Vom Lesen, vom Halten des himmlischen Kindles. Leseübungen für Ungeübte

Lesen ist ein Akt des Imaginierens, der Konstruktion. Lesen erfordert die (überbordende) Phantasie und den Exzeß. Lesen ist zugleich ein Akt des Denkens. Lesen benötigt Kreativität, es erfordert das Vermögen zum bildlichen, vorstellenden, aber auch zum begrifflichen Denken – Abstraktion und Konkretion alternieren. Lesen hängt mit Neugier zusammen. Geübtes Lesen erfordert eine Menge an Lektüren, um überhaupt zur ästhetischen Qualität eins Buches sinnvolle Aussagen treffen zu können und Muster sowie Strukturen wahrzunehmen. Je mehr eine/r weiß, desto mehr sehen Leserin oder Leser auch; so wie jemand zum Weinkenner nur durch beständiges Probieren wird – Theoretisieren allein riecht nicht hin. Lesen bedeutet nicht Drauflosdenken und irgend etwas zu fabulieren, seinen Geschmacksurteilssalms abzusondern und die Welt des gefühligen Ikea-Kataloges oder die von „Schöner Wohnen“, der Empfindsamkeit und des bloßen Meinens auf das Buch zu applizieren. Subjektivität erfordert ein objektives Moment. Nur weil ein Buch mir gefällt, ist es noch lange nicht gut. Es gibt – und dafür lassen sich Gründe nennen – im Sinne einer literarisch-philosophischen Kritik, die mehr als nur die Literaturkritik des Feuilletons ist, gute und mißlungene Bücher. Und weshalb ein Buch gelingt, scheitert oder im Vagen bis Mittelmäßigen verbleibt, hängt nicht mit persönlichen Präferenzen zusammen. Die Prosa Flauberts, die Exaktheit seiner Beschreibungen, sein Stil, die Qualität seines Ausdrucks ist objektiv gesehen gelungene Prosa: auf der Höher seiner Zeit und mehr noch: darüber weit hinaus. Herausragendes. Dieser Umstand ästhetisch gelungener Konstruktion ist keine Angelegenheit subjektiven Meinens oder Dafürhaltens. Was nicht bedeuten muß, daß die Urteile zur Literatur nun apodiktisch ausfallen müssen.

Wie aber zu lesen sei? Lesen benötigt eine entgegenkommende Situation. Lesen in einem emphatischen Sinne ist nicht an einem lauten Ort möglich. Es ist nicht in der U-Bahn möglich, wo (in Berlin) alle zwei Minuten ein Straßenmusikant um meine Aufmerksamkeit bittet. Und auch in einem Café lese ich nicht besonders gerne, allenfalls reicht es dort für Notizen.

Daß Lesen mit Reflexion sowie der Fähigkeit zum Abstand bei gleichzeitiger Nähe zum Text einhergeht, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber leider nicht.

Die Bedingungen des Lesens (und erst recht die von Literatur) hängen an verschiedenen Faktoren: Das Lesen(-können) von Romanen und von Lyrik ist eine Fähigkeit, die nicht allzulange existiert; diese Rezeptionsform setzte eine bürgerlich organisierte Gesellschaft voraus, in der überhaupt so etwas wie eine Zeit der Muße ihren Platz hat. Zwar verortet sich eine solche Zeit nicht als Jenseits der Arbeit, denn ein Jenseits gibt es in der bürgerlichen Gesellschaft objektiv nicht, weil in jener Gesellschaft alles unter dem Diktat von Arbeit und Wert steht – selbst die sogenannte Transzendenz. Aber doch findet sie als eine Art Zeit der Rekreation statt: Kunst im bürgerlichen Zeitalter fungiert (leider) als Kompensationskompetenz, wie das Philosophen wie Marquard und Gehlen oder Soziologen wie Luhmann gerne sehen. Was dann aber einen emphatisch verstandenen, autonomen Begriff von Literatur ausschließt.

