht damit zurück und sagte ihm, ich dächte über die Vorrede nach, die ich zur Geschichte des Don Quijote schreiben müsse und um derentwillen ich mich in einem solchen Zustand befände, daß ich sie gar nicht schreiben und ebensowenig die Taten dieses so edlen Ritters ans Licht treten lassen wolle.“ (Cervantes, Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha)

Bereits der erste oder zumindest doch einer der frühesten modernen Romane, der quer zur Form der Epik lag, begann mit einer paradoxen Situation, mit einem Verwirrspiel literarischer Subjektivität. Um das, was sich in dem Roman „Aléas Ich“ ereignet, halbwegs begreifbar zu machen, wären einige Ausführungen zur paradoxen Situation der Autorschaft und zur De-Konstruktion der Autorin, des Autors als Instanz nötig. Ein solcher Literaturessay kann naturgemäß nur knapp skizzieren und Aspekte fetzenhaft anreißen.

Diese Paradoxien in „Aléas Ich“ beginnen bereits auf dem Buchdeckel: Dort, wo der Eigenname der Autorin bzw. des Autors stehen sollte, befindet sich der Name einer Romanfigur, die sich als Autorin präsentiert, und an der Stelle, wo für gewöhnlich der Romantitel steht, der in der Welt der Literatur häufig ein Eigenname ist – von Anton Reiser über Madame Bovary bis zu Effi Briest oder Johann Holtrop –, da befindet sich der Hinweis auf Autorenschaft: Aléas Ich. Es müßte dort aber ein Eigenname stehen. Dieser Eigenname bleibt eine Leerstelle. Denn was ist Aléas Ich? Und für die hermeneutischen Tiefenschürfer, die Präsenzdenkerinnen und -denker sowie jene, denen die Welt der Maskerade und des Spiels immerzu suspekt bleiben wird, bildet diese Leerstelle das Skandalon. Denn Namen und Zuschreibungen machen nun einmal alles so fein handhabbar und verfügbar. Aber die Spaltung reißt mitten durchs Subjekte, und zwar geschieht sie in einer Form von Vielfalt.

Womit in einem Roman der Anfang zu machen sei? Es ist eine Frage des Rahmens. Gehört ein Rahmen noch zum Kunstwerk oder ist er lediglich Zierrat und Beiwerk, wie man es gerne bei Gemälden sieht? Womit beginnt ein Roman, was ist Bestandteil des Romans, welchen Eröffnungszug spielt er und wieweit greift er in die Realität aus, die er abbildet oder eher repräsentiert oder doch vielmehr verfremdet? Ein Text ist eine Realität sui generis. In diesem Werk der Aléa Torik gehört der Rahmen ebenfalls mit zum Kunstwerk, das sich zugleich ausgesprochen selbstreferentiell verhält. (Im nächsten Teil dazu mehr.) „Aléas Ich“ als einen postmodernen Roman zu bezeichnen – wobei „Postmoderne“ hier nicht pejorativ verstanden wird –, scheint mir angesichts der Unterminierung herkömmlicher Identitätskonzepte angemessen. Einerseits. Andererseits ist es nicht bloß ein Spiel, in dem Literatur auf Literatur verweist beziehungsweise mehr oder weniger gekonnt im Modus verborgener Zitate auf andere Werke der Literatur angespielt wird, so daß es eines Dechiffriersyndikats bedürfte. Sondern es erzählt dieser Roman – durchaus in einer konventionellen Weise – eine Geschichte. Jedoch, und das ist die Crux des Buches: es überschlagen und verweben sich in dieser Geschichte die Fiktionalisierungen, immer wieder laufen Szenerien und Figuren aus dem Ruder (auch dazu demnächst mehr). Auf der Ebene reiner Fakten können Leserin und Leser diesen Roman als die Geschichte einer jungen, aufstrebenden Schriftstellerin lesen, die bereits ihren ersten Roman veröffentlichte – nämlich „Das Geräusch des Werdens“. (Ich besprach dieses Buch hier und auch an dieser Stelle.) Und sie können im gleichen Zug erleben, wie die Situation entgleitet. Die junge Frau lebt in Berlin, sie erlebt dort Geschichten mit Männern, trifft Freundinnen und vieles mehr. Alles dies geschieht unter dem Namen Aléa Torik.

Wie kann eine Autorin ihren Text in ihrem eigenen Namen unterzeichnen und was bedeutet ein solcher (Schrift-)Zug? „Aléas Ich“ stellt im Modus literarischen Sprechens die Frage nach der Wahrheit des literarischen Textes. Die Produktion von Fiktionalität geht immer einher mit Amtlichem: der Frage nach der Unterschrift, die sich niemals beglaubigen läßt.

„Deutungs- und Archivierungstechniken von Literatur, Literaturmagazine also suchen die Wahrheit über Wörter seitdem beim Sprecher oder Schreiber. Was ein Witz ist. Als ob Eigennamen nicht Wörter wie alle anderen wären. Nur muß einer schon in der Irrenanstalt sitzen, um das auszusprechen. Als der Psychiater Navratil einen Schizo fragte, wann Werke gut seien, kam die nach allen Regeln unserer Kultur aufgesagte Antwort: ‚Wenn sie mit der Persönlichkeit übereinstimmen‘. Aber als er nachfragte, woran die Übereinstimmung zu erkennen sei, kam nur noch: ‚An der Unterschrift.‘“ (Friedrich Kittler, Wie man abschafft, wovon man spricht: Der Autor von „Ecce homo“)

Vielleicht sollten wir uns beim Lesen von Literatur wieder ein wenig mehr daran erinnern, daß die Eigennamen Wörter wie alle anderen sind – Wörter, deren Referent einer sehr speziellen Situation unterliegt. Im Falle der Literatur bleibt zuweilen der Referent unsichtbar und verkehrt sich wenn nicht in den unendlichen Text, dann doch zumindest in eine Fülle von Text.

(Ende des ersten Teils)

Alea Torik, Aléas Ich, erschienen im Osburg Verlag.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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84 Antworten zu Rahmungen eines Textes – „Aléas Ich“, zweite Lesung. Der Realismus der Literatur ist nicht die Realität

  1. Der Buecherblogger schreibt:

    Das klingt bis zum Schluß wie eine Verteidigungsrede, ein Plädoyer für einen angeklagten Autor und zeichnet damit weite Teile des Buches nach, die sich auch wie eine Selbstrechtfertigung lesen. Was mich am meisten bei dieser „Rezension“ stört ist, dass Sie von einem selbstgerechten Philosophenturm aus die Welt der Leser vollkommen aus dem Blick verlieren.
    Über den eigentlichen Text sagen Sie so gut wie nichts, weder sprachlich noch inhaltlich. Jeder an dieser genialen Fehlkonstruktion von Autorschaft zweifelnd Andersdenkende wird gleich zum veralteten Hermeneutiker des vergangenen Jahrhunderts degradiert und in bestimmten Passagen auch diffamiert. Das literarische Zwitterwesen Aléa Torik / Claus Heck bezieht seine mediale Aufmerksamkeit doch in erster Linie nur noch durch diesen Identitätsskandal, demnächst ja sogar im TV-Bereich bei Bauerfeind. Die Erzählperspektive in „Aléas Ich“ ähnelt dabei oft der Ihren. Sie zeichnet sich durch eine versteckte Überheblichkeit aus, die meint mit dem Leser Würfelspiele austragen zu müssen, ein vermeintlich geniales Spielszenario zu inszenieren, leider aber den Leser oft sprachlich angeblich absichtlich unterfordert.

    Nachdem ich das zweite Buch von Herrn Heck in diesem Sprachstil gelesen habe, scheint es mir eher so, als könne der Autor gar nicht anspruchsvoller erzählen. Diese ständige Umwandlung philosophischer Theoreme in Banalprosa ermüdet mit der Zeit. Etwa in der Art, die Banane ist krumm, sie hätte aber auch aus einem anderen Blickwinkel gerade sein können. Der Apfel ist grün, aber er kann zu späterer Zeit auch rot sein usw. Der Anfang mit der Rahmenhandlung in der Bibliothek ist auch sowas von oldfashioned, das konnte ja schon Storm im Schimmelreiter. Also ich erkenne zwar ihr Bemühen, ein philosophisches Plädoyer für Autor und Buch zu halten, aber wahrscheinlich hat Sie Claus Heck nur als seinen Literaturagenten unter Vertrag genommen und sie sind selbst unbemerkt zur Funktionsstelle geworden. Aber lassen wir den literarischen Tranvestiten ruhig weiter vor seinem! Notebook in ihrem! Blog mit Worten würfeln und sich selbst mit seiner eigenen Romanfigur verwechseln. Leider lässt sich die junge Dauerdoktorandin manchmal zu Beleidigungen übelster Art hinreißen, etwa in der Art, die alten Männer, denen sie das Herz gebrochen hätte, würden sie für ihre kranken Organe verantwortlich machen. Das wohlgemerkt, ist allerunterste Schublade!

  2. Bersarin schreibt:

    Da ich tagsüber mit anderem beschäftigt bin,, kann ich auf Ihren ausführlichen Kommentar erst später antworten. Mein Rat beim Lesen von Romanen vorab aber: Es ist nie gut, wenn man Personales und Text zu sehr verquickt.

    Die Hermeneutik Gadamerscher Provenienz ist ein Projekt der Identitätsphilosophie.

  3. Der Buecherblogger schreibt:

    Dass ich Gadamer in meinem Blog zitiere, heißt noch lange nicht, mit rein hermeneutischer Literaturtheorie oder seiner Philosophie übereinzustimmen. Mein letzter Blogbeitrag hielt sich streng an die eigene Vorgabe, bis auf eine kleine Anmerkung in einer Klammer, nur andere sprechen zu lassen, die auf einem Umschlag abgebildet waren. Andere sprechen zu lassen, das Konzept bis auf ein mittleres Kapitel in DGDW hat mir übrigens besser gefallen als die „Aléas Ich“-Erzählhaltung. Übrigens ist mir der Beitrag oben etwas zu emotional böse ausgefallen, ein verbitterter alter Knochen bin ich noch lange nicht und werde ich auch durch noch so intellektuell überhebliche Blogäußerungen nicht mehr werden. Mein Rat an Sie: lesen Sie nicht nur mit dem philosophischen Auge, Literatur ist keine Philiosophie, sie gibt sich nur ab und zu mit ihr ab. Ich trinke jetzt meinen Morgencappuccino und bin dann auch auf Tagesreise. Einen schönen Tag wünsche ich auch Ihnen trotz aller Differenzen oder gerade deshalb.

  4. david schreibt:

    Wer seine fünf Sinne noch beisammen hat und nicht gerade hegelcher Windbeutelei aufsitzt, der wird dem Herren Buecherblogger hier recht geben. Der sog. gesunde Menschenverstand wird leider allzuoft gerade von denen verschmäht, die ihn bitter noetig haetten.

  5. Bersarin schreibt:

    Hier im Blog gibt es keine Gefälligkeitskritiken. Private, halbprivate oder halböffentliche Streitereien zwischen Menschen interessieren mich nur insofern wie sie zur Literatur taugen. Ansonsten sind mir diese Dinge egal. Um hier angemessen urteilen zu können – wenn ich es denn wollte –, müßte ich die gesamte Aktenlage kennen. Ich will nicht herzlos klingen: Aber ich bin in der Welt der Blogs an Menschen nicht interessiert.

    Die Begriffe Selbstrechtfertigung und Selbstreflexion sind zwei Paar Schuhe. Für was sollte sich dieser Essay, für was sollte sich das Buch rechtfertigen müssen? Eine Lektüre, die diesen Aspekt von Selbstreflexivität bzw. einer Autopoiesis des Ich in die Schrift bringt, kann man Interpretation, Kritik oder Kommentar nennen. Sie rechtfertigt allenfalls die ästhetischen Mittel. Der Roman „Aléas Ich“ beschäftigt sich mit einer eigenwillig strukturierten Figur Namens Ich. Darauf weist bereits der Romantitel. (Und auch eines der Einleitungszitate – zu denen komme ich im zweiten Teil meiner Lektüre.) Der Text thematisiert dieses Ich und hat die damit einhergehende Subjektivität zum Thema, weshalb die Ich-Perspektive, aus der der Roman zu einem großen Teil geschrieben wurde, nur konsequent ist. Es handelt sich um ein Ich, das in einer Art Solipsismus sich verstrickt, und das sagt der Text auch deutlich: „Ich war das größte Problem, das ich hatte, und gleichzeitig die einzige Lösung.“ Welche Perspektive würden Sie für einen solchen Zusammenhang denn wählen? Ein Figurenperspektivismus wie bei „Das Geräusch des Werdens“ (DGdW) scheint mir in diesem Falle wenig angebracht.

    Zunächst aber: dieser Text hier im Blog ist ein Rezensionsessay, keine Besprechung im herkömmlichen Sinne, wie wir sie aus den Feuilletons im Ressort Buchbesprechung kennen. Ich legte in diesem ersten Teil implizit oder explizit auftretende Hintergründe und Achsen eines Textes frei, der sich mit der Reflexion des Selbst beschäftigt. Der zweite und möglicherweise auch der dritte Teil bauen das dann weiter aus. In solchem Verfahren immanenter Kritik gibt es keine feste Methode, sondern Lektüre und Gegenstand bedingen und durchdringen sich. Aléa Torik bespreche ich naturgemäß anders als Lily Brett, Lisa Kränzler, Leif Randt oder Judith Schalansky. Es ging zudem in diesem ersten Teil des Essays nicht um die Sprache des Romans, sondern um philosophische bzw. literaturtheoretische Implikationen, die im Textbegriff stecken. Es gibt Werke, die sind näher an der Literaturtheorie dran, weil sie Themen aufgreifen, die auch in der Philosophie verhandelt werden (Eco, Calvino, Borges), andere Werke sind da eher ferner. Deshalb sind diese Bücher nicht schlechter oder besser als jene. Generell gilt: Literatur ist ein eigenständiges Medium und keine Magd der Philosophie. Es kann aber nicht schaden, ein Buch so zu lesen, daß es auch dem Text und nicht bloß dem Strömen der Befindlichkeiten gerecht wird. Ein Buch dient nicht dazu, mich im Zusammenhang der feinen Konsumwelt und als Kompensation von den Zumutungen des Alltags zu erbauen. Zumindest ist dieses unterhaltende Moment nicht primär. Auch wenn uns die Wellnessindustrie und die Anästhesisten des Kulturbetriebs dies beständig suggerieren wollen. Sätze wie: „Dieses Buch hat viel mit mir zu tun“, „Dieses Buch berührt mich“, werden Sie in diesem Blog nicht finden, weil sie Gesinnungskitsch sind.

