„NOLI ME TANGERE“ – Berühre mich nicht! als eine Form von abwesender Präsenz. Die Macht und das Leben der Bilder (6)

„Maria aber stand vor dem Grabe und weinte draußen. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu den Häupten, den anderen zu den Füße, da sie den Leichnams Jesu hingelegt hatten. Die Engel sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin sie ihn hingelegt haben. Und als sie das gesagt hatte, wandte sie sich zurück und sieht Jesum  dastehen, und weiß nicht daß es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, daß du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hin gelegt, so will ich ihn holen. Jesus sprach zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni!, (das heißt: Meister)! Spricht Jesus sagte zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria Magdalena ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen, und solches hat er zu mir gesagt.“ (Joh. 20:11–18)

Diese Szene zwischen Maria Magdalena und Jesus wird von einer paradoxen Logik der Präsenz sowie einer paradoxen Geste von Berührenwollen und der Abwehr jeglicher Berührung (und damit: Körperlichkeit) getragen, die – zunächst in sprachlicher Form dargeboten – Nähe und absolute Distanz in einem einzigen zeitlich-räumlichen Moment verkörpert. Jesus spricht Maria Magdalena an, Maria antwortet. Maria erkennt Jesus zunächst nicht, ihr Blick nimmt einen präsenten Körper eines Menschen, aber nicht den von Jesus wahr. Die Gründe über diese Nicht-Wahrnehmung bleiben im unklaren. Maria antwortet, indem sie nach dem vermeintlich toten Körper fragt, um ihn zu holen – wohin auch immer. Nun spricht Jesus sie mit ihrem Namen an, einem Eigennamen, der sowohl für die Mutter als auch für die Frau an Jesus Seite gebraucht wird. Erst dadurch, daß Jesus sie beim Namen nennt, erkennt Maria ihn, wendet sich ihm wieder zu.

Überhaupt ist diese beschriebene Szenerie bereits im Ablauf der Bewegungen und der Blickachsen eigenwillig konstituiert. Maria wendet sich (wahrscheinlich vom leeren Grab) zurück, sieht eine ihr scheinbar fremde Gestalt, diese redet sie an, sie befragt dieser Gestalt, muß sich aber anscheinend während diese Gespräches wieder abgewandt haben, denn ansonsten wäre der Satz „Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni!“ von der logischen Abfolge der Bewegungen her sinnlos. Sie sieht zunächst, ohne zu erkennen. Nur ein Blick, der nicht das sieht, was er erwartet oder sehen möchte, wendet sich vom Gegenüber ab – eben weil er in Erwartung von anderem als dem Dargebotenen affiziert ist. Beim Namen erst, ihrem eigenen, fährt Maria auf und erkennt. Allerdings geschieht das Wahrnehmen samt der Bewegung hin zu Jesus in einer Weise, die dem Gegenstand des Erkennens nicht angemessen ist. Maria Magdalene sucht eine Nähe, die nicht mehr möglich ist.

Der Aspekt von Namensnennung und Magie des Namens, die – zumindest in der jüdischen und auch in der christlichen Textualisierung – mit der adamitischen Namensgebung ihren Lauf nimmt, ist ein Topos, der vielfältig in Philosophie und Literatur abgehandelt wird. Paradigmatisch sei hier nur auf Benjamins Aufsätze „Über die Sprache überhaupt …“, „Die Aufgabe des Übersetzers“ sowie „Über das mimetische Vermögen“ hingewiesen. Sprache unter dem Aspekt des Namens tritt beim frühen Benjamin als eine Form auf, die die Logik bloßer sprachlicher Repräsentation und handhabbarer Wiedergabe übersteigt. Namens-Sprache überwindet jegliche Subjekt-Objekt-Distanz, so wie Maria erst im Angesprochen- und Abgewehrtwerden durch Jesus dessen (freilich abwesende) Nähe gewahr wird. Namens-Sprache dient in dieser Anordnung verschiedener Weisen von Körperlichkeit zugleich als Werk von Aufhebung (in jenem dialektischen Dreifachsinn) und wirkt als Zauber (also: Magie): actio in distans. Nietzsche dann verkehrt dieses Motiv von Nähe und Ferne (in unserem, im biblischen Falle die zwischen einem Mann und einer Frau): die Macht und der Zauber nicht des Mannes, des anwesend-abwesenden Messias, sondern der Frauen wirkt gerade durch ihren Abstand. Nachzulesen unter anderem in jenem Kapiteln in der „Fröhlichen Wissenschaft“, das heißt „Die Wirkung der Frauen aus der Ferne“.