Ansonsten aber blieb diese Zeit der Muße das Privileg des Adels oder derer, die von Arbeit frei waren und keine Zeit auf ihre Subsistenzmittel verwenden mußten, weil sie im Besitz von Geld sind. Wer 10 Stunden arbeitet, seinem Tageswerk nachgehen muß und in familiäre Strukturen eingebunden ist (was bei den meisten der Fall ist), bringt diese Zeit, die übrigbleibt, um zu lesen, nicht auf. Wo eine solche andere Zeit oder eine solche Arbeitsteiligkeit nicht existiert, überwiegt zumeist eine orale Tradition, oder aber Geschichten werden in ganz anderen Zeichensystemen, wie z. B. in (kultischen) Malereien, im Schnitzwerk oder in Tätowierungen, vermittelt.

Auch bei solchen Darstellungsweisen handelt es sich übrigens um eine Form von Text. Auch Bilder sind Texte, die auf eine bestimmte Weise „gelesen“ werden. Es gibt für eine Epoche, einen Kulturkreis semantische und syntaktische Regeln, wie solche Texte, wie solche Bilder zu lesen sind. Unvermittelt und durch bloßes Betrachten sind z.B. die zahlreichen steinernen Figurationen und Ornamente einer Kirche oder der Universität von Salamanca im estilo plateresco nicht zu entziffern. Ohne den Code zu kennen, sind solche Bauten und Bilder kaum zu lesen. Auch das Lesen von Literatur und Lyrik ist an solche Voraussetzungen oder was die Bildende Kunst betrifft: an solche strukturierenden Blickachsen gebunden: Die Bedingungen der Möglichkeit, ein Gemälde der Renaissance zu sehen oder auch: zu lesen.

Aber Lesen verbindet sich zugleich mit einem ganz unmittelbar sinnlichen Moment – es mögen sich Leserin und Leser in diesem Augenblick ihrer Lektüre verwundern, daß ich zur Unmittelbarkeit tendierte. Aber das mache ich nicht: auch das Sinnliche, gerade das (scheinbar) unmittelbar Sinnliche ist nur als Vermitteltes und bereits durch die Muster Vorstrukturiertes überhaupt erst geordnet und in Formen wahrnehmbar.

Was also das Sinnliche betrifft, so ängt das Lesen (auch) am Haptischen. Wenn ich ein Buch halte, mit den Fingern über das Papier fahre, streiche, streichele, die Seiten umblättere, den Leinenbezug oder irgend ein anderes Oberflächenmaterial spüre, dann besitzt das eine ganz eigene Qualität und erfordert ein zusätzliches ästhetisches Sensorium. Ein Text, in elektronischer Form dargebracht, ist trotz gleichen Inhalts (gleichen Textes!) medial anders strukturiert – ganz zu schweigen von den gedruckten Schriftzeichen auf Papier: Kein Lesegerät kann mit dem gedruckten Buchstaben konkurrieren. Insbesondere bei den reinen Lesegerätlesern scheint mir dieses ästhetische Sensorium (teils) abzugehen. Falsch ist es, diese Geräte zu verteufeln und in ihrem Gebrauch den Untergang des Lesebandlandes, gar der Lesekultur zu vermuten. Dennoch ändert sich etwas, denn die Technik bestimmt – wie wir z. B. an Benjamins Kunstwerkaufsatz sehen können – die Weise der Rezeption.

Es bleibt ein Unterschied, ob ich ein feines Papier mit einer angenehmen Oberfläche und einer sanften Struktur in die Hand nehme oder ob ich ein Stück Plastik halte, so wie es einen Unterschied ausmacht, ob ich die Haut einer Frau berühre und streichele oder lediglich mit meinen Händen über eine Gummipuppe fahre.

Vom Schlendern an den Wänden meiner Bibliothek entlang mal ganz abgesehen, wenn der Blick in die Regale späht. Und um diese Bibliothek wieder einmal um ein Geringes aufzufüllen, bestellte ich mir letzte Woche einige Bücher, die nun eingetroffen sind und die demnächst zu lesen sein werden, und wenn ich gewillt bin, fällt gar die eine oder die andere Besprechung ab. (Nächste Woche schreibe ich dann den angekündigten, aufgeschobenen Text zum Roman „Aléas Ich“.)

