Jüdisches zum Samstagabend samt Tonspur zum Sonntag

Was machen wir, wenn es den Jesus, der zum Messias wurde, gar nicht gab? Dann sind wir ziemlich in den Arsch gekniffen und womöglich auf einen Betrüger hereingefallen. Egal aber – die theologisch-metaphysischen Spitzfindigkeiten sowie die Frage nach der Verklärung des Leibes bleiben. Es bleiben die Gemälde, die Gleichnisse sowie ihre Auslegung, die Lektüren des Textes, die Geschichten, es bleiben die sakralen Bauten und auch die Repressionen des offiziellen Apparates Kirche. Das Christentum zu verdammen ist so dämlich wie sich ihm hemmungslos hinzugeben. Ich bin nicht wirklich religiös gestimmt, mich interessieren an den Religionen vielmehr die Regeln, die Riten, die Diskursformen, samt den kulturellen Ausprägungen.

Ich selbe habe mich mit dem Judentum lediglich in Ansätzen während meines Studiums beschäftigt. Um in den Text Walter Benjamins besser hineinzugelangen und Verständnis für den Gedanken des Messianischen zu entwickeln, las ich einige der Schriften von Gershom Scholem, blätterte ein wenig in einem Buch zu Kabbala. Das war’s dann.

Zum Judentum kam ich im Grunde eher durch einen Zufall. Mit meiner damaligen Freundin, die heute meine Exfreundin ist, stand ich irgendwann im Jahre 2005 bei Reichelt in den Gängen zwischen Nudeln und Fertigbackmischungen. (Für die Nichtberliner Leserinnen und Leser: Reichelt ist eine Supermarktkette, die es nur in Berlin gibt.) Wir überlegten, was wir für unsere Mahlzeiten einkaufen sollten, dann ging es am Tschibo-Stand vorbei, wo wöchentlich wechselnd verschiedene Preziosen und besondere Dinge wie Funkwecker oder Funktions-BHs feilgeboten werden. „String Tangas?“ machte sie neckisch. „Nein, steh ich nicht drauf“, so ich. „Aber ich trage doch manchmal welche!“, sie leicht vorwurfsvoll. Wir haben nun ein Unterwäscheproblem. „Ja, bei Dir mag ich es schon, aber ich mag es im Grunde nicht wirklich.“ Leicht bohrender Blick von meiner damaligen Freundin, die heute meine Exfreundin ist. Dann schweifen ihre Augen ab und wanderten hin auf ein circa 40 cm großes schwarzes Plüsch-Pferd mit einem roten Halsband und weißen Fesseln. Sie betrachtete es, befühlte es, blickte kurz nach mir mit ihrem verschmitzten Lächeln, und da wir bereits ihr sprechenkönnendes Obi-Streifenhörnchen in unserer Obhut hatten, erweichte sich mein Herz. Ich kaufte ihr das Pferd. An der Kasse das übliche Prozedere: „Duuuu, Frau Micheeeels, was kostet das Schibuu-Pfärt?“ (Bitte liebe Klassismuskritikerinnen und -Kritiker: ich bin kein Klassenfeind, mein Mitgefühl ist immer mit dem Proletariat, solange es an der Kasse nicht bummelt und meine kostbar-wertvolle Zeit vertrödelt.) Mit einer Stimmlage wie in Loriots „Papa ante portas“: „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“ entgegne ich, prononciert-gestelzt und staubtrocken sprechend: „Dieses Pferd kostet fünf Euro fünfundneunzig.“ Für meine damalige Freundin, die nun meine Ex-Freundin ist, gab dieser doch sehr kurz-bündige Satz einen Running Gag in unserer Beziehung. Beziehungen leben von Ritualen – selbst bei Intellektuellen.

13_03_30_Pferd

Und so waren wir im Besitz eines Plüsch-Pferdes. (Neun Jahre später dann wird Tocotronic auf ihrem Album „Wie wir leben wollen“ singen: „Wir sind Plüschophile“) Beim genauen Betrachten und Diskutieren nun, und wir betrachteten und diskutierten viel in unserer Beziehung, wenn jene damalige Freundin, die seit fünf Jahren meine Exfreundin ist, nicht gerade mein bestes Weinglas auf dem Parkettboden des Arbeitszimmers zerschlug, um meine ungeteilte Aufmerksamkeit zu erhaschen, die ich ihr entzog, weil ich lesend-schreibend an meinem Schreibtisch hockte und mir nichts als Stille wünschte, stellen wir aber fest, daß das Pferd, wir nannten es Pferdi, an seinem Pferdeglied beschnitten war. Auf unsere Nachfrage weshalb, teilte uns das Pferd mit, daß es jüdisch sei. Wir hatten also ein jüdisches Pferdi in unsere Wohnung. Was tun? So informierten wir uns über die Jüdischen Feste, wir feierten Jom Kippur, Pessach, Chanukka, Purim oder das Laubhüttenfest, und irgendwann dann hatte das Pferdi auch seine Bar Mitzwa. Sie mögen dies, verwunderte Leserin, verwundertet Leser, vielleicht merkwürdig finden, aber in Beziehungen und da, wo sich zwei Menschen sehr liebten, geschehen die eigentümlichsten Dinge. Dies war unsere Art, sich mit dem Judentum zu befassen. Wir sind dadurch zwar nicht jüdisch geworden, denn so einfach geht das nicht, doch erwarben wir einige Kenntnisse.

Zum Schluß sei ein jüdischer Witz gegeben:

Weshalb sind die jüdischen Männer beschnitten? Weil eine jüdische Frau nichts anfaßt, was nicht um mindestens zehn Prozent reduziert wurde.

Und da meine Freundin, die nun meine Exfreundin ist, und auch ich gerne Georg Kreisler hören, sei zur Erinnerung an diese Zeit die folgend Tonspur zum Sonntag geliefert:

Ja, so das mit der Geschichte, mit unserer Geschichte „Nichtarische“ Arien von 1966, traurig, verstörend und subtil:

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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