Daß Maria Magdalena gestisch kurz davor ist, Jesus zu berühren, seinen Leib oder aber: seinen Körper zu spüren, diesen Umstand verschweigt der Text des Johannes-Evangeliums; das Begehren nach dem Körper Jesu (was auch immer dieses Begehren zunächst tragen mag) läßt sich lediglich durch den von Jesus ausgesprochenen Satz ahnen, der zum geflügelten Wort wurde und als Bildtitel in die Kunstgeschichte einging: „NOLI ME TANGERE!“ Weshalb wird dieses Verbot, einen Körper zu berühren, ausgesprochen? Jesus spricht, um Maria mitzuteilen, daß er zwar anwesend, mithin dort und an diesem Ort durchaus (physisch) präsent ist und daß er trotzdem nicht da und berührbar sowie berührungsfähig ist, eine Anwesenheit als Nicht-Präsenz, die sich im Grunde jeglicher Repräsentation und jeder Weise von Vergegenständlichung entzieht (ausgenommen der sprachlichen), weil jener Jesus bald in eine andere Sphäre, in die des Vaters, in den Bereich des Gottes eintreten wird.

Er ist nicht da, wo Maria ihn wähnt, er ist anderswo und er ist dennoch an diesem Ort in der Nähe des Grabes. Dem Hier und Da dieser Präsenz ist der Modus radikaler Abwesenheit bzw. einer Andersheit eingeschrieben, die die Reaktion Jesu konstituiert. (Zu diesen Motiven anwesend-abwesend kann man die kleine Schrift von Jean-Luc Nancy (einem Schüler Jacques Derridas) lesen, die meine Überlegungen zur Präsenz und zur Logik von Repräsentation einer Nicht-Präsenz teils anregten: „Noli me tangere. Essai sur la levée du corps“, Bayard Éditions, Paris 2003, in Deutsch im diaphanes Verlag, Zürich/Berlin 2008. Diese Schrift steht in einer Reihe von Texten Nancys, die den Versuch einer dekonstruktiven Lektüre des Christentums unternehmen: Also nicht die abstrakte Durchstreichung und Negation, wie dies Deleuze in einer teils simplifizierenden Weise betreibt, sondern Nancy liest die Texte des Christentums immanent.)

Der Körper eines geliebten Menschen ist dazu da, sinnlich affiziert und damit: berührt zu werden. In der Sicht Hegels freilich sieht dieses Moment anwesend-abwesender Körperlichkeit, die an den (bereits toten) Körper gebunden ist, anders aus. Das Tote bleibt tot und ist es doch nicht. Im Text Hegels ist das Moment der Leere des Grabes (jenes Grabmals der Empirie) zentral. Es klammert sich ein im Bereich der Philosophie oder der Theologie operierendes Denken nicht ans Sinnliche. (Was dies für die Bildende Kunst bedeutet, bleibt eine andere Frage.) Bei Hegel fungiert eine (radikale) Leerstelle als elevatorischer Motor dialektischer Geist-Theorie. Ich schrieb dazu an dieser Stelle und auch im Rahmen von Bildrepräsentation und Diesseits ebenfalls hier.

Ergänzen müßte man diese Lektüre von Geist, Aufhebung und Magie wohl noch um Derridas Texte zu den Gespenstern und zu all den Formen des Wiedergängertums, das Jesus in dieser Szenerie der Auferstehtung aus dem Grab ebenfalls darstellt.

 Fra_Angelico,_noli_me_tangere

X

Veronese

Anderswo zu sein und doch gegenwärtig: Diesen Zustand kann im Grunde kein Bild repräsentieren, abbilden oder in irgendeine Form von Darstellung bringen. Zumindest nicht mit den realistischer Darstellung. Fra Angelico (Bild 1) und Veronese (Bild 2) deuten diesen Zustand anwesender Abwesenheit bzw. eines (im Bild repräsentierten) rein körperlichen Ichs durch die Gloriole an. Auf Fra Angelicos Fresco um 1440, das ist interessant, trägt auch Maria Magdalena, die zuweilen durchaus als eine Art Sünderin aufgrund liebender Geschlechtlichkeit wahrgenommen wird, diese Gloriole. Meist wird mit dieser Gloriole jedoch lediglich die Mutter Jesu dargestellt. Auf dem Gemälde von Veronese Ende des 16. Jahrhunderts bleibt diese Aureole Jesus vorbehalten. (Über die Bewegungsabläufe und das Verhältnis sowie die Darstellung der Hände und des Gestischen schreibe ich in einem zweiten Teil.)