    Leserinnen und Leser sind nur bedingt von Interesse: es geht hier um Texte, die auf eine bestimmte Weise im Sinne einer an Positionen der Philosophie bzw. Ästhetik orientieren Weise in die Lektüre genommen werden. Wer bloß zum Vergnügen liest, um die Lebenszeit angenehm sich zu gestalten, ist in diesem Essay falsch. Man kann da gar nicht arrogant genug sein. Ich gehöre übrigens zu denen, die für Literaturwissenschaftliche Seminare schon immer Aufnahmeprüfungen gefordert haben. (Ähnlich wie an den Kunsthochschulen. Wer gerne aus Genußfreude liest, soll das privat machen, aber damit keine Seminare und die Arbeit darin behelligen.)

    In der Literatur ist übrigens manches schon einmal dagewesen. Auch das „Foucaultsche Pendel“ (von „Der Name der Rose“ ganz zu schweigen) lebt von der Bibliothek und der „Faust“ benötigt sie (da heißt sie Studierstube) und bei Borges ist sie gar unendlich. Daß eine Schriftstellerin dort ihren Platz hat, weil sie an einer Dissertation schreibt, mag für die einen ungewöhnlich scheinen, für mich nicht. Die Rahmenhandlung ist natürlich passend, weil innerhalb dieses Intervalls von Zeit der Roman geschieht. Auf diese Struktur von Zeit und Textraum müßte ich jedoch noch eingehen.

    Daß Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre Bücher vermarkten (z.B. durch Fernsehauftritte oder Interviews) ist in einer Wirtschaft mit Markt nun einmal notwendig. Ansonsten gäbe es innerhalb dieser Sphäre keine Verlage. Man mag das gutheißen oder nicht. Es ging im Falle Aléa Torik nicht darum, ganz bewußt einen Skandal herbeizuführen. Hätte man mit einer jungen Intellektuellen aus Rumänien werben wollen, so wäre es ein Leichtes, auf die Verlagshomepage und auf der Umschlagseite 4 das Bild einer irgendwie attraktiven Frau unterzubringen. Das wurde aber nicht getan. Es geht hier um einen Text. Erzählt wird die Geschichte eines Wesens, das auf eine bestimmte Weise ein Ich erfindet. Über die sprachlichen Mittel kann man streiten. Die Prosa ist wenig experimentell oder artifiziell gehalten. Die Sätze sind zumeist knapp gehalten. Wenn man diese – scheinbar – einfache Sprache aber bewußt wahrnimmt, so ist sie von der Fügung der Worte durchaus mit Bedacht gesetzt. Insbesondere im lauten Lesen können Sie das vernehmen.

    Ob in einem Buch nun alle Bilder, Metaphern und Bezüge gleichgut gelungen sind, ist eine andere Frage. Und ich schrieb in meiner Besprechung nirgends, daß es sich um die literarische Sensation seit den letzten 20 Jahren handelt. Solche Ausnahmebücher sind nun einmal sehr selten.

  6. Bersarin schreibt:

    @ david
    Der gesunde Menschenverstand ist sicherlich eine feine Sache beim Autoreparieren, beim Öffnen von BHs, beim Schneiden von Fleischfilets oder beim Kauf eines Smartphones. In der Literatur (sowohl beim Schreiben als auch Lesen) sind allerdings andere Kriterien erforderlich. Welchen Salms lieferst Du uns als nächstes, David? Anstand, Sitte und Moral?

    Wenn Du unbedingt einen Deiner fünf Sinne aktivieren willst, dann iß doch das Buch auf.

  7. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    ich mag den Begriff der Postmoderne nicht sonderlich. Obwohl ich in gewisser Weise in der postmodernen Tradition stehe. Aber ich überschreite sie auch. Ich will zurück zu einem, sagen wir ruhig konventionellem Erzählen. Oder ich will nicht zurück, ich will weiter. Aber ich weiß nicht genau in welche Richtung. Also bin ich mit „Aléas Ich“ mal losgerannt, um dann zu sehen, wo ich ankomme. Die sogenannte Postmoderne hat keinen sonderlich guten Ruf. Sie war immer, meine ich, eine ausgesprochen exklusive Theorie, die ihren Weg nie in die Niederungen der Leserschaft gefunden hat. Alles, was wir heute von der Literatur und dem Literaturbetrieb kennen, ist gerade so als hätte es diese Theorie(n) nie gegeben. Oder sie wird auf Schlagworte reduziert. Ich stehe teilweise in ihrer Tradition, auch wenn ich eher eine erzählende Literatur mag, ich stehe im Grunde nur in der theoretischen Tradition, ohne deren Auswirkungen in meine Texte übernehmen zu wollen. Aber auch wenn ich es nicht will: ich tue es wohl dennoch.

    Worum geht’s in „Aléas Ich“? Um eine Schriftstellerin, die einen Roman über sich schreibt? Mitunter. Es geht vor allem darum, was geschieht, wenn eine Person – Schriftstellerin oder Bordellbesitzerin – „Ich“ sagt. Wenn eine Person – weiblich oder männlich – anfängt, sich und seine Welt zu gestalten, auszuformen, mit Gegenständen und Vorstellungen – moralischer und unmoralischer Natur – zu füllen und ein Mensch anfängt, sich in der Auseinandersetzung mit anderen zu formen. Eine Figur namens Aléa Torik, die bereits eine Geschichte zu haben scheint, sie aber in Wirklichkeit erst in Verlauf dieses Romans bekommt: indem sie sie erzählt. Denn das ist es was Schriftsteller machen. Das ist die Realität des Textes. Aléa Torik ist nicht vorher da, sondern entsteht in der Erzählung, in dem Roman, den sie dort schreibt. Und – so mein Verständnis der Sache, das in gewisser Weise exklusiv ist, weil ich nicht nur diesen einen Text kenne, sondern auch noch einige andere, die jetzt nicht mehr vorhanden sind, Entwicklungen, die ich habe aufgeben müssen: exklusiv also, aber nicht maßgeblich für andere -; in dem Maße, in dem der Leser mehr über die Figur des Romans erfährt, begreift er, dass er wenig und weniger werdend über die Autorin weiß. Am Ende weiß gar nichts über sie. All sein Wissen ist ein Wissen über die Figur. Wie das in Romanen so ist. Was der Leser in der Hand hat, das ist der Roman, den die Figur Aléa Torik geschrieben hat. Das ist ein fiktiver Roman, den es streng genommen gar nicht gibt. Weil das ja nur der erfundene Text in einem realen Text ist. Den realen Text gibt es zwar, aber man weiß nichts über seine Autorin und kennt auch seinen Titel nicht. Weil der erfundene Text davor steht und sozusagen den Blick auf die Realität verdeckt: Die Sprache verdeckt den Blick auf die Realität. Sie ist die einzige Realität die wir haben.

    Was ist das Wirkliche an der Wirklichkeit?, fragt Joseph Vogl seine Promovendin im zweiten Kapitel. Eine berechtigte Frage. Was ist ein Anfang? Anfang, vor allem Anfang. So lautet der erste Blogeintrag in meinem Blog. Ein Blog, das ein Teil des Romans „Aléas Ich“ ist und dessen erster Eintrag eben „Anfang, vor allem Anfang“ ist. Der Anfang, wird in diesem Artikel ausgeführt, liegt vor dem Anfang. Wo fängt ein Buch an? Bevor es anfängt. Das sagst du ja auch so. Es beginnt auf dem Cover, mit dem Titel, mit dem Namen der Autorin. Etwa in der Mitte des Romans stellt sich dieses Kapitel, das Gespräch mit Joseph Vogl, als fiktiv heraus: es ist das erste Kapitel des Romans, an dem Aléa arbeitet. Das erste Kapitel des fiktiven Roman ist also das zweite des wirklichen. Was ist ein Anfang? Was ist das erste und was das zweite, das abgeleitete? Das sind Fragen, die sich Cervantes und Borges, der vor allem, als er behauptet hatte, dass Pierre Menard den Don Quijote geschreiben hat, gleichermaßen gestellt haben. Aléa erzählt ihrer Freundin Luise, dass sie Joseph Vogl das erste Kapitel ihres Romans gegeben habe, weil sie wissen will, was er davon hält. Die Frage ist also: welches Kapitel hat Joseph Vogl gelesen, das erste Kapitel des echten Romans oder das erste des fiktiven? Wo fängt ein Buch an? Wo fängt die Lektüre an, wo beginnt das Sprechen? Wir sind, wenn wir damit anfangen, immer schon mittendrin.

    Wenn wir ‚Ich‘ sagen, dann produzieren wir die erste Fiktion. Manche können sich ein Leben lang nicht davon trennen, sie halten sich wirklich für das, was sie da sagen. Sie halten sich für ein Wort. Und fühlen sich noch ganz authentisch. Oder sie halten sich für das, was sie sehen. Sie schauen sich morgens im Spiegel ins Gesicht und halten das, was sie da sehen, für absolut wirklich. Sie halten sich für ihr eigenes Ich. Cool! Aber ich frage mich, wo das ich anfängt, wo ich Ich-selbst bin und wo der andere anfängt, seine Meinung, seine Auffassung von etwas, seine Liebe und sein Hass, wo da anfängt, ein Teil von mir zu werden. So wie ich ein Teil von ihm bin. Ja, wahrscheinlich ist „Aléas Ich“ ein postmoderner Roman. Vielmehr, weil die Postmoderne ja tot ist, abgehakt, ein aleatorischer Roman. Der erste dieser Richtung. Einer musste ja damit anfangen. Eine!

    Bevor ich es vergesse: deine Formulierung mit dem Schrift-Zug gefällt mir ganz besonders: Aléa verwandelt sich ja auf den Fahrten von und nach Rumänien, alles Fahrten, die sie mit dem Zug absolviert. Einmal sagt sie: „Ich bin niemals vollständig ich selbst, sondern immer auf dem Weg, es zu werden. Auf dem einen oder auf dem anderen Weg, in diese oder in jene Richtung. Ich bin ein ungreifbares Selbst dazwischen“ (AI, 136). Und die große Spaltung in diesem Roman, die zwischen Wirklichkeit und Imagination wird auch wie eine Situation im Zug beschrieben: „Die Wirklichkeit war für mich nur noch etwas, das auf einem Nebengleis daher lief, ein Zug, der annähernd dieselbe Geschwindigkeit hatte wie mein eigener, der in dieselbe Richtung fuhr und dessen Insassen sich auf eine seltsam verzerrte Weise erkennen, zu denen ich aber keinen Kontakt aufnehmen konnte. Wir standen einander gegenüber und sahen uns gegenseitig an. Oder wir sahen nur unsere eigenen Spiegelbilder in den dazwischenliegenden Scheiben, während sich einer der beiden Züge nahezu unmerklich langsam am anderen vorbeischob und weder die Insassen des einen noch die des anderen Zuges zu sagen vermochten, ob sie im schnelleren oder im langsameren der beiden saßen, und …“(AI, 327).

    Ich freue mich auf die nächste Lieferung.

    Aléa

  8. ziggev schreibt:

    Bersárin (?)

    „Es war freilich nicht fein, dass er sich mit meinem Namen diesen Spaß erlaubte; denn der Eigenname eines Menschen ist nicht etwa wie ein Mantel, der bloß um ihn her hängt und an dem man allenfalls noch zupfen und zerren kann, sondern ein vollkommen passendes Kleidungsstück, ja wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen.“ – (Goethe zeigt sich hier etwas indigniert, weil Herder in einem Brief mit seinem Namen und folgend mit „Gothen“, „Kothe“ zu spielen sich erlaubt hatte.)

    Diese (vermutlich hinlänglich bekannte) Lieblingsstelle von mir in Goethes „Dichtung und Wahrheit“ recherchierend stieß ich beglückt auf eine für meine Verhältnisse gut lesbare Zusammenfassung der Geschichte der Philosophie des Eigennamens. (Dort auch weitere Literaturempfehlungen zu ausführlicheren Zusammenfassungen.) Diese Quelle erwies sich als brauchbar, um Deinen Essay, also die Aussagen, die Du triffst, besser einordnen zu können, sprich, ihn eigentlich erst lesen zu können, ohne hinterher so klug als zuvor dazustehen.

    Nun, ich kannte ja vage die Debatte um Eigennamen und Kennzeichnung, als da wären „der gegenwärtige glatzköpfige König von Frankreich“ und dergl. (besonders beliebt in der analytischen Philosophie), also um die Frage, ob Eigennamen letztlich lediglich Kennzeichnungen sind, oder ob es sich nicht vielmehr so verhält, wie es Goethe so anschaulich darstellt. Wie ich nun nachlesen konnte, geht die Diskussion vom Kratylos-Dialog bei Platon (wenn nicht gar bereits Parmenides) über G. Frege bis nicht zuletzt S. Kripke. (Wittgensteins Position hier ist mir nicht bekannt, würde aber gern nochmal dem auf die Spur kommen, ob der Sprachpragmatiker und Nicht-Aristotelesleser eben dieser Stelle wegen „Dichtung und Wahrheit“ zu seinen Lieblingslektüren zählte.)

    Von mir also mehr Fragen, mal wieder, als Antworten. Selbstverständlich freue ich mich über die Sprachspiele, die die Literatur hier bietet. Von Odysseus´ respektive Carrolls „Niemand“ („Aber so viel weiß ich, daß niemand viel schneller läuft als ich (…)“) über Alea Toriks (Selbst?)Namensgebung – anstelle den Namen auszuwürfeln, benannten ihre Eltern sie schlicht nach dem Würfel, keine schlechte Idee, gefällt mir – bis zu Rumpelstielzchen, das sich bekanntlich bei Bekanntwerden seines Namens schlicht in zwei Stücke zerriss! (Riss durchs Subjekt.) Habe ja schon mal versucht anzudeuten, dass meine Sympathien hier beim Nominalismus liegen, imho liegen hier Vorteile, die es uns ermöglichen, einzusehen, dass Begriffe wie „Die-und-die-Rasse“ willkürlich gewählte Definitionen sind. Schon von hier aus, meiner bescheidenen Meinug nach, wirklich nur eine Anfangsintuition, können wir, ohne „Dekonstruktion“, einsehen, dass „Rasse“ kein wissenschaftlicher Begriff ist. (Was etwa K. Roenicke von Noa Sow gelernt haben will.)

    Damit will ich nicht gesagt haben, dass Dekonstruktion Unsinn ist. Ein solches Urteil steht mir nicht an. Wir haben jedenfalls in der Literatur diese wunderbaren Spielereien mit den mehr oder weniger anhaftenden Namen (bzw. „Namensbedeutungen“). Mit Unnennbarem, Namenstabus (Rumpelstielzchen), Alliterationen usw.

