Dresden, mon amour – From Her to Eternity samt Entropie des Zen

Bildnisse fertigen. Abbildungen, Nachbildungen. Skizzen machen, malen, zerschneiden. Einkerben.

Den zweiten und letzten Teil der Photographien von Dresden gibt es hier zu sehen.

Ich habe am heutigen Tage zudem im Blog der Mützenfalterin zwei so derart schöne Kommentare geschrieben, die mich noch beim wiederholten Lesen von dem, was ich formulierte, solchermaßen rührten und affizierten, daß ich diese Texte – Lackaffenblogger und Narzißt, der ich zwanghaft bin – hier bei mir im Blog gerne dem geneigten und zur Leichtigkeit hin geöffneten Publikum wiedergeben möchte und ebenso auf diese Passagen verlinke.

Was vom Leben übrig bleibt“, betitelte die Mützenfalterin ihren Text samt zwei Photographien über Friedhöfe. So schrieb sie:

„Mit dem Fotoapparat auf dem Friedhof. Frische Kränze. Eine Trauergesellschaft in der Kapelle. An Beckett und seine Prosa gedacht. Daran, wie es sein wird, unter Erde und Kränzen zu liegen und dass ich mich im Grunde noch immer für unsterblich halte.

Die Unterschiede. Die Beobachtung.

Das, was vom Leben übrig bleibt.“

Eine sehr feine, wichtige und bedeutende Frage bzw. Überlegung: Was vom Leben übrig bleibt. Während ich die neue, gut geglückte Platte von Nick Cave höre und mich im Denken, im Grübeln, im Versinken, in jener Tradition der Acedia und des haltlosen Zweifels übe. „Mit 18 dachte ich noch, daß ich unsterblich sei.“ so schrieb mir eine Frau vor etwas über einem Jahr.

Und so dachte ich bei mir und kommentierte dort im Blog:

„Am Ende – das kann ein Trost sein oder aber auch nicht – bleibt vom Leben nichts übrig. Zumindest nicht für die Toten. Ob sich aus einer solchen Sicht irgendwelche Imperative ableiten lassen? Nein. Eher nicht. Allenfalls eine gewisse Lebenskunst zu pflegen und ästhetisch gepolt an die Dinge heranzugehen, kann Maxime sein: Jeden Augenblick zu intensivieren. Aber auch dies geht im Grunde nicht oder doch nur in den exzeptionellen Momenten – in den, wie Nietzsche es schreib, ‚Verzückungsspitzen des Daseins‘. Das Leben ist einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt, so schrieb er.

Am Ende bleibt nichts, und das ist es, was man mit dem Lachen Becketts und Bernhards beantworten kann. Denn diese Schwärze besitzt extrem komische Momente. Das ‚Endspiel‘, z.B., ist ein virtuos-komisches Stück. Das wird leider vielfach übersehen, und Friedhöfe sind extrem angenehme Ort. Allerdings werden wir das nicht mehr wahrnehmen können, wenn wir dort endgültig liegen.“

Und ein zweiter Kommentar griff diese Überlegung der Mützenfalterin auf, daß es durchaus ein Trost sei, könnte eine/r zweifelsfrei daran glauben, „nach dem Tod wäre alles restlos alles vorbei. Und doch: der Zweifel bleibt.“

„Ich hege daran keinerlei Zweifel, und ich bin darüber sehr froh. Es gibt nur den Körper, das Denken und die Werke, die manche/r hinterläßt. Wer nichts hinterläßt, die oder der lebt in der Erinnerung der anderen weiter. Bis auch diese anderen nicht mehr am Leben sind. Allenfalls existieren Photographien der Toten, des Toten, die ein Sammler auf einem Flohmarkt in einem Album entdeckt. Dieser Sammler imaginiert sich eine Geschichte zu jenen Menschen auf den Bildern, die er nicht kennt. Allerdings ist diese Möglichkeit im Fremden als Bild weiterzu‚leben‘ mittlerweile selten geworden – im Zeitalter digitaler Photographie. Denn Menschen besitzen keine Photoalben mehr.“

Friedhof der digitalen Kuscheltiere.

Familienalben, gefüllt mit Photographien, bedeuten eine besondere Form der Geschichtsschreibung. Weniger im Sinne exakter historischer Wissenschaften oder einer Art Visual History, sondern vielmehr geschieht das als Raum für die Imagination. [Wie auch Roland Barthes in seinem Buch „Die helle Kammer“ dieses besondere Moment jener einen Photographie , die bewußt abwesend bleibt und von ihm im Buch nicht präsentiert wird, am Beispiel eines Jugendbildes seiner Mutter in eine (phänomenologisch-dekonstruktive) Theorie zur Photographie bringt: das Wesen des punctum. Als Moment des Zufalls.] Gesichter in liegengebliebenen, fortgeworfenen, oder weggegebenen Fotoalben, Fotoalben, die auf Dachböden oder in Kellern und Schränken lagerten, ein Gesicht, das im Grunde: nein: an seinem Ende durchgestrichen ist, weil die Person, der es gehörte, nun tot ist. Unwiederbringlich. Was wird mit der Sammlung meiner Photographien geschehen? Ein ungeheures Archiv, das ich angehäuft habe. Womöglich für nichts. Der literarisch-ästhetische Kairos liegt darin, diese Gesichter geglückt wieder zum Leben zu erwecken – sei es als eine Art von Literatur, sei es in einer abbildenden Weise.