Der Subjekt-Körper tritt in dieser Noli-me-tangere-Szenerie, die uns qua Johannes-Evangelium als Erzählung geliefert wird, in ein grenzgängerisches Zwischenstadium. Der Körper des Subjekts gleicht in diesem besonderen Status einem Körper, der nicht mehr als empirisch wahrnehmbarer Körper funktioniert, gleichsam ein gedoppelter Körper, ein Leib-Körper, unberührbar, verklärt, überhöht, brennend und zugleich doch aus Menschenfleisch, welches auf Berührung angewiesen ist. (Zu dem Aspekt, wie sich das Christentum über solche Modelle zunächst theologischer Repräsentation in eine Art politische Theologie transformierte, lese man: „Die zwei Körper des Königs“ von Ernst H. Kantorowicz.)

Identität oder auch Subjekt-Sein konstituieren sich in dieser Episode des Johannes-Evangeliums nicht nur über das Angesprochenwerden mit Namen, sondern auch als Berührung. Totes, das nicht tot ist, ist entweder ein irreales Geist-Gespenst oder aber ein Wesen eigener Art. Sinnlichkeit ist ein zunächst direkter Modus beglaubigenden und personale Identität erzeugenden Zugriffs, und es verifiziert sich in dieser ein Wesen im Tastsinn. Zu diesem Aspekt notwendiger Berührung lese und betrachte man z.B. die – ebenfalls in der Kunst häufig wiedergegebene – Episode vom ungläubigen Thomas: jener Finger in der klaffenden Speerwunde, die ein ebenfalls faszinierendes Sujet für die Malerei abgibt.

Menschenfleisch, das den Tod überwandt. Woran knüpft sich die Sinnlichkeit und der Wunsch nach Körper-Präsenz bei Maria Magdalena? Innerhalb der Bildsprache würde ich hier zwei Gemälde gegenüberstellen wollen, die auf zwei ganz unterschiedliche Weisen des Berührens verweisen. Einmal Tizians „Noli me tangere“ (Bild 3), das in der Nationalgalerie in London hängt, und dann Correggios wunderbares Gemälde (Bild 4) aus dem Prado in Madrid.

TitianX

Correggio

Dieser Bilder sprechen, schon in ihrem unmittelbaren Gestus, für sich und verweisen auf zwei ganz unterschiedliche Momente. Eine Lektüre dazu liefere ich demnächst.

„Wenn man in Gedanken von einem Gemälde zum anderen übergeht oder ihre Motive übereinander blenden möchte, lässt sich dieses Berühren als singuläre Kombination von Distanzierung und Zärtlichkeit, von Segen und Liebkosung verstehen. ‚Berühre mich nicht, denn ich berühre dich, und diese Berührung ist derart, dass sie dich auf Abstand hält.‘“ (J.-L. Nancy, Noli me tangere)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu „NOLI ME TANGERE“ – Berühre mich nicht! als eine Form von abwesender Präsenz. Die Macht und das Leben der Bilder (6)

  1. Lucy schreibt:

    Lieber Autor, vielen Dank für die interessante Lektüre. Ich frage mich, ist die versprochene vergleichende Lektüre der Bewegungsabläufe und Gesten von Maria Magdalena und Christus in der Malerei bereits an anderer Stelle veröffentlicht? Ich konnte einen derartigen Text nicht finden, wäre aber sehr neugierig, was Sie darüber denken.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich müßte hierzu genauer in die Materie einsteigen. Ich habe das Thema dann aus den Augen verloren, wie es beim Bloggen so geht. Ich nehme mir etwas vor und mache dann etwas anderes. Da es von der Art der Faltenwürfe in den Gewändern bis hin zu Farbauftrag und kompositorischem Aufbau alle möglichen Untersuchungen der Kunstgeschichte gibt, steht zu vermuten, daß ebenfalls über die Gesten geforscht wird. Mir selber sind dazu leider keine Studien bekannt.

  3. ottodicatania schreibt:

    Lieber Bersarin,
    vielen Dank für den umfassenden Artikel, der mich einige der schönen Gemälde und Fayencen in Florenz hat verstehen lassen.
    Beste Grüsse von der Piazza San Firenze,
    Rainer

  4. Bersarin schreibt:

    Das freut mich. Beste Grüße nach Florenz.

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