    Zitat, Bersarin: „Vielleicht sollten wir uns beim Lesen von Literatur wieder ein wenig mehr daran erinnern, daß die Eigennamen Wörter wie alle anderen sind (…)“

    Hier scheinst Du doch der „Kennzeichnungs-Theorie“, wenn ich diese Richtung einmal so nennen darf, des Eigennamens anzuhängen. Das Spiel, so mein Eindruck nach meiner Anfangsreche, das Spiel geht aber doch mit Goethes Indignation, den ich weiterhin als paradigmatisch für die entgegengesetzte Position ansehen möchte, erst richtig los, oder nicht? Nun gut, der speziellen Situation der Referenten dieser Wörter auf die Spur zu kommen – dafür gibt es wohl so Bücher wie „Aléas Ich“.

    BTW, „Bersarin“ wird doch auf der vorletzten Silbe betont, wie ich es mal gelernt habe, dass es so im Russischen üblich sei? Ich lese immer, vermutlich falsch, die erste betont. Darf ich es weiterhin so halten, oder bestehst Du auf der – wie ich vermute – richtigen Aussprache?

  9. ziggev schreibt:

    … soll natürlich heißen „Anfangsrecherche“, nicht wie oben.

  10. david schreibt:

    Aus Ihrer Antwort geht hervor, dass Sie mich für einen philosophischen Analphabeten halten. Weit gefehlt!

    Weshalb ich auf den gesunden Menschenverstand, der als Werkzeug zuverlässige Dienste leistet, hingewiesen habe, das hängt mit dem Gegenstand der Auseinandersetzung zusammen. Dieser befindet sich bei näherer Betrachtung – u n t e r aller…. Kritik! Die feinen Zirkel und Messgeräte der Kritik nehmen ihn ganz einfach nicht wahr. Die kantische Herabsetzung der Dialektik zur „Logik des Scheins“ mag philosophisch eine interessante, wenn auch rein erkenntnistheoretische Frage sein. Und für Kant war es auch eine rein erkenntnistheoretische Frage (über die Beschaffenheit der Welt an sich machte er bekanntlich keine Aussage). Aber indem dieser Aspekt immer und immer wieder und in mannigfacher Verkleidung vorgeführt wird, breitet sich ein schillerndes Deckbild über die literarisch anhängigen (denn es handelt sich doch um Literatur als Kunst) Fragen . Fragen , die die Art des Darstellens betreffen. Einsichten in die Formstrukturen und Formabsichten müssten sich ergeben; welcherlei Stilprinzip in alle Einzelgestaltung hineinwirke, welche sich ergebenden Formprobleme führen dann vielleicht zu einem besseren Verständnis oder Kennzeichnung des I n d i v i d u a l s t i l s.

    So aber, wie es hier geschieht, bedarf es nur noch des Kindes, welches in Ansehung des nackten Königs ruft: „Aber er hat ja gar nichts an!“

  11. david schreibt:

    Ich konnte nicht einschlafen und bin immer wieder aufgeschreckt, weil mir allerdings ästhetisch folgender Fehler unterlief: im Märchen ist der König gar nicht nackt, sondern in seiner Unterwäsche. Da habe ich einen etwas vereinfachten, nicht immer möglichen Übergang gemacht, was logisch einer metabasis eis allo genos gleichkommt.

  12. Bersarin schreibt:

    @ all
    Ich werde demnächst antworten. Ich bin zeitlich ein wenig eingespannt, muß arbeiten und habe Besuch, da kommt man wenig zum Schreiben.

    @ Ziggev
    Bersarin wird auf der ersten Silbe ausgesprochen. Ja. Später mehr.

    @David
    Hast Du das Buch denn gelesen? Ein wenig schreibst Du an diesem vorbei und akklamiertst anderen. Die Sicht des Bücherbloggers nehme ich so wahr wie sie ist, wir differieren in der Betrachtung. Was Dich von ihm aber unterscheidet: er hat das Buch gelesen.

    Der gesunde Menschenverstand mag so gesund und kraftvoll sein wie der deutsche Michel, er ist für vieles nur leider unzureichend, gar unbrauchbar. Wer sein Handeln und Denken auf den gesunden Menschenverstand abonniert, der baut sich Baumhäuser oder Holzhütten, aber er liest nicht oder beschäftigt sich mit Kunst samt Philosophie.

    @ Aléa
    Genau um diese Produktion von Fiktionen geht es, wenn jemand ich sagt: der Essay kommt darauf noch zu sprechen, insbesondere über die Einleitungszitate.

  13. Der Buecherblogger schreibt:

    Um mit Bezug auf Luhmann zu sprechen: eine Philosophie, in der das Subjekt als menschliches nicht mehr vorkommt, sondern nur noch als Bestandteil von unabhängigen Systemen betrachtet wird, mag sich zwar als soziologisches Beschreibungsmodell eignen, jedoch nicht als solches der Kommunikation. Ich betrachte Bücher und Blogs als zwar eingeschränkte, aber schon miteinander in Beziehung stehende Kommunikationssituationen, allerdings wiederum als voneinander unterschiedene.
    Die Figur Aléa Torik verhält sich nun so wie ein Textsystem, das vorgibt, sich selbst zu schreiben, ein im Luhmannschen Sinne geschlossenes System. Gleichzeitig hat der Initiator dieses Systems, der Autor Claus Heck jedoch das Bedürfnis über sein System hinaus zu kommunizieren. Er tut das jedoch nur hinter der geschützten Maske seines geschlossenen Systems. Aléa Torik ist nicht Claus Heck, wie dieser ab und zu krampfhaft dennoch mit dem apodiktischen Satz „Ich bin Aléa Torik“ zu behaupten versucht. Die Kunstfigur kann ihren Autor gar nicht kennen, denn sie kennt logischerweise auch Claus Heck nicht. Wir sollen nun also in einem Weblog mit einem Sprachroboter und spielerischem Zufallsgenerator kommunizieren, der außer sich selbst vorgibt, seinen Schöpfer nicht zu kennen. Das erinnert mich beinahe deckungsgleich an HAL, den Bordcomputer aus „2001 im Weltraum“. Er trug auch so verzweifelt menschlich simulierende Züge. Ob sich die Kommentatoren hier oder in dem Blog „Aleatorik“ mit einem Bordcomputer unterhalten möchten, sei ihnen überlassen. Ich für meinen Teil unterhalte mich nur in einem Buch mit einem Text, nicht mit einem Bordcomputer in einem Blog. Guten Morgen.

  14. david schreibt:

    Ja, ich habe im Buch gelesen. Der aleatorisch zusammengewürfelte Zettelkasten blutleerer „Identitäten“ beinhaltet für mich keine Denkwürdigkeiten, obschon die gleichsam monomanisch kreiselnde Insistenz aufs Beliebige an die unerschütterlichen Abläufe erinnert, wie sie Wahnsystemen eignen. Ein tragisches Leben a la Schreber vermute ich dennoch nicht dahinter. Die Anleihen bei den diversen Theorien der Dekostruktion sind der reine Eklektizismus.

  15. ziggev schreibt:

    die Luhmann-Rezipienten drehen sich immer nur im Kreise, mit Verlaub. Und sagen es dann noch aus. „Gleichzeitig hat der Initiator dieses Systems, der Autor Claus Heck jedoch das Bedürfnis über sein System hinaus zu kommunizieren.“ Bedürfnis KOMMA, über sein System usw., bitte. Eine Philosophie, die nicht in der Lage ist, sich über die eigenen Zirkel hinauszubewegen, über ihr „System hinaus zu kommunizieren“, sollte nicht über die vermeintlichen Zirkel anderer Philosophien philosophieren.

  16. Der Buecherblogger schreibt:

    Dass ich den Infinitivnebensatz vergaß durch ein Kommata abzutrennen, sei mir in der morgendlichen Frühlingshitze hoffentlich verziehen, werte Philosophengemeinde. Luhmann kennt in seiner Systemtheorie allerdings auch offene Systeme, die sich erst in und durch die Kommunikation erhalten. Insofern ist die sich ständig nur selbst referenzierende Rumänin auch zu bedauern, denn sie wohnt hinter ihren eigenen Mauern, die Sie wie eine Burg verteidigen muss. In der ständigen kommunikativen Hoffnung, dass auf ihrem Kontakthof mal wieder jemand ins Spinnennetz gerät.

  17. Bersarin schreibt:

    @ David
    Dein Urteil fällt mir im Hinblick auf das Buch zu pauschal aus, hat mit Analyse wenig zu tun. Zumal Du den literarischen Charakter der Wahnsysteme nicht erfaßt (Stichwort Olga). Was ist denn an dem Roman so beliebig?

    Zudem, auch wenn es nach der Lektüre meines Essays den Anschein haben mag: Literatur illustriert nicht die Philosophie und liefert im Modus des Sinnlichen die Anschauung der Theorie (das sinnliche Scheinen der Idee: die Hegelsche Ästhetik ist leider der schwächste Teil seines Systems), so wie umgekehrt die Philosophie nicht mit Hochdruckeinsatz in den Text gepreßt werden sollte. Der Eigenwert bleibt die erzählte Geschichte, sie kann, aber sie muß sich nicht mit der Philosophie, der Theologie, der Naturwissenschaft oder sonst etwas koppeln. Und das, was da erzählt wird, von der Episode mit dem Literaturwissenschaftler Vogl bis zum Ende von Olga ist eine gut gebaute Geschichte, die es meines Wissens in dieser Weise noch nicht gibt, die in bezug auf den Modus der Identität so noch nicht erzählt wurde. Insofern paßt der Hinweis auf den Eklektizismus nicht – zumal sich von allem unter der Sonne behaupten läßt: es wurde schon einmal erzählt: die ewige Liebesgeschichte: boy meets girl. Oder für unsre Genderfreunde: girl meets gender-cis-woman. DIe Leier von Nichts Neues unter der Sonne und „Der Kaiser ist nackt“: es läßt sich von Lessing über Kafka bis Goetz solches behaupten. Who cares?

    Aléa Torik hat in ihrem Kommentar, mit dem ich weitgehend d‘accord gehe, beschrieben, was sich in diesem Buch zuträgt. Wie beispielsweise würdest Du denn die Figuren Olga und Luise lesen? Würde mich sehr interessieren.

    Was Du zu Kant schreibst, betrifft die Erkenntnistheorie, aber nur bedingt die Literatur. Es gibt keinen Gegenstand unter aller Kritik, sondern jede Sache kann Gegenstand der Kritik werden, Sache und Methode sollten sich dabei aber nicht äußerlich sein. Dann klappt es auch mit den sogenannten Instrumenten. Wobei mir dieser Begriff nicht sehr zusagt, weil dies bereits bedeutet, einer Sache mit Spießen und Stangen zu Leibe zu gehen, Und am Ende geschieht es dem Kritiker oder der Kritikerin wie bei den sieben Schwaben.)

    Im Hinblick auf Kant über den Begriff des Scheins Bezüge aufzubauen, verfehlt den Roman, Du setzt die Instrumente (um in Deiner Diktion zu bleiben) dort an, wo sie nicht hingehören. Zumal es Kant um unabweisbare Fragen der Metaphysik sowie um die Bedingungen der Möglichkeit von Metaphysik geht: Transzendentale (nicht transzendente um ein wenig zu scherzen) Dialektik. [Diese Dialektik ist eine völlig andere als die Hegelsche.] Du beziehst Dich auf die Philosophie, scheint bestimmte Positionen zumindest zu kennen. Das ist fein. Nur: es ist in diesem Falle die falsche Blickrichtung.

  18. Der Buecherblogger schreibt:

    Für den Auftritt bei Bauerfeind würde ich eine Perücke aus feinstem rot-braunem Galloway-Haar vorschlagen. Das erhöht die Authentizität der Autorin. Es steigert sie geradezu ins Wahrhaftige.

  19. Bersarin schreibt:

    @Bücherblogger
    Ich würde es mal so sagen: die Literatur ist systemtheoretisch gesehen eine besondere Weise von Kommunikation. Allerdings würde ich mich nicht zu sehr auf das rezeptionsästhetische Moment von Literatur kaprizieren wollen. Luhmann erklärt mittels seiner Systemtheorie eher die Wirkungsweise von Kunst, nicht aber bekommt er die Frage der Ästhetik nach der Wahrheit des Gemachten in den Griff. Warum sollte ein Text mit dem Leben eines Subjekts angefüllt sein? Es ist ein Text. Das Spiel funktioniert. Und es geht, so wie Aléas Ich es beschreibt, der Weg des Romans vom Beginn in der Bibliothek bis hin zum Ende in der Bibliothek. Für eine Dissertation über Fiktionalität, an der Aléa schreibt, ein passender Ort

    Begriffe wie Authentizität haben in der Literatur nichts verloren. Jede Form der Authentizität ist immer eine Form der Täuschung: sie wissen nicht, wer ich bin, ich nicht, wer David ist, und so weiter und so fort. Ist David eine Frau, ein Mann? Ist ziggev eine Frau oder ein Mann? Ganz gleich: was zählt ist das Spiel und die Texte, die hier geschrieben werden. Bei Ihnen ist es leichter, da sie unter Klarnamen schreiben. Aber auch das kann eben zugleich eine Fiktion sein. Darum und nur darum geht es in bezug auf die Kunst. (Wenn sich Leben und Kunst durchdringen wird es heikel. Was zwischen Ihnen und Aléa Torik sich nun abgespielt haben mag, müssen Sie bitte miteinander abmachen. Mich interessiert das nicht, so wie mich überhaupt sogenanntes Menschliches nicht interessiert. Ich lebe ein abgeschiedenes Leben und möchte mit so wenig Menschen wie möglich in Berührung kommen.)

    Daß jemand in Fernsehsendungen auftritt, ist an sich und als solches nicht verwerflich. Sie mögen sich durch Aléa Torik getäuscht gefühlt haben. Aber das ist ihr Problem, nicht das des Textes. Freilich sollte man im Leben Wirklichkeit und Fiktion dann auch wieder auseinanderhalten können. Das ist nicht jedermann gegeben: Ich lernte kürzlich eine Frau kennen, die dies nicht vermochte und das nahm so groteske Züge an, daß die Frau sich tatsächlich in einem Hotelzimmer meinen Perso zeigen ließ; sie hält mich wahrscheinlich sogar für den eigentlichen Autor dieses Buches „Aléas Ich“. Im Leben ist nichts so abstrus, daß man es nicht in die Literatur bringen könnte. Ich nehme die Dinge des Lebens als solche wahr. Auch die Paranoia.