Ganz besonders bin ich auf Hans Beltings „Faces“ gespannt: mit einem Portrait von Lee Miller auf dem Cover – von Man Ray geschossen. Ich berichtete in meinem Blog im Rahmen der documenta 13 über Lee Miller.

Für das Buch: „Auf Forsters Canapé“ habe ich den Namen einer Frau beschnitten: nämlich den der Autorin. Namen, Wörter, Körper zu beschneiden, Schnitte zu setzen, bedeutet einen eigentümlichen Akt vorzunehmen: indiskret, gewalttätig und zugleich markiert die Beschneidung eine Zugehörigkeit sowie eine Distanz.

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Vom Lesen, vom Halten des himmlischen Kindles. Leseübungen für Ungeübte

  1. genova68 schreibt:

    Hast du Kränzler gelesen? Ist das noch was für unsere Alterskohorte? Oder schließt man hier zu sehr von ihrem Aussehen auf den Inhalt?

  2. ziggev schreibt:

    es stimmt, was Du schreibst, jeder Satz. Zu erwägen wäre villeicht noch, dass Lesen auch eine Flucht aus beengenden Verhältnissen sein kann. Angefixt hatte ich nur werden können, weil ein Freund, ein Schlagzeuger, mich bei ihm leben ließ, drei Monate umsonst, wodurch ich mich von den drängesten Schulden befreien konnte. Im Regal stand nun mal das Werk Prousts herum und, von seiner Ex noch geblieben, u. A. ein paar Bücher von der großen V. Woolf.

    Ich wurde zum fanatischen Leser. Das Geld, das ich als „Druckoperator“ erwirtschaftete, reichte, objektiv gesehen, kaum aus, um eine Hominide in unserem Zeitalter am Leben zu erhalten. Diese Hominide las aber fanatisch, wenn die Maschinen bei der Arbeit aus technischen Gründen stillstanden, in der U-Bahn, – und in seiner Freizeit, dort bei jenem Holzhaus, oder in dessen im Inneren gelegenen Räumlichkeiten, wenn die Sonne mal ausnamsweide mal nicht schien.

    Diese Praxis behielt ich jedoch bei, als jener Kerl gefunden hatte, dass ich lange genug bei ihm for free gewohnt hatte, in jener luxoruiös ausgestattenen Blockhaushütte, mitten im Grünen nicht fern des nächsten Naturschutzgebietes. Während er mal wieder ein schmackhaftes vegetarisches Mal zubereitete.

    Kein Problem war es dann aber gewesen, mir M. French, M. Proust und V. Woolf auszuleihen. Ich frage mich bis heute, wie ich diese Zeit mit Minimalsteinkommen überlebt habe, aber meine wichtigstan Leseerfahrungen machte ich in dieser Zeit.

    Das Fahrrad irgendwie an der Stange des U- oder S-Bahnwaggons festgemacht ließ ich keinen Augenblick verstreichen, in dem meine Augen nicht zuckend über die Zeilen, die Endlosbandwurmsätze des Meisters huschten, oder, als gälte es, das Alphabet zum ersten Mal zu erlernen, sich jeden Konsonant und jeden Vokal, wie zum ersten Mal gelesen, einzuprägen.

    Ich hatte selbstverständlich immer eine besondere Tasche dabei, damit die Dünndruckausgabe nicht Schaden nahm.

    Für mich ist das Problem aus heutiger Sicht nicht nur eines der Muße, sondern auch eines der Lektüre selbst. Vor der Proust-Zweitlektüre, die notwendig ist, machte ich ein bisschen herum in Sachen Thykidides, Aristophanes, Grimmelshausen, aber da ich es mir nicht zur Lebensaufgabe zu machen geneigt bin, zeitgenössichen Autoren und Autorinnen deren Fehlleistungen nachzuweisen, lese ich gar nicht mehr.