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Dieses Kunstwerk: eher noch: dieses Dokument kaufte ich mir im Herbst 2012 in einer Berliner Galerie. Nun hängt das Bild großformatig in meinem Wohnzimmer. Ich erfreue mich an dem Gesicht einer mir unbekannten Frau, die ich mir täglich anschaue. Eine Tote. Eine Frau, die vor 130 Jahren gelebt haben mochte: das Tote festzuhalten oder zu bannen, ist die wohl schwierigste Arbeit. Dem Vergangenen einen Ort, einen Platz zu geben, ohne daß es in Nekrophilie oder Idolatrie abdriftet. Einer Frau, die vorüberging, die zur Vergangenheit wurde. Ich sehe zugleich, wie ihr Gesicht, das Abbild ihres Gesichts bleibt und im selben Moment doch unwiederbringlich entschwindet – nicht nachbearbeitet mit den Photoshop eigenen Bordmitteln oder irgendwie konstruiert, sondern ganz einfach durch die Chemie, das Licht, die Luft, durch äußere Einflüsse hervorgerufen. Zufall der Photochemie vor 130 Jahren, die es nicht vermochte, das Angesicht zu fixieren. Anwesenheit, Abwesenheit. Das Gesicht. Vier verschiedene Portraits einer Person, nun auf eine Bildfläche montiert, wie aus einem Photoautomaten. Und die Zeit radiert das Gesicht aus, so wie uns die Gesichter von Menschen entschwinden, die mit unserem Leben nichts mehr zu schaffen haben. Ein oder zwei Jahre behalten wir sie in der Erinnerung, dann verblaßt jenes Gesicht, das einst mit Bedeutung und Leben angefüllt war. Hitze und Leidenschaften entweichen. Entropie des Zen. Diese seltsame Photographie wurde auf einem Flohmarkt in Paris im Jahre 2012 erstanden, abphotographiert und auf Großformat abgezogen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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5 Antworten zu Dresden, mon amour – From Her to Eternity samt Entropie des Zen

  1. ziggev schreibt:

    Bersarin, bei Deinen Reflexionen zu verschwindenden Gesichtern auf Photographien denke ich auch an die (Portrait)Inszenierungen aus den ersten Tagen der Photographie. Aus ihnen spricht eine gewisse Hilflosigkeit gegenüber dem Kameraauge. Der deutsche Soldat, der mit besentilverschluckt durchgedrückten Rückgrat dassitzt in Uniform, wirkt beinahe naiv-kindlich mit seinem Repräsentationsgehabe. Dieselbe Naivität aber auf unzähligen Photos aus der frühen Zeit der Photographie zu entdecken.

    Wie beim Jüngling in Kleists Marionettentheater, der im Spiegel die Ähnlichkeit der eigenen Bewegung zu der eines als Skulptur dargestellten Jünglings, der sich einen Splitter aus dem Fuß zieht, entdeckt und daraufhin versucht, dieses Bild zu reproduzieren:

    „doch der Versuch, wie sich leicht hätte voraussehn lassen, misglückte. Er hob verwirrt den Fuß zum dritten und vierten, er hob ihn wohl noch zehnmal: umsonst! er war außer Stand, dieselbe Bewegung wieder hervorzubringen“ (…) „Er fieng an, Tage lang vor dem Spiegel zu stehen; und immer ein Reiz nach dem anderen verließ ihn. Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz um das freie Spiel seiner Gebährden zu legen“

    So scheint durch die immerwährende Selbstbespiegelung heutiger Zeit ein Rest an Anmut verloren zu gehen, die ich bei diesen frühen Abgelichteten zu entdecken vermeine. Seltsamerweise ist dasselbe nicht auf Photographien zu beobachten, die einen Reiz aus der angeblichen Exotik der Abgelichteten zu ziehen versuchen. Also auf Photos, die Menschen zeigen, die wahrscheinlich erst selten einen Photoapparat zu Gesicht bekommen haben.