  20. Bersarin schreibt:

    @ Aléa Torik
    Der Begriff der Postmoderne ist schillernd. Deine Frage nach der Wirklichkeit ist ja die einschneidende Frage der Literatur und Du hast in Deinem Roman darauf eine (von vielen möglichen) Antworten gegeben.

    Was mir an Deinen Ausführungen, denen ich im Grunde nicht viel hinzuzufügen habe, gefällt, ist der Umstand, daß Du nicht irgend welchen Schriftsteller-Blahfasel produzierst: ich saß nächstens in Berlin in einem Café: da sah ich jene Frau mit den gelockten Haaren, die mit dem starken Akzent sprach …Und ich dachte mir sofort, daß sich in diesem Moment eine Geschichte zusammenbraut. Obwohl: Kann man auch so machen, wenn es tricky daherkommt. Auf den Montag auf 3sat bin ich bereits

  21. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Danke für die Goethe-Episode aus „Dichtung und Wahrheit“: wie passend und es ist lange her. Den Niemand aus der Odyssee wollte ich ebenfalls anbringen.

    Was diese Aspekte vom Wahrheitsgehalt eines Textes anbelangt: Immer wieder möchte ich auch auf diese großartige Interpretation Adornos verweisen: „Versuch, das Endspiel zu verstehen“. Interessant an dieser Lektüre ist, daß hier in gleichsam dialektischer Weise ein Text (nämlich der von Beckett) komplex gelesen wird, und zwar bis hin zum Äußersten: der absoluten Negativität, der Todeserfahrung als literarisches Bild, denn darum geht es in der Kunst ja wesentlich: die Präsentation von Bildern im Modus einer Repräsentation. Und die letzte Frage: wie kann das Bild des Todes als ein dialektisches geformt werden. Einen einzigen Aspekt aber übergeht Adorno in seiner hochkomplexen Lektüre: nämlich das, was bereits im Titel von Becketts Stück steht: das Spiel als Spiel genommen. Ich möchte die Kunst nicht irgend einer Seite zuschlagen und sie dingfest machen. Wer sie dialektisch wahrnimmt, sieht ihre vielfachen, vielschichtigen Seiten: Und das Spiel (auch im Sinne des Aleatorischen) bildet eine Weise von Kunst, die Adorno aber gerade bei Beckett aus dem Blick verliert. Es gälte, insbesondere diesen Spielcharakter der Kunst nachzuzeichnen, ohne ihn dabei affirmativ zu überhöhen – hier wäre dann das textuelle Spiel einer Derridaschen Dekonstrukion, die freilich ihre melancholischen Züge nie ganz abzustreifen vermag, das Korrektiv. (Wobei Adorno das Aleatorische innerhalb der Kunst, insbesondere bei der neuen Musik, in seiner Ästhetischen Theorie durchaus wahrnimmt. Neben den Rissen im und durchs Subjekt, neben den Fiktionalisierungsleistungen – nämlich überhaupt erst Ich zu schreiben, was bereits eine Fiktion ist –ist eben auch das Spiel eine wesentliche Komponente in dem Roman „Aléas Ich“.

  22. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    Ich nehm‘ die Sache zu ernst, um zu faseln. Und ich habe auch zu wenig Zeit. Ich bin ebenfalls gespannt auf den Film, ein Filmchen, aber es hat acht Stunden gedauert, ich habe mindestens eine Stunde geredet, eher zwei. Ich bin sehr gespannt, was davon drin ist, und vor allem, was fehlt.

    Die Frau Torik, heute, wie meistens, großzügig gestimmt, wohlgelaunt und bei bester Gesundheit zitiert aus einem ihrer Bücher, allerdings diese Mal kein selbstverfasstes. Das liegt nicht an mir: es war dummerweise schon geschrieben als ich dazu gekommen bin.

    Als Don Quijote einmal einigen Handlungsreisenden von der Schönheit seiner Angebeteten, der Dulcinea von Toboso, berichtet, wollen die der womöglich nur erfundenen Anmut der Dame keinen Glauben schenken und einen Beweis sehen. Was der ingenioso hidalgo daraufhin entgegnet, kann als basale Beschreibung der Funktion von Sprache überhaupt dienen, die Umstände und Personen, schön oder weniger schön, als gegenwärtig erklärt, die es tatsächlich nicht sind: „Wenn ich sie euch zeigte“, entgegnete Don Quijote, „was würde ihr Großes damit tun, eine so offenkundige Wahrheit zu bekennen? Das Wesentliche in der Sache besteht gerade darin, daß ihr, ohne sie zu sehen, es glauben, bekennen, behaupten, beschwören und verfechten müsset; wo nicht, so seid ihr mit mir in Fehde, ungeschlachtes und übermütiges Volk; und ob ihr nun einer nach dem anderen kommt, wie es die Regel des Rittertums erheischt, ob alle zusammen wie es Gewohnheit und böslicher Brauch derer von eurem Gelichter ist, hier erwarte und erharre ich euch, vertrauend dem Rechte, das ich auf meiern Seite habe.“. M. de Cervantes Saavedra, Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha, München, Winkler, 1988, S. 46.

    Aléa

  23. Aléa Torik schreibt:

    Damit keine Missverständnisse entstehen, dies ist der zentrale Gedanke meiner Äußerung: „Was der ingenioso hidalgo daraufhin entgegnet, kann als basale Beschreibung der Funktion von Sprache überhaupt dienen, die Umstände und Personen, schön oder weniger schön, als gegenwärtig erklärt, die es tatsächlich nicht sind.“
    Aléa Torik

  24. Bersarin schreibt:

    Es ist immer dasselbe Problem: man muß den Leuten alles dreimal sagen und erklären. Dieser Umstand macht das Bloggen manchmal mühselig: ich schreibe mir den Mund fusselig (oder auch fuselig). Aber AISTHESIS bleibt zugleich der beliebte Serviceblog. Wir tun’s ja gerne.

  25. summacumlaude schreibt:

    Der Zank ist mir zu teilweise hoch gestochen; ein weiteres wesentliches Moment der gewürfelten Maskerade (Pessoa fällt mir dazu beispielsweise ein) scheint mir im Profanen zu liegen. Es ist der verständliche Wunsch gehört zu werden. Da Herr Heck nur zu gut weiß, dass westdeutsche Bausparkassenspießerherkunft + Ü40 heute das Manuskript sofort über den Lektorenschreibtisch rutschen lässt, erfand er diese wunderbare Migranten-Maskerade. Die Aufregung über diese Chuzpe verstehe ich nicht. Ist da jemand „reingefallen“?

    Iris Radisch hat unlängst zu verstehen gegeben, dass sie v.a. an neuer Migranten-Literatur interessiert ist. Man glaube doch nicht, dass solche „Botschaften“ in den Lektoraten nicht gehört werden. Die Verbindung zum Fräulein-Wunder vor 10-15 Jahren ist evident, v.a. das Aussortieren der Literaten, die nicht die geforderte biographische Konnotation bieten können. Das übertriebene Wohlwollen gegenüber DDR-Literaten vor der Einheit korrespondiert ebenfalls mit dieser personal/biographischen Sicht der Literatur.
    Dass Claus Heck nun diese Selektion unterwandert, finde ich herrlich.

    Ach ja: Wer mir Xenophobie, Frauenfeindlichkeit oder Vorurteile gegen DDR-Schriftsteller vorwirft, dem antworte ich:
    Es wird Zeit, dass es wieder um Sprache geht.

  26. ziggev schreibt:

    ist Aléa Torik eine Frau, ein Mann? Aber um Himmels Willen, wen interessiert das? Oder dieser Typ mit dem deutschen, männlichen Namen, der sich irgendwie in die Blogkommentarspalten einschleicht? Eine simple Information, Ende der Durchsage. Aber gibt es wirklich etwas Langweiligeres, als die Frage, ob Aléa Torik eine Frau ist, ein Mann? Es geht bei mir schon soweit, dass Bersarins Betonung der Unerheblichkeit dieser Frage mich bereits langweilt. Im Ernst: Das interessiert doch wirklich kein A …. Ein bisschen Spieltrieb, mit Namen, Identitäten, mit was auch immer herumzuspielen, darf doch vorausgesetzt werden bei kultivierten, wissenschaftlich interessierten Menschen, oder? Den spielerischsten Menschen, den ich je kennengelernt habe, war mein Mathe- und Physiklehrer, bei v. Weizsäcker promoviert – in Philosophie.

  27. anne schreibt:

    Exakt in dem Moment, kann man vermuten, da das Spiel a l s Spiel akzeptiert wird, verliert der Disput möglicherweise an Fahrt. Also geht es am Ende gar nicht um den Text? Sollte die eigentliche Triebfeder der Auseinandersetzung eine am wenigsten philologische sein?
    Die Unterscheidung zwischen Realität und Theater ist in Deutschland schon immer schwer gefallen, mit den fatalsten Folgen. Vielleicht wird dieses Problemfeld hier tingiert, und vielleicht kommt das Unbehagen, um nicht zu sagen, die physische Übelkeit, die manch einen beim lesen hier befällt, von einer solchen – Ambivalenz.

  28. david schreibt:

    Lassen wir also den Text Text sein und den Heck Heck. Der Text ist autonom, der Heck natürlich nicht. Schiller ist nicht von ungefähr nach der Beendigung seines Wallenstein zusammengebrochen – ob der eigenständigen Größe des Werkes.

  29. Der Buecherblogger schreibt:

    @anne

    Um es für Sie noch einmal deutlich zu machen: es geht hier nicht um das Verhältnis Realität versus Fiktion, sondern darum, dass sich ein männlicher Autor anmaßt, sich nicht nur für die Veröffentlichung eines Romans als rumänische Jungschriftstellerin auszugeben, sondern als diese Figur auch einen Fake-Blog aufzieht, der in keiner Weise darauf hinweist, dass ein Kommentierender mit einem wesentlich älteren Mann kommuniziert. Es gibt bis heute zumindest im Blog „Aleatorik“ nicht den geringsten Hinweis, dass es sich bei der vermeintlich bloggenden jungen Dame um Herrn Heck handelt. Die Kunstfigur verschickt sogar persönliche Emails. Angeblich soll diese Täuschung durch ein ohnehin immer multiples bzw. inkongruentes Ich berechtigt sein.
    Einen ähnlichen Fall, allerdings ohne dazugehöriges Weblog, das ist tatsächlich neu, gab es schon bei Bodo Kirchhoff, der wohl auch zwei Romane mit weiblichem Pseudonym oder besser einem Trans-Gender-Ich als Autorin geschrieben hat. Übrigens auch aus dem Grund, Verlage davon zu überzeugen, dass er auch anders schreiben könnte und mit Blick auf bessere Akzeptanz und Vermarktung. Zahlreiche andere Beispiele simulierter Autorschaft ließen sich aufzählen. Auf Kirchhoffs Website selbst findet sich ein Aufsatz von Barbara Schaff: „Der Autor als Simulant authentischer Erfahrung“.

    http://www.bodokirchhoff.de/schaff.html

    Um mit Schaff zu sprechen, untergraben diese simulierten Autorschaften „den Glauben an eine kommunikative menschliche Grunderfahrung: den anderen durch das, was er sagt, erkennen zu können“. Eine besondere Spitzfindigkeit Hecks stellt es in diesem Zusammenhang dar, den ersten Roman von einem Blinden handeln zu lassen. Was den Blog betrifft waren bis zur Aufdeckung die Leser und Kommentierenden dort die Blinden, zu denen ich auch gehörte, bis der Blog-Avatar aufflog. Im Grunde geht es bei dem unangenehmen „Disput“, da haben Sie recht, nicht ausschließlich um den Text der Romane allein, sondern darum, dass man sich als Mitspieler, und der ist man in einem kommentierten Blog, nicht gern über den Spieltisch ziehen lässt und zum genarrten Deppen macht.

  30. anne schreibt:

    Ich greif mir jetzt noch mal den Platon, der ist mit seinem Sokrates wenigstens unter Männern geblieben. Aber Spaß beiseite!: bei dem Athener stand der Aufwand immerhin in einem fruchtbaren Verhältnis zu dem, was dabei heraus kam. Wir wissen zwar nicht w a s der Sokrates war, aber dafür um so besser w e r er war. Aber jetzt schweife ich gänzlich ab. Ade.

  31. Aléa Torik schreibt:

    „Die Maske repräsentiert etwas in voller Anerkennung der Unangemessenheit der Repräsentation. Sie verwandelt in voller Anerkennung der Unvollkommenheit und Unabgeschlossenheit der Verwandlung. Sie verbleibt bewußt im Zwischen und der Zweiheit. Ihre Wahrheit liegt in der Anerkennung ihrer Uneigentlichkeit, und der Tatsache, daß es keine Eigentlichkeit gibt. Die Maske lügt nicht, sondern gibt zu verstehen, daß es die nackte, unmaskierte Wahrheit nicht gibt. Sie ist das Bild, das sich als solches weiß, ein Zwischending, zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Gott, Mensch und Tier, und erweist gerade darin, als eine Allegorie des Zwischen, als ein unaufgebbares Humanum.“
    Jan Assmann, Du siehst mit dem Kopf eines Gottes.
    Athena Torik

  32. anne schreibt:

    Wie aber das Modell eines solchen Maskenspieles festhalten, ohne dass es einem unter der Hand zerfällt? Denn es ist nicht die Unwahrheit des Zusammenhanges, des Ganzen, des Systems, die in selbstreflexiver Einstellung zu erkennen ist, sondern gerade die Relativität des Abbildes, welche sich aus den Konstitutionsbedingungen ergibt, unter denen die Zusammenfassung des Vielen geschieht. Wittgenstein sagt lapidar: „… es gehört also zum Bilde auch noch die abbildende Beziehung, die es zum Bilde macht. Die abbildende Beziehung besteht aus der Zuordnung der Elemente des Bildes und der Sachen.“ (Tractatus logico-philosophicus, Nr. 2.1513 und 2.1514) Es handelt sich bei einer Einheit also jeweils um eine Bedeutungseinheit. Der Wahrheitsgehalt eines Modells ist mithin hermeneutisch zu erschließen.
    Ansonsten würde sich Philosophie im „l art pour l art“ eines Gedankenspieles schon erschöpft haben, also als Pilosophie verflüchtigen. Es ist das die Forderung nach Verbindlichkeit von Denkmodellen ohne System. Die Verbindlichkeit ohne System ist aber die Verbindlichkeit des Verspielten, die des Bezuges zu den Tatsachen entraten kann.
    Spiele, die von Spielenden gespielt werden haben natürlich auch eine Systematik, sonst wären sie nicht spielbar. Verbindlichkeit ohne System ist nur dem Autismus des „Einzigen“ eigen, einer Stirnerschen Fiktion!