    Jetzt wäre in der Tat Muße erforderlich. Stände mir aber eine solche zur Verfügung, würde ich sie nach der Proust-Zweitlektüre und seitdem Nietzsche bei mir als Klolektüre seinen Platz gefunden hat, dazu nutzen, mich dem anderen Geschlecht anzuähern. Nur leider hat mich diese zurückliegende Zeit nicht wirklich schöner gemacht. Keine Frage, selber Schuld, anderen wird es vielleicht gelingen, durch die geistige verfeinerung auch die äußere zustandezubringen.

    Bitte vergiss nicht, es gibt Leute, für die die Anschaffung eines neuen Buches drei Tage Hunger bedeutet. Diese Energie fehlt mir jetzt, was vor nicht allzulanger gefühlter Zeit noch ganz selbstverständlich gewesen ist.

  3. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Das Buch von Lisa Kränzler lese ich gerade. Es scheint mir durchaus geeignet auch für unsere Alterskohorte, da das Buch beschreibt, wie aus zwei Kindern, die ganz verschiedenen Schichten entstammen, Jugendliche werden. Eine ganz eigenwillige Rückblende eines erzählenden (weiblichen) Ichs betreibt Kränzler. Verstörend, in der Sprache eigenwillig, eine Konstellation von zwei sehr unterschiedlichen Figuren, die gemeinsam die gleichen Kinderspiele machen und die sich doch voneinander entfernen.

    Das Aussehen von Literatinnen interessiert mich nicht wirklich. Ausgenommen ich lerne sie kennen und gehe mit ihnen in einem Lokal auf Alkoholabsturz. Sicherlich aber mag das Äußere zur Vermarktung beitragen.

    @ ziggev
    Die Proustzweitlektüre strebe ich an. Andererseits ist mir dieses Buch immer noch derart präsent, als hätte ich es vor einem halben Jahr und nicht vor bald 25 Jahren gelesen.

    Ja, die Lektüre als solche, die Art und Weise, wie zu lesen sei, tragen dazu bei, wie ein Text wahrgenommen wird. Ob Gegenwartslektüre oder das Vergangene: ich würde da kein Entweder-Oder aufmachen wollen. Denn irgendwann gerät auch die Gegenwart zur Vergangenheit. Ach, es gibt so viele interessante Gegenwartsautoren. Ich selber empfehle nach wie vor Don DeLilo.

    Allerdings weiß ich, daß es nicht für jeden möglich ist, unbegrenzt sich Bücher zu kaufen. Manchmal kann schon der Kauf eines einzigen Taschenbuchs bedeuten, sich das Geld dafür vom Munde absparen zu müssen. Bücher, gar eine kleine Bibliothek zu besitzen, ist ein großes Privileg. Ich plädoyierte bisher kaum bis wenig für öffentliche Bücherhallen. Ich halte diese Institution aber für außerordentlich wichtig und vor allem: für fördernswert.

    Dem anderen Geschlecht sich anzunähern: Ach, laß es bleiben: Einmal dem Ruf der Nachtglocke gefolgt, ist es kaum wieder gutzumachen, wie es in Kafkas „Landarzt“ heißt. Es bedeutet diese Suche nur verlorene Zeit. Der Gewinn steht in keinem Ausmaß zum Verlust, zum Schmerz, zum Ärger, zum Verdruß. Und die für Frauen aufgewendete Zeit geht vom Lesen, Denken, Schreiben ab. Wer wie ich eine 38-Stunden-Woche hat, dem bleibt keine Zeit mehr für eine Frau. Heirate und Du wirst es bereuen, heirate nicht und Du wirst es ebenfalls bereuen: Dieser Satz von Kierkegaard aus „Entweder-Oder“ ist definitiv falsch.