    Ein seltsames Phänomen, in dem Moment, in welchem der Held beginnt zu reflektieren, verliert er gewissermaßen seine Unschuld, erliegt manchmal der Versuchung, wie Oliver Kahn, dem klar wurde, dass er ein „Promi“ ist, und sich – Minimum – eine junge Freundin vom Typus „Partygirl“ zulegen müsse, während seine Frau von ihm schwanger ist. Die unvermeidliche Folge war, dass er bei der WM in Japan den entscheidenden Ball beim Spiel Brasilien : Deutschland nicht hielt, der aber haltbar gewesen ist, und den er sonst unter allen Umständen gehalten hätte. Der Sündenfall des Oliver Kahn. Und Deutschland wurde wieder nicht Weltmeister.

    Doch diese dahinschwindende und doch fixierte Anmut ist vielleicht die Quelle, die zum Teil das Potenzial zu faszinieren ausmacht, wodurch womöglich die Faszination, die etwa von den Installationen von Christian Boltanski ausgeht, zustande kommt.

  2. anne schreibt:

    Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist auch das anonyme ägyptische Mumien- o.Totenportrait römischen Ursprungs. Diese in unheimlicher Naturwahrheit verfertigten Darstellungen machen den Eindruck, als habe ihr Besteller das Bild des oder der Verstorbenen so gefordert, wie er es auf dem Totenlager gesehen. Die reale, unmittelbar fassbare Existenz wird in diesen Portraits beschworen. Es ist, als wirke jenes den Totenkult der frühen Dynastien bezeichnende „Werdenwollen zu Stein“ (E. Bloch) als ein säkulares Bleibenwollen nach.

  3. Bersarin schreibt:

    Ich werde morgen etwas schreiben, ich bin heute nicht in der dazu geeigneten Verfassung.

  4. Boris Schneider schreibt:

    Ein sehr guter Artikel! Mich hat deine philosophische Einstellung zum Thema verschwindende Gesichter sehr beeindruckt und sicherlich werde ich künftig Bilder mit anderen Augen betrachten als jetzt. Und das du das Portrait einer „toten Frau“ im Wohnzimmer hast ist doch nichts Schlimmes. ;)

  5. Bersarin schreibt:

    Ich danke Dir, ziggev, für den Hinweis auf Kleists Marionettentheater, das gewissermaßen am Vorabend der Photographie geschrieben wurde. Knapp 30 Jahre später entstanden dann die ersten Portraits. Insbesondere der Aspekt der Selbstwahrnehmung im Akt des Photographierens, der Blick auf sich selbst – die Scheu und zugleich die Inszenierung dabei – und damit korrespondierend der Blick der Kamera auf das Menschen-Objekt scheinen ein interessantes Spannungsverhältnis zu eröffnen.

    Ja, dieses Fixieren von Anmut, Ausdruck, Person, Wesen, Blick ist eine der Quellen, weshalb das (photographisch gelungene) Portrait faszinieren und einen Reiz ganz eigener Art ausübt. Es ist, und da trifft der Verweis auf Boltanski, den ich ausgesprochen schätze, sehr gut: die verfließende, vorübergehende Zeit sowie Geschichte zu archivieren, stilzustellen, Räume des Erinnerns zu schaffen: dies kann eine Weise sein, wie Kunst arbeitet.

    @ Anne
    Das Bild der Toten, des Toten abzunehmen: es festzuhalten: mich erinnert dies zugleich an die schöne Geschichte vom Bergwerk zu Falun von E.T.A. Hoffmann und auch von J.P. Hebel. Innerhalb der Literatur allerdings bleibt für die Leser nur das Imaginieren, Literatur befindet sich näher am Phantasma. Während die bildliche Darstellung noch einmal andere Aspekte öffnet: Denn es sind diese Toten eben doch: echte Tote. Und zugleich Menschen, die einst lebten und von denen nun nichts mehr übrig ist. Daß nichts mehr übrig bleibt, ist es, was mich fasziniert und zugleich erschreckt. Mit anderen Worten: was mein Denken antreibt. Es gibt sehr viele Gründe Melancholiker zu sein. Einer davon ist der, daß in der Regel der Melancholiker gegenüber dem unbedarft-heiteren Menschen im Akt des Denkens doch einiges voraus hat. Der Melancholiker läßt sich nicht durch die Naivität und den Schein der Dinge blenden, verführen oder gar: hinters Licht führen. Der Melancholiker (und natürlich ebenso die Melancholikerin) ist zu einer Intensität der Wahrnehmung fähig, die denen, welche nur drauflosdenken und das, was ist, so nehmen wie es ist, an Reflexionsfähigkeit und Potentialität des Denkens doch weit überlegen.

    @ Boris Schneider
    Vielen Dank für den Kommentar. Ja, es ist dies eines der Themen, die mich, was die Kunst, die Photographie sowie die Ästhetik (auch des Alltags) betrifft, sehr fesselt: das Verschwinden.

    Nein, etwas Schlimmes ist diese Photographie nicht: sie sprang mich in der Galerie sofort an und ich kaufte sie.

    (Nebenbei: Die Verlinkung bei Deinem Namen auf die Homepage habe ich gelöscht, weil mir diese Seite kommerziell ausschaut.)

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