  33. Bersarin schreibt:

    „Es wird Zeit, dass es wieder um Sprache geht.“
    So ist es. Alles übrige ist Empfindungsscheiß, Drumherumdiskursscheiße, Persönlichkeitswichtigtuereischeiß. Es geht um einen Text. Und ob Platon Weib oder Mann ist, bleibt für den Gehalt und den Inhalt des Textes ohne Bedeutung.

    „Es gibt bis heute zumindest im Blog “Aleatorik” nicht den geringsten Hinweis, dass es sich bei der vermeintlich bloggenden jungen Dame um Herrn Heck handelt.“
    Dies ist die Moral des Personalausweises und des Personenstandes. Jede/r ist für seine eigenen Fehler selber verantwortlich. Wie schon tausendmal geschrieben: im Internet ist es wie unter einer Burka: es kann auch dein eigener Onkel darunter stecken. Dieses Spiel gilt es auszuhalten und auszutragen.

  34. Bersarin schreibt:

    „Wir wissen zwar nicht w a s der Sokrates war, aber dafür um so besser w e r er war.“

    Wir wissen gar nichts von Sokrates. Wir – wer auch immer dieses wir sei – kennen die Dialoge Platons: Text also. Mehr nicht. Alles andere ist ohne jede Bedeutung oder unterliegt der Fiktionalisierung.

    “Es wird Zeit, dass es wieder um Sprache geht.” Und wie so häufig ist das Seziermesser des Chirurgen sehr viel wirkungsvoller als der Blick auf das Identitätsmoment oder das Allgemeingefasel. Der Text von summacumlaude trifft es punktgenau.

    @ Anne
    Deinen Beitrag zu diesem leider von Dir nicht gelesenen Roman müßtest Du anders, besser und pointierter formulieren. Er berührt die Angelegenheit nicht wirklich. “Es wird Zeit, dass es wieder um Sprache geht.” Diesen Satz solltest Du Dir wittgensteinmäßig oder intravenös doch einspritzen. Ich kann das nicht genug wiederholen. Allgemeinplätze taugen nur dann, wenn sie sich nach mindestens zehn weiteren Sätzen denn doch mit dem Besonderen des Textes, um den es geht, verbinden.

    Es ist schade, daß wir hier von einem Allgemeinplatz zum andern hangeln. Noch schlimmer ist dieses Menscheln als Kommunikatives, das sich mit Sprachschrott paart, vor dem es Karl Kraus halb geschüttelt und vor dem er halb erbrochen, halb gekotzt hätte.

    @David
    Meine Frage nach Olga verhalt ein wenig im leeren? Oder ist es eher blindness without insight? Wir wissen es nicht. Aber vielleicht erfahren wir es noch von Dir. Mit nächtlich-ziternder Spannung harrend: N. E. Bersarin.

  35. anne schreibt:

    Ich habe gesagt, dass wir das `Was` des Sokrates eben n i c h t haben, sehr wohl aber das `Wer` des Sokrates. Und dieses geben uns die Platonischen Dialoge, es ist eine ihrer wesentlichen Leistungen. Dass wir den Sokrates nur über Platons Texte kennen weiß jeder, jeder weiß, dass der Sokrates eine Figur der Dialoge ist.

    Ich habe sodann das von Heck eingestellte Zitat aus einer Schrift Jan Assmanns kommentiert. Ich vermutete in diesem Zitat einen Hinweis auf eine den Romanen inhärierende gnoseologische Position (anders machte das Zitat auch gar keinen Sinn). Die dem Zitat anhaftenden Schwächen konnte ich aufzeigen.
    Mir macht es nichts aus, anstatt der schmackhaften Suppe mit einem mehr oder weniger ungenießbaren Maggiwürfel vorlieb zu nehmen. Denn zu den Lesehedonisten zähle ich nicht.

    „Es wird Zeit, dass es wieder um Sprache geht.“ Wieso eigentlich w i e d e r ? Bislang fing noch niemand damit an.

  36. Aléa Torik schreibt:

    Worum geht’s in „Aléas Ich“? Es geht um eine Schriftstellerin, die einen Roman schreibt. Es geht also um Sprache und darüber kann man reden. Ich mache mal einen Vorschlag.

    „Diesen Charakterzug an Olga fand ich sehr interessant. Ich schrieb das auf. Nicht weil ich Angst hatte, es zu vergessen. Nicht, weil ich es behalten wollte. Ich schrieb es auf, weil ich es verändern wollte. Die Dinge sind für mich leichter in der Veränderung zu erkennen. Erst indem ich es aufschreibe, indem ich es forme und in seinem möglichen Anderssein erkenne, erkenne ich es überhaupt. Wir können die starren Dinge nicht begreifen, weil unsere Sprache nicht starr ist. Selbst das Unbeweglichste bewegen wir, indem wir es in Worte kleiden, und indem wir es in Worte kleiden, indem wir es in die Möglichkeit kleiden, anders zu sein, entkleiden wir es in der Wirklichkeit, in jener Sphäre, wo alles stillsteht, weil es nur noch es selbst ist.“, AI Seite 69

    Aléa Torik

  37. holio schreibt:

    Claus, die Unentschiedenheit nervt halt ein bisschen. Oder die Symmetrie: „Wie wir nicht aufhören, deine Eltern zu sein, so hörst du nicht auf, unser Kind zu sein.“ (Seite 147).

  38. Aléa Torik schreibt:

    @ holio: Welche Unentschiedenheit bitteschön? Ich möchte meinen, an Entschiedenheit lasse ich wohl kaum zu wünschen übrig. Und was hat wessen Unentschiedenheit mit der Symmetrie von Eltern und Kindern zu tun?
    Aléa Torik

  39. Bersarin schreibt:

    „jeder weiß, dass der Sokrates eine Figur der Dialoge ist.“ Weshalb die Frage nach dem Wer notwendig unpräzise und in der Schwebe bleiben muß: Sokrates, der Philosoph, der nicht schrieb? Oder diktierte Sokrates dem Platon? Platon, eine Figur des Sokrates?

    Jedes Bild ist eine Fixierung und diese Fixierungen gilt es in den Fiktionalisierungen der Literatur bzw. der Kunst zugleich aufzulösen und durchzustreichen.

  40. Der Buecherblogger schreibt:

    @holio

    Die bloggende Romanfigur mit Claus anzusprechen ist vergebliche Liebesmüh. Sie kennt keinen Claus, und falls doch, dann nur auf der anderen Seite des Spiegels als Santa Claus, der sein Ich mit Lippenstift übermalt und alles durchstreicht, was auch nur im Entferntesten nach Kritik riecht.

  41. Der Buecherblogger schreibt:

    @ „Aléas Ich“-Zitat zum festhaltenden Schreiben oben:

    Die Sätze lassen sich auch gut dekonstruiert umkehren, sind ja bloß Wörter:

    Diesen Charakterzug an Olga fand ich zwar interessant, aber ich schrieb das nicht auf. Ich hatte auch keine Angst, das zu vergessen. Auch nicht etwa deshalb, weil ich es vergessen wollte. Ich schrieb es nicht auf, weil sich damit nichts ändern würde. Die Dinge sind für mich leichter zu erkennen, wenn sie sich nicht ständig ändern. Erst wenn ich sie gar nicht festzuhalten brauche, wenn ich sie ruhig vergessen kann, weil sie ohne festgehalten zu werden, sowieso ständig im Fluss sind, wenn sie auch ohne Worte ein Teil von mir geworden sind, erkenne ich sie wirklich und überhaupt. Wir können fließende Dinge nicht festhalten, weil unsere Sprache dafür zu starr ist. Selbst das Beweglichste meißeln wir nur fest, wenn wir es dauernd in Worte fassen müssen. Und indem wir es in Worte fassen, berauben wir es der Möglichkeit, einfach ohne Worte es selbst zu sein. Dann verharren sie in jener Sphäre, in der alles stillsteht, weil es nur Worte sind, die einmal geschrieben keine Möglichkeit mehr haben, sich zu verändern, die für immer stillstehen.

  42. anne schreibt:

    „Jedes Bild ist eine Fixierung und diese Fixierungen gilt es in den Fiktionalisierungen der Literatur bzw. der Kunst zugleich aufzulösen und durchzustreichen.“

    Das ist kurz und exakt gesagt. Ich möchte noch bezüglich des „Wer“ ergänzend hinzufügen, dass das „Wer“, einmal in der Welt, gar nicht mehr aufhört sich durchzustreichen,- und zwar als Introspektion. Daher Nietzsche den Sokrates ganz richtig mit dem Nazarener verglich. Beide Erstausgaben der Dekadenz, beide Erstausgaben des Hässlichen und Schwachen.

  43. anne schreibt:

    Das ²Wer² ist, um es für alle verständlich zu machen, nichts anderes als das moralische Selbst.

  44. Bersarin schreibt:

    In Nietzsches Diktion stimmt es teils, daß jenes Wer als moralisches gesetzt wird.

    Wer spricht? Niemand, sondern nur die Sprache, so antworten einige Positionen des Poststrukturalismus. Nietzsche: Es gibt keine Täter, es gibt nur tun. Insofern ist nach Nietzsche das Wer eine Fiktion.

  45. Bersarin schreibt:

    „Die bloggende Romanfigur mit Claus anzusprechen …“ Der Name ist in diesem Falle vollkommen beliebig, weil es sich um Formen der Fiktionalisierung handelt.

    „Selbst das Beweglichste meißeln wir nur fest, wenn wir es dauernd in Worte fassen müssen. Und indem wir es in Worte fassen, berauben wir es der Möglichkeit, einfach ohne Worte es selbst zu sein.“ Schöne Passagen ja: und zugleich – das ist die schöne Dialektik – geht es nicht ohne die Sprache, ohne die Wörter. Die Romantik des Novalis postulierte eine Weise von Bilderzeugung, ein undliches Strömen von Bildern, die zugleich wieder durchgestrichen werden, um keine Fixierungen zu erzeugen.

  46. anne schreibt:

    Aber eine folgenreiche Fiktion. Eine Schwächung.

  47. holio schreibt:

    Klasse Negierung @Buecherblogger

    Es macht immer auch andersrum Sinn, wie mit Horoskopen offenkundig.

    Ich krieg das nicht so gut hin, Seite 87:

    Ich unternahm einen weiteren Versuch, Näheres aus ihm herauszubekommen. Ich musste alles von jedem wissen. Wenn er mir Einzelheiten mitteilen wollte, dann war das mir mehr als recht. Ich allerdings brauchte die Meinung anderer nicht. Ich wollte über meinen Text nicht reden. Ich wollte nicht wissen, wie er auf andere wirkte, und deswegen brauchte ich diese Mystifizierung. Ich hatte gar keine Angst vor ihr.

  48. Bersarin schreibt:

    @ holio
    Leicht verfällst Du hier dem Verdikt Adornos, sich zum Schulfall von Banauserie zu verwandeln: Kafka hat sich übrigens entgegen mancher Annahmen nicht in ein Ungeziefer verwandelt und er wohnte nicht in einer Art Bau, auf seinem Dachboden fand sich nach seinem Tode kein Ding Odradek.

    Figurenrede (siehe das Zitat auf der Seite 87) ist eben Figurenrede, sie hat insofern etwas mit der Autorin, dem Autor zu tun, als sie von jenem geschrieben wurde. Mehr nicht. Und stimmt: es geht in diesem Roman um Schriftstellerinnen und Schriftsteller, um Autorenschaft, um die Frage, „Was ist ein Autor?“ Da fällt dann ebenso die Mystifzierung hinein.

    Zur Frage des Textes kannst Du übrigens auch die Seite 89 lesen. Wie geschrieben: es kann problematisch sein, Literaturtheorie und Philosophie oder Positionen einer (poststrukturalistisch inspirierte) Ästhetik in den Text hineinzupressen bzw. dem Text überzustülpen. Aber von Zeit zu Zeit funktioniert das, wie auch in diesem Buch oder bei Patricia Duncker „Die Germanistin“ oder Juan J. Millás „Dein verwirrender Name“.

    @ anne
    Ja, eine folgenreiche Fiktion: dieses Subjekt als Gesicht im Sand. Foucault paßt in diese Frage nach der Autorenschaft ebenfalls gut hinein, wenngleich er diese Frage eher historisch angeht. Aléa Torik verfährt in bezug auf die Frage nach der Identität und der Funktion einer Autorin, eines Autors doch wesentlich anders. Dieses Spiel macht ja gerade den Roman interessant.

  49. Der Buecherblogger schreibt:

    Leider nutzt die philosophisch begründete Poetik wenig, wenn zumindest an vielen Stellen nur wie schon gesagt Banalprosa oder Banaldialoge dabei herauskommt. Die Feststellung von Holio oben was „Unentschiedenheit“ und „Symmetrie“ betraf, wurde angeblich von dem Autorenduo Torik/Heck gar nicht erst verstanden. Er meinte damit ähnlich wie dem permanenten Gebrauch von rhetorischen Figuren, dieses ständige Spiel von Behauptung und anschließender Negierung derselben. Dieses in der Schwebe haltende Unentschiedene. Wenn diese poetisch formale Figur gefühlt hundert Mal auftaucht, ist sie verbraucht und ausgelutscht. Man mag sie nicht mehr hören, man weiß schon vorher was kommen wird. Genauso wie hier die Redewendung eines Vaters, diese symmetrische Wahrnehmung aus Kindes- und Elternsicht einfach nur banal rüberkommt. Da hat das Autorenduo einfach keinen wirklichen Anspruch an sich selbst. Wenn schon die erfundene Figur so deckungsgleich mit dem Autor sein soll, dass er/sie über menschliche Erfahrungen glaubt Äußerungen machen zu können, dann müssen sie so auch in der Sprache erscheinen, dass sie nicht das behauptete Niveau selbst untergraben. Der Leser fühlt sich an diesen Stellen nicht Ernst genommen, unterfordert und schüttelt den Kopf, weil es in Banalkitsch abgleitet.

  50. Bersarin schreibt:

    Das, Bücherblogger, läßt sich in dieser Pauschalisierung im Grunde von jedem Roman behaupten, alles unter der Sonne gleicht sich, und es war alles schon einmal da: Ach, der Zauberberg, auf 900 Seiten ein Mann in einer Klinik, der sich nicht zum Leben und nicht zum Tod entscheiden kann, an dem jede Aufklärung abprallt und ständig das Spiel mit der Zahl sieben. Und mit der Frau aus Rußland kommt er lediglich an einem einzigen Abend weiter. Und immer diese Trägheit.