  4. ziggev schreibt:

    die öffentlichen Bibliotheken hier behaupten bis heute steif und fest, ich hätte dieses Werk von Russell oder jener von Arno Schmidt erwähnten Autorin nicht zurückgegeben. Alles selbstverständlich völlig frei erfunden. Sonst hätte ich schon lägst den Th. Bernhard zweimal durch und den Heidegger mindestens zur Hälfte.

    Du hast allerdings die Negation Kierkegaards bereits aussprochen, wie sinnlos es ist, zu bekennen, dass es ebenso sinnlos ist, ein Heiratsversprechen zu unterbreiten wie eben dies zu unterlassen.

    Ich kannte eine Frau, die dies verstand, aber selbst als die in höchster Not war, und ich das Angebot machte, „wie in guten, so auch in schlechten Zeiten“, für mich allenfalls einen kalten Blick über die Schulter übgig zu haben schien.

  5. hANNES wURST schreibt:

    Obwohl ich selber des Lesens (also der mutmaßlichen Dekodierung der ursprünglichen Bedeutung, die ein Text in Form von Schriftzeichen speichert) einigermaßen mächtig bin, halte ich die Begeisterung für die überschätzte Schriftsprache für einen schädlichen Hype des 20. Jahrhunderts (in dem das Lesen zur Mainstreambeschäftigung wurde und nicht zu lesen schnell als ein Zeichen niederer Herkunft galt). Der Wert der Literatur wird dem Kind schon frühestmöglich eingeimpft, es wird vorgelesen was das Zeug hält und so stapeln sich Berge von Kinderbüchern im Kinderzimmer und hemmen die Entwicklung des Kindes, das eigentlich die Welt so erfahren möchte wie sie ihm begegnet und nicht so, wie sie auch sein könnte oder wie irgendwelche als Autoren für Erwachsene nicht taugliche Menschen sie sich vorstellen. Wenn die Sprache – wie Burroughs vermutet – ein außerirdischer Virus ist, dann sind diese Kinderzimmer Brutstädten dieser Keime. Diese Leseerfahrung zieht sich dann durch ein ganzes Menschenleben, nur selten kommt es zu einer Emanzipation, das Lesen ist Eskapismus, Illusion, vermittelt Scheinwissen, Scheingefühl, Scheinwelten. Das gilt natürlich auch für alle anderen Formen der Kommunikation, insbesondere aber für die mediale – also auch für die bildende Kunst. Ganz schlimm sind Film und Fernsehen – aber davor wird wenigstens eindringlich gewarnt, nicht jedoch vor dem Lesen.

    „Man kann aus Büchern nichts lernen.“ Das ist zunächst ein platter Ausspruch. Ungefähr so, wie „Der Hund ist der beste Freund des Menschen“. Auch das kann nicht sein, ist doch ein Mensch dem Mensch der beste Freund. Oder? Zumindest wenn man „lernen“ durch „erfahren“ ersetzt, dann stimmt der Ausspruch, denn Erfahrung ist an die Rezeption durch das phänomenale Bewusstsein gebunden und diese kommt nicht über das Kindle, und erst recht nicht über Schriftzeichen auf totem Holz ins Gehirn. Am besten lernt der Mensch durch Erfahrung (und sein bester Freund ist der Hund). Was unterscheidet Erfahrung von medialer Vermittlung? Kann nicht auch ein großartiger Spielfilm eine Erfahrung sein? Höchstens umgangssprachlich. Tatsächlich sind es die Erfahrungen anderer, die dort wiedergespiegelt werden und einen mehr oder weniger authentischen Eindruck hinterlassen. Es dringt nicht wirklich viel in die Seele, wir werden nicht verändert, anders als bei einem Schicksalsschlag, einer Liebe, einer Reise, einer Freundschaft (mit Mensch oder Hund), einer Entdeckung, einer Verzückung ob der Natur. Der Silberstreif am Horizont ist, dass auch die Gefahr durch Medien manipuliert zu werden wesentlich kleiner ist, als mancher gesellschaftliche Angstreflex vermuten ließe. Am ehesten sind es noch die interaktiven Medien, die einem das Gehirn zu zermatschen drohen. Wie Blogs und ihre widerlichen Kommentarteile. Bücher sind also prinzipiell ein Übel, aber wenigstens nicht invasiv. Die Gefahr beim Lesen besteht in der Verschwendung von Lebenszeit mit der gleichzeitigen Illusion, eine Bereicherung zu erleben. Darin ähnelt das Lesen dem Kiffen. Auch dieses möchte ich nicht grundsätzlich verdammen, aber der Cannabiskonsument muss wissen, worauf er sich einlässt, was leicht fällt, da die Warnungen vor dem Cannabiskonsum allgegenwärtig sind. Der Leser jedoch kann sich ungestört seiner passiv und lethargisch machenden Droge hingeben, und erhält von der Gesellschaft noch Lob. Aber selbstverständlich ist der Leser immer noch besser dran als der Fernsehzuschauer. Das Fernsehen bildet den Tiefpunkt der medialen Abhängigkeit und endet nicht selten mit dem goldenen Druck auf die Fernsteuerung.