    Es gibt Fälle, da besteht ebenso die Möglichkeit, daß die Ermüdung nicht am Buche liegt.

    Ich schrieb es schon einmal: „Aléas Ich“ ist dahingehend vielschichtig, daß der Roman nicht nur die Frage nach Autorenschaft und Identität, nach Text und Schrift angeht, sondern er erzählt von bestimmen Figurentypen, die sich aber allesamt auch als eine grandiose Fiktion der Autoreninstanz erweisen können. Ein wenig erinnert dies übrigens an Nabokovs „Lolita“: Alles was jener Humbert Humbert als Erlebt aufschreibt, könnte genauso gut fingiert sein.

    Deckungsgleich oder im strengen Sinne symmetrisch ist in diesem Buch wenig – es gibt übrigens Menschen, die halten Mondrian Bilder für symmetrisch, sie sind aber das Gegenteil davon. Dort, wo zunächst Analogien oder Ähnlichkeiten auftauchen (z. B. in der Figur von Aléa und Olga oder in der Namenssystematik: Die Namen, die den selben Anfangsbuchstaben haben), stellen sich im nächsten Moment die Verschiebungen und die Irritationen ein. Das, was im Verhältnis zwischen Olga und Aléa am Anfang noch harmlos daherkommt, gerät spätestens ab der Mitte des Buches aus den Fugen.

    Die in Ihren Augen banale Sprache ist – merken Sie das denn überhaupt nicht? – extrem verknappt, die Kürze der Sätze, dieses fast schon Abgehackte besitzt System. Eine Frau, die Schriftstellerin werden will, die aber einfach gebaute Sätze produziert, einfach in der Syntax. Schnörkellos. Ja: und an manchen Stellen fast schon banal, doch dieses Banale besitzt System. Als handele es sich um Protokollsätze, deren Kürze das wenige, das gewiß ist, beglaubigen sollen. Aber es läßt sich nichts beglaubigen.

    Es sagt und schreibt niemand, daß es sich bei „Aléas Ich“ um ein literarisches Meisterwerk handelt, das die nächsten zehn Jahre der Literatur prägen wird; es ist ebenfalls kein Buch, das frei von Schwächen ist. Solche Bücher sind sehr selten. Doch allemal interessanter aber als die möglichen Mängel und die Situationen, wo das Buch sich dem Scheitern aussetzt, scheinen mir doch die polarisierenden Reaktionen auf dieses Werk.

    Eine Leserin, die mir bekannt ist, ging so weit, daß sie im Grunde nicht weiterlesen konnte, weil ihr die Differenz zwischen ihrem eigenen Leben, ihren Verstrickungen in die Welt des Virtuellen und das Buch als solches als Text nicht mehr auszumachen war. Weil ihr diese Welt des Virtuellen über den Kopf wuchs: Die Lust am Anonymen und am Prickelnden des radikalen Fiktionalisierens. Wenn unter jeder Burka gar immer der Gleiche steckte? Die Möglichkeit besteht sicherlich Jene Frau betrieb im Internet ein Spiel, das ihr irgendwann über den Kopf wuchs. Das zeigt die Wirkungsmacht im Zusammenspiel von Internet, Literatur und den in beiden Bereichen auftretenden Fiktionalisierungen: Imagination und Imago.

  51. david schreibt:

    Wirklich zu dumm! Hier wird dauernd Plot mit Sprache verwechselt. Buecherbloggers Einwaende zielen auf die Sprache. Ich kann zu Olga nichts sagen, weil mich nicht interessiert, wie dieser Roman geplotet ist. Handlung über Sprache setzen, heißt die Majestät verletzen, majestatem genii!

  52. Der Buecherblogger schreibt:

    Danke für diese ausführliche und dieses Mal weniger polemische Antwort. Wenn die Bücher von Herrn Heck totaler Schrott wären, würde ich sie gar nicht zu Ende lesen, aber ihre Schwäche liegt gerade an der auch von Ihnen, aber positiv eingeschätzten, konstruierten Sprachreduzierung. Das geschlossene System, dass angeblich nicht den Anspruch erhebt, „Imago“ der Welt zu sein, kann sich dem Abbilden einer solchen nicht entziehen. Es gleitet nur manchmal auf die Bühne einer Soap Opera ab. Literatur ist kein Baukastensystem, sondern lebt auch davon, Protagonisten so dazustellen, dass sie mehr sind als nur Schablonen auf der zweidimensionalen Schriftfläche. Außerdem gibt es überhaupt keine Literatur, die nicht abbildet, selbst Märchen bilden letztlich symbolisch Realität ab. So bildet auch Herr Heck, ohne es freilich zu wollen und nach außen zu tragen, seine Welt ab. Maskiert und als Bauchredner, doch unschwer dahinter zu erkennen, wenn man weiß, wer der Verfasser eigentlich ist. Texte schreiben sich nicht selbst und sie sind auch keine rein semiotischen Systeme. Es gibt ja im Lyrischen Versuche, Sprachmaschinen Gedichte schreiben zu lassen, ein fürchterlich maschineller Ansatz. Vielleicht hat Herr Heck sich literarisch doch ein Eigentor geschossen, weil er sich aus dem durch seine fingierte Autorschaft begründeten System kaum noch befreien kann. Die Simulation ist ihm zur zweiten Haut geworden. Mit welchen Folgen auch immer.

    Um auf den Zauberberg zu sprechen zu kommen. Es scheint mir geradezu typisch für Sie, einen Roman daran messen zu wollen, ob der verliebte Protagonist „nur an einem Abend weiter kommt“. Als ob es in der Liebe darum ginge, den Beischlaf als eine Art „finalen Rettungsschuss“ zu begreifen und nur in seiner Perpetuierung läge der Erfolg. Da will und kann ich Ihnen nicht folgen. Außerdem unterschlagen Sie doch bei Ihrer verkürzten Einschätzung z. B. die auch vorhandenen philosophischen Gespräche zwischen Settembrini und Naphta. Ich bin kein Thomas Mann-Verehrer, aber ob man wohl „Aléas Ich“ wie den „Magic Mountain“ auch noch nach hundert Jahren lesen wird.

    Natürlich ist alles was Humbert Humbert erzählt fingiert und wenn nicht, wäre es auch egal. das fiktive ist immer Abbild, sonst wäre es vom Leser gar nicht rezipierbar. Es geht schließlich nicht darum Nabokov Pädophilie nachzuweisen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass „Lolita“ als Verfasserin darin auftaucht.

    Die größte Schwäche von „Aléas Ich“ liegt darin, den Protagonisten kein „Leben“ einzuhauchen. Sie bleiben Abziehbilder, wie die Fotografien der Banderole. Auch diese Abbildungen schaffen es nicht die Figuren lebendiger werden zu lassen. Die beste Selbstdarstellung solcher Figuren tauchte schon am Ende von „DGDW“ auf, das Skelett beim Zahnarzt.

    Das klingt nun alles ein wenig herzlos und obwohl ich über die Täuschung im Blog nach wie vor verärgert bin, könnte ich mir vorstellen, dass Claus Heck in einem dritten Versuch seine Skelette mit mehr Fleisch ausstatten kann, vielleicht sogar mit mehr vom eigenen.

  53. summacumlaude schreibt:

    Möglicherweise wäre ein Roman interessant, der in der ersten Hälfte aus einer Blogdiskussion wie dieser hier besteht, in der zeiten Hälfte treffen sich dann die im Web maskierten und Zerstrittenen zu einem profanen Anlaß und tauschen sich erneut aus, gedanklich, sprachlich, körperlich. Neue Koalitionen, neue Maskierungen, neue Fragen nach Realität. Was verändert sich, wenn man sich gegenübersitzt? Welcher Deckname hinter welchem Klarnamen? „Bringt“ es überhaupt etwas, den Decknamen zu wissen? Können nicht beide Realitäten nebeneinander existieren? Wem ist welche Realität wichtiger?
    Nun, spätestens beim körperlichen Austausch kenne ich zumindest MEINE Praeferenz…..

    Schrieb: HF – summacumlaude

  54. Der Buecherblogger schreibt:

    @ summacumlaude

    Ist ja ein gutgemeinter Vorschlag, aber „Aléas Ich“ zeichnet sich als geschlossenes System gerade dadurch aus, alles nicht zur eigenen Fiktion passende auszublenden. So wird die Problematik der Kommunikation durch mitspielende Kommentatoren und Kommentatorinnen gar nicht erwähnt. Nur zu ein wenig wohldosierter Häme lässt sich die Avatarin im Buch herab. Dann kommen Erklärungsversuche ihres ausgefeilten poetischen Konzepts der Täuschung und wer nicht affirmativ mitspielt, wird des Spielfeldes verwiesen. Die Aufforderung zu substantieller Kritik ist der reinste Hohn. Wohlwollende Kritiker wie zum Beispiel Bersarin selbst oder auch ein NO, eine Ulrike, die zur Vermarktung beiträgt, sind willkommen, Andersdenkende oder ehemals Blinde wie ich selbst wird der Status von literarischen Laien zugewiesen, die man entweder nicht ernst nehmen muss, ignoriert oder versucht mit gezielten Literaturzitaten eines angeblich Besseren zu belehren. Selbst im Roman findet sich dieser was Rumänien und die rumänische Sprache betrifft pädagogische Tonfall. Leider ist der im Luhmannschen Sinne autokatalytische Prozess wohl schwer umkehrbar und das ist wohl auch nicht beabsichtigt. Immerhin zeugt die erreichte Aufmerksamkeit ja von Erfolg. Vielleicht muss man sich auch damit abfinden, dass neuere deutsche Literatur sich mit den pseudoelitären Mitteln einer täuschenden Werbeindustrie zu verkaufen sucht.

  55. summacumlaude schreibt:

    Ich wollte keinesfalls bei einem mehrautorigem Roman mitspielen. So war das nicht gemeint (und auch nicht gesagt). Es ist ein konzeptioneller Vorschlag für einen Roman, den zu schreiben mir einfach die Zeit fehlt.

  56. summacumlaude schreibt:

    Verdammt: einem mehrautorigeN Roman natürlich.

  57. Der Buecherblogger schreibt:

    Das Mitspielen bezog sich nicht auf ein Romanprojekt mehrerer Autoren, sondern auf die Plattform des kommentierten Weblogs. Eine Zeit lang lief der Blog mit abgeschalteter Kommentarfunktion, sozusagen auf Notstrom. Das konstituierte System Romanfigur/Weblog-Avatar/Realer Autor wird aber durch Bestätigung von außen gleichsam wieder mit neuem Blut versorgt und schwimmt hinter seiner Maske pudelwohl im großen Teich der Literatur und ist besonders fleißig im Sammeln von Zitaten namhafter Autoren, die alle jemals etwas zur Doppelbödigkeit des Ichs in ihren Romanen von sich gegeben haben. Dabei ist mein Standpunkt, dass das, was in der fiktiven Literatur selbstverständlich immer erlaubt ist, noch lange nicht in kommentierten Weblogs als fiktive rumänische Lolita ausgelebt werden muss.

    Ich glaube auch nicht, dass Herr Heck wirklich in das Verlagsprofil des Osburg-Verlages passt, denn der verdient seine vermutlich wenigen Brötchen ansonsten mit authentischen Biographien. Gerade der Verleger tat sich mit dokumentarischen Veröffentlichungen zum Ersten Weltkrieg hervor oder es gibt eine sicher lesenswerte Biographie über Carl Laemmle, der Mann der Hollywood erfand. Mit einem Mal wurde die Autorin Torik dort selbstverständlich fiktiv. Für mich ist Herr Heck dort ein faules Ei, aber er kommt ja namentlich dort nicht einmal vor.

  58. ziggev schreibt:

    @ Bersarin (@ Sokrates, respektive Platon)

    Da wollte ich auch schon einhaken: aber da ich nun mal immer authentisch bin – abgesehen davon, dass ich meinen Alias (immer noch) nicht in meinen Klarnamen aufgelöst habe, und also, was Namenspiele betrifft, dieses mein einziges Spiel mit Identitäten ist bzw. ich immer ich es mir nicht nehmen lassen will, mich über Goethes Indignation weiterzutreuen -, desh. habe ich´s dann doch gelassen. Die Internet-Konvention Alias/Klarname reicht mir vollkommen. Mit „sokrates“ spiele ich nicht!

    Aber einmal zur Sprache gebracht, möchte ich jedoch vielleicht doch noch kurz anmerken, dass wir noch den Sokrates in der Bild-Zeitung der Antike, allerdings spätantik, bei Diogenes von Laertius und beim Zeitgenossen des Sokrates, bei Aristophanes („Wolken“), dann aber nun wieder mehr in denunziatorischer Weise haben, und in einem anderenn Sinne fiktiv und weniger im Kolportage-Stil, schließlich niemand ist es ja niemand anderes als Aristophanes. Von dem wiederum Nietzsche berichtet, welche Freude es ihm bereitet haben solle, dass Platon ihn unterm Kopfkissen liegen haben soll (dochdoch, ich glaube, hier täuscht mich meine Erinnerung nicht); nun, lag jenes nun am Sokrates, am Aristophanes, am Platon oder don am Nietsche ?

  59. ziggev schreibt:

    sorry, “ bzw. ich …“ und dann ein „ich“ zuviel !!!

  60. ziggev schreibt:

    (war´n paar lange Tage, hatte aber nichts mit irgendwelchen Substanzen zu tun, nicht in dem Sinne!)

  61. Bersarin schreibt:

    @ Bücherblogger
    Polemisch und bösartig bin ich dann, wenn ein bestimmtes Niveau unterschritten wird, wenn es ins Herumlabern übergeht, Allgemeinplätze produziert werden oder mir jemand ein x für ein u vormachen will. Sie begründen Ihre Ausführungen, sie sehen von ihrer persönlichen Situation ab, die ich nicht kenne und die für eine Literaturkritik auch nichts zur Sache tut. Wenn sich Claus Heck als Aléa Torik oder umgekehrt Ihnen gegenüber nicht fair verhalten hat, dann hat das nichts mit den von ihm bzw. von ihr geschaffenen Werk zu tun. Dieses Absehen von außerliterarischen Aspekten ist die Basis für einen literaturtheoretischen Disput.

    Nein, Literatur ist kein Baukastensystem, da stimme ich zu, obschon es auf die Konstruktion sehr wohl ankommt. Kein Inhalt ohne Form. Texte sind sehr wohl semiotische und syntaktische Systeme. Allerdings solche, die von Menschen erzeugt wurden und die ihren Ort in bestimmten Gesellschaftsformen haben. Natürlich existieren Referenzen und Referenten. Literatur korrespondiert in einer bestimmten Weise mit der Realität. Aber: als Text. Literatur wandelt Leben in Text, erzeugt eine neue, eine andere Art von Leben. Es transformiert sich das, was gemeinhin als das Leben mit seinen bunten oder grauen Aspekten bezeichnet wird, in den Text der Literatur. Und zwar als ein solcher Text, der nicht primär dazu dient, daß Leserinnen sich darin mit ihren Erfahrungen oder Wünschen wiederfinden und wohlfühlen, weil das alles so viel mit ihnen selbst zu tun hat. Literatur ist keine Lenorkuschelweichspülangelegenheit.

    Die Blutleere, die Sie feststellen, ist Bestandteil dieses Romans. Einerseits. Andererseits existieren darin Stellen, die ich keineswegs blutleer lese, insbesondere der Streit zwischen Olga und Aléa und der eigentümliche Wandel, der mit Olga vor sich geht.

    „Die größte Schwäche von ‚Aléas Ich‘ liegt darin, den Protagonisten kein ‚Leben‘
    einzuhauchen. Sie bleiben Abziehbilder, wie die Fotografien der Banderole.“ Darin sehe ich gerade die Stärke und das ‚System‘ des Textes. Ausnahme bilden allerdings Olga und Aléa. Daß Figuren einem gewissen Schematismus unterliegen, muß nicht falsch sein, wenn es darum geht, Muster und Schemen in die Darstellung zu bringen. Zum Beispiel geschieht dieser Schematismus, dieses Abziehbildhafte auch bei Lisa Kränzlers Roman „Nachhinein“. Die Namen der beiden Mädchen stehen nicht für zwei Individuen, sondern für zwei Prinzipien. Deshalb heißen sie auch „Jasmin oder Celine oder Justine“ und „LottaLuisaLuzia“. Und diese Systematik gleichlautender Buchstabengruppierung, diese Namensalliteration ist ebenfalls in „Aléas Ich“ systematisches Prinzip, um die Namen und die Figuren zu ordnen. Namen sind eine Ordnungs- und Orientierungsfunktion. Das Gewicht liegt hierbei auf dem Begriff „Funktion“. Der Roman stellt diese Funktionsweisen dar und bringt sie in ein Bild.

    „… aber ich kann mich nicht erinnern, dass ‚Lolita‘ als Verfasserin darin auftaucht.“ Richtig, das tut sie nicht, und das ist eben die Grenze, die „Aléas Ich“ überschreitet. Welche Motive dafür den Ausschlag geben, ist zweitrangig. Wir haben lediglich einen Text. Und was die Autorenschaft betrifft: ja, es steht hinter einem Text natürlich ein Subjekt, der Name des Autors verweist auf einen Referenten oder genauer: auf ein Rechtssubjekt. Aber in diesem Spielund ein Text wird von bestimmten Umständen, Situationen, Denkbewegungen oder was auch immer getragen. Das habe ich nie angezweifelt. Es wäre ein solcher Zweifel auch absurd. Nur: die Frage nach dem Wer und den Identitäten ist belanglos. Was die Täuschung betrifft, so sollte man davon vielleicht mal absehen, weil ansonsten ein ästhetisches Konstrukt moralisch bewertet wird.

    Wo Sie allerdings das Elitäre herauslesen, das bleibt mir schleierhaft. Daß ein Text Dinge erklärt und aufzeigt, scheint mir eines seiner Prinzipien zu sein. Wenn ein Text, der in Europa veröffentlicht wird, von Afrika oder von Rumänien handelt, dann muß dieser Text auf eine bestimmte Weise, bestimmte Bilder evozieren.

    „Vielleicht hat Herr Heck sich literarisch doch ein Eigentor geschossen, weil er sich aus dem durch seine fingierte Autorschaft begründeten System kaum noch befreien kann. Die Simulation ist ihm zur zweiten Haut geworden.“ Ja, und ich will hoffen, daß die zweite Haut hält. Literatur ist immer Simulation von etwas. Autor/Autorin von „Aléas Ich“ unterlaufen und unterminieren die starre Dichotomie von Mann und Frau. Nichts ist dümmer als der Begriff weibliches Schreiben, weibliche Kunst, Schreiben von Frauen. Sind Frauen ein Sonderfall, die man in eine Schutzzone stecken muß? Solche Auswüchse von Literatur, wie wir sie seit den 60er/70er Jahren mit den Verständigungstexten oder der sogenannten neuen Subjektivität kennen, sind im Grunde das eigentlich diskriminierende. Man kann es Selbstdiskriminierung nennen. Das in „Aléas Ich“ und im „Geräusch des Werdens“ entfaltete Spiel kann sicherlich lange noch tragen. Warum sollte es auch nicht?: Es ist alles eine Frage der Konstruktion und der Arbeit am Material.

    _______
    @ david
    „Handlung über Sprache setzen, heißt die Majestät verletzen, majestatem genii!“ Natürlich steht die Handlung nicht über der Sprache. Form und Inhalt bedingen sich. Inhalt ist sedimentierte Form, wie es Adorno schrieb. Und in gewisser Weise geschieht diese Verdichtung auch in „Aléas Ich“. Diese Sätze, die Kürze: das hat System und ist Prinzip. Solche Anfängerfehler macht kein Schriftsteller. Handlung und Sprache hängen natürlich zusammen. Auch in „Aléas Ich“. Oder hat der Autor/die Autorin das Buch gemalt?

  62. ziggev schreibt:

    „Was das Wer, wer jemand ist (…)“, welche Phrase (so etwa) ich einmal mei Ahrend einmal so liebte. (Bitte „Phrase“ hier nicht falsch verstehen, komme halt mehr aus der Musik.) Das „Wer“ scheint sich tatsächlich nicht sprachlich ins „Wer“, ausfzulösen. Der Umkehrschluss scheint wirklich nahezuliegen: Man ist ja schließlich wer. Ein Heuchler, ein Lügner, ein Betrüger … wer man nicht alles ist. Es gibt keine Versicherung dafür, dass man dieses „Wer“ auch verlässlich aussagen kann. Mein Motto ist: Wer in seiner Jugend kein Kommunist gewesen ist, hat nicht gelebt. Und wer sich bei Sartres „Ekel“ nicht bereits mit 14 sich nicht gelangweilt hat, hat nichts verstanden.

  63. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    „was Namenspiele betrifft, dieses mein einziges Spiel mit Identitäten ist …“

    Der Rätselcharakter sollte für die Moderne und auch davor doch konstitutiv sein. Und es hatte wohl Gründe, weshalb Goethe die Figur des Proteus favorisierte.

  64. Orlanda schreibt:

    Guten Abend!

    Meine Sympathien waren nicht vom ersten Moment an klar verteilt, aber inzwischen sind sie es. Im ersten Moment, dachte ich, dass man nicht macht, was Aléa Torik gemacht hat. Aber als ich mich dann fragte, warum das so ist, wurde mir deutlich, daß es sich um ein spannendes Projekt handelt. Es ist doch offensichtlich, dass eine Frau namens Aléa Torik, die zum Thema Fiktionalität promoviert und einen Roman über dieses Thema schreibt mit den Vorstellungen spielt, die sie evoziert. Soweit ich sehe, macht sie das ausgesprochen gekonnt. Das zwingt uns, uns damit auseinanderzusetzen, inwieweit Männlichkeit und Weiblichkeit, das Eigene und das Fremde Konstruktionen sind. Wir wissen das theoretisch. Es ist allerdings ein anderes Wissen als jenes, was uns jetzt durch einen Schock vor Augen geführt wird. Bei dem, was Aléa Torik macht, wissen wir es nämlich nicht: wir fühlen das, was wir zu wissen meinten.

    Ich habe drei Punkte, zu denen ich mich äußern möchte.

    Erstens: Ich habe gestern zwei Stunden damit verbracht, die obige Kritik und die Kommentare dazu zu lesen und dann weitere zwei Stunden auf der Seite des Bücherbloggers. In diesem Disput, wenn man es so nennen mag, in seinen Äußerungen kommt eine enttäuschte erotische, Hoffnung zur Sprache. Seine Äußerungen sind in ihrem literarischen Anspruch hingegen kaum ernst zu nehmen. Auf seinem Blog sind Dutzende Beiträge zu finden, die sich mit Aléa Torik beschäftigen, die alle dieselbe Schlagrichtung haben: er will das einst geliebte Objekt zerstören. Auch wenn er mitunter etwas anderes behauptet: so lässt sich umso schöner schlachten. Wahrscheinlich hat er das nicht ganz unberechtigte Gefühl, sich mit seinen Einträgen zum ersten Roman lächerlich gemacht zu haben, ein Liebesbrief in geschätzt dreißig Teilen, der zwar auch Kritik äußert, aber vor allem große Begeisterung für die Autorin. Es geht ihm scheinbar vor allem darum, sein gekränktes Ego wieder in den alten Zustand zu versetzen, wieder und wieder dieselben Wendungen käuend; in jenen Zustand, in dem das Ego idealerweise bei uns allen sein sollte, jedoch nie ist. Ich finde das bedauerlich, literarisch wie menschlich. Zuerst diente die sogenannte „Rezension“ des ersten Romans als Annäherung an die begreif- und begrabschbare Autorin, aber in dem Maße wie die sich als anders geartet herausstellt, wird das Objekt jetzt zerstört. Da er sie nicht greifen kann, macht er das am Buch, und an dessen Sprache fest. Ich kenne die Romane nicht, nur das, was auf der Seite des Verlages einsehbar ist, aber seine Äußerungen sind Polemik. Daß ihr neuer Roman Mist ist, ist die einzige Möglichkeit, wieder zur Reputation zu kommen: je schlechter der Text, desto besser der Bücherblogger. Der Roman ist allerdings die Stelle, wo er Aléa Torik am empfindlichsten treffen kann. So wie er seine Liebe zu ihr anhand des ersten Romans herausgeschrien hat, schreit er jetzt seinen Haß und seine Verachtung heraus.

    „Zunächst einmal sollte man einem anderen Blogger Respekt für seine Arbeit zollen. Falls man völlig anderer Ansicht ist, bieten sich zwei sinnvolle Optionen. Man schweigt oder man macht sich die Mühe, seine Kritik wenigstens in eine Form zu kleiden, die den anderen nicht unterhalb der Gürtellinie in seiner Persönlichkeit verletzt.“ Das ist ein Zitat des Bücherbloggers auf seiner eigenen Seite. Kleiner Kursus in Anatomie: Unterhalb der Gürtellinie findet sich nicht die Persönlichkeit, da finden sich die Geschlechtsteile. Offenbar genau das, was ihn an Aléa Torik so interessiert. Vergleicht man diesen Anspruch an sich selbst oder die Erwartungen, die er anderen gegenüber hegt, mit dem, was er hier veranstaltet, kann man nur staunen. Auch hier dreht er sich im Kreis: das Sprachniveau von Aléa Torik ist ihm zu banal, er ist also zu intelligent und währenddessen wird er immer beleidigender, da er sie unbedingt zu einer Reaktion zwingen will. Das sind die Verhaltensweisen eines kleinen Kindes, das sich bei Mama beklagt, daß man ihm sein Spielzeug weggenommen hat und jetzt solange schreit, bis Mama kommt oder er erstickt.
    Über das sprachliche Niveau der Beteiligten kann jeder, der sich ein Bild machen möchte und Dank seines Sprachvermögens dazu in der Lage ist, dies tun: Hier gibt’s die Textprobe von ihr: http://www.osburg-verlag.de/buch/al%C3%A9as-ich und hier die vom ihm: http://buecherblogger.wordpress.com/category/die-frau-die-es-nie-gab/. Wenn der Roman, so meine Einschätzung, das Niveau durchhält, was er auf den ersten dreißig Seiten präsentiert, eine schöne und sinnliche und mitunter gescheite Sprache, dann kann das sehr interessant werden.

    Zweitens: In seinem ersten Kommentar zu diesem Post spricht der Bücherblogger davon, daß Sie eine Verteidigungsrede für den angeklagten Autor halten. Ich habe nirgends eine Anklage gesehen als bei ihm selbst. Er ist derjenige, der Klage führt und dreht es perfiderweise um und marginalisiert dabei seine eigene Haltung, wenn er vom aufgeflogenen Autor spricht. Er selbst hat ihn auffliegen lassen. Er hat dieses Outing vorgenommen. Das ist ein Denunziant. Das erklärt auch, warum seine Beiträge im Gejammer verbleiben, dass ihm Unrecht zuteilwurde. So kommt niemand auf die Idee, dass er nicht nur Opfer, sondern auch Täter war. Eine Tat, die meines Erachtens weit schwerer wiegt, als die, die er beklagt. Ich habe keine Vorstellung, warum Aléa Torik dazu nichts sagt, Entweder zeugt das von Hilflosigkeit, was ich mir bei dem Bild, das ich mir mache, schwer vorstellen kann, von einer ungeheuren Größe, was ich mir noch schwerer vorstellen kann, weil das sehr selten ist, oder sie wird sich dazu noch äußern. Vielleicht hören wir in dem Fernsehinterview etwas dazu. Oder es gibt andere Orte.

    Drittens, und damit jetzt zu Ihnen: Als Betreiber dieses Blogs möchte ich Ihnen mein Kompliment aussprechen. Man kann in allem (was ich gelesen habe) ein großes Verständnis für Literatur – und natürlich deren theoretischen Grundlagen – erkennen. Mir gefällt Ihre Tendenz, ein Buch groß zu machen, seine Stärken hervorzukehren und das am Text auch herauszuarbeiten. Sie fragen, obwohl Sie das nicht wollen, weil Sie nichts von Autoren erwarten, sondern etwas von Texten; Sie fragen, was der Autor oder die Autorin wollte, soweit das jemals zu rekonstruieren ist, mit welchen Mitteln er dabei vorgegangen ist und ob das Ziel erreicht oder inwieweit es verfehlt wurde. Es sind nicht wenige, die meinen etwas von Literatur zu verstehen, die umgekehrt vorgehen und sich fragen, ob der Autor das erreicht hat, was sie selbst wollen. Dieser Ansatz lässt Literatur zur reinen Unterhaltung werden.

    Ich fürchte, Sie werden sich nun mit einem endlosen Lamento des Bücherbloggers herumschlagen müssen, obwohl ich Ihnen das mit diesem Satz vom Hals zu schaffen versuche.