  6. ziggev schreibt:

    Kiffen kann wie Lesen sein, aber zum Lesen im emphatischen Sinne – welchen Begriff des Lesens Bersarin hier zu vertreten scheint – ist eben Distanz zum Text erforderlich, welche sich der Kiffer absichtlich vernebelt. Hab da selber kein Experiment ausgelassen, LSD – und die verschiedenen Variationsformen des Amphetamins, die so auf dem Markt waren – ach, und was die der Opiate angeht, dafür ist hier nicht der Platz, um sie alle anzuführen, öder gings jedenfalls nicht mehr.

    Aber die Notwendigkeit der Distanznahme, um unbekifft die Früchte der Lektüre in diesem Fall Prousts zu ernten, um überhaupt mit einem umfangreicheren Leseprojekt zu starten, ist für jedes Leseprojekt Anfangs- und m.E. selbsterklärend.

  7. Bersarin schreibt:

    @ HannesWurst
    Lesen (sowie Kunst und Ästhetik samt Philosophie) sind die originären Erfahrungen, alles übrige ist Surrogat. Dies schreibt jener aus dem Verein der Freunde des Königs Herodes. Allenfalls habe ich als Misanthrop, mithin als Menschenmeider lediglich für weibliche Kinder, die dem Kindesalter entwachsen und mindestens 34 Jahre alt sind, etwas übrig.

    Da aber sowieso die meisten Menschen wenig bis kaum geübt im Lesen sind und da die meisten es lediglich vermögen, die Bücher auf ihre eigene Lebenswelt zu applizieren, sehe ich für die meisten Menschen keine großen Gefahren beim Lesen. Es wird ihnen nicht schaden, aber leider auch nicht nützen. Die zweite Kategorie sind die Menschen, die den Gehalt eines Buches auf die Autorin oder den Autor applizieren oder die nach der Intention des Autors fahnden. Auch da sehe ich keine größeren Gefahren. Höchstens daß sie Lebenszeit auf etwas verschwenden, das ganz und gar vergeblich ist. Aber jede/r nach seiner Facon.

    @ziggev
    In der Angelegenheit Öffentliche Bücherhallen habe ich die Staatsanwaltschaft Hamburg angewiesen, weitere Ermittlungen gegen Dich aufzunehmen.

    Beim Lesen halte ich mich allerdings weitgehend von Drogen fern. Vorher allenfalls ein Glas Wein, dann ist es genug.

    Wie gesagt: von Frauen, die ein P wie Problem im Namen oder auf der Stirn geschrieben haben, halte Dich fern. In den schlechten Zeiten brechen sowieso die meisten Referenzsysteme zusammen, oder aber sie laufen so heiß und hoch, daß ungewußt-unbewußt dennoch die Beschädigungen zurückbleiben. Frauen sind zum Vergnügen da, zu nichts sonst. (Gilt auch umgekehrt für die Männer.)

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