    Ich schaue mir nun die Sendung mit Aléa Torik an und dann geht mein Kopf wieder in den Ariost und in diesem Sinne verbleibe ich mit den besten Grüßen,

    Ihre Orlanda Furiosa,
    die, neugierig gemacht, den besprochenen Roman lesen wird.

  65. Bersarin schreibt:

    Guten Abend Orlanda Furiosa,
    Ich kann Ihnen nur in kürze antworten, da ich gerade an einer Kritik zum gestrigen Tocotronic-Konzert sitze.

    Es mag so sein, was Sie zum Bücherblogger schreiben, es mag nicht so sein. Ich plädiere ja sowieso dafür, das Persönliche und die Dinge, die das Ich in seinen direkten Bezügen tangieren, aus dem Bereich von Theorie, Philosophie, Ästhetik fortzulassen oder wenn man es zum Thema bringt, dann so zu transformieren, daß Objektivität und Subjektivität in ein Verhältnis des Aufschaukelns treten, indem sich womöglich das eine im anderen spiegelt.

    Allerdings möchte ich gegenüber Ihrem Furor, dann doch wieder den Bücherblogger verteidigen, was ja gerade dann geht, wenn wir die persönlichen Ebenen außen vor lassen. Die ästhetischen Argumente, die von ihm im Rahmen der Literaturkritik geschrieben wurden, kann man durchdenken, kann man an manchen Stellen auch widerlegen. Egal wie eine(r) dazu steht: Man muß sich damit auseinandersetzen.

    Mag sein, daß sich der Bücherblogger getäuscht fühlt und es spielt dies in die Kritik hinein oder es spielt nicht hinein. Aber es ist ebenso ok, das zu äußern, wie es ok ist, Masken zu benutzen.

    In der literarischen Kritik freilich tut man besser, diese Involvierungen abzulegen.

    Sie sollten natürlich nicht nur „Aléas Ich“ lesen, sondern ebenso diesen Blog im Auge behalten und darin lesend sich vertiefen.

    Ganz allgemein möchte ich noch anmerken, daß ich diese Beziehung zwischen Aléa Torik und dem Bücherblogger hier nicht primär zum Thema habe, sondern dies ist ein Blog zur Ästhetik. Wenn sich diese Thema irgendwie in die Kunst oder die Philosophie verwandeln läßt, dann mag es angehen, darüber zu schreiben, denn ich schätze die Metamorphosen.

    Bleiben Sie mir und diesem Blog gewogen, werte Orlanda. Und was das Private angeht, so versuchen Sie die Perspektive des Bücherbloggers ebenfalls zu denken. Ich selber ziehe aus dem Perspektivismus und aus den Verwandlungen in andere Personen, die ich nicht bin, vielfach meinen Gewinn. Genug: es geht wieder zum Tocotronic-Text.

  66. david schreibt:

    Ich habe einige Saetze von Alea gelesen, die gut waren. Es gibt Buecher, die sich mit ein paar wenigen gelungenen Wendungen rechtfertigen. „Das Geraeusch des Werdens“ ist ein solches Buch.

  67. Bersarin schreibt:

    Ja, „Das Geräusch des Werdens“ ist ein ganz besonders Buch: sinnlich, viral, vital, melancholisch. Aber insbesondere aus Gründen der Brüchigkeit und der Differenzerzeugung halte ich den zweiten Roman für ebenso gut. Auch deshalb, weil er die harmonischen Tendenzen und das doch eher Freundliche des ersten Werkes durchkreuzt. „Aléas Ich“ ist sehr viel unheimlicher und spielt mit dem Düsteren, insbesondere in der Figur der Olga und ihrer Wandlung tritt das zutage. Da wo Olga fast bösartige Züge annimmt.

  68. ziggev schreibt:

    @ Bersarin, sorry, aber ich gestehe meine Unwissenheit hier gerne ein (ehrlich gemeint, kein sokratischer Trick), kannst Du den Verweis auf den Goethe/“Proteus“ doch noch einmal etw. mehr verdeutlichen, das wäre jedenfalls nett, selbstverständlich nur, wenn Du Zeit und Lust hast, mir hatte eigentlich nur der Verweis auf Goethe, der hier manchmal (eher selten) auch mal in der analytischen Philosophie auftaucht, bereits ausgereicht (nicht zu vergessen betreffs Sokrates Laertius und Aristophanes, weniger analytisch).

  69. ziggev schreibt:

    Mit anderen Worten, ich nehme mir alias „ziggev“ meine Literarizität meinerseits zwar in Anspruch, auch wenn ich manchmal echt Müll schreibe, keine Frage. Ist das eine harte Frage? Nein! Weil es gar nicht anders geht! Ist aber noch lange kein Grund, jetzt total auszuflippen. Dass Aliasse manchmal dennoch schreiben, ist zwar nicht immer die beste Nachricht: noch mehr Müll? Banale Einsichten, R. Goetz hat da mal so in Internet-Sachen vor ner halben Ewigkeit mal so rumgemacht

    Aber immer wieder machen sich da selbst-wichtige Leute breit, die nicht mal die Kommasetzungsregeln beherschen. Wer im Netz sich ausbreitet, aber nicht mal verstanden hat, dass es nur und nur ganz alleinig um den Text geht, der sollte sich um für oder gegen Atomkraftwerke kümmern. Darf von mir aus auch mal notorisch ne Kommasetzungsregel außer Acht lassen.

    Man nehme sich summakumlaude zum Beispiel, der sich noch für jede falsche Beugung umständlichst entschuldigt ! DAS hat Stil. Denn ohne geht nicht. Ich bin hier in Sachen Web 2.0 irgendwann vor 2 Jahren eingestiegen – aber was mich am meisten wunderte: anstatt sich gegenseitig die Kommafehler zu korrigieren wurde sich gegenseitig persönlich-kleinig angegriffen ! Unglaublich!

    Mein Alias macht manchmal auch sprachlich ganz schönen Müll, was mir manchmal schlaflose Nächte bereitet, wie sind hier aber im Medium der Sprache – ohne Sprecherreferenten. D.h., dass Bersarins Verweis darauf, dass es nicht auf den Sprecher sondern auf die Sprache ankommt, eine echte Banalität ist, wollen wir uns miteinander unterhalten. Wenn wir keine Referenten-Sprecher „da draußen“ haben, ist es noch banaler, sich auf selbige zu berufen.

    Wer sich aber als „Referenten-Sprecher“ „da draußen“ idnetifiziert, sollte IMOH sich nicht darüber mockieren, dass wir uns – notwenig – etwa für die Sprache von Kleist oder Geothe interessieren, uns also darüber unterhalten wollen, und nicht darüber wer jetzt spricht. Was kann Sprache? – Ist doch gar keine so uninteressante Frage!

  70. david schreibt:

    Ziggev@
    Das Insistieren auf die Kommaregeln, lustig genug, ist aber von einer intellektuellen Peinlichkeit ersten Ranges. Man muss aufpassen, nicht am Ende noch für einen Grammatikus gehalten zu werden.

  71. Der Buecherblogger schreibt:

    @Orlanda Furiosa

    vielen Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme, Herr Heck!

  72. ziggev schreibt:

    @ david, hast du denn meinen Kommafehler oben gesehen, dessentwegen ich noch immer nicht schlafen kann ? (ich bin etwas pedantisch, weil ich mal für ein paar Jahre als Übersetzer gearbeitet habe, wissend, dass das mit dem Lektorat nicht so laufen würde, und dann noch die „Korrekturen“ der Autoren lektorieren musste, bitte verzeihe mir.) Wie oft aber habe ich wirre und vollkommen unverständliche Sätze lesen müssen, während der Autor einfach nur durch Setzen des Kommas an der richtigen Stelle seine Gedanken so leicht hätte ordnen können! Du lachst mich vielleicht aus, aber ich sehe einen Text auch immer wie einen Notentext. Mit falschen Vorzeichen, oder wenn Taktart mit der Anzahl der Pausenzeichen nicht übereinstimmt, geht bei mir gar nichts. Der Rhythmus muss auch stimmen. Nur weil wir hier in Blogs so drauflosschreiben, sind wir noch lange nicht irgendwem intellektuell überlegen.

  73. david schreibt:

    Ziggev@
    Nun, damit haben Sie den Sachverhalt mehr als erklärt. Und ich ziehe das mit der intellektuellen Peinlichkeit zurück.

  74. ziggev schreibt:

    … ok., solange du über meine sonstigen Rechtschreibfehler hinwegsiehst ;-)

  75. summacumlaude schreibt:

    Hallo Ziggev, um den Kommentarberg hier weiter ansteigen zu lassen: Wieso war meine Selbstkorrektur „umständlich“? Der Fehler basierte übrigens auf der räumlichen Nähe des N zum M auf der Tastatur. Ich konnte gut schlafen.
    Smile

  76. genova68 schreibt:

    Ich muss die beiden Bücher endlich mal lesen, verdammt. Leider habe ich gerade mit „Fünf Freunde im Nebel“ angefangen.

  77. ziggev schreibt:

    he, summacumlaude, „umständlich“ sagte ich, weil Du der Einzige bist, der solche nachträglichen Edits macht, was ich, ehrlich gesagt, ziemlich sympathisch finde ;-) – und der Rest war mehr bildlich gesprochen. Aber wenn das alle, oder ich, jedesmal machen würden … vielleicht kommt ja allerdings dennoch irgendwann mal eine gelungene Diskussion als Buch auf den Markt; in diesem Sinne: immer auch bitte an die Lektoren denken (die haben bei mir sogar zuletzt „Jesus´“ übersehen, welches meine Autorin mir unterjubelte)! Bei Bersarin finde ich immer nur Stellen, bei denen ich selber unsicher bin (ein klein wenig aus der Übung). Die Chancen stehen also schon mal gar nicht so schlecht!

    Aber Scherz beiseite. Vielleicht können wir dieses Regelhafte der Sprache, das mich damals schon in Träumen verfolgte (ja, das gibt es, ich träumte von nichtendenwollenden sytaktischen Umbaumaßnahmen), als pars pro toto nehmen. Denn eine Regel, die wie Wittgensteins Tennisball nicht einem unerbittlichen 4/4-Takt gehorcht, sondern sich sprachlich erst das eigene Sprachspiel schafft, d.h., dass eine Regel immer auch einen Freiraum bedeutet, verweist in diesem Spiel immer nur wieder auf das Spiel, u. damit meine ich die Sprache. Nicht auf den Tennisspieler oder die Tennisspielerin; nicht auf die Befindlichkeiten, darauf, was der oder die Autorin dabei empfand, dass der Autor vom Tractatus logico-philosophicus, wie das Gerücht umging, seine Homosexualität zeitlebens verleugnet haben soll.

    Der 4/4-Takt hat eine eigene Logik, die ist jedoch trivial. Trotzdem gibst es James Brown. Die Sprache gibt sich gewissermaßen den 4/4-Takt selber vor. Diese Logik können wir aber, das ergibt sich für mich daraus von selbst, nur aus der Sprache selbst erlernen.

    Dies nur als basale Gedanken dazu. Also bitte nicht mehr über Kommasetzung, da bin ich einfach etwas ausgeflippt; dean hatte schon recht. Ich werde versuchen, die Diskussion, soweit bisher nicht nachvollzogen oder nicht interessant gefunden, nachzuvollziehen. Ganz ehrlich, wir können meinetwegen gern mit der Rechtschreibung aufhören. In diesem Blog gibts da ja auch in den Kommentaren ohnehin eigentlich nichts zu meckern.

    übrigens die letzten zwei Tage echt gutes Wetter.

  78. Bersarin schreibt:

    Na ja, solange Du nicht auch Carmen Nebel hörst … Allerdings hast Du in der Landschaft der Literatur noch einen weiten, einen sehr sehr weiten Weg vor Dir.

  79. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Die Sprache spricht, so formulierte es Heidegger. Ich will eine Welt ohne Subjekte. Entstellt und wie Asche.

    Und gutes Wetter will ich schon gar nicht. Der Winter ist die schönste aller Jahreszeiten. Alles ist in die Watte des Schnees gepackt. Die Menschen sind still, weil sie frieren.

  80. ziggev schreibt:

    Aber in einer zugigen Wohnung unterm Dachstuhl, wo die einfach i.d. 50ern vergessen haben, das vielleicht mal etwas gegen die zugige Kälte etw. abzudämpfen? Ich lauf hier immer mit soner türkisblau-entsprechendgrün-dunkelblau gemusterten Fleece-Decke von Kik herum, entweder über die Schultern geworfen oder um die Hüfte geschwungen, sodass auch meine Knie geschützt sind, aber als Allergiker verstehe ich Dich. Und ich liebe auch die kalten Jahreszeiten, habe die Klamotten dazu. Eingehüllt in dieselben, mit langer Unterwäsche und dicker Hose, Schal, Mütze, Handschuhe, Pullover und dicker Jacke, bei Thomals I Punkt verbilligt für 750 Mark erstanden, weil ein Taschenknopf nicht passt, über umkrähte Felder zu stapfen, wo sonst alles tod ist, dort gehe ich entlang : wo ich im Sommer vorbeioggen würde, wenn nicht mein Miniskus da keine Lust mehr drauf hätte, – ja, kalt muss es sein.

  81. genova68 schreibt:

    Bersarin,
    du sprichst mit jemandem, der mit 13 das Gesamtwerk Bölls durchhatte. Meine derzeitige Fünf-Freunde-Lektüre bedeutet keine Unbeflecktheit und keine Regression, sondern ein einfühlsames Zurück in meine Kindheit mit neuen Erkenntnissen. Es ist so, als wenn man hin und wieder das alte Lieblingsplüschtier mit ins Bett nimmt, was du sicher auch tust.

  82. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Tocotronic singt es ja auch: wir sind plüschophile.

    @ziggev
    Vom Heuschnupfen bin ich verschont. Ich liebe den Winter und den Herbst aus anderen Gründen. Mein Motto: Das kalte Herz.

  83. anne schreibt:

    Sei Licht und immer Licht
    Bis auf den Grund der Tonne.
    Sei Licht und keine Flause nicht
    Mein Wahlspruch und –
    Der Sonne!

    majakovskij-like

  84. Bersarin schreibt:

    Ich weiß nicht, was ich vom Licht halten soll. Zu viel davon und man erblindet oder verbrennt. Andererseits besitzt die hohe Sonne des Mittags ihren Reiz: Incipit Zarathustra. Ich selber halte es mit Nietzsche, wie er es in seinem Gedicht „Ecce homo“ aus „Die fröhliche Wissenschaft in die Sentenz brachte:

    Ja! ich weiß, woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    Glühe und verzehr ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
    Flamme bin ich sicherlich.

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